Vorbemerkung zum durchgehenden Werk- und Begründungszusammenhang
Die folgenden Anlagen bilden keine Sammlung voneinander getrennter Themen. Sie entfalten eine zusammenhängende Werk-, Erkenntnis-, Übungs- und Prüfarchitektur, die aus meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst hervorgegangen ist.
Ausgangspunkt ist die vorausliegende Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist. Erde, Wasser, Atmosphäre, Stoffkreisläufe, Gravitation, Lebensprozesse und kosmische Bedingungen waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder bearbeitete. Sobald der Mensch jedoch versucht, sich diese Welt ohne den Menschen vorzustellen, entsteht bereits wieder ein Menschenwerk. Die Welt ohne den Menschen ist kein menschliches Kunstwerk; jede menschliche Vorstellung dieser Welt ist hingegen eine Interpretation, ein Modell, ein Bild oder ein Begriff und muss deshalb ihren eigenen Zweifel, ihre Voraussetzungen und ihre Grenzen mitprüfen.
Innerhalb dieser vorausliegenden Tragwirklichkeit entsteht der Mensch als lebendiges, verletzliches, stoffwechselndes und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Die Zellmembran bildet hierfür ein elementares Referenzmodell. Sie ist keine starre Hülle um einen fertigen Inhalt. Sie stabilisiert ein eigenes Reaktionsmilieu durch regulierten Austausch mit einem umgebenden Milieufeld. Sie trennt und verbindet zugleich, lässt Stoffe ein, hält andere zurück, nimmt auf, gibt ab, schützt, öffnet und korrigiert.
Die Zellmembran verkörpert damit kein spiegelbildliches 50:50-Verhältnis zwischen zwei gleichen Seiten. Innen und Außen, Aufnahme und Abgabe, Schutz und Öffnung sind voneinander verschieden und dennoch aufeinander angewiesen. Ihr Zusammenhang entsteht nicht aus Gleichheit, sondern aus einem zeitlich beweglichen und fortwährend nachzustabilisierenden Verhältnis.
Die beiden Zahlenverhältnisse 51:49 und 49:51 bezeichnen in meiner Forschungskunst keine tatsächliche mengenmäßige Zusammensetzung einer Zellmembran. Sie bilden eine künstlerische Maßfigur für zwei unterschiedliche gerichtete Asymmetrien.
51:49 bezeichnet eine vorläufige Gewichtung, durch die Richtung, Tätigkeit und Entscheidung möglich werden. 49:51 bezeichnet die korrigierende Gegenrichtung, die aufgrund einer Rückmeldung notwendig werden kann. Beide Verhältnisse sind nicht gleichzeitig dasselbe und keine bloßen Spiegelbilder einer stillgestellten Form. Zwischen ihnen liegen Zeit, Tätigkeit, Konsequenz und Umgewichtung.
Das spiegelbildliche 50:50-Modell besitzt als mathematische Rechen-, Vergleichs- und Konstruktionsgrundlage eine große Bedeutung. Auf dem weißen Blatt Papier können zwei Seiten gleichgesetzt, eine Mittellinie gezogen, eine Bewegung angehalten und eine Form als vollkommen dargestellt werden. Problematisch wird diese Idealisierung dort, wo sie zum Grundmodell des Lebendigen, des Menschen oder der Gesellschaft erhoben wird.
Um eine perfekte 50:50-Gleichheit zu erzeugen, müssen Zeit, Bewegungsrichtung, unterschiedliche Ausgangsbedingungen, Materialwiderstand, Stoffwechsel, Verletzung und irreversible Folgen weitgehend ausgeblendet oder stillgestellt werden. In der lebendigen Tragwirklichkeit bestehen jedoch fortwährend Unterschiede, Gradienten, Übergänge, Richtungen, Belastungen, Regenerationen und Gegenkopplungen.
Der spiegelbildliche Symmetriedualismus ersetzt deshalb das wirkende Verhältnis durch zwei fertige Seiten. Er ersetzt Bewegung durch Zustand, das richtige Maß durch Gleichheit, die lebendige Grenze durch Trennung und die fortwährende Korrektur durch die Vorstellung einer bereits vollkommenen Ordnung.
Aus dieser Grundfigur entwickeln sich gesellschaftliche Idealformen: der perfekte Mensch, das widerspruchsfreie Gesetz, die perfekte Institution, der vollkommen funktionierende Markt, das fehlerfreie technische System und die abschließende wissenschaftliche Erklärung.
Was nicht in diese Form passt, erscheint als Abweichung, Störung oder persönliches Versagen. Nicht mehr die Ordnung wird an ihren Folgen korrigiert, sondern der verletzte Mensch soll an die Ordnung angepasst werden.
Die scheinbare 50:50-Gleichheit enthält dadurch bereits eine mögliche Zielrichtung von 1:99 oder 99:1. Sobald eine Seite bestimmt, was als normal, richtig und vollkommen gilt, wird die andere Seite am Maßstab dieser ersten Seite bewertet. Die vermeintliche Gleichheit kann in eine einseitige Herrschaft übergehen.
Das plastische Verhältnis von 51:49 und 49:51 ist etwas anderes. Eine Seite erhält vorübergehend die notwendige Gewichtung, muss aber durch die Folgen ihres Handelns korrigiert werden können. Die Gegenasymmetrie verhindert, dass das vorläufige Übergewicht zu einer dauerhaften 99:1-Herrschaft erstarrt.
Das plastische Ich-Bewusstsein ist die menschliche, selbstreflexive Weiterentwicklung dieser Membran- und Verhältnislogik. Es kann Eigenes und Fremdes, Körper und Rolle, Schutz und Öffnung unterscheiden, ohne seine Abhängigkeit von der Mitwelt zu verleugnen.
Die Skulpturidentität entsteht hingegen dort, wo die lebendige Grenze zur Wand erstarrt. Das gesellschaftlich hervorgebrachte Geltungs-Ich erklärt sich zum autonomen Besitzer des Körpers, zum unabhängigen Individuum und zum alleinigen Maßstab seiner Welt. Es bleibt jedoch vollständig auf Atem, Wasser, Nahrung, Schlaf, Mitmenschen und planetarische Tragbedingungen angewiesen.
Parasitär wird diese Skulpturidentität, wenn sie die Voraussetzungen benutzt, von denen sie lebt, deren Grenzen und Rückmeldungen jedoch nicht mehr anerkennt. Nicht der menschliche Körperorganismus ist der Parasit. Parasitär wird das verselbstständigte Selbst-, Rollen- und Zivilisationsbild, wenn es den eigenen Körper und die planetarische Tragwirklichkeit als bloße Mittel seiner Fortsetzung behandelt.
Viele gesellschaftliche Systeme bezeichnen sich als Rückkopplungssysteme. Sie erheben Daten, sammeln Beschwerden, erstellen Gutachten, führen Evaluationen durch und vergleichen Ergebnisse. Doch nicht jede Rückmeldung wird zu einer wirklichen Rückkopplung.
Wenn ein System nur das aufnimmt, was sich in seine bereits vorhandenen Kategorien und Rollen übersetzen lässt, begegnet es keinem eigenständigen Gegenüber. Es sieht auf einer Projektionsleinwand nur die eigenen Begriffe wieder.
Eine solche projektive Rückkopplung bestätigt die vorhandene Ordnung. Sie verändert deren Gewichtung nicht. Die Institution erhält von ihrem Gegenüber lediglich jene Antworten zurück, die sie durch ihre eigenen Fragen, Begriffe und Bewertungsmaßstäbe bereits vorgeformt hat.
Wirkliche Rückkopplung beginnt erst, wenn die andere Seite die bisherige Gewichtung verändern darf. Aus 51:49 muss aufgrund der Tätigkeitsfolgen 49:51 werden können. Eine Rückmeldung muss nicht automatisch richtig sein, sie muss aber in der Lage sein, das bisherige Referenzsystem tatsächlich zu unterbrechen, zu erweitern oder zu korrigieren.
Das Vier-Ebenen-Modell stellt hierfür den methodischen Arbeitsbereich bereit. E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Tragwirklichkeit. E2 bezeichnet die lebendige und verletzliche Wirklichkeit aus Zellmembran, Stoffwechsel, Regulation, Bindung und plastischem Ich-Bewusstsein. E3 bezeichnet die symbolische Menschenwelt aus Sprache, Recht, Eigentum, Rollen, Institutionen, Wissenschaft, Technik, Markt, Kunst und künstlicher Intelligenz. E4 führt die Hervorbringungen von E3 auf ihre Voraussetzungen und Folgen in E1 und E2 zurück.
E4 ist keine neue perfekte Oberordnung. E4 muss selbst membranartig, zweifelnd und korrigierbar bleiben. Seine Aufgabe ist es, projektive Selbstbestätigung zu unterbrechen und wirkliche Gegenkopplung zu ermöglichen.
Das So-Heits-Atelier ist der räumliche Übungsbereich dieser E4-Arbeit. In ihm sollen 50:50, 51:49 und 49:51 nicht nur erklärt, sondern an Material, Wasser, Gewicht, Rollen, Sprache, Regeln, Projektionen und gesellschaftlichen Situationen praktisch untersucht werden.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Fortsetzung dieser öffentlichen Prüf- und Gegenkopplungsarchitektur.
