Wo liegt der Unterschied zu anderen Formen von Forschungskunst?
Der Unterschied liegt vor allem darin, was du mit künstlerischer Forschung erreichen und miteinander verbinden willst: Dein Ansatz führt von der bildnerischen und darstellerischen Werkpraxis über eine Untersuchung des Menschen zu einem öffentlich anwendbaren Überlebenstraining und dem Entwurf einer So-Heits-Gesellschaft. Die einzelnen Methoden haben Verwandtschaften mit anderen Ansätzen. Dein besonderes Profil liegt in ihrem Zusammenhang.
Begriffe wie Performativität, Wirkungsästhetik, Partizipation oder Rückkopplung allein unterscheiden deine Arbeit noch nicht. Sie beschreiben auch andere Formen künstlerischer Forschung. Entscheidend ist, welche Aufgabe sie innerhalb deiner Forschungskunst erfüllen.
Erkenntnis durch Kunst und Prüfung der Lebensbedingungen
Künstlerische Forschung wird beispielsweise bei Henk Borgdorff als Forschung in und durch künstlerische Praxis beschrieben. Erkenntnis entsteht dabei durch die Arbeit selbst. Materialerfahrung, Körperwissen und die Verbindung von Praxis und Reflexion gehören deshalb bereits zum Feld.
Du richtest diese Erkenntnisarbeit auf einen ausdrücklich benannten Maßstab: Wie verändern menschliche Tätigkeiten die Bedingungen, von denen ihr weiteres Bestehen abhängt? Ein Werk, eine Rolle, eine technische Lösung oder ein Geschäftsmodell kann innerhalb seiner eigenen Zielsetzung erfolgreich sein und zugleich Lebensgrundlagen beschädigen. Diese mögliche Verkehrung von Erfolg in Selbstschädigung ist ein Zentrum deiner Untersuchung.
Das Menschenverständnis wird selbst zum Untersuchungsgegenstand
In deinem Ansatz untersucht der Mensch auch die Vorstellung, die er von sich als Handelndem besitzt. Körperorganismus, Persönlichkeit, Eigentum, Freiheit und gesellschaftliche Rolle werden unterscheidbar gemacht. Der Prüfende bleibt dabei selbst abhängig und betroffen.
Dein Satz, „dass der Besucher sich innewohnend auf einmal gegenübersteht“, bezeichnet deshalb mehr als Beteiligung an einem Kunstwerk. Er bezeichnet eine Selbstbegegnung, in der das eigene Menschenbild überprüfbar werden soll. Die Unterscheidung zwischen plastischer Identität und Skulpturidentität gibt dieser Untersuchung eine besondere begriffliche Form.
Die Kunst liefert zugleich Erfahrung und Handwerkszeug
Bei dir erhalten die künstlerischen Disziplinen eine umfassende Bildungsaufgabe. Bildnerisches Arbeiten erschließt Material, Form und Tätigkeitsfolgen. Darstellerisches Arbeiten erschließt Rollen, Inszenierung und die Möglichkeit, Abstand zur eigenen Darstellung zu gewinnen. Fotografie, Sprache, Musik und weitere Verfahren eröffnen zusätzliche Wahrnehmungs- und Ausdrucksweisen.
Das generalistische Moment liegt darin, diese Fähigkeiten zusammenzuführen und für alltägliche Lebensgestaltung verfügbar zu machen. Dein Ausbildungsentwurf der Experimentellen Umweltgestaltung, dein Lebenswerk und das heutige Atelier bilden dafür einen Entwicklungszusammenhang.
Gesellschaftliche Wirksamkeit ist eine Gemeinsamkeit – deine Prüfstruktur setzt einen besonderen Schwerpunkt
Andere Kunstansätze verfolgen ebenfalls praktische gesellschaftliche Veränderungen. Tania Brugueras Arte Útil versteht Kunst als ein in gesellschaftliches Leben integriertes Werkzeug und verbindet dies mit gemeinschaftlichen Arbeits- und Bildungsformen. Es wäre deshalb falsch, anderen Ansätzen nur Betrachtung oder Erkenntnis zuzuschreiben und allein deiner Arbeit wirksame Veränderung.
Deine besondere Ausarbeitung liegt in der Verbindung von Vier-Ebenen-Modell, dreifachem Optimum, sechs Ankern und Prüfung der Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Sie soll nachvollziehbar machen, wodurch ein Erfolg zustande kommt, welche Voraussetzungen er verbraucht und ob Rückmeldungen eine tatsächliche Korrektur auslösen. Auch Macht, Zuständigkeit und Reparierbarkeit gehören dazu.
Das Lebenswerk ist Herkunft und Arbeitsmaterial des Verfahrens
Deine Werkbiografie erschließt die Entstehung der Fragen und Methoden. Ältere Arbeiten werden im Atelier erneut aktiviert; Besucher bearbeiten ihre Verfahren weiter. Das Mitmachbuch hält diese Weiterarbeit fest, während die Plattform unterschiedliche Bearbeitungen verbinden soll.
Die Besonderheit liegt in der vorgesehenen Verbindung von langfristiger Werkentwicklung, öffentlicher Erprobung und fortlaufender Korrektur. Das Lebenswerk begründet die Herkunft deiner Methoden; ihre Wirkung bei anderen Menschen wird in der Anwendung untersucht.
Das gesellschaftliche Ziel ist eine dauerhaft prüfende Lebensweise
Die So-Heits-Gesellschaft erweitert den Anspruch über einzelne Projekte hinaus. Künstlerisches Können soll zu einer alltäglichen Fähigkeit werden, eigene und gemeinsame Lebensformen zu gestalten und ihre Folgen zu überprüfen. Das Atelier ist der vorgeschlagene Übungsraum dafür.
Für deine Anlage lässt sich der Unterschied so verdichten:
Meine Forschungskunst verbindet ein biografisch entwickeltes Gesamtkunstwerk mit einer plastischen Anthropologie als Referenzwissenschaft und einem öffentlichen Überlebenstraining. Ihre besondere Aufgabe besteht darin, menschliche Selbstbilder, Rollen und Erfolgsmaßstäbe durch bildnerische und darstellerische Verfahren an ihren Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen zu prüfen. Das So-Heits-Atelier überführt diese Arbeit in gemeinschaftliche Übungen; die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet ihre weiterführende Lebens- und Ausbildungsperspektive.
