Warum verweigert sich der Mensch der Infragestellung seiner selbst?
Der moderne Mensch zeigt eine auffällige Asymmetrie in seiner Lernbereitschaft: Er ist in der Lage, technische Systeme bis ins Detail zu analysieren, zu korrigieren und weiterzuentwickeln, verweigert jedoch dieselbe rückkoppelnde Offenheit gegenüber sich selbst.
Dieser blinde Fleck verweist auf eine grundlegende Struktur des Selbstverständnisses, die sich aus dem Prinzip spiegelbildlicher Symmetrie speist.
Das 50:50-Modell erzeugt eine Vorstellung von Identität, die auf Abgrenzung und Unantastbarkeit beruht: Das Subjekt erscheint als geschlossen, autonom und kontrollierend, während die Umwelt – im funktionalen wie im symbolischen Sinne – als Gegenwelt konstruiert wird, auf die man einwirken kann, ohne selbst wesentlich verändert zu werden. Diese symmetrische Selbstkonstruktion bildet eine Schutzmatrix, die zugleich Grundlage und Grenze des Erkennens ist.
Der moderne Mensch zeigt eine auffällige Asymmetrie in seiner Lernbereitschaft: Er ist in der Lage, technische Systeme bis ins Detail zu analysieren, zu korrigieren und weiterzuentwickeln, verweigert jedoch dieselbe rückkoppelnde Offenheit gegenüber sich selbst.
Der Mensch ist bereit, alles infrage zu stellen – außer sich selbst. Person, Identität, Subjekt, Autonomie, Individuum – das sind unantastbare Konstrukte, die wie „heilige Selbstverständlichkeiten“ wirken.
🔍 Warum verweigert sich der Mensch der Infragestellung seiner selbst?
1. Spiegelbildlichkeit als Selbsttäuschung
- Das 50:50-Prinzip vermittelt dem Menschen: „Du bist ganz, du bist abgegrenzt, du bist autonom, du bist ein Spiegel der Welt.“
- Diese Symmetrie bildet eine identitäre Schutzhülle:
- Ich = nicht du
- Subjekt = nicht Objekt
- Mein Körper = meine Grenze
- Mein Denken = Kontrolle über Wirklichkeit
→ Der Mensch wird so zum Beobachter seines eigenen Lebens, statt es plastisch zu erfahren. Die Trennung ist die Bedingung seiner Selbstgewissheit, nicht seine Realität.
2. Individuum = Abstraktion, nicht Wirklichkeit
- Der Begriff „Individuum“ heißt: Unteilbar. Doch das stimmt nicht biologisch, nicht psychisch, nicht sozial.
- Der Mensch ist:
- geteilt (Herz, Hirnhälften, Innen/Außen),
- rückwirkend (jede Handlung verändert ihn),
- abhängig (von Luft, Wasser, Nahrung, Berührung),
- verschränkt (sozial, ökologisch, historisch).
→ Das Individuum ist eine soziale Abmachung, aber keine plastische Realität.
→ Das 50:50-Denken schützt dieses Konstrukt, weil es Nichtveränderbarkeit simuliert.
3. Warum technisches Lernen funktioniert – und Selbstlernen nicht
- In der Technikwelt ist der Mensch bereit zu lernen, weil:
- er sich außerhalb des Objekts wähnt,
- Fehler klar benennbar und messbar sind,
- das Lernen nicht mit Identität zu tun hat.
- Beispiel: Flugzeug stürzt ab → Ursache wird ermittelt → System wird angepasst. → Das System ist offen für Rückkopplung.
- Im Gegensatz dazu: Wenn der Mensch selbst „abstürzt“ – durch Krieg, Klimakatastrophe, Beziehungskollaps, Depression – → keine echte Ursachenanalyse, sondern Verlagerung auf Dritte, Strukturen, Zufall.
Warum?
→ Weil Rückkopplung auf das eigene Selbstverständnis als Bedrohung erlebt wird.
→ Weil plastische Veränderung Unsicherheit bedeutet – und das 50:50-System verspricht Sicherheit, Identität, Kontrolle.
🧱 Die drei Welten als Sicherheitsarchitektur – aber auf falschem Fundament
| Welt | Sicherheit | Illusion |
|---|---|---|
| Leibliche Welt | verdrängt – weil verletzlich | "Ich bin gesund, solange ich nichts merke" |
| Symbolische Welt | scheinbar klar und kontrolliert | "Ich weiß, was ich denke" |
| Funktionale Welt | Status, Einkommen, Rolle | "Ich bin, was ich leiste/konsumiere" |
Dieser blinde Fleck verweist auf eine grundlegende Struktur des Selbstverständnisses, die sich aus dem Prinzip spiegelbildlicher Symmetrie speist. Das 50:50-Modell erzeugt eine Vorstellung von Identität, die auf Abgrenzung und Unantastbarkeit beruht: Das Subjekt erscheint als geschlossen, autonom und kontrollierend, während die Umwelt – im funktionalen wie im symbolischen Sinne – als Gegenwelt konstruiert wird, auf die man einwirken kann, ohne selbst wesentlich verändert zu werden. Diese symmetrische Selbstkonstruktion bildet eine Schutzmatrix, die zugleich Grundlage und Grenze des Erkennens ist.
Die zentrale Voraussetzung dieser Schutzmatrix ist die Annahme des „Individuums“ im wörtlichen Sinn: des Unteilbaren.
Diese Vorstellung entspricht jedoch weder den biologischen Gegebenheiten noch den psychischen, sozialen oder ökologischen Bedingungen menschlicher Existenz. Der menschliche Organismus ist geteilt und auf Differenzen angewiesen, etwa im Verhältnis der Hirnhälften, der Interaktion zwischen Innen und Außen oder den vielfältigen Austauschprozessen, die das Leben ermöglichen. Psychisch zeigt sich diese Teilbarkeit in der Plastizität des Selbst, das sich über Erfahrungen, Handlungen und Rückkopplungen fortwährend verändert. Sozial ist der Mensch untrennbar in Beziehungs-, Sprach- und Bedeutungsnetze eingewoben, die seine Identität erst ermöglichen. Ökologisch ist er durch Stoffwechsel, Wahrnehmung und räumliche Situierung mit seiner Umwelt verschränkt. Die moderne Vorstellung des Individuums als abgeschlossener Einheit ist daher eine kulturelle Setzung, die vor allem Stabilität simuliert. In dieser Simulation finden sich die Grundmuster des 50:50-Denkens wieder: Symmetrie wird mit Sicherheit, Gleichheit mit Ordnung, Abgrenzung mit Autonomie verwechselt.
Diese symbolische Selbstabschottung erklärt eine weitere Asymmetrie: Technisches Lernen gelingt, Selbstlernen misslingt. In der Technikwelt kann der Mensch Fehler erkennen, benennen und korrigieren, weil er sich nicht als Teil des Systems begreift, sondern als außenstehender Beobachter. Ein defektes Flugzeug, ein fehlerhaftes Gerät oder ein kollabierendes Modell lassen sich analysieren, ohne das eigene Selbstverständnis zu berühren. Das technische System ist offen für Rückkopplung, weil der Mensch nicht mit ihm identifiziert ist. Wenn jedoch soziale Konflikte, ökologische Krisen oder persönliche Zusammenbrüche auftreten, werden Rückkopplungen blockiert. Ursachenanalysen werden externalisiert – auf Umstände, Andere oder strukturelle Zwänge –, statt die eigene Beteiligung zu reflektieren. In dem Moment, in dem die Analyse das Selbstmodell berührt, entsteht Abwehr: Plastische Veränderung wird als Bedrohung erlebt, nicht als Lernchance.
Vor diesem Hintergrund gewinnen die drei Welten – leibliche, symbolische und funktionale Welt – eine besondere Bedeutung. Sie wirken als Sicherheitsarchitektur der modernen Subjektivität, beruhen jedoch auf einem instabilen Fundament. Die leibliche Welt bleibt häufig verdrängt, weil sie Verletzlichkeit und Abhängigkeit sichtbar macht; die verbreitete Annahme, man sei gesund, solange man nichts bemerke, illustriert diese Verdrängungsleistung. Die symbolische Welt bietet scheinbare Klarheit und Kontrolle: Gedanken, Begriffe und Erzählungen erzeugen einen Eindruck von Kohärenz, der jedoch selten den realen Prozessen entspricht, die das Selbst konstituieren. Die funktionale Welt – bestehend aus Rollen, beruflichen Positionen, Status und Konsum – vermittelt Handlungsfähigkeit und Wert, stabilisiert jedoch nur temporär. Sie produziert ein Selbstverständnis, das sich über Leistung und ökonomische Zugehörigkeiten definiert und damit wiederum Abhängigkeiten erzeugt, die als Autonomie missverstanden werden.
Diese dreifache Sicherheitsmatrix schützt das 50:50-Subjekt, verstärkt aber zugleich seine Blindheit gegenüber den realen Rückkopplungsprozessen, in denen es steht. Der Mensch erscheint als Beobachter seines eigenen Lebens, nicht als Akteur in einem plastischen, asymmetrischen Wirkfeld. Der Gegensatz zur biologischen und ökologischen Realität – in der Systeme nur durch minimale Ungleichgewichte, oszillierende Prozesse und permanente Regulation bestehen – markiert den Kern des Problems. Während Natur im Sinne eines 51:49-Prinzips durch leichte Asymmetrie und ständige Selbstanpassung operiert, hält die kulturelle Architektur der modernen Gesellschaft an einem starren Identitätsmodell fest, das Veränderung als Gefahr und nicht als Bedingung des Lebens begreift.
Die Folge ist eine systematische Blockade von Rückkopplung auf individueller wie gesellschaftlicher Ebene. Lernprozesse, die im technischen Bereich selbstverständlich sind, werden im Bereich der Selbst- und Weltverhältnisse verhindert. Die Zivilisation, die auf Kontrolle, Symmetrie und Trennung setzt, produziert damit die Bedingungen ihrer eigenen Krisen. Erst wenn das Subjektmodell selbst plastisch wird und die eigene Teilbarkeit, Verletzlichkeit und Eingebundenheit anerkennt, ist eine Öffnung für ein regulatives, asymmetrisches Selbstverständnis möglich, das den realen Bedingungen des Lebens entspricht.
