Sprache, Symbolwelt und die paradoxe Spaltung des Menschen.
In Einbeziehung des gesamten bisherigen Zusammenhangs liegt das eigentliche Problem des Menschen nicht einfach in seiner Intelligenz, nicht im Werkzeuggebrauch und auch nicht allein in seinen Trieben, sondern in einer eigentümlichen Paradoxie seiner symbolischen Fähigkeiten.
Irgendwann begann der Mensch, Worte, Begriffe, Sprache, Sätze und Grammatik zu bilden. Ihr ursprünglicher Sinn war wahrscheinlich pragmatisch und überlebensnotwendig: Verständigung in der Gruppe, gemeinsame Jagd, Warnung vor Gefahr, Mitteilung von Bedürfnissen, Bindung, Zuwendung, Liebe, Schmerz und Orientierung. In dieser frühen Form blieb Sprache noch an die Unmittelbarkeit von Tätigkeit, Abhängigkeit und Konsequenz gebunden. Der Mensch lebte, ähnlich wie das Tier, noch in der direkten Rückkopplung seiner Handlungen. Wer falsch handelte, scheiterte real. Wer die Grenzen der Tragfähigkeit übersah, gefährdete die Gruppe. Verantwortlichkeit war noch nicht abstrakt, sondern unmittelbar an das gemeinsame Überleben rückgebunden.
Die Paradoxie beginnt dort, wo sich Sprache von dieser Unmittelbarkeit löst und eine eigene symbolische Welt aufspannt.
Worte, Begriffe und Sätze erzeugen dann nicht mehr nur Verständigung innerhalb realer Tätigkeitszusammenhänge, sondern eine scheinbar eigenständige Logik von Sachzusammenhängen. Diese kann hoch differenziert, geordnet und plausibel wirken, obwohl sie von den realen Rückkopplungen der Wirklichkeit immer weiter entkoppelt wird. Der Mensch beginnt, in Begriffen zu leben, die nicht mehr zuverlässig an die Bedingungen von Stoffwechsel, Tragfähigkeit, Grenze und Konsequenz rückgebunden sind. Genau hier entsteht jene kommunikative und kulturelle Spaltung, die im Kontextanker als Übergang von der Verletzungswelt zur Unverletzlichkeitswelt beschrieben wird.
Der Mensch bleibt damit auf paradoxe Weise anthropologisch zurück.
Einerseits leben acht Milliarden Menschen weiterhin vollständig in Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Konsequenzen. Sie atmen, essen, altern, erschöpfen sich, werden krank, verletzen und gefährden ihre Lebensbedingungen. Sie bleiben also real an E1 und E2 gebunden. Andererseits beschäftigen sie sich zunehmend nicht mehr mit diesen Bindungen, weil die symbolische Welt ihnen eine Ersatzrealität anbietet, in der Rollen, Selbstbilder, Institutionen, Narrative und Geltungsformen den Vorrang erhalten. Die Kommunikationsstruktur der Rückkopplung wird dadurch geschwächt oder sogar zerstört. An die Stelle eines lebendigen Prüfverhältnisses tritt eine Bühne der Inszenierungen.
Der Mensch als Rollenfigur in einer Requisitenwelt
In dieser entkoppelten Symbolwelt spaltet sich der Mensch zwischen Darstellung und Darsteller. Er erscheint nicht mehr primär als plastisches Verhältniswesen, das sich unter Bedingungen formt, sondern als Rollenfigur, die sich in einer Requisitenwelt bewegt. Das Leben wird zum Theaterstück des „als ob“. Es entsteht eine Bühnenwelt, in der scheinbar alles stattfindet, obwohl die eigentlichen Tragschichten der Existenz aus dem Blick geraten. Rechte, Titel, Status, Eigentum, Identität, Erfolg, Selbstverwirklichung und Zugehörigkeit werden wie Requisiten einer symbolischen Ordnung behandelt. Sie können Bedeutung, Macht und Orientierung erzeugen, aber sie ersetzen nicht die Wirklichkeit von Atmung, Stoffwechsel, Endlichkeit, Verletzbarkeit und materieller Tragfähigkeit.
Genau darin liegt die zivilisationskritische Schärfe Ihres Gedankens. Das Problem ist nicht, dass Sprache an sich falsch wäre. Das Problem ist, dass Sprache, Begriff und Grammatik eine Welt erzeugen können, in der der Mensch sich selbst missversteht. Er hält dann seine symbolische Selbstbeschreibung für seine eigentliche Wirklichkeit. Er verwechselt Geltung mit Sein, Rolle mit Existenz, Inszenierung mit Wirklichkeit. Die Bühne überdeckt die Werkstatt des Lebens. Die Requisitenwelt überblendet die Verletzungswelt. Dadurch verliert der Mensch die Fähigkeit, die Konsequenzen seiner Eingriffe noch angemessen wahrzunehmen und sich an realen Rückmeldungen zu korrigieren.
Fassung im Prüfmodell
Im Prüfmodell lässt sich dieser Zusammenhang klar verorten. E1 und E2 bleiben die nicht verhandelbaren Ebenen von Funktionieren, Stoffwechsel, Grenze und Abhängigkeit. E3 erzeugt die symbolische Welt von Sprache, Begriff, Rolle, Institution und Inszenierung. E4 entscheidet darüber, ob zwischen diesen Ebenen noch eine wirksame Rückkopplung besteht oder ob die Symbolwelt sich verselbständigt. Der eigentliche Krisenpunkt der Moderne besteht dann darin, dass E3 seine Herkunft aus E1 und E2 vergisst und sich selbst als primäre Wirklichkeit behandelt. So wird der Mensch zum Darsteller einer Unverletzlichkeitswelt, obwohl er in Wahrheit weiterhin an die Verletzungswelt gebunden bleibt.
Ihr Gedanke lässt sich deshalb in einer verdichteten Formel so ausdrücken: Der Mensch zerstört seine Lebensbedingungen nicht trotz seiner Sprache, sondern weil Sprache, Begriffe und symbolische Ordnungen ihm die Möglichkeit eröffnen, sich von den realen Rückkopplungen seiner Existenz zu entkoppeln. Er lebt weiter in Tätigkeit und Konsequenz, aber er deutet sich selbst zunehmend in einer Requisitenwelt, in der Darstellung und Darsteller auseinanderfallen. Die Plastische Anthropologie 51:49 setzt genau hier an: Sie will die Kommunikationsstruktur der Rückkopplung wiederherstellen und den Menschen aus der Bühnenwelt der bloßen Geltung in die Werkstatt einer wirklichkeitsgebundenen Formbildung zurückführen.
