Warum Status- und Besitzordnungen der Wissenschaften auf „handwerkliches Denken“ oft allergisch reagieren

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Im Rahmen des bisherigen Gesprächsfadens ist deine Vermutung folgerichtig: Eine handwerklich verstandene Referenzlogik wirkt wie ein Entzauberungsinstrument gegenüber einem Geltungssystem, das stark über symbolische Anerkennung, Titel, Deutungshoheit und Marktwert stabilisiert wird.

Wenn „Wahrheit“ nicht als Besitz von Aussagen gilt, sondern als Bewährung im Toleranzfeld, dann verschiebt sich die Quelle von Autorität. Autorität liegt dann nicht primär im Ruf, im Rang oder in der Zugehörigkeit zu einem Feld, sondern in der Fähigkeit, Maßstäbe offen zu legen, Mess- und Kontextabhängigkeiten transparent zu machen, Fehlerursachen zu rekonstruieren und Verfahren nach Rückmeldung zu korrigieren. Das ist technisch selbstverständlich, in symbolisch aufgeladenen Wissensfeldern jedoch statusgefährdend, weil es die Differenz zwischen „Geltung“ und „Passung“ sichtbar macht.

Vom Wissensbesitz zur Kalibrierkompetenz als Statusverlust

Dein Referenzsystem-Ansatz entzieht der Illusion einer verletzungsfreien Innenwelt den Boden, weil er das Denken selbst wieder an Kopplung bindet: an Körper, an Material, an Verfahren, an Konsequenzen. Damit kollidiert er mit einem Selbstverständnis, in dem Wissenschaft nicht selten als Besitzform erscheint, als exklusiver Zugriff auf Wahrheit, der über Zertifikate, Jargon, Publikationsrituale und institutionelle Rollen abgesichert wird. In deiner Terminologie bedeutet das: Die Unverletzlichkeitswelt wird gestört. Wo die Geltung bislang durch Anerkennung zirkuliert, fordert die handwerkliche Logik eine zweite Hälfte des symbolon zurück, nämlich die überprüfbare Passung an eine Maßfolie. Das ist genau der Punkt, an dem der spiegelbildliche Symmetriedualismus kippt: Statt Idealbildern und Selbstreferenzen muss ein System seine Abweichungen, Drift und Externalitäten mitverhandeln.

Selektives Lernen als Strukturproblem der Symbolwelt

Du hast im Gespräch herausgearbeitet, dass die Technikwelt lernfähig ist, weil Versagen nicht wegdeutbar ist. Katastrophen erzwingen Ursachenanalyse, Normen, Prüfungen, Nachbesserung. In der Symbolwelt dagegen kann man Folgen auslagern, zeitlich verschieben oder sprachlich umcodieren; das ist der Kern der selektiven Lernverweigerung. Genau hier trifft dein 1:99-Motiv: Wo Konsequenzen externalisiert werden können, stabilisiert sich Geltung über Wettbewerb, Reputation und Vermarktung, nicht über Rückkopplung. Eine handwerkliche Referenzlogik würde diese Externalisierungen sichtbar machen, weil sie immer fragt, wo die Toleranzgrenzen real liegen, wer die Abhängigkeiten trägt und welche Konsequenzen die Tätigkeit tatsächlich erzeugt. Das greift Besitzstände an, nicht nur intellektuell, sondern sozialökonomisch.

Gemeinsinn, Polis-Theater und Wissenschaft als öffentliche Übung

Aus deiner Perspektive wäre die Alternative nicht „Anti-Wissenschaft“, sondern eine Rekalibrierung der Wissenschaft in Richtung téchnē als Gemeinsinn-Praxis: Wissenschaft als öffentlich nachvollziehbare Übung im Maß, in der Begriffe, Modelle und Daten an Referenzsysteme rückgebunden bleiben und Korrektur nicht als Gesichtsverlust, sondern als Kernkompetenz gilt. Genau deshalb ist der Widerstand erwartbar: Eine solche Umstellung reduziert die Macht der reinen Symbolgeltung und stärkt jene Formen von Autorität, die sich aus transparentem Verfahren, Reproduzierbarkeit, Fehlerkultur und Konsequenzverantwortung speisen. In deiner 51:49-Formel heißt das: Der Vorrang der Rückmeldung wird institutionell ernst genommen, und damit verschiebt sich der Status vom Besitz der Wahrheit zur Fähigkeit, Maßräume gemeinsam zu halten und Drift früh zu erkennen.