„Verstehe dich selbst“
Lerne dich selbst kennen, indem du verstehst, wodurch du existierst. -was mit dir vorgeht, geht nicht nur aus dir hervor. „Erkenne dich selbst“ und „Verstehe dich selbst“ im kulturgeschichtlichen Vergleich. Lerne dich selbst kennen, indem du verstehst, was mit dir vorgeht, wodurch es mit dir vorgeht und was durch dein Handeln mit der gemeinsamen Wirklichkeit geschieht.
„Verstehe dich selbst“ geht weiter als das bekannte „Erkenne dich selbst“.
Verstehe dich selbst, indem du verstehst, wodurch du existierst, wovon du abhängig bist, was dich formt und welche Folgen deine Tätigkeit innerhalb der gemeinsamen Tragwirklichkeit hervorbringt.
Erkennen kann bedeuten, sich ein Bild von sich zu machen: Wer bin ich, was denke ich, was will ich?
Verstehen verlangt dagegen, die Bedingungen offenzulegen, durch die dieses Ich überhaupt existiert, handelt und sich als selbstständig erlebt.
Sich selbst zu verstehen heißt deshalb zunächst zu fragen:
Wodurch existiere ich?
Wovon bin ich ununterbrochen abhängig?
Was an mir ist körperlich und materiell vorgefunden, was wurde erlernt, zugeschrieben, erfunden oder gesellschaftlich bestätigt?
Welche meiner Überzeugungen stammen aus eigener Prüfung, und welche wurden durch Familie, Erziehung, Religion, Wissenschaft, Wirtschaft, Werbung, Recht und soziale Rollen in mich hineingelegt?
Der Mensch versteht sich nicht, solange er sich als abgeschlossenes Individuum, unabhängiges Subjekt oder alleiniger Urheber seines Lebens betrachtet.
Er existiert nur durch Atem, Wasser, Nahrung, Wärme, Stoffwechsel, andere Lebewesen, soziale Zusammenarbeit und eine nicht von ihm geschaffene Tragwirklichkeit. Selbstverstehen beginnt daher nicht beim isolierten Ich, sondern bei den Beziehungen, Abhängigkeiten und Tätigkeitsfolgen, aus denen dieses Ich hervorgeht.
„Verstehe dich selbst“ ist damit keine Aufforderung zur Selbstbespiegelung, sondern zur Gegenüberstellung: vorgefunden und erfunden, wahrgenommen und hineingedacht, wirkliche Eigenschaft und zugeschriebene Eigenschaft, Tätigkeit und Folge, Freiheit und Abhängigkeit, Rolle und körperliche Existenz.
Erst durch diese Unterscheidungen kann der Mensch erkennen, wo er handelt, wo er geführt wird, wo er sich täuscht und wo seine Gestaltung die gemeinsamen Existenzbedingungen verletzt.
Der entscheidende Satz lautet daher: Verstehe dich selbst, indem du verstehst, wodurch du existierst, wovon du abhängig bist, was dich formt und welche Folgen deine Tätigkeit innerhalb der gemeinsamen Tragwirklichkeit hervorbringt.
