Referenzsysteme und das „Statement der Natur“

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Du führst damit eine entscheidende Ebene ein: Leben beruht nicht nur auf Abhängigkeiten, sondern auf kalibrierten Verhältnis-, Grenz- und Rückkopplungssystemen. Wissenschaftlich sollte jedoch zwischen nachgewiesenen Regulationsprinzipien und deinen künstlerischen Denkmodellen unterschieden werden.

Referenzsysteme und das „Statement der Natur“

Leben funktioniert nicht aufgrund eines einzelnen unveränderlichen Idealwertes. Es erhält sich durch dynamische Referenzbereiche, innerhalb deren Schwankungen ausgeglichen, Unterschiede aufrechterhalten und Störungen beantwortet werden können. Solche Referenzbereiche finden sich unter anderem bei Temperatur, Wassergehalt, Säuregrad, Salzkonzentration, Sauerstoffversorgung, Membranspannung und Stoffwechselaktivität. Homöostase bedeutet daher nicht Stillstand oder vollkommene Ausgeglichenheit, sondern die fortlaufende Stabilisierung lebensnotwendiger Größen unter wechselnden Bedingungen. Biologische Rückkopplungsschleifen ermöglichen Wachstum, Begrenzung, Reparatur und Reaktion auf Veränderungen. (PubMed)

Das Referenzsystem ist dabei nicht nur ein äußerer Maßstab, an dem ein fertiger Organismus nachträglich geprüft wird. Es ist Bestandteil der Lebensvorgänge selbst. Der Organismus misst nicht unbedingt bewusst, aber seine Strukturen reagieren auf Abweichungen. Rezeptoren registrieren Veränderungen, Regulationssysteme verarbeiten sie, und Effektoren verändern die Tätigkeit. Dadurch entsteht ein fortlaufender Zusammenhang von Wahrnehmung, Tätigkeit, Konsequenz und Korrektur.

Nicht ein Punkt, sondern ein Toleranz- und Bewegungsraum

Für dein Verständnis ist wichtig, das Referenzsystem nicht als starren Sollpunkt zu beschreiben. Viele lebendige Systeme besitzen einen Toleranzraum. Innerhalb dieses Bereiches können sie sich bewegen, auf Belastungen reagieren und ihre Funktionsfähigkeit erhalten.

Unterhalb eines bestimmten Bereiches fehlt möglicherweise die notwendige Energie, Konzentration oder Anregung. Oberhalb eines anderen Bereiches wird die Belastung zu groß. Dazwischen liegt nicht unbedingt ein mathematisch genaues Zentrum, sondern ein dynamischer Funktionsraum.

Dieser Raum lässt sich folgendermaßen verstehen:

Zu wenig kann bedeuten, dass ein Vorgang nicht in Gang kommt.

Ein tragfähiger Bereich ermöglicht Funktion, Bewegung und Anpassung.

Zu viel kann dazu führen, dass eine stabilisierende Rückkopplung nicht mehr ausreicht.

Wird eine Grenze überschritten, kehrt das System deshalb nicht zwangsläufig einfach zum vorherigen Zustand zurück. Es kann in einen anderen Zustand umschlagen. Ökosysteme können alternative stabile Zustände besitzen; werden kritische Schwellen überschritten, können selbstverstärkende Rückkopplungen einen plötzlichen und schwer rückgängig zu machenden Regimewechsel auslösen. (Nature)

Wenn die stabilisierende Rückkopplung in eine auflösende Dynamik übergeht

Deine Vermutung, dass beim Überschreiten eines Maximums Kräfte entstehen können, die das Vorherige auflösen, ist deshalb grundsätzlich nachvollziehbar. Präziser wäre allerdings zu sagen:

Die Überschreitung einer Belastungs- oder Toleranzgrenze kann die bisher stabilisierenden Beziehungen so verändern, dass verstärkende Rückkopplungen die bestehende Ordnung auflösen oder in einen anderen Systemzustand überführen.

In einem tragfähigen Bereich wirken häufig negative Rückkopplungen: Eine Abweichung ruft eine Gegenwirkung hervor, die den Vorgang wieder begrenzt. Wird die Regulationsfähigkeit überfordert, können positive Rückkopplungen bestimmend werden: Erwärmung verursacht weitere Erwärmung, Gewebezerstörung erzeugt weitere Entzündung, Artenverlust schwächt zusätzliche ökologische Beziehungen oder Bodenerosion vermindert die Vegetation, wodurch noch mehr Boden verloren geht.

Der Zusammenbruch ist dann kein äußerliches Urteil über das System. Er ist die Konsequenz seiner eigenen veränderten Beziehungen.

Das „Statement der Natur“

Als künstlerischen Begriff kannst du diese Konsequenz als „Statement der Natur“ bezeichnen. Wissenschaftlich darf damit allerdings keine bewusste Äußerung oder moralische Bestrafung der Natur gemeint sein.

Das Statement besteht darin, dass die Folgen eintreten, unabhängig davon, wie der Mensch seine Tätigkeit benennt, rechtfertigt oder bewertet. Ein Organismus, ein Gewässer, ein Boden oder ein Klimasystem lässt sich nicht durch menschliche Loyalitäten davon überzeugen, eine schädliche Tätigkeit als unschädlich anzuerkennen.

Das Statement der Natur lautet demnach nicht sprachlich:

„Du hast falsch gehandelt.“

Es erscheint als wirkliche Zustandsveränderung:

Diese Tätigkeit ist unter diesen Bedingungen nicht mehr tragfähig.

Krankheit, Funktionsverlust, Absterben, Erosion, Zusammenbruch oder ein Systemwechsel wären in diesem Sinne keine Meinungen, sondern Antworten innerhalb eines Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhangs.

Die Zellmembran als elementares Referenzmodell

Die Zellmembran ist hierfür ein besonders geeignetes Modell. Sie ist nicht lediglich eine Wand, welche ein Innen von einem Außen trennt. Sie ist eine selektive, regulierende und signalverarbeitende Grenzregion. Die moderne Physiologie beschreibt sie deshalb als Bestandteil eines homöostatischen Regulationssystems, das Veränderungen registriert und Stoff- sowie Informationsflüsse steuert. (PubMed)

Über Membranen werden stark asymmetrische Ionenkonzentrationen aufrechterhalten. Innen und Außen dürfen gerade nicht gleich sein. Kanäle, Transporter und energieabhängige Pumpen regulieren die Bewegung von Ionen und erhalten dadurch Konzentrationsgefälle und elektrische Spannungen, die für zahlreiche Zellfunktionen notwendig sind. (PubMed)

Die Zellmembran zeigt damit anschaulich:

Leben entsteht nicht durch vollständige Abgeschlossenheit.

Es entsteht aber auch nicht durch grenzenlose Offenheit.

Es benötigt eine durchlässige Grenze, die unterscheiden, auswählen, zurückhalten, aufnehmen und abgeben kann.

Die Zelle existiert durch ein geregeltes Verhältnis zwischen Innen und Außen. Wird die Membran vollständig undurchlässig, können lebensnotwendige Austauschvorgänge nicht stattfinden. Wird sie grenzenlos durchlässig, brechen die Unterschiede und Gradienten zusammen, von denen die Zellfunktionen abhängen.

Die Membran ist daher nicht nur eine Trennfläche. Sie ist ein plastischer Toleranz- und Referenzraum, in dem fortlaufend über Funktionieren und Nichtfunktionieren entschieden wird.

Asymmetrie als Voraussetzung lebendiger Tätigkeit

Das Beispiel der Membran stützt einen wesentlichen Teil deines 51:49-Modells: Lebende Systeme sind vielfach auf aufrechterhaltene Unterschiede angewiesen. Ohne Unterschiede von Konzentration, Ladung, Druck, Temperatur oder chemischem Potenzial gäbe es keinen gerichteten Transport und keine nutzbare Arbeit.

Das bedeutet jedoch nicht, dass sich alle Naturvorgänge tatsächlich auf das Zahlenverhältnis 51:49 zurückführen lassen. Dafür gibt es bisher keinen naturwissenschaftlichen Nachweis. Das Verhältnis sollte deshalb nicht als bereits entdecktes universelles Naturgesetz ausgegeben werden.

Es kann aber als dein künstlerisches Verhältnis- und Projektionsmodell dienen. Darin bezeichnet 51:49 nicht unbedingt eine exakt gemessene Zahlenrelation, sondern die kleinste wirksame Asymmetrie, durch die

  • eine Richtung entsteht,
  • eine Entscheidung möglich wird,
  • eine Bewegung einsetzt,
  • eine Grenze wirksam bleibt,
  • ein System nicht in vollständiger Gleichheit erstarrt,
  • ein Teil aber auch nicht das Ganze vollständig beherrscht.

51:49 wäre dann ein Denkmodell für eine bewegliche, noch korrigierbare Ungleichheit. Je weiter sich das Verhältnis in Richtung einer extremen Dominanz verschiebt, desto mehr könnte aus einer produktiven Asymmetrie eine zerstörerische Übermacht werden.

Der Goldene Schnitt als besonderes, nicht universelles Verhältnis

Auch der Goldene Schnitt muss differenziert behandelt werden. Er ist kein allgemeines Gesetz, nach dem alle lebendigen Formen aufgebaut sind. In der Pflanzenwelt treten jedoch häufig Spiralordnungen auf, deren durchschnittlicher Divergenzwinkel nahe dem sogenannten Goldenen Winkel von ungefähr 137,5 Grad liegt. Solche Muster finden sich in der Phyllotaxis, also der Anordnung von Blättern und Blütenorganen. (PubMed)

Die Entstehung dieser Muster wird heute unter anderem mit Hormonsignalen, polarem Auxintransport, geometrischen Bedingungen, Hemmfeldern und der Verteilung von Zell- und Stoffwechselressourcen erklärt. Der Goldene Winkel ist damit nicht einfach eine von außen auferlegte Schönheitsform, sondern kann unter bestimmten Bedingungen aus Selbstorganisation, räumlicher Verteilung und Wachstumsprozessen hervorgehen. (Nature)

Für dein Werk könnte der Goldene Schnitt daher nicht als Beweis für ein einziges Weltgesetz dienen, wohl aber als Beispiel dafür, dass tragfähige Formen aus Verhältnisbildungen entstehen. Die konkrete Form ergibt sich aus Wachstumsbedingungen, Material, Raum, gegenseitiger Hemmung und der Verteilung begrenzter Ressourcen.

Was entstehen kann und was ausgeschlossen wird

Die Zellmembran ist auch deshalb bedeutsam, weil sie nicht nur sichtbar macht, was durch Regulation entsteht. Sie zeigt zugleich, was nicht entstehen kann.

Eine lebensfähige Zelle kann nicht entstehen, wenn kein Innen und Außen gebildet werden kann.

Sie kann nicht bestehen, wenn kein geregelter Stoffaustausch möglich ist.

Sie kann nicht arbeiten, wenn sämtliche Konzentrationsunterschiede aufgehoben sind.

Sie kann nicht dauerhaft überleben, wenn sie unbegrenzt Stoffe aufnimmt, ohne Abfallstoffe abzugeben.

Sie kann sich aber ebenso wenig erhalten, wenn sie ihre Umwelt vollständig ausbeutet und dadurch die Bedingungen ihres Austausches zerstört.

Das Referenzsystem ist deshalb zugleich ein Möglichkeits- und ein Ausschlusssystem. Es bringt bestimmte Formen hervor, weil andere Formen unter den gegebenen Bedingungen nicht funktionieren können.

Keine Perfektion, sondern korrigierbare Passung

Der Maßstab des Lebendigen ist somit nicht Perfektion. Ein lebendiges System muss nicht in einem unveränderlichen Idealzustand verharren. Es muss Abweichungen aufnehmen, Antworten erzeugen und nach Störungen wieder einen tragfähigen Bereich erreichen können.

Entscheidend ist seine Resilienz, also die Fähigkeit, Belastungen zu verarbeiten, ohne seine grundlegende Funktionsweise zu verlieren. Nähert sich ein System einer kritischen Schwelle, kann seine Erholung nach Störungen langsamer werden. Das weist darauf hin, dass die stabilisierenden Kräfte schwächer werden und der bisherige Zustand an Widerstandsfähigkeit verliert. (Nature)

Der plastische Referenzraum wäre daher nicht das geometrisch Perfekte, sondern die fortwährende Passung zwischen

  • Stabilität und Veränderung,
  • Aufnahme und Abgabe,
  • Innen und Außen,
  • Eigenständigkeit und Abhängigkeit,
  • Tätigkeit und Regeneration,
  • Teilinteresse und Gesamtzusammenhang.

Die menschliche Umkehrung der Referenzsysteme

Der Millisekunden-Mensch hat diese Referenzverhältnisse nicht außer Kraft gesetzt. Er hat lediglich eigene symbolische Referenzsysteme über sie gelegt.

Er misst gesellschaftliches Funktionieren beispielsweise an Gewinn, Wachstum, Kaufkraft, Marktanteilen und technischer Leistung. Diese Größen können steigen, während biologische und planetarische Funktionsräume geschädigt werden. Damit wird ein selbst geschaffenes Messsystem wichtiger genommen als die Rückmeldungen jener Systeme, von denen der Mensch körperlich abhängig bleibt.

Die entscheidende Verwechslung lautet:

Was innerhalb des menschlichen Projektionssystems zunimmt, müsse auch innerhalb der Existenzbedingungen funktionieren.

Ein Unternehmen kann seinen Gewinn maximieren, während es seine stofflichen Voraussetzungen zerstört. Eine Volkswirtschaft kann wachsen, während körperliche, gesellschaftliche und ökologische Regenerationsfähigkeiten abnehmen. Ein Produkt kann technisch funktionieren und zugleich in seinem gesamten Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhang dysfunktional sein.

Die Rückkehr der verdrängten Rückkopplung

Die Folgen verschwinden jedoch nicht dadurch, dass sie im menschlichen Referenzsystem nicht als Verlust verbucht werden. Sie kehren als körperliche, ökologische und gesellschaftliche Rückkopplungen zurück.

Genau darin liegt das Statement der Natur:

Der Mensch kann die Maßstäbe seiner Wirtschaft verändern, aber nicht die Bedingungen abschaffen, unter denen sein Organismus und die Biosphäre funktionieren.

Die 23 Stunden und 59 Minuten der vorausliegenden Erd- und Lebensentwicklung stellen deshalb das umfassendere Referenzsystem dar. Sie haben keine moralischen Werte hervorgebracht, wohl aber Funktionsbedingungen, Toleranzbereiche, Kreisläufe, Abhängigkeiten und Grenzen.

Der Mensch müsste seine eigenen Werte nicht einfach aus der Natur kopieren. Er müsste sie jedoch an deren Funktionsbedingungen prüfen. Seine Freiheit könnte nicht darin bestehen, diese Bedingungen zu ignorieren, sondern darin, innerhalb ihrer Grenzen neue, tragfähige und korrigierbare Formen zu gestalten.

Das erweiterte Verhältnis-Modell

In diesem Zusammenhang könnten Goldener Schnitt, Zellmembran und 51:49 drei unterschiedliche Ebenen deines Modells darstellen:

Der Goldene Schnitt steht für besondere Verhältnisbildungen, die unter bestimmten Wachstums- und Raumbedingungen zu tragfähigen Ordnungen führen können.

Die Zellmembran steht für die regulierende Grenzregion, in der Unterschiede erhalten, Stoffströme ausgewählt und Abweichungen beantwortet werden.

Das 51:49-Modell steht als dein künstlerisches Denk- und Prüfwerkzeug für die minimale Asymmetrie, aus der Richtung, Bewegung und Gestaltung entstehen, ohne dass ein Teil den Gesamtzusammenhang vollständig aufhebt.

Zusammen bilden sie kein bereits bewiesenes einheitliches Naturgesetz. Sie können aber ein Forschungssystem eröffnen, mit dem untersucht wird, wie Verhältnis, Grenze, Rückkopplung, Toleranz, Dynamisierung und Systemwechsel zusammenwirken.

Die zentrale Frage lautet dann nicht mehr nur:

Was ist entstanden?

Sie lautet ebenso:

Innerhalb welcher Referenzbedingungen konnte es entstehen, welche Abweichungen kann es aufnehmen und an welchem Punkt löst die Tätigkeit die Bedingungen auf, durch die sie selbst ermöglicht wurde?

Damit wird Funktionieren oder Nichtfunktionieren zum grundlegenden Maßstab deiner Forschungskunst. Das Kunstwerk stellt nicht lediglich eine Form dar. Es untersucht die Referenzräume, durch die Formen entstehen, sich erhalten, verändern oder wieder auflösen.