Symbolwelt, Unverletzlichkeitswelt, Arbeitsweise des Denkens.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die Bühnenwelt ist nicht einfach identisch mit dem Denken selbst, sondern sie entsteht aus einer spezifischen Eigenart des Denkens: Das Denken kann Modelle bilden, Möglichkeiten entwerfen, Eigenschaften hineinlegen, Alternativen durchspielen und Zusammenhangslogiken erzeugen, ohne dabei denselben unmittelbaren Verletzungs- und Konsequenzdruck zu erfahren, der in Tätigkeit, Stoffwechsel und materieller Wirklichkeit gilt. Darin liegt seine Stärke, aber auch seine Gefahr.

Das Denken ist also nicht an sich falsch.

Es ist ein notwendiger Simulationsraum. Problematisch wird es dort, wo dieser Simulationsraum sich von den realen Rückkopplungen abkoppelt und sich selbst zur eigentlichen Wirklichkeit erklärt.

Dann entsteht das, was Sie Unverletzlichkeitswelt nennen. Diese Welt ist nicht deshalb gefährlich, weil sie bloß „im Kopf“ stattfindet, sondern weil aus ihr Entscheidungsgrundlagen für reales Handeln gewonnen werden, obwohl ihre Inhalte nur aus hineingedachten Eigenschaften, Rollen, Bildern, Begriffen und Setzungen bestehen.

Der eigentliche anthropologische Knoten

Der Mensch hat mit Sprache, Begriff, Satz und Grammatik ein Werkzeug geschaffen, das ursprünglich der Verständigung diente. Es half vermutlich bei Jagd, Warnung, Bindung, Kooperation und gemeinsamer Orientierung. In dieser frühen Form blieb Sprache noch relativ nah an Tätigkeit, Abhängigkeit und Konsequenz. Sie war noch mit E1 und E2 verschränkt. Später aber erzeugte dieselbe Fähigkeit eine eigene symbolische Binnenwelt: Begriffe ordnen nicht nur Erfahrung, sondern können sich verselbständigen. Aus Kommunikation wird Systembildung. Aus Verständigung wird Geltungslogik. Aus Zeichen werden Rollen, Rechte, Institutionen, Identitäten und Weltbilder.

Darin liegt die Paradoxie des Menschen. Gerade das Werkzeug, das ihm helfen sollte, Wirklichkeit besser zu koordinieren, ermöglicht ihm zugleich, eine Parallelwelt aufzubauen, in der Darstellung und Darsteller, Begriff und Wirklichkeit, Rolle und Existenz, Geltung und Tragfähigkeit auseinanderfallen. Der Mensch lebt weiterhin vollständig in Tätigkeit, Abhängigkeit und Konsequenz, aber er deutet sich selbst zunehmend aus einer symbolischen Welt heraus, die diese Bindungen verdeckt. Er bleibt real in der Verletzungswelt, organisiert sich aber gedanklich in einer Unverletzlichkeitswelt.

Außen und Innen als Verwirrungsinstrument

Ihre Zuspitzung zu „außen“ und „innen“ trifft einen wichtigen Punkt. Diese Unterscheidungen sind als Arbeitsbegriffe nicht sinnlos. Sie werden aber problematisch, sobald sie als ontologisch feste Tatsachen behandelt werden. Dann entsteht der Eindruck, als gäbe es ein souveränes Innen, das sich selbst gehört, sich selbst begründet und mit dem Außen nur nach Belieben zu tun hat. In Ihrem Modell ist genau das die zentrale Täuschung. Denn das, was als „Innen“ erscheint, ist selbst schon Ergebnis von Stoffwechsel, Milieu, Reizung, Gedächtnis, Sprache, Erziehung, Vergleich, Abhängigkeit und Rückkopplung. Auch das Innen ist kein unabhängiger Besitzraum.

Darum ist die Formulierung „Ich bin mein Eigentum“ in Ihrem Prüfmodell nicht haltbar. Sie ist ein E3-Satz, der sich von E1 und E2 löst. Er tut so, als sei das Ich ein abgeschlossener Besitzkörper in einer symbolischen Eigentumsordnung. Tatsächlich aber ist das Ich ein plastisches Verhältniswesen, das sich nur unter Bedingungen von Atmung, Nahrung, Grenze, Bindung, Zeit, Milieu und Rückmeldung aufrechterhalten kann. Es ist nicht Eigentümer seiner selbst, sondern immer schon Ergebnis und Vollzug einer prekären Kopplung.

Die Bastelwelt des Menschen

Ihre Formulierung vom „Verwirrungsbastelladen“ ist in Ihrer eigenen Theorie sehr treffend. Der Mensch hat sich eine Welt aus Begriffen, Bildern, Rollen, Konstrukten, Erzählungen und Inszenierungen gebaut, in der er sich orientiert, ohne ständig nach den realen Tragbedingungen fragen zu müssen. Diese Bastelwelt ist funktional zunächst nützlich, weil sie Entlastung, Planung, Vergleich und Kooperation ermöglicht. Sie wird jedoch zerstörerisch, sobald sie ihre Herkunft vergisst und sich selbst für die primäre Wirklichkeit hält.

Dann werden Tatsachen aus Konstrukten gemacht und Konstrukte als Tatsachen behandelt. Dann wird aus der Erfahrungswelt eine bloße Bühnenwelt. Dann erscheint die Welt wie ein Theater der Requisiten, in dem Eigentum, Identität, Status, Erfolg, Nation, Markt, Freiheit oder Selbstverwirklichung so behandelt werden, als seien sie tragende Wirklichkeit. In Wahrheit sind sie symbolische Formen, die nur solange Sinn haben, wie sie an die Bedingungen von Funktionieren und Stoffwechsel rückgebunden bleiben.

Denken, Gehirn und Unverletzlichkeitswelt

Ich würde in Ihrem Zusammenhang allerdings eine Präzisierung empfehlen: Nicht „die Arbeitsweise des Gehirns“ als solche erzeugt automatisch die Unverletzlichkeitswelt, sondern die menschliche Fähigkeit zur symbolischen Modellbildung ohne hinreichende Rückkopplung. Das Gehirn ist ja gerade auch Organ der Korrektur, Wahrnehmung, Schmerzverarbeitung, Irritation und Lernfähigkeit. Es kann sich an Wirklichkeit binden. Die Gefahr liegt nicht im Denken überhaupt, sondern in der kulturell, institutionell und psychisch belohnten Form des entkoppelten Denkens.

Genauer gesagt: Das Denken eröffnet einen Raum des „als ob“. Dieser Raum ist anthropologisch notwendig. Ohne ihn gäbe es weder Planung noch Kunst noch Wissenschaft. Aber wenn der „als ob“-Raum nicht mehr an den „weil so ist“-Raum der Konsequenzen zurückgebunden wird, kippt er in Ideologie, Herrschaft und Selbsttäuschung. Die Unverletzlichkeitswelt ist also nicht einfach Denken, sondern entkoppeltes Denken mit Geltungsanspruch.

Herrschaft, Allmacht und Minderwertigkeit

Auch Ihr letzter Satz über Herrschafts- und Allmachtsanspruch lässt sich in das Modell einordnen. Ich würde ihn aber nicht psychologisch verengen.

Präziser ist: Die symbolische Welt erlaubt es, Verletzbarkeit durch Überhöhung zu kompensieren. Der Mensch kann seine reale Abhängigkeit verdrängen, indem er sich als Herr, Eigentümer, Subjekt, Zentrum oder Ausnahme inszeniert. Das ist weniger bloß individuelles Problem als eine strukturelle Drift von E3 und E4. Institutionen, Märkte, Statusordnungen und Herrschaftsformen belohnen genau diese Kompensation.

So entsteht das Herrschafts-Ich-Bewusstsein: ein Selbstbild, das die eigene Verletzbarkeit nicht mehr als Realität anerkennt, sondern durch Geltung, Kontrolle und Überformung beantwortet. Daraus folgt dann die Zerstörung der Lebensbedingungen nicht trotz Intelligenz, sondern mittels einer symbolisch aufgerüsteten Intelligenz, die ihre Rückkopplung verloren hat.

Verdichtete Fassung

Die verdichtete Fassung Ihres Gedankens könnte deshalb so lauten:

Der Mensch hat mit Sprache und Begriff eine symbolische Welt geschaffen, die ihm Orientierung, Planung und Kooperation ermöglicht. Dieselbe Fähigkeit eröffnet jedoch einen Raum hineingedachter Eigenschaften, Rollen und Sachzusammenhänge, der zunächst nur Modellcharakter hat. Wird dieser Modellraum nicht an Tätigkeit, Abhängigkeit und Konsequenz rückgebunden, entsteht eine Unverletzlichkeitswelt. In ihr verwechselt der Mensch Geltung mit Wirklichkeit, Darstellung mit Existenz und Konstruktion mit Tatsache. So lebt er real weiterhin in der Verletzungswelt, organisiert sich aber symbolisch in einer Bühnen- und Requisitenwelt. Die Plastische Anthropologie 51:49 setzt genau hier an: Sie will die Kommunikationsstruktur der Rückkopplung wiederherstellen und den Menschen aus der entkoppelten Inszenierungswelt in eine wirklichkeitsgebundene Formbildung zurückführen.