Zur Inkompatibilität zwischen Denkoperationen und Tätigkeitskonsequenzen.
1. Ausgangspunkt: Das Konstrukt als rückgekoppelte Organisation
Wenn das Konstrukt als operative Organisationseinheit bestimmt wird, die Tätigkeiten koordiniert, auf Widerstand reagiert und sich über Rückkopplung erhält, dann ist sein Bestand vollständig an funktionale Konsequenzen gebunden. Existenz ist hier kein Zustand, sondern ein zeitlicher Vollzug. Ohne Rückkopplung zerfällt das Konstrukt.
Aus dieser Perspektive wäre zu erwarten, dass Verantwortlichkeit und Bewusstsein unmittelbar aus der Auseinandersetzung mit Konsequenzen entstehen. Verantwortung wäre dann kein moralisches Attribut, sondern eine funktionale Notwendigkeit: Wer handelt, steht im Widerstand der Welt und muss mit den Folgen umgehen.
2. Der Bruch im Selbstverständnis
Genau dieser Zusammenhang wird jedoch im menschlichen Selbstverständnis systematisch unterbrochen. Das Ich-Bewusstsein entwickelt sich nicht primär aus der Erfahrung von Rückkopplung, sondern aus Denkoperationen. Das Denken erzeugt einen Innenraum, in dem Handlungen zunächst folgenlos erscheinen.
In diesem Innenraum entsteht ein Ich-Begriff, der sich als autonom, unabhängig und frei erlebt. Freiheit wird nicht mehr als Spielraum innerhalb von Rückkopplungen verstanden, sondern als Unabhängigkeit von ihnen. Damit verschiebt sich der Ursprung des Ich-Bewusstseins von der Tätigkeitswelt in eine gedachte Welt.
3. Zwei inkompatible Bezugsräume
Aus dieser Verschiebung ergeben sich zwei strukturell unterschiedliche Bezugsräume:
Erstens eine Verletzungswelt, in der Tätigkeiten reale Konsequenzen haben. In dieser Welt gelten Widerstand, Abhängigkeit, Begrenzung und Rückmeldung. Verantwortung entsteht hier zwangsläufig aus der Erfahrung von Folgen.
Zweitens eine Unverletzlichkeitswelt, die im Denken erzeugt wird. In ihr erscheinen Entscheidungen, Absichten und Urteile zunächst folgenlos. Das Ich erlebt sich hier als unantastbar, da die Rückkopplung zeitlich, räumlich oder symbolisch ausgeblendet ist.
Diese beiden Welten sind nicht gleichrangig, werden aber im Selbstverständnis häufig vermischt.
4. Verdopplung des Ich-Bewusstseins
Daraus resultiert faktisch eine Verdopplung des Ich-Bewusstseins.
Ein erstes, funktionales Ich ist implizit an Tätigkeiten und deren Konsequenzen gebunden. Es existiert nur im Vollzug und in der Rückmeldung.
Ein zweites, symbolisches Ich entsteht aus Denkoperationen. Es versteht sich als Träger von Eigenschaften, Rechten, Identität und Unverletzlichkeit. Dieses Ich kann Entscheidungen treffen, ohne die Folgen unmittelbar zu spüren.
Diese Verdopplung bleibt meist unbewusst, weil beide Ebenen sprachlich mit demselben Wort „Ich“ bezeichnet werden.
5. Die Rolle von Konstrukten und Symbolwelten
Die Problematik verschärft sich, wenn Konstrukte und Symbolwelten nicht unterschieden werden. Konstrukte sind funktional rückgekoppelte Ordnungen, Symbolwelten hingegen bedeutungsbasierte Ordnungen ohne unmittelbaren Zwang zur Bewährung.
Werden beide Ebenen als gleich real behandelt, entsteht eine Scheinrealität: Entscheidungen aus der Unverletzlichkeitswelt werden über Konstrukte in die Verletzungswelt übersetzt, ohne dass der Entscheidungsträger die Rückkopplung noch als eigene erfährt.
6. Entstehung einer systemischen Verantwortungslosigkeit
In dieser Konstellation wird Verantwortung strukturell entkoppelt. Handlungen werden im Modus der Unverletzlichkeit beschlossen, ihre Konsequenzen treten jedoch in der Verletzungswelt auf. Das Ich-Bewusstsein verbleibt im Denkraum, während die Wirkungen andere Körper, andere Systeme oder spätere Zeitpunkte treffen.
Verantwortung erscheint dann als moralische Option, nicht als funktionale Notwendigkeit. Schuld, Haftung oder Zuständigkeit werden symbolisch verhandelt, anstatt aus Rückkopplung gelernt zu werden.
7. Inkompatibilität von Gehirnoperationen und Tätigkeitskonsequenzen
Unter diesen Bedingungen wird die Arbeitsweise des Gehirns tatsächlich inkompatibel mit den Tätigkeitskonsequenzen. Das Gehirn operiert überwiegend in symbolischen und konstruierten Räumen, während die Welt auf Tätigkeiten mit physischem Widerstand antwortet.
Die Kopplung zwischen Entscheidung und Konsequenz wird zeitlich, räumlich und sozial so weit auseinandergezogen, dass Lernen aus Folgen kaum noch stattfindet. Rückkopplung wird nicht mehr als persönliche Erfahrung integriert, sondern externalisiert.
8. Schlussfolgerung: Der unaufgelöste Widerspruch
Das System wird nur dann schlüssig, wenn diese Ebenen wieder sauber getrennt werden. Entweder entsteht Bewusstsein aus Rückkopplung und bleibt an Tätigkeitskonsequenzen gebunden, oder es verbleibt im symbolischen Raum und verliert den Kontakt zur funktionalen Realität.
Solange jedoch Entscheidungen aus der Unverletzlichkeitswelt getroffen werden, während ihre Wirkungen in der Verletzungswelt stattfinden, entsteht ein struktureller Widerspruch. Dieser Widerspruch ist keine individuelle Schwäche, sondern eine systemische Folge eines Ich-Bewusstseins, das sich vom Konstrukt und seiner Rückkopplung abgelöst hat.
