Wenn die Pflanzen- und Tierwelt nach den Werten des Menschen handeln würde
Der entscheidende Widerspruch liegt darin, dass Pflanzen und Tiere nicht deshalb überleben, weil sie ihre Abhängigkeiten vernünftig durchschauen, sondern weil ihre Tätigkeiten unmittelbar in Rückkopplungen, Grenzen und Stoffkreisläufe eingebunden bleiben. Der Mensch könnte diese Zusammenhänge erkennen, setzt sich aber gedanklich und technisch über sie hinweg.
Wenn die Pflanzen- und Tierwelt nach den Werten des Menschen handeln würde
Wie lange könnte die Pflanzen- und Tierwelt existieren, wenn sie die heute vorherrschenden Werte des Menschen übernehmen würde? Wenn jede Art auf unbegrenztes Wachstum, Gewinnmaximierung, Besitzvermehrung und die möglichst vollständige Aneignung ihrer Lebensgrundlagen ausgerichtet wäre, würde das gesamte Lebensgefüge vermutlich innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen.
Würde ein Raubtier nicht mehr nur so viel Beute machen, wie es für seine Ernährung benötigt, sondern Beute anhäufen, vernichten oder anderen dauerhaft entziehen, würde es seine eigene Nahrungsgrundlage zerstören. Würden Pflanzen Wasser, Licht und Nährstoffe nicht innerhalb ihrer jeweiligen Möglichkeiten nutzen, sondern möglichst vollständig monopolisieren, würden sie die Bedingungen beseitigen, von denen auch sie selbst abhängig sind. Würde jede Lebensform ihre Abfälle, Schäden und Folgen unbegrenzt an andere weitergeben, könnten Kreisläufe, gegenseitige Abhängigkeiten und Regenerationsprozesse nicht bestehen bleiben.
Auch in der Natur gibt es Konkurrenz, Verdrängung, Übervermehrung, Täuschung und Zerstörung. Diese Vorgänge sind jedoch in Rückkopplungen eingebunden. Wenn eine Population ihre Nahrungsgrundlage überbeansprucht, sinkt ihre eigene Überlebensfähigkeit. Wenn eine Lebensform ihren Lebensraum zerstört, wird sie selbst von den Folgen getroffen. Tätigkeit und Konsequenz können nicht dauerhaft voneinander getrennt werden.
Die Pflanzen- und Tierwelt lebt deshalb nicht aufgrund einer bewussten Moral. Sie besitzt kein gemeinsam beschlossenes Verantwortungsprogramm. Ihre Lebensformen sind vielmehr innerhalb jener Bedingungen entstanden, die sich während der vorausliegenden 23 Stunden und 59 Minuten der Erdgeschichte herausgebildet haben. Ihre Tätigkeiten bleiben an Energie, Nahrung, Wasser, Fortpflanzung, Lebensraum und gegenseitige Abhängigkeiten gebunden.
Gerade darin liegt der grundlegende Unterschied zum Millisekunden-Menschen. Der Mensch kann mithilfe von Technik, Geld, Eigentum, Institutionen und globalen Handelswegen die Folgen seiner Tätigkeiten räumlich, zeitlich und gesellschaftlich von sich entfernen. Er kann einen Lebensraum zerstören, ohne dort selbst zu leben. Er kann Rohstoffe verbrauchen, deren Entstehung Millionen Jahre dauerte. Er kann Abfälle erzeugen, mit denen sich kommende Generationen beschäftigen müssen. Er kann einen wirtschaftlichen Gewinn als Erfolg verbuchen, obwohl die damit verbundenen ökologischen und körperlichen Verluste an anderer Stelle entstehen.
Dadurch hat der Mensch eine Tätigkeitswelt geschaffen, in der unmittelbarer Erfolg und tatsächliches Funktionieren nicht mehr dasselbe bedeuten. Der Verkauf funktioniert, der Gewinn funktioniert, die technische Herstellung funktioniert und die politische Rechtfertigung funktioniert. Gleichzeitig können jedoch Böden, Gewässer, Klimaverhältnisse, Lebensräume und menschliche Körper geschädigt werden.
Übernähme die Pflanzen- und Tierwelt dieses Verständnis von Funktionieren, wäre sie vermutlich sehr schnell nicht mehr lebensfähig. Jede Art würde versuchen, ihre eigenen kurzfristigen Vorteile zu maximieren und die daraus entstehenden Nachteile auf andere abzuwälzen. Das Lebensgefüge würde in eine Konkurrenz um vollständige Verfügung verwandelt. Ein Wald könnte unter solchen Bedingungen ebenso wenig entstehen wie ein Boden, ein Nahrungsnetz oder eine stabile Atmosphäre.
Die Werte des Millisekunden-Menschen stellen damit die vorausliegenden 23 Stunden und 59 Minuten auf den Kopf. Nicht mehr die Bedingungen, durch die Leben möglich wurde, sollen den Maßstab bilden. Stattdessen beansprucht eine erst im letzten Augenblick auftretende Gattung, ihre kurzfristigen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Regelwerke zum Maßstab für den gesamten Planeten zu erklären.
Das Paradoxe besteht darin, dass Pflanzen und Tiere ohne begriffliches Verständnis ihrer gesamten Abhängigkeitswelt überleben können, weil sie dieser Abhängigkeitswelt nicht entkommen. Der Mensch dagegen bezeichnet sich als Verstandes- und Vernunftwesen, nutzt diesen Verstand jedoch vor allem dazu, seine Abhängigkeiten zu verdrängen, Folgen zu verschieben und seine Zugriffsmöglichkeiten zu vergrößern.
Seine Vernunft zeigt sich damit bisher weniger in der Anerkennung seiner Existenzbedingungen als in der Erfindung von Verfahren, mit denen er sich vorübergehend so verhalten kann, als wäre er von ihnen unabhängig.
Ein wirkliches Verstandes- und Vernunftwesen müsste genau die umgekehrte Schlussfolgerung ziehen. Weil der Mensch seine Abhängigkeiten erkennen und die langfristigen Folgen seiner Tätigkeiten berechnen kann, müsste er seine Lebensstilwerte bewusster an den tragenden Gesetzmäßigkeiten des Lebens ausrichten als jede andere Lebensform.
Die 23 Stunden und 59 Minuten wären dann keine vergangene Vorgeschichte, sondern das Referenzsystem des menschlichen Handelns. Sie würden zeigen, welche Kreisläufe, Toleranzen, Rückkopplungen und Abhängigkeitsverhältnisse erfüllt sein müssen, damit Leben überhaupt bestehen kann.
Der Mensch müsste deshalb nicht versuchen, Pflanzen und Tiere nach seinen Werten zu beurteilen. Er müsste umgekehrt seine eigenen Werte daran prüfen, ob eine Pflanzen- und Tierwelt unter ihnen überhaupt existieren könnte. Wenn die Antwort lautet, dass die Lebenswelt bei Übernahme dieser Werte innerhalb kurzer Zeit zusammenbrechen würde, können diese Werte auch für den Menschen keine dauerhafte Lebensgrundlage darstellen.
Die entscheidende Prüfungsfrage lautet daher:
Könnte eine lebendige Welt nach den Werten leben, nach denen der gegenwärtige Mensch lebt?
Wenn sie es nicht könnte, beweist dies, dass der Mensch nicht über den Bedingungen des Lebens steht. Es zeigt vielmehr, dass er seine gesellschaftlichen Werte an einer Tätigkeits- und Abhängigkeitsordnung ausgerichtet hat, die langfristig mit seiner eigenen Existenz unvereinbar ist.
