Systemkritik & Widerstand durch Kunst

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Wie lässt sich ein neuer, künstlerisch inspirierter Zugang zur Welt entwickeln, der neurobiologisch kohärent, sozial verantwortlich und kulturell tragfähig ist? Diese Frage wollen wir uns hier stellen – auf der Plattform der globalen Schwarm Intelligenz.

11. Natur und kosmisches Bewusstsein

Der Mensch zwischen Natur, Darstellung und Konstruktion – Über Stofflichkeit, Selbstbild und die Grenzen des Ich.

Das Bild eines mit einem Baum verschmolzenen Menschen eröffnet ein vielschichtiges Sinnbild für Fragen der Identität, Authentizität und Wahrhaftigkeit. Es verweist auf eine anthropologische Grundkonstante: die existenzielle Unvollständigkeit des Menschen und seine fundamentale Abhängigkeit von natürlichen Lebensgrundlagen. Der Mensch ist in seinen elementarsten Lebensvollzügen – Atmung, Wasseraufnahme, Lichtverwertung, Nährstoffversorgung – auf äußere Bedingungen angewiesen, die er nicht selbst erzeugen kann.

In diesen Grenz-Bedingungen zeigt sich eine „Membran-Realität" der Rückkopplungen, in der Handlungen Konsequenzen erzeugen, Wirkungen entstehen und Veränderung stattfindet. Es ist kein abgeschlossener Raum, sondern ein dynamischer Austauschprozess, in dem jede Wirkung eine Reaktion hervorruft – stofflich, ökologisch, sozial oder psychisch. Gerade in dieser tätigen Welt – in der etwas wirkt und verletzt, trägt und entzieht – entsteht die Frage nach dem Ich-Bewusstsein, nach Verantwortung und den Maßstäben, an denen sich Denken, Handeln und Entscheiden orientieren müssten. Wenn Leben nur in wechselseitiger Abhängigkeit möglich ist, dann lässt sich ein Bewusstsein, das sich als unabhängig oder autonom begreift, nicht länger als unbeteiligte Instanz denken. Vielmehr steht es in der Pflicht, jene Wirkungen anzuerkennen, die es selbst – ob durch Tun oder Unterlassen – hervorbringt.

Maßstäbe sind dabei nicht beliebig oder rein kulturell gesetzt, sondern lassen sich am Körper selbst nachvollziehen: Der menschliche Organismus enthält eine Vielzahl biologischer Referenzsysteme, in denen Mindest- und Maximalwerte – etwa für Temperatur, Sauerstoffsättigung, Blutzucker oder pH-Wert – das Maß dessen definieren, was lebenserhaltend, gesund oder schädlich ist. Diese körperinternen Referenzwerte liefern konkrete Beispiele dafür, wie Maßstäbe verkörpert und erfahrbar werden – nicht ideell gesetzt, sondern stofflich begründet.

12. Neue Begriflichkeiten: „Unverletzlichkeitswelt" und „Verletzlichkeitswelt"

Im Kontrast dazu lässt sich das Ich-Bewusstsein selbst als ein geistiges Referenzsystem innerhalb einer „Unverletzlichkeitswelt" beschreiben: ein Raum, in dem gedanklich alles durchdrungen, simuliert und überschritten werden kann, ohne dass unmittelbare körperliche Konsequenzen eintreten. Zwischen einem gedachten Minimum (etwa Bedeutungslosigkeit, Kontrollverlust, Auslöschung) und einem gedachten Maximum (Allmacht, Kontrolle, Unangreifbarkeit) bewegt sich das Bewusstsein scheinbar frei. Doch jede gedankliche Maximalüberschreitung, jeder Versuch, die Grenzen des Realen dauerhaft zu ignorieren, führt zu Kipppunkten – individuell (etwa als psychische Überforderung, Selbstverlust) wie kollektiv (etwa in ideologischer Radikalisierung, ökologischer Zerstörung oder technischer Selbstüberschätzung).

Diese Illusion von geistiger Unverletzlichkeit setzt sich in der gesellschaftlich-ökonomischen Wirklichkeit fort: Der moderne Mensch versteht sich zunehmend als Produkt, als Ware, als Akteur eines „Ich-Geschäfts“, in dem er sich selbst vermarktet, optimiert, verkauft – im Kaufen und Verkaufen seiner Fähigkeiten, seines Wissens, seiner Kreativität. Was als Ausdruck von Autonomie erscheint, ist häufig nur Funktionalität innerhalb eines ökonomischen Systems. Der Einzelne wird zur Marionette seiner eigenen Marktrolle, in der Intelligenz, Können, Vernunft und Verstand nicht auf lebendige Teilhabe, sondern auf Selbstverwertung ausgerichtet sind.

In diesem Kontext tritt der Mensch als Rollenfigur auf – als Darsteller in einer symbolischen Bühnenwelt, die mit Requisiten, Inszenierungen und codierten Erwartungen operiert. Das „Ich“ wird zur Rollenidentität, zum szenischen Konstrukt innerhalb einer kulturellen Aufführung. Hier findet ein „Als-ob-Handeln“ statt: Die dargestellte Figur bewegt sich in einer symbolischen Unverletzlichkeitswelt, in der Konsequenzen simuliert, aber nicht erlebt werden. Doch der Darsteller – der reale Mensch hinter der Maske – lebt weiterhin in der Verletzungswelt: in einer physikalischen Realität, in der Körper altern, verwundbar sind, leiden, sterben. Zwischen Rolle und Realität entsteht ein Spalt – ein Januskopf, der zwei Welten zugleich bewohnt, aber in keiner ganz aufgeht.

Ein Bild macht diese Spannung sichtbar: Zwei Kartoffelhälften, getrennt durch eine entstehende Möbiusschleife, liegen auf einer Waagschale – eine davon mit goldüberzogener Schale. In ihrer natürlichen Form trägt die Kartoffel das Zeichen der Vergänglichkeit, der Stofflichkeit, der Verletzbarkeit. Durch die Teilung wird ihre innere Struktur offengelegt – sie ist geöffnet, ausgesetzt, real. Die Vergoldung hingegen versucht, symbolische Eigenschaften wie Reinheit, Glanz, Unangreifbarkeit und Ewigkeit zu übernehmen – und überlagert damit die vergängliche Substanz mit einem kulturellen Zeichen von Wert und Idealisierung. Die Möbiusschleife markiert dabei keine Trennung, sondern eine paradoxe Verbindung: eine Fläche ohne klares Außen oder Innen, ohne Anfang oder Ende – ein Symbol für die Ununterscheidbarkeit von Wirklichkeit und Vorstellung, von Substanz und Zeichen. Die Waagschale selbst verweist auf das fragile Gleichgewicht zwischen beiden Polen – ein Gleichgewicht, das jederzeit kippen kann, wenn das Gewicht der Illusion die Stofflichkeit aus der Balance bringt.

13. Bilder und Metaphern der Existenz

Bild zeigt ein Sonnenuntergang-Ausschnitt. Es kann physikalisch keinen Sonnenuntergang geben – er existiert nur als Begriff, nicht als Vorgang, -„Sonnenuntergang“ ist ein sprachliches und kulturelles Konstrukt, aber kein physikalischer Vorgang. Physikalisch geht die Sonne nicht unter, sondern die Erde dreht sich. Der „Untergang“ ist eine metaphorische Perspektive aus unserer Erfahrung, nicht die Realität. Der Sonnenuntergang ist eine Illusion unserer Perspektive: In Wirklichkeit bewegt sich die Erde, nicht die Sonne. Was wir „Untergang“ nennen, ist eine Metapher, ein Begriff, ein Bild, ein Symbol.

14. Bilder und Metaphern der Existenz durch Bilder aus der neuen Schöpfungsgeschichte

Ein weiteres Bild führt diese Spannung weiter: Eine Kartoffel in einer Aluminiumschale – als symbolisches „Dankeschön, dass du mich ernährt hast“ – kann in der Zeit nur verfaulen. Sie steht für eine kalte, glatte Ästhetik, für Sterilität, Isolation und das Ausgekoppeltsein aus jedem Lebenszyklus. Die Geste wirkt respektvoll, ist aber zugleich künstlich – sie trennt die Kartoffel von ihrem Ursprung, von Erde, Feuchtigkeit, Keimung, Tod.

Demgegenüber steht eine mit Erde bedeckte Kartoffel: roh, ungeschönt, aber eingebettet in das zyklische Ganze. Sie steht für Fruchtbarkeit, Nachhaltigkeit und Naturverbundenheit – eine Ästhetik, die Wärme ausstrahlt, weil sie Teil des Kreislaufs ist: wachsen, nähren, vergehen, wiederkehren. Hier ist nichts symbolisch überhöht – und doch alles bedeutungsvoll. Das Bild erinnert daran, dass Stofflichkeit selbst Würde haben kann, wenn man sie nicht ästhetisch überformt, sondern ökologisch versteht.

Ein weiteres Bild veranschaulicht diese Dynamik auf eindrucksvolle Weise: Eine Schultafel, gerahmt – genau 1 m². Eine grüne Fläche, deren Materialeigenschaften es erlauben, mit Kreide zu schreiben: flüchtig, rücknehmbar, löschbar.

Ein Raum für Gedanken, für Meinungen – offen, veränderbar. Dann schreibt jemand: „Das richtige Maß: 51:49“ – ein Symbol für Balance, für produktive Spannung, für lebendige Gerechtigkeit. Ein anderer auf die gleiche Schultafel: „Die Idee“ – offen, suchend, vieldeutig.

Ein demokratischer Raum entsteht: offen für Meinung, Vielfalt und Widerspruch, getragen vom Prinzip des Dialogs und der Veränderbarkeit. Doch dann kommt jemand, der sich auf Platon beruft – und schreibt „Die Idee“ mit Goldfarbe. In diesem Moment wird die Tafel transformiert: Aus einem offenen Denkraum wird ein Dogma.

Die Schultafel verliert ihre Funktion – sie wird zur Ikone, zum unveränderlichen Objekt, zum Götzen.

In diesem Moment verändert sich alles.

Die Tafel verliert ihre ursprüngliche Funktion. Sie wird nicht länger Fläche des Diskurses, sondern Bild. Eine Ikone. Ein Götzenabbild. Die Offenheit wird ersetzt durch Verehrung. Das Medium wird sakralisiert, der Rahmen vereinnahmt – und der Raum des Miteinanders wird zum Zeichen des Besitzes.

Der Quadratmeter Denkfläche wird zum Quadratmeter Eigentum.

Er wird festgeschrieben, sedimentiert, und am Ende – wie ein Gedenkstein – auf die Erdschicht der letzten Eiszeit gelegt. Was einmal demokratisch war, wird nun historisch markiert, abgegrenzt, verwertet.

14. Metaphern, Symbolisches, Konstukte der Existenz

Diese Aufspaltung zwischen Darstellung und Dasein, zwischen ökonomischer Rolle und leiblicher Existenz, vertieft die Illusion von Unangreifbarkeit – und zugleich die strukturelle Entfremdung des Subjekts von seiner eigenen Wirklichkeit. Erst durch das Zusammenspiel der lebensnotwendigen Elemente entsteht der Körper als funktionale Einheit.

Nur wenn alle Komponenten koordiniert ineinandergreifen, kann ein tätiges, lebendiges und in sich konsequentes Leben hervorgebracht werden. In diesem Zusammenhang erweist sich auch die verbreitete Vorstellung, Leben beginne durch Trennung und Teilung – wie sie etwa der Platonischen Ideologie des Symmetriedualismus zugrunde liegt – als ideologisch verzerrt. Biologisch gesehen beginnt Leben nicht mit Spaltung, sondern mit der Entstehung einer Zellmembran: einer Grenze, die nicht trennt, sondern integriert, selektiert und Austausch ermöglicht. Die Zellmembran markiert nicht die Isolierung, sondern die Bedingung für Relationalität und Stoffwechselprozesse – das heißt: für Leben selbst.

Die Vorstellung eines autonomen, sich selbst genügenden Subjekts ist vor diesem Hintergrund kritisch zu hinterfragen. Der Mensch – als Individuum wie als Subjekt – bleibt in seiner Konstitution durchgängig abhängig von externen, materiellen Voraussetzungen. Er ist nicht in der Lage, fundamentale Lebensfunktionen – wie etwa die Atmung – unabhängig zu erzeugen oder aufrechtzuerhalten.

In diesem Licht erscheinen viele der Eigenschaften, die dem Menschen im kulturellen oder ideologischen Diskurs zugeschrieben werden, als Projektionen: als gedankliche Konstrukte ohne physische Substanz. Dazu zählen insbesondere Begriffe wie Autonomie, Unabhängigkeit oder Freiheit – Konzepte, die häufig als naturhafte Eigenschaften des Subjekts verstanden werden, tatsächlich jedoch auf symbolischen Ordnungen, historisch gewachsenen Bedeutungszuschreibungen oder normativen Wunschvorstellungen beruhen.

Hier tritt ein fundamentales erkenntnistheoretisches Problem zutage, das mit der Arbeitsweise des menschlichen Gehirns zusammenhängt: Das Gehirn ist nicht in der Lage, systematisch zu unterscheiden zwischen real erfahrbaren Wirkungen – etwa aus der physischen Welt, der sogenannten „Verletzungswelt“ – und abstrakten, konstruierten Vorstellungen – einer „Unverletzlichkeitswelt“. Letztere umfasst idealisierte Begriffe, ideologische Konzepte oder symbolische Systeme, in denen gedanklich alles durchdrungen werden kann, ohne dass reale Konsequenzen oder Verletzungen eintreten. Denken bleibt in dieser Sphäre unverletzbar – es kann berühren, analysieren, verändern, ohne zu beschädigen oder beschädigt zu werden.

Auf neuronaler Ebene jedoch werden beide Formen der Wirklichkeit – die stofflich fundierte Erfahrung und die rein gedankliche Konstruktion – weitgehend gleich verarbeitet. Im Bewusstsein verankern sich reale Erlebnisse und ideelle Vorstellungen oft auf ähnliche Weise. Diese strukturelle Gleichsetzung erzeugt kognitive Konstruktionen, die subjektiv als real erscheinen, jedoch keine materielle Grundlage besitzen. Es entsteht eine scheinbare Wirklichkeit, die nicht auf tatsächlicher physischer Erfahrung beruht, sondern auf Vorstellungen, Narrativen oder mentalen Modellen, die im Gehirn dieselbe Präsenz entfalten wie reale Ereignisse.

Diese neuronale Unterscheidungsschwäche führt zu einer epistemischen Verzerrung: Zwischen dem, was tatsächlich wirkt und verletzen kann, und dem, was nur gedacht oder geglaubt wird, wird auf der Ebene der kognitiven Verarbeitung kein scharfer Unterschied gemacht. Daraus ergibt sich eine zentrale Herausforderung für das Verständnis von Subjektivität, Erkenntnis und ideologischer Beeinflussbarkeit.

Der Kontrast zwischen der gelebten, materiell bedingten Existenz einerseits und der vorgestellten, abstrakten Selbstverortung andererseits rückt damit in den Fokus einer kritischen Anthropologie – und wirft grundlegende Fragen nach dem Verhältnis von Natur, Subjektivität und Wirklichkeitskonstruktion auf. Der Mensch – das Individuum – und sein Ich-Bewusstsein sind Ausdruck des Existenzrechts der Natur, zu sein.

Nicht als Herrscher, nicht als Ausnahme, sondern als ein Wesen, in dem sich Natur selbst erkennt – durch den eigenen Organismus, im Denken, im Fühlen, im Sterben.