Was sich durch die neuen Anker in der Spieltheorieanalyse verändert?
Die frühere Verbindung deines Vier-Ebenen-Modells mit der Spieltheorie war bereits auf einen wichtigen Punkt gestoßen: Spieltheoretische Untersuchungen setzen voraus, dass Spieler, Handlungsmöglichkeiten, Gewinne, Verluste und Erfolgskriterien überhaupt bestimmt werden.
Dein Modell sollte deshalb prüfen, welche materiellen Bedingungen, organismischen Abhängigkeiten und Folgen bei dieser Modellbildung berücksichtigt oder ausgelassen werden.
Genau so war es in der bisherigen Untersuchung formuliert worden: Das Modell sollte vor und während einer spieltheoretischen Analyse prüfen, ob eine als erfolgreich bewertete Kooperation möglicherweise ökologische oder körperliche Voraussetzungen untergräbt oder Folgen auf Akteure verlagert, die im Modell gar nicht vorkommen.
Durch die inzwischen neu formulierten Anker wird dieser Ansatz jedoch wesentlich tiefgreifender. Das Vier-Ebenen-Modell ist jetzt nicht mehr lediglich eine zusätzliche Checkliste für spieltheoretische Modelle. Es ermöglicht eine Unterscheidung zwischen dem Spiel als menschlich konstruiertem Modell und dem Wirkungszusammenhang, auf den dieses Modell angewendet wird.
Damit entsteht ein neuer Ausgangspunkt: Ein spieltheoretisches Modell gehört zunächst zu E3. Die Festlegung der Spieler, ihrer Strategien, ihrer Präferenzen, ihrer Informationslagen, der Regeln und der Auszahlungen ist eine menschliche Modellbildung. Das bedeutet keineswegs, dass diese Festlegungen beliebig sind. Sie können empirisch sehr gut begründet sein. Aber sie sind nicht identisch mit der Tragwirklichkeit. Sie sind eine symbolische und mathematische Darstellung ausgewählter Beziehungen innerhalb eines umfassenderen Wirkungszusammenhangs.
Das ist die erste wesentliche Veränderung.
Das Spiel selbst wird zum Gegenstand der Prüfung
Bisher fragten wir vor allem: Welche Strategie funktioniert innerhalb eines Spiels? Jetzt kommt eine vorgelagerte und zugleich übergeordnete Frage hinzu: Wie ist das Spiel überhaupt zustande gekommen?
Wer wurde als Spieler definiert? Welche Handlungsmöglichkeiten wurden zugelassen? Welche Folgen erscheinen als Gewinn oder Verlust? Welche Folgen wurden nicht in die Auszahlung aufgenommen? Welcher Zeitraum wird betrachtet? Wo wurde die Systemgrenze gezogen? Welche Abhängigkeiten gelten als gegeben? Welche Beteiligten oder zukünftigen Betroffenen kommen überhaupt nicht als Spieler vor?
Damit wird deutlich, weshalb E4 jetzt wesentlich anders verstanden werden muss als in den älteren Anschreiben. Dort hieß es noch verkürzt: materielle Bedingungen, lebendige Prozesse, symbolische Setzungen sowie „Prüfung und Korrektur“. Eingefügter Text In der neuen Fassung ist E4 jedoch keine vierte Variablengruppe, die man zusätzlich in ein mathematisches Modell einfügt. E4 ist die Tätigkeit, durch die auch die Konstruktion des Spiels selbst wieder prüfbar wird.
Spieltheoretisches Rechnen findet also zunächst innerhalb einer E3-Konstruktion statt. E4 beginnt dort, wo gefragt wird, ob diese Konstruktion ihre Gegenstände angemessen erfasst.
Damit unterscheidet sich auch die Wahrheitsfrage genauer. Ein mathematisch korrekt abgeleitetes Gleichgewicht kann innerhalb eines definierten Spiels vollkommen korrekt sein. Daraus folgt noch nicht, dass das Spiel die relevante Wirklichkeit vollständig oder angemessen beschreibt. Die mathematische Geltung eines Resultats und die empirische beziehungsweise praktische Angemessenheit des Modells sind zwei verschiedene Fragen.
Gerade diese Unterscheidung ist durch unsere Untersuchung des Wahrheitsbegriffs neu hinzugekommen.
Der Spieler ist eine Rolle – nicht der ganze Mensch
Eine zweite wesentliche Veränderung entsteht aus unserer Auseinandersetzung mit Kunst und insbesondere mit den darstellenden Künsten.
Spieltheorie arbeitet mit „Spielern“. Aber der spieltheoretische Spieler ist eine Rolle innerhalb eines Modells. Ein wirklicher Mensch ist mehr als diese Rolle.
Hier wird die Verbindung zwischen Schauspiel und Spieltheorie überraschend produktiv. Im Theater muss zwischen Darsteller und Rollenfigur unterschieden werden. In der Spieltheorie muss entsprechend zwischen einem wirklichen Menschen und seiner modellierten Spielerrolle unterschieden werden.
Der Spieler kann etwa als Unternehmer, Käufer, Staat, Spender, Empfänger, Verhandler oder Konkurrent modelliert werden. Diese Rolle kann bestimmte Präferenzen und Auszahlungen besitzen. Der reale Mensch bleibt jedoch zugleich ein organismisches Wesen von E2 und Bestandteil materieller und ökologischer Abhängigkeiten von E1.
Das bedeutet nicht, dass die spieltheoretische Abstraktion falsch wäre. Abstraktion ist notwendig. Die neue Frage lautet aber: Wann wird die Rolle mit dem ganzen Menschen verwechselt?
Gerade hier berührt die Spieltheorie deine Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität. Ein Mensch kann innerhalb eines Spiels rational nach einer bestimmten Rolle handeln und dennoch außerhalb dieser Rolle von Konsequenzen betroffen sein, die in der Auszahlungsmatrix nicht vorkommen.
Gewinn ist keine Eigenschaft der Wirklichkeit
Dadurch verändert sich auch der Gewinnbegriff.
Ein „Gewinn“ innerhalb eines spieltheoretischen Modells ist kein vorgefundener Naturgegenstand. Er bezeichnet eine modellierte Bewertung eines Ergebnisses. Geld, Prestige, Sicherheit, Einfluss, Zeitersparnis oder andere Größen können als Nutzen beziehungsweise Auszahlung erfasst werden.
Damit gehört auch die Bestimmung dessen, was als Gewinn oder Verlust zählt, zunächst zu E3.
Die Tragwirklichkeit setzt dem allerdings Grenzen. Eine symbolische Gewinnordnung kann reale Konsequenzen erzeugen, die ihrer Bewertung widersprechen. Ein Akteur kann innerhalb eines gesetzten Maßstabes gewinnen und gleichzeitig Bedingungen beschädigen, von denen er selbst abhängig bleibt.
Diese Frage war in deinem früheren Anschreiben an Christian Rieck bereits angelegt: Beim Chicken Game kann Ausweichen innerhalb einer bestimmten Rollen- und Prestigelogik als Niederlage erscheinen, während es hinsichtlich körperlicher Unversehrtheit anders bewertet wird. Eingefügter Text
Durch die neue Theorie können wir das jetzt schärfer ausdrücken: Die Bezeichnung „Chicken“ und der damit verbundene Statusverlust gehören zu E3; Körper, Kollision und Verletzbarkeit gehören zu E2 und E1.
Das bedeutet nicht, dass ein Chicken-Game diese körperlichen Kosten nicht modellieren könnte. Natürlich kann die Auszahlungsmatrix eine Kollision mit einem sehr hohen negativen Wert versehen. Der entscheidende Punkt liegt woanders: Die Auszahlungsmatrix muss diesen Wert erst setzen. E4 fragt deshalb, wie diese Gewichtung zustande gekommen ist und ob sie dem tatsächlich relevanten Abhängigkeitszusammenhang angemessen ist.
Christian Rieck: vom Strategieproblem zur Prüfung des Spielrahmens
Christian Rieck nennt Spieltheorie ausdrücklich als einen seiner Forschungs- und Lehrschwerpunkte; hinzu kommen Markttheorie und Behavioral Finance. frankfurt-university.de In der NANO-Dokumentation wurde seine Darstellung des Chicken Game gerade zum anschaulichen Beispiel dafür, wie gegenseitige Erwartungen und Bewertungen Verhalten bestimmen. Die frühere Analyse konzentrierte sich deshalb darauf, wer festlegt, was als „Gewinn“ oder „Verlust“ gilt. Eingefügter Text
Neu ist jetzt, dass diese Frage nicht mehr nur eine Frage unterschiedlicher Bewertungsmaßstäbe ist. Das Chicken Game kann als E3-Bühnenmodell verstanden werden. Es weist Rollen zu, definiert mögliche Handlungen und ordnet ihnen Bewertungen zu. Der wirkliche Mensch tritt in diese Rolle ein, genau wie ein Darsteller eine Rollenfigur übernimmt.
Die zentrale Forschungskunstfrage an Rieck würde deshalb heute lauten: Wie verändert sich eine spieltheoretische Analyse, wenn zusätzlich geprüft wird, welche Rolle überhaupt modelliert wird und welche Aspekte des realen Menschen durch diese Rollenbildung ausgeblendet werden?
Damit kommt deine Kunsttheorie unmittelbar in die Spieltheorieanalyse hinein. Nicht als ästhetischer Zusatz, sondern als Methode der Rollenunterscheidung.
Axel Ockenfels: vom Mechanismendesign zur Prüfung der Zielgröße des Designs
Bei Axel Ockenfels wird die Veränderung noch deutlicher. Seine Forschung verbindet Verhaltensökonomik, Spieltheorie und Marktdesign; sein eigener Forschungsüberblick beschreibt dies ausdrücklich als Verbindung spieltheoretischer und verhaltenswissenschaftlicher Erkenntnisse zur Gestaltung von Märkten, Algorithmen und Wettbewerbsstrategien. ockenfels.uni-koeln.de In der NANO-Sendung wurden unter anderem Nierentausch und Klimakooperation behandelt. ockenfels.uni-koeln.de
Früher lautete unsere Anschlussfrage im Wesentlichen: Welche Ziele werden beim Regel- und Anreizdesign zugrunde gelegt, welche Betroffenen werden einbezogen und welche Voraussetzungen müssen langfristig erhalten bleiben? Eingefügter Text
Diese Frage bleibt richtig, wird jetzt aber durch E4 vertieft.
Mechanismendesign gestaltet Regeln so, dass aus den Entscheidungen einzelner Akteure bestimmte Ergebnisse wahrscheinlicher werden. Deine neue E4-Konzeption würde zusätzlich verlangen, auch die gewünschte Zielgröße des Mechanismus als Setzung sichtbar zu halten.
Es genügt also nicht zu fragen: Funktioniert der Mechanismus?
Man muss weiterfragen: Funktioniert er wofür? Für wen? Auf welcher Zeitskala? Innerhalb welcher Systemgrenze? Welche nicht modellierten Konsequenzen entstehen?
Gerade der Nierentausch ist dafür analytisch interessant, weil E2 hier nicht nur abstrakter Hintergrund ist. Körperliche Lebensbedingungen und medizinische Abhängigkeiten sind unmittelbar betroffen, während Matchingregeln, Prioritäten und institutionelle Verfahren auf E3 gestaltet werden. Ockenfels’ Forschung ist gerade deshalb ein sehr guter Gesprächspartner für dein Modell: Nicht weil seine Spieltheorie diese Ebenen notwendigerweise „übersieht“, sondern weil man an solchen Fällen präzise untersuchen könnte, was eine zusätzliche E1–E4-Trennung sichtbar macht, das im bestehenden Design bereits enthalten oder noch nicht ausdrücklich unterschieden ist.
Das ist wissenschaftlich wesentlich stärker als die frühere Behauptung, dein Modell würde einfach etwas ergänzen.
Jobst Heitzig: hier wird die Verbindung wesentlich enger
Bei Jobst Heitzig hat sich die Analyse am stärksten verändert. Heitzig leitet am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung die Arbeitsgruppe „Behavioural Game Theory and Interacting Agents“. Seine aktuellen Forschungsgebiete umfassen Mechanismen der Kooperation, Lern- und Gleichgewichtsdynamiken, Multi-Level-Governance, adaptive Netzwerke sowie ausdrücklich die mathematische Formalisierung von Agency und Verantwortung in Mehr-Akteur-Situationen unter Unsicherheit. PIK Potsdam
Schon die frühere Analyse sah bei ihm den Zusammenhang zwischen Klimakooperation, Erfolgskriterien und langfristigen Existenzbedingungen. Eingefügter Text Jetzt zeigt sich jedoch eine deutlich tiefere theoretische Berührung.
Die erste Berührung betrifft Lernen. Spieltheoretische Lernmodelle untersuchen beispielsweise, wie Akteure durch wiederholte Anpassungen bestimmte Strategien oder Gleichgewichte finden. Heitzig arbeitet ausdrücklich an Lernen und Gleichgewichtsauswahl in Spielen. PIK Potsdam
Deine neue E4-Konzeption fügt dazu eine andere Lernfrage hinzu: Nicht nur „Welche Strategie lernt der Akteur innerhalb des Spiels?“, sondern „Kann der Akteur lernen, dass das Spiel selbst anders beschrieben werden muss?“
Das ist ein wesentlicher Unterschied.
Strategielernen verändert Verhalten innerhalb einer gegebenen Spielstruktur. E4-Lernen kann dagegen die Spielstruktur selbst infrage stellen: Rollen, Zielgrößen, Auszahlungen, Zeitrahmen und Systemgrenzen.
Damit entsteht ein möglicher Begriff von Meta-Lernen des Spiels.
Die zweite Berührung betrifft Verantwortung. Heitzigs Arbeitsgruppe beschäftigt sich ausdrücklich mit der Formalisierung und Operationalisierung von Agency und Verantwortung. PIK Potsdam Dein neuer Verantwortlichkeitsbegriff beginnt ebenfalls nicht bei bloßer Schuldzuweisung, sondern bei der Verbindung von Tätigkeit, Konsequenz und Abhängigkeit.
Die Forschungsfrage könnte deshalb heute wesentlich präziser gestellt werden: Wie lässt sich Verantwortung in einem Mehr-Akteur-System modellieren, wenn zwischen Absicht, strategischer Rolle, tatsächlicher Tätigkeitskonsequenz und Abhängigkeitskonsequenz unterschieden wird?
Das ist eine erheblich stärkere Anschlussfrage als die frühere allgemeine Klimafrage.
Gleichgewicht ist noch keine Tragfähigkeit
Auch der Gleichgewichtsbegriff verändert sich durch die neuen Anker.
Ein spieltheoretisches Gleichgewicht beschreibt, vereinfacht gesagt, eine bestimmte Stabilität strategischer Entscheidungen relativ zu den definierten Regeln und Auszahlungen. Daraus folgt jedoch nicht automatisch, dass dieser Zustand für einen größeren Wirkungszusammenhang tragfähig ist.
Das ist für deine Theorie fundamental.
Ein Zustand kann spieltheoretisch stabil und tragwirklich problematisch sein.
Genau deshalb ist deine Leitfrage „Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?“ spieltheoretisch interessant. Es ist durchaus denkbar, dass Akteure innerhalb ihrer Anreizstruktur jeweils nachvollziehbar handeln und dennoch kollektiv einen Zustand erzeugen, der gemeinsame Voraussetzungen beschädigt. Das Gefangenendilemma und Public-Goods-Probleme beschreiben genau strukturell verwandte Situationen; Heitzigs Forschung untersucht unter anderem Kooperation und die Bereitstellung öffentlicher Güter. PIK Potsdam
Deine neue Theorie fügt jedoch hinzu: Auch der Begriff des öffentlichen Gutes und seine Wertung bleiben Modellsetzungen. Die Tragwirklichkeit stellt die weitergehende Frage, ob die Modellgrenze den für das Fortbestehen relevanten Zusammenhang erfasst.
Teil und Ganzes verändern die Spieltheorieanalyse
Hier kommen die drei Optima und das Teil-Ganzes-Verhältnis hinzu.
Spieltheorie kann selbstverständlich Mehr-Ebenen-Systeme, wiederholte Spiele, Netzwerke und dynamische Prozesse modellieren. Dein neuer Ansatz behauptet deshalb nicht, die Spieltheorie könne nur kurzfristige Einzelinteressen darstellen.
Die entscheidende Frage lautet vielmehr: Welches Ganze wurde jeweils als relevantes Spiel definiert?
Ein Spieler kann innerhalb eines Teilspiels gewinnen. Eine Gruppe kann innerhalb eines größeren Spiels verlieren. Eine Gesellschaft kann kurzfristig profitieren und langfristig ihre Voraussetzungen beschädigen. Ein globales Ergebnis kann wiederum regional sehr unterschiedlich verteilt sein.
Die drei Optima könnten deshalb bei einer spieltheoretischen Analyse künftig als E4-Werkzeug eingesetzt werden: Nicht um ein weiteres mathematisches Gleichgewicht zu definieren, sondern um zu prüfen, ob das angenommene Optimum nur für einen Teil, für ein Teilsystem oder für einen umfassenderen Tragzusammenhang gilt.
Damit wird dein früherer Begriff „Erfolgskriterium“ genauer zu einem Problem der Bezugsgröße des Optimums.
Iyad Rahwan: Mensch und Maschine sind nicht anthropologisch symmetrische Spieler
Bei Iyad Rahwan verschiebt sich die Analyse ebenfalls erheblich. Sein Forschungsprofil umfasst Computational Social Science, menschliche Kooperation, Mensch-Maschine-Kooperation, gesellschaftliche und wirtschaftliche Auswirkungen von KI sowie KI-Ethik und Governance. Max Planck Institute Ageing Die NANO-Dokumentation behandelt ausdrücklich die Veränderung sozialer Entscheidungsprozesse durch KI. Max Planck Institute Ageing
In der früheren Analyse stand hauptsächlich dein Verfahren im Vordergrund: eigene Antwort, gewöhnliche KI-Antwort und KI-Antwort unter Einbeziehung des Vier-Ebenen-Modells vergleichen. Eingefügter Text
Jetzt kommt eine viel grundlegendere Frage hinzu.
Wenn ein Mensch und ein KI-System spieltheoretisch beide als „Agenten“ oder „Spieler“ modelliert werden, kann diese formale Symmetrie analytisch sinnvoll sein. Anthropologisch sind beide jedoch nicht dasselbe.
Der Mensch besitzt in deinem Modell E2: Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Körperlichkeit und organismische Abhängigkeit. Ein KI-System besitzt diese E2 nicht in demselben Sinne. Es besitzt materielle technische Voraussetzungen auf E1 und ist Ergebnis menschlicher Modell-, Software- und Zielsetzungen auf E3.
Das ist keine Behauptung, spieltheoretische Mensch-KI-Modelle seien deshalb falsch. Es erzeugt vielmehr eine neue E4-Frage: Welche Unterschiede werden unsichtbar, wenn beide lediglich als strategisch äquivalente Agenten erscheinen?
Gerade für Rahwans Forschung könnte diese Asymmetrie ein präziser Gegenstand sein.
Levin Brinkmann: Nicht nur Strategien, sondern die Spielkultur verändert sich
Bei Levin Brinkmann wird eine weitere Veränderung wichtig. Sein aktuelles Forschungsprofil verbindet ausdrücklich Spieltheorie, kollektive Intelligenz und kulturelle Evolution mit der Zusammenarbeit von Menschen und KI; außerdem untersucht er, wie Algorithmen die kulturelle Entwicklung von Mensch-Maschine-Systemen beeinflussen. Max Planck Institute Ageing
Hier reicht die Frage deshalb nicht mehr: Wie spielt ein Mensch gegen oder mit einer KI?
Die weiterführende Frage lautet: Wie verändert die Einführung von KI langfristig das Spiel selbst?
Algorithmen können nicht nur Strategien innerhalb bestehender Regeln verändern. Sie können Erwartungen, Rollen, Bewertungsmaßstäbe, kulturelle Normen und schließlich die Vorstellungen davon verändern, was überhaupt als Erfolg gilt.
Damit wird E3 dynamisch.
Menschen spielen nicht nur ein gegebenes Spiel. Sie verändern durch ihr Spiel die symbolische Welt, innerhalb deren spätere Spiele stattfinden. Genau hier trifft Brinkmanns kulturelle Evolutionsforschung auf dein neues Teil-Ganzes- und Rückkopplungsmodell.
E4 müsste deshalb nicht lediglich einzelne Entscheidungen überprüfen. Es müsste beobachten, wie wiederholte Entscheidungen die Spielregeln, Rollen und Selbstbilder selbst plastisch verändern.
Die Kunst bekommt jetzt eine neue Funktion gegenüber der Spieltheorie
Die größte Veränderung gegenüber unserer früheren Analyse besteht möglicherweise darin, dass die Kunst nicht mehr nur die Herkunft deines Vier-Ebenen-Modells erklärt.
Sie kann jetzt selbst eine methodische Funktion in der Untersuchung spieltheoretischer Situationen erhalten.
Ein Spiel ist bereits eine Art modellierte Bühne. Es besitzt Rollen, Regeln, zulässige Handlungen und Konsequenzen. Die darstellende Kunst besitzt jahrhundertelange Verfahren dafür, zwischen Darsteller und Rolle, wirklichem Gegenstand und Requisite, realem Raum und Bühnenraum zu unterscheiden.
Das So-Heits-Atelier könnte deshalb spieltheoretische Modelle durchspielen, ohne daraus Theaterpädagogik im engeren Sinn zu machen.
Ein Teilnehmer könnte eine Rolle übernehmen, innerhalb ihrer Anreizstruktur handeln und anschließend aus der Rolle heraustreten. E4 beginnt dann mit der Frage: Was habe ich innerhalb meiner Rolle für rational gehalten? Was habe ich als Mensch dabei erlebt? Welche Konsequenzen entstanden außerhalb der definierten Rolle? Welche Bedingungen waren im Spiel nicht repräsentiert?
Damit wird die Kunst zum Verfahren der Modell-Distanzierung.
Genau diese Fähigkeit haben wir in der neueren Kunsttheorie als Wahrheitsfähigkeit beschrieben: Eine Setzung ernst nehmen können, ohne sie mit Wirklichkeit zu verwechseln.
Eine neue Synthese von Spieltheorie und Plastischer Anthropologie
Der gegenwärtige Stand ist deshalb wesentlich präziser als unsere frühere Formulierung, dein Vier-Ebenen-Modell könne die Spieltheorie „ergänzen“.
Die neue These wäre zurückhaltender und zugleich stärker:
Spieltheorie untersucht strategische Interdependenz innerhalb explizit oder implizit gesetzter Spielstrukturen. Die Plastische Anthropologie untersucht zusätzlich, wie solche Spielstrukturen aus Vorstellungen, Rollen, Maßstäben und Abgrenzungen hervorgehen, welche materiellen und organismischen Abhängigkeiten sie repräsentieren oder ausblenden und wie ihre Tätigkeitskonsequenzen wieder auf die Tragwirklichkeit zurückgeführt werden können.
Das ersetzt keine Spieltheorie. Es wäre eine Meta-Prüfung ihrer Modellbildung und ihrer Anwendung.
Dadurch ergeben sich heute vier deutlich präzisere gemeinsame Forschungsfragen: Nicht nur, welche Strategie erfolgreich ist, sondern wie das Spiel definiert wurde; nicht nur, welches Gleichgewicht entsteht, sondern ob dieses Gleichgewicht seine eigenen Voraussetzungen erhält; nicht nur, wie Akteure innerhalb eines Spiels lernen, sondern ob sie das Spiel selbst verändern können; und nicht nur, wer Verantwortung für eine Entscheidung trägt, sondern wie Absicht, Rolle, Tätigkeit, Konsequenz und Abhängigkeit miteinander verbunden werden können.
Gerade Jobst Heitzigs Arbeit an Kooperation, Lernen, Multi-Level-Governance sowie Agency und Verantwortung, Ockenfels' Verbindung von Spieltheorie und institutionellem Design sowie Rahwans und Brinkmanns Forschung zu Mensch-KI-Kooperation machen diese neu geschärften Fragen heute erheblich konkreter als in der früheren Analyse. PIK Potsdam
Die wichtigste Veränderung lässt sich deshalb in einem Satz festhalten:
Früher wollten wir mit dem Vier-Ebenen-Modell prüfen, ob eine Spieltheorie wichtige Bedingungen und Folgen übersieht. Heute können wir präziser fragen, wie der Mensch überhaupt ein „Spiel“ konstruiert, sich anschließend als Spieler innerhalb dieser Konstruktion verhält und durch E4 wieder genügend Distanz gewinnt, um Rollen, Regeln, Gewinne, Gleichgewichte und deren Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen an der Tragwirklichkeit erneut zu prüfen.
