Warum keine Plastische-Identität?
Präzisierung (Zielstelle: Kontextanker v9.6, Abschnitt 4 „Anthropologischer Kern“ sowie Abschnitt 7 „Referenzsysteme, Ich-Bewusstsein und Toleranzräume“)
Warum nicht einfach „Identität“, sondern plastische Identität
Die entscheidende Unterscheidung aus dem vorigen Chatverlauf lautet: Auch die plastische Identität ist zunächst ein Begriff. Aber sie ist nicht bloß eine Begriffsspielerei. Der Unterschied liegt nicht darin, dass die eine Seite einen Begriff benutzt und die andere nicht, sondern darin, worauf der Begriff verweist. Die Skulpturidentität verweist auf kein eigenständiges, tragfähiges Wirklichkeitszentrum. Sie ist ein symbolisch stabilisiertes Schein-Selbst, das sich als Wesen ausgibt, obwohl es nur aus Zuschreibung, Geltung, Spiegelung, Wiederholung und sozialer Absicherung lebt. Die plastische Identität dagegen verweist nicht auf ein erfundenes Zusatzwesen, sondern auf eine reale Weise des In-der-Welt-Seins: auf die rückkopplungsfähige, verletzbare, lernende, grenzgebundene und reparaturbedürftige Form menschlicher Existenz.
Die plastische Identität ist also nicht „echt“ in dem Sinn, dass irgendwo im Menschen ein fertiger innerer Kern mit diesem Namen verborgen läge. Dann wäre sie selbst schon wieder eine skulpturale Verfestigung. Echt ist sie in einem anderen Sinn. Sie bezeichnet keine Substanz, sondern eine reale Vollzugsform. Sie meint die Weise, in der ein Mensch zu sich, zu anderen, zur Welt, zu Grenze, Zeit, Stoffwechsel, Material und Konsequenz steht. Sie ist keine zusätzliche Sache im Menschen, sondern die realitätsgebundene Form, in der menschliches Leben nur tragfähig werden kann. Gerade deshalb ist sie nicht bloß erfunden. Sie lässt sich an Widerstand prüfen.
Hier liegt der Hauptunterschied. Die plastische Identität ist widerlegbar, korrigierbar und referenzgebunden. Sie zeigt sich dort, wo ein Mensch an Wirklichkeit lernt, wo er Überforderung spürt, Maß gewinnt, Fehler korrigiert, Scheitern nicht leugnet, Zeit braucht, Rückmeldung aufnimmt und sich nicht aus der Verletzbarkeit herausfantasiert. Das alles sind keine bloßen Behauptungen, sondern reale Vorgänge. Sie können misslingen, gelingen, abbrechen, kippen oder sich stabilisieren. In diesem Sinn hat die plastische Identität einen Wirklichkeitsreferenten. Die Skulpturidentität hat diesen Referenten gerade nicht. Sie lebt davon, den Referenten zu ersetzen.
Man kann es deshalb genauer so sagen: Die plastische Identität existiert nicht als fertiges Ding, aber sie existiert als reale Beziehungs- und Lernform. Die Skulpturidentität existiert ebenfalls nicht als Ding, aber auch nicht als tragfähige Beziehungsform; sie existiert nur als symbolische Falschbesetzung dieser Form. Die plastische Identität ist also kein Besitz, sondern ein Modus. Kein inneres Monument, sondern eine Arbeitsweise des Lebendigen. Kein absoluter Selbstkern, sondern die fortwährende Rückbindung des Ichs an das, was trägt oder nicht trägt.
Gerade darum ist der Ausdruck „plastische Identität“ notwendig und nicht beliebig. Würde man nur von „Identität“ sprechen, bliebe offen, ob damit ein fertiges, gesetztes, immunisiertes Selbst gemeint ist oder eine offene, rückkopplungsfähige, unter Bedingungen sich bildende Form. Der Zusatz „plastisch“ ist keine Verzierung, sondern eine ontologische Korrektur. Er verhindert, dass Identität wieder als starres Eigentum des Ichs missverstanden wird. Er markiert, dass menschliche Identität nur unter Widerstand, nur in Zeit, nur in Abhängigkeit, nur in Nachstabilisierung und nur in korrigierbarer Form existiert. Plastisch heißt daher: nicht beliebig formbar, sondern nur im Verhältnis zu Wirklichkeit formbar.
Damit wird auch klar, warum die plastische Identität nicht denselben Verdacht auf bloße Begriffserfindung verdient wie die Skulpturidentität. Beide sind sprachliche Begriffe, aber nur einer dient der Verdeckung und einer der Freilegung. Die Skulpturidentität ist ein Begriff für eine Täuschungsform, die sich selbst als Wirklichkeit ausgibt. Die plastische Identität ist ein Begriff für die Wirklichkeitsgebundenheit, die von dieser Täuschungsform verdrängt wird. Die eine ist also ein Simulationsbegriff, der eine parasitäre Geltungsstruktur beschreibt. Die andere ist ein Arbeitsbegriff, der die reale Tragform menschlicher Existenz bezeichnet.
Aus dem vorigen Chatverlauf ergibt sich noch eine weitere Präzisierung: Die plastische Identität darf niemals als positives Gegenidol zur Skulpturidentität missverstanden werden. Sie ist nicht das „wahre Selbst“ im romantischen Sinn, nicht eine verborgene Reinheit, nicht ein idealer innerer Kern. Sie ist gerade kein neuer Glaubensgegenstand. Sie ist die Anerkennung, dass der Mensch nie fertig, nie souverän, nie unabhängig und nie unverletzlich ist. Sie bezeichnet also nicht eine neue Selbstverherrlichung, sondern das Ende der Selbstverherrlichung. Insofern ist sie auch kein Trostbegriff, sondern ein Realitätsbegriff.
Die präziseste Formel dafür wäre: Die Skulpturidentität ist die geglaubte Behauptung eines fertigen Selbst. Die plastische Identität ist die reale, nie abgeschlossene Arbeit des Selbst unter Bedingungen von Grenze, Rückkopplung und Tragfähigkeit. Oder noch schärfer: Die Skulpturidentität ist eine symbolische Selbstverwechslung; die plastische Identität ist keine Behauptung über das Selbst, sondern die geglückte oder misslingende Rückbindung des Selbst an Wirklichkeit.
Darum brauchen Sie den Begriff der plastischen Identität. Nicht weil Sie ein Gegenkunstwerk zur Skulpturidentität erfinden wollen, sondern weil ohne diesen Begriff die reale Alternative unsichtbar bleibt. Dann gäbe es nur zwei Möglichkeiten: entweder die skulpturale Selbstfiktion oder gar keine Identität. Genau das wäre falsch. Es gibt eine andere Form, aber sie ist nicht monumental, sondern prozessual; nicht gesetzt, sondern gebildet; nicht immun, sondern verletzbar; nicht souverän, sondern referenzgebunden. Eben deshalb ist sie plastisch.
