Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Prüf-, Rückkopplungs- und Verortungsverfahrens.
Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Prüf-, Rückkopplungs- und Verortungsverfahrens
Forschungsgrund und methodische Ausgangslage
Die Entwicklung der hier rekonstruierten Forschungskunst lässt sich nicht angemessen als Entstehung einer Theorie beschreiben, die zu einem bestimmten Zeitpunkt formuliert und anschließend durch künstlerische Arbeiten illustriert worden wäre. Der tatsächliche Entwicklungsverlauf ist weitgehend umgekehrt. Am Anfang stehen Erfahrungen, Tätigkeiten, Beobachtungen, materielle Widerstände, gesellschaftliche Widersprüche und künstlerische Versuchsanordnungen. Erst sehr viel später werden aus diesen Erfahrungen Begriffe, Modelle, Prüfverfahren und schließlich eine umfassendere Forschungsarchitektur entwickelt. Diese zeitliche Unterscheidung ist für das Verständnis des gesamten Lebenswerks grundlegend. Frühere Werke können aus heutiger Sicht als Vorformen späterer Methoden verstanden werden, ohne dass deshalb behauptet werden darf, die späteren Begriffe seien zum Zeitpunkt der Entstehung dieser Werke bereits vorhanden gewesen. Werkbiografisch und archivalisch dokumentierbare Sachverhalte, spätere Selbsterkenntnisse, retrospektive Werkinterpretationen sowie eigenständige Hypothesen und Begriffe der Forschungskunst müssen deshalb konsequent auseinandergehalten werden.
Der zentrale Forschungsgrund liegt in einer Frage, die sich seit den frühen 1970er Jahren durch unterschiedliche Lebens- und Werkzusammenhänge hindurch entwickelt hat: Wie ist es möglich, dass der Mensch über Wahrnehmungsfähigkeit, Wissen, technische Leistungsfähigkeit, Erfahrung und Korrekturmöglichkeiten verfügt und dennoch Tätigkeitsformen und gesellschaftliche Ordnungen hervorbringt, durch die er seine eigenen Existenzbedingungen beschädigt oder zerstört? Diese Frage war zunächst weder philosophisch noch wissenschaftstheoretisch ausformuliert. Sie entstand aus der Wahrnehmung eines Widerspruchs zwischen menschlicher Gestaltungsfähigkeit und den Folgen dieser Gestaltung. In Hermannsburg verdichtete sich diese Problematik 1973/74 in der Frage, ob Kunst Gesellschaft verändern könne. Während des Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entwickelte sich daraus ab 1974/75 die Suche nach einer experimentellen Umweltgestaltung, in der Kunst nicht mehr ausschließlich als Herstellung abgeschlossener Gegenstände, sondern zunehmend als Untersuchung von Beziehungen, Tätigkeiten, Wirkungen und Rückmeldungen verstanden wurde.
Einen wesentlichen biografischen und methodischen Untergrund bildet die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Historisch belegbar ist zunächst die Ausbildung selbst. Die heutige Interpretation, dass hierin bereits ein Grundmuster der späteren Forschungskunst angelegt war, ist dagegen eine retrospektive werkbiografische Deutung. Dennoch ist diese Verbindung methodisch außerordentlich tragfähig. Im handwerklichen und technischen Arbeiten entscheidet nicht allein eine Vorstellung darüber, ob etwas funktioniert. Ein Werkstück besitzt Materialeigenschaften, eine Verbindung muss Belastungen aushalten, Maße und Toleranzen müssen eingehalten werden, eine Passung funktioniert oder versagt. Die Wirklichkeit antwortet auf die Tätigkeit. Ein Hersteller kann nicht durch Überzeugung verhindern, dass eine Konstruktion unter einer bestimmten Last bricht. Dieser frühe Funktionsmaßstab wird Jahrzehnte später zum Ausgangspunkt des Begriffshandwerks und des Prüfoperators. Die Bedeutung dieser Herkunft liegt darin, dass das Funktionieren oder Nichtfunktionieren einer Hervorbringung gegenüber der bloßen menschlichen Behauptung eine Eigenständigkeit besitzt.
Die Tätigkeit als Fotograf und Fotojournalist fügte eine weitere Grundstruktur hinzu. Fotografie bedeutet notwendigerweise Auswahl. Ein Bild zeigt einen Ausschnitt und lässt anderes außerhalb des Rahmens. Eine Aufnahme kann nicht die gesamte Wirklichkeit enthalten, auf die sie sich bezieht. Werbung verschärft diesen Vorgang zusätzlich, weil Gegenstände mit Bedeutungen, Versprechen, gesellschaftlichen Wertungen und Eigenschaften verbunden werden können, die nicht mit ihren materiellen Eigenschaften identisch sind. Auch hier wäre es historisch falsch, bereits von Dingselektion, Lochprozess oder hineingedachten Eigenschaften zu sprechen. Diese Begriffe entstehen wesentlich später. Die frühe Arbeit mit Ausschnitt, Rahmung, Darstellung und symbolischer Aufladung bildet jedoch einen nachvollziehbaren Erfahrungshintergrund für ihre spätere Entwicklung.
Mit dem Studium der Bildhauerei an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 wurde Material selbst zum Gegenüber. Entscheidend war zunehmend nicht die fertige Form allein, sondern der Vorgang ihrer Hervorbringung. Kraft, Gewicht, Widerstand, Bewegung, Materialverhalten, Raum, Handlung und entstehende Form konnten praktisch nicht voneinander getrennt werden. Die Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 bildet deshalb einen zentralen Werkanker. In ihr erweitert sich die bildhauerische beziehungsweise plastische Arbeit aus dem isolierten Einzelobjekt in räumliche, körperliche, bewegungsbezogene und gesellschaftliche Zusammenhänge. Von hier aus beginnt eine Werkentwicklung, in der das Prüfen vor der Theorie vorhanden ist.
Werkgenese und Erweiterung des Werkbegriffs
Die frühen Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deicharbeiten bilden wichtige Erfahrungsfelder dieser Entwicklung. Eine Welle ist keine isolierte Form, die unabhängig von Wasser, Gravitation, Energieübertragung und Umgebung existiert. Ein Deich besitzt seine Funktion ebenfalls nicht allein aufgrund seiner sichtbaren Gestalt. Seine Wirksamkeit hängt von Material, Untergrund, Wasserdruck, Höhe, Belastung, Durchlässigkeit und zeitlicher Beanspruchung ab. An solchen Arbeiten wird früh praktisch erfahrbar, dass Form immer in Bedingungen steht und dass menschliche Hervorbringungen nur innerhalb dieser Bedingungen funktionieren können. Die spätere Plexus-Wirklichkeit ist in diesen Arbeiten noch nicht begrifflich vorhanden, aber ihr Erfahrungsgrund ist bereits erkennbar: Nichts Tragendes steht für sich allein.
Die Vorgabebilder und die unterschiedlichen Malbuchformen der späten 1970er Jahre erweitern diese materielle Gegenüberstellung um die Reaktion anderer Menschen. Eine Vorlage wird vorgegeben, aber das Werk erschöpft sich nicht in dieser Vorgabe. Unterschiedliche Menschen reagieren auf denselben Ausgangspunkt unterschiedlich. Damit entsteht eine Versuchsanordnung, in der nicht mehr ausschließlich das vom Künstler hervorgebrachte Objekt, sondern die Differenz zwischen Vorgabe und Reaktion Erkenntnismaterial wird. Diese Grundoperation wird für die spätere Forschung entscheidend. Ein gemeinsamer Ausgangspunkt erzeugt unterschiedliche Bearbeitungen; die Unterschiede werden sichtbar und vergleichbar; aus dieser Vergleichbarkeit kann Rückkopplung entstehen. Die späteren Tausend Tische, das Mitmachbuch und die Globale Schwarm-Intelligenz führen diese Struktur in jeweils andere Maßstäbe weiter.
Die Partizipation erhält damit von Anfang an eine besondere Funktion. Sie ist nicht nur eine Öffnung des Kunstwerks für freundliche Beteiligung oder gemeinsames Gestalten. Sie wird zunehmend zu einer Erkenntnismethode. Der andere Mensch bildet ein Gegenüber, das die ursprüngliche Vorstellung des Künstlers erweitern, widersprechen oder verändern kann. In den Theater- und Rollenarbeiten verstärkt sich diese Struktur. Eine Rolle kann angenommen, gespielt, unterbrochen und wieder verlassen werden. Dadurch wird praktisch sichtbar, dass Rolle und Mensch nicht identisch sein müssen. Diese Werkspur wird Jahrzehnte später für die Differenzierung zwischen Plastischem Ich, Skulpturidentität und Rollenidentitätsgefängnis wichtig.
Auch die Schultafelarbeiten fügen einen methodischen Baustein hinzu. Die Schultafel erlaubt eine deutlich sichtbare Setzung, ohne sie endgültig zu machen. Kreide kann geschrieben und wieder gelöscht werden. Diese Löschbarkeit wird später als besondere Qualität erkannt, weil sie Festlegung und Korrigierbarkeit miteinander verbindet. Daraus entwickelt sich die Gegenüberstellung von Kreide und Gold. Gold kann eine Aussage gesellschaftlich aufwerten, ihren Status erhöhen und sie symbolisch veredeln, gleichzeitig aber ihre praktische Löschbarkeit und damit ihre Korrekturfähigkeit vermindern. Die spätere Forschung fragt deshalb nicht nur, was gesellschaftlich wertvoll erscheint, sondern ob eine Aufwertung die funktionale Qualität einer Hervorbringung möglicherweise sogar verschlechtert.
In den 1980er Jahren und insbesondere seit Beginn der 1990er Jahre verschiebt sich die Arbeit verstärkt in gesellschaftliche Versuchsanordnungen. Temporäre Kunsthalle, Sozialer Organismus Katharsis, Demokratiewerkstätten, Bürgerforum, Grenzwerkstatt, Kollektive Kreativität, Zukunftswerkstätten, Entelechie-Museum und Globales Dorffest machen Öffentlichkeit selbst zum Material des künstlerischen Prozesses. Die Veranstaltung ist dabei nicht das eigentliche Werkziel im Sinne eines bloßen Ereignisses. Sie bildet vielmehr einen zeitlich begrenzten Raum, in dem Menschen, Rollen, Gegenstände, Orte, Fragen und gesellschaftliche Beziehungen miteinander in neue Konstellationen gebracht werden.
Eine wichtige historische Korrektur betrifft die Urheberschaft der Arbeiten und documenta-Arbeitsgrundlagen ab 1993. Diese dürfen nicht vollständig als alleinige individuelle Projektentwürfe Wolfgang Fenners dargestellt werden. Sie waren in wesentlichen Teilen Arbeitsgrundlagen der Künstlergruppe Kollektive Kreativität. Fenner entwickelte als Initiator und Inszenator Ausgangsräume, Bildfiguren, Fragestellungen, Werkzeuge und Beteiligungsbedingungen, während die entstehende Arbeit durch Beiträge und Rückkopplungen weiterer Beteiligter hervorgebracht werden sollte. Diese Unterscheidung ist nicht nebensächlich, sondern berührt den Werkbegriff selbst. Das Werk besteht in solchen Zusammenhängen nicht allein in einem abschließend vom Künstler kontrollierten Gegenstand, sondern in der Herstellung von Bedingungen, unter denen Beiträge, Konflikte, Differenzen und neue Verbindungen entstehen können. Die demokratische Dimension liegt deshalb nicht nur im Thema eines Projekts, sondern teilweise bereits in seiner Urheberstruktur.
Das Partizipatorische Welttheater, das sich ab etwa 2005 entwickelte und über viele Jahre fortgeschrieben wurde, führt diese Entwicklung weiter. Ausstellung, Theater, Beteiligung und die Vorstellung einer räumlich-digitalen Erweiterung wurden miteinander verbunden. Besucher sollten nicht ausschließlich betrachten, sondern Fragen stellen, Antworten geben, Rollen wechseln und durch ihre Beiträge die entstehende Arbeit verändern können. Der Mensch wurde dabei zunehmend als plastisches Grenzwesen verstanden. Die Grenze erschien nicht mehr ausschließlich als Trennung, sondern als Membran, die Schutz und Austausch miteinander verbindet. Aus dem Betrachter wurde damit ein Beteiligter, aus dem Beteiligten ein Mitgestalter und aus dem Mitgestalter in der späteren Rekonstruktion zunehmend ein Mitprüfender.
In der Rückschau entsteht aus diesen Arbeiten eine zusammenhängende Werkbewegung. Das einzelne plastische Objekt erweitert sich zur Versuchsanordnung, die Versuchsanordnung zur Beteiligungsstruktur, die Beteiligungsstruktur zur gesellschaftlichen Rückkopplungsarchitektur und schließlich zur digitalen und öffentlichen Prüfarchitektur. Diese Entwicklung ist werkgeschichtlich nachvollziehbar. Die Deutung dieser Werkfolge als kontinuierliche Herausbildung eines Forschungs- und Prüfverfahrens bleibt jedoch eine heutige Systematisierung. Gerade dadurch wird der Begriff Forschungskunst als Oberbegriff plausibel. Begriffe wie Aktionskunst, Partizipationskunst, politische Kunst oder soziale Kunst erfassen jeweils Teile der Arbeitsweise, nicht jedoch ihren über Jahrzehnte entwickelten Zusammenhang von Hervorbringung, Gegenüberstellung, Tätigkeit, Rückmeldung und Korrektur.
Wirklichkeitsverständnis und Entwicklung der Plexus-Wirklichkeit
Ein grundlegender Forschungsstrang betrifft die Frage, was überhaupt unter Wirklichkeit verstanden werden soll. Der Umweltbegriff erwies sich im Verlauf der Arbeit als zunehmend problematisch, weil er den Eindruck erzeugen kann, ein bereits abgeschlossenes menschliches Subjekt befinde sich in der Mitte und werde von einer äußeren Umwelt umgeben. Die Werkpraxis mit Wasser, Material, Organismen und gesellschaftlichen Situationen führte dagegen zu einer Vorstellung, in der der Mensch selbst Bestandteil der Bedingungen ist, von denen er spricht.
Daraus entstand zunächst der Begriff der Tragwirklichkeit. Er bezeichnet die nicht beliebig setzbaren Bedingungen, unter denen menschliche Existenz möglich ist. Dazu gehören physikalische, chemische, biologische und ökologische Voraussetzungen wie Atmosphäre, Wasser, Temperatur, Gravitation, Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regeneration und weitere Bedingungen. Die einzelnen Abhängigkeiten sind wissenschaftlich untersuchbar. Tragwirklichkeit als zusammenfassender Begriff ist hingegen ein Eigenbegriff der Forschungskunst. Seine Funktion besteht darin, einen Referenzbereich kenntlich zu machen, der nicht allein von menschlicher Anerkennung, gesellschaftlicher Geltung oder rechtlicher Setzung abhängt.
Mit der weiteren Forschung zeigte sich jedoch, dass Tragwirklichkeit vor allem die Abhängigkeit betont, weniger aber die Verflochtenheit der Bedingungen untereinander. Daraus entstand der Begriff der Plexus-Wirklichkeit. Plexus bezeichnet das Geflecht. Mensch, Atmosphäre, Nahrung, Boden, Stoffwechsel, Technik, Sprache, Energie, andere Menschen, Institutionen und gesellschaftliche Ordnungen liegen nicht unabhängig nebeneinander, sondern sind in vielfältigen Beziehungen miteinander verbunden. Plexus-Wirklichkeit ist deshalb keine wissenschaftlich bestätigte Theorie von allem und soll auch keine neue metaphysische Ganzheit behaupten. Ihre Funktion ist methodisch. Sie soll verhindern, dass analytisch notwendige Ausschnitte mit der Wirklichkeit selbst verwechselt werden.
Die heutige begriffliche Bereinigung ermöglicht eine klare Arbeitsteilung. Plexus-Wirklichkeit bezeichnet den übergreifenden Zusammenhang von Beziehungen und Abhängigkeiten. Tragbedingungen bezeichnen die konkreten Bedingungen, unter denen ein bestimmter Organismus, eine Tätigkeit oder eine Konstruktion innerhalb dieses Zusammenhangs funktionieren kann. Eine solche Differenzierung verhindert, dass Tragwirklichkeit, Tragwesen, Tragbewusstsein, Wirkungswelt und Plexus-Wirklichkeit zu einer unübersichtlichen Familie weitgehend gleichbedeutender Hauptbegriffe werden.
Der Astronaut beziehungsweise Astronautenanzug ist für diesen Zusammenhang zu einem besonders starken Prüfobjekt geworden. Das Bild zeigt nicht primär die technische Autonomie des Menschen, sondern gerade deren Gegenteil. Sobald die gewöhnlichen irdischen Bedingungen fehlen, muss der Mensch Sauerstoffversorgung, Druck, Temperaturregulation, Schutz und weitere Existenzbedingungen künstlich mitführen. Der Anzug widerlegt nicht die Individualität des Menschen, macht aber sichtbar, dass Individualität nur innerhalb vorausliegender Bedingungen bestehen kann. Die scheinbare Selbstständigkeit des Menschen wird damit einem technisch sichtbar gemachten Abhängigkeitszusammenhang gegenübergestellt.
Die Plexus-Wirklichkeit darf allerdings nicht überdehnt werden. Sie darf nicht zur Behauptung führen, alles sei unterschiedslos mit allem verbunden. Ein brauchbarer Forschungsbegriff muss konkrete Beziehungen unterscheidbar machen. Die Frage lautet daher nicht, ob alles zusammenhängt, sondern welche Beziehung für einen bestimmten Vorgang relevant ist, welche Abhängigkeit vorliegt, welche Wirkung zurückläuft und welche Folgen bei einer Selektion möglicherweise ausgeblendet werden.
Dingselektion, Lücke, Lochprozess und Membran
Aus der Beschäftigung mit fotografischen Ausschnitten, wissenschaftlicher Gegenstandsbildung, Eigentumsgrenzen, Rollen und isolierten Produkten entstand der Begriff der Dingselektion. Menschen müssen Wirklichkeit selektieren. Ohne Auswahl wären Wahrnehmung, Sprache, Wissenschaft, Handwerk und Kunst unmöglich. Ein Werkstück muss als Werkstück abgegrenzt, ein Baum als Baum bezeichnet und ein wissenschaftlicher Untersuchungsgegenstand definiert werden können. Die frühere Kritik am Dingdenken musste deshalb korrigiert werden. Nicht das Ding, nicht die Grenze und nicht der Ausschnitt sind an sich problematisch. Problematisch wird das Vergessen ihres Ausschnittcharakters.
Der Lochprozess beschreibt innerhalb der Forschung einen Vorgang, in dem eine notwendige Beziehung bei einer Selektion oder Zuschreibung aus dem Wahrnehmungs- und Entscheidungsrahmen verschwindet. Ein Produkt kann im Laden als scheinbar isoliertes Objekt erscheinen, während Rohstoffgewinnung, Energieverbrauch, Transport, Arbeitsbedingungen, Abfall und ökologische Wirkungen außerhalb der unmittelbaren Wahrnehmung liegen. Diese Beziehungen sind materiell nicht verschwunden. Sie sind lediglich aus dem entscheidenden Bezugsrahmen herausgefallen. Der Lochprozess beginnt deshalb nicht mit der Selektion, sondern mit dem Verlust der Rückbindung.
Der Lochbegriff wurde im Verlauf der Forschung weiter differenziert, weil die Gefahr bestand, nahezu jeden Erkenntnismangel als Loch zu bezeichnen. Daraus entstand die Unterscheidung zwischen Lücke und Loch. Eine Lücke kann produktiv sein. Sie bezeichnet ein erkanntes Nichtwissen oder eine wahrgenommene Differenz zwischen Vorstellung und Ergebnis. Forschung beginnt gerade dort, wo jemand weiß, dass er etwas nicht weiß. Ein Lochprozess liegt dagegen dort vor, wo eine notwendige Beziehung verloren gegangen ist, ohne dass ihr Fehlen noch wahrgenommen wird. Diese Differenzierung ist entscheidend, weil das Offenhalten einer Lücke ein Forschungszustand sein kann, während das unbemerkte Loch eine blockierte Rückkopplung bezeichnet.
In einzelnen Entwicklungsphasen wurde zusätzlich der Begriff der Mutation verwendet, um zu beschreiben, dass ein selektierter Ausschnitt anschließend mit neuen Eigenschaften versehen werden kann, die so behandelt werden, als gehörten sie dem Gegenstand selbst an. Das Eigentum ist hierfür ein wichtiges Beispiel. Die Aussage, ein bestimmter Baum oder ein Stück Boden gehöre einer Person, beschreibt zunächst eine gesellschaftlich-rechtliche Relation. Wenn diese Relation so selbstverständlich wird, dass das Eigentum wie eine dem Baum oder Boden innewohnende Eigenschaft behandelt wird, verschmilzt eine gesellschaftliche Zuschreibung mit dem Gegenstand.
Der Begriff der Membran korrigiert zugleich eine mögliche Fehlentwicklung der Lochkritik. Wenn jede Abgrenzung grundsätzlich problematisch wäre, müsste völlige Offenheit als Ideal gelten. Lebendige Organismen zeigen jedoch das Gegenteil. Leben benötigt Grenzen. Entscheidend ist nicht die Aufhebung jeder Grenze, sondern die Qualität des Austauschs. Eine Membran schützt und lässt zugleich geregelten Austausch zu. Wissenschaftlich ist die Bedeutung biologischer Membranen selbstverständlich beschreibbar; ihre Übertragung auf soziale, institutionelle oder erkenntnistheoretische Zusammenhänge bleibt eine Analogie der Forschungskunst. Diese Analogie ermöglicht jedoch eine differenziertere Frage: Welche Grenzen schützen notwendige Eigenständigkeit, welche regulieren Austausch, und an welchem Punkt wird Schutz zur Abschottung oder unterbricht eine Grenze notwendige Rückkopplungen?
Damit entsteht eine zusammenhängende Grammatik. Die Dingselektion bezeichnet den notwendigen Ausschnitt. Die Lücke bezeichnet eine wahrgenommene Differenz beziehungsweise ein offenes Nichtwissen. Der Lochprozess bezeichnet die verlorene Rückbindung. Die Membran bezeichnet eine Grenze, die nicht vollständige Isolation, sondern geregelten Austausch ermöglicht. Diese Begriffe dürfen nicht synonym verwendet werden, weil sie unterschiedliche Stellen desselben Forschungsproblems beschreiben.
Gegenüberstellung, Erfahrung und Lernen
Ein weiterer grundlegender Korrekturschritt betrifft die Gegenüberstellung. In früheren Phasen bestand die Gefahr, jede Zweiteilung oder jedes Gegenüber bereits als problematischen Dualismus zu verstehen. Diese Auffassung wurde korrigiert, weil Lernen ohne Differenz nicht möglich ist. Ein Künstler benötigt eine Vorstellung und ein entstehendes Werk. Erst wenn das Werk der Vorstellung gegenübertritt, kann eine Abweichung wahrgenommen werden. Ein Experiment benötigt Erwartung und Ergebnis. Eine Behauptung benötigt etwas, woran sie scheitern kann. Ein Mensch benötigt andere Menschen, deren Wahrnehmungen und Erfahrungen nicht vollständig mit seinen eigenen übereinstimmen.
Gegenüberstellung wird damit zur Bedingung von Lernen. Dualismus entsteht nicht bereits durch die Existenz zweier unterscheidbarer Seiten, sondern dort, wo eine Gegenüberstellung absolut gesetzt, hierarchisiert oder unüberwindbar gemacht wird. Differenz ist deshalb nicht der Gegner von Zusammenhang. Sie ist häufig die Voraussetzung dafür, dass ein Zusammenhang überhaupt erkannt werden kann.
Aus dieser Einsicht entwickelte sich eine präzisere Theorie der Erfahrung. Eine Tätigkeit erzeugt zunächst eine Konsequenz. Erfahrung entsteht erst dann, wenn diese Konsequenz wahrgenommen, mit einer Erwartung oder einem vorausgehenden Modell verglichen und wieder auf die Tätigkeit zurückbezogen wird. Der grundlegende Vorgang kann als Rückkopplungsfolge beschrieben werden: Eine Vorstellung führt zu einer Tätigkeit, die Tätigkeit erzeugt eine Folge, die Folge tritt der Vorstellung gegenüber, die Differenz wird wahrgenommen und das Modell kann verändert werden. Tätigkeit ohne Rückkopplung kann sich dagegen vielfach wiederholen, ohne dass Lernen stattfindet.
Damit verändert sich die ursprüngliche Frage nach der Selbstzerstörung. Möglicherweise fehlt dem Menschen nicht primär Wissen, sondern eine wirksame Rückführung der Konsequenzen seiner Tätigkeiten. Beim Werkstück ist diese Rückmeldung häufig unmittelbar. Eine Verbindung hält oder bricht. Bei gesellschaftlichen und ökologischen Vorgängen können Folgen dagegen räumlich, zeitlich und sozial ausgelagert werden. Ein Konsument sieht die Produktionsbedingungen seiner Ware nicht. Ein wirtschaftlicher Vorteil kann an einem Ort entstehen, während die ökologische Belastung an einem anderen Ort auftritt. Die heutige Generation kann von einer Tätigkeit profitieren, deren Kosten spätere Generationen tragen.
Die entscheidende Forschungsfrage lautet deshalb zunehmend, welche Folgen menschlicher Tätigkeiten den Handelnden beziehungsweise das entscheidende System überhaupt noch als korrigierbare Erfahrung erreichen. Wo Rückmeldungen verschleiert, delegiert oder zeitlich entkoppelt werden, verliert ein gesellschaftliches System seine plastische Lernfähigkeit. Genau an dieser Stelle verbindet sich der frühe handwerkliche Funktionsmaßstab mit der späteren Zivilisationsfrage.
Plastik, Skulpturalisierung, Plastisches Ich und Rollenidentität
Die plastische Arbeit wird im Verlauf der Forschung aus ihrer kunsthistorischen Gattungsbedeutung heraus zu einem Erkenntnismodell erweitert. Für die eigene Werkhaltung ist dabei die Bezeichnung Plastiker verbindlich. Plastik bezeichnet den formenden Prozess, in dem Material aufgebaut, gedrückt, verbunden und verändert wird. Form entsteht in einer Rückkopplung zwischen Hand, Werkzeug, Material, Widerstand und Vorstellung. Der Prozess bleibt prinzipiell korrigierbar.
Diese praktische Erfahrung wird später anthropologisch erweitert. Plastisch bezeichnet innerhalb der Forschung eine Existenzweise, die veränderbar, rückkopplungsfähig und nicht endgültig abgeschlossen ist. Der Mensch wird damit nicht als fertige Form aufgefasst. Sein Organismus verändert sich fortlaufend durch Stoffwechsel, Erfahrung, Verletzung, Regeneration, Erinnerung, Tätigkeit und Umweltbedingungen. Daraus entstand der Begriff des Plastischen Ichs. Er bezeichnet keine psychologische Persönlichkeitstheorie, sondern den lebendigen, veränderlichen und zugleich verletzbaren Organismus, dessen Identität nur innerhalb fortlaufender Austausch- und Regulationsprozesse besteht.
Als Gegenbegriff entwickelte sich die Skulpturalisierung. Dieser Begriff darf nicht als kunsthistorische Abwertung der Skulptur missverstanden werden. Innerhalb der Forschung bezeichnet er den Vorgang, in dem eine vom Menschen hervorgebrachte Form ihren Herstellungscharakter verliert und als feststehend oder naturgegeben behandelt wird. Gesellschaftliche Rollen, Institutionen, Eigentumsordnungen, Hierarchien, Glaubenssysteme oder Selbstbilder können auf diese Weise skulpturalisiert werden. Eine menschliche Hervorbringung wird dann nicht mehr als veränderbar wahrgenommen, obwohl sie historisch entstanden ist.
Daraus entwickelte sich die Skulpturidentität. Beruf, Rang, Eigentümerstatus, nationale Zuordnung, Prestige, gesellschaftliche Funktion oder andere Selbstbeschreibungen können so stark mit einer Person verschmelzen, dass sie als unveränderliche Substanz erlebt werden. Auch hier war eine Korrektur notwendig. Nicht jede stabile Identität ist problematisch. Menschen benötigen biografische Kontinuität, soziale Rollen und Verlässlichkeit. Problematisch wird Skulpturidentität dort, wo eine symbolische Selbstform Rückmeldungen des lebendigen Organismus oder anderer Wirklichkeitsbereiche überstimmt.
Der später entwickelte Begriff des Rollenidentitätsgefängnisses erweitert diese individuelle Struktur auf gesellschaftliche Verhältnisse. Die Skulpturidentität bezeichnet die verfestigte Selbstform einer Person. Das Rollenidentitätsgefängnis bezeichnet die gesellschaftliche Architektur, in der Rollen erzeugt, belohnt und reproduziert werden. Der moderne Mensch kann seine gesellschaftliche Rolle als Ausdruck seiner Freiheit erleben, gerade weil ihm innerhalb der bestehenden Ordnung zahlreiche Möglichkeiten zur Wahl, Selbstinszenierung, Karriere, Konsumtion und Statusbildung zur Verfügung stehen. Die Forschungshypothese lautet, dass ein hochentwickeltes System nicht ausschließlich durch sichtbare Gewalt stabilisiert werden muss. Es kann Menschen über Belohnung, Anerkennung und Identifikation an seine Rollen binden. Diese These ist keine allgemeingültige sozialwissenschaftliche Feststellung, sondern muss an konkreten Institutionen und Situationen geprüft werden.
Symbolbildung, hineingedachte Eigenschaften und Eigentumsgrammatik
Die Untersuchung symbolischer Wirklichkeit entstand aus der Erfahrung, dass Menschen nicht ausschließlich in materiellen und organismischen Zusammenhängen leben. Sie erzeugen Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Religion, Rollen, Institutionen, Status, Werte und weitere Bedeutungssysteme. Eine frühere Verkürzung bestand darin, solche symbolischen Hervorbringungen als bloß unwirklich oder illusionär zu behandeln. Diese Position wurde korrigiert. Symbolische Konstruktionen sind real wirksam, aber sie sind auf andere Weise wirklich als Masse, Temperatur, chemische Zusammensetzung oder Stoffwechsel.
Ein Geldbetrag besitzt keine Kalorien und dennoch kann er darüber entscheiden, ob jemand Nahrung erhält. Eine Eigentumsgrenze kann ohne sichtbare materielle Mauer bestehen und dennoch den Zugang zu einem Ort rechtlich bestimmen. Ein akademischer Titel besitzt keine Masse und kann trotzdem gesellschaftliche Handlungsmöglichkeiten erheblich verändern. Die Forschung fragt deshalb nicht mehr einfach, ob etwas real oder nicht real sei. Sie fragt, auf welche Weise etwas wirklich ist und welche Tätigkeitskonsequenzen aus dieser Wirkungsweise entstehen.
Aus dieser Untersuchung entwickelte sich der Begriff der hineingedachten Eigenschaften. Eine Kartoffel besitzt stoffliche, biologische und ernährungsbezogene Eigenschaften. Wird sie vergoldet, mit einem Preis versehen oder in einen besonderen Kunstkontext überführt, verändert sich ihre gesellschaftliche Bedeutung, ohne dass sich dadurch ihre grundlegende stoffliche Struktur in gleicher Weise verändert. Hineingedachte Eigenschaften sind deshalb nicht wirkungslos. Gerade gesellschaftlich zugeschriebene Eigenschaften können enorme materielle und soziale Folgen erzeugen.
Das Eigentum wurde zu einem besonders wichtigen Prüfgegenstand. Eigentum ist keine materielle Eigenschaft eines Gegenstandes, sondern eine gesellschaftlich-rechtliche Relation. Diese Relation ist hochwirksam und darf deshalb nicht als bloße Fantasie bezeichnet werden. Gleichzeitig verändert ein Eigentumsrecht nicht automatisch die übrigen Abhängigkeiten des Gegenstandes. Ein Wald kann jemandem gehören und dennoch in Wasserhaushalt, Atmosphäre, Bodenprozesse, Artenbeziehungen und benachbarte Lebensräume eingebunden bleiben. Damit entsteht eine direkte Verbindung zwischen Eigentumsgrammatik und Plexus-Wirklichkeit.
Die sprachliche Nähe von eigen, Eigenschaft und Eigentum wurde als Begriffsöffnung untersucht. Solche sprachgeschichtlichen Beziehungen dürfen jedoch nicht als Beweis für eine anthropologische oder gesellschaftliche Theorie verwendet werden. Ihre Funktion besteht darin, Denkbewegungen sichtbar zu machen und Selbstverständlichkeiten zu irritieren. Die Forschungskunst benutzt Sprache damit nicht als Beweisarchiv, sondern als Prüfmaterial.
Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsverfahren
Die sprach- und kulturgeschichtlichen Untersuchungen erhielten im Verlauf der Forschung eine zunehmend klarere methodische Funktion. Begriffe wie technē, res, symmetria, idiōtēs, Plastik, Skulptur, Bild, Bildung, Eigenschaft und Eigentum wurden untersucht, weil sie unterschiedliche historische Ordnungen des Denkens sichtbar machen. Die entscheidende methodische Korrektur besteht darin, solche Untersuchungen nicht als etymologische Beweisführung für die heutigen Begriffe zu verwenden.
Technē ist beispielsweise deshalb wichtig, weil der Begriff historisch Kunstfertigkeit, Handwerk, Können, Hervorbringen und regelgeleitetes Wissen miteinander verbindet. Daraus lässt sich jedoch nicht ableiten, die griechische Antike habe bereits eine So-Heits-Gesellschaft gekannt. Der Begriff ermöglicht vielmehr eine Gegenüberstellung zu modernen Trennungen von Kunst, Arbeit, Technik, Wissenschaft und gesellschaftlicher Verantwortung.
Ähnlich verhält es sich mit symmetria. Historisch bezeichnet der Begriff angemessene Maß- und Proportionsverhältnisse. Daraus folgt kein Beweis für 51:49. Forschungskünstlerisch kann der historische Begriff jedoch die Frage öffnen, ob lebendige Ordnung mit einer vollkommenen mathematischen Spiegelgleichheit verwechselt werden darf. Auch res dient als Vergleichsraum, weil das lateinische Wort nicht ausschließlich ein isoliertes Ding, sondern auch Sache, Angelegenheit oder Sachverhalt bezeichnen kann. Solche Vergleiche zeigen, dass unterschiedliche Sprachen und Kulturen Wirklichkeit auf unterschiedliche Weise begrifflich ordnen.
Die Folien zu Platon, Aristoteles, christlichen Leib-Seele-Vorstellungen und moderner Physik führen diese Methode bildlich weiter. Die Platon-Folie kann die mögliche Höherbewertung unveränderlicher Ideen gegenüber dem veränderlichen Körperlichen untersuchen. Die Aristoteles-Folie kann Material, Form, Bewegung und Zielbezug stärker im Zusammenhang darstellen. Eine christliche Folie kann unterschiedliche Leib-Seele- und Jenseitsvorstellungen sichtbar machen, ohne das Christentum auf eine einzige historische Lehre zu reduzieren. Die Physik-Folie kann Messgrößen wie Masse, Temperatur, Kraft oder Druck darstellen und gleichzeitig fragen, welche Aspekte eines Organismus oder einer gesellschaftlichen Situation durch eine bestimmte Messanordnung methodisch ausgeschlossen bleiben.
Diese Folien sind deshalb keine Schulbuchzusammenfassungen. Sie sind künstlerische Vergleichsmodelle. Ihr methodischer Grundsatz lautet, dass Vergleichen nicht Gleichsetzen bedeutet und ein Prüfmodell keine historische Fachanalyse ersetzt.
50:50, 51:49, 1:99 und das Differenzialprinzip
Die 51:49-Intuition gehört zu den älteren biografischen Linien der Forschung, ihre heutige theoretische Bedeutung ist jedoch später entwickelt worden. Sie darf nicht rückwirkend vollständig in frühe Erfahrungen hineingelesen und keinesfalls als wissenschaftlich bestätigtes Naturgesetz ausgegeben werden. Innerhalb der Forschungskunst bezeichnet 51:49 eine heuristische Figur minimaler Asymmetrie, Beweglichkeit und Korrekturfähigkeit. Eine minimale Differenz verhindert den Zustand völliger Gleichheit und ermöglicht Richtung, Entscheidung und Veränderung.
50:50 bezeichnet entsprechend nicht die mathematische Gleichheit als Problem. Der Begriff beschreibt innerhalb des Forschungsmodells vielmehr die kulturelle Vorstellung vollkommen symmetrischer, abgeschlossener und dualistisch fixierter Ordnungen. Richtig und falsch, innen und außen, Körper und Geist, Eigentümer und Nichteigentümer oder zuständig und nicht zuständig können zu kulturellen Formen werden, in denen die Übergänge und Wechselbeziehungen verschwinden. 50:50 wird deshalb zur Erstarrungs- beziehungsweise Dualismusfigur.
1:99 bezeichnet wiederum eine andere Form von Asymmetrie. Der Begriff darf nicht ohne konkrete empirische Grundlage als statistische Beschreibung der gesamten Gesellschaft verwendet werden. Innerhalb der Forschungskunst dient er als Herrschaftsbild. Eine kleine Gruppe kann über einen großen Teil von Ressourcen, Entscheidungen oder institutionellen Zugängen verfügen, während eine große Zahl von Menschen Tätigkeiten und Folgen eines Systems trägt, ohne über gleichwertige Gestaltungsmöglichkeiten zu verfügen.
Diese drei Zahlen bezeichnen deshalb unterschiedliche Operationen und dürfen nicht als Varianten einer gemeinsamen mathematischen Theorie behandelt werden. 50:50 ist eine Erstarrungsfigur, 51:49 eine Differenz- und Korrekturfigur und 1:99 eine Macht- und Herrschaftsfigur. Aus 51:49 entstand später das allgemeinere Differenzialprinzip. Es besagt, dass Wahrnehmung, Erkenntnis und Korrektur Unterschiede benötigen. Ohne Differenz gibt es nichts zu vergleichen. Das später entwickelte dreifache Optimum versucht darüber hinaus Medium, Organismus und konkrete Tätigkeit miteinander zu verbinden. Hier besteht noch begrifflicher Klärungsbedarf. Das Differenzialprinzip sollte die allgemeine methodische Aussage bilden, 51:49 eine anschauliche Korrekturfigur und das dreifache Optimum eine spezialisierte Funktionsanwendung.
Planetarische Kalibrierung und der Millisekunden-Mensch
Mit der 24-Stunden-Uhr wurde ein weiterer Prüfanker entwickelt, der den menschlichen Zeitmaßstab gegenüber der Erdgeschichte verändert. Die Erdgeschichte wird proportional auf einen Tag übertragen. Auf dieser Skala erscheint Homo sapiens erst in den letzten Sekunden, während Industrialisierung und moderne technologische Zivilisation auf äußerst kurze Bruchteile dieser letzten Sekunden zusammenschrumpfen. Die zugrunde gelegten Datierungen und mathematischen Umrechnungen sind grundsätzlich wissenschaftlich überprüfbar und müssen jeweils mit dem aktuellen Forschungsstand abgeglichen werden. Die daraus gezogene Interpretation ist hingegen ein künstlerisches Modell.
Aus dieser planetarischen Kalibrierung entstand der Begriff des Millisekunden-Menschen. Er ist keine biologische Kategorie. Seine Funktion besteht darin, den kulturellen Selbstmaßstab des Menschen einem planetarischen Gegenmaßstab gegenüberzustellen. Der Mensch erlebt seine eigene Geschichte als ungeheuer lang und bedeutsam. Im Maßstab der Erdgeschichte erscheint seine technisch-industrielle Zivilisation dagegen als extrem kurzer Vorgang.
In Verbindung mit dem Astronauten entsteht daraus eine besonders starke Gegenüberstellung. Der Organismus, der erst in einem winzigen Abschnitt der planetarischen Geschichte erscheint und vollständig von vorausliegenden Bedingungen abhängig ist, entwickelt gleichzeitig Vorstellungen von Autonomie, Eigentum, Herrschaft und möglicher kosmischer Expansion. Die 24-Stunden-Uhr beweist keine bestimmte Gesellschaftstheorie. Sie verändert den Maßstab, unter dem menschliche Selbstbeschreibungen geprüft werden können.
Das Vier-Ebenen-Modell als Differenzierungs- und Prüfwerkzeug
Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4 entstand in einer späten Phase der Forschung und darf nicht so dargestellt werden, als habe es den frühen Arbeiten bereits bewusst zugrunde gelegen. Seine Bedeutung liegt darin, unterschiedliche Wirkungsweisen auseinanderzuhalten, ohne sie voneinander zu isolieren.
E1 bezeichnet die materielle und physikalische Ebene. Hierzu gehören Material, Masse, Temperatur, Druck, Last, Kraft, Energie, Bruch und andere Bedingungen, die nicht dadurch verändert werden, dass eine Gesellschaft sie anders bewertet. E2 bezeichnet die lebendige Ebene. Hier stehen Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Anpassung, Wahrnehmung und das Plastische Ich im Mittelpunkt. Ein Organismus ist nicht lediglich eine Ansammlung von Materie, sondern eine sich regulierende lebendige Organisation innerhalb bestimmter Bedingungen. E3 bezeichnet die symbolische und gesellschaftliche Ebene. Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Rollen, Status, Religion, Technik, Institutionen, Werte und gesellschaftliche Geltungen gehören in diesen Bereich.
Die entscheidende Korrektur betrifft E4. E4 ist keine vierte Wirklichkeitsschicht neben E1, E2 und E3. Es bezeichnet die transversale Prüf-, Reflexions-, Rückbindungs- und Reparaturfunktion. Auf dieser Ebene beziehungsweise durch diese Operation werden Aussagen, Tätigkeiten und Konsequenzen der anderen Ebenen miteinander verglichen. Ebenso darf Tätigkeit nicht als fünfte Ebene behandelt werden. Tätigkeit ist die Übergangsoperation, durch die beispielsweise ein E3-Modell in E1 oder E2 eingreifen und dort Folgen hervorbringen kann.
Das Modell ermöglicht deshalb eine einfache, aber weitreichende Frage: Zu welcher Wirkungsweise gehört eine Aussage, und was geschieht, wenn Eigenschaften einer Ebene unbemerkt auf eine andere übertragen werden? Eigentum kann auf E3 völlig real und gesellschaftlich wirksam sein. Daraus folgt jedoch nicht, dass die materiellen oder biologischen Folgen einer Eigentumsentscheidung in E1 oder E2 aufgehoben wären. Das Vier-Ebenen-Modell ist deshalb keine abschließende Ontologie der Welt. Es ist ein Differenzierungs- und Prüfwerkzeug.
Begriffshandwerk, Ankerarchitektur und Prüfoperator
Mit dem zunehmenden Wachstum der Forschung entstand das Problem, dass die eigene Begriffswelt selbst unübersichtlich und teilweise überdehnt wurde. Daraus entwickelte sich das Begriffshandwerk. Ein Begriff wird darin wie ein Werkzeug behandelt. Er benötigt einen bestimmten Anwendungsbereich, muss von benachbarten Begriffen unterscheidbar bleiben, darf nicht alles erklären und muss verworfen oder verändert werden können, wenn er seinen Zweck nicht erfüllt. Ein neuer Begriff ist nur dann gerechtfertigt, wenn er eine Unterscheidung oder Prüfung ermöglicht, die ohne ihn erheblich schwerer wäre.
In dieser Entwicklung kehrt die handwerkliche Erfahrung auf begrifflicher Ebene zurück. Ein Begriff funktioniert nicht deshalb, weil er eindrucksvoll klingt. Er muss innerhalb einer konkreten Untersuchung eine Operation ermöglichen. Daraus entstanden verschiedene Ankerformen. Der Werkanker sichert die Verbindung eines heutigen Begriffs mit der tatsächlichen Werkgeschichte und verhindert, dass spätere Theorien ältere Arbeiten rückwirkend vollständig umschreiben. Der Positionsanker legt offen, von welcher Diagnose die Forschung ausgeht. Er kann zugespitzt sein, muss aber zugleich Bedingungen seiner möglichen Widerlegung benennen. Der Kontextanker hält theoretische, anthropologische und historische Zusammenhänge zusammen. Der Prüfanker bezeichnet einen konkreten Maßstab innerhalb einer Untersuchung. Der Prüfoperator bezeichnet demgegenüber das übergeordnete Verfahren der Prüfung.
Eine weitere begriffliche Differenzierung betrifft Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator. Ein Referenzsystem bezeichnet den Zusammenhang, gegenüber dem eine Behauptung oder Tätigkeit geprüft wird. Das kann beispielsweise ein Organismus, ein Boden, ein Gewässer, ein technisches Material oder eine soziale Beziehung sein. Ein Prüfanker bezeichnet einen ausgewählten stabilen Bezug innerhalb dieser Untersuchung, etwa die Regenerationsfähigkeit eines Organismus. Der Prüfoperator bezeichnet die konkrete Vergleichs- und Rückführungsoperation, durch die Belastung, Wirkung und Regeneration miteinander in Beziehung gesetzt werden.
Der Prüfoperator kann deshalb als zentrale methodische Struktur des heutigen Forschungsstandes gelten. Er fragt, was behauptet oder vorgestellt wird, auf welchen Ausschnitt sich diese Behauptung bezieht, welches Referenzsystem für die Prüfung relevant ist, welche Tätigkeit aus dem Modell entsteht, welche Konsequenzen eintreten, wer oder was diese Konsequenzen trägt, welche Rückmeldungen zum Ausgangsmodell zurückkehren und wo diese Rückmeldungen möglicherweise unterbrochen werden. Zusätzlich muss gefragt werden, woran erkennbar wäre, dass die ursprüngliche Behauptung falsch oder unzureichend ist. Damit verschiebt sich die nächste Forschungsphase von der Erfindung neuer Begriffe zur Operationalisierung bereits vorhandener Prüfverfahren.
Künstlerische Prüfobjekte und ihre methodische Funktion
Die jahrzehntelang entstandenen Werke erhalten innerhalb dieser Rekonstruktion eine neue Stellung. Sie sind weder bloße Illustrationen einer später formulierten Theorie noch lediglich historische Objekte. Sie bilden die Orte, an denen Erfahrungen gemacht wurden, aus denen die Theorie erst hervorging, und können heute als Prüfgegenüber reaktiviert werden.
Das Wellenbecken untersucht Medium, Störung und Rückkopplung. Wasser- und Deichmodelle untersuchen Belastung, Grenze und Material. Das asymmetrische Auto bringt Körper, Form, Gefahr und gesellschaftliche Normalisierung miteinander in Beziehung. Vorgabebilder und Malbücher untersuchen Vorgabe, Freiheit und Reaktion. Schultafeln untersuchen Setzung, Autorität und Löschbarkeit. Frage-und-Antwort-Tische verschieben die Untersuchung in einen öffentlichen Gegenüberstellungsraum. Kartoffelarbeiten verbinden Stofflichkeit, Ernährung, Wert und symbolische Aufladung. Gold- und Eisarbeiten untersuchen die Differenz zwischen symbolischer Aufwertung und materieller Tragfähigkeit. Der Gordische Knoten kann heute als Prüfobjekt verfestigter Beziehungen gelesen werden, wobei diese heutige Lesart nicht ohne historische Belege zur ursprünglichen Werkintention erklärt werden darf. Tanglandschaft, Totentanz und andere Arbeiten erweitern die Untersuchung um Zerfall, Endlichkeit, Zeit und Lebensbedingungen.
Thermosflasche, Sandtrichter und Saftpresse gehören zu neueren Prüfobjekten beziehungsweise Bildoperatoren. Die Thermosflasche macht sichtbar, welchen technischen Aufwand Isolation erfordert. Der Sandtrichter kann den Menschen zwischen Produktion, Verschüttung und Schutzvorstellung darstellen. Die Saftpresse übersetzt Ressourcennutzung und Umwertung in einen unmittelbar nachvollziehbaren Tätigkeitsvorgang. Der Astronautenanzug führt das Isolationsproblem anthropologisch weiter. Der entscheidende methodische Grundsatz lautet, dass keines dieser Objekte die Theorie beweist. Sie erzeugen Situationen, in denen eine Behauptung, Vorstellung oder Zuschreibung einem sichtbaren Gegenüber ausgesetzt werden kann.
Der Feuerkäfig als Verdichtung des Positionsankers
Das Bild des Feuerkäfigs bündelt zahlreiche neuere Forschungslinien in einer einzigen visuellen Konstellation. Ein Mensch befindet sich in einem goldenen Gitterkäfig. Im Käfig brennt Feuer. Die Tür steht offen. Der Mensch trägt einen Astronautenanzug und könnte den Käfig verlassen, bleibt jedoch darin. Das Gold bezeichnet nicht ausschließlich Reichtum, sondern die Attraktivität einer gesellschaftlichen Gefangenschaft. Anerkennung, Konsum, Status, Macht, berufliche Identität, digitale Sichtbarkeit und gesellschaftliche Zugehörigkeit können die bestehende Ordnung attraktiv machen.
Der Astronautenanzug steht in diesem Bild für die Vorstellung eines autonomen, isolierten und scheinbar unverletzlichen Ichs. Die fehlenden Versorgungsschläuche machen dagegen die tatsächlichen Abhängigkeiten sichtbar. Das Feuer bezeichnet die Tätigkeitskonsequenzen. Ökologische Beschädigungen, soziale Spannungen, Ressourcenprobleme, körperliche und psychische Belastungen können bereits wahrnehmbar sein, ohne dass daraus eine grundlegende Veränderung der gesellschaftlichen Ordnung folgt. Die 24-Stunden-Uhr stellt die Szene in einen planetarischen Zeitmaßstab. Die 1:99-Figur fügt die Dimension gesellschaftlicher Machtasymmetrie hinzu. Familien- und Kindermotive verschärfen die Paradoxie, dass Menschen privat sehr ernsthaft für ihre Kinder sorgen können, während sie gleichzeitig an Tätigkeiten oder Strukturen beteiligt sind, deren langfristige Konsequenzen gemeinsame Existenzbedingungen gefährden.
Die offene Tür ist das methodisch wichtigste Element. Sie verhindert, dass das Bild ausschließlich als Darstellung äußerer Unterdrückung gelesen werden kann. Die schwierigere Frage lautet, warum ein Mensch in einer Ordnung verbleibt, obwohl er bestimmte schädliche Folgen erkennen kann. Der Feuerkäfig darf deshalb nicht zum Beweisbild einer bereits feststehenden Gesellschaftstheorie werden. Die jüngste Korrektur besteht darin, ihn als Prüfbild zu behandeln. Ein Besucher muss fragen können, welche Gitter tatsächlich existieren, welche ihm Schutz geben, welche ihn begrenzen, welche Belohnungen ihn in der Ordnung halten, welche Abhängigkeiten außerhalb seiner Wahrnehmung liegen und woran sich zeigen könnte, dass die Käfigdiagnose falsch oder überzogen ist. Erst durch diese Widerlegbarkeit wird aus dem starken Positionsbild erneut Forschungskunst.
Folien und Schablonen als sichtbare Prüfoperationen
Die Entwicklung der transparenten Folien im Jahr 2026 ist eine unmittelbare Konsequenz aus dem Problem der Ausschnitte und Lochprozesse. Wenn Menschen Wirklichkeit notwendig selektieren, besteht die Lösung nicht darin, ihnen einfach ein vermeintlich vollständiges Gesamtbild vorzusetzen. Vielmehr muss der Ausschnitt selbst sichtbar und veränderbar werden. Transparente Folien besitzen dafür eine besondere methodische Qualität. Jede Folie kann einen begrenzten Zusammenhang darstellen, während mehrere Folien übereinandergelegt werden können. Dadurch bleibt die Differenz der Ausschnitte sichtbar, ohne dass einer von ihnen allein zum Ganzen erklärt wird.
Eine Folie kann physikalische oder kosmische Bedingungen zeigen, eine andere den lebenden Organismus, eine weitere gesellschaftliche Zuschreibungen wie Eigentum, Geld oder Rolle. Die Überlagerung macht sichtbar, dass ein Gegenstand gleichzeitig in unterschiedlichen Wirkungszusammenhängen steht. Der Mensch mit dem Spaten vergegenständlicht Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenz. Die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“ stellt eine menschliche Selbstbeschreibung ihren realen Abhängigkeiten gegenüber. Thermosflasche und Flasche untersuchen Isolation. Durchdringungslinien können Wärme, Gravitation und andere Wechselwirkungen sichtbar machen. Molekulare Verknüpfungen lösen die Vorstellung eines vollständig abgeschlossenen Körpers weiter auf. Mensch, Wasser, Fisch oder Schlange machen unterschiedliche Organismus-Medium-Beziehungen vergleichbar. Die planetarische Zeitfolie stellt menschliche Geschichte gegenüber der Erdgeschichte.
Die kulturgeschichtlichen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik erweitern dieses Verfahren. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, komplexe historische Denkgebäude vollständig wiederzugeben. Sie isolieren bestimmte Denkoperationen und stellen diese als Schablonen zur Prüfung. Dadurch entsteht eine Plexus-Foliengrammatik, deren Grundoperation nicht in der fortlaufenden Addition immer neuer Inhalte liegt, sondern im Isolieren, Überlagern, Austauschen und Rückbeziehen unterschiedlicher Ausschnitte.
Eine zentrale offene Frage betrifft daher die Reduktion. Die Forschung benötigt nicht unendlich viele Folien. Sie muss bestimmen, welche wenigen Grundoperatoren ausreichen, um möglichst viele unterschiedliche Fälle prüfen zu können. Die weitere Entwicklung der Foliengrammatik sollte deshalb stärker auf funktionale Reduktion als auf quantitative Erweiterung ausgerichtet werden.
Mitmachbuch als individueller Ermittlungsweg
Das heutige Mitmachbuch besitzt eine lange Werkgeschichte. Seine historischen Vorformen liegen in den Malbüchern, Vorgabebildern, Arbeitsheften und Beteiligungsformaten. Die entscheidende Veränderung besteht darin, dass das heutige Mitmachbuch nicht mehr ausschließlich zu gestalterischer Beteiligung auffordert. Es soll eine Folge von Wirklichkeitsprüfungen ermöglichen.
Einfache Gegenstände wie Kartoffel, Wiese oder Schultafel können als Ausgangspunkte dienen. Der Nutzer untersucht, welche materiellen Eigenschaften vorliegen, welche organismischen Beziehungen bestehen, welche gesellschaftlichen Zuschreibungen hinzukommen und welche Tätigkeitsfolgen daraus entstehen. Durch Folien, Vergleiche und eigene Bearbeitungen soll nicht eine richtige Antwort vermittelt werden. Vielmehr soll der Leser seine eigenen Modelle, Zuschreibungen und Unterschiede nachvollziehen können.
Damit verändert sich die Bedeutung des Mitmachens. Aus dem Mitmachen wird Ermitteln. Das Mitmachbuch wird zu einer verkleinerten Form des Ateliers, in der der Nutzer einen eigenen Prüfweg durchläuft. Sein methodischer Anker kann deshalb als nachvollziehbare Eigenprüfung bezeichnet werden. Die zentrale Gestaltungsfrage bleibt jedoch offen: Wie viel Theorie darf das Buch enthalten, bevor die Erklärung die eigene Untersuchung des Nutzers ersetzt? Gerade hier muss sich die Forschungskunst selbst kontrollieren. Ein Mitmachbuch, das seine Antworten vollständig vorgibt, würde aus offenen Prüfobjekten neue Lehrsätze machen und damit in diejenige Skulpturalisierung geraten, die es eigentlich untersuchen will.
Tausend Tische, Globales Dorffest und verteilte Öffentlichkeit
Die Tausend Tische beziehungsweise Tausend Tapeziertische bilden einen entscheidenden Übergang von individueller Beteiligung zur räumlich verteilten gesellschaftlichen Arbeit. Der Tisch ist methodisch deshalb interessant, weil er einfach, horizontal, beweglich und wiederholbar ist. Er ist Arbeitsplatz, Gesprächsort, Verhandlungsebene, Essplatz und Experimentierfläche. Viele Tische können gemeinsam einen Zusammenhang bilden, ohne jeden einzelnen Arbeitsort aufzulösen.
Das Globale Dorffest von 1993 erhält in der heutigen Werkrekonstruktion eine besondere Bedeutung. Der Begriff des globalen Dorfes stammt von Marshall McLuhan und darf nicht als eigene Begriffserfindung ausgegeben werden. Die künstlerische Eigenleistung liegt vielmehr in dem Versuch, diese Vorstellung räumlich, körperlich und gesellschaftlich als Arbeitszusammenhang zu vergegenständlichen. Historisch muss zudem genau zwischen Entwurf und tatsächlicher Realisierung der geplanten Tausend Tische unterschieden werden.
Der Zeitpunkt des Projekts fällt in die Phase, in der das World Wide Web öffentlich zugänglich wurde. Daraus darf nicht die Behauptung entstehen, das Globale Dorffest habe das Internet vorausgesagt. Die methodisch stärkere Aussage lautet, dass in dem Moment zunehmender technischer globaler Vernetzung bereits die weiterführende Frage gestellt wurde, ob technische Verbindung allein eine verantwortliche Weltgesellschaft hervorbringen könne. Gerade die weitere Entwicklung hat gezeigt, dass Milliarden digital vernetzte Menschen nicht automatisch eine lernende oder verantwortliche globale Gemeinschaft bilden.
Die Tausend Tische können deshalb rückblickend als räumlich-körperliche Vorform der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz verstanden werden. Jeder Tisch bildet einen lokalen Wahrnehmungs-, Arbeits- und Gesprächsknoten. Die digitale Plattform erweitert solche Knoten räumlich und zeitlich. Gleichzeitig entsteht ein ungelöstes Problem. Viele Beiträge erzeugen noch keine Intelligenz. Eine Sammlung von Meinungen wird erst dann zu einem Lernprozess, wenn Vergleich, Gegenbeispiele, Quellen, Rückkopplung und sichtbare Revision möglich sind. Zudem bleibt offen, wie Ergebnisse zusammengeführt werden können, ohne erneut eine zentrale Autorität zu schaffen, die bestimmt, welche Beiträge gültig oder sichtbar werden.
Künstliche Intelligenz als Gegenüber und Prüfgegenstand
Die intensive Arbeit mit künstlicher Intelligenz verändert die Forschung in einer späten Phase erheblich. KI ist nicht Ursprung der Forschungskunst, sondern tritt in ein bereits über Jahrzehnte entwickeltes Verfahren der Gegenüberstellung, Archivierung, Begriffsbildung und Rückkopplung ein. Praktisch dient sie als Schreib-, Korrektur-, Strukturierungs-, Vergleichs- und Rekonstruktionswerkzeug. Große Mengen von Texten, Begriffen, Werkbeschreibungen und historischen Entwicklungsstufen können wesentlich schneller gegeneinandergestellt werden.
Methodisch interessant wird KI jedoch vor allem als Gegenüber. Sie kann eine These anders formulieren, begriffliche Doppelungen sichtbar machen, Widersprüche finden, historische Vergleiche vorschlagen und unterschiedliche Perspektiven simulieren. Gleichzeitig kann sie bestehende gesellschaftliche Vorannahmen reproduzieren, plausible Fehler erzeugen oder eine falsche Ordnung besonders überzeugend formulieren. Sie darf deshalb nicht als oberstes Referenzsystem behandelt werden.
Das Vier-Ebenen-Modell macht diese Begrenzung besonders deutlich. Sprachbasierte KI verarbeitet in hohem Maße menschlich erzeugte symbolische und informationelle Strukturen. Sie besitzt jedoch keinen menschlichen Stoffwechsel, keine körperliche Verletzbarkeit und keine eigene organismische Regeneration im Sinne von E2. Daraus folgt eine wichtige methodische Regel: Die entscheidende Frage lautet nicht, was eine KI weiß, sondern woran ihre und unsere Aussagen geprüft werden.
In dieser Perspektive entsteht eine gegenseitige Ermittlungsanordnung. Der Mensch verfügt über körperliche Erfahrung, Verletzbarkeit, gesellschaftliche Verantwortlichkeit und konkrete Tätigkeitsfolgen. KI verfügt über andere Vergleichs-, Gedächtnis- und Kombinationsmöglichkeiten. Beide können einander als Gegenüber dienen, müssen jedoch immer wieder auf Referenzen außerhalb des gemeinsamen Sprachraums zurückgeführt werden. Andernfalls könnte eine Globale Schwarm-Intelligenz selbst zu einer digitalen Variante des goldenen Käfigs werden: hochgradig vernetzt, attraktiv und beteiligungsorientiert, zugleich aber durch Popularität, Status, Plattformlogiken und unsichtbare Auswahlmechanismen gesteuert.
Globale Schwarm-Intelligenz als öffentliche Prüfarchitektur
Die Globale Schwarm-Intelligenz entwickelt sich aus mehreren älteren Werksträngen zugleich. Malbücher, Frage-und-Antwort-Strukturen, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Tausend Tische, Partizipatorisches Welttheater, Archiv, interaktives Buch und KI bilden ihre genealogischen Voraussetzungen. Sie darf deshalb nicht als bloße Webseite oder technisches Zusatzprojekt verstanden werden.
In einer frühen Phase lag der Akzent stärker auf der Vernetzung vieler Menschen und ihrer Beiträge. Später wurde deutlicher, dass bloße Vernetzung keine Intelligenz garantiert. Ein Schwarm kann Irrtümer, Vorurteile, Mehrheitsmoden und Machtstrukturen ebenso verstärken wie Erkenntnis. Schwarmintelligenz entsteht im Sinne dieser Forschung deshalb erst dort, wo unterschiedliche Wahrnehmungen vergleichbar werden, Gegenbeispiele zugelassen sind, Quellen nachvollziehbar bleiben, Veränderungen dokumentiert werden und Rückmeldungen revisionsfähige Stellen erreichen.
Die Plattform soll langfristig Werkarchiv, Forschungsprotokoll, Begriffssystem, interaktives Buch, Besucherarbeitsplatz und öffentlicher Prüfraum miteinander verbinden. Daraus entstand die Formulierung eines öffentlichen Simulators, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann. Diese Aussage bezeichnet eine Zielprojektion und darf nicht als bereits empirisch nachgewiesene Eigenschaft der bestehenden Plattform ausgegeben werden.
Die eigentliche Verbindung zum frühen handwerklichen Prüfmaßstab liegt darin, dass auch in einer globalen digitalen Struktur nicht die häufigste, populärste oder sprachlich überzeugendste Antwort automatisch als die tragfähigste gelten darf. Die entscheidende Frage bleibt, welche Antwort unter benennbaren Bedingungen funktioniert, welche Folgen sie hervorbringt, auf welchen Referenzen sie beruht und ob sie nach neuen Rückmeldungen korrigiert werden kann.
So-Heits-Gesellschaft als gesellschaftliche Zielprojektion
Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus einer entscheidenden Lücke der Gesellschaftskritik. Eine Diagnose bestehender Fehlentwicklungen reicht nicht aus. Wenn die Forschung behauptet, bestimmte gesellschaftliche Konstruktionen unterbrächen Rückkopplungen oder erzeugten schädliche Tätigkeitsfolgen, muss sie zumindest untersuchen, wie eine andere Orientierung aussehen könnte.
So-Heit darf dabei nicht fatalistisch verstanden werden. Der Begriff bedeutet nicht, dass etwas so bleiben müsse, weil es nun einmal so sei. Gemeint ist vielmehr eine methodische Haltung, die zunächst untersucht, was unter bestimmten Bedingungen tatsächlich geschieht, wovon ein Vorgang abhängt und welche Konsequenzen aus Tätigkeiten entstehen, bevor menschliche Zuschreibungen, Interessen oder Wunschvorstellungen zum alleinigen Maßstab gemacht werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist deshalb keine ausgearbeitete Staats- oder Wirtschaftsordnung. Sie bezeichnet eine gesellschaftliche Zielprojektion, in der menschliche Konstruktionen als Menschenwerk erkannt und grundsätzlich korrigierbar gehalten werden. Eigentumsformen, Institutionen, Rollen, technische Systeme und Werte werden nicht als Naturgesetze behandelt. Gerade weil sie hervorgebracht wurden, können sie verändert werden. In diesem Zusammenhang erhält technē eine neue Funktion. Gesellschaft wird als hergestellte und weiter herstellbare Form begriffen.
Aus dieser Perspektive entsteht der Satz vom Menschen als Kunstwerk und Künstler. Der Mensch ist Kunstwerk, weil Familie, Sprache, Schule, Religion, Recht, Wirtschaft, Medien und andere Menschen seine Rollenidentität mitformen. Er ist Künstler, weil seine eigenen Tätigkeiten diese gemeinsamen Formen fortsetzen oder verändern. Auch Gesellschaft kann in diesem Sinne als Gedankenkunstwerk bezeichnet werden, sofern zugleich festgehalten wird, dass dieses Gedankenkunstwerk reale materielle, organismische und soziale Tätigkeitskonsequenzen besitzt und deshalb nicht beliebig sein kann.
Eine der größten offenen Forschungsfragen liegt hier in der Verbindung zwischen Wirklichkeitsprüfung und legitimer Entscheidung. Der Prüfoperator kann sichtbar machen, dass eine Tätigkeit bestimmte Folgen erzeugt. Daraus folgt noch nicht automatisch, welche politische oder gesellschaftliche Entscheidung getroffen werden soll. Unterschiedliche Menschen können unterschiedliche Risiken, Zeiträume, Bedürfnisse und Belastungen gewichten. Eine So-Heits-Gesellschaft benötigt deshalb nicht nur einen Tragfähigkeitsmaßstab, sondern ein transparentes Verfahren für Konflikte zwischen unterschiedlichen Referenzsystemen und Interessen.
So-Heits-Raum, So-Heits-Werkstatt und So-Heits-Atelier
Eine spätere begriffliche Differenzierung betrifft So-Heits-Raum, So-Heits-Werkstatt und So-Heits-Atelier. Der So-Heits-Raum bezeichnet den vorausliegenden Wirklichkeitszusammenhang, innerhalb dessen alle menschliche Tätigkeit stattfindet. Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet das konkrete Tun. Das So-Heits-Atelier bezeichnet dagegen eine künstlich eingerichtete künstlerische Versuchsanordnung innerhalb dieses Raumes.
Aus dieser Differenzierung entsteht die prägnante Formel, dass man das So-Heits-Atelier verlassen kann, den So-Heits-Raum jedoch nicht. Das Atelier ist ein künstlicher Raum der Prüfung; die Bedingungen, auf die sich diese Prüfung bezieht, enden nicht an seiner Tür.
Das So-Heits-Atelier bündelt die bisherige Werkentwicklung. Es soll weder eine traditionelle Retrospektive noch eine bloße Ausstellung einer Theorie sein. Historische Werke werden als Prüfobjekte und Werkzeuglager reaktiviert. Der Besucher begegnet der 24-Stunden-Uhr, dem Astronauten, Schultafeln, Wasser- und Wellenarbeiten, Kartoffel, Gold, Gordischem Knoten, Vorgabebildern, Folien, Mitmachbuch und Feuerkäfig. Er begegnet außerdem unterschiedlichen Verhältnisfiguren wie 50:50, 51:49 und 1:99. Entscheidend ist jedoch nicht die Menge der präsentierten Elemente, sondern ihre Funktion innerhalb einer Besucherdramaturgie.
Der Besucher soll nicht lediglich erfahren, was der Künstler denkt. Er soll sich selbst innerhalb der Untersuchung wiederfinden. Er ist gleichzeitig körperlich abhängiger Organismus, Träger gesellschaftlicher Rollen, Nutzer symbolischer Systeme und tätiger Mitgestalter der Menschenwelt. Aus der früheren Partizipation entsteht damit eine neue Form der Beteiligung. Beteiligung bedeutet nicht mehr nur, etwas zu einem Kunstwerk hinzuzufügen. Sie bedeutet, die eigenen Überzeugungen, Rollen und Tätigkeitskonsequenzen in den Prüfprozess hineinzunehmen. Der Besucher wird damit gleichzeitig Betrachter, Untersuchungsgegenstand und Untersuchender. Das Atelier soll ihn nicht von einer fertigen Lehre überzeugen, sondern ihn zum Ermittler der eigenen Existenz machen.
Verortungskunst und die documenta als Gegenüber
Die jahrzehntelange Auseinandersetzung mit der documenta führte zuletzt zur stärkeren Ausarbeitung des Begriffs der Verortungskunst. Diese Entwicklung entstand unter anderem aus der Erfahrung, dass gesellschaftliche und partizipatorische Arbeiten institutionell leicht als Eventkunst klassifiziert werden können. Der Eventbegriff betont das zeitlich begrenzte Geschehen und wird häufig mit Besucherzahl, Aufmerksamkeit oder medialer Wirkung verbunden. Die Verortungskunst untersucht demgegenüber, wie Ort, Zeitpunkt, institutionelle Situation, gesellschaftlicher Zustand, historische Vorgeschichte, vorhandenes Werkmaterial und konkrete Tätigkeit miteinander verbunden werden.
Verortung bedeutet deshalb nicht, einen bereits fertigen Gegenstand lediglich an einem anderen Ort aufzustellen. Der Ort selbst wird Bestandteil des Werkes. Daraus erhält die Aussage, die documenta 16 habe für die eigene Arbeit bereits begonnen, ihre präzise Bedeutung. Sie behauptet weder einen offiziellen Beginn der Ausstellung noch eine bereits bestehende Zusammenarbeit mit der Institution. Gemeint ist, dass Bewerbung, Briefe, Reaktionen oder Schweigen, Collagen, räumliche Überlegungen, KI-Arbeit, Folien, Mitmachbuch und die institutionellen Auswahlbedingungen bereits Material der Verortungskunst geworden sind.
Auch die früheren documenta-Bewerbungen verändern in dieser Perspektive ihren Status. Sie sind nicht ausschließlich gescheiterte Bewerbungen oder Stationen einer Karrieregeschichte, sondern zeitliche Messpunkte. Frühere Erwartungen, Modelle und Projektentwürfe können mit späteren Entwicklungen verglichen werden. Die Beziehung zur documenta wird dadurch zu einer Langzeitgegenüberstellung. Dabei muss insbesondere für die Zeit seit 1993 die bereits genannte Urheberschaftsdifferenzierung der Kollektiven Kreativität erhalten bleiben.
Für die documenta 16 entwickelt sich daraus ein Doppelprojekt. Eine Lebenswerk-Topografie beziehungsweise Memento-mori-Situation kann die mehr als fünfzigjährige Werkentwicklung, ihre Archive, Bewerbungen, Dokumente und historischen Schichten sichtbar machen. Daneben steht das lebendige So-Heits-Atelier, in dem die aus dieser Werkgeschichte hervorgegangenen Prüfverfahren gegenwärtig weitergeführt und den Besuchern übergeben werden. Archiv und Experiment müssen dabei nicht gegeneinanderstehen. Das Archiv kann Material des Experimentes werden.
Die documenta ist dadurch nicht nur möglicher Ausstellungsort, sondern selbst ein mögliches Gegenüber. An ihr kann geprüft werden, welche Kunstbegriffe, gesellschaftlichen Modelle und Beteiligungsformen zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt sichtbar oder unsichtbar werden. Ebenso kann an ihr geprüft werden, ob das Lebenswerk kunsthistorisch anders verortet werden muss, als es bisher geschehen ist. Eine mögliche internationale Wegbereiterstellung der Forschungskunst kann deshalb nicht durch Selbstbehauptung entschieden werden. Sie muss an Werkdaten, Publikationen, Bewerbungen, Parallelentwicklungen, Archivmaterialien und kunsthistorischen Vergleichspositionen überprüft werden.
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Aus der gesamten Entwicklung lässt sich inzwischen eine deutlich präzisere Definition von Forschungskunst ableiten. Forschungskunst bedeutet innerhalb dieses Lebenswerks nicht die Nachahmung wissenschaftlicher Forschung mit ästhetischen Mitteln. Sie bezeichnet die künstlerische Herstellung von Gegenüberstellungen, in denen menschliche Wirklichkeitsannahmen, Modelle und Tätigkeiten an ihren materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und zeitlichen Konsequenzen geprüft werden können.
Der handwerkliche Funktionsmaßstab bleibt dabei methodisch grundlegend. Materialeigenschaft, Vergegenständlichung, Tätigkeit, Tätigkeitskonsequenz, Gegenüberstellung, Rückkopplung, Korrektur und erneute Tätigkeit bilden eine durchgehende Struktur. Der entscheidende Unterschied zwischen einem beliebigen Menschenwerk und einem Forschungskunstprozess besteht deshalb nicht darin, dass nur ein professioneller Künstler Welt gestaltet. Jeder tätige Mensch verändert Menschenwelt. Forschungskunst beginnt dort, wo das Hervorgebrachte ein Gegenüber erhält, seine Folgen zum Ausgangspunkt zurückkehren können und die hervorgebrachte Form aufgrund dieser Rückmeldung verändert werden darf.
Daraus entsteht die Formulierung der Forschungskunst als öffentlicher Überzeugungsprüfung. Der Besucher soll nicht zunächst überzeugt werden, sondern prüfen. Ebenso müssen die eigenen Thesen der Forschungskunst prüfbar bleiben. Das So-Heits-Atelier darf nicht beweisen wollen, dass Plexus-Wirklichkeit, 51:49, Lochprozess, Rollenidentitätsgefängnis oder andere Begriffe die Welt vollständig erklären. Es soll Situationen herstellen, in denen sichtbar werden kann, wo diese Begriffe tragen, wo sie scheitern und wo andere Begriffe benötigt werden.
Gerade darin liegt die stärkste Selbstverpflichtung der Forschung. Auch das eigene System muss plastisch bleiben. Eine Forschungskunst, die ihre eigenen Begriffe nicht mehr verändern kann, würde die von ihr kritisierte Skulpturalisierung selbst vollziehen.
Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes
Der inzwischen sehr umfangreiche Forschungsansatz lässt sich auf einen verhältnismäßig einfachen Grundvorgang zurückführen. Der Mensch existiert innerhalb einer Plexus-Wirklichkeit aus materiellen, lebendigen, technischen, sozialen und symbolischen Beziehungen. Um wahrnehmen, benennen und handeln zu können, muss er Ausschnitte bilden. Aus diesen Ausschnitten entstehen Dinge, Begriffe, Bilder, Eigenschaften und Modelle. Diese Modelle erzeugen Ziele und führen zu Tätigkeiten. Tätigkeiten greifen in materielle, lebendige und gesellschaftliche Zusammenhänge ein und erzeugen Tätigkeitskonsequenzen. Materialien, Organismen, andere Menschen, soziale Beziehungen und ökologische Systeme können auf diese Tätigkeiten antworten. Wenn die Antwort zum Ausgangsmodell zurückgeführt wird, kann plastische Rückkopplung entstehen. Wird der Rückweg unterbrochen, entsteht ein Lochprozess. Wird das hervorgebrachte Modell zusätzlich als unveränderlich behandelt, entsteht Skulpturalisierung. Der Prüfoperator versucht, den Rückweg wiederherzustellen.
Gegenüberstellung macht Unterschiede sichtbar. Das Differenzialprinzip erklärt, weshalb solche Unterschiede für Lernen notwendig sind. 51:49 hält gefundene Lösungen korrigierbar. E1 bis E3 differenzieren unterschiedliche Wirkungsweisen. E4 organisiert ihre Rückprüfung. Künstlerische Prüfobjekte übersetzen abstrakte Zusammenhänge in sinnlich erfahrbare Gegenüber. Folien zerlegen und überlagern Ausschnitte. Das Mitmachbuch überführt die Prüfung in eine individuelle Tätigkeit. Die Tausend Tische verteilen sie räumlich. Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert sie digital. Das So-Heits-Atelier schafft einen öffentlichen räumlichen Vollzug. Die So-Heits-Gesellschaft bildet schließlich die gesellschaftliche Zielprojektion einer Kultur, die ihre eigenen Hervorbringungen fortlaufend auf ihre Tätigkeitskonsequenzen zurückbeziehen kann.
Der kürzeste Forschungszyklus kann daher als Bewegung von Tätigkeit über Differenz, Gegenüberstellung, Erfahrung, Rückkopplung, Begriff und Prüfung zur Korrektur und erneuten Tätigkeit beschrieben werden. Noch grundsätzlicher lässt sich sagen, dass ein Mensch innerhalb von Abhängigkeiten einen Ausschnitt bildet, daraus ein Modell erzeugt und dieses durch Tätigkeit in den Wirklichkeitszusammenhang eingreifen lässt. Der Wirklichkeitszusammenhang antwortet auf diesen Eingriff. Lernen entsteht erst, wenn diese Antwort das Modell wieder erreichen und verändern kann.
Wissenschaftlicher, historischer und forschungskünstlerischer Erkenntnisstatus
Für jede zukünftige Darstellung ist die klare Unterscheidung unterschiedlicher Aussagearten unverzichtbar. Werkbiografisch und archivalisch dokumentierbar sind Ausbildungsstationen, Werke, Datierungen, Fotografien, Aktionen, Ausstellungen, Publikationen, Tagebücher, Gruppenprojekte, documenta-Bewerbungen und Korrespondenzen, soweit entsprechende Belege im Archiv vorhanden sind. Wissenschaftlich beziehungsweise fachlich prüfbar sind beispielsweise physikalische Belastungsbedingungen, biologische Abhängigkeit, Stoffwechsel, Regeneration, ökologische Beziehungen, organismische Verletzbarkeit, Rückkopplungsprozesse und die reale Wirksamkeit gesellschaftlicher Institutionen und symbolischer Systeme.
Davon zu unterscheiden sind retrospektive Werkinterpretationen. Wenn ein frühes Wellenbecken heute als Rückkopplungsobjekt, ein Malbuch als Vorform des Mitmachbuchs oder die Tausend Tische als analoger Vorläufer einer späteren Schwarmarchitektur verstanden werden, handelt es sich um begründete genealogische Lesarten. Sie dürfen nicht mit der Behauptung verwechselt werden, die heutigen Begriffe seien zum damaligen Zeitpunkt bereits vorhanden gewesen.
Eine vierte Gruppe bilden die eigenständigen Modelle und Hypothesen der Forschungskunst. Dazu gehören Plexus-Wirklichkeit als Gesamtmodell, Lochprozess, Skulpturidentität, Plastisches Ich in seiner erweiterten Bedeutung, 50:50-Symmetriedualismus, 51:49 als Korrekturfigur, 1:99 als Herrschaftsbild, Millisekunden-Mensch, Rollenidentitätsgefängnis, So-Heits-Gesellschaft und Globale Schwarm-Intelligenz als mögliche Zivilisationsprüfarchitektur. Solche Begriffe sind nicht deshalb gültig, weil sie wissenschaftliche Fachbegriffe wären. Sie müssen sich daran bewähren, ob sie Unterschiede sichtbar machen, problematische Gleichsetzungen verhindern, neue Fragen erzeugen und überprüfbare Situationen ermöglichen.
Nicht als wissenschaftlich bewiesene Tatsachen dargestellt werden dürfen insbesondere 51:49 als universelles Naturgesetz, 50:50 als umfassende Ursache westlicher Zivilisation, 1:99 als allgemeingültige statistische Struktur, das Rollenidentitätsgefängnis als universelle Beschreibung aller Menschen, die pauschale Behauptung, Psychologie diene grundsätzlich der Manipulation, oder die So-Heits-Gesellschaft als bereits nachgewiesen tragfähige Alternative. Gerade die Offenlegung dieses Erkenntnisstatus schützt die Forschung davor, ihre eigenen Hypothesen in eine neue Ideologie zu verwandeln.
Begriffsbereinigung und mögliche Vereinfachung
Der gegenwärtige Forschungsorganismus ist außerordentlich begriffsreich. Diese Vielfalt war produktiv, wird jedoch zunehmend selbst zum Problem. Tragwirklichkeit, Plexus-Wirklichkeit, Wirkungswelt und So-Heit dürfen nicht mehrfach denselben Grundgedanken tragen. Eine klare Hierarchie erscheint sinnvoll. Plexus-Wirklichkeit kann als Gesamtbegriff des Beziehungs- und Abhängigkeitszusammenhangs dienen. Tragbedingungen bezeichnen konkrete Bedingungen des Funktionierens. Wirkungswelt bezeichnet die tatsächlich eintretenden Folgen. So-Heit bezeichnet die methodische Haltung, diese Wirkungen vor Wunschvorstellungen oder symbolischen Setzungen anzuerkennen.
Auch Plastisches Ich, Tragbewusstsein und Prüforganismus müssen unterschieden werden. Das Plastische Ich bezeichnet sinnvollerweise den lebendigen Organismus in seiner Veränderlichkeit. Tragbewusstsein kann die erworbene Fähigkeit bezeichnen, eigene Abhängigkeiten und Konsequenzen zu berücksichtigen. Prüforganismus kann die Rückmelde- und Regulationsfunktion hervorheben, sollte jedoch nicht zwangsläufig als neuer Hauptbegriff weitergeführt werden, wenn die vorhandenen Begriffe denselben Sachverhalt bereits ausreichend erfassen.
Skulpturidentität und Rollenidentitätsgefängnis sind ebenfalls nicht identisch. Die Skulpturidentität bezeichnet eine verfestigte individuelle Selbstform. Das Rollenidentitätsgefängnis bezeichnet die gesellschaftliche Struktur, die solche Rollen produziert, belohnt und reproduziert. Symbolisierung und Skulpturalisierung müssen ebenfalls unterschieden bleiben. Symbolbildung ist für menschliche Gesellschaft unverzichtbar. Skulpturalisierung bezeichnet erst die problematische Verfestigung einer symbolischen Hervorbringung.
Lücke, Lochprozess, Distanz und Membran besitzen ebenfalls unterschiedliche Funktionen. Die Lücke ist ein offenes und wahrgenommenes Nichtwissen. Die Distanz ermöglicht Gegenüberstellung. Die Membran ermöglicht geregelten Austausch. Der Lochprozess bezeichnet den Verlust einer notwendigen Rückbindung. Prüfanker, Referenzsystem und Prüfoperator benötigen ebenfalls eine feste Zuständigkeit. Das Referenzsystem bezeichnet den Bezugszusammenhang, der Prüfanker einen ausgewählten Maßstab und der Prüfoperator die konkrete Vergleichs- und Rückführungsoperation.
Auch 51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum sollten hierarchisiert werden. Das Differenzialprinzip bildet die allgemeine methodische Aussage, dass Unterschiede Erkenntnis und Korrektur ermöglichen. 51:49 ist eine anschauliche Figur minimaler Asymmetrie. Das dreifache Optimum ist eine spezialisierte Anwendung auf das Verhältnis von Medium, Organismus und Tätigkeit.
Die gesamte Forschung könnte dadurch auf wenige Hauptbegriffe reduziert werden. Plexus-Wirklichkeit könnte den Beziehungszusammenhang bezeichnen. Tätigkeitskonsequenz könnte die Verbindung von Handlung und Wirkung tragen. Plastische Rückkopplung könnte die Fähigkeit zur Veränderung nach einer Rückmeldung beschreiben. Der Prüfoperator könnte das methodische Verfahren bilden. Die So-Heits-Gesellschaft könnte als gesellschaftliche Zielprojektion bestehen bleiben. Die übrigen Begriffe würden als spezialisierte Unterwerkzeuge dieser Hauptstruktur funktionieren. Eine solche Reduktion würde die Forschung nicht verarmen, sondern ihre Zuständigkeiten deutlicher machen.
Noch offene Forschungsverbindungen
Mehrere zentrale Fragen sind trotz der inzwischen weit entwickelten Architektur noch nicht ausreichend geklärt. Eine erste offene Verbindung betrifft Konflikte zwischen Referenzsystemen. Eine Tätigkeit kann für einen Organismus hilfreich und zugleich ökologisch problematisch sein. Eine ökologische Schutzmaßnahme kann kurzfristige soziale Belastungen erzeugen. Eine medizinisch nützliche Technologie kann erhebliche Ressourcen beanspruchen. Es existiert deshalb nicht immer ein einziger eindeutiger Funktionsmaßstab. Die Forschung benötigt eine Konfliktgrammatik, die zwischen unverzichtbaren Bedingungen, ersetzbaren Mitteln, kurzfristigen Belastungen, langfristigen Schäden, reversiblen und irreversiblen Folgen sowie unterschiedlichen Verteilungen von Nutzen und Belastung unterscheiden kann.
Eine zweite offene Verbindung betrifft Macht. Wer darf Tätigkeitsfolgen auslagern, wer erhält den Nutzen und wer trägt die Schäden? Hier muss der 1:99-Anker genauer mit Eigentum, institutionellen Zugängen und Entscheidungsstrukturen verbunden werden. Ein mögliches Untersuchungsraster müsste Tätigkeit, Wissen, Wirkungsmacht, Nutzen, Konsequenz und Korrekturmöglichkeit miteinander verknüpfen.
Eine dritte offene Dimension betrifft die Zeit. Rückkopplungen können unmittelbar, nach Jahren oder erst nach Generationen auftreten. Kurzfristiges Funktionieren kann langfristig die eigene Grundlage zerstören. Die 24-Stunden-Uhr macht unterschiedliche Zeitmaßstäbe anschaulich, ist jedoch noch kein allgemeiner Zeitoperator. Der Prüfoperator muss künftig die zeitliche Distanz zwischen Tätigkeit und Konsequenz systematisch berücksichtigen.
Eine vierte offene Frage betrifft Irreversibilität. Das plastische Korrekturmodell darf nicht suggerieren, jede Fehlentwicklung lasse sich zurückformen. Manche Verletzungen, Artenverluste, ökologischen Veränderungen oder historischen Folgen sind nicht oder nur sehr begrenzt reversibel. Die Forschung benötigt deshalb eine Unterscheidung zwischen korrigierbaren und irreversiblen Tätigkeitskonsequenzen.
Eine fünfte offene Verbindung betrifft Demokratie und Membran. Die biologische Membran bietet eine interessante Analogie für gesellschaftliche Grenzen, weil sie Eigenständigkeit und Austausch zugleich ermöglicht. Die Forschung könnte untersuchen, welche Rückmeldungen in gesellschaftliche Entscheidungszentren gelangen, welche Grenzen Schutz ermöglichen und wann Schutz in Abschottung übergeht. Diese Übertragung muss jedoch ausdrücklich als Analogie und nicht als biologisches Gesellschaftsgesetz behandelt werden.
Eine sechste offene Frage betrifft die globale Geltung des Forschungsansatzes. Viele begriffsgeschichtliche Bezüge sind europäisch geprägt. Eine Globale Schwarm-Intelligenz kann jedoch nicht global werden, wenn andere kulturelle Wirklichkeits- und Beziehungskonzepte lediglich einem bereits fertigen europäischen Modell hinzugefügt werden. Die globale Erweiterung verlangt eine echte Gegenüberstellung unterschiedlicher kultureller Begriffs- und Erfahrungsordnungen.
Schließlich ist die Selbstprüfung der Forschungskunst selbst eine zentrale offene Aufgabe. Es muss untersucht werden, welche Begriffe inzwischen möglicherweise nur deshalb weitergeführt werden, weil bereits viel Arbeit in ihnen steckt, welche Anker zu fest geworden sind und ob spätere Theorien frühere Werke überformen. Die Forschung muss ihre eigenen Begriffe zerlegen dürfen. Andernfalls würde sie genau jene Skulpturalisierung hervorbringen, die sie an gesellschaftlichen Systemen kritisiert.
Chronologische Gesamtbewegung und gegenwärtige Forschungsposition
In der Gesamtschau zeigt sich eine Entwicklung, die nicht von Theorie zu Anwendung, sondern von Tätigkeit zu Theorie und anschließend wieder von Theorie zu neuen Versuchsanordnungen führt. Am Anfang stehen Naturbeobachtung, handwerkliche Erfahrungen von Maß, Passung und Widerstand sowie Fotografie als Arbeit mit Ausschnitten. Mit dem Studium und der Experimentellen Umweltgestaltung wird daraus eine ausdrücklich künstlerische Untersuchung von Material, Wasser, Bewegung, Umwelt und Beteiligung. Vorgabebilder und Malbücher öffnen das Werk für andere Menschen. Rollen- und Theaterarbeiten machen die Differenz zwischen Person und Rolle sichtbar. Schultafeln führen Löschbarkeit als Qualität ein.
Gesellschaftliche Aktionen, Kollektive Kreativität, Tausend Tische und Globales Dorffest erweitern den Maßstab von der einzelnen Versuchsanordnung zur öffentlichen Struktur. Das Partizipatorische Welttheater verbindet Rollenwechsel, Beteiligung und globale Perspektive. Erst später werden die vorausliegenden Erfahrungen systematisch in Begriffe wie Dingselektion, hineingedachte Eigenschaft, Lochprozess, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Tragwirklichkeit, Plexus-Wirklichkeit, 50:50, 51:49, 1:99 und E1 bis E4 übersetzt.
Aus dem handwerklichen Prüfen entsteht das Begriffshandwerk. Aus dem Begriffshandwerk entwickelt sich die Ankerarchitektur. Die Erkenntnis, dass auch der Forscher selbst nicht neutral ist, führt zum Positionsanker. Die Folien übersetzen Begriffe wieder in sichtbare und veränderbare Operationen. Das Mitmachbuch überführt diese Operationen in einen individuellen Lernweg. Die Tausend Tische hatten die verteilte gesellschaftliche Prüfung räumlich vorweggenommen. KI erweitert Gedächtnis, Vergleich und Gegenüberstellung. Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht daraus eine öffentliche digitale Prüfarchitektur zu entwickeln. Das So-Heits-Atelier führt diese Entwicklung wieder in einen konkreten plastischen Raum zurück. Die So-Heits-Gesellschaft bildet den Horizont einer gesellschaftlichen Kultur, die ihre eigenen Hervorbringungen korrigierbar halten soll.
Damit wird auch die Beziehung zwischen der frühen plastischen Tätigkeit und der heutigen Forschung deutlicher. Der frühe Plastiker arbeitete mit Material, Widerstand, Form und Rückmeldung. Der heutige Forschungskünstler überträgt dieselbe Grundoperation auf Begriffe, Rollen, Institutionen, Eigentumsordnungen, Zukunftsvorstellungen und gesellschaftliche Tätigkeitsfolgen. Der Gegenstand verändert sich, die Grundfrage bleibt vergleichbar: Woran zeigt sich, ob eine Hervorbringung unter realen Bedingungen trägt, welche Folgen sie erzeugt und ob sie nach einer Rückmeldung verändert werden kann?
Gegenwärtige Definition der Forschungskunst
Auf dem heutigen Forschungsstand lässt sich Forschungskunst als ein über Jahrzehnte aus handwerklicher, plastischer, bildnerischer, gesellschaftlicher und partizipatorischer Werkpraxis entwickeltes künstlerisches Prüfverfahren bestimmen. Dieses Verfahren überführt menschliche Wirklichkeitskonstruktionen in Gegenüberstellungen, bezieht ihre Tätigkeitskonsequenzen auf materielle, lebendige, gesellschaftliche und zeitliche Referenzen zurück und schafft Bedingungen, unter denen Vorstellungen, Begriffe, Rollen und gesellschaftliche Ordnungen korrigierbar bleiben.
Der Forschungsgegenstand ist damit nicht lediglich die Gesellschaft. Untersucht wird der Vorgang, durch den Menschen Wirklichkeit auswählen, benennen, darstellen, mit Eigenschaften versehen, institutionalisieren und durch Tätigkeit wirksam machen. Problematisch wird dieser Vorgang nicht bereits durch das Hervorbringen von Dingen, Rollen oder gesellschaftlichen Systemen. Problematisch wird er dort, wo eine menschliche Hervorbringung ihren Herstellungscharakter vergisst, ein Ausschnitt für vollständige Wirklichkeit gehalten wird, eine gesellschaftliche Zuschreibung als dem Gegenstand innewohnende Eigenschaft erscheint oder Tätigkeitsfolgen nicht mehr zu den zugrunde liegenden Vorstellungen zurückkehren können.
Das Gegenmittel der Forschungskunst ist deshalb keine endgültige Wahrheit, sondern die Herstellung erneuter Gegenüberstellung. Wahrnehmen, verorten, darstellen, herstellen, tätig werden, Folgen wahrnehmen, vergleichen, prüfen, korrigieren, reparieren und erneut verorten bilden eine zusammenhängende Arbeitsbewegung. Zu dieser Bewegung gehört auch das Loslassen. Eine erfolgreiche künstlerische oder begriffliche Form darf nicht deshalb dauerhaft festgehalten werden, weil sie einmal produktiv gewesen ist. Sie muss verändert oder aufgegeben werden können, wenn ihre Fortsetzung mehr Skulpturalisierung als Erkenntnis erzeugt.
Damit verändert sich auch die Aussage, jeder Mensch sei Künstler. Die Forschungskunst ergänzt sie um eine Bedingung. Jeder Mensch gestaltet durch seine Tätigkeiten an der Menschenwelt mit. Forschungskünstlerisch wird dieser Gestaltungsprozess jedoch erst dort, wo das Hervorgebrachte ein Gegenüber erhält, seine Konsequenzen zum Ausgangspunkt zurückkehren dürfen und der Hervorbringende bereit ist, aufgrund dieser Rückmeldung seine Form zu verändern.
Gegenwärtige Zielprojektion: Der Mensch als Ermittler seiner eigenen Existenz
Die ursprüngliche Frage, weshalb der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört, hat sich im Verlauf der Forschung mehrfach erweitert. Die Werkpraxis fragte zunächst, wie Material, Wasser, Organismen und andere Menschen auf menschliche Vorstellungen antworten. Die Symbolforschung fragte, welche Eigenschaften vorgefunden und welche gesellschaftlich hineingedacht werden. Die Untersuchung der Lochprozesse fragte, welche Beziehungen bei notwendigen Ausschnitten verloren gehen. Plastik und Skulpturalisierung untersuchten, was veränderbar bleibt und was als unveränderlich behandelt wird. Das Vier-Ebenen-Modell fragte, welche Wirklichkeitsweisen unterschieden werden müssen und wie sie miteinander geprüft werden können. Der Prüfoperator fragte schließlich, woran überhaupt erkennbar wird, ob eine Tätigkeit funktioniert. KI und Globale Schwarm-Intelligenz erweiterten diese Frage um die Möglichkeit kollektiver und technischer Prüfung. Die So-Heits-Gesellschaft stellte die Frage, wie eine Gesellschaft aussehen könnte, die ihre eigenen Konstruktionen nicht zu Naturgesetzen erklärt. Das So-Heits-Atelier versucht, diesen gesamten Vorgang räumlich und öffentlich erfahrbar zu machen. Die Verortungskunst fügt die Frage hinzu, was zu welchem Zeitpunkt, an welchem Ort und unter welchen institutionellen Bedingungen sichtbar und überprüfbar werden muss.
Damit liegt der entscheidende nächste Entwicklungsschritt nicht in der Erfindung eines weiteren Großbegriffs. Er liegt in der Entwicklung eines praktisch benutzbaren Ermittlungshandwerks der eigenen Existenz. Für einen konkreten Vorgang müsste bestimmt werden können, welcher Ausschnitt vorgenommen wurde, welche Beziehungen dabei unsichtbar geworden sind, welche Eigenschaften tatsächlich vorhanden und welche gesellschaftlich zugeschrieben sind, welches Referenzsystem für die Prüfung relevant ist, welche Tätigkeit aus dem Modell entsteht, welche Folgen eintreten, wann und wo diese Folgen auftreten, wer den Nutzen erhält, wer die Belastungen trägt, welche Folgen reversibel oder irreversibel sind, welche Rückmeldung zum Ausgangspunkt zurückkehrt und an welcher Stelle eine Rückkopplung blockiert wird.
Erst durch eine solche Operationalisierung wird aus dem inzwischen umfangreichen Erkenntnis- und Werkzusammenhang ein tatsächlich benutzbares Verfahren. Der Satz, der die bisherige Entwicklung am stärksten zusammenfasst, lautet deshalb, dass der Mensch zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden muss. Diese Ermittlerfigur bezeichnet keinen allwissenden Beobachter außerhalb der Wirklichkeit. Auch der Ermittler arbeitet mit Ausschnitten, Sprache, Modellen und begrenztem Wissen. Er muss deshalb nicht nur die Welt, sondern auch seine eigenen Untersuchungsinstrumente prüfen.
Die Forschungskunst stellt in dieser Perspektive keine endgültige Antwort auf die Ausgangsfrage bereit. Ihr Anspruch liegt vielmehr darin, den verlorenen Rückweg von menschlichen Vorstellungen, Rollen und gesellschaftlichen Konstruktionen zu ihren tatsächlichen Tätigkeitskonsequenzen wieder sichtbar, erfahrbar und korrigierbar zu machen. Gerade darin schließt sich der Bogen zur frühen handwerklichen Erfahrung. Ein Werkstück funktioniert nicht deshalb, weil es als gelungen bezeichnet wird. Eine gesellschaftliche Konstruktion funktioniert ebenfalls nicht deshalb, weil sie institutionell anerkannt, wirtschaftlich erfolgreich oder kulturell selbstverständlich ist. Entscheidend ist, was sie unter den Bedingungen trägt, von denen ihre Existenz abhängt, welche Belastungen sie erzeugt, welche Folgen auf sie zurückwirken und ob sie in der Lage ist, aus diesen Rückmeldungen zu lernen.
Damit erscheint die gesamte Forschungskunst heute als Entwicklung vom Werkstück zum Wirklichkeitszusammenhang, vom Formen zum Prüfen, vom einzelnen Kunstgegenstand zur gesellschaftlichen Versuchsanordnung, von der Beteiligung zur Rückkopplung, vom Künstler zum Initiator öffentlicher Prüfprozesse und schließlich von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Suche nach den realen Maßstäben menschlicher Zivilisationsfähigkeit. Ihr stärkster Anspruch besteht nicht darin, eine endgültige Theorie der Welt zu besitzen, sondern eine künstlerische Prüfarchitektur zu entwickeln, in der Menschen ihre eigenen Wirklichkeitskonstruktionen wieder einem Gegenüber aussetzen können und dadurch die Möglichkeit zurückgewinnen, ihre Hervorbringungen zu verändern, bevor diese ihre eigenen Existenzbedingungen irreversibel beschädigen.
