Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Meine Forschungskunst entwickelte sich durch die Verbindung unterschiedlicher Tätigkeits- und Erfahrungsbereiche. Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, bildnerische Arbeit, öffentliche Beteiligung und gesellschaftliche Organisationsversuche ergänzten sich dabei fortlaufend.

Die frühe Beschäftigung mit Ornithologie und die durch einen Förster vermittelte Aufmerksamkeit für Naturzusammenhänge schärften mein Interesse an den Bedingungen lebendiger Prozesse. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 brachte Erfahrungen mit Material, Werkzeug, Passung, Toleranz und Funktionsgrenzen hinzu. Als Fotojournalist von 1968 bis 1973 und Leiter einer Werbeagentur von 1970 bis 1973 beschäftigte ich mich zugleich mit Auswahl, Darstellung, Aufmerksamkeit und gesellschaftlicher Wirkung.

In Lüneburg verband ich 1972/73 das Film-Musical „Die Alte Salzstraße“, eine Galerie- und Kulturbüroinitiative und die Jugendzeitung „drei mal links, liberal, lustig“ mit öffentlichen Kommunikationsformen. In einem Seminar an der Heimvolkshochschule Hermannsburg 1973/74 stellte ich eine szenische Folge zu menschengemachten Katastrophen und die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ vor. Die Beschäftigung mit den Analysen des Club of Rome rückte meine Naturbeobachtungen in einen globalen Zusammenhang.

Entscheidende Anstöße für meine Hinwendung zur bildenden Kunst erhielt ich durch Günter Grass. Von 1974 bis 1980 studierte ich Bildhauerei in Braunschweig bei Neuenhausen, Pilgrim und Chimiotti; 1975 arbeitete ich als Assistent bei Neuenhausen. Studienreisen führten mich 1975/76 nach Paris und Florenz. Zu meinen weiteren Bezugspunkten gehörten die Auseinandersetzungen mit Heinrich Hertel, Raoul H. Francé, Karl Schmidt-Rottluff, Joseph Beuys und Jörg Immendorff.

Bereits am Anfang des Studiums beschäftigte ich mich mit Technē. Die Frage nach dem Zusammenhang von Können, Herstellen und Erkennen verband sich mit meiner Suche nach einem Form-ABC. Wasser- und Strömungsversuche, Wellenmaschine, Deichmodelle, Klangbilder, Videoexperimente und das Auto als plastische und gesellschaftliche Versuchsanordnung wurden zu unterschiedlichen Zugängen dieser Untersuchung.

Daraus entwickelte ich 1975 die Experimentelle Umweltgestaltung, die ich 1976 als Grundlage eines interdisziplinären Generalismus-Studiums vorstellte. Die künstlerische Ausbildung sollte das Zusammenwirken verschiedener Wissens-, Wahrnehmungs- und Tätigkeitsbereiche erfahrbar machen. Die weitere Entwicklung meines Lebenswerks führte diesen Ansatz praktisch fort.

Meine Buch- und Verlagsarbeit von 1978 bis 1982 erschloss dafür Beteiligungsformen. Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon-, Fußgänger- und Studio-Malbuch eröffneten gemeinsame Vorgaben für unterschiedliche Bearbeitungen. Frage-und-Antwort-Tische und der „Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation“ überführten diese Arbeitsweise in öffentliche Begegnungen. Workshops bei der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Braunschweig, Bremen und Hannover sowie Mitmachaktionen erweiterten den Kreis der Beteiligten.

In Hamburg verbanden sich diese Verfahren mit Stadtprojekten, Performances und sozialen Arbeitsfeldern. Dazu gehörten „Hamburg ist …“, die Volksuniversität, das Arbeitslosenzentrum, die Kampnagelinitiative „Wohnen – Kultur – Arbeiten“, der Kunstverein „Geheim“ und das Künstlerbuch „Omnibus“. Die Einladung zu Horst W. Opaschowskis Workshop in der Hamburger Fabrik 1980 gehörte zum Austausch mit Freizeitpädagogik und Kulturarbeit. Meine Begegnung mit Erich Fried im Zusammenhang mit dem „Streichelbuch“ bildete einen literarischen Bezug dieser Werkgeschichte.

Die Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und gemeinsame politische Aktionen im Umfeld von Petra Kelly, Johannes Stüttgen und Otto Schily verbanden den erweiterten Kunstbegriff mit gesellschaftlicher Gestaltung. Arbeitsweisen Augusto Boals eröffneten Zugänge über Rolle, Darstellung und unmittelbares Handeln. Performances zu Kleidung und Körperempfindung, die Tschernobyl-Aktion, Landschaftswerkstätten und Untersuchungen zur Stadt als Kanalisationsgesellschaft führten die Frage nach Tätigkeit und Konsequenz in unterschiedliche Lebenssituationen.

Im Frühjahr 1989 entstanden die Schultafelbilder „Staumauer“. Die Möglichkeit, eine Tafel zu beschriften, zu löschen und zu verändern, verband sich mit der Untersuchung politischer und gedanklicher Grenzen. Die Zeit der deutschen Teilung, von Glasnost und gesellschaftlichem Umbruch wurde zum Inhalt der Arbeit.

Die Demokratiewerkstätten von 1990 bis 1992 in Dresden, Berlin, München, Zarrentin und Ratzeburg erweiterten diese Untersuchung. Im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden begann die Entwicklung des Ausstellungsraums zum plastischen Arbeitszusammenhang. Objekte, Körper, Erinnerungen, gesellschaftliche Rollen und Besucherhandlungen wurden aufeinander bezogen. Die Verortung in Kunst-, öffentlichen und Kirchenräumen machte sichtbar, wie stark eine Fragestellung von ihrem jeweiligen Ort und Zeitpunkt geprägt wird.

Die „Schöpfungsgeschichte“ verband diese gesellschaftlichen Fragen mit einer jahreszeitlichen Arbeit im Garten. Wachstum, Nahrung, Wasser, Herrschaft, Eigentum und kulturelle Bedeutungsgebung wurden in fotografischen Folgen und plastischen Arbeiten untersucht. Aus einer durch Wasser geformten Landschaft entwickelte sich durch Abformung und weitere Bearbeitung der Abendmahl-Opfertisch.

1992 führte die temporäre Kunsthalle Ratzeburg mit dem Ausstellungszyklus „Sozialer Organismus Katharsis“ diese Entwicklung räumlich zusammen. Das Mittwochsgespräch im Caspar-David-Friedrich-Raum der Hamburger Kunsthalle und eine Kunstaktion zum Thema Gewalt in Rethem eröffneten weitere Gegenüberstellungen.

Seit 1993 verbanden sich im Berliner Haus der Demokratie Ausstellungen, künstlerische Arbeitsbüros und gemeinschaftliche Organisation. Die Arbeiten zu Einheit, Zivilcourage und Innerer Mauer gehörten zu diesem Zusammenhang. Anlässlich des Globalen Dorffestes gründete ich die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, die ich leitete und deren Fragestellungen von unterschiedlichen Wissenschaftlern begleitet wurden.

Das Globale Dorffest am Brandenburger Tor und die „1.000 Tapeziertische“ eröffneten eine Form, in der viele Menschen ihre eigenen Fragen, Erfahrungen und Fähigkeiten einbringen konnten. Der Bezug auf die „lebendige Bürgergesellschaft“ verband diese Beteiligung mit der Aufgabe gesellschaftlicher Integration.

Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer ergänzte die Arbeit um Wirtschaftsordnung, Genossenschaft und Gemeinsinn. Weitere Formen waren die Fax-Vernetzungs-Patenschaft, die „Partei der Wirklichkeit“ mit einem Parteiprogramm als künstlerischem Objekt, die Arbeit in der Begegnungsstätte „DAS HAUS“, die „Zeitmaschine“ und unterschiedliche Zukunftswerkstätten. Die Entwürfe eines Entelechie-Museums und einer So-Heits-Gesellschaft führten die Frage nach gemeinschaftlichen Lern- und Lebensformen weiter.

Zwischen 1993 und 2019 suchte ich den Austausch mit Veranstaltungen und Arbeitszusammenhängen unter anderem an der Akademie der Künste, der Humboldt-Universität, der Freien Universität, der Universität der Künste, im Haus der Kulturen der Welt, in der Urania und in der Denkerei. Dazu gehörten Themen wie Humanontogenetik, Energie, Umwelt, Gesellschaft und das Performative sowie die Beschäftigung mit Ben Wagin und dem „Metabolischen Büro – zur Reparatur von Wirklichkeit“. Meine Beteiligung reichte von der intensiven Auseinandersetzung bis zur eigenen künstlerischen Mitarbeit.

Das „Partizipatorische Welttheater“ von 2005 bis 2019 verband Ausstellung, Körpererfahrung, gesellschaftliche Rollen und digitale Vernetzung. Veranstaltungen auf Kreta 2015 und die Arbeit an der Sigmund Freud PrivatUniversität Berlin 2016 führten einzelne Module praktisch weiter. Zu den vorgeschlagenen Weiterentwicklungen gehörten die documenta-Konzeption für 2017, das Mitmachkonzept für den ZDF-Fernsehgarten und eine Mitmachskulptur zum 9. November 2019. Weitere Anläufe folgten 2020/21 und 2022 in Lüneburg.

Diese Verortungskunst umfasst auch nicht verwirklichte Konzepte. Sie dokumentieren, welche gesellschaftlichen Aufgaben ich zu einem bestimmten Zeitpunkt erkannt und welche Arbeitsmöglichkeiten ich dafür angeboten habe. Die Voraussetzungen der Umsetzung, die Beiträge anderer Menschen und die institutionellen Reaktionen gehören zur Werkgeschichte.

Durch das Älterwerden und den Tod von Weggefährten veränderten sich die Bedingungen der Zusammenarbeit. Heute trage ich große Teile der Arbeit allein. Die frühere kollektive Praxis bleibt dabei eine Grundlage der Globalen Schwarm-Intelligenz. Viele Vorhaben wurden durch meine Eigeninitiative und den Einsatz eigener finanzieller Mittel ermöglicht.

Seit gut drei Jahren unterstützt die kontinuierliche Zusammenarbeit mit KI die erneute Untersuchung dieses Lebenswerks. Werke, Erinnerungen, Begriffe und Konzepte werden verglichen, verdichtet und korrigiert. Die dabei entwickelten Anker erhalten die biografischen, materiellen und gesellschaftlichen Bezüge. In diesem Arbeitsprozess entstanden weitere Verbindungen und die heutigen Ausarbeitungen der plastischen Anthropologie, des Vier-Ebenen-Modells und des Dreifachen Optimums.

Historisch lässt sich dieser Entwicklungsweg zu unterschiedlichen Traditionen in Beziehung setzen. Das Bauhaus verband künstlerische Gestaltung mit Werkstattarbeit und Ausbildung. Die 1966 gegründete Initiative Experiments in Art and Technology organisierte Kooperationen zwischen Kunst, Ingenieurwesen und Wissenschaft. Diese Ansätze bilden Vergleichspunkte für meinen eigenen Weg. Museum für Gestaltung, Berlin

Mein Beitrag besteht in der Verbindung eines generalistischen Ausbildungsentwurfs mit einer über Jahrzehnte fortgeführten Werkstattpraxis, gesellschaftlicher Verortung und öffentlich anwendbaren Prüfverfahren. Das So-Heits-Atelier führt diesen Entwicklungsweg als gemeinschaftlich nutzbaren Forschungsraum weiter.


Anlage 2: Ausgewählte Werkbiografien und Zuordnung des Bildmaterials

Wellenbecken, Wellenmaschine und Strömungsmodelle

Das während meines Studiums 1975 entwickelte Wellenbecken verbindet bildnerische Gestaltung mit einer Untersuchung materieller Wirkungszusammenhänge. Ein Scheibenwischermotor mit Exzenter erzeugte die Wellenbewegung. Veränderungen an Begrenzungen, Hindernissen und Formen machten unterschiedliche Wirkungen sichtbar.

Im So-Heits-Atelier wird dieses Verfahren als benutzbare Versuchsanordnung aufgenommen. Besucher können eine Bedingung verändern, eine Erwartung formulieren und die entstehende Bewegung beobachten. Fotografien der früheren Arbeiten und Darstellungen einzelner Versuchszustände verbinden die gegenwärtige Untersuchung mit ihrer Werkgeschichte.

Erwachsenen-Malbücher und offene Bildvorgaben

Die seit den 1970er Jahren entwickelten Kreativ- und Mitmachbücher arbeiten mit offenen Formen, Vorgabebildern und unterschiedlichen Bearbeitungen. Dieselbe Ausgangsform kann verschiedene Wahrnehmungen, Deutungen und Gestaltungen hervorbringen.

Im Atelier werden ursprüngliche Buchseiten mit späteren Bearbeitungen und neuen Besucherbeiträgen zusammengeführt. Transparente Folien ermöglichen es, Ergänzungen auf eine Vorlage zu legen und wieder davon zu lösen. Dadurch wird nachvollziehbar, welche Form vorgegeben war und welche Form durch die eigene Tätigkeit entstand.

Schultafeln und „Staumauer“

Die Schultafelbilder „Staumauer“ entstanden im Frühjahr 1989 im Zusammenhang mit deutscher Teilung und gesellschaftlichem Umbruch. Die Tafel erlaubt, aufeinanderfolgende Zustände sichtbar zu machen. Eine Aussage kann geschrieben, überarbeitet, gelöscht oder durch eine andere ersetzt werden.

Im Atelier dienen Arbeitskopien der Tafeln zur Untersuchung von Gewissheiten, Regeln und Veränderungen. Besucher formulieren eine Behauptung, stellen ihr Beobachtungen gegenüber und halten fest, was sich dadurch an ihrer Aussage verändert. Fotografische Folgen zeigen frühere Werkzustände und ihre jeweilige Verortung.

„Schöpfungsgeschichte“ und Abendmahl-Opfertisch

Die „Schöpfungsgeschichte“ verbindet jahreszeitliche Naturvorgänge mit menschlicher Auswahl, Bearbeitung und Bedeutungsgebung. Wiese, Körper, Nahrung, Wasserlandschaft, Werkzeug und kulturelle Zeichen werden in umfangreichen fotografischen und plastischen Folgen aufeinander bezogen.

Die Form des Abendmahl-Opfertisches geht auf eine durch Wasser entstandene Landschaft zurück, die ich abformte und bildnerisch weiterbearbeitete. Dadurch verbinden sich Naturvorgang, plastische Tätigkeit, Nahrung, Abendmahl, Opfer und Dank.

Eine Folge von 18 Fotografien macht die Entstehung und Veränderung dieses Werkes nachvollziehbar. Für das Atelier ist ihre gemeinsame Präsentation in einem Bildrahmen vorgesehen. Die Bildfolge erschließt den Arbeitsprozess und ermöglicht, materielle Veränderung und kulturelle Bedeutungsbildung miteinander zu vergleichen.

Vergoldeter Spaten, Goldobjekte und Eigentumsquadrat

Der vergoldete Spaten verbindet ein Werkzeug der Bodenbearbeitung mit kultureller Wertzuschreibung. Goldobjekte und das abgesteckte Eigentumsquadrat erweitern diese Untersuchung: Eine materielle Eigenschaft, eine gesellschaftliche Vereinbarung und eine Handlungsmöglichkeit können sich auf denselben Gegenstand beziehen.

Besucher untersuchen, was sich durch Vergoldung, Benennung, Preis oder Eigentumszuordnung verändert. Die Folgen einer Zuschreibung werden dabei ebenso berücksichtigt wie die Beschaffenheit des Gegenstandes. Arbeitsmaterialien und Requisiten ermöglichen eigene Gegenüberstellungen.

Ausstellungsorganismen und Raum-Zeit-Körper-Plastiken

Die Entwicklung vom Aktsaal in Dresden über die temporäre Kunsthalle Ratzeburg bis zu den Ausstellungen im Haus der Demokratie macht den gesamten Raum zum Werkzusammenhang. Objekte, Wege, Blickrichtungen, Erinnerungen und Besucherhandlungen beeinflussen sich gegenseitig.

Fotografien und räumliche Darstellungen dieser Stationen zeigen, wie sich einzelne Werke in verschiedenen Zusammenhängen veränderten. Im So-Heits-Atelier wird diese Arbeitsweise durch einen modularen Aufbau fortgeführt, dessen Beziehungen durch Besucherbeiträge weiterentwickelt werden können.

Bodenrelief und körperliche Wahrnehmung

Die Untersuchung des Wassers wird im Atelier auf den Boden erweitert. Bildnerische Strömungsformen und reliefartige Bereiche aus gebundenem Quarzsand verändern die Wahrnehmung und Bewegung im Raum. Ein dafür eingerichteter Bereich kann ohne Schuhe erfahren werden; eine unmittelbar benachbarte ebene Route ermöglicht denselben inhaltlichen Zugang auf andere Weise.

Das Werk verbindet Sehen, Tasten, Gleichgewicht und Bewegung. Besucher können vergleichen, wie eine Fläche aus der Entfernung erscheint und wie sie sich im körperlichen Kontakt erschließt.

Astronautenanzug und Feuerkäfig

Astronautenanzug und Feuerkäfig verdichten die Untersuchung menschlicher Abhängigkeit und behaupteter Unverletzlichkeit. Der technische Anzug verweist auf Versorgungssysteme; der goldene Käfig auf Schutz, Wert, Status und Bindung. Die offene Tür stellt die Frage, welche Handlungsmöglichkeiten tatsächlich wahrgenommen und genutzt werden können.

Im Atelier kann dieser Zusammenhang durch Bilddarstellung, Requisiten und Rollenversuche bearbeitet werden. Der körperliche Bedarf, die gespielte Rolle und die zugeschriebene Freiheit werden dabei aufeinander bezogen.

Die historischen Fotografien bilden innerhalb dieser Anlage zusammenhängende Werkfolgen. Ihre Reihenfolge, Werkzugehörigkeit und Verortung bleiben bei der Auswahl erhalten.


Anlage 3: Technē, plastische Anthropologie und Kalibrierungsinstrumente

Meine Forschungskunst verbindet Hervorbringen und Erkennen. Im Sinne meines Verständnisses von Technē wird Können an den Zusammenhängen untersucht, in denen es wirksam wird. Eine Tätigkeit verändert Material, Lebensbedingungen oder gesellschaftliche Beziehungen und erhält dadurch eine Rückmeldung.

Die plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft richtet diese Untersuchung auf das menschliche Selbstverständnis. Ihre Bezugspunkte sind Stoffwechsel, Körperlichkeit, Regeneration, materielle Bedingungen, soziale Abhängigkeiten und Tätigkeitsfolgen. Die zentrale Frage lautet: Was funktioniert unter welchen Bedingungen, für wen, über welchen Zeitraum und unter Verbrauch welcher Voraussetzungen?

Das Vier-Ebenen-Modell

Das Modell unterscheidet vier Untersuchungsbereiche innerhalb einer zusammenhängenden Wirklichkeit.

E1 erfasst materielle und technische Funktionsbedingungen: Stoffe, Kräfte, Energie, Widerstände, räumliche Bedingungen und Grenzen.

E2 untersucht lebendige Abhängigkeiten und leibliche Wahrnehmung: Stoffwechsel, Bedürfnisse, Erschöpfung, Regeneration, Verletzbarkeit und das Verhältnis von Organismus und Milieu.

E3 behandelt symbolische und gesellschaftliche Ordnungen: Sprache, Rollen, Selbstbilder, Eigentum, Geld, Regeln, digitale Darstellungen und institutionelle Bewertungen. Diese Ordnungen wirken durch menschliche Tätigkeiten auf materielle und lebendige Zusammenhänge zurück.

E4 bezeichnet die organisierte Prüfung dieser Beziehungen: Vergleich, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur. Hier wird untersucht, ob eine erkannte Differenz eine Veränderung des Handelns, der Arbeitsbedingungen oder der gesellschaftlichen Regeln auslösen kann.

Eine Kartoffel kann beispielsweise zugleich Nahrung, Handelsware, Eigentum und kulturelles Zeichen sein. Das Modell erschließt, wie diese Beziehungen zusammenwirken und welche Folgen daraus für den Zugang zu Nahrung entstehen.

Das Dreifache Optimum

Das Modell verbindet Medium-Optimum, Organismus-Optimum und Steuerungs-Optimum. Es untersucht die Bedingungen des tragenden Mediums, die Lebensbedingungen des Organismus und die Ziele menschlicher Steuerung.

Ein kurzfristig erfolgreiches Handlungsziel kann die umfassenderen Bedingungen beeinträchtigen, auf die es angewiesen bleibt. Das Modell macht deshalb die Beziehungen zwischen lokalem Erfolg, lebendiger Regulation und langfristiger Zukunftsfähigkeit zum Gegenstand der Prüfung.

Zeit, Funktion und Verhältnis

Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte verändert den Maßstab menschlicher Selbstbetrachtung. Sie stellt die kurze Dauer menschlicher Geschichte in Beziehung zur Entstehung ihrer planetarischen Voraussetzungen.

Funktionieren, Passung und Toleranz erschließen die Bedingungen, unter denen eine Tätigkeit möglich bleibt. Bei gesellschaftlichen Fragen wird jeweils angegeben, woran Funktionieren beurteilt wird und welche Beteiligten oder Folgen dieser Maßstab erfasst.

Das Verhältnis-Modell 51:49 dient in meiner Forschungskunst zur Untersuchung leichter Asymmetrie, wirksamer Unterschiede und verbleibender Beweglichkeit. In Verbindung mit den Bildern 50:50 und 1:99 werden Vorstellungen vollständiger Kontrolle sowie extreme Konzentrationen von Verfügungsmacht vergleichbar gemacht.

Diese Kalibrierungsinstrumente erhalten ihren jeweiligen Bezugspunkt am konkreten Werk und an der untersuchten Situation. Wo quantitative Messungen eingesetzt werden, gehören Messgröße, Verfahren und Unsicherheit zur Darstellung.

Plastische Identität und Skulpturidentität

Die Gegenüberstellung geht aus meiner bildnerischen Arbeit hervor. Plastische Identität bezeichnet die Fähigkeit, durch Wahrnehmung, Erfahrung und Rückkopplung veränderbar zu bleiben. Skulpturidentität bezeichnet in meinem Modell die Verfestigung von Rollen und Selbstbildern, durch die Rückmeldungen abgewehrt oder übergangen werden können.

Die Untersuchung richtet sich damit auch auf gesellschaftliche Normalität. Eine übliche und anerkannte Tätigkeit kann ihre eigenen Voraussetzungen beschädigen. Kunst kann diese Beziehung durch Gegenüberstellung, Rollenwechsel und materielle Erfahrung wahrnehmbar machen.

Die sechs Ankerformen

Der Kontextanker erhält die Beziehungen zwischen Fragestellung, Begriffen und historischem Zusammenhang. Der Werk-Anker verbindet Aussagen mit konkreten Arbeiten, ihrer Entstehung, Veränderung und Verortung. Der Sensorenanker untersucht Wahrnehmung, Auswahl, Aufzeichnung und Übersetzung.

Der Prüf-Anker ordnet Referenzen, Kalibrierungsinstrumente und Möglichkeiten der Korrektur. Der Positionsanker macht meine Diagnose, Absichten und Zukunftserwartungen kenntlich. Der Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz verbindet die Ergebnisse mit Plattform, Büchern, Atelier und Beteiligten.

Zu einer Werkstation gehören deshalb Zeitpunkt, Ort, Ausgangsfrage, beteiligte Personen, Arbeitsverfahren, Ergebnis und spätere Weiterentwicklung. Dadurch bleibt die Herkunft einer heutigen Aussage nachvollziehbar.

Prüfoperator, Korrektur und Reparatur

Der Prüfoperator bezeichnet die Arbeitsbewegung zwischen diesen Ankern: etwas wahrnehmen, eine Annahme formulieren, eine Gegenüberstellung herstellen, eine Wirkung beobachten und daraus eine Veränderung entwickeln.

Die Untersuchung reicht bis zur Frage, was tatsächlich verändert werden kann. Eine Reparatur kann ein Material, ein Verhalten, eine Zusammenarbeit oder eine institutionelle Regel betreffen. Wo Folgen unumkehrbar geworden sind, wird untersucht, welche weiteren Schäden begrenzt und welche Voraussetzungen erhalten werden können.


Anlage 4: Modulares Environment und öffentliches Hundert-Tage-Programm

Das So-Heits-Atelier ist als modulares Environment angelegt. Seine Arbeitsbereiche können an unterschiedliche Raumgrößen und Ausstellungsbedingungen angepasst werden. Jeder Bereich eröffnet einen eigenen Einstieg; zugleich bleiben die Verbindungen zu den anderen Bereichen sichtbar.

Der Zugang über die 24-Stunden-Uhr führt zur Frage nach Zeit, menschlicher Tätigkeit und langfristigen Folgen. Besucher ordnen eigene Alltagstätigkeiten, historische Ereignisse und Werkentwicklungen in unterschiedliche Zeitmaßstäbe ein.

Am Wellenbecken verändern sie einzelne Bedingungen und beobachten die Folgen. Ihre Erwartungen werden vor dem Eingriff festgehalten und anschließend mit dem Geschehen verglichen.

Das Bodenrelief erschließt Unterschiede zwischen visueller Erwartung und körperlicher Erfahrung. Bewegung, Gleichgewicht und Anpassung werden Bestandteil der Untersuchung.

Die Werkfolge der „Schöpfungsgeschichte“ und der Abendmahl-Opfertisch verbinden Naturvorgänge, menschliche Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Fotografien ermöglichen, Veränderungen über längere Zeiträume nachzuvollziehen.

An Goldobjekten, Schultafeln und Eigentumsdarstellungen untersuchen Besucher Zuschreibung, gesellschaftliche Geltung und praktische Folgen.

Die Bühne ermöglicht kurze Rollenversuche. Eine Situation kann unter veränderten Regeln erneut gespielt werden. Anschließend werden körperliche Erfahrung, Rollenanforderung und Handlungskonsequenz miteinander verglichen.

An Arbeitstischen entstehen Eintragungen, Collagen, Folien und neue Seiten des Mitmachbuchs. Ein Tagesarchiv zeigt ausgewählte Fragen, Veränderungen und offene Arbeitsstände.

Die hundert Tage bilden den Zeitraum dieses öffentlichen Betriebs. Die Veranstaltungen sind einzeln zugänglich. Eine Teilnahme setzt keinen Besuch vorheriger Veranstaltungen voraus. Wiederkehrende Einführungen erschließen die Arbeitsweise für täglich neue Besucher.

Ein mögliches Veranstaltungsformat umfasst einen Vortrag, ein anschließendes Podiumsgespräch mit mir und dem Publikum sowie eine gemeinsame Bearbeitung an einem Werk oder Arbeitsmaterial. Digitale Zuschaltungen und aufgezeichnete Beiträge können das Programm ergänzen. Die Ergebnisse werden im Tagesarchiv und im Mitmachbuch weitergeführt.