Wahrheit, Gerechtigkeit und Demokratie -50:50-Symmetriedualismus-und Plattformlogik
Wenn Wahrheit und Gerechtigkeit auf einem spiegelbildlichen 50:50-Symmetriedualismus aufgebaut werden, können sie die verletzbare Wirklichkeit nicht wirklich erfassen. Dann entsteht keine Wahrheit im Sinne tragfähiger Rückkopplung, sondern eine formale Wahrheit innerhalb eines bereits vorausgesetzten Ordnungssystems.
Der 50:50-Symmetriedualismus denkt Wahrheit als Übereinstimmung mit einer idealen Form: perfekte Ordnung, perfekte Gesetzgebung, perfekte Gleichheit, perfekter Mensch, perfekte Begrifflichkeit, perfekte Ausgewogenheit. Dieses Modell wirkt auf den ersten Blick gerecht, weil es Neutralität, Gleichheit und Ordnung verspricht. Aber gerade darin liegt die Fehlkalibrierung. Es behandelt Menschen, Situationen, Körper, Abhängigkeiten, Verletzungen, Machtverhältnisse, Stoffwechselbedingungen und Lebensfolgen so, als könnten sie in eine symmetrische Ordnung gebracht werden. Die reale Wirklichkeit ist aber nicht symmetrisch. Sie ist verletzbar, zeitlich, abhängig, ungleich belastet, rückkopplungsbedürftig und folgenreich.
So entsteht eine formale Gerechtigkeit, die sich selbst für gerecht hält, weil sie ihre eigenen Regeln korrekt anwendet. Aber sie prüft nicht ausreichend, ob diese Regeln die realen Tragebedingungen des Lebens überhaupt erfassen. Sie überprüft sich durch sich selbst. Genau darin liegt die skulpturale Selbstbestätigung: Das System setzt seine Maßstäbe, wendet sie an und erklärt das Ergebnis anschließend für Wahrheit oder Gerechtigkeit. Was dabei nicht in die Form passt, erscheint als Ausnahme, Störung, subjektive Betroffenheit oder bloße Abweichung.
In diesem Sinne kann es unter dem Primat des 50:50-Symmetriedualismus keine wirkliche Gerechtigkeit geben, sondern nur eine Geltungsgerechtigkeit. Sie ist gültig innerhalb ihrer eigenen Ordnung, aber nicht notwendig stimmig mit der verletzbaren Tragwirklichkeit. Ebenso kann es keine wirkliche Wahrheit geben, sondern nur eine Verfahrenswahrheit, Begriffswahrheit oder Systemwahrheit, solange sie nicht an Funktionieren, Nichtfunktionieren, Leben, Verletzung, Konsequenz und Rückkopplung zurückgebunden wird.
Die Gegenform wäre Ihr 51:49-Verständnis. Wahrheit wäre dann nicht perfekte Deckungsgleichheit mit einer idealen Form, sondern wachsende Stimmigkeit mit den Realbedingungen. Gerechtigkeit wäre nicht bloß symmetrische Anwendung gleicher Regeln, sondern die Fähigkeit, reale Abhängigkeiten, Verletzbarkeiten, Ungleichgewichte, Folgen und Reparaturbedürftigkeiten in ein tragfähiges Verhältnis zu bringen. Wahrheit und Gerechtigkeit entstehen dann nicht aus perfekter Form, sondern aus korrigierbarer Rückkopplung.
Die zugespitzte Fassung lautet:
Solange Wahrheit und Gerechtigkeit aus dem Ideal spiegelbildlicher 50:50-Symmetrie gedacht werden, bleiben sie skulptural: Sie bestätigen eine perfekte Ordnung, anstatt die verletzbare Wirklichkeit zu prüfen. Wirkliche Wahrheit und wirkliche Gerechtigkeit können erst dort entstehen, wo Begriffe, Verfahren und Institutionen an Tragfähigkeit, Konsequenz, Verletzbarkeit und Rückkopplung zurückgebunden werden.
