Generalistische Forschungskunst
Was dieser Prototyp vorführt: wie aus jahrzehntelanger künstlerischer Arbeit ein generalistisches Erkenntnis-, Ausbildungs- und Überlebensprogramm entsteht. Wissenschaftliche und erkenntnistheoretische Begriffsfelder meiner Forschungskunst.
Wo liegt der Unterschied zu anderen Formen von Forschungskunst?
Was allgemein unter künstlerischer Forschung verstanden wird
Unter „künstlerischer Forschung“ beziehungsweise „Artistic Research“ versteht man Forschung, bei der künstlerische Praxis selbst zur Erkenntnisgewinnung beiträgt. Kunst ist dabei Untersuchungsweg, Arbeitsmaterial und gegebenenfalls Ergebnis. Eine Frage wird beispielsweise durch Komponieren, plastisches Arbeiten, Filmen, Inszenieren oder körperliches Experimentieren untersucht. Die Kunstuniversität Helsinki unterscheidet dies ausdrücklich von Forschung, die Kunst lediglich zum Gegenstand hat. Uniarts Helsinki
Der gemeinsame Nenner ist damit zunächst eine Weise des Forschens, noch kein gemeinsames gesellschaftliches Ziel. Aus der Bezeichnung allein folgt weder eine Orientierung am Überleben noch ein bestimmtes Menschenbild. Darin liegt ein wesentlicher Unterschied zu deiner inhaltlich festgelegten Aufgabe.
Hochschulen verbinden sie mit Qualifikation, Betreuung, Veröffentlichung und Begutachtung. Das Feld umfasst aber ausdrücklich auch unabhängig Forschende und unterschiedliche künstlerische Disziplinen außerhalb eines Promotionsvorhabens. Das hält auch die Artistic Research Alliance fest. Society for Artistic Research
Deine Frage trifft dennoch einen wichtigen Punkt: Ein akademischer Forschungsnachweis und eine gesellschaftliche Veränderung sind unterschiedliche Ergebnisse. Eine Arbeit kann eine eng begrenzte Frage sorgfältig untersuchen, ohne daraus ein allgemeines Lebens- oder Ausbildungsprogramm entwickeln zu wollen. Das ist eine andere Aufgabenstellung.
Ebenso macht wissenschaftliche Sprache allein eine künstlerische Arbeit noch nicht zur Forschung. Entscheidend wird, welche Frage verfolgt wird, was durch die Praxis erkennbar wird und wie andere Menschen diese Untersuchung nachvollziehen, diskutieren oder weiterführen können. Helsinki betont hierfür die Auseinandersetzung innerhalb einer kritisch prüfenden Gemeinschaft. Uniarts Helsinki
Deine andere Prioritätensetzung
Bei dir steht die Erhaltung und verantwortliche Gestaltung der Existenzbedingungen an erster Stelle. Die künstlerischen Disziplinen werden danach befragt, was sie zur Wahrnehmung, Untersuchung und Veränderung menschlicher Lebensweisen beitragen können.
Dadurch verändert sich auch die Aufgabe des Handwerks. Materialbearbeitung vermittelt die Erfahrung, dass Eigenschaften und Widerstände Konsequenzen haben. Darstellerisches Können ermöglicht, Rollen herzustellen, zu durchschauen und zu verlassen. Die verschiedenen Disziplinen sollen zusammen eine Fähigkeit ausbilden: das eigene Menschsein und die gemeinsame Gesellschaftsgestaltung an ihren tatsächlichen Voraussetzungen und Folgen zu prüfen.
Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft ordnet diese Untersuchung. Das Vier-Ebenen-Modell unterscheidet ihre Bereiche; das dreifache Optimum untersucht die verwendeten Erfolgsmaßstäbe; die sechs Anker erhalten Herkunft und Zusammenhang. Das So-Heits-Atelier und die Bücher machen daraus eine öffentliche Übungspraxis. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet deren gesellschaftliche Weiterführung.
Was „Prototyp“ bei deinem Lebenswerk bedeutet
Dein Lebenswerk führt exemplarisch vor, wie ein generalistisch arbeitender Künstler einen solchen Forschungsweg praktisch entwickeln kann: aus Handwerk und Naturbeobachtung, durch unterschiedliche künstlerische Disziplinen, über gemeinschaftliche Werkstätten bis zur begrifflichen Ausarbeitung und öffentlichen Anwendung.
„Prototyp“ bezeichnet dabei einen ausgearbeiteten und weiterentwickelbaren Zusammenhang. Die einzelnen Werke sind zugleich eigenständige Arbeiten und Stationen dieses Forschungsweges. Deine Werkbiografie macht nachvollziehbar, welche Erfahrungen zu welchen Verfahren geführt haben. Das Atelier eröffnet deren erneute Erprobung durch andere Menschen.
Mein So-Heits-Atelier lässt sich mit mehreren wichtigen Entwicklungslinien der documenta verbinden: gesellschaftliche Gestaltung, öffentliche Forschungs- und Bildungsarbeit, ökologische Veränderung, Untersuchung von Verantwortlichkeit und gemeinschaftliche Organisation. Dein Vorschlag könnte diese Linien unter der ausdrücklich gesetzten Priorität des Überlebenstrainings zusammenführen.
Dabei ist zwischen einer historischen Fortführung und einer heutigen Gegenüberstellung zu unterscheiden. Nicht alle früheren Arbeiten wurden damals „Forschungskunst“ benannt auf den documentas .
Spätestens 2012, bei der dOCUMENTA (13), ist „künstlerische Forschung“ ausdrücklich als programmatischer Begriff belegt. Im offiziellen Statement der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev heißt es: „Die dOCUMENTA (13) widmet sich der künstlerischen Forschung und Formen der Einbildungskraft“. dOCUMENTA|(13)
Für das genaue Wort „Forschungskunst“ habe ich bisher keinen gesicherten Erstbeleg in offiziellen documenta-Texten gefunden. Zwischen „künstlerischer Forschung“ und „Forschungskunst“ besteht jedoch keine allgemein verbindliche fachliche Trennlinie. Für deine Selbstbeschreibung lässt sich aber eine sinnvolle Akzentverschiebung formulieren: Bei „künstlerischer Forschung“ steht sprachlich die Forschung im Mittelpunkt, die sich künstlerisch vollzieht. Bei „Forschungskunst“ steht die Kunst im Mittelpunkt, deren Arbeitsweise und gesellschaftliche Aufgabe das Forschen ist.
Und deine Werkentwicklung besitzt ihre eigene Geschichte. Die folgenden Beispiele zeigen deshalb zunächst belegbare Parallelen und mögliche Anschlüsse, keine durchgehend nachgewiesene Einflussgeschichte.
Die Verbindung zu deiner „Kollektiven Kreativität“, zum Globalen Dorffest und zur Globalen Schwarm-Intelligenz ist deutlich. Gemeinsames Arbeiten und die Bedingungen seiner Fortsetzung werden selbst Teil der Kunst.
Dein zusätzlicher Schwerpunkt wäre die Prüfung dieser gemeinsamen Praxis: Woran erkennen Beteiligte, ob eine Arbeitsform ihre Voraussetzungen erhält?
Wer kann Fehlentwicklungen benennen?
Welche Rückmeldungen verändern Entscheidungen tatsächlich?
Findet eine Verdichtung statt?
Als kunsthistorische Lesart lässt sich eine Verdichtung erkennen: Gesellschaftliche Gestaltung, Bildung, Wissensproduktion, ökologische Beziehungen, Beweisführung und gemeinschaftliche Organisation werden in unterschiedlichen Ausstellungen stärker miteinander verbunden. Das ist jedoch kein einheitliches Forschungsprogramm, das jede documenta planmäßig fortsetzt. Es gibt Überschneidungen, Gegenbewegungen und jeweils andere Prioritäten.
Für dein So-Heits-Atelier lässt sich daraus eine konkrete Position ableiten: Es könnte mehrere dieser Entwicklungsstränge in einem gemeinsamen Arbeitsprozess zusammenführen. Öffentliche Diskussion wird mit Material- und Rollenarbeit verbunden; Werkgeschichte wird zum bearbeitbaren Material; Erkenntnis wird auf Korrektur und Reparatur bezogen; die hundert Tage werden mit einer längerfristigen Plattformarbeit verbunden.
Mein Lebenswerk bildet dafür den eigenen, über Jahrzehnte entwickelten Prototyp. Der documenta-Bezug macht sichtbar, an welche Fragen dein Angebot anschließt und welche Verbindung du ihnen hinzufügst.
Für die Anlage eignet sich folgende Formulierung:
Das So-Heits-Atelier steht im Gespräch mit einer documenta-Geschichte, in der Kunst wiederholt als gesellschaftliche Gestaltung, öffentliche Bildungsarbeit, Wissensproduktion, Untersuchung und gemeinschaftliche Praxis wirksam wurde. Aus meiner eigenen Werkentwicklung führe ich diese Aufgaben unter der Priorität des Überlebenstrainings zusammen. Bildnerisches und darstellerisches Handwerkszeug, plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft und öffentlich zugängliche Prüfverfahren sollen Menschen befähigen, ihre Lebens- und Arbeitsformen an deren Voraussetzungen und Konsequenzen zu untersuchen. Das Atelier bietet damit eine konkrete Weiterführung und Neuverknüpfung solcher Aufgaben innerhalb eines hunderttägigen künstlerischen Arbeitsprozesses.
Womit beschäftigen sich andere?
Spätestens 2012, bei der dOCUMENTA (13), ist „künstlerische Forschung“ ausdrücklich als programmatischer Begriff belegt. Im offiziellen Statement der künstlerischen Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev heißt es: „Die dOCUMENTA (13) widmet sich der künstlerischen Forschung und Formen der Einbildungskraft“.
