1.10.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

An Frau Naomi Beckwith

und das künstlerische Team der documenta 16

PRÄZISIERTE BEWERBUNG FÜR DIE DOCUMENTA 16

DAS SO-HEITS-ATELIER DES GLOBALEN DORFES

Forschungskunst als öffentliche Überlebenswerkstatt

Sehr geehrte Frau Beckwith,

sehr geehrtes künstlerisches Team,

wollen Sie auf der documenta 16 einer Überlebenswerkstatt Raum geben und ihre künstlerischen Forschungs- und Trainingsverfahren unterstützen? Mit dem „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ schlage ich einen begehbaren, modularen Arbeits- und Forschungsraum auf der Grundlage meines über fünfzigjährigen künstlerischen Lebenswerks vor.

Meine Forschungskunst ist ein Überlebenstraining für den einzelnen Menschen und für die Menschheit. Ihre Leitfrage lautet: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Tätigkeiten korrigieren kann? Um daran praktisch zu arbeiten, musste ich mir das Handwerkszeug aller künstlerischen Disziplinen erschließen, der bildnerischen ebenso wie der darstellerischen. Materialeigenschaften und ihre Bearbeitung sind mit Tätigkeitskonsequenzen verbunden. Körper, Stimme, Rollenfigur und Inszenierung machen menschliche Darstellungswelten untersuchbar. Der Zweifel an den eigenen Vorstellungen gehört dabei ebenso zum Können wie das Gestalten, Prüfen und Korrigieren.

Die Grundlage bildet meine seit 1975 entwickelte Experimentelle Umweltgestaltung als generalistischer Arbeits- und Ausbildungsansatz. Handwerklich-technische Erfahrung, Naturbeobachtung und unterschiedliche künstlerische Disziplinen verbanden sich zu einer Forschungspraxis, die ich in Werken, Werkstätten, Aktionen und Environments weiterentwickelte. Demokratiewerkstätten und die 1993 von mir gegründete und geleitete Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, deren Arbeit Wissenschaftler begleiteten, erweiterten sie zur gemeinschaftlichen Praxis. Mein Lebenswerk bildet deren langfristigen Erprobungszusammenhang; im Atelier werden daraus zugängliche Übungen für andere Menschen.

Meine plastische Anthropologie geht aus der bildnerischen Arbeit hervor: aus Materialbearbeitung, Formbildung, Widerstand und der Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur. Diese Erfahrungen bilden den Ausgangspunkt meiner Untersuchung menschlicher Selbstbilder, Rollen und gesellschaftlicher Gestaltungen. Daraus entwickelte ich die Vorstellung der So-Heits-Gesellschaft, in der künstlerisches Handwerkszeug, Selbstprüfung und verantwortliche Korrektur zum alltäglichen Leben gehören.

Der Kern des Ateliers ist, dass der Besucher sich innewohnend auf einmal gegenübersteht. Stoffwechsel, Körperorganismus, Versorgung und Verletzbarkeit werden den Vorstellungen von Persönlichkeit, Freiheit, Eigentum und gesellschaftlicher Rolle gegenübergestellt. Die miteinander verschmolzenen Bereiche werden unterscheidbar, während der Besucher Teil ihres Wirkungszusammenhangs bleibt. Er begegnet sich als Kunstwerk und Künstler zugleich – als Geformter und Gestaltender, der durch seine Gestaltungen wiederum verändert wird.

Die Arbeit beginnt bei seiner Wahrnehmung und Irritation: Was sucht er, was beschäftigt ihn, was ist sein Beruf und vielleicht seine Berufung? Seine Fragen führen zu den Werken und zur Untersuchung seiner eigenen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Beobachtung → Identifikation → Eingriff → Rückkopplung → Verantwortung bezeichnet diese Arbeitsbewegung.

Werke meines Lebenswerks werden als Arbeits- und Kalibrierungsinstrumente aktiviert. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte bezieht die bisherige Lebenszeit des Besuchers auf den planetaren Zeitmaßstab: Wie weit reichen die Folgen seines Handelns über sein kurzes Leben hinaus?

Das Wellenbecken eröffnet die Untersuchung eines „Formen-ABC des Wassers“. Wasser trägt Sand ab, lagert ihn um und bildet neue Formen und Widerstände. Eingesetzte Plastiken, darunter der Gordische Knoten als Lösungsmodell, machen erfahrbar, wie eine gestaltete Form mit Wasserbewegung und Quarzsand zusammenwirkt. Ein auf dem Boden weitergeführtes Strömungsbild mit reliefartigen Sandbereichen erweitert diese Untersuchung zur körperlichen Begegnung; ein Teilbereich kann barfuß erkundet werden. Was der Besucher zunächst betrachtet, verlangt nun eine Anpassung seiner eigenen Bewegung.

Der Abendmahl-Opfertisch aus der „Schöpfungsgeschichte“ verbindet wassergeformte Landschaft, plastische Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Eine Folge von 18 Fotografien soll seine Entstehung und Veränderung nachvollziehbar machen. Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche erschließen weitere Beziehungen zwischen Material, Wert, Eigentum und Selbstbild. Die Werkgeschichte wird dabei selbst zur Erkenntnisgrundlage.

Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische Ordnungen sowie deren Prüfung und Korrektur. Das dreifache Optimum untersucht die Beziehungen zwischen Medium, Organismus und Steuerung. Beobachtungen, Quellen und erforderliche Messungen konkretisieren die Prüfung; auch die Verfahren selbst bleiben korrigierbar. Verantwortung bedeutet, die eigenen Maßstäbe zu überprüfen und erkannte Folgen in verändertes Handeln zu überführen, bevor Schäden irreparabel werden. Darin entwickelt sich ein plastisches Ich-Bewusstsein.

Das Atelier und meine Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ eröffnen zwei Zugänge zu diesem gemeinsamen Überlebenstraining. Das interaktive Buch stellt Texte, Bilder, Symbole und Arbeitsmaterialien zum Herunterladen, Kopieren und Weiterbearbeiten bereit. Im Atelier entsteht daraus, zusammen mit Materialien meiner analogen Werkbiografie und den Arbeiten der Besucher, das physische Mitmachbuch. Zeichnungen, Fotografien, Collagen, transparente Folien und schriftliche Untersuchungen halten Versuche und Erkenntnisse fest. KI unterstützt das Vergleichen, Ordnen und Erkennen von Widersprüchen; ihre Beiträge werden ebenfalls geprüft. Die Arbeit kann über den Ausstellungsbesuch hinaus fortgesetzt werden.

Während der hundert Tage entsteht durch Besucherhandlungen, Werkversuche, Gespräche und neue Buchseiten eine fortlaufende Raum-Zeit-Körper-Plastik. Der Atelierbetrieb selbst ist das tragende Kunstwerk. Wechselnde Besucher finden eigenständige Einstiege; vorgeschlagene Fachgespräche und anschließende Werkstattarbeit vertiefen ausgewählte Fragen.

Das So-Heits-Atelier ist ein Prototyp der öffentlichen Anwendung meiner Forschungskunst und ein Erprobungsraum der So-Heits-Gesellschaft. Darin sehe ich eines der wenigen umfassenden künstlerischen Überlebenstrainings, die ich den documenta-Besuchern anbieten kann. Das Environment lässt sich an räumliche, personelle und finanzielle Voraussetzungen anpassen. Die Anlagen erläutern Werkgrundlagen, Besucherarbeit und Realisierung.

Ich erwarte Ihre Rückmeldung, ob Sie diese Überlebenswerkstatt in Ihre künstlerischen Planungen für die documenta 16 aufnehmen wollen. Auf dieser Grundlage können wir Auswahl, Umfang und Realisierung gemeinsam konkretisieren.

Mit freundlichen Grüßen

Wolfgang Fenner

Mein künstlerisches Lebenswerk steht als Prototyp für eine generalistische Forschungskunst, deren oberste Priorität die menschliche Überlebensfähigkeit ist. Über Jahrzehnte habe ich erprobt, wie bildnerische und darstellerische Disziplinen gemeinsam dazu befähigen können, menschliche Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten an ihren Existenzbedingungen und Konsequenzen zu untersuchen. Daraus entwickelten sich meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und die Prüfverfahren des So-Heits-Ateliers. Die Forschung mündet in einen Ausbildungs- und Gesellschaftsentwurf: Menschen sollen künstlerisches Können erwerben, um ihre eigenen Lebens- und Arbeitsformen verantwortlich gestalten und korrigieren zu können.