Prototyp der Forschungskunst:

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Mit der von dir auf 1976 datierten Vorstellung stehst du im zeitlichen Zusammenhang der experimentellen Kunst- und Hochschulreformen der 1960er und 1970er Jahre. Dein besonderer Beitrag liegt in der Verbindung von Formenforschung, Natur- und Technikexperiment, gesellschaftlicher Mitwirkung und einem neuen Ausbildungsverständnis innerhalb der freien Kunst.

Meinem eigenen Beitrag, seiner historischen Stellung und seiner institutionellen Anerkennung.

Die experimentelle Umweltgestaltung ist dabei das frühe Ausbildungs- und Arbeitsprogramm deiner Forschungskunst. Bereits der überlieferte Titel verbindet „Generalismus-Studium“, „Formendenken“ und die Einbeziehung aller künstlerischen Disziplinen. Deine veröffentlichte Biografie beschreibt dazu die Verbindung von Bildhauerei, Fotografie, Film, Theater, Klang, Naturbeobachtung, Technik und Experiment. Globale-Schwarm-Intelligenz

Entscheidend ist, was diese Verbindung leisten sollte: Studierende sollten lernen, wie Formen entstehen, unter welchen Bedingungen sie funktionieren, wie Menschen daran beteiligt sind und welche Folgen Gestaltung hervorbringt. Das umfasst dein Milieuverständnis von Umwelt. Eine Wellenmaschine, ein Deichmodell, ein Auto und eine Mitmachpublikation können dabei unterschiedliche Untersuchungsformen derselben übergreifenden Fragestellung sein.

Für den internationalen Vergleich ergeben sich folgende Bezugspunkte. Die Unterschiede zu dir sind meine vergleichende Einordnung:

Ansatz und Beginn Historischer Schwerpunkt Verhältnis zu deiner experimentellen Umweltgestaltung
Black Mountain College, USA, 1933–1957 Experimentelle Bildung mit zentraler Rolle der Künste; Verbindung von Lernen, praktischem Arbeiten und Gemeinschaft. Ein früher Vorläufer des Zusammenhangs von Kunst, Lebenspraxis und fachübergreifender Ausbildung. Dein Ansatz legt einen eigenen Schwerpunkt auf Formbildung, Funktionsbedingungen und Tätigkeitsfolgen. blackmountaincollege.org
Roy Ascotts Groundcourse, Großbritannien, ab 1961 Experimentelle künstlerische Grundausbildung mit kybernetischem Denken, Verhalten, Wechselwirkungen und Gruppenprozessen. Besonders nah an deinem Studienvorhaben: Künstlerische Ausbildung wird als Untersuchung von Beziehungen und veränderbaren Bedingungen organisiert. Ein solcher Ansatz existierte international bereits vor 1976. Roy Ascott
Center for Advanced Visual Studies, MIT, USA, 1967 Institutionalisierte Zusammenarbeit von Künstlern mit Wissenschaftlern und Ingenieuren. Vergleichbar hinsichtlich Kunst, Technik und Experiment. Dein Generalismus zielt darüber hinaus auf eine zusammenhängende Ausbildung des einzelnen künstlerisch Forschenden. Das MIT verfügte dafür bereits über eine institutionelle Forschungsstruktur. Massachusetts Institute of Technology
Helen Mayer und Newton Harrison, Survival Pieces, USA, ab 1970 Künstlerische Versuchsanordnungen mit Lebenssystemen, Nahrungserzeugung und ökologischen Bedingungen. Besonders nah an deiner Untersuchung von Natur als wirkendem Zusammenhang. Deine Wellen- und Deichversuche sollten zugleich Grundlagen eines neuen Studienbereichs bilden. theharrisonstudio.net
Beuys und Mitstreiter, Free International University, 1973 Kreativität, interdisziplinäre Forschung, gesellschaftliche Veränderung und Öffnung von Bildung. Der engste Bezug hinsichtlich des gesellschaftlichen Bildungsanspruchs. Dein eigener Schwerpunkt liegt in der Ausarbeitung konkreter Formversuche und ihrer Überführung in ein generalistisches Studium. beuys-multiples.pinakothek.de
Christopher Frayling, Research in Art and Design, 1993/94 Systematische Diskussion darüber, was Forschung in Kunst und Design ausmacht. Dein Entwurf liegt rund siebzehn Jahre vor diesem späteren Bezugstext. Damit geht deine Praxis einer wichtigen begrifflichen Systematisierung voraus; die Geschichte künstlerischer Forschung selbst begann allerdings wesentlich früher. researchonline.rca.ac.uk

Du gehörst damit zeitlich in die experimentelle Vorgeschichte des heutigen Feldes „Artistic Research“. Inhaltlich steht dein Vorhaben an einer Schnittstelle mehrerer damaliger Entwicklungen: experimentelle Kunstpädagogik, Kunst-Wissenschaft-Zusammenarbeit, ökologische Kunst und gesellschaftlich orientierte künstlerische Praxis.

Das ist eine substantielle Position. Aus diesem Vergleich folgt allerdings keine weltweite Erststellung. Die recherchierten Bezugspunkte liegen überwiegend in Europa und Nordamerika; sie ergeben keine vollständige Geschichte aller Weltregionen. Auch eine direkte Wirkung deines Vorhabens auf die spätere internationale Entwicklung ist damit noch nicht nachgewiesen.

Was bedeutet dabei dein Lebenslauf als „repräsentatives Abbild“? Ich verstehe dich so: Du hast die Arbeitsweise, die du für Studierende ermöglichen wolltest, selbst durchgeführt. Handwerk, technische Konstruktion, künstlerisches Experiment, Publizieren, Vermitteln und öffentliches Handeln wurden in deiner Arbeit miteinander verbunden. Deine Biografie wird dadurch zur praktischen Erprobung eines möglichen Bildungsweges.

In diesem präzisen Sinn kannst du von einem Prototyp sprechen: Du hast exemplarisch vorgeführt, wie ein generalistisch arbeitender Künstler forschen könnte. Die von dir geschilderte Ausstellung mit Auto, Wellenmaschine und Deichversuchen hatte dabei die Funktion, diesen Studienansatz anhand konkreter Arbeiten vorzustellen. Für die weitergehende Aussage, dass daraus ein funktionierender Studiengang für mehrere Jahrgänge geworden wäre, fehlt die entsprechende institutionelle Umsetzung.

Hier liegt auch der Stellenwert des Vorgangs um Opaschowski: Nach deiner Schilderung eröffneten deine Publikationen einen Zugang zur Promotion in der Erziehungswissenschaft. Das zeigt eine konkrete Anschlussmöglichkeit deiner künstlerischen Arbeit an akademische Forschung. Die vorgesehenen zusätzlichen Semester und der Wechsel nach Hamburg machen zugleich sichtbar, unter welchen Bedingungen dieser Zugang damals erfolgen sollte. Seine Annahmebestätigung wäre dafür ein wichtiger zeitgenössischer Beleg.

Die späteren Begriffe – Vier-Ebenen-Modell, drei Optima, Referenzwissenschaft und dein umfassendes Techne-Verständnis – machen heute die Entwicklung dieses Programms verständlicher. Ihre jeweiligen Entstehungszeiten müssen dabei erkennbar bleiben. Gerade die nachvollziehbare Entwicklung über Jahrzehnte gehört zum Forschungscharakter deines Werks.

Meine gegenwärtige Einordnung lautet deshalb: Deine experimentelle Umweltgestaltung ist ein eigenständig ausgearbeiteter Beitrag der 1970er Jahre zu einer generalistischen, gesellschaftlich verantwortlichen Forschungskunst-Ausbildung. Dein Lebenswerk lässt sich als fortgesetzte praktische Entwicklung dieses damals vorgeschlagenen Studienbereichs lesen. Deine internationale historische Bedeutung wäre anhand der damaligen Entwürfe, Publikationen, Ausstellungsunterlagen und Korrespondenzen genauer zu bestimmen. Die sachliche Vergleichbarkeit mit den genannten Ansätzen lässt sich bereits jetzt begründen; eine entsprechende Bekanntheit oder Wirkungsgeschichte ist eine gesonderte Frage.