11.8.2026
1-teil....2 teil 10.8.2026 Ki und Ich-10.8.2026 Rekonstruktion des bisherigen Forschungsweges
1. Forschungsgrund: Von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Untersuchung der Maßstäbe des Funktionierens
Der gesamte Forschungsweg lässt sich auf eine Ausgangsfrage zurückführen, die sich seit den 1970er Jahren durch unterschiedliche Werkformen hindurch verändert und präzisiert hat: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, wissen, lernen und korrigieren kann? Diese Frage war zunächst keine ausformulierte Theorie. Sie entstand aus Lebens-, Umwelt-, Material- und Gesellschaftserfahrungen und wurde im Laufe der Jahrzehnte durch Arbeiten, Aktionen, Modelle, Bilder, Beteiligungsformen und schließlich durch die Arbeit mit KI immer weiter untersucht.
Historisch beziehungsweise biografisch belegbar sind die künstlerischen Arbeiten, Ausbildungsstationen, Tagebücher, Fotografien, Ausstellungen, Aktionen, Publikationen und Bewerbungen, sofern sie durch das Archiv dokumentiert sind. Davon zu unterscheiden ist die rückblickende Interpretation, dass bereits alle frühen Arbeiten Bestandteile einer heute vollständig erkennbaren Forschungskunst gewesen seien. Diese Interpretation ist plausibel, muss aber als heutige Rekonstruktion gekennzeichnet bleiben. Die Begriffe Forschungskunst, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, 51:49, So-Heits-Gesellschaft oder Prüforganismus sind spätere begriffliche Verdichtungen. Sie dürfen nicht so dargestellt werden, als seien sie 1975 bereits fertig vorhanden gewesen.
Die jüngste Entwicklung verschiebt die Forschungsfrage noch einmal. Es reicht nicht mehr zu fragen, warum Menschen trotz Wissen zerstörerisch handeln. Es muss untersucht werden, woran Menschen überhaupt erkennen, dass etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Damit rückt die Frage der Referenzsysteme ins Zentrum. Geld, Gewinn, Wachstum, Status, Rechtmäßigkeit oder technische Leistungsfähigkeit können innerhalb menschlich geschaffener Ordnungen Funktion anzeigen. Sie beweisen aber nicht, dass die organismischen, sozialen und ökologischen Bedingungen erhalten bleiben, auf denen diese Ordnungen beruhen.
Aus der ursprünglichen Frage nach Selbstzerstörung entsteht deshalb heute die weitergehende Frage: Welche Maßstäbe benötigt der Mensch, um seine Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Existenz- und Abhängigkeitsbedingungen prüfen zu können?
Der Satz „Der Mensch muss zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden“ ist gegenwärtig die stärkste Verdichtung dieser Entwicklung.
2. Werkgenese: Das Prüfen beginnt vor der Theorie
Ein wesentlicher Ursprung liegt in der Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Historisch belegbar ist die Ausbildung selbst. Die heutige Deutung, dass hierin bereits eine Vorform des späteren Forschungsprinzips lag, ist dagegen eine rückblickende werkbiografische Interpretation.
Beim handwerklichen Arbeiten begegnet man einem anderen Wirklichkeitsverhältnis als bei bloßer Behauptung. Ein Werkstoff hat Eigenschaften. Ein Maß stimmt oder stimmt nicht. Eine Passung funktioniert innerhalb bestimmter Toleranzen. Eine Konstruktion hält einer Belastung stand oder versagt. Die Folge einer Tätigkeit tritt dem Handelnden als Widerstand gegenüber.
Darin liegt eine frühe Struktur, die später zum Begriffshandwerk wird: Auch ein Begriff soll nicht bloß überzeugend klingen. Er muss belastbar sein, Unterschiede ermöglichen und seine Grenzen erkennen lassen.
Die anschließende Beschäftigung mit Fotografie, Fotojournalismus und Werbung fügte einen zweiten Erfahrungskomplex hinzu. Fotografie erzeugt notwendig einen Ausschnitt. Etwas wird ausgewählt, gerahmt und sichtbar gemacht, anderes bleibt außerhalb. Werbung geht darüber hinaus, indem sie Gegenstände mit Bedeutungen, Versprechen und Eigenschaften verbindet, die nicht mit ihren materiellen Eigenschaften identisch sind.
Auch hier gilt: Die spätere Verbindung zur Dingselektion und zu den „hineingedachten Eigenschaften“ ist eine heutige Rekonstruktion. Sie erklärt jedoch, weshalb Bild, Ausschnitt, Darstellung und Zuschreibung später eine so grundlegende Rolle in der Forschung erhalten konnten.
Mit dem Studium der Bildhauerei an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 wurde Material selbst zum Erkenntnisgegenüber. Entscheidend wurde zunehmend nicht nur die fertige Form, sondern der Prozess ihrer Entstehung. Kraft, Gewicht, Widerstand, Bewegung, Materialverhalten, Raum und Tätigkeit konnten nicht voneinander getrennt werden.
Die Experimentelle Umweltgestaltung von 1975 bildet hierfür einen wichtigen historischen Werkanker. Hier erweitert sich die Plastik aus dem Einzelobjekt in Umgebungs-, Bewegungs- und Beziehungsvorgänge. Die spätere Forschungskunst kann deshalb werkgeschichtlich auf diese Phase zurückgeführt werden, ohne behaupten zu müssen, dass ihre heutige Theorie damals bereits vorhanden gewesen sei.
3. Von Material und Umwelt zum Wirklichkeitsproblem
Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deicharbeiten wurden zu wichtigen frühen Erfahrungsfeldern. An ihnen zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft: Eine Form existiert nicht isoliert von ihren Bedingungen.
Eine Welle kann nicht sinnvoll verstanden werden, wenn man sie gedanklich aus Wasser, Gravitation, Bewegung, Energieübertragung und Umgebung herauslöst. Ein Deich besitzt seine Funktion nicht allein aufgrund seiner sichtbaren Gestalt. Er steht in einem Verhältnis zu Material, Untergrund, Wasserdruck, Höhe, Belastung und Zeit.
Diese Beobachtung wird später weit über die ursprünglichen Arbeiten hinausgeführt. Auch der Mensch, ein Produkt, ein Grundstück, eine Institution oder eine gesellschaftliche Rolle erscheinen als einzelne Einheiten, obwohl sie aus zahllosen Beziehungen und Vorbedingungen hervorgehen.
Damit entsteht langsam der Übergang von der klassischen Objektfrage zur Abhängigkeitsfrage.
Nicht mehr nur: Was ist dieses Ding?
Sondern: Wovon hängt es ab, was wurde herausgeschnitten, und welche Beziehungen müssen mitgedacht werden, damit es tatsächlich verstanden werden kann?
Diese Verschiebung führt langfristig zu Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Dingselektion.
4. Tragwirklichkeit: Die Suche nach einem Referenzbereich jenseits menschlicher Zuschreibung
Begriffe wie „Natur“, „Umwelt“ und selbst „Realität“ erwiesen sich im Verlauf der Forschung als unzureichend.
„Umwelt“ kann bereits einen Menschen voraussetzen, um den herum sich etwas befindet. „Natur“ wird häufig Kultur, Technik oder Gesellschaft gegenübergestellt. „Realität“ wiederum ist so umfassend, dass sowohl ein Fels als auch ein Eigentumsrecht oder ein Geldwert real genannt werden können, obwohl ihre Wirkungsweisen völlig verschieden sind.
Daraus entwickelte sich 2026 der Begriff Tragwirklichkeit.
Tragwirklichkeit bezeichnet jene Bedingungen, die menschlicher Zuschreibung vorausliegen und menschliche Existenz tatsächlich ermöglichen und begrenzen. Dazu gehören beispielsweise Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Gravitation, Stoffwechselbedingungen, biologische Verletzbarkeit, Regeneration und ökologische Kreisläufe.
Wissenschaftlich belegbar sind die jeweiligen konkreten physikalischen, biologischen und ökologischen Abhängigkeiten. Tragwirklichkeit als einheitlicher Gesamtbegriff ist dagegen ein Eigenbegriff der Forschungskunst.
Seine methodische Funktion besteht darin, eine Referenz herzustellen, die nicht allein von gesellschaftlicher Geltung abhängt. Menschen können einen Boden besitzen, verkaufen oder bewerten. Sie können aber die biologischen und physikalischen Bedingungen dieses Bodens nicht durch ein Eigentumsdokument verändern.
Aus Tragwirklichkeit entstanden vorübergehend beziehungsweise ergänzend Begriffe wie Tragwesen und Tragbewusstsein. Damit sollte bezeichnet werden, dass der Mensch nicht nur getragen wird, sondern seine Abhängigkeiten grundsätzlich erkennen kann.
Hier entstand jedoch eine begriffliche Überlastung. Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein drohten eine eigene Begriffsfamilie zu bilden, während gleichzeitig Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich und E1–E4 ähnliche Bereiche beschrieben.
Eine mögliche Vereinfachung besteht darin, Tragwirklichkeit als Existenzreferenz beizubehalten, während „Tragwesen“ und „Tragbewusstsein“ nur dort verwendet werden, wo sie einen gegenüber E2 und E4 tatsächlich zusätzlichen Unterschied leisten.
5. Plexuswirklichkeit: Vom Getragenwerden zum Verflochtensein
Die Tragwirklichkeit beschreibt gut, dass menschliche Existenz Voraussetzungen besitzt. Weniger deutlich macht sie, dass diese Voraussetzungen untereinander verknüpft sind.
Daraus entstand Plexuswirklichkeit.
Plexus bezeichnet den Verflechtungszusammenhang. Mensch, Atmosphäre, Nahrung, Boden, Stoffwechsel, Technik, andere Menschen, Sprache, Energie und gesellschaftliche Ordnungen liegen nicht wie isolierte Schichten nebeneinander. Sie greifen ineinander.
Plexuswirklichkeit ist deshalb keine zusätzliche fünfte Wirklichkeit neben Natur, Organismus und Gesellschaft. Sie ist eine Beziehungsbeschreibung.
Auch dieser Begriff ist keine wissenschaftlich etablierte Gesamtkategorie. Wissenschaftlich untersuchbar sind einzelne Netze, Stoffkreisläufe, Rückkopplungen und Abhängigkeiten. Die Zusammenfassung unter „Plexuswirklichkeit“ ist ein Forschungskunstbegriff.
Seine methodische Funktion ist außerordentlich wichtig: Er soll verhindern, dass die notwendige analytische Zerlegung der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird.
Damit ergibt sich eine klare mögliche Differenzierung:
Tragwirklichkeit bezeichnet, wovon Existenz abhängt. Plexuswirklichkeit bezeichnet, wie diese Abhängigkeiten miteinander verflochten sind.
Diese Trennung reduziert eine der bisherigen begrifflichen Doppelungen erheblich.
6. Dingselektion: Der notwendige Schnitt
Aus der Untersuchung der Ausschnitte entstand der Begriff Dingselektion.
Menschen müssen Wirklichkeit selektieren. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Wahrnehmung, keine Sprache, keine Wissenschaft, kein Handwerk und keine Kunst. Ein Baum muss als Baum bezeichnet werden können. Ein Werkstück muss gegenüber anderem Material abgegrenzt werden können. Eine wissenschaftliche Untersuchung muss ihren Gegenstand definieren.
Dingselektion ist daher zunächst keine Fehlleistung.
Der Fehler beginnt erst, wenn der ausgewählte Gegenstand behandelt wird, als enthielte er seine vollständigen Bedingungen in sich selbst.
Damit konnte eine frühere zu pauschale Kritik am „Dingdenken“ korrigiert werden. Nicht das Ding ist das Problem. Nicht die Grenze ist das Problem. Nicht der Ausschnitt ist das Problem.
Problematisch wird das Vergessen des Ausschnittcharakters.
Diese Einsicht verbindet die fotografische Erfahrung des Bildausschnitts, die handwerkliche Werkstückselektion, die wissenschaftliche Gegenstandsbildung, Eigentumsgrenzen und moderne Produktwelten.
7. Loch, Lücke und Lochprozess
Aus der Dingselektion entstand der Lochbegriff. Er gehörte zeitweise zu den Begriffen mit der größten Ausweitungsgefahr.
Wenn nahezu jeder Mangel ein „Loch“ genannt wird, verliert der Begriff seine methodische Präzision. Deshalb wurde zunehmend zwischen Lücke, Loch und Lochprozess unterschieden.
Eine Lücke kann produktiv sein. Zwischen Wissen und Nichtwissen liegt eine Lücke. Zwischen Vorstellung und Ergebnis liegt eine Differenz. Zwischen mir und einem Gegenstand besteht Abstand. Diese Distanz ermöglicht Erkenntnis.
Ein Loch bezeichnet dagegen in der weiterentwickelten Bedeutung eine fehlende Beziehung oder Rückbindung.
Der Lochprozess beschreibt die Entstehung dieses Zustands. Ein Ausschnitt wird vorgenommen. Das Ausgeschlossene wird nicht mehr zurückgeführt. Die Abhängigkeit verschwindet aus der Wahrnehmung. Schließlich erscheint der isolierte Ausschnitt als vollständige Wirklichkeit.
Diese Prozessbeschreibung ist wesentlich stärker als die bloße Lochmetapher.
Ein Produkt kann beispielsweise im Laden als einzelnes Objekt erscheinen. Rohstoffgewinnung, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, Transport, Abfall und ökologische Folgen verschwinden. Der Lochprozess besteht nicht darin, dass diese Beziehungen materiell aufgehört hätten zu existieren. Sie verschwinden lediglich aus dem entscheidenden Wahrnehmungs- und Entscheidungsrahmen.
Daraus ergibt sich eine zentrale Formel:
Nicht der Schnitt erzeugt notwendig das Problem. Das Vergessen des Schnitts erzeugt den Lochprozess.
8. Membran: Korrektur der einfachen Offenheitsvorstellung
Eine weitere wichtige Korrektur entstand mit dem Begriff der Membran.
Wenn Trennung grundsätzlich problematisch wäre, müsste völlige Offenheit das Ideal sein. Das ist bei lebenden Organismen offensichtlich falsch. Leben benötigt Abgrenzung. Entscheidend ist, dass Grenzen regulierten Austausch ermöglichen.
Wissenschaftlich belegbar ist die Bedeutung biologischer Membranen und regulierter Austauschprozesse. Die Übertragung auf soziale, erkenntnistheoretische oder institutionelle Zusammenhänge ist dagegen eine Analogie der Forschungskunst.
Die Membran korrigiert den simplen Gegensatz zwischen offen und geschlossen. Eine gute Grenze ist nicht grenzenlos offen. Sie ist selektiv durchlässig und rückkopplungsfähig.
Dadurch kann auch Eigentum differenzierter betrachtet werden. Nicht jede Grenze ist deshalb bereits falsch. Die Frage lautet vielmehr, welche Beziehungen eine Grenze reguliert und welche Abhängigkeiten sie unsichtbar macht oder unterbricht.
9. Nichtwissen und produktive Lücke
Der Lochbegriff führte zu einer weiteren Differenzierung: Nichtwissen darf nicht mit Lochbildung verwechselt werden.
Forschung beginnt gerade dort, wo jemand weiß, dass er etwas nicht weiß.
Ein produktives Nichtwissen hält eine Lücke offen.
Der Lochprozess dagegen besteht darin, dass eine notwendige Beziehung fehlt, ohne dass ihr Fehlen noch wahrgenommen wird.
Damit entstehen zwei völlig unterschiedliche Zustände.
„Ich weiß es nicht“ kann der Anfang von Forschung sein.
„Ich habe den Zusammenhang ausgeblendet und bemerke seine Abwesenheit nicht mehr“ ist ein Erkenntnisproblem.
Diese Differenz ist wichtig für 51:49, für das Begriffshandwerk und für die spätere Ermittlerfigur.
10. Gegenüberstellung: Vom vermeintlichen Dualismus zur Lernbedingung
Auch der Begriff der Gegenüberstellung wurde korrigiert.
Zeitweise lag die Gefahr nahe, jedes Gegenüber als Dualismus oder Trennung zu problematisieren. Doch ohne Gegenüberstellung gibt es keinen Vergleich.
Ein Künstler benötigt eine Vorstellung und ein entstehendes Werk. Erst weil das Werk der Vorstellung gegenübertritt, kann eine Abweichung sichtbar werden.
Ein Experiment benötigt Erwartung und Ergebnis.
Eine Behauptung benötigt eine Wirklichkeit, an der sie scheitern kann.
Ein Mensch benötigt andere Menschen, deren Wahrnehmung nicht vollständig mit seiner eigenen übereinstimmt.
Damit wird Gegenüberstellung zur Bedingung des Lernens.
Dualismus entsteht erst dort, wo die Gegenüberstellung absolut gesetzt, hierarchisiert oder unüberwindbar gemacht wird.
Diese Korrektur ist wichtig für das gesamte Forschungsmodell: Differenz ist nicht der Gegner der Verbindung. Differenz ist häufig die Voraussetzung dafür, dass Beziehungen überhaupt wahrgenommen werden können.
11. Erfahrung: Tätigkeit allein genügt nicht
Aus der Gegenüberstellung entwickelte sich eine präzisere Theorie der Erfahrung.
Eine Tätigkeit erzeugt zunächst eine Konsequenz.
Erfahrung entsteht erst, wenn die Konsequenz wahrgenommen, mit einer Erwartung verglichen und auf die vorausgehende Tätigkeit zurückbezogen wird.
Dadurch entsteht eine Rückkopplung:
Vorstellung führt zu Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Folge. Folge tritt der Vorstellung gegenüber. Die Differenz wird wahrgenommen. Das Modell kann verändert werden.
Diese Struktur gehört zu den stärksten Bindegliedern zwischen frühem plastischem Arbeiten und dem heutigen E4-Prüfmodell.
Wissenschaftlich gibt es umfangreiche Forschung zu Lernen, Fehlerkorrektur, Regulation und Rückkopplung. Die hier entwickelte Gesamtverbindung mit Forschungskunst, Plastik und gesellschaftlicher Zivilisationsfähigkeit bleibt jedoch ein eigenständiges Modell.
Die entscheidende Folgerung lautet: Tätigkeit ohne Rückkopplung kann sich wiederholen, ohne dass Lernen stattfindet.
Damit wird auch die Ausgangsfrage nach der Selbstzerstörung neu lesbar. Es fehlt der Menschheit möglicherweise nicht primär an Tätigkeit oder Information, sondern an wirksamer Rückführung ihrer Tätigkeitskonsequenzen.
12. Plastik: Vom Kunstgegenstand zum Erkenntnismodell
Plastik wurde im Verlauf der Forschung zunehmend aus ihrer kunsthistorischen Gattungsbedeutung heraus erweitert.
Der Ausgangspunkt bleibt die tatsächliche plastische Tätigkeit. Material wird geformt. Das Material antwortet. Form bleibt während des Prozesses veränderbar. Fehler können erkannt und korrigiert werden.
Aus dieser Werkpraxis entstand allmählich ein anthropologisches Modell.
Plastisch bedeutet darin veränderbar, rückkopplungsfähig und formoffen.
Das ist eine Forschungskunstübertragung und keine kunsthistorische Standarddefinition.
Die methodische Funktion besteht darin, menschliche Identität, gesellschaftliche Ordnung und Erkenntnis nicht als fertige Skulpturen, sondern als grundsätzlich weiter formbare Prozesse zu denken.
13. Skulpturalisierung: Die Verfestigung von Menschenwerk
Als Gegenbegriff entstand Skulpturalisierung.
Dabei ist größte begriffliche Vorsicht notwendig. Skulpturalisierung ist keine Aussage über die historische Kunstform Skulptur und keine Abwertung von Skulpturen.
Der Begriff bezeichnet innerhalb der Forschung einen Prozess, in dem vom Menschen erzeugte Formen ihren hergestellten Charakter verlieren und als unveränderlich behandelt werden.
Rollen, Institutionen, Eigentumsordnungen, gesellschaftliche Hierarchien, Glaubenssysteme oder Selbstbilder können skulpturalisiert werden.
Damit entsteht eine Verbindung zum Lochprozess. Eine symbolische Ordnung wird geschaffen. Ihre Entstehungsbedingungen verschwinden. Schließlich erscheint sie als naturgegeben.
Skulpturalisierung ist damit eine besondere Form der Verfestigung von E3.
14. Plastisches Ich und Skulpturidentität
Diese Unterscheidung wurde später auf den Menschen selbst übertragen.
Das Plastische Ich bezeichnet primär die lebendige, organismische Ebene. Der Organismus muss sich fortwährend regulieren, auf Veränderungen reagieren und seinen Zustand anpassen.
Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die symbolische Selbstform: Name, Beruf, Rolle, gesellschaftlicher Rang, Eigentumsstatus, nationale Zuordnung, Prestige, Selbstbeschreibung.
Dabei war eine weitere Korrektur notwendig. Skulpturidentität darf nicht bedeuten, dass jede stabile Identität falsch sei. Ein Mensch benötigt biografische Kontinuität, Verlässlichkeit und soziale Rollen.
Das Problem entsteht, wenn die symbolische Form Rückmeldungen des lebenden Organismus überstimmt.
Ein Mensch kann an der Identität „leistungsfähig“ festhalten, obwohl sein Organismus Erschöpfung meldet. Eine Gesellschaft kann an „Wachstum“ als Erfolgsidentität festhalten, obwohl ökologische Systeme Überlastung anzeigen.
Damit wurde die Differenz Plastisches Ich/Skulpturidentität zu einer zentralen Verbindung zwischen E2 und E3.
15. Vom Plastischen Ich zum Prüforganismus
Die jüngste Weiterentwicklung ist der Begriff Prüforganismus.
Der Organismus ist nicht bloß etwas, das von außen geprüft wird. Er prüft selbst fortwährend Bedingungen. Temperatur, Energieversorgung, Wasserhaushalt, Verletzung, Sauerstoffversorgung und Belastung werden reguliert.
Diese biologischen Vorgänge sind wissenschaftlich beschreibbar.
Prüforganismus als umfassender erkenntnistheoretischer Begriff ist dagegen eine Forschungskunsthypothese.
Seine Bedeutung liegt darin, den Organismus als Referenzsystem für Tätigkeitskonsequenzen zu begreifen.
Hunger, Durst, Schmerz, Erschöpfung oder Zusammenbruch sind nicht einfach „Störungen eines funktionierenden Menschen“. Sie können Rückmeldungen darüber sein, dass die Bedingungen oder Anforderungen nicht funktionieren.
Damit erhält die bisherige Forschung eine neue Zuspitzung: Der Mensch zerstört möglicherweise seine Existenzbedingungen nicht nur, weil ihm Informationen fehlen, sondern weil er die Rückmeldungen der organismischen und ökologischen Referenzsysteme immer wieder durch E3-Maßstäbe überschreiben kann.
16. Referenzsysteme: Die gegenwärtig wichtigste neue Verbindung
Mit dem Ermittlerbegriff entsteht deshalb erstmals ausdrücklich die Frage nach den Referenzsystemen.
Ein Referenzsystem ist der Zusammenhang, gegenüber dem geprüft wird, ob eine Behauptung oder Tätigkeit funktioniert.
Der menschliche Organismus kann ein solches Referenzsystem darstellen. Ebenso können Böden, Gewässer, Atmosphäre, ökologische Kreisläufe oder soziale Beziehungen Referenzbedingungen liefern.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitstypen.
Geld ist ein reales gesellschaftliches Referenzsystem für Zahlungsfähigkeit.
Es ist aber kein biologisches Referenzsystem für Gesundheit.
Eigentumsrecht ist ein gesellschaftliches Referenzsystem für Verfügungsbefugnis.
Es ist aber kein ökologisches Referenzsystem für die Tragfähigkeit einer Nutzung.
Produktivität kann Ausstoß messen.
Sie misst damit noch nicht die Regenerationsfähigkeit der beanspruchten Systeme.
Damit entsteht eine wesentliche Weiterentwicklung der gesamten Forschung:
Nicht menschliche Maßstäbe sollen abgeschafft werden. Sie müssen an den Referenzsystemen rückgebunden werden, von denen menschliche Existenz tatsächlich abhängt.
17. Funktionieren: Korrektur eines zu engen Erfolgsbegriffs
Durch die Referenzsysteme verändert sich auch der Begriff des Funktionierens.
Früher konnte das handwerkliche Funktionieren relativ unmittelbar erscheinen: Ein Teil passt oder passt nicht. Eine Konstruktion hält oder bricht.
Bei komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen reicht diese Definition nicht mehr.
Ein Unternehmen kann wirtschaftlich funktionieren und gleichzeitig seine Arbeitskräfte gesundheitlich überfordern.
Eine Landwirtschaft kann kurzfristig hohe Erträge erzeugen und langfristig Bodenfruchtbarkeit verlieren.
Ein technisches System kann eine Aufgabe hervorragend erfüllen und dabei Ressourcen verbrauchen, deren Verlust andernorts Folgen erzeugt.
Funktionieren darf deshalb nicht mit unmittelbarer Zielerreichung gleichgesetzt werden.
Eine stärkere Definition lautet:
Eine Tätigkeit funktioniert umfassend nur, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt, ohne die notwendigen Bedingungen ihres eigenen Fortbestehens beziehungsweise die beanspruchten Abhängigkeitssysteme dauerhaft zu zerstören.
Damit wird Tragfähigkeit zu einem Funktionskriterium.
Es bleibt allerdings eine offene Forschungsfrage, wie dieses Kriterium operationalisiert wird. Unterschiedliche Systeme besitzen unterschiedliche Belastungs-, Regenerations- und Zeitskalen.
18. Symbolbildung: Die menschliche Erweiterung der Wirklichkeit
Ein weiterer großer Forschungsstrang betrifft die symbolische Wirklichkeit.
Menschen leben nicht nur in E1 und E2. Sie erzeugen Sprache, Geld, Eigentum, Religion, Recht, Rollen, Institutionen, Kunstwerte, Status und zahllose andere Bedeutungssysteme.
Eine frühere mögliche Verkürzung bestand darin, diese Systeme als bloße Illusion oder „unwirklich“ aufzufassen.
Diese Sicht wurde korrigiert.
Symbolische Konstruktionen sind real wirksam, aber anders wirklich als Steine, Organismen oder Temperatur.
Ein Geldbetrag besitzt keine Kalorien, kann aber darüber entscheiden, wer Nahrung erhält.
Eine Eigentumsgrenze besitzt möglicherweise keine materielle Barriere, kann aber entscheiden, wer einen Raum betreten darf.
Eine gesellschaftliche Rolle hat keine Masse, kann aber das Verhalten eines Menschen jahrzehntelang prägen.
Die Forschung fragt daher nicht mehr: „Ist das real oder nicht real?“
Sie fragt: Auf welche Weise ist etwas wirklich, und welche Tätigkeitskonsequenzen erzeugt diese Wirkungsweise?
19. Eigenschaftsbildung und hineingedachte Eigenschaften
Aus der Symbolforschung entwickelte sich die Untersuchung von Eigenschaften.
Was gehört einem Gegenstand stofflich zu?
Was entsteht nur in einer Relation?
Was wird durch gesellschaftliche Zuschreibung erzeugt?
Eine Kartoffel besitzt stoffliche, biologische und ernährungsbezogene Eigenschaften. Wird sie vergoldet oder mit einem besonderen Preis versehen, verändert sich ihre gesellschaftliche Bedeutung erheblich, ohne dass dadurch ihre grundlegende Nährstoffstruktur in gleicher Weise verändert werden muss.
Daraus entstand der Begriff der hineingedachten Eigenschaften.
Er bezeichnet gesellschaftlich, sprachlich oder symbolisch erzeugte Eigenschaften, die einem Gegenstand zugeschrieben werden.
Der Begriff muss allerdings sorgfältig verwendet werden. „Hineingedacht“ bedeutet nicht „wirkungslos“.
Gerade hineingedachte Eigenschaften können außerordentlich reale Folgen erzeugen.
Die Kartoffel-Trilogie und die weiß beziehungsweise vergoldete Idee gehören deshalb zu wichtigen Prüfobjekten dieses Forschungsbereichs.
20. Eigenschaft und Eigentum
Die Untersuchung von Eigenschaft führte zur Eigentumsgrammatik.
Sprachliche Ähnlichkeiten zwischen „eigen“, „Eigenschaft“ und „Eigentum“ wurden als Denkimpuls benutzt. Dabei ist methodisch wichtig, solche Wortbeziehungen nicht als historischen oder anthropologischen Beweis zu missbrauchen.
Die Forschungskunst verwendet sie als Begriffsöffnung.
Die entscheidende Frage lautet: Wie wird aus einer Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand eine gesellschaftlich fixierte Verfügungszuschreibung?
Eigentum ist nicht deshalb unwirklich, weil es symbolisch und rechtlich konstruiert ist. Es ist gesellschaftlich hochwirksam.
Aber die Eigentumsordnung verändert nicht automatisch die Plexusbeziehungen des Gegenstandes.
Ein Wald kann jemandem gehören und zugleich Wasserhaushalt, Atmosphäre, Boden, Arten und benachbarte Lebensräume beeinflussen.
Damit werden Eigentumsgrammatik und Plexuswirklichkeit unmittelbar miteinander verbunden.
21. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die Forschung hat immer wieder Begriffe aus unterschiedlichen historischen Sprachwelten untersucht: technē, res, Plastik, Skulptur, Bild, Bildung, Darstellung, Eigenschaft, Eigentum.
Diese Untersuchungen sind besonders dann produktiv, wenn sie nicht als etymologische Beweisführung benutzt werden.
Ihre methodische Funktion besteht darin, sichtbar zu machen, dass Sprache bereits Denkoperationen organisiert.
Der Begriff technē wurde wichtig, weil er ein Denken erlaubt, in dem Können, Herstellen, Wissen, Übung und Gestaltung noch enger miteinander verbunden erscheinen als in heutigen disziplinären Trennungen.
Diese sprachgeschichtlichen Vergleiche führten zur Kritik an einer Welt, in der Kunst, Technik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verantwortung weitgehend getrennte Disziplinräume bilden können.
Auch hier gilt jedoch: Aus einem antiken Wort lässt sich keine moderne Gesellschaftstheorie beweisen.
Der Sprachvergleich ist ein Prüf- und Assoziationsinstrument, kein historischer Beweisoperator.
22. Platon, Aristoteles, Christentum und Physik als Vergleichsfolien
Die neuere Folienarbeit hat diese begriffsgeschichtliche Untersuchung bildlich erweitert.
Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Vorstellungen und moderne physikalische Messmodelle wurden als verschiedene historische Ordnungen des Wirklichen gegenübergestellt.
Die Platon-Folie untersucht die mögliche Höherwertung unveränderlicher Formen oder Ideen gegenüber dem veränderlichen Körperlichen.
Die Aristoteles-Folie stellt Material, Form, Bewegung und Zielgerichtetheit stärker in einen Prozesszusammenhang.
Die christliche Folie untersucht eine mögliche Spannung zwischen Leib und Seele.
Die Physik-Folie zeigt Messgrößen wie Masse, Temperatur, Druck oder Kraft und fragt zugleich, was bei einer ausschließlich messenden Betrachtung eines Organismus ausgeblendet werden könnte.
Diese Folien sind keine vollständigen Darstellungen Platons, Aristoteles', des Christentums oder der Physik.
Sie sind künstlerische Vergleichsmodelle.
Damit entsteht eine wichtige methodische Regel:
Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen, und ein Prüfmodell ersetzt keine historische Fachanalyse.
23. Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4
Das Vier-Ebenen-Modell ist inzwischen eine der wichtigsten Ordnungsleistungen der Forschung.
E1 bezeichnet die physikalisch-materielle Bedingungswelt: Stoffe, Kräfte, Temperatur, Druck, Energie und andere grundlegende Bedingungen.
E2 bezeichnet die lebendige Welt: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Wahrnehmung, organismische Selbstregulation und das Plastische Ich.
E3 bezeichnet die vom Menschen hervorgebrachten symbolischen, technischen und institutionellen Ordnungen: Sprache, Eigentum, Geld, Rollen, Recht, Technik, Institutionen, Weltbilder und gesellschaftliche Geltungen.
Die entscheidende Korrektur betrifft E4.
E4 ist keine vierte Wirklichkeitsschicht neben E1, E2 und E3. Es ist die transversale Prüffunktion, durch die E1, E2 und E3 miteinander verglichen, Rückmeldungen zurückgeführt, Fehler erkannt und Korrekturen ermöglicht werden.
Ebenso wichtig ist die Festlegung, dass Tätigkeit keine fünfte Ebene bildet. Tätigkeit ist die Übergangsoperation. Durch Tätigkeit greifen E3-Vorstellungen beispielsweise in E1 und E2 ein und erzeugen Konsequenzen.
Diese Präzisierung schützt das Modell vor einer unnötigen Ontologisierung.
24. Die Funktion von E4
E4 ist wahrscheinlich der methodische Kern der heutigen Forschungskunst.
E4 fragt nicht einfach, was ein Mensch denkt.
Es fragt: Was geschieht, wenn diese Vorstellung tätig umgesetzt wird?
Welche Konsequenzen treten in E1, E2 und E3 auf?
Welche Referenzsysteme melden Funktionieren oder Nichtfunktionieren?
Wird diese Rückmeldung aufgenommen?
Kann die vorausgegangene Vorstellung revidiert werden?
Damit ist E4 kein abgeschlossenes Wissensgebiet.
E4 ist Prüfen, Rückbinden, Revidieren und Reparieren.
Die Globale Schwarm-Intelligenz, das Mitmachbuch, die Foliengrammatik und das So-Heits-Atelier sind deshalb keine weiteren Ebenen neben E4. Sie sind mögliche Medien, durch die E4 praktisch stattfinden kann.
25. 51:49: Von der frühen Intuition zum Korrekturmodell
Das 51:49-Modell besitzt eine besondere Stellung, weil seine frühe Intuition biografisch bis in die 1970er Jahre zurückgeführt wird.
Seine heutige theoretische Bedeutung darf jedoch nicht rückwirkend vollständig in diese frühe Erfahrung hineingelesen werden.
51:49 ist kein wissenschaftlich nachgewiesenes Naturgesetz.
Es ist eine heuristische Grundfigur der Forschungskunst.
51 bezeichnet die minimale Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen oder eine Richtung einzuschlagen.
49 hält den Gegenanteil sichtbar.
Dadurch verhindert das Modell die Vorstellung absoluter Gewissheit.
Die spätere Gegenüberstellung mit 50:50 und 1:99 ist ebenfalls modellhaft. 50:50 steht im Forschungssystem für die Gefahr einer symmetrischen Blockierung oder dualistischen Verfestigung. 1:99 steht für extreme Verfügungskonzentration und Herrschaft.
Diese Zahlen dürfen nicht als universelle empirische Verhältnisse ausgegeben werden.
Ihre Funktion ist bildnerisch und diagnostisch.
26. Differenzialprinzip und dreifaches Optimum
Aus 51:49 entstand das allgemeinere Differenzialprinzip.
Die zentrale Idee lautet: Erkenntnis, Bewegung und Korrektur benötigen Differenzen.
Ohne Unterschied gibt es nichts zu vergleichen.
Das Differenzialprinzip verbindet damit Gegenüberstellung, Lernen, 51:49 und Rückkopplung.
Das später entwickelte dreifache Optimum versucht, Medium, Organismus und Prüfung miteinander zu verbinden. Ein Medium besitzt Funktionsbereiche. Ein Organismus besitzt Belastungs- und Regulationsbereiche. Und eine Prüfung benötigt eine ausreichend erkennbare Differenz.
Hier besteht weiterhin begrifflicher Klärungsbedarf.
51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum dürfen nicht drei nahezu gleichbedeutende Begriffe bleiben.
Eine sinnvolle Hierarchie wäre: Das Differenzialprinzip ist die allgemeine methodische Aussage. 51:49 ist seine anschauliche Korrekturfigur. Das dreifache Optimum wäre eine konkrete Funktionsanwendung.
27. Begriffshandwerk
Mit dem starken Wachstum der Forschung entstand ein neues Problem: Nicht nur Wirklichkeit musste geprüft werden, sondern die eigenen Begriffe.
Daraus entwickelte sich das Begriffshandwerk.
Ein Begriff wird wie ein Werkzeug behandelt.
Er benötigt einen bestimmten Anwendungsbereich.
Er muss von benachbarten Begriffen unterscheidbar bleiben.
Er darf nicht so stark ausgeweitet werden, dass alles unter ihn fällt.
Er muss verworfen, korrigiert oder eingeschränkt werden können.
Damit kehrt die Erfahrung des handwerklichen Prüfens auf einer höheren Ebene zurück.
Aus dem Maschinenschlosser, der Passungen und Toleranzen prüft, wird der Künstler, der Begriffe auf ihre Passfähigkeit gegenüber Wirklichkeit prüft.
Das ist keine historische Identität, sondern eine überzeugende heutige Verbindung der Werkbiografie.
28. Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator
In diesem Bereich besteht noch eine wichtige begriffliche Bereinigung.
Referenzsystem sollte den wirklichen Zusammenhang bezeichnen, gegenüber dem geprüft wird. Das kann beispielsweise der menschliche Organismus, ein Boden, ein Gewässer oder eine soziale Beziehung sein.
Prüfanker sollte den ausgewählten stabilen Bezug innerhalb einer Untersuchung bezeichnen. Er verhindert, dass die Untersuchung während des Denkens unbemerkt ihren Maßstab wechselt.
Prüfoperator sollte die konkrete Vergleichshandlung bezeichnen.
Damit würde beispielsweise der menschliche Organismus als Referenzsystem dienen. Seine Regenerationsfähigkeit könnte zum Prüfanker werden. Der Vergleich zwischen Belastung und Regeneration wäre der Prüfoperator.
Diese Dreiteilung ist für die nächste Entwicklungsphase besonders wichtig, weil sie aus allgemeinen Begriffen ein tatsächlich benutzbares Prüfverfahren machen könnte.
29. Künstlerische Prüfobjekte
Die Kunstwerke verändern innerhalb dieser Entwicklung ihren Status.
Sie sind nicht lediglich Darstellungen einer bereits vorhandenen Theorie.
Sie sind Gegenüber und Prüfobjekte.
Das Wellenbecken untersucht Form und Medium.
Deich- und Strömungsmodelle untersuchen Grenze, Belastung, Durchlässigkeit und Folgen.
Die Kartoffelarbeiten untersuchen Material, Nahrung, gesellschaftliche Bewertung und symbolische Aufladung.
Der gläserne Astronaut untersucht die scheinbare Autonomie eines Menschen, dessen Existenz gerade in extremer Weise von künstlich erzeugten Atmosphären-, Temperatur- und Druckbedingungen abhängt.
Die Schultafeln untersuchen Vorgabe, Einschreibung, Lernen, Autorität und Löschbarkeit.
Frage-und-Antwort-Tische untersuchen Gegenüberstellung und Beteiligung.
Vorgabebilder, Malbücher, Krickel-Krakel und der rote Punkt untersuchen, wie geringfügige Vorgaben Wahrnehmung und Tätigkeit strukturieren.
Der Gordische Knoten kann heute als Gegenüber für die Frage fungieren, ob Verflechtungen verstanden oder nur durchschnitten werden. Diese heutige Interpretation darf allerdings nicht ohne historischen Beleg zur ursprünglichen Werkintention erklärt werden.
Tanglandschaft, Totentanz, Schöpfungs- und Archearbeiten erweitern die Untersuchung um Natur-, Lebens-, Endlichkeits- und Zivilisationsfragen.
Das Entscheidende ist: Keines dieser Werke beweist die Theorie. Die Werke erzeugen Situationen, in denen Unterschiede wahrnehmbar und prüfbar werden.
30. Das künstlerische Dreieck
Eine besonders klare neuere Verdichtung ist das künstlerische Dreieck aus Vorstellung, Händen beziehungsweise Tätigkeit und entstehender Plastik.
Im Kopf entsteht ein Modell.
Die Hände übertragen dieses Modell in Tätigkeit.
Das Material antwortet.
Die entstehende Plastik entspricht der Vorstellung teilweise und widerspricht ihr teilweise.
Aus genau dieser Differenz kann Lernen entstehen.
Das Modell macht sichtbar, dass Kunst nicht nur Hervorbringen ist.
Sie ist ein fortlaufender Vergleich zwischen innerem Modell und äußerer Tätigkeitskonsequenz.
Hier entsteht eine direkte Verbindung zwischen klassischer plastischer Erfahrung und E4.
31. Folien und Schablonen: Vom Begriff zur sichtbaren Prüfoperation
Die Folienarbeit des Sommers 2026 bildet eine neue methodische Phase.
Transparente Folien besitzen eine besondere Eignung für die Forschung, weil jede Folie einen Ausschnitt herstellt und dennoch mit anderen Folien überlagert werden kann.
Das ist nahezu eine materielle Umsetzung der Plexusproblematik.
Eine physikalische Folie kann beispielsweise Kräfte und Material zeigen.
Eine organismische Folie kann den lebenden Menschen hinzufügen.
Eine E3-Folie kann Eigentum, Geld, Rolle oder gesellschaftliche Zuschreibung sichtbar machen.
Eine E4-Folie kann die Beziehung dieser Ausschnitte prüfen.
Die Folie akzeptiert also zunächst den Schnitt. Die Überlagerung verhindert, dass der Schnitt für das Ganze gehalten wird.
Damit wird die Folienmethode zu einem praktischen Gegenoperator des Lochprozesses.
32. Die Plexus-Foliengrammatik
Aus einzelnen Bildern entwickelt sich inzwischen eine Plexus-Foliengrammatik.
Ihre Grundoperation besteht nicht darin, immer neue Inhalte hinzuzufügen. Sie besteht darin, Schichten zu isolieren, zu überlagern, auszutauschen und rückzubeziehen.
Der Mensch mit Spaten macht Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenz sichtbar.
Die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“ kann mit organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Abhängigkeiten überlagert werden.
Die Thermosflasche untersucht Isolation.
Der Astronautenanzug macht technisch aufrechterhaltene Abhängigkeit sichtbar.
Der Sandtrichter untersucht Druck, Verschüttung und unterschiedliche Schutzbedingungen.
Die Saftpresse kann Ressourcenentnahme und Umwertung darstellen.
Molekulare Verknüpfungsfolien und Durchdringungslinien machen sichtbar, dass die scheinbare Körpergrenze keine absolute Abtrennung vom Wirklichkeitszusammenhang bedeutet.
Die entscheidende offene Frage lautet hier inzwischen nicht mehr: Welche weitere Folie könnte noch entstehen?
Sie lautet: Welche wenigen Grundoperatoren reichen aus, um möglichst viele unterschiedliche Fälle prüfen zu können?
Eine Reduktion wäre hier vermutlich stärker als eine weitere Vermehrung.
33. Vom Malbuch zum Mitmachbuch
Das heutige Mitmachbuch besitzt eine deutlich längere Werkgeschichte als seine digitale Form.
Die frühen Erwachsenen- und Beteiligungsmalbücher arbeiteten bereits mit vorgegebenen Strukturen, die durch andere Menschen ergänzt wurden.
Damit war das Werk nicht vollständig abgeschlossen, bevor jemand anderes tätig wurde.
Diese Logik setzt sich in Vorgabebildern, Fragen, Schultafeln und Beteiligungsformaten fort.
Das heutige Mitmachbuch erweitert diese Beteiligungsstruktur um die E1–E4-Prüfgrammatik.
Kartoffel, Wiese oder Schultafel können als einfache Gegenstände dienen. Der Teilnehmer soll nicht nur assoziieren, sondern beobachten, welche materiellen, organismischen, symbolischen und prüfenden Beziehungen auftreten.
Damit verändert sich das Ziel.
Vom Mitmachen geht es zum Ermitteln.
Das Mitmachbuch wird damit zum individuellen Lernweg der Forschungskunst.
34. Tausend Tische: Der analoge Vorläufer der Schwarmarchitektur
Die 1000 Tapeziertische von 1993 bilden einen entscheidenden Übergang von einzelnen Beteiligungsarbeiten zu einer vervielfachten Öffentlichkeit.
Der Tisch ist dabei selbst methodisch interessant. Er ist kein monumentaler Sockel und kein zentralisiertes Podium. Er ist einfach, wiederholbar, horizontal und beweglich.
Viele Menschen können gleichzeitig tätig werden.
Fragen, Antworten, Zeichnungen und Gedanken können nebeneinander sichtbar werden.
Damit entsteht eine analoge Struktur dessen, was später digital als Globale Schwarm-Intelligenz weitergedacht wird.
Die heutige Interpretation lautet deshalb plausibel: Die Tausend Tische sind ein analoger Vorläufer der späteren globalen Prüf- und Beteiligungsarchitektur.
Die entscheidende offene Frage bleibt jedoch: Wann wird eine Vielzahl von Beiträgen tatsächlich intelligent?
Tausend Aussagen allein bilden noch keine Schwarmintelligenz.
Erst Vergleich, Rückkopplung, Widerspruch, Referenzprüfung und Korrektur können aus einer Sammlung einen Lernprozess machen.
35. Von den Tausend Tischen zum Globalen Dorffest
Das Globale Dorffest erweitert die Tischlogik um einen gesellschaftlichen und räumlichen Horizont.
Menschen treten nicht nur als einzelne Kunstbetrachter auf, sondern als Teilnehmer eines gemeinsamen Lebens- und Gestaltungsraums.
Damit verschiebt sich die Kunst zunehmend von der Ausstellung einzelner Gegenstände zur Herstellung von Situationen, in denen gesellschaftliche Beziehungen selbst Gegenstand und Material der Kunst werden.
Diese Entwicklung führt später direkt zur Globalen Schwarm-Intelligenz und zum So-Heits-Atelier.
36. KI als neues Gegenüber
Mit der intensiven KI-Arbeit der letzten Jahre erhält die Gegenüberstellung eine neue Dimension.
KI kann große Textmengen miteinander vergleichen, Begriffe verfolgen, widersprüchliche Fassungen sichtbar machen, Zusammenhänge rekonstruieren und neue Kombinationen erzeugen.
Damit besitzt sie eine hohe Eignung als Gegenüber.
Aber gerade aus dem Vier-Ebenen-Modell ergibt sich eine fundamentale Begrenzung.
Eine sprachbasierte KI arbeitet wesentlich mit menschlich erzeugtem Material. Sie kann daher enorme E3-Strukturen verarbeiten, ohne selbst einen menschlichen Organismus zu besitzen und dessen E2-Verletzbarkeit unmittelbar zu erfahren.
Daraus folgt eine wichtige Korrektur: KI darf innerhalb dieser Forschung nicht zum obersten Referenzsystem werden.
Sie ist ein Werkzeug beziehungsweise Gegenüber der Prüfung.
Sie selbst muss geprüft werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was kann KI erkennen?
Sondern: An welche Referenzsysteme wird ihre Verarbeitung zurückgebunden?
37. Mensch und KI als gegenseitige Prüfkonstellation
Daraus entsteht eine neue Möglichkeit.
Der Mensch kann KI verwenden, um seine eigenen Vorstellungen, Texte, Kategorien und Widersprüche zu untersuchen.
Die KI wiederum benötigt den Menschen und andere Referenzsysteme, damit ihre symbolischen Ergebnisse nicht mit Wirklichkeit selbst verwechselt werden.
Damit entsteht keine einfache Mensch-Maschine-Synthese.
Es entsteht eine gegenseitige Ermittlungsanordnung.
Der Mensch besitzt organismische Erfahrung und Verletzbarkeit.
Die KI besitzt andere Vergleichs- und Verarbeitungskapazitäten.
Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte versuchen, diese unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander zu verschalten, ohne ihre Unterschiede zu beseitigen.
38. Globale Schwarm-Intelligenz
Die seit Anfang 2026 konkret aufgebaute Plattform Globale Schwarm-Intelligenz setzt die analoge Entwicklung von Malbüchern, Tischen, Beteiligungsaktionen und Globalem Dorffest digital fort.
Die Plattform wurde inzwischen als öffentlicher Simulator gedacht, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.
Das ist eine Zielprojektion der Forschungskunst und keine bereits empirisch nachgewiesene Eigenschaft der Plattform.
Ihre methodische Aufgabe wäre wesentlich anspruchsvoller als bloße Informationssammlung.
Teilnehmer müssten Behauptungen eingeben können.
Andere müssten diese Behauptungen prüfen können.
Tätigkeitskonsequenzen müssten verfolgt werden.
Referenzsysteme müssten sichtbar werden.
KI könnte Vergleiche unterstützen.
Ergebnisse müssten revidierbar bleiben.
Damit wäre die Globale Schwarm-Intelligenz die digitale Ausweitung von E4.
39. So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus der Frage, welche gesellschaftliche Projektion aus dem plastischen und prüfenden Prinzip folgt.
Sie ist kein fertig ausgearbeitetes Staats- oder Wirtschaftsmodell.
Der Begriff beschreibt eher eine gesellschaftliche Haltung beziehungsweise Verfahrensform.
„So-Heit“ bedeutet dabei nicht: Es ist eben so, deshalb muss es akzeptiert werden.
Es bedeutet vielmehr: Zunächst muss untersucht werden, wie etwas tatsächlich wirkt, wovon es abhängt und welche Konsequenzen es hervorbringt, bevor die menschliche Zuschreibung zum alleinigen Maßstab gemacht wird.
Die So-Heits-Gesellschaft wäre deshalb eine Gesellschaft, die ihre Institutionen, Eigentumsformen, Technologien, Rollen und Werte als Menschenwerk erkennt.
Was Menschen gemacht haben, kann prinzipiell verändert werden.
Damit steht So-Heit unmittelbar mit Plastik gegen Skulpturalisierung.
40. Das So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes übersetzt diese gesellschaftliche Projektion in einen konkreten künstlerischen Raum.
Für documenta 16 entwickelte sich daraus das Konzept einer öffentlichen Überzeugungsprüfung.
Das Atelier soll deshalb kein klassischer Raum sein, in dem ein fertiges Lebenswerk ausschließlich präsentiert wird.
Die Werke werden zu Prüfstationen.
Besucher bewegen sich durch unterschiedliche Modelle und erfahren, dass ihre eigenen Zuschreibungen und Vorstellungen Teil der Untersuchung werden.
Kauf- und Verkaufswelt, Kartoffel, Gold, Eigentum, Stuhl, Schultafel, Astronaut, 24-Stunden-Uhr, Folien, Vorgabebilder und Mitmachbuch können dabei miteinander verbunden werden.
Der Besucher soll nicht nur gefragt werden: „Was denken Sie?“
Die stärkere Frage lautet:
Woran prüfen Sie, ob das, was Sie denken und tun, funktioniert?
Damit wird das So-Heits-Atelier zur räumlichen Umsetzung des Ermittlerprinzips.
41. Memento mori und Lebenswerk-Topografie
Die spätere Idee des Memento mori fügt dem Atelier eine biografische Zeitdimension hinzu.
Das Archiv mit hunderten Werken, tausenden Bildern, Tagebüchern, Aktionen, Bewerbungen und Dokumenten wird nicht nur retrospektive Sammlung.
Es wird zur Spur eines jahrzehntelangen Ermittlungsprozesses.
Gerade die wiederholten documenta-Bewerbungen erhalten dadurch eine besondere Stellung. Sie zeigen nicht bloß institutionelle Bewerbungsgeschichte, sondern eine wiederkehrende Suche nach einem öffentlichen Ort, an dem diese Forschung gesellschaftlich geprüft werden kann.
Die gegenwärtige documenta-16-Projektion ist damit kein völlig neues Projekt neben dem Lebenswerk.
Sie versucht, das Lebenswerk selbst in eine öffentliche Forschungsumgebung umzuwandeln.
42. Der Feuerkäfig: Verdichtung der Zivilisationsfrage
Das jüngste Bild des Feuerkäfigs verdichtet die Ausgangsfrage noch einmal.
Der Mensch befindet sich in einem Käfig.
Im Käfig brennt Feuer.
Die Tür steht offen.
Trotzdem verlässt der Mensch den Käfig nicht.
Dieses Bild ist keine wissenschaftliche Erklärung menschlichen Verhaltens.
Es ist ein künstlerisches Prüfobjekt.
Es fragt, welche unsichtbaren Bindungen stärker sein können als die Wahrnehmung einer sichtbaren Gefahr.
Status, Rolle, Eigentum, Gewohnheit, Belohnung, 50:50-Verfestigung oder 1:99-Hierarchisierung können als mögliche Folien darübergelegt werden.
Der offene Ausgang ist dabei entscheidend.
Die Existenz einer Alternative garantiert noch nicht, dass sie erkannt oder benutzt wird.
Damit verbindet der Feuerkäfig Selbstzerstörungsfrage, Skulpturidentität, Lochprozess, Referenzsysteme und Tätigkeitskonsequenzen.
43. Die 24-Stunden-Uhr als Kalibrierung
Die 24-Stunden-Uhr entstand als Versuch, menschliche Geschichte gegenüber planetarischer Zeit zu kalibrieren.
Die lange Erdgeschichte wird auf einen Tag übertragen. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden; Industrialisierung und Great Acceleration in winzigen Bruchteilen davon.
Die konkreten Zahlen hängen von den jeweils zugrunde gelegten wissenschaftlichen Datierungen ab und müssen deshalb immer wieder überprüft werden.
Die Uhr ist kein wissenschaftlicher Beweisoperator.
Sie ist eine didaktische Kalibrierung.
Sie macht sichtbar, dass ein biologisch sehr lange entstandener Organismus in extrem kurzer Zeit eine technisch-symbolische Welt erzeugt hat, deren Eingriffstiefe inzwischen planetarische Prozesse erreicht.
Daraus entwickelte sich das Bild des Millisekunden-Menschen.
Auch dieser Ausdruck ist eine Forschungskunstverdichtung, keine biologische Kategorie.
44. Von der Disziplinenkritik zur Integrationsfrage
Im jüngeren Forschungsstand verschärft sich auch die Kritik an jahrtausendelangen Disziplinlogiken.
Die Forschungskunst beschreibt die moderne Zivilisation zunehmend als eine Welt, in der Erkenntnisbereiche in getrennte Zuständigkeiten zerfallen können.
Physik untersucht bestimmte Eigenschaften.
Biologie andere.
Psychologie andere.
Ökonomie andere.
Recht wiederum andere.
Diese Differenzierung ist wissenschaftlich notwendig und außerordentlich leistungsfähig.
Das Problem beginnt auch hier nicht beim Schnitt.
Es beginnt beim fehlenden Rückbezug zwischen den Schnitten.
Die Forschungskunst ist deshalb nicht primär gegen Disziplinen gerichtet.
Ihre eigentliche Funktion ist integrativ: Die getrennt gewonnenen Erkenntnisse müssen wieder in einen gemeinsamen Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhang gebracht werden.
Plexuswirklichkeit und E4 versuchen genau dies.
45. Von interdisziplinär zu integrativ
Daraus entwickelte sich eine weitere begriffliche Differenzierung.
„Interdisziplinär“ kann bedeuten, dass mehrere bereits getrennte Disziplinen miteinander kommunizieren.
Die Forschungskunst versucht darüber hinaus, existenzielle Funktionsteile aus verschiedenen Wissensfeldern so zusammenzuführen, dass neue Sachzusammenhänge prüfbar werden.
Deshalb erscheint „integrativ“ teilweise genauer.
Auch hier darf aber kein falscher Gegensatz entstehen.
Die Forschungskunst benötigt wissenschaftliche Disziplinen gerade deshalb, weil diese hochentwickelte Teilkenntnisse bereitstellen.
Sie kritisiert nicht die Spezialisierung selbst, sondern die Vorstellung, spezialisierte Teilerkenntnis könne ohne Rückkopplung den Gesamtzusammenhang ersetzen.
46. Von der Plastischen Anthropologie zur Forschungskunst
Eine wichtige begriffliche Hierarchisierung ist inzwischen möglich.
Die Forschungskunst ist das übergeordnete Verfahren.
Die Plastische Anthropologie ist ein Teilmodell innerhalb dieses Verfahrens. Sie untersucht den Menschen als plastisches, organismisches, symbolbildendes und zugleich zur Skulpturalisierung fähiges Wesen.
Die Trag- und Plexuswirklichkeit beschreiben den Bezugsraum.
Das Vier-Ebenen-Modell ordnet unterschiedliche Wirkungsweisen.
Das 51:49-Differenzialprinzip hält Entscheidungen korrigierbar.
Die Prüfobjekte erzeugen Gegenüberstellungen.
Die Foliengrammatik visualisiert Beziehungen.
Das Mitmachbuch organisiert individuellen Lernvollzug.
Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert ihn digital.
Das So-Heits-Atelier übersetzt ihn in einen öffentlichen Raum.
Die So-Heits-Gesellschaft bildet die gesellschaftliche Zielprojektion.
Diese Hierarchie ist wesentlich klarer, als alle Begriffe nebeneinander als gleichrangige Theoriebausteine zu behandeln.
47. Der Mensch als Ermittler seiner eigenen Existenz
Die jüngste Formulierung könnte nun zur stärksten methodischen Klammer des Gesamtwerks werden.
Ein Ermittler akzeptiert eine Behauptung nicht automatisch.
Er sucht Spuren.
Er fragt nach fehlenden Verbindungen.
Er rekonstruiert Abläufe.
Er vergleicht Aussagen mit Folgen.
Er prüft Maßstäbe.
Er unterscheidet Beobachtung und Interpretation.
Er hält Ergebnisse grundsätzlich korrigierbar.
Genau diese Operationen sind im Forschungsweg längst vorhanden.
Dingselektion untersucht den Ausschnitt.
Lochprozess sucht die verschwundene Beziehung.
Gegenüberstellung erzeugt Vergleichbarkeit.
Tätigkeitskonsequenz verfolgt Wirkung.
Referenzsysteme liefern Maßstäbe.
E4 führt zurück.
51:49 verhindert totale Gewissheit.
Folien machen Abhängigkeiten sichtbar.
Mitmachbuch und Atelier übertragen die Operation auf andere Menschen.
KI erweitert Vergleich und Rekonstruktion.
Die Ermittlerfigur fügt diesen Bestandteilen also keinen fremden Gedanken hinzu.
Sie ordnet sie zu einem Verfahren.
48. Ermitteln heißt auch die eigenen Ermittlungsinstrumente prüfen
Der Ermittler darf allerdings nicht zum neuen allwissenden Beobachter werden.
Auch er arbeitet mit Ausschnitten.
Auch er benutzt Sprache.
Auch er verfügt nur über begrenztes Wissen.
Auch seine Messinstrumente und Modelle erzeugen Selektionen.
Deshalb muss die Forschung reflexiv bleiben.
Der Mensch untersucht nicht nur die Welt.
Er untersucht seine eigenen Instrumente der Weltuntersuchung.
Damit wird Begriffshandwerk zu einem integralen Bestandteil des Ermittlerprinzips.
Auch Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, E1–E4 und 51:49 müssen selbst Gegenstände fortlaufender Prüfung bleiben.
49. Die neue zentrale Frage nach den Maßstäben
Hier liegt der gegenwärtig wichtigste neue Forschungsschritt.
Wenn der Mensch zum Ermittler wird, benötigt er Kriterien.
Die Frage lautet dann nicht mehr nur:
„Welche Folgen hat meine Tätigkeit?“
Sondern:
„An welchem Referenzsystem entscheide ich, ob diese Folgen tragbar sind?“
Bei einem Organismus können beispielsweise Verletzung, Stoffwechsel, Regeneration oder Belastbarkeit untersucht werden.
Bei einem Boden gelten andere Referenzgrößen.
Bei einem sozialen Verhältnis wiederum andere.
Dadurch wird sichtbar, dass „Funktionieren“ nicht ein einziger universeller Wert ist.
Es muss immer gefragt werden:
Was soll funktionieren?
Für wen?
In welchem Zeitraum?
Unter welchen Abhängigkeiten?
Welche Belastungen entstehen?
Wer trägt sie?
Können sie regeneriert oder repariert werden?
Die Ausarbeitung dieser Referenzgrammatik ist derzeit eine der größten offenen Aufgaben.
50. Fehlende Verbindung: Konflikte zwischen Referenzsystemen
Noch schwieriger wird die Forschung dort, wo Referenzsysteme nicht dieselbe Richtung anzeigen.
Eine Maßnahme kann organismisch hilfreich und ökologisch problematisch sein.
Eine ökologische Schutzmaßnahme kann kurzfristig soziale Belastungen erzeugen.
Eine technische Entwicklung kann medizinischen Nutzen bringen und zugleich hohen Ressourcenverbrauch verursachen.
Es gibt daher nicht immer eine einzige einfache Antwort der „Tragwirklichkeit“.
Die Forschung benötigt eine Konfliktgrammatik der Referenzsysteme.
Sie müsste unterscheiden können zwischen unverzichtbaren Bedingungen, ersetzbaren Mitteln, kurzfristigen Belastungen, langfristigen Schäden, reversiblen und irreversiblen Folgen sowie zwischen selbst getragenen und ausgelagerten Konsequenzen.
Das ist bisher noch nicht ausreichend ausgearbeitet.
51. Fehlende Verbindung: Zeit
Die zweite große Lücke betrifft die Zeit.
Ein Vorgang kann kurzfristig hervorragend funktionieren und langfristig seine eigene Grundlage zerstören.
Damit reicht die unmittelbare Rückmeldung nicht immer.
Die 24-Stunden-Uhr macht unterschiedliche Zeitskalen anschaulich, aber sie ist noch kein allgemeiner Zeitoperator.
Ein zukünftiger Prüfanker müsste deshalb mindestens zwischen unmittelbarer Wirkung und später Rückwirkung unterscheiden.
Gerade für die Ausgangsfrage nach der Zerstörung eigener Existenzbedingungen ist dies entscheidend.
Nutzen und Schaden können zeitlich weit auseinanderliegen.
Der Handelnde erhält eine Belohnung heute.
Die Konsequenz tritt Jahrzehnte später auf.
Damit wird Rückkopplung schwieriger.
52. Fehlende Verbindung: Verteilung der Tätigkeitskonsequenzen
Eine dritte noch unzureichend ausgearbeitete Dimension betrifft die Verteilung.
Derjenige, der eine Tätigkeit ausführt oder von ihr profitiert, trägt nicht notwendig ihre Konsequenzen.
Gewinne können lokal entstehen, Schäden anderswo.
Nutzen kann gegenwärtig entstehen, Belastung zukünftige Menschen treffen.
Eine gesellschaftliche Gruppe kann Vorteile erhalten, während andere die Kosten tragen.
Damit reicht die Frage „Funktioniert es?“ nicht.
Sie muss ergänzt werden durch:
Für wen funktioniert es, und wer trägt die Tätigkeitskonsequenzen?
Hier treffen 1:99-Modell, Eigentumsgrammatik, Abhängigkeitswelten und Referenzsysteme unmittelbar aufeinander.
53. Fehlende Verbindung: Vom Erkennen zur Verhaltensänderung
Die älteste Frage bleibt zugleich die offenste.
Menschen können wissen, dass etwas schädlich ist, und dennoch weitermachen.
Die Forschungskunst hat deshalb immer wieder versucht, bloße Information zu überschreiten.
Malbuch, Aktion, Vorgabebild, Tisch, Mitmachbuch, Folien und Atelier verlangen Tätigkeit.
Der Mensch soll nicht nur eine Erklärung hören.
Er soll selbst etwas gegenüberstellen und erfahren.
Ob diese Erfahrung jedoch dauerhaft sein Verhalten verändert, ist eine empirische Frage.
Hier könnte das So-Heits-Atelier einen entscheidenden nächsten Schritt machen, indem nicht nur Besucherreaktionen während einer Ausstellung untersucht werden, sondern auch spätere Rückwirkungen und tatsächliche Korrekturen.
Damit würde sich die Forschungskunst selbst prüfen.
54. Doppelungen und notwendige begriffliche Bereinigungen
Der gegenwärtige Forschungsorganismus ist begrifflich außerordentlich reich. Gerade darin liegt inzwischen seine größte Gefahr.
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten klar getrennt bleiben: Existenzbedingung einerseits, Beziehungsstruktur andererseits.
Plastisches Ich und Prüforganismus sollten nicht synonym werden. Plastisches Ich bezeichnet die organismisch veränderliche Existenzweise; Prüforganismus bezeichnet ihre Rückmelde- und Kontrollfunktion.
Symbolisierung und Skulpturalisierung müssen auseinandergehalten werden. Symbolisierung ist notwendig. Skulpturalisierung bezeichnet die problematische Verfestigung einer erzeugten symbolischen Form.
Lücke, Distanz, Membran und Lochprozess sollten jeweils eigene Funktionen behalten. Lücke ist offenes Nichtwissen beziehungsweise Differenz. Distanz ermöglicht Gegenüberstellung. Membran reguliert Austausch. Lochprozess bezeichnet verlorene Rückbindung.
Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator benötigen die bereits beschriebene hierarchische Trennung.
51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum müssen ebenfalls gestuft werden.
Forschungskunst und Plastische Anthropologie dürfen nicht gleichrangig verwendet werden. Forschungskunst ist das Verfahren, Plastische Anthropologie ein daraus hervorgegangenes Menschenmodell.
E4, So-Heits-Atelier, Mitmachbuch und Globale Schwarm-Intelligenz sind ebenfalls nicht gleichartig. E4 ist Funktion; die anderen sind Medien ihrer möglichen Realisierung.
55. Begriffe, die vor Überdehnung geschützt werden müssen
Auch mehrere starke Begriffe benötigen Grenzen.
Der Lochprozess darf nicht jedes Wissensproblem erklären.
Plexuswirklichkeit darf nicht zur Behauptung werden, alles sei unterschiedslos mit allem verbunden.
51:49 darf nicht als Naturkonstante auftreten.
50:50 darf nicht jedes Gleichgewicht als falsch erscheinen lassen.
1:99 darf nicht jede Machtbeziehung erklären.
Skulpturidentität darf nicht jede Form persönlicher Stabilität pathologisieren.
So-Heit darf nicht bedeuten, dass der Mensch über einen unmittelbaren, interpretationsfreien Zugang zur Wirklichkeit verfüge.
Prüforganismus darf nicht so verstanden werden, als könne jede subjektive Empfindung unmittelbar als objektives Funktionsurteil gelten.
Gerade diese Begrenzungen erhöhen die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der Forschung.
56. Historisch und wissenschaftlich belegbar – Forschungskunsthypothese
Die Forschung benötigt künftig eine konsequente Kennzeichnung unterschiedlicher Aussagearten.
Historisch belegbar sind dokumentierte Werke, Datierungen, Ausstellungen, Bewerbungen, Ausbildungsstationen, Publikationen und Aktionen.
Wissenschaftlich belegbar beziehungsweise wissenschaftlich untersuchbar sind beispielsweise physikalische Belastungsbedingungen, organismische Regulation, Stoffwechsel, ökologische Abhängigkeiten, Regeneration, Wahrnehmungsbegrenzungen und gesellschaftliche Wirkungen von Symbolsystemen.
Rückblickende Werkinterpretationen sind Aussagen darüber, wie ältere Arbeiten heute innerhalb des Gesamtwerks verstanden werden.
Forschungskunsthypothesen sind Modelle wie 51:49, Lochprozess, Skulpturidentität, Plastisches Ich, So-Heits-Gesellschaft, Plexuswirklichkeit oder Prüforganismus in ihrer erweiterten Bedeutung.
Diese Ebenen dürfen miteinander arbeiten.
Sie dürfen aber nicht miteinander verwechselt werden.
Gerade darin könnte künftig ein Qualitätsmerkmal der Forschungskunst liegen.
57. Die Gesamtarchitektur
In der derzeit klarsten Fassung beginnt die Forschung bei einer Tragwirklichkeit, innerhalb deren alle menschliche Existenz stattfindet.
Diese Tragbedingungen bestehen nicht isoliert, sondern als Plexuswirklichkeit wechselseitiger Beziehungen.
Innerhalb dieser Wirklichkeit entsteht der lebende Organismus. Er reguliert sich, besitzt Abhängigkeiten, ist verletzbar und reagiert auf Belastungen. Hier liegt E2 und damit das Plastische Ich beziehungsweise seine Funktion als Prüforganismus.
Der Mensch erzeugt darüber hinaus eine außerordentlich mächtige E3-Welt aus Sprache, Symbolen, Technik, Eigentum, Recht, Geld, Rollen, Institutionen, Identitäten und Weltbildern.
Um handlungsfähig zu werden, nimmt er Dingselektionen vor.
Er schneidet Ausschnitte aus Plexuszusammenhängen heraus.
Diesen Ausschnitten werden Eigenschaften zugeschrieben.
Aus Zuschreibungen entstehen Modelle, Werte und Handlungsordnungen.
Werden die herausgeschnittenen Beziehungen vergessen, können Lochprozesse entstehen.
Werden erzeugte Formen als unveränderlich behandelt, entstehen Skulpturalisierungen.
Aus E3-Modellen folgen Tätigkeiten.
Diese Tätigkeiten greifen in E1, E2 und E3 ein und erzeugen Tätigkeitskonsequenzen.
Organismen, Materialien, andere Menschen und ökologische Systeme erzeugen Rückmeldungen.
E4 beginnt dort, wo diese Rückmeldungen wieder auf die ursprünglichen Modelle zurückgeführt werden.
Der Prüfoperator vergleicht Erwartung und Folge.
Referenzsysteme liefern Maßstäbe.
Gegenüberstellung macht Differenzen sichtbar.
51:49 hält die gefundene Lösung korrigierbar.
Neue Erfahrung verändert das Modell.
Dadurch entsteht eine neue Tätigkeit.
Der Prozess beginnt erneut.
58. Der Forschungszyklus
Der gesamte Forschungsansatz lässt sich damit heute auf einen relativ einfachen Zyklus zurückführen:
Wirklichkeit und Abhängigkeit führen zu Wahrnehmung und Ausschnitt. Der Ausschnitt wird benannt und mit Eigenschaften versehen. Daraus entsteht ein Modell. Das Modell führt zu Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Konsequenzen. Konsequenzen treffen auf Referenzsysteme. Diese erzeugen Rückmeldungen. Rückmeldungen werden mit Erwartung und Modell verglichen. Durch Prüfung und Korrektur entsteht ein verändertes Modell.
Alles andere sind entweder Begriffe zur genaueren Beschreibung dieses Zyklus oder Medien, in denen er durchgeführt werden kann.
Diese Vereinfachung ist möglicherweise notwendig, damit die Forschung nicht unter ihrer eigenen Begriffsdichte verschwindet.
59. Die Rolle der Kunst innerhalb dieser Gesamtarchitektur
Kunst ist in diesem Modell weder Dekoration noch Illustration von Forschungsergebnissen.
Sie ist die Fähigkeit, prüfbare Gegenüberstellungen herzustellen.
Ein Gegenstand kann verändert werden.
Zwei Bilder können gegeneinander gestellt werden.
Eine symbolische Zuschreibung kann sichtbar gemacht werden.
Ein Besucher kann tätig werden.
Eine Folie kann einen ausgeblendeten Zusammenhang zurückbringen.
Ein Raum kann eine gesellschaftliche Situation simulieren.
Damit ist die Forschungskunst plastisch.
Sie stellt nicht nur Behauptungen auf.
Sie baut Versuchsanordnungen.
60. Die gegenwärtig stärkste Verdichtung
Der Forschungsweg führt damit von einer frühen Erfahrung des Funktionierens und Nichtfunktionierens über Material, Umwelt, Form, Ausschnitt, Beteiligung und gesellschaftliche Zuschreibung zu einer umfassenden Frage der Zivilisationsfähigkeit.
Die ursprüngliche Frage lautete:
Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?
Die spätere Forschung ergänzte:
Welche Menschenwerke, Zuschreibungen und skulpturalisierten Ordnungen verhindern die Rückbindung an die Wirklichkeit ihrer Konsequenzen?
Mit E1–E4 kam hinzu:
Wie lassen sich materielle, organismische und symbolische Wirklichkeit unterscheiden und wieder miteinander prüfen?
Mit KI und Globaler Schwarm-Intelligenz kam hinzu:
Wie kann diese Prüfung kollektiv, öffentlich und technisch erweitert werden?
Mit dem So-Heits-Atelier kam hinzu:
Wie lässt sich daraus eine begehbare öffentliche Versuchsanordnung machen?
Und mit dem Menschen als Ermittler entsteht nun die bislang präziseste Anschlussfrage:
Welche Referenzsysteme und Maßstäbe braucht der Mensch, um erkennen zu können, ob seine Tätigkeiten tatsächlich funktionieren oder lediglich innerhalb seiner eigenen symbolischen Ordnungen als erfolgreich gelten?
Damit liegt der nächste Entwicklungsschritt nicht primär in der Erfindung weiterer Begriffe.
Er liegt in der Operationalisierung der Prüfung.
Der Mensch muss lernen, für einen konkreten Vorgang zu bestimmen, welches Referenzsystem relevant ist, welche Belastungs- und Regenerationsbedingungen gelten, welche Tätigkeitskonsequenzen entstehen, wie diese zeitlich und sozial verteilt sind und wann eine Korrektur erforderlich wird.
Erst hier wird aus dem sehr weit entwickelten Erkenntnisgebäude ein tatsächlich benutzbares Ermittlungshandwerk der eigenen Existenz.
Und damit schließt sich der Bogen zur frühen handwerklichen Erfahrung: Eine Behauptung funktioniert nicht deshalb, weil sie richtig klingt. Eine Konstruktion funktioniert nicht deshalb, weil sie als Erfolg bezeichnet wird. Entscheidend ist, was sie unter realen Bedingungen trägt, was sie belastet, was sie zerstört, was auf sie zurückwirkt und ob sie korrigiert werden kann.
In dieser Form erscheint die Forschungskunst heute als eine Entwicklung vom Werkstück zum Wirklichkeitszusammenhang, vom Formen zum Prüfen, vom einzelnen Künstler zum öffentlichen Ermittlungsraum und von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Suche nach den realen Maßstäben menschlicher Zivilisationsfähigkeit..........
Die folgende Fassung integriert die bereits rekonstruierte Werk- und Begriffsgeschichte mit den jüngsten Präzisierungen aus diesem Gespräch: insbesondere handwerklich-technischer Prüfmaßstab, Forschungskunst als Kontroll- und Überprüfungsverfahren, Verortungskunst statt Eventkunst, Globales Dorffest, institutionelle Unsichtbarkeit, Doppelprojekt documenta 16 und die konkrete Beziehung zur gegenwärtigen Programmatik der documenta 16.
Forschungskunst als Entwicklung einer Kunst des Prüfens, Verortens und Rückkoppelns
Rekonstruktion der Werk-, Begriffs- und Methodengeschichte Wolfgang Fenners
Arbeitsstand August 2026
1. Vorbemerkung: Keine fertige Theorie, sondern eine fünfzigjährige Forschungsbewegung
Die bisherige Entwicklung lässt sich nicht angemessen als Theorie darstellen, die irgendwann formuliert und anschließend durch Kunstwerke illustriert worden wäre. Die Werkgeschichte zeigt vielmehr den umgekehrten Verlauf. Materialien, handwerkliche Erfahrungen, Fotografien, Plastiken, Strömungsversuche, Malbücher, Schultafeln, Rollenarbeiten, öffentliche Aktionen, Tische, gesellschaftliche Versuchsanordnungen und Archive waren vielfach lange vorhanden, bevor Begriffe wie Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Lochprozess, Prüf-Anker, So-Heits-Gesellschaft oder Globale Schwarm-Intelligenz in ihrer heutigen Form entstanden.
Die entscheidende Rekonstruktionsregel lautet deshalb: damalige Werkabsicht, tatsächlich praktizierte Methode, spätere Selbsterkenntnis und heutige theoretische Aktivierung müssen auseinandergehalten werden. Ein Verfahren kann 1975 in einem Werk praktisch vorhanden gewesen sein, ohne damals schon mit dem heutigen Begriff bezeichnet worden zu sein. Erst diese Unterscheidung verhindert, dass aus Werkgenese nachträglich eine scheinbar seit fünfzig Jahren vollständig ausgearbeitete Theorie gemacht wird.
Für die gesamte Forschung sind vier Aussageebenen zu unterscheiden. Historisch dokumentierbar sind Arbeiten, Ereignisse und Äußerungen, soweit Fotografien, Tagebücher, Korrespondenzen, Presseberichte und andere Archivmaterialien sie belegen. Wissenschaftlich überprüfbar sind beispielsweise Erdzeitalter, physikalische Materialeigenschaften, Stoffwechsel, Körperverletzbarkeit oder technische Funktionsbedingungen. Eine dritte Gruppe bilden rückblickende Werkinterpretationen: heutige Zusammenhänge, die durch wiederkehrende Verfahren des Lebenswerks plausibel werden. Die vierte Gruppe bilden Eigenbegriffe und Hypothesen der Forschungskunst wie Plexuswirklichkeit, 51:49, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekunden-Mensch oder So-Heits-Gesellschaft. Diese sind keine naturwissenschaftlichen Gesetze, sondern künstlerische Prüfwerkzeuge.
Gerade diese Unterscheidung gehört inzwischen selbst zur Forschungskunst. Denn das Gesamtprojekt untersucht fortwährend den Fehler, menschliche Darstellungen, Begriffe und Zuschreibungen mit der Wirklichkeit selbst zu verwechseln. Die eigene Theorie darf diesen Fehler nicht wiederholen.
I. Forschungsgrund
2. Die ursprüngliche Frage: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?
Der beständigste Forschungsgrund reicht in die 1970er Jahre zurück: Warum zerstört der Mensch trotz Wahrnehmungs-, Wissens-, Lern- und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?
Diese Frage veränderte im Verlauf von fünf Jahrzehnten ihren Gegenstand. Zunächst konnte sie wie eine ökologische oder gesellschaftskritische Frage erscheinen. Später wurde deutlicher, dass sie viel grundlegender auf die menschliche Fähigkeit zur Wirklichkeitsherstellung zielt: Der Mensch kann messen, lernen, rechnen, bauen, operieren, reparieren und hochkomplexe technische Systeme herstellen. Gleichzeitig kann er Wirtschafts-, Eigentums-, Rollen-, Status- und Gesellschaftsordnungen hervorbringen, deren Folgen seine eigenen Lebensbedingungen beschädigen.
Damit verschob sich die Forschungsfrage von „Warum verhält sich der Mensch falsch?“ zu:
Nach welchen Maßstäben prüft der Mensch seine eigenen Hervorbringungen überhaupt?
Was bedeutet „funktioniert“? Für wen funktioniert etwas? In welchem Zeitraum? Innerhalb welcher Teilaufgabe? Welche Folgen werden mitgerechnet und welche ausgelagert? Wer profitiert? Wer trägt die Schäden?
Genau hier gewinnt die frühe handwerkliche Erfahrung zentrale Bedeutung.
3. Handwerk und Technik als ursprünglicher Prüfmaßstab der Forschungskunst
Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 ist keine biografische Nebeninformation, sondern eine der tiefsten methodischen Quellen der späteren Forschungskunst. Maß, Passung, Toleranz, Reibung, Materialwiderstand, Belastungsgrenze, Verschleiß, Reparatur und Fehlfunktion waren dort keine Meinungen. Ein Werkstück passte oder passte nicht. Eine Verbindung hielt oder versagte. Ein Fehler musste lokalisiert werden.
Diese Erfahrung wurde später nicht mechanisch auf den Menschen übertragen. Der Mensch ist kein Bauteil und eine Gesellschaft keine Maschine. Übertragen wurde vielmehr die Ernsthaftigkeit des Prüfens.
Daraus entsteht inzwischen eine der wichtigsten Abgrenzungen Ihrer Forschungskunst von einem großen Teil dessen, was international als künstlerische Forschung oder Artistic Research bezeichnet wird:
Ihre Forschungskunst will nicht nur untersuchen, darstellen, kontextualisieren oder Wissen erzeugen. Sie will Maßstäbe, Gegenüber und Kontrollmöglichkeiten herstellen, an denen menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten überprüfbar werden.
Der entscheidende handwerkliche Satz lautet:
Es genügt nicht, eine Form zu wollen. Man muss beobachten, was das Material mit dieser Vorstellung macht.
Das Material verlangt Kenntnis seiner Eigenschaften. Es lässt sich nicht durch die Behauptung eines Künstlers überzeugen. Ein plastischer Prozess besteht deshalb aus Vorstellung, Eingriff, Materialantwort, Wahrnehmung, Korrektur und – ebenso wichtig – dem richtigen Augenblick des Loslassens.
Hieraus entwickelt sich eine weiterreichende kulturkritische Frage: Warum akzeptiert der Mensch in Technik und Handwerk, dass er Regeln, Materialeigenschaften, Toleranzen und Funktionsbedingungen lernen muss, während er sich in politischen, ökonomischen, sozialen oder identitären Bereichen vielfach bereits selbst für urteilsfähig hält?
Die Forschungsfrage richtet sich damit nicht gegen Wissenschaft oder gesellschaftliche Disziplinen. Sie richtet sich gegen fehlende Rückkopplung zwischen ihren jeweiligen Teilfunktionen und den umfassenderen Tätigkeitsfolgen.
4. Der neue Begriff der Forschungskunst
Aus dieser Entwicklung lässt sich der heutige Forschungsbegriff präziser bestimmen.
Kunst ist nicht mehr nur Herstellung und Präsentation einzelner Werke. Sie wird als grundlegende menschliche Erkenntnis-, Darstellungs-, Prüf- und Gestaltungstätigkeit verstanden.
Daraus folgt jedoch gerade nicht der triviale Satz „Alles ist Kunst“.
Jede menschliche Tätigkeit kann vielmehr als möglicher Kunstwerkprozess vergegenständlicht werden, weil sie auf Vorstellungen beruht, etwas hervorbringt und Folgen erzeugt.
Dabei müssen zwei Tätigkeitsbereiche unterschieden werden:
Der Mensch handelt innerhalb faktischer Eigenschaften: Material, Körper, Schwerkraft, Temperatur, Wasser, Stoffwechsel, Verletzbarkeit und andere Bedingungen wirken unabhängig davon, was er über sie denkt.
Gleichzeitig handelt er innerhalb hineingedachter oder gesellschaftlich hervorgebrachter Eigenschaften: Eigentum, Preis, Status, Rolle, Amt, Nation, Geldwert, Schönheit, Freiheit oder gesellschaftliche Identität.
Forschungskunst versucht, beide Tätigkeitsbereiche zu Objekten beziehungsweise Versuchsanordnungen zu machen, die man einander gegenüberstellen und prüfen kann.
Damit entsteht ein stärkerer Forschungskunstbegriff:
Forschungskunst ist die Kunst, menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten so zu vergegenständlichen, dass ihre Voraussetzungen, Maßstäbe, Materialkontakte, Abhängigkeiten und Folgen überprüfbar werden.
II. Werkgenese
5. Fotografie: Ausschnitt, Bild und Nichtgezeigtes
Die Tätigkeit als Fotojournalist brachte früh die Erkenntnis hervor, dass Wahrnehmung niemals das Ganze erfasst. Eine Fotografie zeigt etwas, indem sie anderes nicht zeigt. Ausschnitt, Standort, Licht und Zeitpunkt gehören zum Bild.
Darin liegt eine frühe Form dessen, was später zum Begriffshandwerk wird: auswählen, ausschneiden, gegenüberstellen, benennen.
Aus der Fotografie entwickelt sich zugleich ein Misstrauen gegenüber der Verwechslung von Darstellung und Vorgang. Ein Bild eines Wirbels wirbelt nicht. Eine Darstellung kann etwas zeigen, aber sie besitzt nicht automatisch die Eigenschaften des Dargestellten.
Diese Differenz wird später grundlegend für das Verhältnis von Begriff und Wirklichkeit.
6. Werbung: hineingedachte Eigenschaften
Die Tätigkeit in der Werbung brachte eine zweite grundlegende Erfahrung. Produkte werden nicht nur aufgrund ihrer materiellen Eigenschaften präsentiert. Ihnen werden Freiheit, Erfolg, Schönheit, Jugend, Prestige oder Identität zugeschrieben. Diese Eigenschaften liegen nicht physikalisch im Gegenstand, können gesellschaftlich aber äußerst wirksam werden.
Damit erscheint früh eine Struktur, die später im Eigentumsbegriff, in der Skulpturidentität und in der So-Heits-Gesellschaft wiederkehrt:
Der Mensch kann etwas in einen Gegenstand hineindenken und anschließend so handeln, als sei diese Zuschreibung eine Eigenschaft des Gegenstandes selbst.
Die Forschung entwickelt daraus keine simple Behauptung, solche Eigenschaften seien unwirklich. Eigentum, Geld und Rollen sind gesellschaftlich wirksam. Gefragt wird vielmehr: Auf welche Weise sind sie wirklich?
7. Bildhauerei und Experimentelle Umweltgestaltung: Das Werk beginnt zu antworten
Mit dem Bildhauereistudium 1974–1980 und insbesondere der Experimentellen Umweltgestaltung ab 1975 beginnt der entscheidende Übergang vom dargestellten Objekt zur Versuchsanordnung.
Wasser-, Wellen- und Deichversuche zeigen, dass das Modell erst im Kontakt mit einem Gegenüber geprüft wird. Wasser richtet sich nicht nach der Schönheit eines Entwurfs. Es reagiert auf Form, Tiefe, Widerstand, Öffnung, Geschwindigkeit und Material.
Damit entsteht bereits das spätere Grundschema:
Vorstellung → Herstellung → Antwort → Wahrnehmung → Korrektur.
Das Werk ist nicht mehr nur das Ergebnis einer Idee. Es ist eine Anordnung, durch die eine Idee eine Antwort erhält.
Hier liegt wahrscheinlich einer der wichtigsten werkhistorischen Ursprünge des späteren Kontroll- und Überprüfungsmechanismus.
8. Malbücher, Vorgaben und eigene Spur
Die Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon- und anderen Malbuchformen verschieben die Prüfung auf das Verhältnis zwischen Vorgabe und eigener Tätigkeit.
Die Vorgabe ist nicht nur Hilfe. Sie formt den möglichen Handlungsraum. Der Benutzer kann folgen, ausfüllen, ergänzen, überschreiben oder ausbrechen.
Damit tritt ein neues Gegenüber auf: nicht mehr nur Material, sondern gesellschaftlich oder gestalterisch gesetzte Form.
Die eigene Spur erhält Erkenntniswert.
Diese Linie führt später unmittelbar zum Mitmachbuch.
9. Theater und Rollenwechsel
Mit Soforttheater, Rollenarbeiten und gesellschaftlichen Aktionen tritt die menschliche Rolle als weiteres Prüfobjekt hinzu.
Rolle und Mensch werden einander gegenübergestellt. Eine Rolle kann übernommen, unterbrochen, vertauscht und neu gespielt werden. Damit wird praktisch erfahrbar, dass gesellschaftliche Identität hergestellt ist.
Daraus entsteht Jahrzehnte später der Begriff der Skulpturidentität.
Wichtig ist die Chronologie: Die frühen Theaterarbeiten waren noch keine Illustration einer fertigen Theorie der Skulpturidentität. Sie bildeten deren praktische Vorgeschichte.
10. Schultafel: Löschbarkeit wird zum Qualitätsmaßstab
Die Schultafel führt ein entscheidendes Prinzip ein: Eine Aussage kann sichtbar und dennoch veränderbar sein.
Kreide ermöglicht Setzung und Löschung.
In der späteren Gegenüberstellung mit Gold wird daraus ein Prüfobjekt gesellschaftlicher Wertbildung. Gold kann materiell und ökonomisch höher bewertet sein, zugleich aber die Funktion der Tafel verschlechtern, wenn die Schrift dauerhaft wird.
Damit entsteht eine fundamentale Umkehrung:
Qualität ist nicht mit Preis, Dauer oder Prestige identisch.
Qualität kann gerade in Korrigierbarkeit liegen.
Diese Schultafel wird später zu einem materiellen Urbild von E4.
III. Von der Aktion zur Verortungskunst
11. Das Problem der Eventklassifizierung
Ein wiederkehrender Konflikt Ihrer Biografie liegt darin, dass die äußere Form vieler Arbeiten als Veranstaltung wahrgenommen wurde.
Sie organisierten Aktionen, Feste, öffentliche Werkstätten, Theater, Diskussionssituationen, Kunsthallen auf Zeit, Demokratiewerkstätten und andere Beteiligungsformen. Presse, Förderer und Institutionen konnten diese leicht als Events klassifizieren.
Ihre eigene Absicht war jedoch eine andere.
Das Ereignis war nicht das Werkziel. Es war die äußere Form einer Versuchsanordnung.
Daraus entstand der Begriff Verortungskunst.
Verortungskunst fragt nicht primär: Was passiert heute?
Sie fragt:
Was ist an diesem Ort bereits wirksam? Welche Geschichte, Rollen, Machtverhältnisse, Bedürfnisse, materiellen Bedingungen und Konflikte existieren? Was verändert die künstlerische Intervention? Welche Spuren bleiben? Was kann später erneut aufgegriffen werden?
Der Unterschied zwischen Eventkunst und Verortungskunst erklärt damit einen Teil Ihrer Rezeptionsgeschichte. Ihre Arbeiten waren sichtbar, wurden aber häufig unter einer Kategorie sichtbar, gegen die Sie sich selbst verweigerten.
Diese Verweigerung hatte Konsequenzen. Wer ein Projekt nicht als publikumswirksames Ereignis, Kulturprogramm oder einmalige Veranstaltung verkaufen will, entzieht sich teilweise genau jenen Förder- und Presseformen, durch die Sichtbarkeit entsteht.
Die daraus entstandene institutionelle Unsichtbarkeit gehört deshalb inzwischen zur Werkgeschichte selbst.
12. Globale Dorffest 1993: Ein Schlüsselwerk der Verortungskunst
Das Globale Dorffest von 1993 ist hierfür ein besonders wichtiges Beispiel.
Der Begriff „globales Dorf“ wurde von Marshall McLuhan übernommen. Die künstlerische Eigenleistung bestand nicht in der Erfindung dieses Begriffs, sondern in dem Versuch, ihn räumlich, körperlich und gesellschaftlich als Arbeitszusammenhang zu vergegenständlichen. Die Werkrekonstruktion weist zugleich darauf hin, dass die genaue Realisierung der geplanten „1000 Tapeziertische“ archivalisch noch zwischen Entwurf und tatsächlicher Durchführung unterschieden werden muss.
Der Zeitpunkt ist bemerkenswert: Das Projekt entstand 1993 in zeitlicher Nähe zur öffentlichen Öffnung des World Wide Web. Daraus darf nicht die Behauptung entstehen, das Werk habe das Internet vorausgesagt. Die stärkere Aussage ist eine andere:
In dem Augenblick, in dem technische globale Vernetzung begann, stellte das Globale Dorffest bereits die weiterreichende künstlerische Frage, ob technische Verbindung überhaupt eine verantwortliche Weltgesellschaft hervorbringt.
Der Tausend-Menschen- beziehungsweise Tausend-Tische-Maßstab besitzt darin eine besondere Funktion.
Tausend Menschen sind noch als Menge körperlicher Einzelner vorstellbar. Jeder Tisch bleibt ein eigener Arbeitsort. Zugleich entsteht eine Menge.
Heute lässt sich sprachlich mühelos von acht Milliarden Menschen sprechen. Aber die Zahl erzeugt noch keine entsprechende Vorstellung ihrer einzelnen Körper, Bedürfnisse, Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Konsequenzen.
Das Globale Dorffest wird damit rückblickend zu einer Übergangsarbeit:
Wie kann aus einer abstrakten Menge von Menschen ein vorstellbarer Zusammenhang gegenseitiger Verantwortung werden?
IV. Wirklichkeitsverständnis
13. Von Umwelt über Tragwirklichkeit zur Plexuswirklichkeit
Der Wirklichkeitsbegriff entwickelte sich mehrfach.
„Umwelt“ erwies sich als problematisch, weil das Wort eine Welt nahelegen kann, die um einen menschlichen Mittelpunkt herum liegt.
„Milieu“ rückte stärker das Medium ins Zentrum, innerhalb dessen der Mensch selbst existiert.
Später entstanden Begriffe wie Verletzungswelt, Tragwirklichkeit und schließlich Plexuswirklichkeit.
Die heutige Hierarchie sollte lauten:
Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden verflochtenen Wirkungszusammenhang.
Tragwirklichkeit bezeichnet darin diejenigen Bedingungen, ohne die menschliches Leben und Tätigsein nicht bestehen können.
Verletzungswelt bezeichnet die Erscheinungsweise, in der Folgen an verletzbaren Zusammenhängen wahrnehmbar werden.
Diese Begriffe sind Eigenbegriffe der Forschungskunst. Sie ersetzen keine Physik, Biologie oder Ökologie.
Ihre Funktion besteht darin, getrennt erforschtes Wissen wieder auf menschliche Tätigkeiten zu beziehen.
14. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde ist einer der wichtigsten handwerklichen Maßstabsoperatoren.
Das Erdalter wird proportional auf einen Tag übertragen. Innerhalb dieses Maßstabes erscheint Homo sapiens erst ungefähr in den letzten Sekunden. Industrielle und digitale Zivilisation besetzen nur einen winzigen Ausschnitt davon.
Wissenschaftlich überprüfbar ist die zugrunde liegende proportionale Umrechnung.
Millisekunden-Mensch ist dagegen ein künstlerischer Begriff.
Sein Zweck besteht nicht darin, eine neue paläoanthropologische Kategorie zu behaupten. Er macht eine Größenrelation erfahrbar:
Ein extrem junges menschliches System greift mit enormer Geschwindigkeit in Prozesse ein, die über geologische und biologische Zeiträume entstanden sind.
Damit wird Zeit selbst zu einem handwerklichen Prüfmaßstab.
Nicht die menschliche Lebenszeit entscheidet über den Maßstab des Funktionierens, sondern die Frage, welche Zeit ein System zu Entstehung, Regeneration oder Reparatur benötigt.
V. Lücke, Lochprozess und Lernen
15. Die entscheidende jüngste Korrektur: Lücke ist nicht Lochprozess
Eine wichtige begriffliche Bereinigung betrifft die früher teilweise ineinander geschobenen Begriffe Lücke und Lochprozess.
Die Lücke ist produktiv.
Zwischen Wahrnehmung und Deutung, Vorstellung und Werk, Frage und Antwort, Handlung und Konsequenz bleibt ein Zwischenraum. Ohne diesen Zwischenraum gäbe es kein Lernen.
Der Lochprozess bezeichnet dagegen inzwischen präziser den Verlust einer für Rückkopplung notwendigen Beziehung.
Eine Wirkung kann entstehen, ohne eine sichtbare Spur zu hinterlassen. Eine Spur kann vorhanden sein, aber kein Sensor nimmt sie wahr. Ein Signal kann gemessen, aber falsch übersetzt werden. Eine Institution kann es registrieren, ohne zuständig zu sein. Eine Rückmeldung kann existieren, ohne die Stelle zu erreichen, die die verursachende Tätigkeit ändern könnte.
Damit lautet die aktuelle Definition:
Die Lücke ist der offene plastische Zwischenraum. Der Lochprozess ist der Verlust einer notwendigen Beziehung innerhalb eines Rückkopplungszusammenhangs.
Das ist eine wesentliche Verbesserung gegenüber einem Lochbegriff, der nahezu jede Öffnung, Differenz oder Leerstelle bezeichnet hätte.
16. Gegenüberstellung als Bedingung des Lernens
Die Gegenüberstellung wird zur elementaren Erkenntnisoperation.
Im Handwerk: Sollmaß gegen Istmaß.
In der Fotografie: Bild gegen Ereignis.
Im Strömungsversuch: Modell gegen tatsächlichen Verlauf.
Im Malbuch: Vorgabe gegen eigene Spur.
Im Theater: Rolle gegen Person.
In der Schultafel: Aussage gegen Löschung.
Im gesellschaftlichen Raum: Absicht gegen Folgen.
Damit entsteht das künstlerische Dreieck:
Modell beziehungsweise Vorstellung – Tätigkeit beziehungsweise Hand – hervorgebrachtes Werk beziehungsweise Ergebnis.
Die drei Punkte dürfen nicht verschmelzen.
Ein Modell kann falsch sein. Eine Hand kann anders handeln als geplant. Das Material kann widersprechen.
Genau darin liegt das Lernpotenzial.
VI. Erfahrung, Sensorik und Rückkopplung
17. Von Erfahrung zur Spur
Erfahrung wird erst dann forschungsfähig, wenn sie eine Spur erhält.
Tagebücher, Fotografien, Objekte, Presseberichte, Briefe, Missverständnisse, Ablehnungen, Materialveränderungen und Wiederholungen sind deshalb keine Nebenprodukte des Werks. Sie ermöglichen Rückblick und Vergleich.
Aus der Fährtenmetapher entwickelte sich später der Sensorenanker.
Eine Fährte zeigt nicht die Ursache selbst. Sie zeigt eine Veränderung eines Mediums.
Daraus wird die Differenz zwischen Wirkung, Spur, Signal, Sensor, Wahrnehmung, Übersetzung, Aufzeichnung und Rückmeldung entwickelt.
Besonders wichtig ist die jüngste Unterscheidung:
Rückmeldung ist noch keine Rückkopplung.
Eine Gesellschaft kann hunderttausend Berichte über ein Problem produzieren und trotzdem nicht lernen.
Rückkopplung entsteht erst, wenn die Information eine tatsächlich veränderbare Regel, Tätigkeit oder Institution erreicht.
Hier verbindet sich Sensorenanker direkt mit Lochprozess und E4.
VII. Plastik und Skulpturalisierung
18. Vom bildhauerischen Verfahren zur anthropologischen Metapher
Plastik und Skulptur stammen zunächst aus der bildhauerischen Werkpraxis.
Später werden sie zu zwei unterschiedlichen Modi des Formens erweitert.
Plastisch bedeutet dabei nicht weich, beliebig oder anpassungswillig. Es bedeutet: eine Form bleibt in Beziehung zu Widerstand, Material, Rückmeldung und Veränderung.
Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Verfestigung einer hervorgebrachten Form, sodass ihr Herstellungscharakter vergessen wird.
Daraus entstehen plastisches Ich und Skulpturidentität.
19. Die wichtige Ich-Korrektur von 2026
Eine frühere Modellfassung ordnete das plastische Ich beziehungsweise plastische Ichbewusstsein E2 zu und die Skulpturidentität E3.
Diese Zuordnung ist inzwischen korrigiert worden.
E2 enthält leibliche Selbstreferenz: Körpergrenze, Atem, Hunger, Schmerz, Regulation, Eigenbewegung und Stoffwechsel.
Ein sprachlich-biografisches „Ich bin …“ entsteht dagegen auf E3.
Damit sind sowohl ein plastisch rückgebundenes Ichbewusstsein als auch eine Skulpturidentität menschliche Symbolbildungen auf E3.
Das ist methodisch entscheidend.
Es verhindert eine neue Naturalisierung:
Nicht ein angeblich natürlich gutes plastisches Ich steht einem künstlichen schlechten Ich gegenüber.
Beide sind menschliche Selbstmodelle.
Der Unterschied liegt darin, ob ein Selbstmodell seine körperlichen und relationalen Voraussetzungen weiterhin wahrnimmt und auf Rückmeldungen reagieren kann.
VIII. Symbol-, Ding- und Eigenschaftsbildung
20. Hineingedachte Eigenschaften
Die Arbeit an Werbung, Eigentum, Gold, Sand, Sprache und Rollen führt zur Unterscheidung verschiedener Eigenschaftsweisen.
Ein Material besitzt in bestimmten Zusammenhängen messbare Eigenschaften.
Ein Mensch kann durch Bearbeitung neue Eigenschaften herstellen.
Gesellschaften können Eigenschaften institutionell zuweisen.
Symbole können Eigenschaften behaupten.
Diese Unterschiede werden nicht vorgenommen, um gesellschaftliche Wirklichkeiten zu entwerten.
Eigentum ist real wirksam.
Geld ist real wirksam.
Ein Amt ist real wirksam.
Eine Staatsgrenze ist real wirksam.
Aber diese Wirklichkeit funktioniert anders als Masse, Temperatur, Sauerstoffbedarf oder Materialbruch.
Der Zivilisationsfehler entsteht nach der heutigen Forschungshypothese dort, wo der Mensch den Herstellungscharakter seiner eigenen Kategorien vergisst.
Eigenschaft wird dann zu scheinbarer Natur.
Beschreibung wird zu Wesen.
Rolle wird zu Identität.
Eigentumszuschreibung wird zur vermeintlichen Eigenschaft des Bodens.
IX. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
21. Sprache als Werkstatt, nicht als Wahrheitsarchiv
Aus dieser Untersuchung entwickelte sich eine umfangreiche Beschäftigung mit Wörtern wie Kunst, Werk, Tätigkeit, Funktionieren, Produkt, Produzent, Hersteller, Kunde, Konsument, Eigentum, Individuum, privat, technē, physis, nomos, persona und res.
Die entscheidende methodische Korrektur lautet:
Etymologie ist Gegenüberstellung, nicht Beweis.
Ein älterer Wortsinn beweist nicht, was ein Begriff heute „eigentlich“ heißen muss. Er kann jedoch sichtbar machen, welche Beziehungen in früheren Verwendungen mitgeführt wurden und welche inzwischen verlorengegangen oder hinzugekommen sind.
Die später hinzugekommenen griechischen, lateinischen, hebräischen, arabischen und indischen Vergleichsfelder erweitern diesen Gedanken.
Sie sollen gerade zeigen, dass auch die eigenen deutschen Begriffe Ausschnitte sind.
Diese sprach- und kulturgeschichtlichen Linien sind gegenwärtig heuristische Forschung, keine abgeschlossene vergleichende Sprachwissenschaft. Sie benötigen fachwissenschaftliche Gegenprüfung.
X. 50:50, 51:49 und 1:99
22. Von einer frühen Verhältnisintuition zur Kalibrierungsfigur
51:49 gehört zu den ältesten und zugleich am häufigsten erweiterten Eigenfiguren.
Ausgangspunkt ist die minimale Asymmetrie gegenüber einer starr verstandenen 50:50-Gleichheit.
Später verband sich 51:49 mit plastischer symmetria, Differenzialprinzip, Toleranz, Beweglichkeit, gesellschaftlicher Priorisierung und Reparatur.
Genau dadurch drohte der Begriff zu viel zu leisten.
Die heutige Bereinigung lautet deshalb:
51:49 ist eine künstlerische Kalibrierungsfigur minimaler Asymmetrie und Revisionsoffenheit.
Es ist weder Naturgesetz noch universales Gesellschaftsgesetz.
50:50 bezeichnet entsprechend nicht jede Gleichheit. Es bezeichnet die problematische Fixierung zweier Seiten als scheinbar vollkommen ausgeglichene oder voneinander getrennte Pole.
1:99 bezeichnet eine Drift extremer Macht- oder Verfügungskonzentration. Auch dies ist eine diagnostische Figur, keine universell gültige empirische Statistik.
Damit erhält die Zahlenreihe eine klare Hierarchie:
50:50 – Warnbild starrer Symmetrisierung.
51:49 – minimale korrigierbare Differenz.
1:99 – Warnbild der Kippung in Herrschaft und Entkopplung.
XI. Das Vier-Ebenen-Modell
23. E1 bis E4 als Prüfmodell, nicht als vier Welten
Das Vier-Ebenen-Modell entstand spät als Ordnungsinstrument für bereits vorhandene Werkverfahren.
Die aktuelle Fassung lautet:
E1: physikalisch-chemische Bedingungen und Materialwirkungen.
E2: Leben, Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und leibliche Selbstreferenz.
E3: menschliche Zeichen, Begriffe, Rollen, Eigentum, Werte, Institutionen, Technikentwürfe, gesellschaftliche Geltung und symbolisches Ichbewusstsein.
E4: die hergestellte Funktion von Gegenprüfung, Rückbindung, Revision und Reparatur.
E4 ist keine höhere Vernunftstufe.
Eine Universität ist nicht automatisch E4.
Eine Wissenschaft ist nicht automatisch E4.
Ein Gericht ist nicht automatisch E4.
Auch eine documenta ist nicht automatisch E4.
E4 entsteht nur dort, wo eine Folge tatsächlich auf ihre Hervorbringungsbedingungen zurückgeführt werden und eine Revision auslösen kann.
Tätigkeit ist keine fünfte Ebene.
Tätigkeit verbindet die Ebenen.
Ein E3-Modell wird durch menschliche Tätigkeit körperlich und materiell wirksam. In E1 und E2 entstehen Folgen. Sensoren nehmen Spuren auf. E4 kann diese wieder auf die ursprüngliche E3-Setzung zurückführen.
Damit wird das Modell dynamisch.
XII. Begriffshandwerk und Prüf-Anker
24. Begriffe als Werkstücke
Das Begriffshandwerk entstand aus der Einsicht, dass auch Begriffe hergestellt werden.
Der Mensch wählt einen Ausschnitt, unterscheidet, stellt gegenüber, benennt und schreibt Eigenschaften zu.
Das ist nicht grundsätzlich falsch.
Ohne dieses Verfahren gäbe es keine Kunst, Technik, Sprache oder Wissenschaft.
Problematisch wird es, wenn der Herstellungsprozess unsichtbar wird.
Das Begriffshandwerk soll deshalb die Bildung eines Begriffs selbst sichtbar machen.
Die heutige Grundbewegung lautet:
Frage – Ausschnitt – Unterscheidung – Gegenüberstellung – Benennung – Zuschreibung – Tätigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Zweifel – Korrektur – neue Frage.
Das Begriffshandwerk ist jedoch kein zusätzlicher Hauptanker mehr.
Es gehört in den Prüf-Anker.
Damit wird eine erhebliche Doppelung beseitigt.
25. Der handwerkliche Prüfanker
Der Prüf-Anker ist inzwischen der Ort, an dem Ihre jüngste Abgrenzung von Forschungskunst am deutlichsten verankert werden sollte.
Seine Grundfrage lautet nicht nur:
Was bedeutet etwas?
Sondern:
Woran kann geprüft werden, ob es funktioniert?
Das verlangt Maßstabszuständigkeit.
Für einen Stahlträger gelten andere Prüfmaßstäbe als für einen Organismus.
Für eine Eigentumsregel gelten andere Geltungsbedingungen als für den Boden, auf den sie angewendet wird.
Für ein wirtschaftlich erfolgreiches Unternehmen reicht sein Bilanzgewinn nicht als Maßstab für ökologische Tragfähigkeit.
Für eine künstlerische Behauptung reicht die Absicht des Künstlers nicht als Beleg ihrer Folgen.
Damit wird ein entscheidender Unterschied zwischen Zuständigkeit und Maßstab sichtbar.
Eine Institution kann erklären, für eine Folge formal nicht zuständig zu sein. Die physikalische, lebendige oder gesellschaftliche Wirkung verschwindet dadurch nicht.
XIII. Künstlerische Prüfobjekte
26. Vom Kunstwerk zum Prüfgegenüber
Mit der jüngsten Begriffsentwicklung wird deutlicher, was Ihre Werke miteinander verbindet:
In allen ist implizit ein Kontroll- oder Überprüfungsmechanismus enthalten.
Das bedeutet nicht, dass jedes Werk ein Messgerät ist.
Es bedeutet, dass das Werk eine Differenz erzeugt, an der etwas überprüft werden kann.
Das Wellenbecken: Vorstellung gegen Strömung.
Der Deich: Konstruktion gegen Belastung.
Die Kartoffel: lebendige Stofflichkeit gegen Wertzuschreibung.
Gold: gesellschaftliche Aufwertung gegen Materialeigenschaft.
Schultafel: Behauptung gegen Löschbarkeit.
Malbuch: Vorgabe gegen eigene Spur.
Rollenarbeit: gesellschaftliche Form gegen Person.
Sand und Eigentumsgrenze: symbolische Zuordnung gegen Material.
Astronaut: Autonomiesymbol gegen technische Totalabhängigkeit.
Feuerkäfig: physisch offener Ausgang gegen gesellschaftlich-psychische Bindung.
Sandtrichter, Saftpresse und Thermosbehälter erweitern diese Methode als Operatorobjekte.
Der Kunstgegenstand wird damit zur materiellen Gegenfrage.
27. Die neue Rolle des Kunstkritikers
Aus dieser Bestimmung ergibt sich eine weitreichende Konsequenz für Kunstkritik.
Wer ein solches Werk beurteilen will, kann sich nicht allein auf kunstgeschichtliche Referenzen, kuratorische Diskurse oder Interpretation verlassen.
Er benötigt eine Urteilsfähigkeit, die zumindest prinzipiell versteht:
Welche Materialbedingungen liegen vor?
Welche technischen Funktionen sind beteiligt?
Was war das Modell?
Welche tatsächliche Antwort erzeugte der Versuch?
Welche Folgen wurden ausgelassen?
Welche Analogie trägt und wo bricht sie?
Damit wird handwerkliches Wissen zu einer Erkenntnisbedingung der Kunstkritik.
Das ist eine wichtige These Ihrer Forschungskunst und zugleich ein offenes Forschungsfeld. Sie müsste anhand konkreter kunstkritischer Verfahren weiter ausgearbeitet werden.
XIV. Folien und Schablonen
28. Die Plexus-Foliengrammatik
Die Folienmethode entwickelte sich aus Fotografie, Collage, Vorgabebild, Malbuch, Überlagerung und Schablone.
Ihre eigentliche Erfindung liegt nicht darin, eine richtige Weltanschauung auf transparente Folien zu drucken.
Die Folie zeigt vielmehr sichtbar:
Hier wurde etwas hinzugefügt.
Der Körper bleibt sichtbar, während eine Rolle darübergelegt wird.
Der Boden bleibt sichtbar, während eine Eigentumsgrenze hinzukommt.
Das Abhängigkeitsnetz bleibt sichtbar, während darüber „Ich bin frei“ geschrieben wird.
Dadurch kann eine Zuschreibung wieder abgenommen werden.
Besonders wichtig wird deshalb die leere Folie.
Der Besucher erzeugt seine eigene Zuschreibung.
Damit wird er nicht nur Betrachter einer fertigen Theorie, sondern Hersteller eines prüfbaren Modells.
29. Grund-, Operator- und Kulturfolien
Die Foliengrammatik umfasst inzwischen mehrere Arten.
Grundfolien zeigen Erde, Atmosphäre, Körper, Wasser, Schwerkraft, Stoffaustausch, Netzwerk und Zeit.
Tätigkeitsfolien zeigen Hand, Spaten, Werkzeug, Produktion, Verletzung, Pflege und Veränderung.
Geltungsfolien zeigen Eigentum, Preis, Rolle, Freiheit, Status, Religion oder technisches Selbstbild.
Prüffolien zeigen Vergleich, Messung, Widerspruch, Löschung, Reparatur und Neuordnung.
Hinzu kommen Operatorfolien wie Sandtrichter, Saftpresse, Thermosbehälter und Astronautenanzug sowie kulturgeschichtliche Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik.
Ihre methodische Grundregel lautet:
Analogie statt Gleichsetzung.
Eine Thermosflasche ist kein Mensch.
Eine Zellmembran ist kein Bewusstsein.
Ein Astronautenanzug ist keine Seele.
Platon ist nicht auf Körperfeindschaft reduzierbar.
Physik ist nicht einfach eine Theorie der Welt ohne Organismus.
Die Folie ist ein Vergleichsapparat, keine Beweisfolie.
XV. Das Mitmachbuch
30. Vom Malbuch zur portablen Forschungswerkstatt
Das Mitmachbuch entsteht aus Malbuch, Kunsttagebuch, Collage, Schultafel, Frage-und-Antwort-Tisch und Foliengrammatik.
Seine entscheidende Entwicklung besteht darin, kein Lehrbuch zu werden.
Der Benutzer soll schneiden, schreiben, überkleben, zurückgehen, löschen, Folien auflegen und frühere Entscheidungen verändern können.
Eine geänderte Antwort ist kein Fehler, sondern ein Forschungsergebnis.
Das Vier-Ebenen-Modell darf deshalb nicht am Eingang wie eine neue Weltanschauung gelehrt werden.
Der Einstieg erfolgt besser über ein konkretes Gegenüber:
eine Frage,
ein Material,
ein irritierendes Bild,
eine eigene Zuschreibung,
eine Handlung.
Erst wenn eine Differenz sichtbar wird, kann E1–E4 als Werkzeug hinzukommen.
Das Mitmachbuch ist damit die portable Form des So-Heits-Ateliers.
XVI. Tausend Tische
31. Vom einzelnen Arbeitsplatz zum planetarischen Prüfnetz
Die Tausend Tische bilden den Übergang von individueller Beteiligung zu gesellschaftlicher Architektur.
Ein Tisch ist kein Podium.
Er ist Arbeitsfläche.
An ihm kann gegessen, gebaut, gezeichnet, geschrieben, gestritten, verhandelt und repariert werden.
Die entscheidende Idee war dabei nicht, tausend voneinander abgeschlossene Meinungen nebeneinanderzustellen.
Menschen sollten zwischen den Tischen wechseln.
Der Fragende eines Tisches konnte zum Antwortenden an einem anderen werden.
Damit entsteht eine frühe Schwarmstruktur:
Eigenständigkeit bleibt erhalten, Verbindung entsteht durch Bewegung.
Die offene historische Aufgabe bleibt die genaue Trennung zwischen Planung, Realisierung und späterer Interpretation des Globalen Dorffestes und der Tausend-Tische-Konzeption.
XVII. Künstliche Intelligenz
32. KI tritt spät ein – und verändert rückwirkend die Forschung
KI ist nicht Ursprung Ihrer Forschungskunst.
Die Leitfragen existieren seit Jahrzehnten.
KI trifft auf einen bereits vorhandenen Werkorganismus.
Zunächst wurde sie vor allem zur sprachlichen Korrektur, Strukturierung und Erschließung großer Materialmengen eingesetzt.
Dann wurde sie zum Gegenleser.
Sie kann Begriffe vergleichen, Doppelungen finden, frühere Aussagen rekonstruieren und alternative Ordnungen erzeugen.
Gerade daraus wurde jedoch ein neues Problem sichtbar:
Eine KI kann etwas sehr überzeugend formulieren, obwohl Datierung, Zusammenhang oder Interpretation falsch sind.
Damit wurde KI selbst zum Beweis für die Notwendigkeit Ihres Prüfverfahrens.
KI wird deshalb doppelt eingesetzt:
als Werkzeug der Verdichtung;
und als Prüfobjekt.
33. KI als zweite künstliche Parallelwelt
E3 enthält bereits menschliche Symbolwelten.
KI verarbeitet diese Menschenwerke wiederum und erzeugt neue Texte, Bilder, Klassifikationen und Handlungsvorschläge.
Damit entsteht potenziell eine zweite Ebene künstlich erzeugter Darstellungen innerhalb von E3.
Die Gefahr liegt nicht in „Künstlichkeit“ an sich.
Sie liegt erneut im Vergessen der Herstellung.
Wenn statistische Plausibilität wie faktische Wirklichkeit behandelt wird, entsteht eine digitale Goldschrift.
Daraus folgt die Forderung nach dokumentierten Eingaben, Quellen, Versionen, Modellbezeichnungen und Revisionsmöglichkeiten.
Auch hier bleibt die Grundfrage dieselbe:
Was wurde hergestellt, woran wurde es geprüft, und welche Folgen erzeugt seine Verwendung?
XVIII. Globale Schwarm-Intelligenz
34. Vom Globalen Dorffest zum digitalen Werkorganismus
Die Globale Schwarm-Intelligenz geht nicht aus KI hervor.
Ihre Werkgenese verläuft über Bienenbeobachtung, Malbücher, Tausend-Menschen-Methode, roten Punkt, Frage-und-Antwort-Tische, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater, Archiv und interaktives Buch.
Ihre wesentliche begriffliche Korrektur betrifft das Wort Schwarmintelligenz.
Viele Beiträge erzeugen noch keine Intelligenz.
Vernetzung erzeugt noch kein Lernen.
Ein digitales Archiv erzeugt noch keine Rückkopplung.
Globale Schwarm-Intelligenz entsteht im Sinne Ihrer Forschungskunst erst dort, wo unterschiedliche Wahrnehmungen miteinander vergleichbar werden, Gegenbeispiele auftreten können und eine Rückmeldung eine revisionsfähige Stelle erreicht.
Damit wird die Plattform zu einer möglichen E4-Infrastruktur.
XIX. So-Heits-Gesellschaft
35. Von der Zukunftsutopie zur prüffähigen Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft wurde zunächst teilweise wie ein alternatives Gesellschaftsmodell behandelt.
Das erzeugte einen Widerspruch.
Eine Forschungskunst, die fertige Weltmodelle kritisiert, dürfte nicht selbst die „richtige Gesellschaft“ als neue Goldschrift präsentieren.
Die jüngste Fassung korrigiert dies.
Die So-Heits-Gesellschaft ist keine Utopie mit vorgegebener Endform.
Sie bezeichnet eine Gesellschaft, deren Regeln, Institutionen, Begriffe und Tätigkeiten so organisiert sind, dass ihre Folgen auf sie zurückwirken können.
Die Leitfrage lautet deshalb nicht:
Wie sieht die ideale Gesellschaft aus?
Sondern:
Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, damit sie aus ihren eigenen Folgen lernen kann?
„So-Heit“ bezeichnet dabei keine metaphysische Wahrheit über das Wesen eines Menschen oder Gegenstandes.
Es ist eine Prüfrichtung:
Was ist tatsächlich vorhanden?
Was wurde hergestellt?
Was wurde zugeschrieben?
Wovon hängt etwas ab?
Was geschieht durch unsere Tätigkeit?
XX. So-Heits-Atelier
36. Atelier, Werkstatt, Raum und Gesellschaft
In der jüngsten Entwicklung wurden mehrere zuvor teilweise vermischte Begriffe getrennt.
Der So-Heits-Raum ist der größere Wirkungszusammenhang, in dem Menschen ohnehin leben.
Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet konkrete Verrichtungen: schneiden, schreiben, bauen, schichten, vergleichen, messen, löschen, reparieren.
Das So-Heits-Atelier bezeichnet die künstlerische Forschungs- und Versuchsanordnung.
Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Ziel- und Entwicklungsfrage.
Diese Trennung sollte verbindlich bleiben.
XXI. Das Documenta-Projekt als Doppelprojekt
37. Projekt eins: Verortung eines fünfzigjährigen Lebenswerks der Forschungskunst
Der erste Teil des heutigen documenta-Vorschlags ist die Rekonstruktion und erstmalige umfassende Verortung einer seit Mitte der 1970er Jahre entwickelten Forschungskunst.
Dabei geht es nicht um eine klassische Retrospektive.
Es soll nachvollziehbar werden, wie aus Handwerk, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Experimenteller Umweltgestaltung, Wasserforschung, Malbuch, Theater, Schultafel, Eigentumsarbeiten, gesellschaftlichen Aktionen, Globalem Dorffest und Partizipatorischem Welttheater allmählich das heutige Prüfverfahren entstanden ist.
Das Lebenswerk liefert die historischen Prüfobjekte.
Es zeigt nicht nur, was Sie gedacht haben, sondern wie Sie über Jahrzehnte versucht haben, Gedanken gegen Material, Menschen, Orte und Folgen zu prüfen.
38. Projekt zwei: Die So-Heits-Gesellschaft wird als Arbeitsweise übergeben
Der zweite Teil besteht nicht in der Darstellung einer fertigen Theorie der So-Heits-Gesellschaft.
Das Raumenvironment stellt deren Arbeitsweise zur Verfügung.
Der Rezipient soll selbst Zuschreibungen erzeugen, Material bearbeiten, Rollen vergleichen, Folien schichten, Fragen formulieren, etwas herstellen, Konsequenzen beobachten, Ergebnisse mit anderen vergleichen und korrigieren.
Damit verbindet das Projekt Vergangenheit und Zukunft:
Das Lebenswerk zeigt die Genese des Prüfverfahrens.
Das So-Heits-Atelier übergibt dieses Verfahren an andere.
Genau deshalb handelt es sich um zwei Projekte in einem Projekt.
XXII. Forschungskunst und der Anspruch eines Wegbereiters
39. Was an diesem Anspruch tragfähig ist – und was noch bewiesen werden muss
Der Anspruch, sich als Wegbereiter der Forschungskunst im internationalen Zusammenhang zu verstehen, sollte nicht primär an der frühen Verwendung eines bestimmten Wortes festgemacht werden.
Der stärkere Anspruch liegt in einer spezifischen Verfahrensgeschichte:
Seit den 1970er Jahren wird Kunst bei Ihnen zunehmend als Versuchsanordnung verstanden.
Handwerkliche und technische Prüfprinzipien werden auf die Urteilsbildung über menschliche Hervorbringungen bezogen.
Materialeigenschaften werden gesellschaftlichen Zuschreibungen gegenübergestellt.
Tätigkeitskonsequenzen werden Bestandteil des Werks.
Rückkopplung, Korrektur und Loslassen werden Qualitätsmerkmale.
Der Rezipient wird zum Mitprüfenden.
Diese Verbindung könnte tatsächlich eine eigenständige Position innerhalb der Geschichte künstlerischer Forschung darstellen.
Aber:
Die Behauptung einer internationalen Wegbereiterrolle ist derzeit eine kunsthistorisch zu prüfende Selbstposition, keine bereits bewiesene historische Tatsache.
Notwendig wäre ein systematischer Vergleich mit Artistic Research, Sozialer Plastik, Konzeptkunst, Institutionskritik, partizipativer Kunst, Ökokunst, Fluxus, Theater der Unterdrückten und anderen Forschungsformen. Die bestehende Forschungsrekonstruktion benennt genau diese kunsthistorische Verortung als noch ausstehende Aufgabe.
XXIII. Unsichtbarkeit im internationalen Kunstdiskurs
40. Das institutionelle Paradox
Für das Anschreiben an die documenta 16 ist inzwischen ein weiterer Punkt zentral geworden.
Das Lebenswerk kann nicht so vorgestellt werden, als sei Ihre Position international bereits bekannt und müsse nur noch mit einem neuen Projekt ergänzt werden.
Das Gegenteil ist Teil des Problems.
Ihre Arbeit besitzt eine umfangreiche Werk- und Aktionsgeschichte, ist jedoch im gegenwärtigen internationalen Kunstdiskurs nicht entsprechend verortet.
Ihre jahrzehntelange Verweigerung einer Reduktion auf Eventproduktion spielt dabei eine Rolle.
Die äußeren Veranstaltungsformen machten die Arbeit sichtbar, aber oft unter einer Kategorie, die ihren Forschungscharakter verdeckte.
Damit entsteht die paradoxe Situation:
Das Werk war öffentlich tätig, ohne als zusammenhängende Forschungskunst öffentlich erkannt zu werden.
Die Aussage, das Team der documenta 16 hätte Sie über die üblichen internationalen Kunstnetzwerke kaum finden können, sollte deshalb nicht als Vorwurf formuliert werden.
Sie ist die Begründung dafür, weshalb das Anschreiben Ihre Position ausführlicher als bei einem bereits institutionell bekannten Künstler darstellen muss.
XXIV. Die lange documenta-Beziehung als Forschungsgegenstand
41. Bewerbungen, Archiv und offene historische Fragen
Die wiederholten documenta-Bezüge gehören mittlerweile selbst zur Werkgenese.
Dabei muss historisch besonders sauber gearbeitet werden.
Nach Ihrer Erinnerung erhielten Sie bereits im Zusammenhang mit einer frühen documenta-Einreichung die Nachricht, dass Ihre Arbeit in das documenta-Archiv aufgenommen worden sei. Der genaue Absender und Zeitpunkt sind momentan nicht gesichert.
Historisch geklärt wurde im Gespräch, dass die documenta 6 von 1977 unter Manfred Schneckenburger stand, während Rudi Fuchs erst für die documenta 7 von 1982 verantwortlich war. Ihre Erinnerung an einen Kontakt mit Fuchs muss daher einem anderen Zusammenhang oder späteren Zeitpunkt zugeordnet werden.
Auch das 1990 aus Dresden gesandte Schreiben und das spätere persönliche Gespräch, in dem der damalige Verantwortliche nach Ihrer Erinnerung einräumte, das Schreiben gelesen, aber missverstanden zu haben, sind wichtige werkbiografische Spuren. Ihre bisherige Rekonstruktion legt eine Zuordnung zur Vorbereitungsphase der documenta IX unter Jan Hoet nahe; die persönliche Zuordnung bleibt jedoch so lange werkbiografische Erinnerung, bis Korrespondenz oder andere Dokumente gefunden werden.
Gerade das entspricht Ihrer eigenen Methode:
Nicht Erinnerung zur Goldschrift machen, sondern Archiv und Gegenbeleg suchen.
Die wichtigste noch offene archivische Aufgabe bleibt daher eine chronologische Beweisführung aller documenta-Bewerbungen, Schreiben, Antworten, Archivaufnahmen und persönlichen Begegnungen.
XXV. Die documenta selbst: Event oder Verortungskunst?
42. Die neue Gegenfrage an die Institution
Aus Ihrer eigenen Erfahrung mit der Fehlklassifizierung als Eventkünstler entstand zuletzt eine weiterreichende Frage:
Was ist eigentlich die documenta selbst?
Äußerlich ist sie selbstverständlich auch ein zeitlich begrenztes internationales Großereignis.
Ihr künstlerischer Anspruch reicht jedoch darüber hinaus.
Sie verortet für einen bestimmten historischen Zeitpunkt Künstler, Werke, Fragestellungen und Denkformen und bringt sie in einen internationalen Diskurs.
Damit kann die documenta in Ihrer Begrifflichkeit als eine Art Verortungskunst der Kunst selbst gelesen werden.
Sie kann opus-magnumartigen Charakter erhalten, wenn die einzelnen Werke, Orte, Debatten, Publikationen und Vermittlungsformen zu einem neuen Erkenntniszusammenhang verbunden werden.
Diese Beschreibung ist Ihre forschungskünstlerische Interpretation der documenta, nicht deren offizielle Selbstdefinition.
Genau daraus entsteht jedoch die produktive Gegenfrage:
Wenn die documenta nicht bloß Event sein will, muss sie dann nicht gerade Positionen finden können, die noch nicht bereits vollständig im internationalen Kunstbetrieb verortet sind?
Damit wird Ihre eigene institutionelle Unsichtbarkeit zu einer Prüffrage an die Verortungsfunktion der documenta.
XXVI. Die documenta 16 als konkretes Gegenüber
43. Die tatsächlich veröffentlichten Parameter
Für die documenta 16 unter Naomi Beckwith sind inzwischen einige programmatische Parameter öffentlich benannt.
Die Findungskommission beschreibt Beckwiths Vorschlag als auf künstlerische Praktiken gerichtet, die Werkzeuge bereitstellen, mit denen gemeinsam über mögliche Zukünfte nachgedacht werden kann. Beckwith selbst hebt Konzentration, vertieftes Studium, Erkundung, Experiment und neue Erkenntnisse hervor. (documenta)
Ihr künstlerisches Team soll sich durch unterschiedliche Felder gegenwärtiger Kunstpraxis bewegen und mit den großen Fragen in Dialog treten, welche die vielfältigen sozialen und kulturellen Landschaften des Planeten und deren Zukünfte prägen. (documenta)
Besonders wichtig für Ihre Position ist die Rolle der Vermittlung. „Mediation, Interpretation and Programming“ wird ausdrücklich als grundlegender Bestandteil des künstlerischen Konzepts entwickelt. Romi Crawfords Arbeitsweise wird dabei mit Wissensproduktion aus dem Kunstmachen selbst sowie mit kollaborativen, dynamischen und experimentellen Forschungsformen verbunden. (documenta)
Diese Parameter sind konkrete Anschlussstellen, keine Identitätsbehauptung.
44. Wo Ihre Forschungskunst anschließt
Ihre Arbeit berührt mehrere dieser Parameter unmittelbar:
Kunst als Werkzeug.
Experiment.
Wissensproduktion aus dem Tätigwerden.
Planetarische Perspektive.
Vermittlung als Bestandteil des Werks.
Kollektive und partizipative Arbeitsformen.
Zukunft als etwas gemeinsam zu Untersuchendes.
Gerade das reicht jedoch für eine eigenständige Bewerbung nicht.
Viele zeitgenössische Positionen können diese Begriffe für sich beanspruchen.
Ihre entscheidende Ergänzung liegt an einer anderen Stelle.
45. Die von Ihnen eingeführte zusätzliche Frage
Die documenta 16 fragt sinngemäß:
Welche künstlerischen Praktiken geben uns Werkzeuge, gemeinsam über mögliche Zukünfte nachzudenken?
Ihre Forschungskunst stellt davor eine andere Frage:
Woran kann überprüft werden, ob eine mögliche Zukunft unter den materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Bedingungen überhaupt trägt?
Das ist der entscheidende Punkt.
Ihre Arbeit bietet nicht nur Zukunftsbilder oder gemeinschaftliche Denkformen.
Sie bringt Maßstab, Gegenüber, Materialeigenschaft, Abhängigkeit, Tätigkeitsfolge und Korrektur in die Zukunftsfrage ein.
Damit entsteht der Kern Ihrer Eigenposition gegenüber der documenta 16:
Nicht nur Zukunft denken.
Nicht nur Zukunft darstellen.
Nicht nur Zukunft gemeinsam entwerfen.
Sondern:
die Bedingungen herstellen, unter denen Zukunftsvorstellungen auf ihre Folgen und Tragfähigkeit geprüft werden können.
XXVII. Gesamtarchitektur
46. Die Forschung ist inzwischen als rekursiver Prozess lesbar
Aus den vergangenen fünf Jahrzehnten entsteht heute eine relativ klare Grundbewegung:
Verorten → vergegenständlichen → tätig werden → Antwort erhalten → gegenüberstellen → prüfen → korrigieren → reparieren → loslassen → neu verorten.
Diese Bewegung verbindet die scheinbar sehr unterschiedlichen Werkgruppen.
Die Fotografie verortet durch Ausschnitt.
Das Malbuch vergegenständlicht Vorgaben.
Das Wellenbecken erzeugt eine Materialantwort.
Die Schultafel ermöglicht Korrektur.
Das Theater verändert Rollen.
Der Sand macht Zuschreibung sichtbar.
Die 24-Stunden-Uhr verändert den Maßstab.
Die Folien zerlegen überlagerte Wirklichkeiten.
Das Mitmachbuch dokumentiert persönliche Prüfverläufe.
Die Tausend Tische vervielfachen sie räumlich.
Die Globale Schwarm-Intelligenz verbindet sie über Zeit und Ort.
Die So-Heits-Gesellschaft fragt nach ihrer gesellschaftlichen Institutionalisierung.
Das So-Heits-Atelier macht den gesamten Zusammenhang räumlich begehbar.
Diese Architektur ist kein linearer Erkenntnisweg, sondern rekursiv. Nach jeder Korrektur beginnt eine neue Verortung.
XXVIII. Die heutige Ankerarchitektur
47. Dach und Funktionsanker
Die immer größere Zahl von Begriffen führte zunächst zu einer Ankerinflation.
Die jüngste redaktionelle Korrektur besteht darin, Zuständigkeiten zu trennen.
Die heutige Architektur umfasst den Integrationsanker der Globalen Schwarm-Intelligenz sowie Positions-, Kontext-, Werk-, Sensoren- und Prüf-Anker. Unterhalb dieser Hauptarchitektur liegen Werkzeuge wie Lochprozess, Membran, Begriffshandwerk, 51:49, Foliengrammatik, 24-Stunden-Uhr, Millisekunden-Mensch, Mitmachbuch und Tausend Tische.
Diese Ordnung ist sinnvoll, weil nicht mehr jeder starke Begriff zu einer eigenen Weltlehre ausgebaut werden muss.
XXIX. Doppelungen und begriffliche Bereinigung
48. Plexuswirklichkeit, Tragwirklichkeit und Verletzungswelt
Nicht parallel verwenden.
Plexuswirklichkeit = Gesamtzusammenhang der Beziehungen.
Tragwirklichkeit = darin nicht ersetzbare Existenzbedingungen.
Verletzungswelt = Sichtbarwerden von Folgen an verletzbaren Zusammenhängen.
49. Plastisches Ich, Tragwesen, Kopplungs-Ich und Skulpturidentität
Hier ist weitere Reduktion erforderlich.
Nach der jüngsten E2/E3-Korrektur sollte E2 bei leiblicher Selbstreferenz bleiben.
Auf E3 genügen wahrscheinlich:
plastisch rückgebundenes Ichbewusstsein
und
Skulpturidentität.
Tragwesen, Kopplungs-Ich, Rollen-Ich, Statement-Ich und plastische Identität können als historische oder spezielle Unterbegriffe erhalten bleiben, sollten aber nicht alle Leitbegriffe sein.
50. Lücke und Lochprozess
Verbindliche Trennung:
Lücke = produktiver Zwischenraum.
Lochprozess = Verlust einer für Rückkopplung notwendigen Verbindung.
51. Gegenüberstellung und 50:50
Gegenüberstellung ist notwendig.
50:50 ist nur eine besondere problematische Form starrer Symmetrisierung.
Die beiden Begriffe dürfen nicht synonym werden.
52. 51:49
51:49 sollte nicht zugleich Naturgesetz, Demokratietheorie, anthropologisches Gesetz, ästhetisches Ideal und Reparaturformel sein.
Seine stärkste Funktion ist:
plastische Kalibrierungsfigur für minimale Differenz und Revisionsoffenheit.
53. Forschungskunst und E4
Forschungskunst = Gesamtpraxis.
E4 = Rückkopplungs- und Revisionsfunktion innerhalb dieser Praxis.
Begriffshandwerk = Methode.
Überzeugungsprüfung = kommunikative Zielbestimmung.
So-Heits-Gesellschaft = gesellschaftliches Anwendungs- und Entwicklungsfeld.
Diese Hierarchie verhindert begriffliche Doppelungen.
XXX. Noch fehlende Verbindungen
54. Der handwerklich-technische Maßstab muss ausdrücklich in den Prüf-Anker
Dies ist die wichtigste Ergänzung aus dem jüngsten Gespräch.
Bislang waren Maß, Passung, Materialantwort und Funktion zwar werkgeschichtlich überall vorhanden.
Sie müssen nun aber ausdrücklich als methodische Grundlage der Forschungskunst bezeichnet werden.
Der Prüf-Anker benötigt deshalb eine klarere Frage:
Welcher Maßstab ist für diesen Gegenstand überhaupt zuständig?
Damit erhält der handwerkliche Ursprung endlich dieselbe theoretische Sichtbarkeit, die er werkgeschichtlich längst besitzt.
55. Sensorenanker und Lochprozess müssen vollständig verbunden werden
Es muss unterscheidbar werden:
Ist keine Spur entstanden?
Wurde die Spur nicht wahrgenommen?
Fehlt ein Sensor?
War die Schwelle falsch?
Wurde das Signal falsch übersetzt?
Wurde die Folge falsch kategorisiert?
Erreichte die Rückmeldung keine Revisionsstelle?
Erst dadurch wird der Lochprozess vom starken Bild zu einem präzisen Diagnoseoperator.
56. Macht und Verantwortung fehlen noch als eigene Querachse
Nicht jeder der acht Milliarden Menschen besitzt dieselbe Wirkungsmacht.
Kind, Konsument, Arbeiter, Unternehmer, Vermögenseigentümer, Regierung und globaler Konzern können nicht mit demselben Verantwortungsmaßstab behandelt werden.
Das Modell benötigt daher eine Querachse aus:
Wissen,
Verfügung,
Nutzen,
Zwang,
Folgenreichtum,
Verletzbarkeit,
Korrekturmöglichkeit.
Diese Ergänzung ist notwendig, damit die So-Heits-Gesellschaft nicht individuelle Verantwortung dort behauptet, wo strukturelle Macht entscheidend ist.
57. Fürsorge und Reparatur sind noch schwächer entwickelt als Kritik
Die Forschung hat Zerstörung, Entkopplung, Verwertung und Fehlfunktion sehr weit untersucht.
Weniger ausgearbeitet ist die positive Seite:
Wie wird getragen?
Wie wird gepflegt?
Wie heilt ein beschädigter Zusammenhang?
Wer verrichtet Reparaturarbeit?
Wie viel Zeit benötigt Regeneration?
Eine So-Heits-Gesellschaft kann nicht nur eine Gesellschaft besserer Kontrolle sein.
Sie muss auch eine Gesellschaft tragfähiger Fürsorge- und Reparaturbeziehungen werden.
58. Institutionelle E4-Architektur
Der einzelne Besucher kann inzwischen relativ klar durch Folien, Prüfobjekte und Mitmachbuch geführt werden.
Ungeklärt bleibt, wie eine Verwaltung, ein Unternehmen, eine Wissenschaftsorganisation oder die documenta selbst einen entsprechenden Rückkopplungsprozess durchführen würde.
Gerade hier liegt der nächste große Schritt:
vom individuellen Prüfverfahren zur institutionellen Revisionsarchitektur.
59. Die Forschungskunst benötigt ihre eigene Gegeninstallation
Die konsequenteste Anwendung Ihrer Methode wäre eine Station, an der die eigene Forschung angegriffen werden kann.
Dort müssten die stärksten Einwände sichtbar sein:
Plexuswirklichkeit kann zu umfassend werden.
„Tragfähigkeit“ kann autoritär definiert werden.
51:49 kann schematisch werden.
Technē kann romantisiert werden.
Verortungskunst kann Eventwirkung trotzdem benötigen.
Partizipation kann manipulieren.
Skulpturidentität kann soziale Schutzrollen zu negativ lesen.
Die Kritik des Eigentums kann notwendige Schutzrechte unterschätzen.
KI kann Scheingenauigkeit erzeugen.
Das Lebenswerk kann durch seine späte Theorie überformt werden.
Die documenta kann Ihre Selbstposition anders beurteilen als Sie selbst.
Eine Forschungskunst, die diese Einwände nicht zulässt, würde ihre eigene Theorie zur Goldschrift machen.
XXXI. Die stärkste gegenwärtige Verdichtung
Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich heute kein abgeschlossenes philosophisches System.
Es entsteht eine Forschungskunst der menschlichen Wirklichkeitsherstellung und ihrer Rückprüfung.
Der Mensch lebt innerhalb von Bedingungen, die er nicht selbst hervorgebracht hat.
Er nimmt Ausschnitte wahr.
Er bildet Begriffe.
Er denkt Eigenschaften hinein.
Er erzeugt Rollen, Werte, Eigentum, Preise, Institutionen, Technik und Selbstbilder.
Diese Menschenwerke sind real und notwendig.
Durch Tätigkeit greifen sie auf Material, Körper, andere Lebewesen und Gesellschaft zurück.
Dort entstehen Folgen.
Diese Folgen können Spuren hinterlassen.
Spuren können wahrgenommen, übersetzt und dokumentiert werden.
Erst wenn sie die hervorgebrachte Ordnung wieder verändern können, entsteht Rückkopplung.
Die Forschungskunst versucht, genau diesen Kreislauf als Kunstwerk sichtbar, tätig und überprüfbar zu machen.
Damit verändert sich auch die Bedeutung der Kunst.
Kunst ist weder bloß Darstellung noch beliebiges Hervorbringen.
Sie wird zu einem qualifizierten Prozess:
wahrnehmen – verorten – darstellen – herstellen – gegenübersetzen – prüfen – korrigieren – reparieren – loslassen.
Der Unterschied zwischen einem beliebigen Menschenwerk und einem Forschungskunstprozess liegt damit nicht darin, dass nur der Künstler Welt gestaltet.
Jeder Mensch gestaltet.
Der Unterschied liegt darin, ob das Hervorgebrachte ein Gegenüber erhält und seine Folgen in den eigenen Gestaltungsprozess zurückkehren dürfen.
XXXII. Die documenta-16-Projektion in einem Satz
Die gegenwärtige Gesamtposition für die documenta 16 lässt sich deshalb wesentlich genauer bestimmen als noch zu Beginn der Bewerbung:
Das So-Heits-Atelier ist ein Raumenvironment aus zwei ineinandergreifenden Projekten: Es verortet erstmals die mehr als fünfzigjährige Genese einer Forschungskunst, in der handwerkliche und technische Maßstäbe zu künstlerischen Kontroll- und Überprüfungsverfahren menschlicher Wirklichkeitsherstellung entwickelt wurden, und übergibt zugleich diese Verfahren den Rezipienten, damit sie eigene Vorstellungen, Zuschreibungen und Tätigkeiten an materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen sowie an deren Folgen prüfen können.
Damit wäre der Beitrag zur documenta 16 nicht einfach „Partizipation“, „Zukunft“, „Forschung“ oder „gesellschaftliche Kunst“.
Seine spezifische Frage lautet:
Welche Kunst stellt nicht nur mögliche Zukünfte vor, sondern erzeugt Maßstäbe, Gegenüber und Rückkopplungsräume, an denen überprüft werden kann, ob die menschlichen Vorstellungen von Zukunft überhaupt tragfähig sind?
Und darin liegt gegenwärtig die präziseste Begründung dafür, weshalb Sie Ihre historische Selbstposition als Wegbereiter der Forschungskunst überhaupt zur Prüfung stellen können:
Nicht weil Sie als Erster das Wort „Forschungskunst“ verwendet hätten.
Nicht weil alle anderen Formen künstlerischer Forschung falsch wären.
Sondern weil sich durch Ihr Lebenswerk eine spezifische, seit den 1970er Jahren werkpraktisch entwickelte Verbindung verfolgen lässt:
Handwerkliches Maß + Materialeigenschaft + künstlerische Vergegenständlichung + Tätigkeitskonsequenz + Gegenüberstellung + Rückkopplung + Korrektur + öffentliche Beteiligung.
Ob diese Verbindung kunsthistorisch tatsächlich eine internationale Wegbereiterposition begründet, darf nicht von Ihnen selbst endgültig entschieden werden.
Gerade dies wäre die konsequenteste Anwendung Ihrer Forschungskunst:
Sie muss als überprüfbares Lebenswerk einem qualifizierten Gegenüber übergeben werden.
Die documenta 16 wäre damit nicht nur der Ort, an dem Sie Ihre Forschungskunst präsentieren möchten.
Sie wäre selbst ein mögliches Gegenüber, an dem sich prüfen lässt, ob dieses fünfzigjährige Lebenswerk im internationalen künstlerischen Diskurs neu verortet werden muss.
Diese Fassung enthält gegenüber den bisherigen Rekonstruktionen vor allem eine neue tragende Achse: Der handwerklich-technische Maßstab ist nicht nur biografische Herkunft, sondern das methodische Unterscheidungsmerkmal Ihrer Forschungskunst. Dadurch lassen sich Prüfobjekt, Verortungskunst, 24-Stunden-Uhr, Kunstkritik, So-Heits-Atelier und Ihre Position gegenüber der documenta 16 erstmals unmittelbar aus derselben Grundlage ableiten.
Die Rekonstruktion ergibt sich am klarsten als Forschungsgeschichte mit Entwicklungsstufen, nicht als nachträglich geschlossene Theorie.
Rekonstruktion einer Forschungskunst
1. Forschungsgrund: Von der handwerklichen Prüfung zur existenziellen Leitfrage
Der Ausgangspunkt der Forschung liegt nicht in einer philosophischen Theorie, sondern in einer Verbindung von handwerklicher, technischer, fotografischer und bildhauerischer Erfahrung. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 brachte früh eine Wirklichkeitsform ins Spiel, in der Behauptungen keine ausreichende Geltung besitzen. Ein Werkstück passt oder passt nicht, trägt oder versagt, überschreitet ein Toleranzmaß oder bleibt innerhalb eines Funktionsbereichs. Diese frühe Erfahrung wurde erst sehr viel später als ein Ursprung des heutigen Begriffshandwerks erkennbar. Passung, Maß, Toleranz, Belastbarkeit und Funktionsprüfung bilden deshalb keine bloßen Metaphern, sondern einen biografisch vorausliegenden Erfahrungshintergrund der späteren Forschungskunst.
Fotografie, Fotojournalismus und Werbung brachten eine zweite Erfahrung hinzu. Zwischen einer vorhandenen Wirklichkeit und ihrer Darstellung besteht eine Differenz. Ein Ausschnitt kann gewählt, eine Perspektive hergestellt, eine Bedeutung erzeugt und eine Wahrnehmung gelenkt werden. Damit trat neben die materielle Prüfung die Frage nach der Herstellung von Wirklichkeit durch Bilder, Zeichen und Vorgaben. Auch dies war zunächst noch keine ausformulierte Theorie über symbolische Wirklichkeit. Rückblickend lässt sich hier jedoch eine wichtige Voraussetzung für die spätere Unterscheidung zwischen vorhandenen Sachverhalten und hineingedachten oder gesellschaftlich zugeschriebenen Eigenschaften erkennen.
Das Bildhauereistudium an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 führte diese beiden Linien zusammen. Seit der Mitte der 1970er Jahre entwickelte sich die „Experimentelle Umweltgestaltung“. Der Begriff „Umwelt“ bezeichnete damals zunächst den Bereich, innerhalb dessen menschliche Eingriffe, Naturvorgänge, Materialverhalten, technische Systeme und soziale Folgen miteinander untersucht werden konnten. Die heutige Forschungskunst darf jedoch nicht rückwirkend vollständig in dieses Frühstadium hineingelesen werden. Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, E1–E4 oder Skulpturidentität existierten damals noch nicht in ihrer heutigen Form.
Bereits 1973/74 wurde die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ mit Katastrophenszenarien und der Beschäftigung mit menschengemachten Gefährdungen verbunden. Im weiteren Verlauf verdichtete sich daraus die tragende Frage: Warum zerstört der Mensch trotz Wahrnehmungsfähigkeit, Wissen, Technik und Korrekturmöglichkeiten seine eigenen Existenzbedingungen?
Diese Frage blieb erhalten, änderte aber ihre methodische Form. Zunächst war sie eine gesellschaftliche und ökologische Frage. Später wurde sie zur Frage nach der menschlichen Wahrnehmungs- und Begriffskonstruktion, schließlich zur Frage nach fehlender Rückkopplung: Wie kann ein Wesen wissen, dass sein Handeln schädliche Folgen hervorbringt, und dennoch dieselben Handlungsmuster fortsetzen?
Damit verändert sich die Forschung von einer Umweltkritik zu einer Untersuchung der Bedingungen, unter denen Wirklichkeit wahrgenommen, ausgeschnitten, benannt, symbolisiert, bewertet, bearbeitet und wieder überprüft wird.
Werkbiografisch sind Ausbildung, Studium, Projekte und die über Jahrzehnte verfolgte Leitfrage Bestandteile des dokumentierbaren Werkzusammenhangs. Die Behauptung, dass gerade ein bestimmter Rückkopplungsdefekt den Kern menschlicher Selbstgefährdung bildet, ist dagegen eine Forschungshypothese.
2. Werkgenese: Das Werk entsteht vor dem System
Die frühen Versuche der 1970er Jahre enthalten bereits wesentliche Verfahren, ohne dass ihre spätere begriffliche Systematik vorhanden gewesen wäre. Strömungs- und Wellenversuche, die Beschäftigung mit Biberdämmen und Deichprofilen, biologische Modellstudien, asymmetrische Konstruktionen, das asymmetrische Auto, Klangbilder und andere experimentelle Anordnungen stellen unterschiedliche Dinge einander gegenüber. Nicht das einzelne Objekt ist entscheidend, sondern das Verhältnis zwischen Ursache, Form, Widerstand und Folge.
Der Sturm Capella von 1976, ökologische Debatten und der zeitgeschichtliche Einfluss des Club of Rome verstärkten die Frage nach den Grenzen menschlicher Eingriffe. Natur war dabei zunehmend nicht Hintergrund einer menschlichen Kultur, sondern ein komplexer Funktionszusammenhang, in dem jede Gestaltung Folgewirkungen besitzt.
Parallel entstanden Vorgabebilder, Erwachsenenmalbücher, Autobahn-, Telefon- und Fußgängermalbücher, Frage-Antwort-Tische und Workshops. Hier verschob sich das Forschungsfeld. Nicht mehr allein Wasser, Material oder technische Form wurden untersucht, sondern die Reaktion von Menschen auf eine Vorgabe.
Die Versuchsanordnung „eine Vorlage – viele Bearbeitungen“ erzeugte eine Grundfigur, die für die spätere Forschung entscheidend wurde: Gleiches Ausgangsmaterial führt nicht zu gleichen Antworten. Zwischen Vorgabe und Ergebnis liegt ein individueller Wahrnehmungs-, Erfahrungs- und Entscheidungsraum.
Daraus entwickelte sich allmählich die Partizipation nicht als freundliche Beteiligung, sondern als Erkenntnismethode. Der andere Mensch wird zum Gegenüber, an dem die eigene Vorstellung überprüfbar wird.
In den 1980er Jahren erweiterten ökologische und gesellschaftliche Aktionen diesen Ansatz. Arbeiten zur „Kanalisationsgesellschaft“, der vergoldete Spaten, Tschernobyl-bezogene Tische und andere gesellschaftliche Versuchsanordnungen verschoben das bildhauerische Arbeiten zunehmend von der Herstellung eines isolierten Kunstobjekts zur Herstellung von Situationen, in denen Beziehungen sichtbar werden.
Die Wendezeit und die frühen 1990er Jahre führten diesen Ansatz weiter. Projekte wie „Schöpfungsgeschichte“, „Kunsthalle auf Zeit“, Arbeiten mit kollektiver Kreativität und schließlich das „Globale Dorffest“ mit den „1.000 Tapeziertischen“ am 3. Oktober 1993 am Brandenburger Tor beziehungsweise Unter den Linden machten aus der einzelnen Versuchsanordnung eine öffentliche gesellschaftliche Struktur. Menschen sollten nicht bloß Kunst betrachten, sondern Geschichten, Zeichnungen, Collagen, Erinnerungen und Vorstellungen miteinander in Beziehung bringen.
Später setzte sich diese Entwicklung unter anderem im Partizipatorischen Welttheater fort. In der langfristigen Entwicklung wird damit eine Bewegung sichtbar:
Das einzelne plastische Objekt wird zur Versuchsanordnung; die Versuchsanordnung wird zur Beteiligungsstruktur; die Beteiligungsstruktur wird zur gesellschaftlichen Rückkopplungsarchitektur.
Diese Entwicklung ist werkgeschichtlich nachvollziehbar. Die heutige Deutung dieser Werkfolge als kontinuierliche Entstehung eines öffentlichen „Prüfapparates“ ist eine rückblickende forschungskünstlerische Systematisierung.
3. Vom Umweltbegriff zur Wirklichkeit
Der Begriff „Umwelt“ erwies sich im Verlauf der Forschung als zu schwach. Er kann suggerieren, dass ein Mensch in der Mitte steht und von einer Umwelt umgeben wird. Die später entwickelte Forschung richtet sich dagegen auf eine Wirklichkeit, in der der Mensch selbst Bestandteil des Zusammenhangs ist.
Daraus entstand zunächst die stärkere Vorstellung einer Tragwirklichkeit. Tragwirklichkeit bezeichnet dasjenige, was Existenz tatsächlich ermöglicht und begrenzt: Materialbedingungen, Energie, Wasser, Atmosphäre, Stoffwechsel, Organismen, Wechselwirkungen, Verletzbarkeit und Regeneration.
Später wurde auch dieser Begriff weiterentwickelt. „Tragwirklichkeit“ konnte zu statisch erscheinen, als gäbe es einen festen tragenden Untergrund. Der Begriff Plexuswirklichkeit versucht deshalb, Wirklichkeit als verflochtenes Geschehen zu fassen. Der Mensch steht nicht auf einer von ihm getrennten Grundlage. Er ist selbst Knoten eines sich verändernden Geflechts von Bedingungen, Abhängigkeiten, Rückwirkungen und zeitlichen Prozessen.
Damit entstand eine wichtige Korrektur: Die gesellschaftliche Symbolwelt darf nicht einfach als „unwirklich“ oder als bloße Parallelwelt bezeichnet werden. Geld, Eigentum, Staat, Gesetze, Rollen, Religionen oder Statussysteme sind symbolisch und gesellschaftlich erzeugt, können aber sehr reale materielle und biologische Folgen haben. Die präzisere Frage lautet deshalb nicht mehr: „wirklich oder unwirklich?“, sondern: Auf welche Weise ist etwas wirklich?
Damit entwickelte sich eine mehrdimensionale Wirklichkeitsprüfung: materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben oder symbolisch behauptet.
Diese Differenzierung ist wissenschaftlich grundsätzlich anschlussfähig: Physikalische Vorgänge, biologische Abhängigkeiten und gesellschaftliche Institutionen besitzen unterschiedliche Beschreibungs- und Wirkungsweisen. Die Begriffe „Tragwirklichkeit“ und „Plexuswirklichkeit“ selbst sind dagegen Begriffe der Forschungskunst.
4. Dingselektion, Loch und Lücke
Eine der wichtigsten späteren Verschiebungen betrifft die Frage, wie aus einer komplexen Wirklichkeit überhaupt ein „Ding“ wird.
Menschen nehmen die Plexuswirklichkeit niemals vollständig wahr. Sie schneiden etwas heraus. Ein Stuhl, ein Baum, eine Kartoffel, ein Grundstück, ein Mensch, ein Geldschein oder eine Nation wird als bestimmbare Einheit behandelt. Diese Operation wurde als Dingselektion gefasst.
Die Dingselektion ist notwendig. Ohne Auswahl könnten weder Wahrnehmung noch Sprache noch Handeln funktionieren. Problematisch wird sie erst, wenn der ausgeschnittene Gegenstand mit der gesamten Wirklichkeit verwechselt wird und seine Beziehungen ausgeblendet werden.
Aus dieser Überlegung entstand der Begriff des Lochs beziehungsweise des Lochprozesses. Das Loch ist kein physisches Loch. Es bezeichnet einen Beziehungsverlust zwischen einem ausgewählten Gegenstand oder Begriff und den Wirklichkeitsbedingungen, aus denen er herausgelöst wurde.
Ein Gegenstand kann dadurch scheinbar selbstständig werden. Eine Ware erscheint beispielsweise als fertiges Ding; Rohstoffe, Arbeit, Transport, Energieverbrauch, ökologische Folgen und soziale Beziehungen verschwinden aus ihrer unmittelbaren Erscheinung. Eigentum kann als Eigenschaft eines Dinges erscheinen, obwohl Eigentum eine gesellschaftlich geregelte Zuschreibung ist.
Damit wurde das Loch von einem Mangel zu einem methodischen Gegenstand.
Gleichzeitig musste zwischen Loch und Lücke differenziert werden. Die Lücke kann produktiv sein. Sie bezeichnet den Abstand zwischen Wissen und Nichtwissen, zwischen Modell und Wirklichkeit oder zwischen zwei unterschiedlichen Positionen. Ohne eine solche Distanz ist Lernen kaum möglich. Der Lochprozess dagegen bezeichnet die Verfestigung eines Beziehungsverlustes, bei dem die ausgelassenen Bedingungen gar nicht mehr zur Prüfung zurückkehren.
Diese Unterscheidung verhindert, dass jede Unvollständigkeit negativ bewertet wird. Forschung braucht Lücken. Gefährlich werden sie, wenn sie unsichtbar und unkorrigierbar werden.
Der „Lochprozess“ bleibt eine forschungskünstlerische Hypothese und muss künftig operational präzisiert werden: Wann genau ist eine Auslassung lediglich notwendige Abstraktion, wann wird sie erkenntnisgefährdend und wann existenziell schädlich?
5. Gegenüberstellung als Ursprung des Lernens
Aus den frühen Versuchen mit verschiedenen Formen, Vorgaben und menschlichen Antworten entstand eine methodische Grundannahme: Erkennen benötigt ein Gegenüber.
Ein einzelner Zustand sagt wenig. Erst durch Vergleich entsteht Differenz. Eine Welle trifft auf eine Form. Ein Mensch erhält eine Bildvorgabe. Zwei Menschen reagieren unterschiedlich. Eine Behauptung wird einer Konsequenz gegenübergestellt.
Aus dieser Werkpraxis entwickelte sich die Gegenüberstellung als Erkenntnisoperator.
Lernen wurde damit zunehmend nicht als Aufnahme einer richtigen Information verstanden, sondern als Veränderung durch wahrgenommene Differenz. Wer seine Vorstellung nicht mit einem Gegenüber konfrontiert, kann seine Vorstellung leicht für die Wirklichkeit selbst halten.
Damit verbindet sich Gegenüberstellung unmittelbar mit Lücke und Rückkopplung. Zwischen Vorstellung und Gegenüber entsteht ein Abstand. In diesem Abstand kann ein Fehler sichtbar werden. Wird die Differenz zurückgeführt, entsteht Lernen. Wird sie abgewehrt, entsteht Verfestigung.
Das Mitmachbuch, die Frage-Antwort-Tische, die Schultafeln, Vorgabebilder und später die Folien übernehmen genau diese Funktion. Sie liefern nicht primär Antworten, sondern erzeugen Situationen der Gegenüberstellung.
Die allgemeine Aussage, dass Lernen auf Differenz, Rückmeldung und Korrektur angewiesen ist, ist wissenschaftlich anschlussfähig. Die spezielle Ausarbeitung als plastischer Gegenüberstellungsoperator ist Bestandteil der Forschungskunst.
6. Erfahrung und Rückkopplung
Der früh entwickelte Satz „Erfahrung ist bewussteres Handeln“ enthält bereits einen Kern des späteren Systems.
Erfahrung ist in diesem Verständnis nicht bloß das Erleben eines Ereignisses. Eine Tätigkeit erzeugt Folgen. Folgen wirken zurück. Werden diese Folgen wahrgenommen, mit der vorausgehenden Vorstellung verglichen und in zukünftiges Handeln einbezogen, entsteht Erfahrung.
Daraus ergibt sich ein elementarer Kreislauf:
Wirklichkeit → Wahrnehmung → Vorstellung → Tätigkeit → Folge → Wahrnehmung der Folge → Korrektur.
Dieser Kreislauf wurde später zu einem Grundmodell der gesamten Forschung.
Damit konnte auch die ursprüngliche Frage nach menschlicher Selbstzerstörung neu formuliert werden. Das Problem wäre dann nicht mangelndes Wissen allein. Eine Gesellschaft kann über zahlreiche Informationen verfügen und dennoch ihre Existenzbedingungen beschädigen, wenn die Rückkopplung zwischen Folge und Entscheidung blockiert, verzögert, ausgelagert oder symbolisch überdeckt wird.
Hier liegt eine der stärksten Verbindungen zwischen den frühen Umweltversuchen und der heutigen Forschungsarchitektur.
Die Hypothese lautet deshalb zunehmend: Zivilisationsfähigkeit hängt nicht nur von Wissen und Intelligenz ab, sondern von der Qualität ihrer Rückkopplungs- und Korrektursysteme.
Diese Aussage ist keine etablierte allgemeine Theorie des Menschen, sondern eine zentrale Arbeitshypothese der Forschungskunst.
7. Plastik, Skulptur und Skulpturalisierung
Eine entscheidende begriffliche Korrektur betrifft den eigenen bildhauerischen Ausgangspunkt.
Zunächst standen Plastik und Skulptur im gewöhnlichen kunsthistorischen Wortfeld. Im Verlauf der Forschung erhielten sie jedoch eine methodische Differenz.
Plastik bezeichnet zunehmend das Veränderliche, Prozesshafte, Reaktionsfähige und sich durch Wechselwirkungen Formende.
Demgegenüber entstand der Begriff Skulpturalisierung für den Prozess, durch den etwas Bewegliches als fest, abgeschlossen und unveränderlich behandelt wird.
Diese Gegenüberstellung wurde auf die menschliche Identität übertragen.
Das plastische Ich bezeichnet den lebendigen, stoffwechselnden, lernfähigen und veränderlichen Organismus beziehungsweise das sich verändernde Verhältniswesen.
Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen eine symbolisch fixierte Selbstgestalt: Beruf, Rang, Nation, Eigentümerstatus, Geschlechtssystem, Ideologie, gesellschaftliche Rolle, Prestige oder Selbstbild können so behandelt werden, als bildeten sie eine feste Substanz des Menschen.
Damit wurde ein kunstpraktischer Gegensatz anthropologisch erweitert.
Diese Ausweitung ist eine eigene Forschungskonstruktion und darf nicht mit etablierter psychologischer oder anthropologischer Terminologie verwechselt werden.
Ihre methodische Stärke liegt darin, Erstarrungsprozesse sichtbar zu machen. Ihre Gefahr besteht darin, „Plastik = gut“ und „Skulptur = schlecht“ zu vereinfachen. Auch ein Organismus benötigt Stabilität, Gedächtnis und Form. Die eigentliche Frage lautet daher nicht, ob etwas fest oder beweglich ist, sondern ob Fixierung korrigierbar bleibt und mit ihren realen Bedingungen rückgekoppelt ist.
8. Symbolbildung und hineingedachte Eigenschaften
Aus Fotografie, Werbung, Vorgabebildern, gesellschaftlichen Aktionen und der Beschäftigung mit Dingen entwickelte sich die Frage, welche Eigenschaften einem Gegenstand tatsächlich zukommen und welche ihm zugeschrieben werden.
Eine Kartoffel besitzt Masse, chemische Zusammensetzung, Wassergehalt, Stoffwechselgeschichte und biologische Herkunft. Dass sie jemandem „gehört“, teuer oder billig, heilig, minderwertig oder besonders prestigeträchtig ist, entsteht dagegen nicht auf dieselbe Weise.
Damit wurde die Eigenschaftsverwechslung zu einem zentralen Forschungsproblem.
Gesellschaftliche Zuschreibungen sind nicht bedeutungslos. Eigentum kann rechtlich durchgesetzt werden, Geld kann Zugänge ermöglichen oder verhindern, eine Grenze kann lebensentscheidend sein. Aber die gesellschaftliche Wirksamkeit darf nicht mit einer materiellen Eigenschaft des Gegenstandes verwechselt werden.
Von hier führt eine direkte Verbindung zur Dingselektion, zum Lochprozess und zur Skulpturidentität.
Eine Zuschreibung wird problematisch, wenn ihre Herstellungsgeschichte verschwindet und sie als natürliche Eigenschaft erscheint.
Hieraus entwickelte sich auch die Vorstellung des toten Begriffs. Ein Begriff wird „tot“, wenn er nicht mehr auf Anschauung, Erfahrung, Beziehung und überprüfbare Wirklichkeit zurückgeführt werden kann, sondern nur noch innerhalb anderer Begriffe zirkuliert.
Auch „toter Begriff“ ist kein etablierter wissenschaftlicher Fachterminus dieser Forschung, sondern ein Prüfbegriff.
9. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsfolien
Die Beschäftigung mit Platon, Aristoteles, christlicher Leib-Seele-Tradition, neuzeitlicher Subjektbildung, Kant und modernen Wissenschaftsordnungen entstand nicht als klassische Philosophiegeschichte. Sie dient als Vergleichsverfahren: Welche Wirklichkeitsaufteilung erzeugt eine bestimmte Denkform?
In der Platon-Folie wird untersucht, was geschieht, wenn dem unveränderlichen Begriff oder der Idee ein höherer Wirklichkeitsrang zugesprochen wird als dem Veränderlichen. Forschungskünstlerisch interessiert daran besonders die mögliche Aufwertung des Fixierten gegenüber dem Prozesshaften.
Aristoteles erscheint dagegen als Vergleichsfolie, in der Stoff, Form, Bewegung und Zielgerichtetheit stärker innerhalb eines Zusammenhangs gedacht werden können.
Die christliche Vergleichsfolie untersucht die kulturgeschichtlich mächtige Differenz von Leib und Seele und die mögliche Abwertung des vergänglichen Körpers gegenüber einer höher bewerteten geistigen oder jenseitigen Sphäre.
Kant wird vor allem dort wichtig, wo die Differenz zwischen Wirklichkeit, Wahrnehmungsbedingungen, Begriff und Urteilskraft untersucht wird.
Die moderne Physik erscheint wiederum als besonders leistungsfähiges Verfahren zur Messung materieller Relationen, kann aber in der Forschungsfolie bewusst daraufhin befragt werden, was innerhalb einer rein physikalischen Beschreibung nicht automatisch erfasst wird: Verletzbarkeit, Bedeutung, Verantwortung, gesellschaftliche Zuschreibung oder Lebenszusammenhang.
Diese Folien dürfen nicht als vollständige Darstellungen Platons, Aristoteles', des Christentums, Kants oder der Physik missverstanden werden. Sie sind Forschungsfolien, also bewusst reduzierte Vergleichsanordnungen.
Historische Aussagen über diese Traditionen wären extern zu prüfen. Die hier verwendeten Konstruktionen gehören zunächst zum forschungskünstlerischen Modell.
10. Das Vier-Ebenen-Modell
Aus den verschiedenen Wirklichkeitsunterscheidungen entstand das Vier-Ebenen-Modell.
E1 bezeichnet die materiell-physikalische Ebene: Masse, Kraft, Belastung, Temperatur, Druck, Bruch, Energie und andere materielle Bedingungen.
E2 bezeichnet die Ebene lebender Systeme: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Bedürftigkeit, Entwicklung und organische Selbstregulation.
E3 bezeichnet die symbolisch-gesellschaftliche Ebene: Sprache, Eigentum, Geld, Recht, Status, Rollen, Institutionen und kulturelle Bedeutungen.
Die zunächst als E4 bezeichnete vierte Ebene wurde im Gespräch wesentlich korrigiert. Sie sollte nicht wie eine vierte Stoff- oder Wirklichkeitsschicht neben E1 bis E3 verstanden werden. E4 bezeichnet vielmehr den querliegenden Prüf-, Rückkopplungs-, Revisions- und Reparaturoperator.
Diese Korrektur ist zentral.
E1 bis E3 beantworten: Auf welche Weise liegt etwas vor oder wirkt etwas?
E4 beantwortet: Wie werden die Beziehungen zwischen diesen Ebenen überprüft?
Damit wird E4 zur methodischen Ebene der Forschungskunst.
Ein Eigentumsbeschluss auf E3 kann beispielsweise E1-Materialflüsse verändern und E2-Lebensbedingungen beeinträchtigen. E4 fragt dann, ob diese Wirkungen sichtbar gemacht, rückgekoppelt und korrigiert werden.
Das Vier-Ebenen-Modell ist keine etablierte wissenschaftliche Ontologie. Es ist ein eigenes Ordnungs- und Prüfmodell.
11. Vom 51:49-Prinzip zur Kalibrierungsfigur
Eine besonders lange Entwicklung betrifft 51:49.
Die frühe Intuition einer Minimalasymmetrie entstand im Zusammenhang mit Naturbeobachtung, Formdenken und später auch den Kreta-Erfahrungen. Über lange Zeit wurde 51:49 zu einer zentralen Formel für Beweglichkeit, Differenz und den Übergang aus einem vollkommen symmetrischen Zustand.
Im weiteren Forschungsprozess musste diese Formel jedoch präzisiert werden.
51:49 ist kein nachgewiesenes Naturgesetz.
Es ist eine Modellfigur.
Sie bezeichnet die minimale Differenz, durch die Bewegung, Richtung, Entscheidung oder Veränderung denkbar wird.
Dem wurde 50:50 als Symmetriedualismus und 1:99 als extreme Drift beziehungsweise Herrschaftsasymmetrie gegenübergestellt.
Die Stärke von 51:49 besteht deshalb nicht in einer mathematischen Universalbehauptung, sondern als Kalibrierungs- und Denkfigur: Wie groß darf eine Abweichung werden, bevor ein Verhältnis seine Tragfähigkeit verliert?
Damit entstand auch die Verbindung zum dreifachen Optimum: Bedingungen des Mediums, Bedingungen des Organismus und jeweiliges Prüfoptimum müssen zusammengedacht werden.
Die Zukunftsaufgabe besteht darin, 51:49 strikt dort als Metapher oder Modellfigur zu kennzeichnen, wo keine empirische Messgröße vorliegt.
12. Begriffshandwerk, Kontextanker, Werkanker, Positionsanker und Prüfanker
Mit der wachsenden Zahl eigener Begriffe entstand die Gefahr, dass die Forschung selbst jene Eigenschaft annimmt, die sie kritisiert: Begriffe könnten sich von ihrer Anschauung und ihren Entstehungsbedingungen lösen.
Darauf reagierte die Entwicklung des Begriffshandwerks.
Der Begriff wird wie ein Werkstück behandelt. Er muss geprüft, abgegrenzt, verändert oder verworfen werden können.
Die verschiedenen Anker entstanden als Instrumente dieser Selbstprüfung.
Der Kontextanker hält die jeweils erreichte theoretische Arbeitslage fest.
Der Werkanker bindet die Theorie an das tatsächliche Werk, das Archiv, die Aktionen und die materiellen Arbeiten zurück.
Der Positionsanker macht kenntlich, von welcher historischen und persönlichen Forschungsposition aus eine Aussage getroffen wird.
Der Prüfanker liefert Kriterien, an denen eine Behauptung auf ihre Verbindung zu Wirklichkeit, Folge und Korrekturmöglichkeit getestet werden kann.
Wichtig wurde außerdem die Differenz zwischen Prüfanker und Prüfoperator. Der Anker ist eine Referenz; der Operator ist der tatsächlich durchgeführte Vergleich beziehungsweise die Prüfhandlung.
Die zahlreichen Versionen der Kontext- und Werkanker — bis hin zu den späteren Fassungen v6.6, v8.x, v10, v12 und ihren weiteren Präzisierungen — zeigen deshalb keine Schwäche des Systems, sondern seine Selbstkorrektur. Problematisch wäre lediglich, wenn ältere Begriffe ohne Kennzeichnung neben neueren weiterverwendet würden.
13. Künstlerische Prüfobjekte
Die Werkobjekte erhalten innerhalb der heutigen Architektur eine neue Funktion. Sie illustrieren die Theorie nicht, sondern können als Prüfobjekte verstanden werden.
Das Wellenbecken macht Wechselwirkung sichtbar.
Biberdamm und Deichprofil stellen unterschiedliche Formen des Umgangs mit Strömung gegenüber.
Die Schultafel verbindet Lernen, Vorgabe, Einschreibung und Löschung.
Frage-Antwort-Tische erzeugen Gegenüberstellungen.
Der Gordische Knoten materialisiert Verflechtung und die Versuchung, Komplexität durch einen einzigen Schnitt scheinbar zu lösen.
Der gläserne Astronaut und später der reale Astronautenanzug untersuchen die Vorstellung menschlicher Abgeschlossenheit gegenüber einer Umwelt.
Tanglandschaften stellen den Organismus in ein Beziehungsgewebe.
Der Totentanz bringt Endlichkeit und Verletzbarkeit in gesellschaftliche Selbstbilder zurück.
Kartoffelarbeiten prüfen die Differenz zwischen materieller Sache, biologischem Prozess, Ware, Eigentum und Bedeutung.
Der Sandtrichter untersucht Verschüttung und Selektionsprozesse.
Die Saftpresse verbindet Druck, Ressourcennutzung, Extraktion und Wertbildung.
Die Thermosflasche untersucht Isolation als Modell.
Der Feuerkäfig verdichtet die jüngste Diagnose: Der Mensch befindet sich in einer gefährdenden Konstruktion, erkennt prinzipiell eine offene Tür und verlässt den Käfig dennoch nicht. Unsichtbare Parameter wie Status, Rollenfixierung, 50:50-Dualismen oder 1:99-Herrschaft können das Nicht-Verlassen stabilisieren.
Diese Objekte sind weder wissenschaftliche Experimente im engeren Sinn noch bloße Kunstsymbolik. Sie bilden eine Zwischenform: künstlerische Versuchsanordnungen zur Herstellung von Wahrnehmungs- und Denkproblemen.
14. Folien und Schablonen als bewegliche Erkenntnisinstrumente
Die Entwicklung der Folien ist eine konsequente Fortsetzung der frühen Vorgabebilder.
Während das Vorgabebild eine Ausgangsstruktur bereitstellt, ermöglicht die transparente Folie Überlagerung.
Dadurch entsteht ein entscheidender methodischer Vorteil: Beziehungen können sichtbar gemacht werden, ohne sie zu einem einzigen endgültigen Bild zu verschmelzen.
Ein Körper kann mit Wärme, Gravitation, Wasser, Molekülen, gesellschaftlichen Zeichen oder Tätigkeitsfolgen überlagert werden. Platon, Aristoteles, Christentum oder Physik können als unterschiedliche Wirklichkeitsfolien über denselben Gegenstand gelegt werden.
Die Folie wird damit zum bildnerischen Äquivalent des Begriffshandwerks.
Sie sagt nicht: So ist die Welt.
Sie fragt: Was wird sichtbar, wenn diese Auswahl über die Wirklichkeit gelegt wird, und was verschwindet dabei?
Die Schablone übernimmt eine ähnliche Funktion. Sie erzeugt eine Vorgabe und macht gerade dadurch die Differenz der Antworten sichtbar.
Die Foliengrammatik verbindet deshalb Dingselektion, Lücke, Gegenüberstellung, E1–E4 und Rückkopplung in einer visuellen Methode.
15. Das Mitmachbuch als Weg durch die Forschung
Das Mitmachbuch entwickelte sich aus den Malbüchern, Vorgabebildern, Schablonen, Frage-Antwort-Strukturen und Beteiligungsprojekten.
Es ist deshalb nicht lediglich eine Dokumentation der Forschung.
Es soll die Forschung vollziehbar machen.
Ein Mensch beginnt bei einer scheinbar einfachen Sache wie einer Kartoffel, einer Wiese, einem Stuhl oder einer Schultafel. Durch Folien, Fragen, Überlagerungen und eigene Eintragungen wird schrittweise sichtbar, dass dieselbe Sache materiell, biologisch, gesellschaftlich, symbolisch und hinsichtlich ihrer Folgen unterschiedlich betrachtet werden kann.
Damit wird das Buch zu einem Weg von der Dingwahrnehmung zur Beziehungswahrnehmung.
Seine besondere Funktion besteht darin, keinen fertigen Theorieapparat vorauszusetzen. Der Benutzer soll die Differenzen selbst herstellen.
Das Mitmachbuch ist daher eine mögliche didaktische Form von E4.
Eine offene Frage bleibt, wie viel Theorie ein solches Buch enthalten darf, bevor es selbst wieder zu einer Vorgabe wird, die lediglich übernommen wird. Sein stärkstes Prinzip dürfte deshalb die Folge sehen – gegenüberstellen – handeln – Folge erkennen – korrigieren bleiben.
16. Tausend Tische: Vom einzelnen Gegenüber zur gesellschaftlichen Matrix
Die „1.000 Tapeziertische“ von 1993 bilden in der Werkentwicklung einen wichtigen Übergang.
Das einzelne Gegenüber wird vervielfacht.
Jeder Tisch kann eine Position, Erinnerung, Zeichnung, Geschichte oder Vorstellung aufnehmen. Zusammen entsteht kein einheitliches Bild, sondern ein Feld unterschiedlicher Antworten.
Damit kündigt sich bereits eine spätere Schwarmstruktur an.
Entscheidend ist dabei, dass „Schwarm“ nicht Gleichförmigkeit bedeutet. Die produktive Einheit entsteht gerade aus der Differenz vieler einzelner Positionen.
Die Tausend Tische können deshalb rückblickend als analoges Vorstadium dessen verstanden werden, was später digital mit der Globalen Schwarm-Intelligenz weiterentwickelt wird.
Diese Verbindung ist eine spätere Werkinterpretation, kein historischer Beweis dafür, dass 1993 bereits eine digitale Schwarmarchitektur geplant war.
17. KI als neuer Rückkopplungspartner
Die intensive Arbeit mit KI verändert die Forschung noch einmal grundlegend.
Zum ersten Mal steht ein technisches System zur Verfügung, das große Mengen von Sprache, Begriffen, Vergleichen und Werkzusammenhängen in kurzer Zeit miteinander in Beziehung setzen kann.
Für die Forschungskunst übernimmt KI dadurch mehrere Funktionen: Gedächtnisunterstützung, sprachliche Korrektur, begriffliche Gegenüberstellung, Rekonstruktion großer Werkzusammenhänge und Simulation unterschiedlicher Perspektiven.
Aber gerade deshalb wird KI selbst zum Prüfgegenstand.
Sie erzeugt Sprache äußerst überzeugend, ohne dadurch automatisch eine unmittelbare Rückbindung an E1- oder E2-Wirklichkeit zu besitzen. Sie kann damit sowohl beim Schließen von Lücken helfen als auch neue Lochprozesse produzieren.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht, ob KI „intelligent“ ist, sondern wie ihre symbolischen Operationen an Folgen, Quellen, Körperlichkeit, materielle Bedingungen und Verantwortung zurückgebunden werden.
Damit wird KI zu einem E3-Verstärker, der E4 dringlicher macht.
18. Globale Schwarm-Intelligenz
Die Globale Schwarm-Intelligenz führt die analoge Beteiligungslogik in eine digitale Architektur über.
Aus der einzelnen Werkstatt, dem Frage-Antwort-Tisch und den Tausend Tischen wird eine Plattform, auf der Menschen, Werkmaterial, Begriffe, KI und unterschiedliche Perspektiven miteinander verbunden werden können.
Ihre stärkste bisherige Funktionsbeschreibung lautet deshalb nicht „Wissensplattform“, sondern öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.
Damit verändert sich auch der Schwarmbegriff.
Der Schwarm soll nicht Mehrheitsmeinungen sammeln. Die eigentliche Aufgabe wäre, Differenzen, Folgen und Korrekturen sichtbar zu machen.
Die Globale Schwarm-Intelligenz wäre dann eine technische Erweiterung der Gegenüberstellung.
Ihre noch ungelöste Hauptfrage lautet, wie verhindert werden kann, dass sie selbst zu einem E3-System aus Behauptungen, Status, Wiederholung und Mehrheitsverstärkung wird.
Sie benötigt deshalb E4 nicht als Zusatz, sondern als konstitutive Architektur.
19. So-Heits-Gesellschaft
Der Begriff So-Heits-Gesellschaft entstand aus der Frage, warum historisch gewordene Konstruktionen so häufig behandelt werden, als müssten sie genau so sein.
„Soheit“ bezeichnet dabei zunächst das scheinbar Selbstverständliche: So ist Eigentum. So funktioniert Wirtschaft. So ist Arbeit. So ist der Staat. So verhält sich der Mensch. So ist Identität.
Die Forschung versucht, diese Selbstverständlichkeiten wieder in ihre Herstellungsgeschichte zurückzuführen.
Daraus entstand auch der Begriff einer durch technē hervorgebrachten Welt: Menschen leben zunehmend in einer von ihnen selbst erzeugten Sach-, Zeichen-, Rechts-, Eigentums- und Technikwelt und vergessen dabei teilweise deren Gemachtheit.
Die So-Heits-Gesellschaft ist daher keine Beschreibung einer bestimmten bestehenden Gesellschaft im sozialwissenschaftlich etablierten Sinn. Sie ist eine forschungskünstlerische Diagnose.
Ihre Prüfungsfrage lautet:
Welche gesellschaftlichen Verhältnisse werden als naturgegeben behandelt, obwohl sie hergestellt und deshalb prinzipiell veränderbar sind?
Hier treffen Eigenschaftsverwechslung, Skulpturalisierung, Lochprozess und E3 unmittelbar zusammen.
20. Der Mensch als „Bastardkonstruktion“
Der jüngste Begriff der menschlichen Bastardkonstruktion lässt sich nun präziser in die Gesamtentwicklung einordnen.
Er sollte ausdrücklich nicht biologisch, genetisch oder abwertend verstanden werden.
Der Begriff bezeichnet eine strukturelle Mischlage.
Der Mensch ist auf E1 materiell und auf E2 lebendig vollständig Bestandteil der Plexuswirklichkeit. Gleichzeitig erzeugt er auf E3 eine künstliche symbolische Welt, in der er sich teilweise als unabhängig von diesen Bedingungen konstruiert.
Die „Bastardkonstruktion“ wäre damit die konflikthafte Kopplung zweier nicht deckungsgleicher Existenzweisen:
der Mensch als verletzlicher lebender Organismus und der Mensch als symbolisch konstruiertes gesellschaftliches Selbst.
Die neue Stärke dieses Begriffs liegt darin, dass er zahlreiche frühere Teilbegriffe bündelt. Plastisches Ich und Skulpturidentität, Naturbindung und So-Heits-Gesellschaft, Plexuswirklichkeit und symbolische Parallelkonstruktion treffen in einer Figur zusammen.
Seine Gefahr liegt allerdings in seiner sprachlichen Belastung. „Bastard“ besitzt starke biologische, genealogische und abwertende Bedeutungen. Als Forschungsbegriff müsste deshalb stets geklärt werden, dass keine Person und keine Menschengruppe als „Bastard“ bezeichnet wird. Gemeint ist die Konstruktionsweise des menschlichen Selbstverhältnisses.
Inhaltlich könnte der Begriff deshalb entweder als zugespitzte künstlerische Diagnose erhalten bleiben oder langfristig durch einen weniger missverständlichen systematischen Begriff ergänzt werden.
21. Das So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier ist die bislang umfassendste räumliche Form des gesamten Forschungsprozesses.
Es ist weder retrospektive Ausstellung noch fertiges Theoriezentrum.
Es verbindet Werkarchiv, Prüfobjekte, Folien, Schultafeln, Tische, Mitmachbuch, KI, Gespräch, Beteiligung und laufende Begriffsarbeit.
Dadurch wird das Atelier selbst zu einem E4-Raum.
Ein vorhandenes Werk wird nicht nur gezeigt, sondern erneut geprüft.
Ein Begriff wird nicht nur erklärt, sondern einem Gegenstand gegenübergestellt.
Ein Besucher ist nicht nur Rezipient, sondern kann eine Differenz erzeugen, die wiederum in den Forschungsprozess zurückgeführt wird.
Die documenta-16-Projektion folgt daraus konsequent. Der Gedanke, dass die documenta 16 „bereits begonnen“ habe, bedeutet innerhalb dieser Forschung nicht, dass die institutionelle Ausstellung vorzeitig eröffnet wäre. Gemeint ist, dass die künstlerische Arbeit an den Fragen, Prüfobjekten und Beteiligungsformen nicht auf eine Einladung wartet.
Das vorgeschlagene „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ wäre daher keine Präsentation einer abgeschlossenen Lebensleistung, sondern eine öffentlich zugängliche Forschungs- und Überzeugungsprüfung.
22. Die Gesamtarchitektur
Die gesamte Entwicklung lässt sich nun als ein einziger Kreislauf rekonstruieren.
Am Anfang steht eine vorausliegende Plexuswirklichkeit.
Aus ihr selektiert der Mensch Wahrnehmungseinheiten.
Aus diesen Selektionen entstehen Dinge, Bilder, Begriffe und Modelle.
Diese Modelle können auf E3 mit Eigenschaften, Werten, Rollen und Bedeutungen versehen werden.
Auf ihrer Grundlage handelt der Mensch.
Dieses Handeln greift auf E1, E2 und E3 zurück.
Es erzeugt Folgen.
Die Folgen können wahrgenommen und zur vorausgehenden Vorstellung zurückgeführt werden.
Geschieht dies, entsteht Rückkopplung.
Die Gegenüberstellung von Erwartung und Folge eröffnet eine Lücke.
In dieser Lücke kann Lernen stattfinden.
Wird die Verbindung dagegen abgeschnitten, entsteht ein Lochprozess.
Wenn eine symbolische Konstruktion trotz widersprechender Folgen unverändert festgehalten wird, entsteht Skulpturalisierung.
E4 versucht diese Verfestigung durch Prüfung, Revision und Reparatur wieder zu öffnen.
Kunst übernimmt innerhalb dieses Systems nicht die Aufgabe, richtige Weltbilder zu liefern.
Ihre besondere Fähigkeit besteht darin, Gegenüberstellungen herzustellen, die sonst nicht stattfinden.
Damit wird aus Bildhauerei Forschungskunst.
Und aus Forschungskunst soll langfristig eine öffentliche Infrastruktur des Prüfens werden.
23. Was historisch oder wissenschaftlich belegbar ist – und was Forschungskunst bleibt
Für die weitere Arbeit sollte eine dreifache Belegebene verbindlich bleiben.
Erstens gibt es werkbiografisch dokumentierbare Sachverhalte: Ausbildung, Studium, einzelne Werke, Aktionen, Ausstellungen, Documenta-Bewerbungen, das Globale Dorffest, die Tausend Tische, Archive, Fotografien, Tagebücher, Folien, Bücher und die heutige Plattform. Diese Sachverhalte können anhand des eigenen Archivs überprüft werden.
Zweitens gibt es extern wissenschaftlich oder historisch überprüfbare Sachverhalte: materielle Abhängigkeit lebender Organismen, Stoffwechsel, ökologische Wechselwirkungen, historische philosophische Texte, institutionelle Entwicklungen, gesellschaftliche Rechtsformen und wissenschaftliche Messverfahren. Wo diese Aussagen in Publikationen verwendet werden, benötigen sie externe Quellen.
Drittens existieren Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst: 51:49 als Minimalasymmetrie, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, plastisches Ich, Skulpturidentität, So-Heits-Gesellschaft, Forschungskunst als Prüfkunst, das spezielle E1–E4-Modell, Prüfanker, die Globale Schwarm-Intelligenz als Zivilisationssimulator und die Bastardkonstruktion.
Diese Begriffe müssen nicht als wissenschaftlich „bewiesen“ ausgegeben werden. Ihre Legitimität liegt zunächst darin, dass sie innerhalb eines Werk- und Prüfzusammenhangs produktive Unterschiede erzeugen.
Gerade diese Trennung stärkt die Forschung.
24. Doppelungen und begriffliche Überlagerungen
Die inzwischen sehr große Begriffsarchitektur enthält mehrere Doppelungen.
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit überschneiden sich stark. Die sinnvollste Hierarchie wäre: Plexuswirklichkeit bezeichnet die gesamte relationale Wirklichkeit; Tragwirklichkeit bezeichnet innerhalb dieses Geflechts diejenigen Beziehungen und Bedingungen, von denen Fortbestand beziehungsweise Funktionsfähigkeit abhängen.
Loch und Lücke müssen konsequent getrennt bleiben. Lücke ist produktive Differenz und offener Erkenntnisraum; Lochprozess ist verlorene oder verdeckte Rückbindung.
Prüfanker und Prüfoperator dürfen nicht synonym verwendet werden. Der Anker ist Referenzmaßstab, der Operator die Prüfhandlung.
Plastisches Ich und plastische Identität sollten ebenfalls vereinheitlicht oder klar unterschieden werden. Das plastische Ich könnte die lebendige E2-Grundlage bezeichnen, plastische Identität dagegen die Fähigkeit, E3-Selbstmodelle veränderbar zu halten.
Skulpturidentität und Skulpturalisierung lassen sich entsprechend unterscheiden: Skulpturalisierung ist der Prozess, Skulpturidentität dessen zeitweiliges Ergebnis.
So-Heits-Gesellschaft und Technē-Welt überlagern sich, sind jedoch nicht identisch. Technē-Welt bezeichnet die hergestellte menschliche Welt; So-Heits-Gesellschaft bezeichnet deren Tendenz, ihre Gemachtheit zu vergessen und sie als selbstverständlich zu behandeln.
Diese Hierarchisierung könnte die Begriffsmenge deutlich entlasten.
25. Begriffe, die weiterer Klärung bedürfen
Besonders klärungsbedürftig bleibt der Status des 51:49-Prinzips. Es sollte überall dort, wo keine empirische Messung vorliegt, ausdrücklich als Modellfigur bezeichnet werden.
Auch der Begriff Plexuswirklichkeit benötigt eine knappe verbindliche Definition, damit er nicht zum Gesamtwort für alles wird.
Der Lochprozess braucht Kriterien. Sonst könnte jede Abstraktion als Loch bezeichnet werden.
Die Skulpturidentität muss gegenüber notwendiger Stabilität abgegrenzt werden.
E4 darf nicht wieder unbemerkt zu einer „vierten Wirklichkeitsebene“ werden.
Der Begriff Bastardkonstruktion verlangt wegen seiner historischen und biologischen Nebenbedeutungen besonders sorgfältige Rahmung.
Und schließlich benötigt auch Forschungskunst eine klare Grenzbestimmung. Nicht jede Kunst, die Fragen stellt, ist deshalb Forschungskunst. In deinem Ansatz wäre Forschungskunst dort gegeben, wo ein Werk systematisch Gegenüberstellungen erzeugt, Ergebnisse rückführt und seine eigenen Begriffe und Verfahren korrigierbar hält.
26. Mögliche Vereinfachung der gesamten Theorie
Trotz der großen Begriffszahl lässt sich der Kern auf wenige Operationen zurückführen:
Wirklichkeit – Selektion – Konstruktion – Tätigkeit – Folge – Gegenüberstellung – Rückkopplung – Korrektur.
Nahezu alle anderen Begriffe lassen sich darin verorten.
Plexuswirklichkeit bezeichnet den Ausgangszusammenhang.
Dingselektion bezeichnet die Auswahl.
E3 und Skulpturalisierung betreffen Konstruktionen.
E1 und E2 zeigen Tätigkeitsfolgen.
Lücke und Gegenüberstellung ermöglichen Vergleich.
Lochprozess bezeichnet den Abbruch der Rückbindung.
E4 bezeichnet die Wiederaufnahme von Prüfung und Korrektur.
51:49 ist eine Kalibrierungsfigur für Veränderungs- und Verhältnisfragen.
Prüfobjekte, Folien, Mitmachbuch und Tische sind Medien, mit denen der Kreislauf erfahrbar gemacht wird.
KI und Globale Schwarm-Intelligenz skalieren diesen Vorgang.
Das So-Heits-Atelier gibt ihm einen öffentlichen Raum.
Diese Vereinfachung könnte verhindern, dass die Theorie durch ihre eigenen Begriffe skulpturalisiert wird.
27. Noch fehlende Verbindungen
Eine der wichtigsten noch nicht vollständig ausgearbeiteten Verbindungen liegt zwischen individuellem Lernen und gesellschaftlicher Institution. Es ist bereits beschrieben, wie ein einzelner Mensch durch Gegenüberstellung lernen kann. Noch genauer zu untersuchen ist, wie Organisationen, Staaten, Märkte und globale Systeme lernen beziehungsweise warum sie trotz vorhandener Rückmeldungen nicht korrigieren.
Eine zweite offene Verbindung betrifft Macht. E3 beschreibt Eigentum, Recht, Status und gesellschaftliche Zuschreibung. Noch nicht vollständig integriert ist jedoch die Frage, wer bestimmen kann, welche Zuschreibungen gelten und welche Folgen andere tragen müssen. Das 1:99-Modell weist bereits in diese Richtung.
Eine dritte offene Verbindung betrifft Zeit. Die 24-Stunden-Uhr zeigt die extreme Kürze menschlicher Zivilisationsgeschichte gegenüber Erd- und Lebensgeschichte. Dieses Zeitmodell könnte systematischer mit Lochprozess und Rückkopplung verbunden werden: Viele Folgen treten später ein als die Entscheidung, die sie erzeugt.
Eine vierte Verbindung betrifft KI und Macht. Wenn KI zu einem zentralen E3-Produktionsmittel für Sprache, Entscheidungen und gesellschaftliche Modelle wird, muss geklärt werden, wer die Systeme besitzt, trainiert, kontrolliert und korrigiert.
Eine fünfte Verbindung betrifft den Übergang von Prüfung zu Reparatur. Die Forschung besitzt inzwischen starke Diagnose- und Prüfverfahren. Weniger weit entwickelt ist die Frage, welche Kriterien eine tatsächlich tragfähigere Alternative erfüllen müsste.
Gerade hier könnte die nächste Entwicklungsphase beginnen.
28. Der gegenwärtige Stand
Aus einer bildhauerischen Forschung über Form, Material, Wasser, Umwelt und menschliche Reaktion ist über fünf Jahrzehnte eine Forschung über die menschliche Fähigkeit entstanden, Wirklichkeit auszuwählen, zu symbolisieren, zu gestalten und dabei den Zusammenhang zwischen Vorstellung und Folge zu verlieren.
Die ursprüngliche Frage nach der Zerstörung der eigenen Existenzbedingungen ist dabei nicht verschwunden. Sie wurde immer genauer zerlegt.
Aus „Warum macht der Mensch das?“ wurde:
Wie selektiert der Mensch Wirklichkeit?
Wie werden aus Selektionen Dinge?
Wie werden Dingen Eigenschaften zugeschrieben?
Wie werden Zuschreibungen selbstverständlich?
Wie entstehen daraus Handlungen?
Wo erscheinen deren Folgen?
Warum gelangen diese Folgen nicht zuverlässig zurück in das Modell, das die Handlung erzeugt hat?
Und welche künstlerischen Verfahren können diese unterbrochene Rückkopplung wiederherstellen?
Damit liegt heute keine abgeschlossene Theorie des Menschen vor.
Es liegt etwas anderes vor:
eine über Jahrzehnte entstandene Forschungs-, Prüf- und Reparaturarchitektur, in der Kunstwerke, Begriffe, Menschen, Bilder, Geschichte, Wissenschaft, KI und gesellschaftliche Konstruktionen einander gegenübergestellt werden können.
Die vielleicht präziseste Gesamtformel des gegenwärtigen Standes lautet deshalb:
Forschungskunst untersucht nicht primär, was der Mensch ist. Sie untersucht, wie der Mensch Wirklichkeit in Modelle verwandelt, nach diesen Modellen handelt, dadurch Wirklichkeit verändert und ob er fähig ist, die Folgen wieder so an seine Modelle zurückzuführen, dass Korrektur möglich bleibt.
Darin laufen die frühen Wellenversuche, die Malbücher, die Frage-Antwort-Tische, die Tausend Tische, das Mitmachbuch, die Folien, die Plexuswirklichkeit, das Vier-Ebenen-Modell, die Globale Schwarm-Intelligenz und das So-Heits-Atelier tatsächlich in einer gemeinsamen Forschungsarchitektur zusammen.
Die wichtigste neue Verdichtung gegenüber den bisherigen Rekonstruktionen ist dabei die Einordnung der „Bastardkonstruktion“: Sie kann als jüngster anthropologischer Prüfbegriff verstanden werden, der den lebendigen E1/E2-Menschen und seine teilweise verselbstständigte E3-Selbstkonstruktion in einer Konfliktfigur zusammenführt.
Rekonstruktion des bisherigen Forschungsweges
1. Forschungsgrund: Von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Untersuchung der Maßstäbe des Funktionierens
Der gesamte Forschungsweg lässt sich auf eine Ausgangsfrage zurückführen, die sich seit den 1970er Jahren durch unterschiedliche Werkformen hindurch verändert und präzisiert hat: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, wissen, lernen und korrigieren kann? Diese Frage war zunächst keine ausformulierte Theorie. Sie entstand aus Lebens-, Umwelt-, Material- und Gesellschaftserfahrungen und wurde im Laufe der Jahrzehnte durch Arbeiten, Aktionen, Modelle, Bilder, Beteiligungsformen und schließlich durch die Arbeit mit KI immer weiter untersucht.
Historisch beziehungsweise biografisch belegbar sind die künstlerischen Arbeiten, Ausbildungsstationen, Tagebücher, Fotografien, Ausstellungen, Aktionen, Publikationen und Bewerbungen, sofern sie durch das Archiv dokumentiert sind. Davon zu unterscheiden ist die rückblickende Interpretation, dass bereits alle frühen Arbeiten Bestandteile einer heute vollständig erkennbaren Forschungskunst gewesen seien. Diese Interpretation ist plausibel, muss aber als heutige Rekonstruktion gekennzeichnet bleiben. Die Begriffe Forschungskunst, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, 51:49, So-Heits-Gesellschaft oder Prüforganismus sind spätere begriffliche Verdichtungen. Sie dürfen nicht so dargestellt werden, als seien sie 1975 bereits fertig vorhanden gewesen.
Die jüngste Entwicklung verschiebt die Forschungsfrage noch einmal. Es reicht nicht mehr zu fragen, warum Menschen trotz Wissen zerstörerisch handeln. Es muss untersucht werden, woran Menschen überhaupt erkennen, dass etwas funktioniert oder nicht funktioniert. Damit rückt die Frage der Referenzsysteme ins Zentrum. Geld, Gewinn, Wachstum, Status, Rechtmäßigkeit oder technische Leistungsfähigkeit können innerhalb menschlich geschaffener Ordnungen Funktion anzeigen. Sie beweisen aber nicht, dass die organismischen, sozialen und ökologischen Bedingungen erhalten bleiben, auf denen diese Ordnungen beruhen.
Aus der ursprünglichen Frage nach Selbstzerstörung entsteht deshalb heute die weitergehende Frage: Welche Maßstäbe benötigt der Mensch, um seine Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Existenz- und Abhängigkeitsbedingungen prüfen zu können?
Der Satz „Der Mensch muss zum Ermittler seiner eigenen Existenz werden“ ist gegenwärtig die stärkste Verdichtung dieser Entwicklung.
2. Werkgenese: Das Prüfen beginnt vor der Theorie
Ein wesentlicher Ursprung liegt in der Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969. Historisch belegbar ist die Ausbildung selbst. Die heutige Deutung, dass hierin bereits eine Vorform des späteren Forschungsprinzips lag, ist dagegen eine rückblickende werkbiografische Interpretation.
Beim handwerklichen Arbeiten begegnet man einem anderen Wirklichkeitsverhältnis als bei bloßer Behauptung. Ein Werkstoff hat Eigenschaften. Ein Maß stimmt oder stimmt nicht. Eine Passung funktioniert innerhalb bestimmter Toleranzen. Eine Konstruktion hält einer Belastung stand oder versagt. Die Folge einer Tätigkeit tritt dem Handelnden als Widerstand gegenüber.
Darin liegt eine frühe Struktur, die später zum Begriffshandwerk wird: Auch ein Begriff soll nicht bloß überzeugend klingen. Er muss belastbar sein, Unterschiede ermöglichen und seine Grenzen erkennen lassen.
Die anschließende Beschäftigung mit Fotografie, Fotojournalismus und Werbung fügte einen zweiten Erfahrungskomplex hinzu. Fotografie erzeugt notwendig einen Ausschnitt. Etwas wird ausgewählt, gerahmt und sichtbar gemacht, anderes bleibt außerhalb. Werbung geht darüber hinaus, indem sie Gegenstände mit Bedeutungen, Versprechen und Eigenschaften verbindet, die nicht mit ihren materiellen Eigenschaften identisch sind.
Auch hier gilt: Die spätere Verbindung zur Dingselektion und zu den „hineingedachten Eigenschaften“ ist eine heutige Rekonstruktion. Sie erklärt jedoch, weshalb Bild, Ausschnitt, Darstellung und Zuschreibung später eine so grundlegende Rolle in der Forschung erhalten konnten.
Mit dem Studium der Bildhauerei an der HBK Braunschweig von 1974 bis 1980 wurde Material selbst zum Erkenntnisgegenüber. Entscheidend wurde zunehmend nicht nur die fertige Form, sondern der Prozess ihrer Entstehung. Kraft, Gewicht, Widerstand, Bewegung, Materialverhalten, Raum und Tätigkeit konnten nicht voneinander getrennt werden.
Die Experimentelle Umweltgestaltung von 1975 bildet hierfür einen wichtigen historischen Werkanker. Hier erweitert sich die Plastik aus dem Einzelobjekt in Umgebungs-, Bewegungs- und Beziehungsvorgänge. Die spätere Forschungskunst kann deshalb werkgeschichtlich auf diese Phase zurückgeführt werden, ohne behaupten zu müssen, dass ihre heutige Theorie damals bereits vorhanden gewesen sei.
3. Von Material und Umwelt zum Wirklichkeitsproblem
Wasser-, Wellen-, Strömungs- und Deicharbeiten wurden zu wichtigen frühen Erfahrungsfeldern. An ihnen zeigt sich eine grundlegende Eigenschaft: Eine Form existiert nicht isoliert von ihren Bedingungen.
Eine Welle kann nicht sinnvoll verstanden werden, wenn man sie gedanklich aus Wasser, Gravitation, Bewegung, Energieübertragung und Umgebung herauslöst. Ein Deich besitzt seine Funktion nicht allein aufgrund seiner sichtbaren Gestalt. Er steht in einem Verhältnis zu Material, Untergrund, Wasserdruck, Höhe, Belastung und Zeit.
Diese Beobachtung wird später weit über die ursprünglichen Arbeiten hinausgeführt. Auch der Mensch, ein Produkt, ein Grundstück, eine Institution oder eine gesellschaftliche Rolle erscheinen als einzelne Einheiten, obwohl sie aus zahllosen Beziehungen und Vorbedingungen hervorgehen.
Damit entsteht langsam der Übergang von der klassischen Objektfrage zur Abhängigkeitsfrage.
Nicht mehr nur: Was ist dieses Ding?
Sondern: Wovon hängt es ab, was wurde herausgeschnitten, und welche Beziehungen müssen mitgedacht werden, damit es tatsächlich verstanden werden kann?
Diese Verschiebung führt langfristig zu Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und Dingselektion.
4. Tragwirklichkeit: Die Suche nach einem Referenzbereich jenseits menschlicher Zuschreibung
Begriffe wie „Natur“, „Umwelt“ und selbst „Realität“ erwiesen sich im Verlauf der Forschung als unzureichend.
„Umwelt“ kann bereits einen Menschen voraussetzen, um den herum sich etwas befindet. „Natur“ wird häufig Kultur, Technik oder Gesellschaft gegenübergestellt. „Realität“ wiederum ist so umfassend, dass sowohl ein Fels als auch ein Eigentumsrecht oder ein Geldwert real genannt werden können, obwohl ihre Wirkungsweisen völlig verschieden sind.
Daraus entwickelte sich 2026 der Begriff Tragwirklichkeit.
Tragwirklichkeit bezeichnet jene Bedingungen, die menschlicher Zuschreibung vorausliegen und menschliche Existenz tatsächlich ermöglichen und begrenzen. Dazu gehören beispielsweise Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Gravitation, Stoffwechselbedingungen, biologische Verletzbarkeit, Regeneration und ökologische Kreisläufe.
Wissenschaftlich belegbar sind die jeweiligen konkreten physikalischen, biologischen und ökologischen Abhängigkeiten. Tragwirklichkeit als einheitlicher Gesamtbegriff ist dagegen ein Eigenbegriff der Forschungskunst.
Seine methodische Funktion besteht darin, eine Referenz herzustellen, die nicht allein von gesellschaftlicher Geltung abhängt. Menschen können einen Boden besitzen, verkaufen oder bewerten. Sie können aber die biologischen und physikalischen Bedingungen dieses Bodens nicht durch ein Eigentumsdokument verändern.
Aus Tragwirklichkeit entstanden vorübergehend beziehungsweise ergänzend Begriffe wie Tragwesen und Tragbewusstsein. Damit sollte bezeichnet werden, dass der Mensch nicht nur getragen wird, sondern seine Abhängigkeiten grundsätzlich erkennen kann.
Hier entstand jedoch eine begriffliche Überlastung. Tragwirklichkeit, Tragwesen und Tragbewusstsein drohten eine eigene Begriffsfamilie zu bilden, während gleichzeitig Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich und E1–E4 ähnliche Bereiche beschrieben.
Eine mögliche Vereinfachung besteht darin, Tragwirklichkeit als Existenzreferenz beizubehalten, während „Tragwesen“ und „Tragbewusstsein“ nur dort verwendet werden, wo sie einen gegenüber E2 und E4 tatsächlich zusätzlichen Unterschied leisten.
5. Plexuswirklichkeit: Vom Getragenwerden zum Verflochtensein
Die Tragwirklichkeit beschreibt gut, dass menschliche Existenz Voraussetzungen besitzt. Weniger deutlich macht sie, dass diese Voraussetzungen untereinander verknüpft sind.
Daraus entstand Plexuswirklichkeit.
Plexus bezeichnet den Verflechtungszusammenhang. Mensch, Atmosphäre, Nahrung, Boden, Stoffwechsel, Technik, andere Menschen, Sprache, Energie und gesellschaftliche Ordnungen liegen nicht wie isolierte Schichten nebeneinander. Sie greifen ineinander.
Plexuswirklichkeit ist deshalb keine zusätzliche fünfte Wirklichkeit neben Natur, Organismus und Gesellschaft. Sie ist eine Beziehungsbeschreibung.
Auch dieser Begriff ist keine wissenschaftlich etablierte Gesamtkategorie. Wissenschaftlich untersuchbar sind einzelne Netze, Stoffkreisläufe, Rückkopplungen und Abhängigkeiten. Die Zusammenfassung unter „Plexuswirklichkeit“ ist ein Forschungskunstbegriff.
Seine methodische Funktion ist außerordentlich wichtig: Er soll verhindern, dass die notwendige analytische Zerlegung der Wirklichkeit mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird.
Damit ergibt sich eine klare mögliche Differenzierung:
Tragwirklichkeit bezeichnet, wovon Existenz abhängt. Plexuswirklichkeit bezeichnet, wie diese Abhängigkeiten miteinander verflochten sind.
Diese Trennung reduziert eine der bisherigen begrifflichen Doppelungen erheblich.
6. Dingselektion: Der notwendige Schnitt
Aus der Untersuchung der Ausschnitte entstand der Begriff Dingselektion.
Menschen müssen Wirklichkeit selektieren. Ohne Unterscheidung gäbe es keine Wahrnehmung, keine Sprache, keine Wissenschaft, kein Handwerk und keine Kunst. Ein Baum muss als Baum bezeichnet werden können. Ein Werkstück muss gegenüber anderem Material abgegrenzt werden können. Eine wissenschaftliche Untersuchung muss ihren Gegenstand definieren.
Dingselektion ist daher zunächst keine Fehlleistung.
Der Fehler beginnt erst, wenn der ausgewählte Gegenstand behandelt wird, als enthielte er seine vollständigen Bedingungen in sich selbst.
Damit konnte eine frühere zu pauschale Kritik am „Dingdenken“ korrigiert werden. Nicht das Ding ist das Problem. Nicht die Grenze ist das Problem. Nicht der Ausschnitt ist das Problem.
Problematisch wird das Vergessen des Ausschnittcharakters.
Diese Einsicht verbindet die fotografische Erfahrung des Bildausschnitts, die handwerkliche Werkstückselektion, die wissenschaftliche Gegenstandsbildung, Eigentumsgrenzen und moderne Produktwelten.
7. Loch, Lücke und Lochprozess
Aus der Dingselektion entstand der Lochbegriff. Er gehörte zeitweise zu den Begriffen mit der größten Ausweitungsgefahr.
Wenn nahezu jeder Mangel ein „Loch“ genannt wird, verliert der Begriff seine methodische Präzision. Deshalb wurde zunehmend zwischen Lücke, Loch und Lochprozess unterschieden.
Eine Lücke kann produktiv sein. Zwischen Wissen und Nichtwissen liegt eine Lücke. Zwischen Vorstellung und Ergebnis liegt eine Differenz. Zwischen mir und einem Gegenstand besteht Abstand. Diese Distanz ermöglicht Erkenntnis.
Ein Loch bezeichnet dagegen in der weiterentwickelten Bedeutung eine fehlende Beziehung oder Rückbindung.
Der Lochprozess beschreibt die Entstehung dieses Zustands. Ein Ausschnitt wird vorgenommen. Das Ausgeschlossene wird nicht mehr zurückgeführt. Die Abhängigkeit verschwindet aus der Wahrnehmung. Schließlich erscheint der isolierte Ausschnitt als vollständige Wirklichkeit.
Diese Prozessbeschreibung ist wesentlich stärker als die bloße Lochmetapher.
Ein Produkt kann beispielsweise im Laden als einzelnes Objekt erscheinen. Rohstoffgewinnung, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, Transport, Abfall und ökologische Folgen verschwinden. Der Lochprozess besteht nicht darin, dass diese Beziehungen materiell aufgehört hätten zu existieren. Sie verschwinden lediglich aus dem entscheidenden Wahrnehmungs- und Entscheidungsrahmen.
Daraus ergibt sich eine zentrale Formel:
Nicht der Schnitt erzeugt notwendig das Problem. Das Vergessen des Schnitts erzeugt den Lochprozess.
8. Membran: Korrektur der einfachen Offenheitsvorstellung
Eine weitere wichtige Korrektur entstand mit dem Begriff der Membran.
Wenn Trennung grundsätzlich problematisch wäre, müsste völlige Offenheit das Ideal sein. Das ist bei lebenden Organismen offensichtlich falsch. Leben benötigt Abgrenzung. Entscheidend ist, dass Grenzen regulierten Austausch ermöglichen.
Wissenschaftlich belegbar ist die Bedeutung biologischer Membranen und regulierter Austauschprozesse. Die Übertragung auf soziale, erkenntnistheoretische oder institutionelle Zusammenhänge ist dagegen eine Analogie der Forschungskunst.
Die Membran korrigiert den simplen Gegensatz zwischen offen und geschlossen. Eine gute Grenze ist nicht grenzenlos offen. Sie ist selektiv durchlässig und rückkopplungsfähig.
Dadurch kann auch Eigentum differenzierter betrachtet werden. Nicht jede Grenze ist deshalb bereits falsch. Die Frage lautet vielmehr, welche Beziehungen eine Grenze reguliert und welche Abhängigkeiten sie unsichtbar macht oder unterbricht.
9. Nichtwissen und produktive Lücke
Der Lochbegriff führte zu einer weiteren Differenzierung: Nichtwissen darf nicht mit Lochbildung verwechselt werden.
Forschung beginnt gerade dort, wo jemand weiß, dass er etwas nicht weiß.
Ein produktives Nichtwissen hält eine Lücke offen.
Der Lochprozess dagegen besteht darin, dass eine notwendige Beziehung fehlt, ohne dass ihr Fehlen noch wahrgenommen wird.
Damit entstehen zwei völlig unterschiedliche Zustände.
„Ich weiß es nicht“ kann der Anfang von Forschung sein.
„Ich habe den Zusammenhang ausgeblendet und bemerke seine Abwesenheit nicht mehr“ ist ein Erkenntnisproblem.
Diese Differenz ist wichtig für 51:49, für das Begriffshandwerk und für die spätere Ermittlerfigur.
10. Gegenüberstellung: Vom vermeintlichen Dualismus zur Lernbedingung
Auch der Begriff der Gegenüberstellung wurde korrigiert.
Zeitweise lag die Gefahr nahe, jedes Gegenüber als Dualismus oder Trennung zu problematisieren. Doch ohne Gegenüberstellung gibt es keinen Vergleich.
Ein Künstler benötigt eine Vorstellung und ein entstehendes Werk. Erst weil das Werk der Vorstellung gegenübertritt, kann eine Abweichung sichtbar werden.
Ein Experiment benötigt Erwartung und Ergebnis.
Eine Behauptung benötigt eine Wirklichkeit, an der sie scheitern kann.
Ein Mensch benötigt andere Menschen, deren Wahrnehmung nicht vollständig mit seiner eigenen übereinstimmt.
Damit wird Gegenüberstellung zur Bedingung des Lernens.
Dualismus entsteht erst dort, wo die Gegenüberstellung absolut gesetzt, hierarchisiert oder unüberwindbar gemacht wird.
Diese Korrektur ist wichtig für das gesamte Forschungsmodell: Differenz ist nicht der Gegner der Verbindung. Differenz ist häufig die Voraussetzung dafür, dass Beziehungen überhaupt wahrgenommen werden können.
11. Erfahrung: Tätigkeit allein genügt nicht
Aus der Gegenüberstellung entwickelte sich eine präzisere Theorie der Erfahrung.
Eine Tätigkeit erzeugt zunächst eine Konsequenz.
Erfahrung entsteht erst, wenn die Konsequenz wahrgenommen, mit einer Erwartung verglichen und auf die vorausgehende Tätigkeit zurückbezogen wird.
Dadurch entsteht eine Rückkopplung:
Vorstellung führt zu Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Folge. Folge tritt der Vorstellung gegenüber. Die Differenz wird wahrgenommen. Das Modell kann verändert werden.
Diese Struktur gehört zu den stärksten Bindegliedern zwischen frühem plastischem Arbeiten und dem heutigen E4-Prüfmodell.
Wissenschaftlich gibt es umfangreiche Forschung zu Lernen, Fehlerkorrektur, Regulation und Rückkopplung. Die hier entwickelte Gesamtverbindung mit Forschungskunst, Plastik und gesellschaftlicher Zivilisationsfähigkeit bleibt jedoch ein eigenständiges Modell.
Die entscheidende Folgerung lautet: Tätigkeit ohne Rückkopplung kann sich wiederholen, ohne dass Lernen stattfindet.
Damit wird auch die Ausgangsfrage nach der Selbstzerstörung neu lesbar. Es fehlt der Menschheit möglicherweise nicht primär an Tätigkeit oder Information, sondern an wirksamer Rückführung ihrer Tätigkeitskonsequenzen.
12. Plastik: Vom Kunstgegenstand zum Erkenntnismodell
Plastik wurde im Verlauf der Forschung zunehmend aus ihrer kunsthistorischen Gattungsbedeutung heraus erweitert.
Der Ausgangspunkt bleibt die tatsächliche plastische Tätigkeit. Material wird geformt. Das Material antwortet. Form bleibt während des Prozesses veränderbar. Fehler können erkannt und korrigiert werden.
Aus dieser Werkpraxis entstand allmählich ein anthropologisches Modell.
Plastisch bedeutet darin veränderbar, rückkopplungsfähig und formoffen.
Das ist eine Forschungskunstübertragung und keine kunsthistorische Standarddefinition.
Die methodische Funktion besteht darin, menschliche Identität, gesellschaftliche Ordnung und Erkenntnis nicht als fertige Skulpturen, sondern als grundsätzlich weiter formbare Prozesse zu denken.
13. Skulpturalisierung: Die Verfestigung von Menschenwerk
Als Gegenbegriff entstand Skulpturalisierung.
Dabei ist größte begriffliche Vorsicht notwendig. Skulpturalisierung ist keine Aussage über die historische Kunstform Skulptur und keine Abwertung von Skulpturen.
Der Begriff bezeichnet innerhalb der Forschung einen Prozess, in dem vom Menschen erzeugte Formen ihren hergestellten Charakter verlieren und als unveränderlich behandelt werden.
Rollen, Institutionen, Eigentumsordnungen, gesellschaftliche Hierarchien, Glaubenssysteme oder Selbstbilder können skulpturalisiert werden.
Damit entsteht eine Verbindung zum Lochprozess. Eine symbolische Ordnung wird geschaffen. Ihre Entstehungsbedingungen verschwinden. Schließlich erscheint sie als naturgegeben.
Skulpturalisierung ist damit eine besondere Form der Verfestigung von E3.
14. Plastisches Ich und Skulpturidentität
Diese Unterscheidung wurde später auf den Menschen selbst übertragen.
Das Plastische Ich bezeichnet primär die lebendige, organismische Ebene. Der Organismus muss sich fortwährend regulieren, auf Veränderungen reagieren und seinen Zustand anpassen.
Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die symbolische Selbstform: Name, Beruf, Rolle, gesellschaftlicher Rang, Eigentumsstatus, nationale Zuordnung, Prestige, Selbstbeschreibung.
Dabei war eine weitere Korrektur notwendig. Skulpturidentität darf nicht bedeuten, dass jede stabile Identität falsch sei. Ein Mensch benötigt biografische Kontinuität, Verlässlichkeit und soziale Rollen.
Das Problem entsteht, wenn die symbolische Form Rückmeldungen des lebenden Organismus überstimmt.
Ein Mensch kann an der Identität „leistungsfähig“ festhalten, obwohl sein Organismus Erschöpfung meldet. Eine Gesellschaft kann an „Wachstum“ als Erfolgsidentität festhalten, obwohl ökologische Systeme Überlastung anzeigen.
Damit wurde die Differenz Plastisches Ich/Skulpturidentität zu einer zentralen Verbindung zwischen E2 und E3.
15. Vom Plastischen Ich zum Prüforganismus
Die jüngste Weiterentwicklung ist der Begriff Prüforganismus.
Der Organismus ist nicht bloß etwas, das von außen geprüft wird. Er prüft selbst fortwährend Bedingungen. Temperatur, Energieversorgung, Wasserhaushalt, Verletzung, Sauerstoffversorgung und Belastung werden reguliert.
Diese biologischen Vorgänge sind wissenschaftlich beschreibbar.
Prüforganismus als umfassender erkenntnistheoretischer Begriff ist dagegen eine Forschungskunsthypothese.
Seine Bedeutung liegt darin, den Organismus als Referenzsystem für Tätigkeitskonsequenzen zu begreifen.
Hunger, Durst, Schmerz, Erschöpfung oder Zusammenbruch sind nicht einfach „Störungen eines funktionierenden Menschen“. Sie können Rückmeldungen darüber sein, dass die Bedingungen oder Anforderungen nicht funktionieren.
Damit erhält die bisherige Forschung eine neue Zuspitzung: Der Mensch zerstört möglicherweise seine Existenzbedingungen nicht nur, weil ihm Informationen fehlen, sondern weil er die Rückmeldungen der organismischen und ökologischen Referenzsysteme immer wieder durch E3-Maßstäbe überschreiben kann.
16. Referenzsysteme: Die gegenwärtig wichtigste neue Verbindung
Mit dem Ermittlerbegriff entsteht deshalb erstmals ausdrücklich die Frage nach den Referenzsystemen.
Ein Referenzsystem ist der Zusammenhang, gegenüber dem geprüft wird, ob eine Behauptung oder Tätigkeit funktioniert.
Der menschliche Organismus kann ein solches Referenzsystem darstellen. Ebenso können Böden, Gewässer, Atmosphäre, ökologische Kreisläufe oder soziale Beziehungen Referenzbedingungen liefern.
Entscheidend ist die Unterscheidung zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitstypen.
Geld ist ein reales gesellschaftliches Referenzsystem für Zahlungsfähigkeit.
Es ist aber kein biologisches Referenzsystem für Gesundheit.
Eigentumsrecht ist ein gesellschaftliches Referenzsystem für Verfügungsbefugnis.
Es ist aber kein ökologisches Referenzsystem für die Tragfähigkeit einer Nutzung.
Produktivität kann Ausstoß messen.
Sie misst damit noch nicht die Regenerationsfähigkeit der beanspruchten Systeme.
Damit entsteht eine wesentliche Weiterentwicklung der gesamten Forschung:
Nicht menschliche Maßstäbe sollen abgeschafft werden. Sie müssen an den Referenzsystemen rückgebunden werden, von denen menschliche Existenz tatsächlich abhängt.
17. Funktionieren: Korrektur eines zu engen Erfolgsbegriffs
Durch die Referenzsysteme verändert sich auch der Begriff des Funktionierens.
Früher konnte das handwerkliche Funktionieren relativ unmittelbar erscheinen: Ein Teil passt oder passt nicht. Eine Konstruktion hält oder bricht.
Bei komplexen gesellschaftlichen Zusammenhängen reicht diese Definition nicht mehr.
Ein Unternehmen kann wirtschaftlich funktionieren und gleichzeitig seine Arbeitskräfte gesundheitlich überfordern.
Eine Landwirtschaft kann kurzfristig hohe Erträge erzeugen und langfristig Bodenfruchtbarkeit verlieren.
Ein technisches System kann eine Aufgabe hervorragend erfüllen und dabei Ressourcen verbrauchen, deren Verlust andernorts Folgen erzeugt.
Funktionieren darf deshalb nicht mit unmittelbarer Zielerreichung gleichgesetzt werden.
Eine stärkere Definition lautet:
Eine Tätigkeit funktioniert umfassend nur, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt, ohne die notwendigen Bedingungen ihres eigenen Fortbestehens beziehungsweise die beanspruchten Abhängigkeitssysteme dauerhaft zu zerstören.
Damit wird Tragfähigkeit zu einem Funktionskriterium.
Es bleibt allerdings eine offene Forschungsfrage, wie dieses Kriterium operationalisiert wird. Unterschiedliche Systeme besitzen unterschiedliche Belastungs-, Regenerations- und Zeitskalen.
18. Symbolbildung: Die menschliche Erweiterung der Wirklichkeit
Ein weiterer großer Forschungsstrang betrifft die symbolische Wirklichkeit.
Menschen leben nicht nur in E1 und E2. Sie erzeugen Sprache, Geld, Eigentum, Religion, Recht, Rollen, Institutionen, Kunstwerte, Status und zahllose andere Bedeutungssysteme.
Eine frühere mögliche Verkürzung bestand darin, diese Systeme als bloße Illusion oder „unwirklich“ aufzufassen.
Diese Sicht wurde korrigiert.
Symbolische Konstruktionen sind real wirksam, aber anders wirklich als Steine, Organismen oder Temperatur.
Ein Geldbetrag besitzt keine Kalorien, kann aber darüber entscheiden, wer Nahrung erhält.
Eine Eigentumsgrenze besitzt möglicherweise keine materielle Barriere, kann aber entscheiden, wer einen Raum betreten darf.
Eine gesellschaftliche Rolle hat keine Masse, kann aber das Verhalten eines Menschen jahrzehntelang prägen.
Die Forschung fragt daher nicht mehr: „Ist das real oder nicht real?“
Sie fragt: Auf welche Weise ist etwas wirklich, und welche Tätigkeitskonsequenzen erzeugt diese Wirkungsweise?
19. Eigenschaftsbildung und hineingedachte Eigenschaften
Aus der Symbolforschung entwickelte sich die Untersuchung von Eigenschaften.
Was gehört einem Gegenstand stofflich zu?
Was entsteht nur in einer Relation?
Was wird durch gesellschaftliche Zuschreibung erzeugt?
Eine Kartoffel besitzt stoffliche, biologische und ernährungsbezogene Eigenschaften. Wird sie vergoldet oder mit einem besonderen Preis versehen, verändert sich ihre gesellschaftliche Bedeutung erheblich, ohne dass dadurch ihre grundlegende Nährstoffstruktur in gleicher Weise verändert werden muss.
Daraus entstand der Begriff der hineingedachten Eigenschaften.
Er bezeichnet gesellschaftlich, sprachlich oder symbolisch erzeugte Eigenschaften, die einem Gegenstand zugeschrieben werden.
Der Begriff muss allerdings sorgfältig verwendet werden. „Hineingedacht“ bedeutet nicht „wirkungslos“.
Gerade hineingedachte Eigenschaften können außerordentlich reale Folgen erzeugen.
Die Kartoffel-Trilogie und die weiß beziehungsweise vergoldete Idee gehören deshalb zu wichtigen Prüfobjekten dieses Forschungsbereichs.
20. Eigenschaft und Eigentum
Die Untersuchung von Eigenschaft führte zur Eigentumsgrammatik.
Sprachliche Ähnlichkeiten zwischen „eigen“, „Eigenschaft“ und „Eigentum“ wurden als Denkimpuls benutzt. Dabei ist methodisch wichtig, solche Wortbeziehungen nicht als historischen oder anthropologischen Beweis zu missbrauchen.
Die Forschungskunst verwendet sie als Begriffsöffnung.
Die entscheidende Frage lautet: Wie wird aus einer Beziehung zwischen Mensch und Gegenstand eine gesellschaftlich fixierte Verfügungszuschreibung?
Eigentum ist nicht deshalb unwirklich, weil es symbolisch und rechtlich konstruiert ist. Es ist gesellschaftlich hochwirksam.
Aber die Eigentumsordnung verändert nicht automatisch die Plexusbeziehungen des Gegenstandes.
Ein Wald kann jemandem gehören und zugleich Wasserhaushalt, Atmosphäre, Boden, Arten und benachbarte Lebensräume beeinflussen.
Damit werden Eigentumsgrammatik und Plexuswirklichkeit unmittelbar miteinander verbunden.
21. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die Forschung hat immer wieder Begriffe aus unterschiedlichen historischen Sprachwelten untersucht: technē, res, Plastik, Skulptur, Bild, Bildung, Darstellung, Eigenschaft, Eigentum.
Diese Untersuchungen sind besonders dann produktiv, wenn sie nicht als etymologische Beweisführung benutzt werden.
Ihre methodische Funktion besteht darin, sichtbar zu machen, dass Sprache bereits Denkoperationen organisiert.
Der Begriff technē wurde wichtig, weil er ein Denken erlaubt, in dem Können, Herstellen, Wissen, Übung und Gestaltung noch enger miteinander verbunden erscheinen als in heutigen disziplinären Trennungen.
Diese sprachgeschichtlichen Vergleiche führten zur Kritik an einer Welt, in der Kunst, Technik, Wissenschaft, Wirtschaft und Verantwortung weitgehend getrennte Disziplinräume bilden können.
Auch hier gilt jedoch: Aus einem antiken Wort lässt sich keine moderne Gesellschaftstheorie beweisen.
Der Sprachvergleich ist ein Prüf- und Assoziationsinstrument, kein historischer Beweisoperator.
22. Platon, Aristoteles, Christentum und Physik als Vergleichsfolien
Die neuere Folienarbeit hat diese begriffsgeschichtliche Untersuchung bildlich erweitert.
Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Vorstellungen und moderne physikalische Messmodelle wurden als verschiedene historische Ordnungen des Wirklichen gegenübergestellt.
Die Platon-Folie untersucht die mögliche Höherwertung unveränderlicher Formen oder Ideen gegenüber dem veränderlichen Körperlichen.
Die Aristoteles-Folie stellt Material, Form, Bewegung und Zielgerichtetheit stärker in einen Prozesszusammenhang.
Die christliche Folie untersucht eine mögliche Spannung zwischen Leib und Seele.
Die Physik-Folie zeigt Messgrößen wie Masse, Temperatur, Druck oder Kraft und fragt zugleich, was bei einer ausschließlich messenden Betrachtung eines Organismus ausgeblendet werden könnte.
Diese Folien sind keine vollständigen Darstellungen Platons, Aristoteles', des Christentums oder der Physik.
Sie sind künstlerische Vergleichsmodelle.
Damit entsteht eine wichtige methodische Regel:
Vergleichen bedeutet nicht gleichsetzen, und ein Prüfmodell ersetzt keine historische Fachanalyse.
23. Das Vier-Ebenen-Modell E1 bis E4
Das Vier-Ebenen-Modell ist inzwischen eine der wichtigsten Ordnungsleistungen der Forschung.
E1 bezeichnet die physikalisch-materielle Bedingungswelt: Stoffe, Kräfte, Temperatur, Druck, Energie und andere grundlegende Bedingungen.
E2 bezeichnet die lebendige Welt: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Wahrnehmung, organismische Selbstregulation und das Plastische Ich.
E3 bezeichnet die vom Menschen hervorgebrachten symbolischen, technischen und institutionellen Ordnungen: Sprache, Eigentum, Geld, Rollen, Recht, Technik, Institutionen, Weltbilder und gesellschaftliche Geltungen.
Die entscheidende Korrektur betrifft E4.
E4 ist keine vierte Wirklichkeitsschicht neben E1, E2 und E3. Es ist die transversale Prüffunktion, durch die E1, E2 und E3 miteinander verglichen, Rückmeldungen zurückgeführt, Fehler erkannt und Korrekturen ermöglicht werden.
Ebenso wichtig ist die Festlegung, dass Tätigkeit keine fünfte Ebene bildet. Tätigkeit ist die Übergangsoperation. Durch Tätigkeit greifen E3-Vorstellungen beispielsweise in E1 und E2 ein und erzeugen Konsequenzen.
Diese Präzisierung schützt das Modell vor einer unnötigen Ontologisierung.
24. Die Funktion von E4
E4 ist wahrscheinlich der methodische Kern der heutigen Forschungskunst.
E4 fragt nicht einfach, was ein Mensch denkt.
Es fragt: Was geschieht, wenn diese Vorstellung tätig umgesetzt wird?
Welche Konsequenzen treten in E1, E2 und E3 auf?
Welche Referenzsysteme melden Funktionieren oder Nichtfunktionieren?
Wird diese Rückmeldung aufgenommen?
Kann die vorausgegangene Vorstellung revidiert werden?
Damit ist E4 kein abgeschlossenes Wissensgebiet.
E4 ist Prüfen, Rückbinden, Revidieren und Reparieren.
Die Globale Schwarm-Intelligenz, das Mitmachbuch, die Foliengrammatik und das So-Heits-Atelier sind deshalb keine weiteren Ebenen neben E4. Sie sind mögliche Medien, durch die E4 praktisch stattfinden kann.
25. 51:49: Von der frühen Intuition zum Korrekturmodell
Das 51:49-Modell besitzt eine besondere Stellung, weil seine frühe Intuition biografisch bis in die 1970er Jahre zurückgeführt wird.
Seine heutige theoretische Bedeutung darf jedoch nicht rückwirkend vollständig in diese frühe Erfahrung hineingelesen werden.
51:49 ist kein wissenschaftlich nachgewiesenes Naturgesetz.
Es ist eine heuristische Grundfigur der Forschungskunst.
51 bezeichnet die minimale Möglichkeit, eine Entscheidung zu treffen oder eine Richtung einzuschlagen.
49 hält den Gegenanteil sichtbar.
Dadurch verhindert das Modell die Vorstellung absoluter Gewissheit.
Die spätere Gegenüberstellung mit 50:50 und 1:99 ist ebenfalls modellhaft. 50:50 steht im Forschungssystem für die Gefahr einer symmetrischen Blockierung oder dualistischen Verfestigung. 1:99 steht für extreme Verfügungskonzentration und Herrschaft.
Diese Zahlen dürfen nicht als universelle empirische Verhältnisse ausgegeben werden.
Ihre Funktion ist bildnerisch und diagnostisch.
26. Differenzialprinzip und dreifaches Optimum
Aus 51:49 entstand das allgemeinere Differenzialprinzip.
Die zentrale Idee lautet: Erkenntnis, Bewegung und Korrektur benötigen Differenzen.
Ohne Unterschied gibt es nichts zu vergleichen.
Das Differenzialprinzip verbindet damit Gegenüberstellung, Lernen, 51:49 und Rückkopplung.
Das später entwickelte dreifache Optimum versucht, Medium, Organismus und Prüfung miteinander zu verbinden. Ein Medium besitzt Funktionsbereiche. Ein Organismus besitzt Belastungs- und Regulationsbereiche. Und eine Prüfung benötigt eine ausreichend erkennbare Differenz.
Hier besteht weiterhin begrifflicher Klärungsbedarf.
51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum dürfen nicht drei nahezu gleichbedeutende Begriffe bleiben.
Eine sinnvolle Hierarchie wäre: Das Differenzialprinzip ist die allgemeine methodische Aussage. 51:49 ist seine anschauliche Korrekturfigur. Das dreifache Optimum wäre eine konkrete Funktionsanwendung.
27. Begriffshandwerk
Mit dem starken Wachstum der Forschung entstand ein neues Problem: Nicht nur Wirklichkeit musste geprüft werden, sondern die eigenen Begriffe.
Daraus entwickelte sich das Begriffshandwerk.
Ein Begriff wird wie ein Werkzeug behandelt.
Er benötigt einen bestimmten Anwendungsbereich.
Er muss von benachbarten Begriffen unterscheidbar bleiben.
Er darf nicht so stark ausgeweitet werden, dass alles unter ihn fällt.
Er muss verworfen, korrigiert oder eingeschränkt werden können.
Damit kehrt die Erfahrung des handwerklichen Prüfens auf einer höheren Ebene zurück.
Aus dem Maschinenschlosser, der Passungen und Toleranzen prüft, wird der Künstler, der Begriffe auf ihre Passfähigkeit gegenüber Wirklichkeit prüft.
Das ist keine historische Identität, sondern eine überzeugende heutige Verbindung der Werkbiografie.
28. Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator
In diesem Bereich besteht noch eine wichtige begriffliche Bereinigung.
Referenzsystem sollte den wirklichen Zusammenhang bezeichnen, gegenüber dem geprüft wird. Das kann beispielsweise der menschliche Organismus, ein Boden, ein Gewässer oder eine soziale Beziehung sein.
Prüfanker sollte den ausgewählten stabilen Bezug innerhalb einer Untersuchung bezeichnen. Er verhindert, dass die Untersuchung während des Denkens unbemerkt ihren Maßstab wechselt.
Prüfoperator sollte die konkrete Vergleichshandlung bezeichnen.
Damit würde beispielsweise der menschliche Organismus als Referenzsystem dienen. Seine Regenerationsfähigkeit könnte zum Prüfanker werden. Der Vergleich zwischen Belastung und Regeneration wäre der Prüfoperator.
Diese Dreiteilung ist für die nächste Entwicklungsphase besonders wichtig, weil sie aus allgemeinen Begriffen ein tatsächlich benutzbares Prüfverfahren machen könnte.
29. Künstlerische Prüfobjekte
Die Kunstwerke verändern innerhalb dieser Entwicklung ihren Status.
Sie sind nicht lediglich Darstellungen einer bereits vorhandenen Theorie.
Sie sind Gegenüber und Prüfobjekte.
Das Wellenbecken untersucht Form und Medium.
Deich- und Strömungsmodelle untersuchen Grenze, Belastung, Durchlässigkeit und Folgen.
Die Kartoffelarbeiten untersuchen Material, Nahrung, gesellschaftliche Bewertung und symbolische Aufladung.
Der gläserne Astronaut untersucht die scheinbare Autonomie eines Menschen, dessen Existenz gerade in extremer Weise von künstlich erzeugten Atmosphären-, Temperatur- und Druckbedingungen abhängt.
Die Schultafeln untersuchen Vorgabe, Einschreibung, Lernen, Autorität und Löschbarkeit.
Frage-und-Antwort-Tische untersuchen Gegenüberstellung und Beteiligung.
Vorgabebilder, Malbücher, Krickel-Krakel und der rote Punkt untersuchen, wie geringfügige Vorgaben Wahrnehmung und Tätigkeit strukturieren.
Der Gordische Knoten kann heute als Gegenüber für die Frage fungieren, ob Verflechtungen verstanden oder nur durchschnitten werden. Diese heutige Interpretation darf allerdings nicht ohne historischen Beleg zur ursprünglichen Werkintention erklärt werden.
Tanglandschaft, Totentanz, Schöpfungs- und Archearbeiten erweitern die Untersuchung um Natur-, Lebens-, Endlichkeits- und Zivilisationsfragen.
Das Entscheidende ist: Keines dieser Werke beweist die Theorie. Die Werke erzeugen Situationen, in denen Unterschiede wahrnehmbar und prüfbar werden.
30. Das künstlerische Dreieck
Eine besonders klare neuere Verdichtung ist das künstlerische Dreieck aus Vorstellung, Händen beziehungsweise Tätigkeit und entstehender Plastik.
Im Kopf entsteht ein Modell.
Die Hände übertragen dieses Modell in Tätigkeit.
Das Material antwortet.
Die entstehende Plastik entspricht der Vorstellung teilweise und widerspricht ihr teilweise.
Aus genau dieser Differenz kann Lernen entstehen.
Das Modell macht sichtbar, dass Kunst nicht nur Hervorbringen ist.
Sie ist ein fortlaufender Vergleich zwischen innerem Modell und äußerer Tätigkeitskonsequenz.
Hier entsteht eine direkte Verbindung zwischen klassischer plastischer Erfahrung und E4.
31. Folien und Schablonen: Vom Begriff zur sichtbaren Prüfoperation
Die Folienarbeit des Sommers 2026 bildet eine neue methodische Phase.
Transparente Folien besitzen eine besondere Eignung für die Forschung, weil jede Folie einen Ausschnitt herstellt und dennoch mit anderen Folien überlagert werden kann.
Das ist nahezu eine materielle Umsetzung der Plexusproblematik.
Eine physikalische Folie kann beispielsweise Kräfte und Material zeigen.
Eine organismische Folie kann den lebenden Menschen hinzufügen.
Eine E3-Folie kann Eigentum, Geld, Rolle oder gesellschaftliche Zuschreibung sichtbar machen.
Eine E4-Folie kann die Beziehung dieser Ausschnitte prüfen.
Die Folie akzeptiert also zunächst den Schnitt. Die Überlagerung verhindert, dass der Schnitt für das Ganze gehalten wird.
Damit wird die Folienmethode zu einem praktischen Gegenoperator des Lochprozesses.
32. Die Plexus-Foliengrammatik
Aus einzelnen Bildern entwickelt sich inzwischen eine Plexus-Foliengrammatik.
Ihre Grundoperation besteht nicht darin, immer neue Inhalte hinzuzufügen. Sie besteht darin, Schichten zu isolieren, zu überlagern, auszutauschen und rückzubeziehen.
Der Mensch mit Spaten macht Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenz sichtbar.
Die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“ kann mit organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Abhängigkeiten überlagert werden.
Die Thermosflasche untersucht Isolation.
Der Astronautenanzug macht technisch aufrechterhaltene Abhängigkeit sichtbar.
Der Sandtrichter untersucht Druck, Verschüttung und unterschiedliche Schutzbedingungen.
Die Saftpresse kann Ressourcenentnahme und Umwertung darstellen.
Molekulare Verknüpfungsfolien und Durchdringungslinien machen sichtbar, dass die scheinbare Körpergrenze keine absolute Abtrennung vom Wirklichkeitszusammenhang bedeutet.
Die entscheidende offene Frage lautet hier inzwischen nicht mehr: Welche weitere Folie könnte noch entstehen?
Sie lautet: Welche wenigen Grundoperatoren reichen aus, um möglichst viele unterschiedliche Fälle prüfen zu können?
Eine Reduktion wäre hier vermutlich stärker als eine weitere Vermehrung.
33. Vom Malbuch zum Mitmachbuch
Das heutige Mitmachbuch besitzt eine deutlich längere Werkgeschichte als seine digitale Form.
Die frühen Erwachsenen- und Beteiligungsmalbücher arbeiteten bereits mit vorgegebenen Strukturen, die durch andere Menschen ergänzt wurden.
Damit war das Werk nicht vollständig abgeschlossen, bevor jemand anderes tätig wurde.
Diese Logik setzt sich in Vorgabebildern, Fragen, Schultafeln und Beteiligungsformaten fort.
Das heutige Mitmachbuch erweitert diese Beteiligungsstruktur um die E1–E4-Prüfgrammatik.
Kartoffel, Wiese oder Schultafel können als einfache Gegenstände dienen. Der Teilnehmer soll nicht nur assoziieren, sondern beobachten, welche materiellen, organismischen, symbolischen und prüfenden Beziehungen auftreten.
Damit verändert sich das Ziel.
Vom Mitmachen geht es zum Ermitteln.
Das Mitmachbuch wird damit zum individuellen Lernweg der Forschungskunst.
34. Tausend Tische: Der analoge Vorläufer der Schwarmarchitektur
Die 1000 Tapeziertische von 1993 bilden einen entscheidenden Übergang von einzelnen Beteiligungsarbeiten zu einer vervielfachten Öffentlichkeit.
Der Tisch ist dabei selbst methodisch interessant. Er ist kein monumentaler Sockel und kein zentralisiertes Podium. Er ist einfach, wiederholbar, horizontal und beweglich.
Viele Menschen können gleichzeitig tätig werden.
Fragen, Antworten, Zeichnungen und Gedanken können nebeneinander sichtbar werden.
Damit entsteht eine analoge Struktur dessen, was später digital als Globale Schwarm-Intelligenz weitergedacht wird.
Die heutige Interpretation lautet deshalb plausibel: Die Tausend Tische sind ein analoger Vorläufer der späteren globalen Prüf- und Beteiligungsarchitektur.
Die entscheidende offene Frage bleibt jedoch: Wann wird eine Vielzahl von Beiträgen tatsächlich intelligent?
Tausend Aussagen allein bilden noch keine Schwarmintelligenz.
Erst Vergleich, Rückkopplung, Widerspruch, Referenzprüfung und Korrektur können aus einer Sammlung einen Lernprozess machen.
35. Von den Tausend Tischen zum Globalen Dorffest
Das Globale Dorffest erweitert die Tischlogik um einen gesellschaftlichen und räumlichen Horizont.
Menschen treten nicht nur als einzelne Kunstbetrachter auf, sondern als Teilnehmer eines gemeinsamen Lebens- und Gestaltungsraums.
Damit verschiebt sich die Kunst zunehmend von der Ausstellung einzelner Gegenstände zur Herstellung von Situationen, in denen gesellschaftliche Beziehungen selbst Gegenstand und Material der Kunst werden.
Diese Entwicklung führt später direkt zur Globalen Schwarm-Intelligenz und zum So-Heits-Atelier.
36. KI als neues Gegenüber
Mit der intensiven KI-Arbeit der letzten Jahre erhält die Gegenüberstellung eine neue Dimension.
KI kann große Textmengen miteinander vergleichen, Begriffe verfolgen, widersprüchliche Fassungen sichtbar machen, Zusammenhänge rekonstruieren und neue Kombinationen erzeugen.
Damit besitzt sie eine hohe Eignung als Gegenüber.
Aber gerade aus dem Vier-Ebenen-Modell ergibt sich eine fundamentale Begrenzung.
Eine sprachbasierte KI arbeitet wesentlich mit menschlich erzeugtem Material. Sie kann daher enorme E3-Strukturen verarbeiten, ohne selbst einen menschlichen Organismus zu besitzen und dessen E2-Verletzbarkeit unmittelbar zu erfahren.
Daraus folgt eine wichtige Korrektur: KI darf innerhalb dieser Forschung nicht zum obersten Referenzsystem werden.
Sie ist ein Werkzeug beziehungsweise Gegenüber der Prüfung.
Sie selbst muss geprüft werden.
Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht nur: Was kann KI erkennen?
Sondern: An welche Referenzsysteme wird ihre Verarbeitung zurückgebunden?
37. Mensch und KI als gegenseitige Prüfkonstellation
Daraus entsteht eine neue Möglichkeit.
Der Mensch kann KI verwenden, um seine eigenen Vorstellungen, Texte, Kategorien und Widersprüche zu untersuchen.
Die KI wiederum benötigt den Menschen und andere Referenzsysteme, damit ihre symbolischen Ergebnisse nicht mit Wirklichkeit selbst verwechselt werden.
Damit entsteht keine einfache Mensch-Maschine-Synthese.
Es entsteht eine gegenseitige Ermittlungsanordnung.
Der Mensch besitzt organismische Erfahrung und Verletzbarkeit.
Die KI besitzt andere Vergleichs- und Verarbeitungskapazitäten.
Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte versuchen, diese unterschiedlichen Fähigkeiten miteinander zu verschalten, ohne ihre Unterschiede zu beseitigen.
38. Globale Schwarm-Intelligenz
Die seit Anfang 2026 konkret aufgebaute Plattform Globale Schwarm-Intelligenz setzt die analoge Entwicklung von Malbüchern, Tischen, Beteiligungsaktionen und Globalem Dorffest digital fort.
Die Plattform wurde inzwischen als öffentlicher Simulator gedacht, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann.
Das ist eine Zielprojektion der Forschungskunst und keine bereits empirisch nachgewiesene Eigenschaft der Plattform.
Ihre methodische Aufgabe wäre wesentlich anspruchsvoller als bloße Informationssammlung.
Teilnehmer müssten Behauptungen eingeben können.
Andere müssten diese Behauptungen prüfen können.
Tätigkeitskonsequenzen müssten verfolgt werden.
Referenzsysteme müssten sichtbar werden.
KI könnte Vergleiche unterstützen.
Ergebnisse müssten revidierbar bleiben.
Damit wäre die Globale Schwarm-Intelligenz die digitale Ausweitung von E4.
39. So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus der Frage, welche gesellschaftliche Projektion aus dem plastischen und prüfenden Prinzip folgt.
Sie ist kein fertig ausgearbeitetes Staats- oder Wirtschaftsmodell.
Der Begriff beschreibt eher eine gesellschaftliche Haltung beziehungsweise Verfahrensform.
„So-Heit“ bedeutet dabei nicht: Es ist eben so, deshalb muss es akzeptiert werden.
Es bedeutet vielmehr: Zunächst muss untersucht werden, wie etwas tatsächlich wirkt, wovon es abhängt und welche Konsequenzen es hervorbringt, bevor die menschliche Zuschreibung zum alleinigen Maßstab gemacht wird.
Die So-Heits-Gesellschaft wäre deshalb eine Gesellschaft, die ihre Institutionen, Eigentumsformen, Technologien, Rollen und Werte als Menschenwerk erkennt.
Was Menschen gemacht haben, kann prinzipiell verändert werden.
Damit steht So-Heit unmittelbar mit Plastik gegen Skulpturalisierung.
40. Das So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes übersetzt diese gesellschaftliche Projektion in einen konkreten künstlerischen Raum.
Für documenta 16 entwickelte sich daraus das Konzept einer öffentlichen Überzeugungsprüfung.
Das Atelier soll deshalb kein klassischer Raum sein, in dem ein fertiges Lebenswerk ausschließlich präsentiert wird.
Die Werke werden zu Prüfstationen.
Besucher bewegen sich durch unterschiedliche Modelle und erfahren, dass ihre eigenen Zuschreibungen und Vorstellungen Teil der Untersuchung werden.
Kauf- und Verkaufswelt, Kartoffel, Gold, Eigentum, Stuhl, Schultafel, Astronaut, 24-Stunden-Uhr, Folien, Vorgabebilder und Mitmachbuch können dabei miteinander verbunden werden.
Der Besucher soll nicht nur gefragt werden: „Was denken Sie?“
Die stärkere Frage lautet:
Woran prüfen Sie, ob das, was Sie denken und tun, funktioniert?
Damit wird das So-Heits-Atelier zur räumlichen Umsetzung des Ermittlerprinzips.
41. Memento mori und Lebenswerk-Topografie
Die spätere Idee des Memento mori fügt dem Atelier eine biografische Zeitdimension hinzu.
Das Archiv mit hunderten Werken, tausenden Bildern, Tagebüchern, Aktionen, Bewerbungen und Dokumenten wird nicht nur retrospektive Sammlung.
Es wird zur Spur eines jahrzehntelangen Ermittlungsprozesses.
Gerade die wiederholten documenta-Bewerbungen erhalten dadurch eine besondere Stellung. Sie zeigen nicht bloß institutionelle Bewerbungsgeschichte, sondern eine wiederkehrende Suche nach einem öffentlichen Ort, an dem diese Forschung gesellschaftlich geprüft werden kann.
Die gegenwärtige documenta-16-Projektion ist damit kein völlig neues Projekt neben dem Lebenswerk.
Sie versucht, das Lebenswerk selbst in eine öffentliche Forschungsumgebung umzuwandeln.
42. Der Feuerkäfig: Verdichtung der Zivilisationsfrage
Das jüngste Bild des Feuerkäfigs verdichtet die Ausgangsfrage noch einmal.
Der Mensch befindet sich in einem Käfig.
Im Käfig brennt Feuer.
Die Tür steht offen.
Trotzdem verlässt der Mensch den Käfig nicht.
Dieses Bild ist keine wissenschaftliche Erklärung menschlichen Verhaltens.
Es ist ein künstlerisches Prüfobjekt.
Es fragt, welche unsichtbaren Bindungen stärker sein können als die Wahrnehmung einer sichtbaren Gefahr.
Status, Rolle, Eigentum, Gewohnheit, Belohnung, 50:50-Verfestigung oder 1:99-Hierarchisierung können als mögliche Folien darübergelegt werden.
Der offene Ausgang ist dabei entscheidend.
Die Existenz einer Alternative garantiert noch nicht, dass sie erkannt oder benutzt wird.
Damit verbindet der Feuerkäfig Selbstzerstörungsfrage, Skulpturidentität, Lochprozess, Referenzsysteme und Tätigkeitskonsequenzen.
43. Die 24-Stunden-Uhr als Kalibrierung
Die 24-Stunden-Uhr entstand als Versuch, menschliche Geschichte gegenüber planetarischer Zeit zu kalibrieren.
Die lange Erdgeschichte wird auf einen Tag übertragen. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden; Industrialisierung und Great Acceleration in winzigen Bruchteilen davon.
Die konkreten Zahlen hängen von den jeweils zugrunde gelegten wissenschaftlichen Datierungen ab und müssen deshalb immer wieder überprüft werden.
Die Uhr ist kein wissenschaftlicher Beweisoperator.
Sie ist eine didaktische Kalibrierung.
Sie macht sichtbar, dass ein biologisch sehr lange entstandener Organismus in extrem kurzer Zeit eine technisch-symbolische Welt erzeugt hat, deren Eingriffstiefe inzwischen planetarische Prozesse erreicht.
Daraus entwickelte sich das Bild des Millisekunden-Menschen.
Auch dieser Ausdruck ist eine Forschungskunstverdichtung, keine biologische Kategorie.
44. Von der Disziplinenkritik zur Integrationsfrage
Im jüngeren Forschungsstand verschärft sich auch die Kritik an jahrtausendelangen Disziplinlogiken.
Die Forschungskunst beschreibt die moderne Zivilisation zunehmend als eine Welt, in der Erkenntnisbereiche in getrennte Zuständigkeiten zerfallen können.
Physik untersucht bestimmte Eigenschaften.
Biologie andere.
Psychologie andere.
Ökonomie andere.
Recht wiederum andere.
Diese Differenzierung ist wissenschaftlich notwendig und außerordentlich leistungsfähig.
Das Problem beginnt auch hier nicht beim Schnitt.
Es beginnt beim fehlenden Rückbezug zwischen den Schnitten.
Die Forschungskunst ist deshalb nicht primär gegen Disziplinen gerichtet.
Ihre eigentliche Funktion ist integrativ: Die getrennt gewonnenen Erkenntnisse müssen wieder in einen gemeinsamen Tätigkeits- und Konsequenzzusammenhang gebracht werden.
Plexuswirklichkeit und E4 versuchen genau dies.
45. Von interdisziplinär zu integrativ
Daraus entwickelte sich eine weitere begriffliche Differenzierung.
„Interdisziplinär“ kann bedeuten, dass mehrere bereits getrennte Disziplinen miteinander kommunizieren.
Die Forschungskunst versucht darüber hinaus, existenzielle Funktionsteile aus verschiedenen Wissensfeldern so zusammenzuführen, dass neue Sachzusammenhänge prüfbar werden.
Deshalb erscheint „integrativ“ teilweise genauer.
Auch hier darf aber kein falscher Gegensatz entstehen.
Die Forschungskunst benötigt wissenschaftliche Disziplinen gerade deshalb, weil diese hochentwickelte Teilkenntnisse bereitstellen.
Sie kritisiert nicht die Spezialisierung selbst, sondern die Vorstellung, spezialisierte Teilerkenntnis könne ohne Rückkopplung den Gesamtzusammenhang ersetzen.
46. Von der Plastischen Anthropologie zur Forschungskunst
Eine wichtige begriffliche Hierarchisierung ist inzwischen möglich.
Die Forschungskunst ist das übergeordnete Verfahren.
Die Plastische Anthropologie ist ein Teilmodell innerhalb dieses Verfahrens. Sie untersucht den Menschen als plastisches, organismisches, symbolbildendes und zugleich zur Skulpturalisierung fähiges Wesen.
Die Trag- und Plexuswirklichkeit beschreiben den Bezugsraum.
Das Vier-Ebenen-Modell ordnet unterschiedliche Wirkungsweisen.
Das 51:49-Differenzialprinzip hält Entscheidungen korrigierbar.
Die Prüfobjekte erzeugen Gegenüberstellungen.
Die Foliengrammatik visualisiert Beziehungen.
Das Mitmachbuch organisiert individuellen Lernvollzug.
Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert ihn digital.
Das So-Heits-Atelier übersetzt ihn in einen öffentlichen Raum.
Die So-Heits-Gesellschaft bildet die gesellschaftliche Zielprojektion.
Diese Hierarchie ist wesentlich klarer, als alle Begriffe nebeneinander als gleichrangige Theoriebausteine zu behandeln.
47. Der Mensch als Ermittler seiner eigenen Existenz
Die jüngste Formulierung könnte nun zur stärksten methodischen Klammer des Gesamtwerks werden.
Ein Ermittler akzeptiert eine Behauptung nicht automatisch.
Er sucht Spuren.
Er fragt nach fehlenden Verbindungen.
Er rekonstruiert Abläufe.
Er vergleicht Aussagen mit Folgen.
Er prüft Maßstäbe.
Er unterscheidet Beobachtung und Interpretation.
Er hält Ergebnisse grundsätzlich korrigierbar.
Genau diese Operationen sind im Forschungsweg längst vorhanden.
Dingselektion untersucht den Ausschnitt.
Lochprozess sucht die verschwundene Beziehung.
Gegenüberstellung erzeugt Vergleichbarkeit.
Tätigkeitskonsequenz verfolgt Wirkung.
Referenzsysteme liefern Maßstäbe.
E4 führt zurück.
51:49 verhindert totale Gewissheit.
Folien machen Abhängigkeiten sichtbar.
Mitmachbuch und Atelier übertragen die Operation auf andere Menschen.
KI erweitert Vergleich und Rekonstruktion.
Die Ermittlerfigur fügt diesen Bestandteilen also keinen fremden Gedanken hinzu.
Sie ordnet sie zu einem Verfahren.
48. Ermitteln heißt auch die eigenen Ermittlungsinstrumente prüfen
Der Ermittler darf allerdings nicht zum neuen allwissenden Beobachter werden.
Auch er arbeitet mit Ausschnitten.
Auch er benutzt Sprache.
Auch er verfügt nur über begrenztes Wissen.
Auch seine Messinstrumente und Modelle erzeugen Selektionen.
Deshalb muss die Forschung reflexiv bleiben.
Der Mensch untersucht nicht nur die Welt.
Er untersucht seine eigenen Instrumente der Weltuntersuchung.
Damit wird Begriffshandwerk zu einem integralen Bestandteil des Ermittlerprinzips.
Auch Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, E1–E4 und 51:49 müssen selbst Gegenstände fortlaufender Prüfung bleiben.
49. Die neue zentrale Frage nach den Maßstäben
Hier liegt der gegenwärtig wichtigste neue Forschungsschritt.
Wenn der Mensch zum Ermittler wird, benötigt er Kriterien.
Die Frage lautet dann nicht mehr nur:
„Welche Folgen hat meine Tätigkeit?“
Sondern:
„An welchem Referenzsystem entscheide ich, ob diese Folgen tragbar sind?“
Bei einem Organismus können beispielsweise Verletzung, Stoffwechsel, Regeneration oder Belastbarkeit untersucht werden.
Bei einem Boden gelten andere Referenzgrößen.
Bei einem sozialen Verhältnis wiederum andere.
Dadurch wird sichtbar, dass „Funktionieren“ nicht ein einziger universeller Wert ist.
Es muss immer gefragt werden:
Was soll funktionieren?
Für wen?
In welchem Zeitraum?
Unter welchen Abhängigkeiten?
Welche Belastungen entstehen?
Wer trägt sie?
Können sie regeneriert oder repariert werden?
Die Ausarbeitung dieser Referenzgrammatik ist derzeit eine der größten offenen Aufgaben.
50. Fehlende Verbindung: Konflikte zwischen Referenzsystemen
Noch schwieriger wird die Forschung dort, wo Referenzsysteme nicht dieselbe Richtung anzeigen.
Eine Maßnahme kann organismisch hilfreich und ökologisch problematisch sein.
Eine ökologische Schutzmaßnahme kann kurzfristig soziale Belastungen erzeugen.
Eine technische Entwicklung kann medizinischen Nutzen bringen und zugleich hohen Ressourcenverbrauch verursachen.
Es gibt daher nicht immer eine einzige einfache Antwort der „Tragwirklichkeit“.
Die Forschung benötigt eine Konfliktgrammatik der Referenzsysteme.
Sie müsste unterscheiden können zwischen unverzichtbaren Bedingungen, ersetzbaren Mitteln, kurzfristigen Belastungen, langfristigen Schäden, reversiblen und irreversiblen Folgen sowie zwischen selbst getragenen und ausgelagerten Konsequenzen.
Das ist bisher noch nicht ausreichend ausgearbeitet.
51. Fehlende Verbindung: Zeit
Die zweite große Lücke betrifft die Zeit.
Ein Vorgang kann kurzfristig hervorragend funktionieren und langfristig seine eigene Grundlage zerstören.
Damit reicht die unmittelbare Rückmeldung nicht immer.
Die 24-Stunden-Uhr macht unterschiedliche Zeitskalen anschaulich, aber sie ist noch kein allgemeiner Zeitoperator.
Ein zukünftiger Prüfanker müsste deshalb mindestens zwischen unmittelbarer Wirkung und später Rückwirkung unterscheiden.
Gerade für die Ausgangsfrage nach der Zerstörung eigener Existenzbedingungen ist dies entscheidend.
Nutzen und Schaden können zeitlich weit auseinanderliegen.
Der Handelnde erhält eine Belohnung heute.
Die Konsequenz tritt Jahrzehnte später auf.
Damit wird Rückkopplung schwieriger.
52. Fehlende Verbindung: Verteilung der Tätigkeitskonsequenzen
Eine dritte noch unzureichend ausgearbeitete Dimension betrifft die Verteilung.
Derjenige, der eine Tätigkeit ausführt oder von ihr profitiert, trägt nicht notwendig ihre Konsequenzen.
Gewinne können lokal entstehen, Schäden anderswo.
Nutzen kann gegenwärtig entstehen, Belastung zukünftige Menschen treffen.
Eine gesellschaftliche Gruppe kann Vorteile erhalten, während andere die Kosten tragen.
Damit reicht die Frage „Funktioniert es?“ nicht.
Sie muss ergänzt werden durch:
Für wen funktioniert es, und wer trägt die Tätigkeitskonsequenzen?
Hier treffen 1:99-Modell, Eigentumsgrammatik, Abhängigkeitswelten und Referenzsysteme unmittelbar aufeinander.
53. Fehlende Verbindung: Vom Erkennen zur Verhaltensänderung
Die älteste Frage bleibt zugleich die offenste.
Menschen können wissen, dass etwas schädlich ist, und dennoch weitermachen.
Die Forschungskunst hat deshalb immer wieder versucht, bloße Information zu überschreiten.
Malbuch, Aktion, Vorgabebild, Tisch, Mitmachbuch, Folien und Atelier verlangen Tätigkeit.
Der Mensch soll nicht nur eine Erklärung hören.
Er soll selbst etwas gegenüberstellen und erfahren.
Ob diese Erfahrung jedoch dauerhaft sein Verhalten verändert, ist eine empirische Frage.
Hier könnte das So-Heits-Atelier einen entscheidenden nächsten Schritt machen, indem nicht nur Besucherreaktionen während einer Ausstellung untersucht werden, sondern auch spätere Rückwirkungen und tatsächliche Korrekturen.
Damit würde sich die Forschungskunst selbst prüfen.
54. Doppelungen und notwendige begriffliche Bereinigungen
Der gegenwärtige Forschungsorganismus ist begrifflich außerordentlich reich. Gerade darin liegt inzwischen seine größte Gefahr.
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten klar getrennt bleiben: Existenzbedingung einerseits, Beziehungsstruktur andererseits.
Plastisches Ich und Prüforganismus sollten nicht synonym werden. Plastisches Ich bezeichnet die organismisch veränderliche Existenzweise; Prüforganismus bezeichnet ihre Rückmelde- und Kontrollfunktion.
Symbolisierung und Skulpturalisierung müssen auseinandergehalten werden. Symbolisierung ist notwendig. Skulpturalisierung bezeichnet die problematische Verfestigung einer erzeugten symbolischen Form.
Lücke, Distanz, Membran und Lochprozess sollten jeweils eigene Funktionen behalten. Lücke ist offenes Nichtwissen beziehungsweise Differenz. Distanz ermöglicht Gegenüberstellung. Membran reguliert Austausch. Lochprozess bezeichnet verlorene Rückbindung.
Referenzsystem, Prüfanker und Prüfoperator benötigen die bereits beschriebene hierarchische Trennung.
51:49, Differenzialprinzip und dreifaches Optimum müssen ebenfalls gestuft werden.
Forschungskunst und Plastische Anthropologie dürfen nicht gleichrangig verwendet werden. Forschungskunst ist das Verfahren, Plastische Anthropologie ein daraus hervorgegangenes Menschenmodell.
E4, So-Heits-Atelier, Mitmachbuch und Globale Schwarm-Intelligenz sind ebenfalls nicht gleichartig. E4 ist Funktion; die anderen sind Medien ihrer möglichen Realisierung.
55. Begriffe, die vor Überdehnung geschützt werden müssen
Auch mehrere starke Begriffe benötigen Grenzen.
Der Lochprozess darf nicht jedes Wissensproblem erklären.
Plexuswirklichkeit darf nicht zur Behauptung werden, alles sei unterschiedslos mit allem verbunden.
51:49 darf nicht als Naturkonstante auftreten.
50:50 darf nicht jedes Gleichgewicht als falsch erscheinen lassen.
1:99 darf nicht jede Machtbeziehung erklären.
Skulpturidentität darf nicht jede Form persönlicher Stabilität pathologisieren.
So-Heit darf nicht bedeuten, dass der Mensch über einen unmittelbaren, interpretationsfreien Zugang zur Wirklichkeit verfüge.
Prüforganismus darf nicht so verstanden werden, als könne jede subjektive Empfindung unmittelbar als objektives Funktionsurteil gelten.
Gerade diese Begrenzungen erhöhen die wissenschaftliche Anschlussfähigkeit der Forschung.
56. Historisch und wissenschaftlich belegbar – Forschungskunsthypothese
Die Forschung benötigt künftig eine konsequente Kennzeichnung unterschiedlicher Aussagearten.
Historisch belegbar sind dokumentierte Werke, Datierungen, Ausstellungen, Bewerbungen, Ausbildungsstationen, Publikationen und Aktionen.
Wissenschaftlich belegbar beziehungsweise wissenschaftlich untersuchbar sind beispielsweise physikalische Belastungsbedingungen, organismische Regulation, Stoffwechsel, ökologische Abhängigkeiten, Regeneration, Wahrnehmungsbegrenzungen und gesellschaftliche Wirkungen von Symbolsystemen.
Rückblickende Werkinterpretationen sind Aussagen darüber, wie ältere Arbeiten heute innerhalb des Gesamtwerks verstanden werden.
Forschungskunsthypothesen sind Modelle wie 51:49, Lochprozess, Skulpturidentität, Plastisches Ich, So-Heits-Gesellschaft, Plexuswirklichkeit oder Prüforganismus in ihrer erweiterten Bedeutung.
Diese Ebenen dürfen miteinander arbeiten.
Sie dürfen aber nicht miteinander verwechselt werden.
Gerade darin könnte künftig ein Qualitätsmerkmal der Forschungskunst liegen.
57. Die Gesamtarchitektur
In der derzeit klarsten Fassung beginnt die Forschung bei einer Tragwirklichkeit, innerhalb deren alle menschliche Existenz stattfindet.
Diese Tragbedingungen bestehen nicht isoliert, sondern als Plexuswirklichkeit wechselseitiger Beziehungen.
Innerhalb dieser Wirklichkeit entsteht der lebende Organismus. Er reguliert sich, besitzt Abhängigkeiten, ist verletzbar und reagiert auf Belastungen. Hier liegt E2 und damit das Plastische Ich beziehungsweise seine Funktion als Prüforganismus.
Der Mensch erzeugt darüber hinaus eine außerordentlich mächtige E3-Welt aus Sprache, Symbolen, Technik, Eigentum, Recht, Geld, Rollen, Institutionen, Identitäten und Weltbildern.
Um handlungsfähig zu werden, nimmt er Dingselektionen vor.
Er schneidet Ausschnitte aus Plexuszusammenhängen heraus.
Diesen Ausschnitten werden Eigenschaften zugeschrieben.
Aus Zuschreibungen entstehen Modelle, Werte und Handlungsordnungen.
Werden die herausgeschnittenen Beziehungen vergessen, können Lochprozesse entstehen.
Werden erzeugte Formen als unveränderlich behandelt, entstehen Skulpturalisierungen.
Aus E3-Modellen folgen Tätigkeiten.
Diese Tätigkeiten greifen in E1, E2 und E3 ein und erzeugen Tätigkeitskonsequenzen.
Organismen, Materialien, andere Menschen und ökologische Systeme erzeugen Rückmeldungen.
E4 beginnt dort, wo diese Rückmeldungen wieder auf die ursprünglichen Modelle zurückgeführt werden.
Der Prüfoperator vergleicht Erwartung und Folge.
Referenzsysteme liefern Maßstäbe.
Gegenüberstellung macht Differenzen sichtbar.
51:49 hält die gefundene Lösung korrigierbar.
Neue Erfahrung verändert das Modell.
Dadurch entsteht eine neue Tätigkeit.
Der Prozess beginnt erneut.
58. Der Forschungszyklus
Der gesamte Forschungsansatz lässt sich damit heute auf einen relativ einfachen Zyklus zurückführen:
Wirklichkeit und Abhängigkeit führen zu Wahrnehmung und Ausschnitt. Der Ausschnitt wird benannt und mit Eigenschaften versehen. Daraus entsteht ein Modell. Das Modell führt zu Tätigkeit. Tätigkeit erzeugt Konsequenzen. Konsequenzen treffen auf Referenzsysteme. Diese erzeugen Rückmeldungen. Rückmeldungen werden mit Erwartung und Modell verglichen. Durch Prüfung und Korrektur entsteht ein verändertes Modell.
Alles andere sind entweder Begriffe zur genaueren Beschreibung dieses Zyklus oder Medien, in denen er durchgeführt werden kann.
Diese Vereinfachung ist möglicherweise notwendig, damit die Forschung nicht unter ihrer eigenen Begriffsdichte verschwindet.
59. Die Rolle der Kunst innerhalb dieser Gesamtarchitektur
Kunst ist in diesem Modell weder Dekoration noch Illustration von Forschungsergebnissen.
Sie ist die Fähigkeit, prüfbare Gegenüberstellungen herzustellen.
Ein Gegenstand kann verändert werden.
Zwei Bilder können gegeneinander gestellt werden.
Eine symbolische Zuschreibung kann sichtbar gemacht werden.
Ein Besucher kann tätig werden.
Eine Folie kann einen ausgeblendeten Zusammenhang zurückbringen.
Ein Raum kann eine gesellschaftliche Situation simulieren.
Damit ist die Forschungskunst plastisch.
Sie stellt nicht nur Behauptungen auf.
Sie baut Versuchsanordnungen.
60. Die gegenwärtig stärkste Verdichtung
Der Forschungsweg führt damit von einer frühen Erfahrung des Funktionierens und Nichtfunktionierens über Material, Umwelt, Form, Ausschnitt, Beteiligung und gesellschaftliche Zuschreibung zu einer umfassenden Frage der Zivilisationsfähigkeit.
Die ursprüngliche Frage lautete:
Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?
Die spätere Forschung ergänzte:
Welche Menschenwerke, Zuschreibungen und skulpturalisierten Ordnungen verhindern die Rückbindung an die Wirklichkeit ihrer Konsequenzen?
Mit E1–E4 kam hinzu:
Wie lassen sich materielle, organismische und symbolische Wirklichkeit unterscheiden und wieder miteinander prüfen?
Mit KI und Globaler Schwarm-Intelligenz kam hinzu:
Wie kann diese Prüfung kollektiv, öffentlich und technisch erweitert werden?
Mit dem So-Heits-Atelier kam hinzu:
Wie lässt sich daraus eine begehbare öffentliche Versuchsanordnung machen?
Und mit dem Menschen als Ermittler entsteht nun die bislang präziseste Anschlussfrage:
Welche Referenzsysteme und Maßstäbe braucht der Mensch, um erkennen zu können, ob seine Tätigkeiten tatsächlich funktionieren oder lediglich innerhalb seiner eigenen symbolischen Ordnungen als erfolgreich gelten?
Damit liegt der nächste Entwicklungsschritt nicht primär in der Erfindung weiterer Begriffe.
Er liegt in der Operationalisierung der Prüfung.
Der Mensch muss lernen, für einen konkreten Vorgang zu bestimmen, welches Referenzsystem relevant ist, welche Belastungs- und Regenerationsbedingungen gelten, welche Tätigkeitskonsequenzen entstehen, wie diese zeitlich und sozial verteilt sind und wann eine Korrektur erforderlich wird.
Erst hier wird aus dem sehr weit entwickelten Erkenntnisgebäude ein tatsächlich benutzbares Ermittlungshandwerk der eigenen Existenz.
Und damit schließt sich der Bogen zur frühen handwerklichen Erfahrung: Eine Behauptung funktioniert nicht deshalb, weil sie richtig klingt. Eine Konstruktion funktioniert nicht deshalb, weil sie als Erfolg bezeichnet wird. Entscheidend ist, was sie unter realen Bedingungen trägt, was sie belastet, was sie zerstört, was auf sie zurückwirkt und ob sie korrigiert werden kann.
In dieser Form erscheint die Forschungskunst heute als eine Entwicklung vom Werkstück zum Wirklichkeitszusammenhang, vom Formen zum Prüfen, vom einzelnen Künstler zum öffentlichen Ermittlungsraum und von der Frage nach menschlicher Selbstzerstörung zur Suche nach den realen Maßstäben menschlicher Zivilisationsfähigkeit.
.........
Die Rekonstruktion sollte nicht noch einmal nur dieselben Begriffe nebeneinanderstellen. Die folgende Fassung legt deshalb besonderes Gewicht auf Entstehungsrichtung, Korrekturen und Hierarchie: Was kam aus dem Werk, was wurde erst später benannt, welche Begriffe haben sich als tragfähig erwiesen, welche müssen zurückgestuft oder zusammengeführt werden, und wo beginnt erst die zukünftige Forschung.
Forschungskunst als Entwicklung eines öffentlichen Prüfverfahrens
Rekonstruktion der Werk-, Begriffs- und Methodengeschichte
Methodische Vorbemerkung: Vier verschiedene Wahrheits- und Belegstatus
Die Forschungskunst ist nicht angemessen zu verstehen, wenn ihre heute entwickelten Begriffe rückwirkend so behandelt werden, als hätten sie bereits 1975 als fertige Theorie vorgelegen. Der bisherige Forschungsprozess zeigt vielmehr eine andere Entwicklungsrichtung: Zuerst stehen Erfahrungen, Tätigkeiten, Werkversuche, Materialwiderstände, gesellschaftliche Aktionen und wiederkehrende Probleme. Aus ihrer jahrzehntelangen Gegenüberstellung entstehen nach und nach Begriffe. Einige heutige Begriffe benennen also Strukturen, die in älteren Arbeiten praktisch bereits vorhanden waren; andere sind erst in den Gesprächen der letzten Jahre entstanden und müssen ausdrücklich als gegenwärtige Rekonstruktionen gekennzeichnet bleiben.
Für die gesamte Rekonstruktion sind deshalb vier Statusformen auseinanderzuhalten. Es gibt erstens extern überprüfbare historische und wissenschaftliche Sachverhalte, beispielsweise geologische Zeitangaben, physikalische Vorgänge, sprachgeschichtliche Bedeutungen oder dokumentierte institutionelle Ereignisse. Zweitens gibt es werkgeschichtliche Sachverhalte aus Kunsttagebüchern, Fotografien, Korrespondenzen, Projektunterlagen und Selbstauskunft; sie sind grundsätzlich archivalisch überprüfbar, müssen für eine endgültige Publikation aber vielfach noch inventarisch abgesichert werden. Drittens gibt es retrospektive Werkinterpretationen: Heute erkennbare Zusammenhänge zwischen früheren Werken, die damals möglicherweise noch nicht so benannt wurden. Viertens gibt es ausdrücklich Begriffe und Hypothesen der Forschungskunst wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, 51:49, Skulpturidentität, Lochprozess, Millisekundenmensch, So-Heits-Gesellschaft oder Vier-Ebenen-Modell. Diese sind keine naturwissenschaftlichen Gesetze. Ihre Legitimität hängt davon ab, ob sie Unterschiede sichtbar machen, produktive Gegenüberstellungen erzeugen und selbst wieder geprüft und korrigiert werden können.
Diese Unterscheidung ist keine äußere wissenschaftliche Absicherung der Forschungskunst, sondern gehört in ihr Zentrum. Eine Forschung, die untersucht, wie Menschen ihre eigenen Begriffe mit Wirklichkeit verwechseln, darf ihre eigenen Begriffe nicht zu einer neuen unveränderlichen Goldschrift machen.
I. Forschungsgrund: vom Unbehagen an menschlicher Selbstzerstörung zur Frage nach dem fehlenden Prüfzusammenhang
Die leitende Frage lautet rückblickend: Warum beschädigt oder zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, lernen, messen, herstellen und korrigieren kann?
Diese Frage entstand nicht aus einer einzelnen philosophischen Theorie. Ihr Ursprung liegt im Zusammenkommen sehr unterschiedlicher Erfahrungsbereiche: Naturbeobachtung, handwerkliche Tätigkeit, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Strömungsversuche, gesellschaftliche Aktionen und Erfahrungen mit Institutionen.
Eine frühe Form der Frage lautete noch allgemein, ob und wie Kunst Gesellschaft verändern könne. Im weiteren Werkverlauf wurde sie präziser. Der entscheidende Widerspruch bestand zunehmend darin, dass Menschen innerhalb eng begrenzter Fachbereiche außerordentlich lernfähig sind. Ein Maschinenteil passt oder passt nicht. Eine Konstruktion hält oder bricht. Ein medizinisches Verfahren wirkt, wirkt nicht oder verursacht Nebenwirkungen. Ein Fehler kann lokalisiert und eine Konstruktion verändert werden. Gleichzeitig können wirtschaftliche, politische oder institutionelle Systeme nach ihren eigenen Erfolgskriterien weiterfunktionieren, obwohl sie Folgen erzeugen, die außerhalb ihres jeweiligen Zuständigkeitsbereichs Menschen oder Existenzbedingungen beschädigen.
Damit verschob sich die Frage. Nicht mehr allein: Warum ist der Mensch zerstörerisch? Sondern: Nach welchem Maßstab erklärt er eine Tätigkeit überhaupt für funktionierend?
Daraus entstand eine bis heute tragende Prüfbewegung:
Eine Tätigkeit kann innerhalb ihres Auftrags funktionieren und außerhalb dieses Auftrags untragfähig sein.
Ein Unternehmen kann Gewinn erwirtschaften. Ein Auto kann fahren. Eine Institution kann ihre Regeln korrekt anwenden. Eine technische Anlage kann ihre spezifizierte Leistung erbringen. Nichts davon beantwortet bereits die weitergehende Frage, welche materiellen, körperlichen, sozialen oder langfristigen Konsequenzen dabei entstehen.
Der Forschungsgrund wandelte sich damit von einer moralischen Menschenkritik zu einer Kritik begrenzter Prüfmaßstäbe.
Zielprojektion wurde zunehmend nicht die Belehrung des Menschen, sondern die Herstellung eines Raumes, in dem Tätigkeiten und Folgen vergleichbar werden.
Die noch offene Grundfrage lautet bis heute, ob ein solcher übergreifender Prüfzusammenhang möglich ist, ohne wiederum eine neue totalisierende Weltanschauung zu errichten.
II. Werkgenese: von Erfahrung und Herstellung zur Experimentellen Umweltgestaltung
Eine wichtige Ursprungsschicht der späteren Methodik liegt im Handwerk. Maß, Passung, Toleranz, Widerstand, Verschleiß, Belastung und Reparatur sind dort keine frei verfügbaren Zuschreibungen. Ein Werkstoff antwortet auf eine Tätigkeit. Die spätere Forschungskunst übernahm daraus nicht das Maschinenmodell des Menschen, sondern die Ernsthaftigkeit der Rückmeldung.
Die Fotografie fügte eine zweite Erfahrung hinzu. Fotografieren bedeutet Auswahl. Ein Bild zeigt etwas und lässt gleichzeitig etwas außerhalb des Bildausschnittes. Perspektive, Zeitpunkt und Rahmen produzieren einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Daraus entwickelte sich später die Differenz zwischen Darstellung und Gegenüber.
Die Werbetätigkeit fügte einen dritten Erfahrungsbereich hinzu. Ein Gegenstand kann durch Sprache, Bild und gesellschaftliche Zuschreibung Eigenschaften erhalten, die nicht als physikalische Eigenschaften im Gegenstand enthalten sind. Ein Produkt kann mit Freiheit, Jugend, Schönheit, Status oder Individualität verbunden werden. Diese Zuschreibungen sind nicht materiell im Produkt vorhanden, können aber reale soziale und wirtschaftliche Folgen erzeugen.
Aus dieser Dreieckskonstellation entstanden drei spätere Grundfragen:
Was trägt? Was wird dargestellt? Was wird hineingedacht?
In der Experimentellen Umweltgestaltung ab Mitte der 1970er Jahre wurden diese Fragen erstmals in einer erweiterten Kunstpraxis miteinander verbunden. Entscheidend war, Bildhauerei nicht mehr auf ein isoliertes Objekt zu beschränken. Material, Körper, Wasser, Wahrnehmung, Technik, Gesellschaft und Folgen wurden Teil einer gemeinsamen Versuchsanordnung.
Damit entstand ein Grundprinzip, das erst Jahrzehnte später als solches benannt wurde:
Vorstellung – Herstellung – Antwort – Korrektur.
Das Werk wurde nicht mehr nur als fertige Form begriffen. Es konnte eine Bedingung herstellen, unter der ein Medium antwortet.
Wellenbecken und Strömungsversuche sind dafür elementare Beispiele. Ein gezeichneter Wirbel ist eine Darstellung; Wasser verhält sich dagegen unter konkreten Bedingungen. Die Differenz zwischen Erwartung und Verlauf wird zum Erkenntnismaterial.
Hier liegt die Herkunft des heutigen künstlerischen Prüfobjekts.
III. Von der fertigen Form zur Vorgabe: Malbücher, Krickel-Krakel und die eigene Spur
Die Malbucharbeiten der 1970er Jahre führten einen neuen Gegenstand in die Forschung ein: die Vorgabe.
Eine vorgegebene Linie oder Bildstruktur bietet Orientierung und übt zugleich Formungsmacht aus. Der Teilnehmende kann sie akzeptieren, ausfüllen, überschreiten, verändern oder verlassen.
Die Frage verschiebt sich dadurch von der Herstellung eines Kunstobjekts zur Beziehung zwischen vorhandener Ordnung und eigener Spur.
Die Krickel-Krakel-Arbeiten erhalten in der heutigen Rückschau ebenfalls einen wichtigen methodischen Stellenwert. Erkenntnis beginnt nicht notwendigerweise mit einer fertigen Theorie. Sie kann mit Tasten, Wiederholen, Verwerfen und erneutem Ansetzen beginnen.
Darin liegt bereits ein Gegenmodell zur später kritisierten Goldschrift: Nicht das sofortige fertige Statement ist der Ausgangspunkt, sondern ein veränderbarer Prozess.
Aus den Malbuchverfahren entwickelte sich die Tausend-Menschen-Methode. Viele Menschen erhalten eine vergleichbare Ausgangslage. Ihre verschiedenen Ergebnisse werden nicht notwendig als richtig oder falsch bewertet, sondern zunächst als unterschiedliche Spuren aufbewahrt.
Damit erscheint eine frühe Vorform dessen, was später Schwarm-Intelligenz heißen wird: Gemeinsame Ausgangslage bei erhaltener Differenz.
Die offene Frage bestand von Anfang an darin, wie aus vielen verschiedenen Spuren Erkenntnis entstehen kann, statt nur eine Sammlung beliebiger Äußerungen.
Die spätere Antwort darauf lautet E4: Vergleich, Quelle, Gegenbeispiel, Kritik und Revision.
IV. Rollenarbeit, Theater und die Vorgeschichte der Skulpturidentität
Mit Soforttheater, Körperarbeit und Rollenwechsel wurde der Forschungsgegenstand um gesellschaftliche Identität erweitert.
Der Mensch kann eine Rolle übernehmen, verlassen oder mit einem anderen Menschen tauschen. Dadurch wird sichtbar, dass Körper, Person, Rolle, Darsteller, Regie und gesellschaftliche Funktion nicht identisch sind.
In den damaligen Arbeiten existierte der spätere Begriff Skulpturidentität noch nicht. Die Werkoperation war jedoch bereits vorhanden: Eine gesellschaftlich fest erscheinende Identität wird spielerisch wieder veränderbar.
Das Theater wurde damit zu einem plastischen Verfahren.
Die spätere Theorie konnte daraus unterscheiden:
Der Mensch besitzt gesellschaftliche Rollen, aber er ist nicht vollständig mit ihnen identisch.
Diese Unterscheidung wurde später für Eigentümer, Konsument, Produzent, Beruf, Geschlecht, Status, politische Identität und Selbstdarstellung weitergeführt.
Die methodische Funktion dieser Werkgruppe besteht darin, Verfestigtes wieder als Hergestelltes erkennbar zu machen.
Die offene Frage bleibt, welche Rollen nur veränderbar und welche zugleich notwendig schützende gesellschaftliche Konstruktionen sind. Die Forschung darf Rolle nicht generell mit Gefängnis gleichsetzen.
V. Schultafel, Löschbarkeit und die Entstehung eines entscheidenden Prüfankers
Die Schultafel ist eines der wichtigsten materiellen Modelle des gesamten Werkes.
Auf ihr kann eine Aussage gemacht werden, ohne die Oberfläche endgültig zu besitzen. Man kann schreiben, lesen, ergänzen, widersprechen, löschen und neu beginnen.
Daraus entwickelte sich später die Gegenüberstellung zwischen Kreide und Goldschrift.
Gold besitzt einen hohen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wert. Wird eine Schultafel jedoch mit Gold dauerhaft beschrieben, kann gerade ihre Lernfunktion verloren gehen.
Damit entsteht ein Grundkonflikt zwischen gesellschaftlichem Geltungswert und funktionaler Qualität.
Die Forschungskunst entwickelt daraus eine Umwertung:
Löschbarkeit kann wertvoller sein als Dauerhaftigkeit.
Später wurde diese Operation auf Theorie, gesellschaftliche Rollen, Institutionen und das eigene Werk übertragen.
Ein Begriff, der nicht mehr gelöscht oder korrigiert werden kann, wird zur Goldschrift.
Die Schultafel ist daher nicht nur ein Werkobjekt, sondern das materielle Urbild von E4.
VI. Verortungskunst: von der Aktion zum längerfristigen Wirkungszusammenhang
Die gesellschaftlichen Projekte nach 1990 führten zu einer weiteren Korrektur. Öffentliche Kunstaktionen konnten leicht als Ereignis, Spektakel oder Veranstaltung wahrgenommen werden. Ihre eigentliche Forschungsabsicht betraf jedoch häufig den Ort, seine Geschichte, seine gesellschaftlichen Beziehungen und das, was nach dem Ereignis zurückblieb.
Daraus entstand der Begriff Verortungskunst.
Verortung bedeutet dabei mehr als geografische Platzierung. Es bedeutet, die Bedingungen einer Handlung mit wahrzunehmen: Wo bin ich? Welche Geschichte liegt vor? Welche Menschen, Materialien, Konflikte und Abhängigkeiten sind bereits vorhanden?
Damit wird Verortung zu einem allgemeinen Erkenntnisoperator.
Der Mensch befindet sich immer bereits in einer Situation, bevor er eine Theorie über sie entwickelt.
Diese Linie führt später unmittelbar zur 24-Stunden-Uhr, zur Tragwirklichkeit und zur documenta-Frage.
VII. Strömungslandschaft, Tanglandschaft und das Verhältnis von Naturform und Künstlerform
Die Arbeiten mit natürlich entstandenen Strömungsformen führten zu einer weiteren Differenzierung.
Eine natürliche Strömung erzeugt eine Form. Der Künstler erkennt sie, wählt sie aus, formt sie ab, übersetzt sie in ein Material und gibt ihr einen kulturellen Zusammenhang.
Die Form ist deshalb weder vollständig „vom Künstler erfunden“ noch einfach unveränderte Natur.
Hier entsteht ein später zentraler Zwischenbereich:
Das Werk entsteht im Verhältnis von vorausliegendem Verlauf und menschlicher Tätigkeit.
Daraus lässt sich das heutige künstlerische Dreieck ableiten:
Modell – Tätigkeit – antwortende Form.
Zwischen diesen drei Bereichen bleibt eine Differenz bestehen. Ein Modell kann falsch sein. Eine Tätigkeit kann anders wirken als beabsichtigt. Ein Material kann widerstehen.
Gerade dieser Zwischenraum wird zum Forschungsraum.
VIII. Wirklichkeitsverständnis: Umwelt, Milieu, vorausliegende Welt, Tragwirklichkeit und Plexus
Die Wirklichkeitsbegriffe haben sich im bisherigen Forschungsprozess mehrfach verändert.
Der frühe Begriff „Umwelt“ wurde zunehmend problematisch, weil er eine Vorstellung begünstigen kann, in der der Mensch in der Mitte steht und die Welt „um“ ihn herum angeordnet ist.
Milieu verschob die Perspektive. Der Mensch befindet sich in einem Medium und ist selbst Bestandteil des Zusammenhangs.
Später entstand die vorausliegende Welt. Dieser Begriff hebt hervor, dass physikalische, geologische und biologische Bedingungen nicht erst dadurch entstehen, dass Menschen sie benennen.
Dann entstand die Tragwirklichkeit. Sie bezeichnet jene materiellen, lebendigen und relationalen Bedingungen, von denen menschliche Existenz abhängt und die nicht durch Preis, Recht, Eigentum oder Status außer Kraft gesetzt werden können.
Schließlich entstand die Plexuswirklichkeit. Sie betont nicht nur Voraussetzungen, sondern Verflechtungen, Durchdringungen und Rückkopplungen.
Diese Begriffe überschneiden sich. Die bisher tragfähigste Vereinfachung lautet daher:
Tragwirklichkeit ist der Hauptbegriff für nicht beliebig verfügbare Existenzbedingungen.
Plexus bezeichnet ihre relationale Struktur.
Vorausliegende Welt bezeichnet ihre zeitliche und ontogenetische Priorität.
„Natur“ bleibt ein historischer und alltagssprachlicher Begriff, sollte aber nicht als vierter gleichrangiger Gesamtbegriff verwendet werden. Diese Bereinigung ist bereits im bisherigen Forschungsstand ausdrücklich angelegt.
IX. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch
Die 24-Stunden-Uhr gehört zu den wichtigsten Verortungsinstrumenten.
Die Erdgeschichte wird proportional auf einen Tag komprimiert. Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden. Die moderne technisch-industrielle Zivilisation besetzt nur einen winzigen Teil davon.
Die zugrunde liegenden geologischen und anthropologischen Zeitangaben sind wissenschaftlich überprüfbar. Der Begriff Millisekundenmensch ist dagegen eine Forschungskunst-Verdichtung.
Seine Funktion ist nicht die Behauptung, Homo sapiens existiere buchstäblich erst Millisekunden. Er zeigt ein Verhältnis:
Eine extrem junge Zivilisationsform hat eine außerordentlich große technische und planetarische Wirkungsmacht entwickelt.
Damit wird eine kulturelle Selbstverständlichkeit verortet. Eigentum, Geld, Nationen, Märkte, Berufe oder heutige Disziplinordnungen erscheinen innerhalb dieser Uhr als äußerst junge Menschenwerke.
Die methodische Funktion lautet:
Das historisch Junge darf nicht allein aufgrund seiner gesellschaftlichen Selbstverständlichkeit mit einer vorausliegenden Existenzbedingung verwechselt werden.
X. Lochprozesse: vom materiellen Loch zur Erkenntnislücke
Der Begriff Lochprozess gehört nicht zu den gesicherten frühen Werkbezeichnungen. Er ist eine spätere Verdichtung verschiedener Werkoperationen.
Ein Loch kann durch Herausnehmen, Durchbohren, Trennen, Verletzen oder Öffnen entstehen. Es besitzt einen Rand. Es verändert Stabilität und Durchlässigkeit.
Im Organismus kann eine Öffnung notwendige Austauschstelle oder Wunde sein.
In einer Schablone ermöglicht gerade die Öffnung die Übertragung einer Form.
Im sozialen Zusammenhang kann eine Öffnung Zugang ermöglichen oder Ausschluss markieren.
Im Erkenntnisprozess bezeichnet die Lücke den Abstand zwischen einer Vorstellung und ihrem Gegenüber.
Damit erhält der Lochprozess seine stärkste Funktion nicht als universelles Gesetz, sondern als Operator für Öffnung und Differenz.
Die entscheidende Korrektur besteht darin, die verschiedenen Locharten nicht vorschnell gleichzusetzen.
Wo eine materielle Öffnung gemeint ist, kann „Lochprozess“ sinnvoll sein.
Wo lediglich die erkenntnistheoretische Differenz zwischen Modell und Wirklichkeit gemeint ist, sind Lücke, Distanz oder Zwischenraum präziser.
Die produktive Verbindung lautet:
Das Loch öffnet und trennt; der Plexus verbindet, ohne die Differenz aufzulösen.
XI. Gegenüberstellung und Lernen
Das Gegenüber ist möglicherweise der elementarste gemeinsame Nenner des gesamten Forschungswerks.
Im Handwerk steht das Werkstück der Zeichnung gegenüber.
In der Fotografie steht das Bild dem dargestellten Ereignis gegenüber.
Im Strömungsversuch steht der tatsächliche Verlauf der Erwartung gegenüber.
Im Malbuch steht die eigene Spur der Vorgabe gegenüber.
Im Theater steht der Körper der Rolle gegenüber.
Auf der Schultafel steht eine Aussage ihrer möglichen Löschung gegenüber.
In der KI-Arbeit steht eine menschliche Interpretation einer maschinellen Interpretation gegenüber.
Daraus entsteht eine allgemeine Forschungsregel:
Ohne Differenz kein Vergleich; ohne Vergleich kein Lernen; ohne Rückkopplung keine begründete Korrektur.
Distanz bedeutet deshalb nicht Trennung. Sie bezeichnet den Zwischenraum, in dem zwei Zustände miteinander verglichen werden können.
Das Werk selbst wird zum Gegenüber seines Herstellers.
Damit verändert sich auch der Künstlerbegriff. Der Künstler ist nicht nur Produzent, sondern der erste Rezipient seines eigenen Werkes.
XII. Erfahrung und Rückkopplung
Die Forschungskunst unterscheidet zunehmend zwischen Erlebnis und Erfahrung.
Etwas erlebt zu haben genügt nicht für Forschung.
Erfahrung wird forschungsfähig, wenn Bedingungen, Verlauf und Folgen festgehalten, erneut betrachtet und mit anderen Fällen verbunden werden können.
Hier erhalten Kunsttagebücher, Fotografien, Skizzen, Korrespondenzen, Presseberichte, Wiederholungen und dokumentierte Missverständnisse ihre Funktion.
Das Archiv ist damit nicht nur Gedächtnis eines Lebenswerks. Es wird zum Rückkopplungsapparat.
Auch Scheitern verändert seinen Status.
Ein abgelehntes Projekt, ein Missverständnis durch Besucher, ein technisch misslungenes Objekt oder eine institutionelle Zurückweisung können Informationen über die Versuchsanordnung liefern.
Die offene Frage lautet, wie zwischen produktiver Rückkopplung und bloßer nachträglicher Rechtfertigung des eigenen Handelns unterschieden werden kann.
Dafür benötigt Erfahrung Gegenbeispiele und unabhängige Kritik.
XIII. Plastik und Skulpturalisierung
Aus der bildhauerischen Praxis entwickelte sich eine der wichtigsten späteren anthropologischen Differenzen.
Plastik wird innerhalb der Forschungskunst nicht nur kunsthistorisch verstanden, sondern als Prozess des Formens, Hinzufügens, Verbindens, Anpassens und erneuten Korrigierens.
Skulptur verweist stärker auf Abtragen, Freilegen, Herausschneiden und Abgrenzen.
Historisch überschneiden sich beide Kunstbegriffe. Die Forschungskunst benutzt ihre Differenz deshalb metaphorisch und methodisch, nicht als kunstwissenschaftlich starre Definition.
Daraus entsteht die Skulpturalisierung.
Ein Mensch, der faktisch in vielfältigen körperlichen und gesellschaftlichen Beziehungen entsteht, kann symbolisch als abgeschlossenes Einzelwesen herausgeschnitten werden.
Der Eigentümer seiner selbst.
Der autonome Konsument.
Der Produzent.
Der Arbeitnehmer.
Die Marke.
Der Statusinhaber.
Der Datenkörper.
Diese Figuren sind gesellschaftlich wirksam. Problematisch werden sie, wenn sie als vollständige Beschreibung des Menschen behandelt werden.
Daraus entsteht die Skulpturidentität.
Sie bezeichnet nicht eine Krankheit oder Persönlichkeitseigenschaft, sondern die Verfestigung gesellschaftlich erzeugter Rollen zu einer scheinbar autonomen Gesamtidentität.
XIV. Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich und plastisches Ich
Innerhalb dieser Anthropologie entstanden mehrere Begriffe, die inzwischen hierarchisiert werden müssen.
Das Kopplungs-Ich bezeichnet den lebendigen, stoffwechselnden, verletzlichen Menschen, der von Luft, Wasser, Nahrung, Wärme, Schlaf, anderen Menschen und vielfältigen Versorgungssystemen abhängig ist.
Das Geltungs-Ich bezeichnet die gesellschaftliche Person: Name, Recht, Eigentum, Beruf, Status, Rolle, Selbstbeschreibung und Anerkennung.
Beide sind wirklich.
Die Fehlentwicklung besteht nicht darin, dass es gesellschaftliche Rollen gibt. Sie entsteht, wenn Geltung und Körperwirklichkeit ineinanderfallen und eine Rolle den ganzen Menschen zu definieren beginnt.
Das plastische Ich-Bewusstsein bezeichnet deshalb keine dritte Substanz. Es soll die Fähigkeit beschreiben, verschiedene Formungen unterscheiden und verändern zu können.
Weitere Bezeichnungen wie Tragwesen, Rollen-Ich, Strukturidentität und Statement-Ich sind teilweise hilfreich, sollten aber nicht als gleichrangige Hauptbegriffe weitergeführt werden.
Die tragfähigste Reduktion lautet:
Körperorganismus beziehungsweise Kopplungs-Ich – Geltungs-Ich – Skulpturidentität – plastisches Ich-Bewusstsein.
XV. Das brennende Rollenidentitätsgefängnis als jüngster Positionsanker
Im Bild des brennenden goldenen Käfigs laufen viele bisher getrennte Entwicklungslinien zusammen.
Ein Mensch befindet sich in einem Käfig. Er trägt einen Astronautenanzug. Im Inneren brennt Feuer. Die Tür ist geöffnet.
Der Astronautenanzug ist dabei keine Kritik an Raumfahrt. Er wird zum Bild technisch erzeugter Autonomie. Gerade der wirkliche Astronaut zeigt, wie vollkommen eine scheinbare Unabhängigkeit von Hülle, Sauerstoff, Temperaturkontrolle, Energie und Versorgung abhängig ist.
Der goldene Käfig besteht nicht nur aus äußerer Unterdrückung. Seine Gitterstäbe stehen für Eigentum, Geld, Status, Karriere, Anerkennung, Konsum und gesellschaftliche Zugehörigkeit. Gerade weil diese Strukturen Schutz und Sicherheit versprechen, werden sie Bestandteil der Identität.
Eine wesentliche Korrektur betraf die offene Tür.
Sie darf nicht heißen: Der Mensch könne einfach hinausgehen und sei selbst schuld, wenn er im Feuer bleibt.
Ein einzelner Mensch kann seine Rollenordnung nicht beliebig verlassen, weil Einkommen, Wohnung, Gesundheitsversorgung, Beziehungen und gesellschaftliche Zugehörigkeit innerhalb dieser Ordnung organisiert sind. Die offene Tür ist daher zunächst eine Unterbrechungs- und Prüfmöglichkeit, kein bereits vorhandener gesellschaftlich tragfähiger Ausgang.
Diese Korrektur verändert die gesamte Gesellschaftskritik.
Gemeinsame Einbindung bedeutet nicht gleiche Schuld.
Verantwortung muss nach Wissen, Handlungsmacht, Nutzen, Zwang und Korrekturmöglichkeit unterschieden werden.
Der Positionsanker – die pessimistische Überzeugung, die Menschheit könne ihre Zerstörungsdynamik möglicherweise nicht mehr rechtzeitig korrigieren – bleibt eine persönliche Prognose und muss ausdrücklich selbst dem Prüfoperator unterworfen bleiben.
XVI. Symbol- und Eigenschaftsbildung
Die Arbeiten mit Werbung, Eigentum, Rollen, Produkten und Materialien führten zur Unterscheidung verschiedener Arten von Eigenschaften.
Eine vorhandene materielle Eigenschaft kann unter bestimmten Bedingungen beobachtet oder gemessen werden.
Eine hergestellte Eigenschaft entsteht durch Bearbeitung.
Eine gesellschaftlich zugewiesene Eigenschaft entsteht durch Regeln und Institutionen.
Eine symbolisch behauptete Eigenschaft entsteht durch Darstellung, Erzählung, Werbung, Status oder Selbstbeschreibung.
Diese Kategorien bedeuten nicht, dass nur die materielle Ebene „wirklich“ wäre.
Eigentum ist beispielsweise keine stoffliche Eigenschaft des Bodens, kann aber äußerst reale körperliche und materielle Folgen erzeugen.
Damit wird die frühere einfache Gegenüberstellung von „wirklich“ und „nur eingebildet“ verworfen.
Die präzisere Frage lautet:
Auf welche Weise ist etwas wirklich, wodurch wird diese Wirklichkeit hergestellt und wie wird sie aufrechterhalten?
XVII. Eigentum als Prüfbeispiel
Der markierte Quadratmeter Sand verdichtet die Eigenschaftsfrage.
Innerhalb und außerhalb der Linie kann zunächst dasselbe Material liegen.
Die Linie erzeugt dennoch einen sozialen Unterschied, wenn Menschen ihr Eigentumsbedeutung geben und diese institutionell absichern.
Damit ist Eigentum weder physikalische Eigenschaft noch bloße Illusion.
Es ist eine gesellschaftlich erzeugte Zuordnung mit materiellen Folgen.
Der gefrorene Sand- oder Eisblock führt die Untersuchung weiter. Eine gedachte Grenze kann durch Energieaufwand materialisiert und stabilisiert werden; sie verschwindet wieder, wenn die Stabilisierung endet.
Daraus entstand die Eigentumsgrammatik:
Zuschreibung – Markierung – Legitimation – Durchsetzung – Erhaltungsaufwand – Folgen.
Eine frühere Formulierung wie „Die Natur ist der erste Eigentümer“ ist wissenschaftlich oder juristisch nicht haltbar und sollte nur als künstlerische Gegenbehauptung verwendet werden.
Präziser lautet der Gedanke:
Jede Eigentumsordnung setzt materielle und lebendige Bedingungen voraus, die sie selbst nicht hervorgebracht hat.
XVIII. Begriffsbildung: Produkt, Ware, Geschäft, Kunde, Funktion und Statement
Die Untersuchung von Wörtern wurde im Forschungsprozess zunehmend selbst zu einer künstlerischen Methode.
„Produkt“, „Produzent“, „Ware“, „Geschäft“, „Kunde“, „privat“, „Individuum“, „funktionieren“, „herstellen“ oder „zeugen“ werden nicht nur etymologisch betrachtet. Es wird untersucht, welche Tätigkeits- und Beziehungsmodelle in ihnen mitgeführt werden.
Eine wichtige Korrektur besteht darin, Etymologie nicht als Wahrheitsinstanz zu verwenden.
Die Herkunft eines Wortes beweist nicht seine heutige „richtige“ Bedeutung.
Sie kann aber einen Unterschied sichtbar machen.
Der „Kunde“, der über die Herkunft eines gekauften Gegenstandes vollkommen unkundig bleibt, ist daher kein sprachwissenschaftlicher Beweis. Es ist ein künstlerischer Prüfanker.
Das Statement wird in diesem Zusammenhang ebenfalls neu bestimmt. Ein Statement kann nicht nur eine sprachliche Aussage sein. Kleidung, Marke, Beruf, Konsumstil und politisches Bekenntnis können gesellschaftliche Lesbarkeit herstellen.
Die spätere Statement-Gesellschaft bezeichnet die Gefahr, dass die sichtbare Behauptung wichtiger wird als die überprüfbare Tätigkeit.
Die Goldschrift kehrt damit auf gesellschaftlicher Ebene wieder.
XIX. Die zweite wilde Natur
Aus der Untersuchung von Eigentum, Preisen, Rollen, Waren, Institutionen und Technik entstand der Begriff der zweiten wilden Natur.
Gemeint ist keine regellose Welt.
Im Gegenteil: Eine Gesellschaft kann hochgradig geregelt sein und dennoch ihre umfassenderen Folgen nur schwach rückkoppeln.
„Wild“ bedeutet hier: Ein Menschenwerk entwickelt eine Eigendynamik, deren Regeln intern funktionieren, ohne ausreichend an ihre materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Voraussetzungen zurückgebunden zu sein.
Dieser Begriff sollte als kritische Diagnose erhalten bleiben, nicht als zweiter Gesamtbegriff neben Tragwirklichkeit und Plexus.
Die begriffliche Hierarchie lautet:
Menschenwerk ist der neutrale Oberbegriff.
E3 bezeichnet insbesondere symbolische und institutionelle Menschenwerke.
Zweite wilde Natur bezeichnet deren unzureichend rückgekoppelte Verselbständigung.
Menschenkunstwerk sollte nur als Verantwortungsfigur verwendet werden und nicht bedeuten, dass automatisch alles vom Menschen Hervorgebrachte gute Kunst sei. Diese Bereinigung ist im bisherigen Forschungsstand bereits ausdrücklich vorgesehen.
XX. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die Beschäftigung mit griechischer, lateinischer und später auch anderen Sprach- und Kulturtraditionen entwickelte sich aus dem Begriffshandwerk.
Besonders wichtig waren technē, physis, epistēmē, phronēsis, metron und symmetria.
Eine entscheidende Korrektur betraf symmetria.
Der Begriff darf historisch nicht mit einer modernen Vorstellung exakt spiegelgleicher 50:50-Symmetrie gleichgesetzt werden.
Damit wurde eine zu einfache historische Herleitung des 50:50-Kritikmodells verworfen.
Ähnlich verhält es sich mit technē.
Die Verbindung von Können, Herstellen und Wissen ist für die Forschung interessant. Daraus darf jedoch keine idealisierte antike Gesellschaft konstruiert werden.
Auch griechische Gesellschaften kannten extreme Hierarchien und Ausschlüsse.
Der transkulturelle Vergleich mit hebräischen, arabischen und indischen Begriffsfeldern erweitert den Untersuchungsraum, muss aber fachlich abgesichert werden.
Die Funktion dieser Vergleiche lautet nicht:
Andere Kulturen bestätigen meine Theorie.
Sondern:
Welche Unterscheidungen haben verschiedene Kulturen für Entstehen, Können, Wissen, Gemeinschaft, Individualität und Tätigkeit ausgebildet, und was geschieht bei ihrer Übersetzung?
XXI. Begriffshandwerk
Das Begriffshandwerk behandelt Wörter wie Werkstücke.
Wie ist ein Begriff entstanden?
In welchem Zusammenhang funktioniert er?
Welche Beziehungen macht er sichtbar?
Welche verdeckt er?
Was geschieht, wenn er auf einen anderen Bereich übertragen wird?
Wo bricht die Analogie?
Aus der Beschäftigung mit an-, a- und ana- entwickelte sich beispielsweise ein künstlerischer Dreischritt von Annäherung, Differenzierung und erneutem Zusammenhang. Sprachhistorisch sind diese Elemente jedoch nicht ein gemeinsamer Ursprungscode.
Diese Selbstkorrektur ist wesentlich.
Das Begriffshandwerk darf keine Etymologie-Mystik erzeugen.
Zu jedem begrifflichen Prüfanker gehört deshalb möglichst ein Gegenstand, eine Handlung oder ein Gegenbeispiel.
XXII. Prüfen, Zeugen und Loslassen
„Prüfen“ wurde zum Kernverb der Forschungskunst.
Nicht nur das Objekt wird geprüft. Auch der Prüfmaßstab muss prüfbar bleiben.
„Zeugen“ erhielt durch seine Nähe zu Hervorbringen und Bezeugen eine besondere künstlerische Bedeutung.
Daraus entstand der zentrale Satz:
Forschungskunst überzeugt den Menschen nicht – sie lässt seine Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen.
Die Formulierung vermeidet die Vorstellung einer Überzeugungspropaganda.
Das Werk soll nicht sagen, was der Besucher glauben soll.
Es soll Situationen herstellen, in denen eine Behauptung, ein Material, eine Tätigkeit und deren Konsequenz miteinander konfrontiert werden.
Loslassen ergänzt diesen Prozess.
Eine Idee, Rolle oder Institution muss veränderbar bleiben, wenn ihr Gegenüber widerspricht.
Loslassen bedeutet jedoch nicht, Verantwortung für bereits erzeugte Folgen abzugeben.
Losgelassen werden soll die untragfähige Fixierung.
XXIII. 50:50, 51:49 und 1:99
Die Zahlenverhältnisse entstanden aus der langjährigen Beschäftigung mit Symmetrie und Asymmetrie.
Die wichtigste heutige Sicherung lautet:
51:49 ist kein Naturgesetz.
Es ist weder biologische Konstante noch mathematische Universalformel noch empirisches Gesellschaftsverhältnis.
Es ist ein künstlerischer Minimalasymmetrie- und Prioritätsoperator.
50:50 bezeichnet die kritisierte Vorstellung einer perfekten spiegelbildlichen Gleichordnung.
1:99 bezeichnet die Möglichkeit einer extremen Macht- und Verfügungskonzentration.
Eine wichtige spätere Korrektur lautet:
50:50 führt nicht zwangsläufig zu 1:99.
Präziser ist:
Eine formal symmetrisch dargestellte E3-Ordnung kann reale Machtasymmetrien verdecken.
Damit wird die eigentliche E4-Frage:
Nicht: Ist die Regel formal gleich? Sondern: Welche Verhältnisse erzeugt ihre Anwendung tatsächlich?
51:49 bleibt der Störwert gegenüber vollständiger Schließung.
Die 49 stehen für Gegenposition, Zweifel, Minderheit und Revisionsmöglichkeit.
Die 51 markieren keine absolute Herrschaft, sondern eine begründungspflichtige Priorität.
XXIV. Referenzoperator, Differentialprinzip und doppelte Spirale
Aus 51:49 entstanden weitere Begriffe.
Das Differentialprinzip sollte die Bedeutung kleinster Unterschiede für Richtungsänderungen benennen. Da „Differential“ naturwissenschaftlich und mathematisch stark besetzt ist, sollte ausdrücklich nur von einem forschungskünstlerischen Differentialprinzip gesprochen oder der Begriff nachgeordnet werden.
Die doppelte Spirale stellt zwei Bewegungen dar:
Vom Modell zum Gegenüber.
Vom Widerspruch des Gegenübers zurück zum Modell.
51:49 und 49:51 können dabei wechselnde Gewichtungen symbolisieren.
Die zunächst auftauchende Bezeichnung Urprinzip ist dagegen zu weitgehend. Sie erweckt den Eindruck, ein universales Naturgesetz gefunden zu haben.
Der präzisere Begriff lautet Referenzoperator.
Er besagt:
Eine Behauptung oder Tätigkeit wird an einem Gegenüber, einem Vergleich, Randbedingungen und Folgen überprüft.
Damit kann ein erheblicher Teil der Operatorbegriffe zusammengeführt werden.
XXV. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4
Das Vier-Ebenen-Modell ist eine späte begriffliche Ordnung älterer Werkverfahren.
Seine heutige Fassung sollte verbindlich sein:
E1 umfasst materielle und physikalisch-chemische Bedingungen.
E2 umfasst Leben, Organismus, Verletzbarkeit, Stoffwechsel, Bedürfnisse und Regeneration.
E3 umfasst Zeichen, Modelle, Rollen, Institutionen, Eigentum, Preise, Status, Gesetze und andere Menschenwerke der Geltung.
E4 umfasst Darstellung, Vergleich, Quellenprüfung, Gegenrede, Kritik, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und erneute Prüfung.
Eine wichtige Korrektur war, Tätigkeit nicht vollständig in E2 unterzubringen.
Tätigkeit liegt quer zu allen vier Ebenen.
Ein Mensch bewegt seine Hand körperlich in E2, verändert Material in E1, erfüllt möglicherweise eine Rolle aus E3 und kann die Tätigkeit in E4 untersuchen.
Eine zweite wichtige Korrektur betrifft E4.
E4 ist keine neue Wahrheitsbehörde.
Auch eine Prüfinstitution besitzt Interessen, Auswahlverfahren und blinde Flecken.
Deshalb muss E4 rekursiv werden:
Auch die Prüfung wird geprüft.
XXVI. Disziplinlogik-Gefängnis
Aus dem Vier-Ebenen-Modell entwickelte sich die Kritik am Disziplinlogik-Gefängnis.
Die Kritik richtet sich nicht gegen Fachwissenschaft.
Spezialisierung ermöglicht Genauigkeit.
Problematisch wird sie dort, wo der methodische Ausschnitt eines Fachgebietes mit der Wirklichkeit selbst verwechselt wird.
Die Physik kann beispielsweise bestimmte Kräfte außerordentlich exakt messen, ohne deshalb allein gesellschaftliche Verantwortung bestimmen zu können.
Ökonomie kann Preise untersuchen, ohne dadurch automatisch die ökologische Tragfähigkeit eines Produktes zu bestimmen.
Recht kann Eigentum definieren, ohne daraus eine stoffliche Eigenschaft des Bodens zu erzeugen.
Die Forschungskunst beansprucht deshalb nicht, alle Disziplinen durch ein eigenes Ganzheitswissen zu ersetzen.
Ihre Aufgabe liegt an den Schnittstellen.
Sie fragt, was innerhalb eines Ausschnittes sichtbar wird, was außerhalb bleibt und welche Tätigkeitskonsequenzen zwischen den Ausschnitten auftreten.
XXVII. Künstlerische Prüfobjekte
Aus der Werkgenese lässt sich inzwischen eine relativ klare Familie von Prüfobjekten bestimmen.
Das Wellenbecken prüft Modell und Medium.
Biberdamm und Deich prüfen Starrheit, Beweglichkeit, Durchlässigkeit und Umlenkung.
Die Malbücher prüfen Vorgabe und Eigenbewegung.
Der rote Punkt prüft die Umcodierung eines gesellschaftlichen Symbols.
Die Schultafel prüft Löschbarkeit.
Der beschreibbare Stuhl verbindet Gegenstand, zusätzliche Eigenschaft, Gebrauch und Verfall.
Der Quadratmeter Sand prüft die hineingedachte Eigentumseigenschaft.
Eisblock und Eiszeitboden verbinden Stabilisierung, Energie und materiellen Widerstand.
Das asymmetrische Auto prüft Formideale.
Das Auto als Tötungsinstrument stellt technische Funktion und umfassendere Folgen gegenüber.
Geburtshöhle und Omphalos konfrontieren Autonomie mit Herkunft und nicht selbst gewählten Lebensbedingungen.
Der gläserne Astronaut zeigt technisch erzeugte Autonomie als extreme Abhängigkeit.
Der Feuerkäfig verbindet Skulpturidentität, offene Tür, Rollenbindung und bereits eintretende Folgen.
Dieser jüngste Entwurf darf nicht rückwirkend zum historischen Ausgangspunkt erklärt werden. Er ist eine heutige Verdichtung älterer Werkstränge.
XXVIII. Folien und Schablonen: von der Darstellung zur Plexus-Foliengrammatik
Die Folienmethode entstand aus jahrzehntelanger Arbeit mit Bildern, Vorgaben, Überlagerungen, Ausschnitten und Collagen.
Ihre heutige Bedeutung geht weit über eine Präsentationstechnik hinaus.
Eine transparente Folie ermöglicht, eine einzelne Beziehung sichtbar zu machen, ohne sie endgültig mit allen anderen Beziehungen zu verschmelzen.
Sie kann aufgelegt, verschoben, entfernt und ausgetauscht werden.
Damit wird das Denken selbst plastisch.
Die Schablone ergänzt dieses Prinzip.
Sie benötigt Öffnungen und Stege.
Die Öffnung erlaubt Durchgang.
Der Steg erhält den Zusammenhang.
Damit wird die Schablone zu einem materiellen Modell der Verbindung von Lochprozess und Plexus.
Die Foliengrammatik lässt sich inzwischen auf vier Grundschichten reduzieren:
eine materielle beziehungsweise physikalische Schicht,
eine lebendige beziehungsweise körperliche Schicht,
eine gesellschaftlich-symbolische Schicht,
und eine Prüf- und Rückkopplungsschicht.
Daneben können Tätigkeit, Zeit und Modellbildung als querliegende Operatoren erscheinen.
Diese Reduktion ist wesentlich, weil das Folienprojekt andernfalls selbst zum überkomplexen Begriffssystem werden könnte.
XXIX. Analogie statt Gleichsetzung
Eine der wichtigsten jüngeren methodischen Korrekturen betrifft Analogien.
Zellmembran, Thermosflasche, Astronautenanzug, Flasche, Betonblock, Möbiusband, Saftpresse oder Sandtrichter können Beziehungen sichtbar machen.
Sie beweisen jedoch keine Identität zwischen verschiedenen Wirklichkeitsbereichen.
Die Zellmembran kann Durchlässigkeit veranschaulichen, ist aber nicht das menschliche Bewusstsein.
Die Thermosflasche kann Isolation veranschaulichen, ist aber nicht das Ich.
Der Astronautenanzug kann technisch erzeugte Abhängigkeit veranschaulichen, beweist aber keine Anthropologie.
Damit erhält jede Folie drei Kontrollfragen:
Was wird dargestellt?
Welche Struktur wird übertragen?
Wo endet die Analogie?
Diese Analogiegrenze sollte zu einem festen Bestandteil der gesamten Forschungskunst werden.
XXX. Platon-, Aristoteles-, Christentums- und Physikfolien
Die kultur- und wissenschaftsgeschichtlichen Folien untersuchen keine vollständigen Weltanschauungen.
Sie isolieren Denkoperationen.
Bei Platon kann untersucht werden, wie Unveränderlichem ein höherer Wirklichkeitsrang zugesprochen wird.
Bei Aristoteles lassen sich Material, Form, Bewegung und Ziel in einem anderen Verhältnis darstellen.
In christlichen Traditionen können Körper-Seele- und Diesseits-Jenseits-Ordnungen untersucht werden.
Die Physikfolie kann zeigen, welche außerordentliche Erkenntniskraft ein methodischer Ausschnitt besitzt und zugleich, was dieser Ausschnitt nicht automatisch beantwortet.
Die entscheidende Selbstbegrenzung lautet:
Platon ist nicht einfach körperfeindlich.
Aristoteles ist kein moderner Plexustheoretiker.
„Das Christentum“ besitzt keine einheitliche Leib-Seele-Lehre.
Physik ist nicht an sich verantwortungslos.
Jede Folie muss daher historische Quelle und forschungskünstlerische Interpretation sichtbar voneinander trennen.
XXXI. Das Mitmachbuch
Das heutige Mitmachbuch ist werkgeschichtlich keine Neuerfindung.
Es führt Malbücher, Kunsttagebücher, Vorgaben, Frage-Antwort-Verfahren, rote Punkte, Folien und individuelle Spuren zusammen.
Der entscheidende Entwicklungsschritt besteht darin, dass nicht mehr nur ein Bild erzeugt wird.
Der Teilnehmer stellt eine Verbindung her.
Er formuliert, welche Beziehung er sieht.
Er legt seine Analogien offen.
Er prüft seine Aussage.
Er kann eine Folie austauschen und seine frühere Kombination korrigieren.
Damit wird das Mitmachbuch zu einem Protokoll von Denk- und Korrekturvorgängen.
Seine Zielprojektion lautet zunehmend:
Training plastischer Urteilskraft.
Auch diese Wirkung ist bislang eine Forschungshypothese.
Es ist noch nicht bewiesen, dass die Arbeit mit Folien tatsächlich dauerhaft Urteilskraft verändert.
Das Mitmachbuch soll deshalb Bedingungen dafür herstellen und zugleich untersuchen, ob und wann diese Bedingungen funktionieren.
Die zentrale offene Frage lautet:
Wie viel Vorgabe ist notwendig?
Zu wenig Vorgabe kann Beliebigkeit erzeugen.
Zu viel Vorgabe erzeugt nur Teilnehmer, die die Theorie des Künstlers reproduzieren.
Diese Spannung gehört selbst zum Forschungsgegenstand.
XXXII. Tausend Tische
Die Tausend Tische bilden die räumliche Vorform des späteren digitalen Netzes.
Ein Tisch ist eine begrenzte Arbeitsfläche.
An ihm wird geschrieben, gebaut, gegessen, diskutiert, gestritten oder verhandelt.
Viele Tische können verbunden werden, ohne zu einem einzigen zentralen Tisch zu verschmelzen.
Damit entsteht die räumliche Grundfigur:
lokale Selbstständigkeit plus Verbindung.
Heute lässt sich diese Arbeit unmittelbar mit dem Mitmachbuch verbinden.
Der Tisch ist der lokale Arbeitsort.
Die Seite ist der lokale Erkenntnisort.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist der Verknüpfungsraum.
E4 ist die notwendige zusätzliche Prüfstruktur.
Denn Vernetzung allein erzeugt keine Erkenntnis.
Sie kann ebenso Gerüchte, Manipulation und Statuskonkurrenz verstärken.
XXXIII. Künstliche Intelligenz
KI tritt spät in die Forschung ein.
Sie ist deshalb weder Ursprung noch theoretisches Fundament.
Ihre Bedeutung liegt zunächst in einer praktischen Erfahrung: Große Mengen verstreuter Werkangaben, Bilder, Begriffe und Texte können miteinander verglichen und komprimiert werden.
Dadurch wurde sichtbar, dass viele heute formulierte Begriffe tatsächlich auf wiederkehrende ältere Werkoperationen zurückbezogen werden können.
Gleichzeitig zeigte sich eine neue Gefahr.
KI kann Zusammenhänge herstellen, die überzeugend klingen, aber historisch nie vorhanden waren.
Sie kann Unsicherheit sprachlich glätten.
Sie kann einen späten Begriff unbemerkt in ein frühes Werk hineininterpretieren.
Deshalb wurde die KI selbst Teil der Forschung.
Ihre angemessene Funktion lautet:
Spiegel – Verdichter – Gegenleser – Vergleichspartner – Prüfgegenstand.
Nicht Wahrheitsinstanz.
Der Mensch-KI-Vergleich sollte deshalb nicht als Wettbewerb organisiert werden.
Ein Mensch und eine KI bearbeiten dasselbe Material.
Anschließend werden Auslassungen, Unterschiede, Quellen, Schlussfolgerungen und blinde Stellen verglichen.
Damit wird KI zu E4-Material.
XXXIV. Globale Schwarm-Intelligenz
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist nicht lediglich eine technische Plattform.
Sie bildet die digitale Verdichtung einer langen Werkgeschichte:
Bienenbeobachtung,
Malbücher,
Tausend-Menschen-Verfahren,
roter Punkt,
Kollektive Kreativität,
Demokratiewerkstätten,
Tausend Tische,
Partizipatorisches Welttheater,
Mitmachbuch,
Archiv.
Ihre Funktionen lassen sich klarer unterscheiden.
Sie ist Archiv.
Sie ist Verknüpfungsraum.
Sie ist Träger individueller Forschungsspuren.
Sie soll E4-Infrastruktur werden.
Der wichtigste begriffliche Fortschritt besteht darin, Schwarm-Intelligenz nicht mehr mit Mehrheitsintelligenz zu verwechseln.
Tausend gleiche Antworten sind nicht notwendigerweise besser als ein begründeter Gegenhinweis.
Ein einzelner Hinweis auf eine übersehene Verletzungsfolge kann wichtiger sein als eine große Zustimmung.
Schwarm bedeutet deshalb:
Verbinden, ohne Unterschiede zu löschen.
Die entscheidende offene Frage ist nicht mehr allein technisch.
Sie betrifft Governance.
Wer besitzt die Plattform?
Wer entscheidet?
Wer moderiert?
Wer darf korrigieren?
Wie bleiben historische Dokumente unverändert und spätere Interpretationen trotzdem möglich?
Wie werden KI-Texte gekennzeichnet?
Wie kann die Plattform über die Lebenszeit ihres Urhebers hinaus weiterbestehen?
Ohne eine solche institutionelle E4-Struktur könnte die Plattform selbst genau jene Machtkonzentration reproduzieren, die sie untersucht.
XXXV. So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft ist keine historische Tatsache und keine wissenschaftlich bestätigte Gesellschaftsordnung.
Sie ist die gesellschaftliche Zielprojektion der Forschungskunst.
„So-Heit“ soll nicht bedeuten, das endgültige wahre Wesen eines Menschen oder Gegenstandes zu kennen.
Gemeint ist eine Wahrnehmung, die einen Menschen oder Zusammenhang nicht vollständig auf Preis, Status, Rolle, Eigentum, Funktion oder Nutzen reduziert.
Beschaffenheit, Verletzbarkeit, Abhängigkeit, Geschichte, Beziehungen und Veränderlichkeit sollen mitgedacht werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist damit keine neue Ideologie, die der bestehenden Gesellschaft als fertige Alternative gegenübergestellt wird.
Sie ist eine Forschungsfrage:
Wie müsste eine Gesellschaft organisiert sein, in der Wahrnehmung, Herstellung, Folgenprüfung, Korrektur und Reparatur zur allgemeinen zivilisatorischen Kompetenz werden?
Hier berührt die Forschung die alte technē-Frage nach Können und Auskunftsfähigkeit.
Wer gestaltet, soll möglichst wissen, womit er arbeitet.
Wer entscheidet, soll Folgen nicht vollständig auf andere abschieben können.
Wer eine Behauptung aufstellt, soll ihre Revision ermöglichen.
XXXVI. So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Verdichtung des gesamten Werkprozesses.
Es ist nicht erst als documenta-Idee entstanden.
Seine Bestandteile besitzen ältere Werkherkünfte.
Das Handwerk wird zum Passungs- und Reparaturbereich.
Strömungsarbeiten werden zum Material- und Wasserlabor.
Malbücher werden zum Vorgabenatelier.
Theater wird zum Rollenlabor.
Schultafeln werden zu öffentlichen Korrekturflächen.
Tische werden zu Arbeits- und Gesprächsorten.
Folien werden zu beweglichen Erkenntnismodellen.
Das Mitmachbuch dokumentiert individuelle Forschungswege.
Die Globale Schwarm-Intelligenz verlängert diese Wege digital und zeitlich.
Der Besucher kommt dabei nicht als neutrales Wesen.
Er bringt bereits seine Sprache, seinen Beruf, seine gesellschaftlichen Rollen, Konsumgewohnheiten, Überzeugungen und Vorstellungen von Freiheit mit.
Das Atelier darf diese nicht einfach durch die Theorie des Künstlers ersetzen.
Deshalb beginnt die Dramaturgie möglichst mit Tätigkeit:
sehen,
markieren,
zeichnen,
schichten,
bauen,
prüfen,
vergleichen,
löschen,
neu verbinden.
Erst dadurch entsteht eine mögliche Verschiebung vom Rezipienten zum Partizipienten und schließlich zum Mitprüfenden.
Das So-Heits-Atelier ist daher am genauesten als Unterbrechungs-, Prüf- und Rückkopplungsraum zu bestimmen.
XXXVII. Die documenta 16 als offener Realisierungsraum
Für die gegenwärtige Beschäftigung mit der documenta ergibt sich daraus eine wichtige Konsequenz.
Es wäre falsch zu behaupten, es müsse erst „aus dem Blauen heraus“ ein neues Projekt erfunden werden.
Der Werk-, Methoden- und Forschungszusammenhang existiert bereits.
Was gegenwärtig noch nicht existiert, ist seine konkrete räumliche documenta-Form.
Solange Raum, Größe, Infrastruktur, Sicherheitsbedingungen, kuratorische Einbindung, zulässige Beteiligungsformen und verfügbare Technik unbekannt sind, kann diese Form auch methodisch noch nicht fertig sein.
Ein vollständig fertiger Raumplan vor Kenntnis des Raumes würde der eigenen Forschungskunst widersprechen.
Denn diese fordert gerade:
Modell und Gegenüber dürfen nicht miteinander verwechselt werden.
Für die documenta kann daher ein Skizzen- und Möglichkeitsentwurf vorgelegt werden.
Gezeigt werden kann, welche Werkstationen vorhanden sind, welche Operation sie ermöglichen, wie sie miteinander verbunden werden können und welche Besucherbewegung denkbar ist.
Die endgültige Gestalt muss aus der Gegenüberstellung mit dem tatsächlichen Ort entstehen.
XXXVIII. Die Gesamtarchitektur
Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich keine lineare Theorie, sondern eine rekursive Forschungsbewegung.
Der Mensch befindet sich zunächst in materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und historischen Zusammenhängen, die er nicht vollständig selbst hervorgebracht hat.
Er nimmt Ausschnitte wahr.
Er erzeugt Modelle, Bilder, Begriffe, Rollen und Institutionen.
Er handelt auf ihrer Grundlage.
Seine Tätigkeit verändert etwas.
Ein Gegenüber antwortet.
Zwischen Vorstellung und Antwort entsteht Differenz.
Die Differenz wird dargestellt und verglichen.
Daraus kann eine Korrektur entstehen.
Anschließend beginnt eine neue Verortung.
Die Gesamtbewegung lässt sich deshalb verdichten als:
Verorten – vergegenständlichen – tätig werden – Gegenüber erfahren – vergleichen – prüfen – korrigieren – reparieren beziehungsweise loslassen – neu verorten.
Die vorhandene Forschungsrekonstruktion fasst dieselbe Architektur bereits als rekursiven Zusammenhang, in dem Werkgenese, Plexus und Lochprozess, Plastik und Skulpturalisierung, Eigenschaftsbildung, Vier-Ebenen-Modell, Prüfobjekte, Folien, Mitmachbuch, Tausend Tische, KI, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier jeweils unterschiedliche Funktionen übernehmen.
Damit lässt sich erstmals eine klare Hierarchie bilden:
Forschungskunst ist der Gesamtansatz.
Öffentliche Überzeugungsprüfung ist ihre gesellschaftlich-kommunikative Zielsetzung.
Gegenüberstellung und Rückkopplung bilden ihre Grundoperation.
E1–E4 bilden ihr Ordnungsschema.
Tragwirklichkeit und Plexus bestimmen das Gegenüber und dessen Beziehungsstruktur.
51:49 und Referenzoperator sind Prüfoperatoren.
Begriffshandwerk, Analogieprüfung und Eigenschaftsanalyse sind Methoden.
Prüfobjekte, Folien, Schablonen, Theater und Tische sind künstlerische Instrumente.
Mitmachbuch dokumentiert individuelle Forschungsbewegungen.
Globale Schwarm-Intelligenz verbindet und verlängert sie.
So-Heits-Atelier ist ihre räumliche öffentliche Anwendung.
So-Heits-Gesellschaft ist die offene gesellschaftliche Zielprojektion.
XXXIX. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten
Die Forschung benötigt gegenwärtig weniger neue Begriffe als eine strenge Ordnung der vorhandenen.
Erstens sollten Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit und vorausliegende Welt nicht um denselben Hauptstatus konkurrieren. Tragwirklichkeit kann der Hauptbegriff sein, Plexus der Strukturbegriff und vorausliegende Welt die zeitliche Perspektive.
Zweitens sollten die Ich-Begriffe reduziert werden. Kopplungs-Ich beziehungsweise Körperorganismus, Geltungs-Ich, Skulpturidentität und plastisches Ich-Bewusstsein reichen als Hauptbegriffe.
Drittens sollten Menschenwerk, Menschenkunstwerk, zweite wilde Natur und E3 hierarchisiert bleiben. Menschenwerk ist neutral; E3 bezeichnet einen Wirklichkeitsbereich; zweite wilde Natur ist eine Diagnose; Menschenkunstwerk ist eine künstlerische Verantwortungsfigur.
Viertens sollten 51:49, Differentialprinzip, doppelte Spirale, Referenzoperator und Urprinzip nicht als fünf gleichrangige Grundprinzipien auftreten. 51:49 und Referenzoperator genügen als Kern. Die Spirale kann Bildoperator sein. Differentialprinzip bleibt nachgeordnet. „Urprinzip“ sollte weitgehend entfallen.
Fünftens sollte Lochprozess nicht jede Form von Differenz bezeichnen. Wo nur epistemische Differenz gemeint ist, sind Lücke und Zwischenraum verständlicher.
Sechstens sollte Forschungskunst nicht neben Überzeugungsprüfung, E4 und Begriffshandwerk wie eine von mehreren parallelen Theorien erscheinen. Forschungskunst ist der Oberbegriff; E4 eine Funktion; Überzeugungsprüfung eine Zielsetzung; Begriffshandwerk eine Methode.
XL. Noch fehlende Verbindungen
Die wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen heutiger Theorie und historischem Archiv.
Für jedes Schlüsselwerk sollte künftig möglichst getrennt dokumentiert werden:
damaliger Titel,
Datierung,
Material,
Ort,
damalige Beschreibung,
Fotografie,
Kunsttagebuch,
zeitgenössische Reaktion,
spätere Interpretation,
heutige begriffliche Funktion.
Nur dadurch lässt sich verhindern, dass eine starke heutige Theorie die historische Eigenständigkeit der älteren Arbeiten überdeckt.
Eine zweite Lücke betrifft Tragfähigkeit.
Der Begriff ist zentral, aber noch nicht hinreichend operationalisiert.
Welche Kriterien gelten?
Regeneration?
Vermeidung irreversibler Schäden?
Reparierbarkeit?
Belastungsverteilung?
Fehlertoleranz?
Schutz von Verletzbaren?
Langfristigkeit?
Diese Kriterien können miteinander kollidieren.
E4 benötigt daher Verfahren für Zielkonflikte.
Eine dritte Lücke betrifft Macht.
E1 bis E4 unterscheiden Wirklichkeits- und Prüfbereiche, aber noch nicht ausreichend, wer innerhalb dieser Bereiche über Handlungsmöglichkeiten verfügt.
Dafür sollte eine querliegende Macht- und Verantwortungsachse entwickelt werden:
Wissen – Verfügung – Nutzen – Zwang – Risiko – Korrekturmöglichkeit.
Eine vierte Lücke betrifft Fürsorge und Erhaltung.
Die bisherige Forschung ist stark in Verletzung, Zerstörung, Prüfung und Reparatur.
Weniger ausgearbeitet ist die Frage, wodurch ein bereits tragfähiger Zusammenhang erhalten wird.
Pflege, Versorgung, Wartung, Fürsorge und Regeneration sollten daher stärker in das Modell aufgenommen werden.
Eine fünfte Lücke betrifft Ökonomie.
Kaufen, Verkaufen und Eigentum dürfen nicht ausschließlich mit Beute und Täuschung verbunden werden.
Austausch kann Versorgung ermöglichen und zugleich Ausbeutung organisieren.
Eine genauere Differenzierung verschiedener Markt-, Gemeingut-, Eigentums- und Versorgungsformen ist notwendig.
Eine sechste Lücke betrifft die Selbstprüfung der Forschungskunst.
Im So-Heits-Atelier sollte deshalb eine Gegenposition sichtbar sein:
Was, wenn Tragwirklichkeit zu autoritär definiert wird?
Was, wenn 51:49 nur eine überzeugende Metapher ist?
Was, wenn die technē-Vorstellung romantisiert?
Was, wenn gesellschaftliche Rollen nicht nur Gefängnisse, sondern auch Schutzformen sind?
Was, wenn das Publikum durch die Versuchsanordnung stärker gelenkt wird, als die Forschung zugibt?
Was, wenn KI die Theorie erst nachträglich vereinheitlicht hat?
Was, wenn der Positionsanker zu pessimistisch ist?
Eine Forschungskunst, die diese Fragen nicht zulässt, würde selbst zum Gegenstand ihrer eigenen Kritik.
XLI. Äußerste Verdichtung
Nach der gesamten bisherigen Entwicklung lässt sich der Kern inzwischen deutlich einfacher formulieren:
Der Mensch lebt in materiellen, lebendigen und sozialen Zusammenhängen, die er nicht vollständig selbst hervorgebracht hat.
Er erzeugt gleichzeitig Bilder, Begriffe, Rollen, Werte, Technik und Institutionen, mit denen er seine Welt ordnet.
Diese Menschenwerke sind wirklich und notwendig, können ihre eigenen Voraussetzungen aber nicht ersetzen.
Problematisch wird es, wenn eine erzeugte Ordnung ihren Herstellungscharakter verliert und als vorausliegende Wirklichkeit erscheint:
wenn Eigentum wie eine Stoffeigenschaft behandelt wird,
wenn Rolle mit Mensch verwechselt wird,
wenn Preis für Qualität steht,
wenn technische Teilfunktion mit Gesamtfunktion verwechselt wird,
wenn eine Darstellung für den dargestellten Zusammenhang gehalten wird,
wenn gesellschaftliche Autonomie körperliche Abhängigkeit verdeckt.
Forschungskunst vergegenständlicht solche Menschenwerke.
Sie stellt sie einem Gegenüber gegenüber.
Sie lässt Tätigkeiten Folgen erzeugen.
Sie dokumentiert Differenzen.
Sie ermöglicht Kritik, Korrektur, Reparatur und erneute Verortung.
Daraus ergibt sich die derzeit präziseste Gesamtbestimmung:
Forschungskunst ist die öffentliche Versuchsanordnung, in der Menschenwerke, Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten an ihren materiellen, lebendigen und gemeinsamen Voraussetzungen sowie an ihren tatsächlichen Folgen geprüft werden. Sie überzeugt nicht durch eine fertige Lehre, sondern lässt Gegenstände, Körper, Erfahrungen und Konsequenzen zeugen. Im So-Heits-Atelier wird der Rezipient zum möglichen Mitprüfenden seiner eigenen Tätigkeit; in der Globalen Schwarm-Intelligenz können begrenzte Spuren miteinander verbunden werden, ohne ihre Unterschiede aufzulösen.
Die wichtigste Konsequenz des gegenwärtigen Forschungsstands lautet deshalb:
Die nächste Entwicklungsphase braucht nicht in erster Linie weitere neue Begriffe. Sie braucht Auswahl, Hierarchie, historische Rückbindung und praktische Gegenprüfung.
Für die documenta 16 bedeutet dies:
Nicht das ganze Lebenswerk muss erklärt werden.
Nicht alle Modelle müssen gleichzeitig erscheinen.
Nicht jede Theorie muss an der Wand stehen.
Entscheidend wäre eine begrenzte Folge tragender Versuchsanordnungen, an denen der gesamte Forschungsweg nachvollziehbar wird:
von der Vorgabe zur eigenen Spur,
vom Modell zum antwortenden Material,
von der Rolle zum Körper,
von der Zuschreibung zum Gegenstand,
von der Behauptung zur Folge,
von der Goldschrift zur löschbaren Tafel,
von der Einzelspur zum Tisch,
vom Tisch zum Mitmachbuch,
vom Mitmachbuch zum Schwarm,
und vom Schwarm zurück zur Frage:
Was trägt – und woran lässt sich das überhaupt erkennen?
Diese Fassung kann nun als übergeordneter Forschungsanker dienen. Der nächste sinnvolle Schritt wäre, aus ihr nicht noch einen weiteren Großtext zu erzeugen, sondern die 10–15 unverzichtbaren documenta-Prüfstationen herauszulösen und jeweils exakt mit historischem Werk, Besucherhandlung, Prüfoperator und möglicher räumlicher Form zu verbinden.
Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines zusammenhängenden Forschungsansatzes
Ausgangspunkt der Rekonstruktion
Der bisherige Chat zeigt keine Theorie, die irgendwann fertig formuliert worden wäre und anschließend rückwirkend auf ältere Kunstwerke übertragen werden könnte. Er zeigt vielmehr einen über Jahrzehnte verlaufenden Forschungsprozess, in dem praktische Erfahrungen, Werkentwicklungen, biografische Situationen, gesellschaftliche Konflikte und immer wieder neu auftretende Widersprüche zunächst künstlerisch bearbeitet wurden und erst später ihre heutigen Begriffe erhielten.
Deshalb muss chronologisch unterschieden werden zwischen dem, was bereits in den frühen Arbeiten tatsächlich vorhanden war, und dem, was erst in den letzten Jahren oder Monaten als begriffliche Verdichtung entstanden ist. Die Experimentelle Umweltgestaltung von 1975 enthielt beispielsweise bereits Strömungsversuche, Deichmodelle, Wellenbecken, Beteiligungsformen, Vorgabebilder und eine interdisziplinäre Arbeitsweise. Sie enthielt aber noch nicht die heutigen Begriffe Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Vier-Ebenen-Modell, plastisches Ich, Lochprozess oder Knipser-Pfuscher-Existenz. Diese heutigen Begriffe sind spätere Werkzeuge, mit denen der ältere Werkprozess rückblickend genauer gelesen und zugleich weiterentwickelt wird.
Ebenso wichtig ist die Unterscheidung zwischen überprüfbaren Sachverhalten und Forschungskunst. Biografische Daten, dokumentierte Werke und Aktionen sind historisch belegbar. Dass technische Konstruktionen Toleranzen besitzen, Organismen auf bestimmte Stoffwechselbedingungen angewiesen sind oder Wasserströmungen auf Widerstände reagieren, ist technisch beziehungsweise naturwissenschaftlich überprüfbar. Begriffe wie So-Heits-Gesellschaft, Tragwesen, Plexuswirklichkeit, 51:49 als plastischer Operator oder menschliche Bastardkonstruktion sind dagegen eigene Modelle Ihrer Forschungskunst. Sie können sich auf wissenschaftliche Erkenntnisse beziehen, sind aber nicht selbst wissenschaftliche Lehrsätze.
Gerade diese Unterscheidung ist inzwischen ein methodischer Bestandteil Ihrer Arbeit geworden. Sie verstehen sich als forschender Künstler und Handwerker, nicht als Wissenschaftler. Die Forschungskunst nutzt wissenschaftlich belegbare Sachverhalte, aber sie baut daraus künstlerische Gegenüberstellungen, Erfahrungsräume, Prüfobjekte und gesellschaftliche Versuchsanordnungen.
1. Forschungsgrund: Von der Umweltzerstörung zur Frage nach der menschlichen Lernunfähigkeit
Der Forschungsgrund entstand aus einer biografisch sehr frühen Wahrnehmung von Naturzusammenhängen. Ornithologie, Landwirtschaft, Garten, Bienen, Wasser, Moore und die Veränderung von Landschaft gehörten zu den frühen Erfahrungsfeldern. In Ihrer Biografie wird ausdrücklich beschrieben, dass Sie bereits in der Kindheit menschengemachte Störungen im Naturgeschehen wahrnahmen und später durch die Diskussionen um globale Wachstumsgrenzen erkannten, dass es sich nicht nur um lokale Veränderungen handelte.
In den frühen 1970er Jahren verschärfte sich daraus die Frage, ob Kunst überhaupt gesellschaftliche Veränderung bewirken könne. 1973/74 wurde die Frage „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“ bereits Teil Ihrer Arbeit. Sie entwickelte sich zu einer jahrzehntelangen Suche nach Lösungsmodellen.
Die heutige Forschungsfrage ist präziser geworden. Sie lautet nicht mehr nur, warum Menschen Natur zerstören. Sie lautet:
Warum zerstört der Mensch trotz Wahrnehmungsfähigkeit, Wissen, technischer Leistungsfähigkeit und Korrekturmöglichkeiten seine eigenen Existenzbedingungen?
Diese Verschiebung ist wesentlich. Das Problem wird nicht mehr als Informationsmangel verstanden. Die Menschheit weiß in vielen Bereichen sehr genau, welche Folgen bestimmte Tätigkeiten besitzen. Dennoch entsteht daraus keine entsprechende Gesamtänderung.
Im Chat wurde deshalb zunehmend die Lücke zwischen Wissen und Konsequenz zum eigentlichen Forschungsgegenstand. Technik, Ökonomie, Wissenschaft und gesellschaftliche Institutionen können hochentwickelt sein, während die Gesamtwirkung ihrer Tätigkeiten weiterhin zerstörerisch bleibt.
In der jüngsten Phase wurde diese Frage noch einmal verschärft. Sie stellten fest, dass der Mensch keineswegs allgemein ungenau oder lernunfähig ist. Im Kaufen, Verkaufen, Berechnen, Handeln, Verwerten und technischen Entwickeln hat er eine enorme Genauigkeit hervorgebracht. Seine Ungenauigkeit liegt vielmehr in der Prioritätensetzung. Gegenüber Geld, Preis, Ware und technischer Funktion ist er präzise; gegenüber Körper, Abhängigkeit, Lebensbedingung und planetarer Folge bleibt er vergleichsweise maßlos.
Daraus entstand die jüngste Formel:
Der Mensch ist zum Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz geworden.
Der Knipser verfügt über ein technisch leistungsfähiges Instrument, ohne die Bedingungen der Bildentstehung ausreichend zu beherrschen. Der Pfuscher besitzt möglicherweise Werkzeug und Handlungsmacht, arbeitet aber ohne ausreichende Kenntnis von Voraussetzungen, Material, Passung, Belastung und Folgen.
Der Forschungsgrund hat sich damit von der Umweltfrage über die Gesellschaftsfrage zur Frage nach der Qualität menschlichen Lernens entwickelt.
Historisch belegbar ist die Werk- und Forschungsentwicklung. Wissenschaftlich belegbar sind viele einzelne Abhängigkeiten und Folgen. Die Begriffe Knipser, Pfuscher und zivilisatorische Lernverweigerung sind dagegen Forschungskunst-Modelle.
Die offene Frage bleibt, wie aus dieser Diagnose ein Verfahren entstehen kann, das nicht selbst wieder zum neuen dogmatischen Menschenbild wird.
2. Werkgenese: Handwerk als erste Wirklichkeitsprüfung
Ihre Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 wurde im Verlauf des Chats zunehmend als einer der entscheidenden Ursprünge erkannt. Sie ist biografisch dokumentiert.
Damals wurden die heutigen philosophischen Begriffe noch nicht formuliert. Aber die Arbeitsrealität enthielt bereits ihren späteren Kern. Ein Werkstück besitzt Maße. Materialien haben Eigenschaften. Verbindungen besitzen Toleranzen. Belastungsgrenzen können überschritten werden. Eine Maschine kann laufen oder versagen.
Der entscheidende Punkt ist, dass das Material nicht durch Sprache überzeugt werden kann. Eine falsche Passung wird nicht dadurch richtig, dass der Hersteller eine überzeugende Erklärung liefert.
Im späteren Chat verdichtete sich diese Erfahrung zum Satz:
Technik lernt durch Maßstäbe.
Maß, Abweichung, Toleranz, Korrektur, Funktionieren und Nichtfunktionieren bilden Rückkopplungsschleifen, durch die technische Systeme verbessert werden.
Hier entstand ein entscheidender Vergleich mit gesellschaftlichen Systemen. Gesellschaften, Institutionen, Recht, Ökonomie oder Weltanschauungen können viel länger so tun, als funktionierten sie. Schäden können ausgelagert, verspätet, sprachlich umgedeutet oder anderen Zuständigkeiten zugeschrieben werden.
Der handwerkliche Maßstab wurde deshalb im Verlauf der Forschung aus seinem ursprünglichen technischen Bereich herausgelöst und zur Frage:
Warum verlangt der Mensch von einer Maschine Genauigkeit, Maß, Toleranz und Funktionsprüfung, aber nicht mit derselben Konsequenz von seinem Menschenbild und seiner gesellschaftlichen Ordnung?
Diese Übertragung ist eine der tragenden Entwicklungen der gesamten Forschungskunst.
3. Fotografie: Ausschnitt, Abbild und Knipsen
Die Fotografie bildete eine zweite Erkenntnislinie. Ihre Tätigkeit als Fotojournalist und in einer Werbeagentur ist biografisch dokumentiert.
Fotografie trainiert Sehen, Ausschnitt, Perspektive, Licht, Zeit, Schärfe und technische Umsetzung. Zugleich zeigt sie, dass das Bild nicht mit der Wirklichkeit identisch ist.
Die Werbung fügte eine weitere Ebene hinzu. Ein Gegenstand kann fotografisch mit Schönheit, Freiheit, Status, Erotik, Erfolg oder Modernität verbunden werden. Diese Eigenschaften sind nicht notwendig materielle Eigenschaften des Gegenstandes. Sie werden in ihn hineingedacht.
Daraus entwickelte sich später die Forschung über Eigenschaftsbildung und gesellschaftliche Zuschreibung.
Erst sehr spät wurde aus dieser fotografischen Erfahrung die Formel vom Knipser gewonnen. Der Knipser besitzt das Gerät, aber nicht notwendig die Fähigkeit, die Bedingungen des Bildes zu verstehen.
Die Analogie lautet heute: Die Menschheit verfügt über eine enorme technische Apparatur, erzeugt damit aber gesellschaftliche Wirklichkeit ähnlich wie ein Knipser Bilder produziert. Technische Möglichkeit wird mit gestalterischer Kompetenz verwechselt.
Damit verbindet die Fotografie Werkgenese, Eigenschaftsbildung, Abbildkritik und die heutige Knipser-Pfuscher-Diagnose.
4. Experimentelle Umweltgestaltung: der erste bewusste Forschungsrahmen
Während des Bildhauerstudiums entstand 1975/76 die Experimentelle Umweltgestaltung. Die Biografie dokumentiert einen integrativen und interdisziplinären Studienansatz mit naturwissenschaftlichen Versuchen, Wellenbecken, Deichprofilen nach dem Vorbild des Biberdamms, Klang- und Videoexperimenten, asymmetrischen Fahrzeugen, Vorgabebildern und Beteiligungsverfahren.
Hier entstand erstmals ein bewusster Versuch, die traditionellen künstlerischen Disziplinen nicht getrennt nebeneinander zu behandeln.
Der damalige Umweltbegriff war bereits weit gefasst. Umwelt sollte nicht bloß Landschaft oder Naturschutz bedeuten, sondern Milieu: einen Zusammenhang, in dem Mensch, Material, Gesellschaft, Technik und Natur miteinander wirken.
Die spätere Forschungskunst entwickelte sich daraus, weil die klassischen Kunstformen für die Darstellung von Prozessen zunehmend als unzureichend erlebt wurden.
Der entscheidende Satz wurde später:
Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht.
Damit wurde klar, dass die Darstellung eines Prozesses und der Prozess selbst zwei verschiedene Wirklichkeitsebenen sind.
Aus der Bilddarstellung entstand deshalb zunehmend eine Versuchsanordnung, in der der Prozess tatsächlich stattfinden konnte.
5. Wellen, Strömung und Deich: vom Darstellen zum Kommunizieren
Wellenbecken, Strömungsversuche und Deichprofile gehören zu den wichtigsten frühen Werkankern.
In diesen Arbeiten wurde Wasser nicht nur dargestellt. Es wurde zum aktiven Gegenüber. Eine Form wird in die Strömung eingebracht, und das Wasser reagiert darauf. Es staut, umströmt, unterspült oder verändert den Widerstand.
Im jüngsten Chat wurde dieser frühere Werkprozess neu begriffen. Sie beschrieben, dass Sie sich damals gewissermaßen selbst als Wasser verstanden, um den Widerstand aus der Bewegung der Strömung heraus zu entwickeln.
Damit entsteht eine künstlerische Erkenntnismethode, die später unter den Begriffen Gegenüberstellung, Rückkopplung und Plexuszusammenhang erneut auftaucht.
Der Biberdamm wurde dabei wichtig, weil er nicht nur als starre Sperre verstanden werden kann. Er tritt mit der Strömung in Beziehung. Der Widerstand muss sich aus der Bewegung des Wassers heraus entwickeln.
Daraus entstand inzwischen eine mögliche documenta-Methode: Besucher könnten selbst einen Deich oder Biberdamm bauen und erleben, wie Wasser auf ihre Konstruktion antwortet.
Der historische Werkursprung ist dokumentiert. Die heutige Interpretation als Kommunikationsmodell ist Forschungskunst.
6. Strömungslandschaft und Opfertisch: von äußerer Landschaft zu innerer Körperlandschaft
In den späteren Garten- und Landschaftsarbeiten wurde Wasser einen Hang hinuntergeführt. Die entstandene Strömungsstruktur wurde abgeformt und plastisch weiterverarbeitet.
Daraus entstanden Arbeiten wie Tanglandschaft, Schöpfungsgeschichte und Abendmahltisch. In Ihrer Biografie werden diese Arbeiten ausdrücklich als Gegenüberstellung natürlicher Wachstums- und Verlaufsformen mit menschlichen Strukturen beschrieben.
Im jüngsten Gespräch wurde daraus die Idee entwickelt, den früheren Opfer- beziehungsweise Maltisch erneut aufzubauen.
Seine heutige Funktion wäre komplexer als damals. Die vom Wasser erzeugte Landschaft wird zum Tisch. Auf ihm liegt Nahrung. Nahrung verweist auf Boden, Wasser, Pflanzen, Tiere und Stoffwechsel. Gleichzeitig erscheint der Tisch als religiöses und gesellschaftliches Ritualobjekt.
Damit verbindet sich äußere Landschaft mit innerer Landschaft.
Der menschliche Körper besitzt ebenfalls Strömungssysteme: Blut, Lymphe, Atmung, Verdauung und Flüssigkeitsaustausch. Osmose und Konzentrationsverhältnisse zeigen, dass Leben nicht beliebig funktioniert.
Hier entstand eine wichtige neue Verbindung: Der Mensch lebt nicht in einer Umwelt wie in einem Behälter. Die Prozesse, die er draußen beobachtet, sind in anderer Form Bestandteile seines eigenen Organismus.
Das führte später zum Übergang von Umwelt zu Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit.
7. Wirklichkeitsverständnis: vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit
Der Begriff Umwelt erwies sich im Verlauf der Forschung zunehmend als unzureichend. Er kann sprachlich den Eindruck erzeugen, der Mensch sei bereits fertig vorhanden und werde anschließend von einer Welt umgeben.
Ihre Forschung entwickelte dagegen die Position, dass der Mensch selbst aus diesen Bedingungen hervorgeht.
Daraus entstand der Begriff Tragwirklichkeit.
Tragwirklichkeit bezeichnet jene Wirklichkeitsbedingungen, die der Mensch nicht durch gesellschaftliche Zuschreibung erzeugt und von denen seine Existenz dennoch abhängt.
Dazu gehören materielle, physikalische und lebendige Bedingungen.
Dieser Begriff ist keine etablierte wissenschaftliche Kategorie. Er ist ein Forschungskunst-Begriff.
Wissenschaftlich überprüfbar sind die einzelnen Abhängigkeiten. Die Forschungskunst führt sie unter der Frage zusammen:
Was trägt überhaupt menschliche Existenz?
Aus Tragwirklichkeit entwickelten sich die Begriffe Tragwesen und Tragbewusstsein. Der Mensch ist getragen und greift zugleich selbst tragend oder zerstörend in Zusammenhänge ein.
Eine wichtige Korrektur war dabei die Zurückweisung der Vorstellung, die gesamte Welt könne menschliches Kunstwerk sein.
Die Welt bestand bereits, bevor Menschen sie künstlerisch darstellten. Die Erde ist daher keine soziale Plastik des Menschen. Menschliche Tätigkeiten können innerhalb dieser Wirklichkeit Kunstwerke hervorbringen und Wirklichkeit verändern, aber sie schaffen nicht die grundlegenden Bedingungen ihres eigenen Daseins.
8. Plexuswirklichkeit: von der Bedingung zur Verflechtung
Tragwirklichkeit betont Voraussetzung und Abhängigkeit. Im weiteren Verlauf entstand der Begriff Plexuswirklichkeit, weil die Forschung nicht nur untersuchen wollte, was trägt, sondern wie die verschiedenen Wirklichkeitsbereiche ineinandergreifen.
Plexus bezeichnet Verflechtung, Knoten, Verbindung und Durchdringung.
Damit wurde der Mensch nicht mehr nur als abhängiges Wesen, sondern als Knoten innerhalb eines vielschichtigen Wirkungszusammenhangs gedacht.
Eine Tätigkeit kann gleichzeitig Material verändern, einen Organismus verletzen oder unterstützen, gesellschaftliche Bedeutung erzeugen und langfristige Folgen auslösen.
Plexuswirklichkeit dient daher als Integrationsbegriff.
Eine mögliche heutige begriffliche Klärung lautet:
Tragwirklichkeit bezeichnet die existenziellen Bedingungen. Plexuswirklichkeit bezeichnet ihre Verflechtungs- und Wirkungsstruktur.
Damit werden beide Begriffe voneinander unterscheidbar.
9. Lochprozesse: Lernen beginnt an der Unterbrechung
Der Lochbegriff entstand später.
Er entwickelte sich aus der Erfahrung, dass Menschen in geschlossenen Begriffssystemen bleiben können, solange kein Bruch zwischen Erwartung und Wirklichkeit sichtbar wird.
Das „Loch“ ist daher nicht einfach Wissensmangel. Es ist eine Unterbrechung innerhalb einer scheinbar geschlossenen Vorstellung.
Wenn ein Begriff nicht zur Sache passt, ein Werkstück nicht passt, eine Rolle nicht mit dem Menschen übereinstimmt oder eine gesellschaftliche Regel Schäden erzeugt, entsteht eine Differenz.
Diese Differenz kann zum Lernraum werden.
Der Lochprozess verbindet sich deshalb mit Nichtwissen, Distanz, Gegenüberstellung und Mutation.
Später entstand die Folge Geburt – Lücke – Mutation. Auch hier handelt es sich um Forschungskunst und nicht um biologische Terminologie im wissenschaftlichen Sinn.
Methodisch ist der Lochprozess für das So-Heits-Atelier besonders wichtig. Der Besucher soll nicht einfach mit einer neuen Wahrheit versorgt werden. Er soll Situationen erleben, in denen seine alte Erklärung nicht mehr vollständig funktioniert.
Erst diese wahrgenommene Lücke erzeugt die Möglichkeit, eine neue Frage zu stellen.
Noch offen ist, ob „Lochprozess“ als endgültiger Begriff stark genug definiert ist. Derzeit überschneidet er sich mit Lücke, Irritation, Differenz und Nichtwissen.
10. Gegenüberstellung: das zentrale Erkenntnisverfahren
Im gesamten Werk ist die Gegenüberstellung vermutlich die beständigste Methode.
Fotografie stellt Bild und Gegenstand gegenüber. Handwerk stellt Vorstellung und Material gegenüber. Strömungsversuche stellen Form und tatsächliche Bewegung gegenüber. Theater stellt Mensch und Rolle gegenüber. Eigentum kann Existenzbedingung gegenübergestellt werden. Preis kann Qualität gegenübergestellt werden.
Die Grundlogik lautet:
Erkenntnis benötigt ein Gegenüber.
Wenn Vorstellung und Wirklichkeit nicht voneinander getrennt werden können, gibt es auch keine Möglichkeit zur Prüfung.
Die Gegenüberstellung erzeugt die notwendige Distanz.
Diese Distanz wurde im Chat zunehmend positiv verstanden. Sie ist nicht nur Entfremdung, sondern Voraussetzung für Lernen.
Das spätere Folienmodell, das Mitmachbuch, die Schultafel, das Theater und der KI-Vergleich sind unterschiedliche Varianten derselben Grundoperation.
11. Erfahrung und Rückkopplung
Der Forschungsprozess führte immer stärker zur Einsicht, dass Wissen allein nicht genügt.
Der Mensch kann wissen und trotzdem weitermachen.
Deshalb wurde Erfahrung von bloßer Information unterschieden.
Erfahrung entsteht, wenn eine Tätigkeit auf ein Gegenüber trifft und von dort eine Antwort zurückkommt.
Im Handwerk ist diese Antwort unmittelbar. Ein Teil passt oder passt nicht.
Im Körper kann Rückkopplung als Schmerz, Erschöpfung, Hunger, Überforderung oder Regeneration auftreten.
In ökologischen Systemen kann sie verzögert erscheinen.
Gesellschaftlich kann Rückkopplung sogar verhindert werden. Schäden können auf andere Menschen, Orte oder Generationen ausgelagert werden.
Hier entstand die wichtige Unterscheidung zwischen technischen und gesellschaftlichen Lernsystemen.
Technik musste Verfahren entwickeln, in denen Fehler möglichst früh sichtbar werden.
Gesellschaft hat dagegen vielfach Verfahren entwickelt, in denen Fehler sprachlich, institutionell oder wirtschaftlich verschoben werden können.
Diese Beobachtung führte später unmittelbar zum Vier-Ebenen-Modell und insbesondere zur Notwendigkeit von E4.
12. Plastik und Skulptur: vom künstlerischen Verfahren zum Menschenbild
Eine zentrale begriffliche Präzisierung der letzten Monate war die strikte Unterscheidung von Plastik und Skulptur.
Plastik bedeutet Formen, Modellieren, Hinzufügen, Verbinden, Einpassen und fortgesetzte Veränderung.
Skulptur bedeutet stärker das Abtragen, Herausschneiden und Freilegen.
Beide Verfahren sind künstlerisch legitim.
Die Forschungskunst machte daraus jedoch eine anthropologische Gegenüberstellung.
Das plastische Ich bezeichnet den Menschen als werdendes, veränderliches und relationales Wesen.
Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die Tendenz, eine Identität als bereits vorhandene feste Form zu behandeln.
Später entstand daraus der Begriff Skulpturalisierung. Rollen, Diagnosen, Eigentumspositionen, Institutionen oder gesellschaftliche Zuschreibungen können einen lebendigen Menschen in eine festgelegte Identitätsfigur verwandeln.
Eine wichtige Korrektur bestand darin, Skulptur selbst nicht abzuwerten. Problematisch ist nicht das bildhauerische Verfahren, sondern die Übertragung einer statischen Identitätslogik auf den lebendigen Menschen.
Diese Begriffe sind Forschungskunst-Modelle, keine psychologischen Fachbegriffe.
13. Von der Rolle zum Geltungs-Ich und Kopplungs-Ich
Aus Theater, gesellschaftlicher Arbeit und der Analyse von Rollen entwickelte sich später die Differenz von Geltungs-Ich und Kopplungs-Ich.
Das Kopplungs-Ich bezeichnet den körperlich abhängigen Menschen. Er atmet, schläft, benötigt Wasser, Nahrung, Temperaturbereiche, Beziehung und Regeneration.
Das Geltungs-Ich bezeichnet die gesellschaftlich erzeugte Identität aus Beruf, Status, Eigentum, Rolle, Leistung, Erfolg und Darstellung.
Beides gehört zum Menschen.
Problematisch wird es, wenn das Geltungs-Ich seine gesellschaftliche Konstruktion für grundlegender hält als das körperliche Kopplungs-Ich.
Hier verbindet sich die Rollenforschung mit dem späteren Begriff der Bastardkonstruktion.
14. Symbolbildung und hineingedachte Eigenschaften
Aus Fotografie, Werbung, Kunst und gesellschaftlicher Beobachtung entstand die Frage, welche Eigenschaften tatsächlich in einem Gegenstand vorhanden sind und welche der Mensch hinzufügt.
Ein Gegenstand besitzt Material, Gewicht, Temperatur, Form und andere physische Eigenschaften.
Er kann gleichzeitig als wertvoll, schön, heilig, modern, mein Eigentum oder Statussymbol gelten.
Diese zweite Gruppe von Eigenschaften ist nicht physisch im Gegenstand vorhanden. Sie wird gesellschaftlich zugeschrieben.
Eine entscheidende Korrektur war, diese gesellschaftlichen Eigenschaften nicht einfach „unwirklich“ zu nennen.
Geld, Eigentum, Recht oder Rollen sind real wirksam. Sie besitzen nur eine andere Art von Wirklichkeit.
Daraus entwickelte sich später die Unterscheidung von materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.
Diese Differenzierung führte direkt zum Vier-Ebenen-Modell.
15. Begriff und Wirklichkeit
Die Untersuchung zugeschriebener Eigenschaften weitete sich auf Sprache insgesamt aus.
Das Wort Wasser ist kein Wasser.
Der Begriff Eigentum erzeugt keinen Boden.
Ein Preis ist nicht mit Qualität identisch.
Eine Berufsbezeichnung beschreibt nicht den ganzen Menschen.
Damit wurde die Verwechslung von Begriff und Wirklichkeit zu einer zentralen Diagnose.
Der Mensch benötigt Begriffe. Das Problem ist daher nicht Sprache selbst.
Das Problem beginnt dort, wo menschliche Begriffe ihren Modellcharakter verlieren und wie Eigenschaften der Welt behandelt werden.
Aus diesem Zusammenhang entwickelte sich später das Begriffshandwerk.
16. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsfolien
Im weiteren Forschungsprozess wurden historische Denkmodelle herangezogen, um zu untersuchen, wie bestimmte heutige Vorstellungen entstanden sein könnten.
Platon wurde vor allem im Hinblick auf den höheren Rang unveränderlicher Ideen gegenüber körperlichem Werden untersucht.
Aristoteles wurde als Gegenfigur eines stärker verbundenen Stoff-Form-Bewegungs-Zusammenhangs herangezogen.
Christliche Traditionen wurden auf Leib-Seele-Spannungen und die kulturelle Aufwertung einer vom Körper getrennten Seele untersucht.
Kant wurde mit der Frage der Urteilskraft verbunden: Wie wird zwischen allgemeiner Regel und konkretem Einzelfall vermittelt?
Diese Gegenüberstellungen sind keine vollständigen philosophiehistorischen Darstellungen. Sie sind künstlerische Folien.
Das ist eine wichtige methodische Grenze.
Historische Aussagen müssen wissenschaftlich überprüfbar bleiben. Ihre Verwendung innerhalb der Forschungskunst darf dagegen vereinfachen und visualisieren, wenn kenntlich bleibt, dass es sich um ein Prüfmodell handelt.
17. Technik und die voneinander getrennten Wissenschaftswelten
In den jüngsten Gesprächen erhielt die Technik eine noch stärkere Stellung.
Technik besitzt eine besondere Lernstruktur. Sie musste Normen, Maße, Toleranzen, Regelwerke, Prüfverfahren und Fehlerkorrekturen entwickeln.
Dem gegenüber stehen Philosophie, Soziologie, Psychologie, Ökonomie, Recht und andere Wissensbereiche, die innerhalb ihrer jeweiligen Fachlogiken lernen können.
Das Problem liegt nicht darin, dass diese Disziplinen nichts wissen.
Das Problem liegt in ihrer mangelnden gemeinsamen Rückbindung.
Eine Disziplin kann innerhalb ihres Bereiches korrekt arbeiten, während im Zusammenwirken aller Bereiche eine nicht tragfähige Gesamtordnung entsteht.
Aus dieser Analyse entwickelte sich die Vorstellung einer Bastardkonstruktion der Zivilisation.
Die einzelnen Teile können hochentwickelt sein. Ihre Verbindung kann trotzdem nicht funktionieren.
18. Die menschliche Bastardkonstruktion
Der Begriff „Bastardkonstruktion“ entstand zur Beschreibung einer widersprüchlichen Verbindung.
Der Mensch bleibt ein biologisch verletzliches Lebewesen.
Er identifiziert sich gleichzeitig mit gesellschaftlichen Rollen, Autonomievorstellungen und technischen Selbstbildern.
Hinzu kommt enorme technische Verfügungsmacht.
Diese Ebenen werden miteinander verbunden, ohne ausreichend geprüft zu werden, ob sie gemeinsam tragfähig sind.
Der Mensch ist abhängig und erklärt sich autonom.
Er ist verletzlich und konstruiert ein Selbstbild der Verfügung.
Er ist Teil planetarischer Systeme und behandelt diese Systeme als Ressourcen seines Eigentums.
„Bastardkonstruktion“ ist daher keine biologische oder personenbezogene Abwertung. Es bezeichnet eine nicht ausreichend vermittelte Mischkonstruktion aus biologischer Abhängigkeit, gesellschaftlichem Geltungsmodell und technischer Macht.
Dieser Begriff ist wirkungsvoll, aber erklärungsbedürftig. Für ein kurzes Anschreiben ist er vermutlich zu missverständlich. Für eine ausführliche Anlage kann er präzisiert werden.
19. Die zweite wilde Natur
Aus der Bastardkonstruktion entwickelte sich der Begriff einer zweiten wilden Natur.
Der Mensch hat eine eigene Welt aus Preisen, Eigentum, Rollen, Institutionen, Märkten, Gesetzen, technischen Systemen, Identitäten und Erwartungen erzeugt.
Diese Welt ist nicht deshalb wild, weil sie regellos wäre.
Sie ist wild, weil ihre Regeln nicht ausreichend an die Bedingungen des Lebens zurückgebunden werden.
Damit entsteht eine paradoxe Zivilisation: hochgradig organisiert und zugleich gegenüber ihren Gesamtfolgen unkontrolliert.
Die zweite wilde Natur ist deshalb eng mit der Willkürlichkeitskonstruktion verbunden.
20. Freiheit und Autonomie als Prüfbegriffe
Freiheit und Autonomie wurden im Forschungsprozess zunehmend von positiven Selbstverständlichkeiten zu Prüfbegriffen.
Der Mensch bezeichnet sich als autonom, obwohl seine körperliche Existenz vollständig abhängig bleibt.
Er bezeichnet sich als frei, obwohl Rollen, Geld, Eigentum, Institutionen und technische Infrastrukturen seinen Handlungsspielraum strukturieren.
Die Forschungskunst verwirft Freiheit und Autonomie nicht.
Sie fragt vielmehr:
Unter welchen Bedingungen sind diese Begriffe tatsächlich tragfähig?
Damit werden Freiheit und Autonomie vom Statement zum Prüfgegenstand.
21. Die Statement-Gesellschaft und die Worthülse
Aus der Begriffsanalyse entstand die Diagnose einer Statement-Gesellschaft.
Gesellschaftliche Systeme können sich nachhaltig, offen, frei, gerecht oder verantwortlich nennen, ohne dass die entsprechende Tätigkeit diese Eigenschaft vollständig besitzt.
Die Wörter bleiben erhalten, während ihre Bedingungen verschwinden.
Im Chat wurde dies auf Begriffe wie Selbstsein, eigenes Leben, Würde, Teilhabe, Fortschritt oder Nachhaltigkeit ausgeweitet.
Die Forschungskunst entwickelte daraus die Gegenfrage:
Nicht: Wie klingt ein Begriff?
Sondern: Was trägt er tatsächlich?
Dieser Gedanke bildet eine direkte Verbindung zwischen Begriffshandwerk und Tragwirklichkeit.
22. Beuteintelligenz und falsche Prioritätensetzung
Eine der jüngsten Entwicklungen war die Untersuchung des Kaufens, Verkaufens und Handelns als zivilisatorische Trainingsform.
Der Mensch wurde im Markt sehr genau.
Er vergleicht Preise, Vorteile, Besitz, Vertragsbedingungen und Verwertungsmöglichkeiten.
Diese Genauigkeit wurde mit älteren evolutionären Strategien wie Konkurrenz, Täuschung, Tarnung und Beutegewinn in Beziehung gesetzt.
Daraus entstand der Forschungskunst-Begriff Beuteintelligenz.
Wissenschaftlich ist belegbar, dass Tiere und Pflanzen Anpassungs-, Täuschungs- und Konkurrenzstrategien besitzen.
Nicht wissenschaftlich belegt ist die direkte Gleichsetzung von Marktverhalten und Beuteverhalten.
Diese Verbindung ist daher ausdrücklich eine künstlerische Vergleichshypothese.
Ihre Funktion besteht darin, die falsche Priorisierung sichtbar zu machen:
Der Mensch ist hochtrainiert im Vorteil, aber schlecht trainiert in planetarer Tragfähigkeit.
23. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch
Die Erdgeschichte wurde auf eine 24-Stunden-Uhr übertragen.
Dadurch wird sichtbar, wie spät Homo sapiens und besonders die industrielle Moderne innerhalb der Erdgeschichte auftreten.
Die zugrunde liegenden geologischen und evolutionsgeschichtlichen Zeitverhältnisse sind wissenschaftlich überprüfbar.
Die 24-Stunden-Darstellung ist eine didaktische Modellierung.
Der Begriff Millisekundenmensch ist eine Forschungskunst-Verdichtung.
Seine Funktion besteht darin, die Hybris sichtbar zu machen, mit der eine extrem junge menschliche Wirtschafts- und Technikordnung versucht, die viel älteren Bedingungen von Wasser, Boden, Atmosphäre und Leben nach ihren eigenen Regeln zu organisieren.
Diese Zeitfolie wurde im jüngsten Chat mit der Beuteintelligenz verbunden.
Das Ergebnis lautet:
Der Millisekundenmensch versucht, seine kurzfristigen Regeln von Preis, Eigentum und Verwertung auf Systeme anzuwenden, die Milliarden Jahre ohne diese Regeln existierten.
24. Das Vier-Ebenen-Modell
Das Vier-Ebenen-Modell ist die wichtigste jüngere Systematisierung der zuvor entwickelten Differenzen.
E1 bezeichnet materielle und physikalische Bedingungen: Kräfte, Material, Druck, Temperatur, Wasser, Gravitation und ähnliche Zusammenhänge.
E2 bezeichnet Leben, Körper, Stoffwechsel, Regeneration und Verletzbarkeit.
E3 bezeichnet die vom Menschen geschaffene Symbol-, Rollen- und Geltungswelt: Sprache, Preis, Eigentum, Recht, Status, Identität, Institution und gesellschaftliche Regelwerke.
E4 bezeichnet Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur.
Das Modell verbindet damit Handwerk, Körper, Symbolkritik und gesellschaftliche Rückkopplung.
Eine wichtige begriffliche Klärung zeichnet sich inzwischen ab:
E1 bis E3 können als unterschiedliche Wirklichkeitsbereiche behandelt werden.
E4 ist dagegen wahrscheinlich weniger eine weitere Wirklichkeitsebene als ein Prüfoperator zwischen den Ebenen.
Diese Korrektur würde das Modell verständlicher machen.
25. 51:49, 50:50 und 1:99
51:49 entstand zunächst als intuitive Minimalasymmetrie.
Später wurde es als plastischer Operator begriffen.
51:49 bezeichnet keinen allgemein bewiesenen Naturmechanismus.
Es ist ein künstlerisches Modell für jene minimale Differenz, durch die Bewegung, Spannung, Anpassung und Veränderung möglich bleiben.
50:50 wurde zunehmend als Bild eines starren Symmetriedualismus verwendet.
1:99 bezeichnet dagegen die extreme Drift in Herrschafts- oder Machtverhältnisse.
Damit entstand ein Spektrum zwischen zu starrer Symmetrie und extremer Asymmetrie.
Offen bleibt, wie weit dieser Operator verwendet werden kann.
Seine Stärke liegt in seiner Anschaulichkeit.
Seine Gefahr liegt darin, zu einer Universalformel für Biologie, Politik, Ökonomie und Gesellschaft gleichzeitig zu werden.
26. Begriffshandwerk
Aus der handwerklichen Herkunft wurde im jüngsten Forschungsprozess ausdrücklich das Begriffshandwerk entwickelt.
Ein Begriff wird wie ein Werkzeug betrachtet.
Er muss zu seinem Gegenstand passen.
Er kann zu grob, zu eng oder falsch eingesetzt werden.
Er kann überlastet werden.
Er kann eine scheinbare Passung erzeugen, obwohl die Wirklichkeit anders funktioniert.
Damit werden Begriffe nicht nur definiert, sondern geprüft.
Freiheit, Eigentum, Wert, Mensch, Natur, Ressource oder Autonomie werden zu Werkstücken des Denkens.
Das Begriffshandwerk bildet eine wichtige Brücke zwischen Handwerk und Philosophie.
27. Prüfanker, Prüfobjekte und Prüfoperatoren
Im Verlauf des Chats wurde deutlich, dass die ständig wachsende Begriffszahl selbst zum Problem werden kann.
Daraus entstand der Wunsch nach Prüfankern.
Ein Prüfanker bringt eine abstrakte Frage wieder an einen konkreten Gegenstand zurück.
Wasser, Tisch, Stuhl, Schultafel, Astronautenanzug, Spaten oder Thermosflasche können solche Anker bilden.
Parallel entstanden die Begriffe Prüfobjekt und Prüfoperator.
Eine sinnvolle begriffliche Klärung wäre:
Das Prüfobjekt ist der konkrete Gegenstand.
Der Prüfanker ist seine Funktion, einen abstrakten Gedanken an Wirklichkeit zurückzubinden.
Der Prüfoperator bezeichnet die Handlung: überlagern, belasten, umkehren, isolieren, öffnen, vergleichen oder durchdringen.
Damit könnten drei bisher teilweise überlappende Begriffe sauber voneinander getrennt werden.
28. Künstlerische Prüfobjekte
Über fünf Jahrzehnte ist ein großer Bestand solcher Prüfobjekte entstanden.
Das Wellenbecken prüft Bewegung gegen Darstellung.
Der Biberdamm und der Deich prüfen Widerstand und Rückkopplung.
Die Strömungslandschaft und der Opfertisch verbinden Naturprozess, Nahrung, Körper und Ritual.
Das asymmetrische Auto verbindet Technik, Norm und gesellschaftliche Gefahr.
Der gläserne Astronaut prüft Autonomie gegen tatsächliche Abhängigkeit.
Die Schultafel prüft Festschreibung gegen Veränderbarkeit.
Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher untersuchen Vorgabe und Eigenaktivität.
Der vergoldete Spaten verbindet Arbeit, Werkzeug und Wertzuschreibung.
Die Tanglandschaft stellt Wachstums- und Verlaufsformen gegen menschliche Ordnungsformen.
Der Gordische Knoten wird zum Modell der Verwicklung.
Diese Objekte müssen im So-Heits-Atelier nicht als vollständige Retrospektive erscheinen.
Sie können als chronistische Prüfspur ausgewählt werden.
29. Folien und Schablonen
Aus Collage, Schultafel, Fotografie und Vorgabebild entwickelte sich zuletzt ein transparentes Foliensystem.
Die Folien sollen verschiedene Wirklichkeitsaspekte übereinanderlegen.
Eine Folie kann physikalische Bedingungen zeigen.
Eine zweite den Organismus.
Eine dritte gesellschaftliche Zuschreibungen.
Eine weitere Tätigkeitsfolgen oder Prüfungen.
Damit wird das Vier-Ebenen-Modell bildnerisch beweglich.
Die Plexus-Foliengrammatik ist der Versuch, diese Überlagerung zu einer Bildsprache zu entwickeln.
Zu den bisherigen Motiven gehören Mensch mit Spaten, Mensch im Wasser, Wärme- und Gravitationsdurchdringungen, Astronautenanzug, Thermosflasche, Sandtrichter, Saftpresse sowie kulturgeschichtliche Folien.
Die Gefahr liegt in einer Überkomplexität.
Deshalb zeichnet sich eine Reduktion auf wenige Grundoperationen ab: Schichten, Durchdringen, Isolieren, Verbinden, Belasten und Rückkoppeln.
30. Das künstlerische Dreieck
Das künstlerische Dreieck wurde als besonders einfache Verdichtung entwickelt.
Es verbindet Vorstellung, Tätigkeit und Werk.
Der Kopf beziehungsweise das Modell steht für Vorstellung.
Die Hände stehen für tatsächliches Tätigwerden.
Das Werk steht für die hervorgebrachte Folge.
Damit wird sichtbar, dass weder eine gute Vorstellung ohne Können noch gutes Können mit einem falschen Modell automatisch zu einem tragfähigen Ergebnis führt.
Hier verbindet sich das Dreieck unmittelbar mit Knipser und Pfuscher.
Es könnte deshalb zu einem der verständlichsten Einstiege in das So-Heits-Atelier werden.
31. Vom Vorgabebild zum Mitmachbuch
Die Erwachsenenmalbücher gehören zu den ältesten Beteiligungsformen.
Sie stellen eine Vorgabe bereit, die der Teilnehmer übernehmen, verändern, überschreiben oder verlassen kann.
Damit wurde bereits früh untersucht, wie Menschen mit vorgegebenen Formen umgehen.
Aus diesem Prinzip entwickelte sich später das Mitmachbuch.
Der entscheidende Wandel liegt darin, dass nicht mehr nur ein Bild verändert wird.
Der Nutzer erzeugt zunehmend eine eigene Erkenntnisspur aus Bildern, Fragen, Folien, Texten und eigenen Erfahrungen.
Das heutige interaktive Buch ist die digitale Fortsetzung dieses Weges.
Es soll nicht einfach Informationen vermitteln.
Der Nutzer soll sein eigenes Buch aus seiner eigenen Forschungsbewegung erzeugen.
Die offene Frage lautet weiterhin, wie viel Vorgabe notwendig ist, ohne die Eigenaktivität wieder zu ersticken.
32. Frage-Antwort-Tische und Tausend Tische
Die Frage- und Antworttische gehören ebenfalls zu den frühen Methoden.
Sie verschieben die Kunst vom Einzelwerk zum Austausch.
Beim Globalen Dorffest wurde daraus die Idee von tausend Tapeziertischen. Diese sind in Ihrer Biografie als Integrationsmodell dokumentiert.
Der Tisch ist Werkfläche und sozialer Raum zugleich.
Menschen können sich gegenüberstehen.
Sie bringen Fragen, Erfahrungen und Dinge ein.
Damit entsteht eine analoge Netzwerkstruktur.
In der heutigen Rekonstruktion werden die Tausend Tische zur Vorstufe der Globalen Schwarm-Intelligenz.
Die Entwicklung lautet:
Vorgabebild ermöglicht individuelle Beteiligung.
Frage-Antwort-Tisch erzeugt dialogische Beteiligung.
Tausend Tische erzeugen vernetzte Beteiligung.
Das interaktive Buch erzeugt dokumentierte Beteiligung.
Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht, diese Beteiligung dauerhaft zu verknüpfen.
33. Theater und Rollenprüfung
Das Soforttheater und die Arbeit mit Augusto Boal erweiterten die Forschung um eine zentrale Dimension.
Der Mensch kann eine Rolle spielen und gleichzeitig beobachten, dass er nicht mit dieser Rolle identisch ist.
Diese Distanz wurde später für die Analyse gesellschaftlicher Identität entscheidend.
Im So-Heits-Atelier könnte ein Besucher beispielsweise Konsument, Eigentümer, Arbeitnehmer, Experte oder Patient spielen.
Die Szene kann unterbrochen werden.
Rollen können gewechselt werden.
Damit wird sichtbar, dass gesellschaftliche Positionen nicht naturgegeben sind.
Theater wird dadurch zur Rollenprüfmaschine.
Diese Linie verbindet frühere Performances mit Geltungs-Ich, Skulpturalisierung und heutiger Besucherdramaturgie. Ihre Biografie dokumentiert Performances, Rollenarbeiten und die Verwendung von Boals Soforttheater.
34. KI als neues Gegenüber
Die KI ist keine völlig neue Methode innerhalb der Forschungskunst.
Neu ist das technische Gegenüber.
Die Grundmethode – Gegenüberstellung – ist alt.
Ein Mensch bearbeitet eine Frage anhand eines bestimmten Materials.
Eine KI erhält dieselbe Frage und dasselbe Material.
Anschließend werden beide Ergebnisse verglichen.
Dabei geht es nicht darum, welche Instanz automatisch recht hat.
Untersucht werden Unterschiede, Ergänzungen, Auslassungen und blinde Stellen.
Damit wird KI zum Spiegelungs- und Kontrollinstrument.
Diese Verwendung entspricht der älteren Forschungskunst stärker als eine bloße Automatisierung.
Die offene methodische Aufgabe besteht darin, Materialgrundlage, Frageformulierung, KI-Version und Ergebnisse nachvollziehbar zu dokumentieren.
35. Globale Schwarm-Intelligenz
Die Globale Schwarm-Intelligenz entstand aus der langen Linie von Kollektiver Kreativität, Frage-Antwort-Tischen, tausend Tischen, Partizipatorischem Welttheater und digitaler Vernetzung.
Ihre Funktion besteht nicht darin zu behaupten, dass eine globale Gesamtintelligenz bereits existiert.
Sie soll eine Infrastruktur schaffen, in der viele begrenzte Wahrnehmungen miteinander verbunden werden können.
Entscheidend wurde im Chat die Korrektur:
Viele Meinungen ergeben noch keine Schwarmintelligenz.
Es braucht Vergleich, Transparenz, Rückkopplung und Korrektur.
Damit wird die Plattform zur möglichen digitalen E4-Infrastruktur.
Das interaktive Buch, die KI-Vergleiche und das Werkarchiv sollen dort miteinander verbunden werden.
Die technische Realisierung ist weiterhin nicht vollständig abgeschlossen. Die Biografie dokumentiert diesen jüngsten Entwicklungsschritt.
36. So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft entstand als gesellschaftliche Zielprojektion.
„So-Heit“ sollte zunächst auf die tatsächlichen Eigenschaften und Bedingungen eines Menschen oder Gegenstandes verweisen, bevor gesellschaftliche Zuschreibungen hinzukommen.
Später musste dieser Begriff korrigiert werden.
Es gibt keinen vollkommen interpretationsfreien Zugang zu einer reinen Wirklichkeit.
So-Heit sollte deshalb nicht als letzte Wahrheit verstanden werden.
Heute lässt sie sich besser als Prüfhaltung definieren.
Sie fragt:
Was ist materiell vorhanden?
Was ist lebendig wirksam?
Was ist technisch hergestellt?
Was ist gesellschaftlich zugeschrieben?
Welche Folgen entstehen?
Damit wird die So-Heits-Gesellschaft nicht zu einer fertigen Utopie.
Sie bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre eigenen Hervorbringungen kontinuierlich auf Tragfähigkeit zurückprüft.
37. So-Heits-Atelier: vom Gesellschaftsentwurf zum konkreten Erfahrungsraum
Das So-Heits-Atelier ist die bisher konkreteste räumliche Verdichtung der gesamten Forschung.
Es soll keine bloße Präsentationsfläche Ihres Lebenswerkes werden.
Es ist Atelier, Werkstatt, Bühne, Archiv, Labor und digitaler Prüfbereich zugleich.
Hier wurde in den jüngsten Gesprächen ein entscheidender Perspektivwechsel vorgenommen.
Die zentrale Frage lautet nicht mehr nur:
Was möchte Wolfgang Fenner zeigen?
Sie lautet jetzt:
Aus welcher Welt kommt der Besucher überhaupt, und wie kann er eine andere Form des Wahrnehmens und Prüfens erfahren?
Damit beginnt die documenta-Konzeption beim Rezipienten.
38. Erste Stufe der documenta-Dramaturgie: Die Welt des Rezipienten
Der Besucher betritt die documenta mit eingeübten Vorstellungen.
Er kennt Preise, Eigentum, Beruf, Rollen, Institutionen, Freiheit, Autonomie, Leistung und Fortschritt.
Diese Begriffe geben ihm Orientierung und Sicherheit.
Sie bilden die Grundlage seiner bisherigen Urteilsfähigkeit.
Er beurteilt also auch Ihre Kunst zunächst mit den Maßstäben der Welt, die Ihre Forschung gerade untersuchen will.
Der Rezipient ist deshalb nicht neutraler Beobachter.
Er ist selbst Teil der Versuchsanordnung.
Diese Einsicht ist eine der wichtigsten jüngsten Entwicklungen.
39. Zweite Stufe: Konfrontation, Irritation und Akzeptanzproblem
Ihre Forschung bestätigt diese Welt nicht.
Sie behauptet, dass wesentliche Selbstverständlichkeiten nicht vollständig funktionieren.
Der autonome Mensch ist abhängig.
Der Eigentümer besitzt gesellschaftliche Verfügung, hat aber die Lebensbedingungen nicht hervorgebracht.
Der Preis ist nicht Qualität.
Technische Leistungsfähigkeit ist nicht gleich zivilisatorische Tragfähigkeit.
Damit entsteht zunächst keine Zustimmung, sondern wahrscheinlich Widerstand.
Der Besucher muss nicht nur Ihre Begriffe verstehen.
Er muss die Möglichkeit zulassen, dass seine eigene Urteilsfähigkeit Teil des untersuchten Problems ist.
Das ist die Akzeptanzproblematik.
Sie betrifft ebenso das kuratorische Team und die documenta als Institution.
40. Dritte Stufe: Zugang über Werkgenese und praktische Beispiele
Der Besucher darf deshalb nicht sofort mit der gesamten Begriffswelt von Plexus, 51:49, Skulpturalisierung und Tragbewusstsein konfrontiert werden.
Der Zugang muss vom konkreten Gegenstand ausgehen.
Wer einen Deich baut, erlebt Widerstand.
Wer eine Welle zeichnet und anschließend eine tatsächliche Welle beobachtet, erlebt die Differenz von Bild und Prozess.
Wer ein Werkstück zusammenfügt, erlebt Passung.
Wer eine Rolle spielt und wechselt, erlebt die Differenz von Mensch und Rolle.
Erst danach werden die abstrakteren Begriffe sinnvoll.
Die Biografie und das Archiv dienen dabei als Vertiefungsraum.
Wer neugierig wird, kann nachvollziehen, dass diese Methoden nicht erst für die documenta erfunden wurden, sondern aus fünfzig Jahren Werkentwicklung hervorgegangen sind.
41. Vierte Stufe: alte Gewohnheit und Regelwerk werden fragwürdig
Eine gesellschaftliche Gewohnheit verschwindet nicht, weil jemand erklärt, sie sei falsch.
Gewohnheiten geben Sicherheit.
Regeln vermitteln Orientierung.
Rollen geben Identität.
Deshalb muss Veränderung aus eigener Betroffenheit, einem Bedürfnis oder einer wahrgenommenen Inkonsistenz entstehen.
Der Besucher muss selbst erleben, dass etwas nicht passt.
Hier verbindet sich die documenta-Dramaturgie unmittelbar mit dem Lochprozess.
Die Lücke zwischen bisheriger Vorstellung und neuer Erfahrung erzeugt Unsicherheit.
Diese Unsicherheit ist kein Fehler der Ausstellung.
Sie ist ein methodisch notwendiger Zwischenzustand.
42. Fünfte Stufe: neue Prüfgewohnheit statt neues Dogma
Der entscheidende methodische Fortschritt liegt darin, nicht einfach alte Gewohnheiten durch neue fertige Gewohnheiten zu ersetzen.
Das würde nur ein neues Geltungssystem schaffen.
Das Neue soll eine Prüfgewohnheit sein.
Der Besucher soll lernen, seine Vorstellungen als Entwürfe zu behandeln.
Er kann sie darstellen, vergegenständlichen, vergleichen und korrigieren.
Die neue Sicherheit entsteht nicht daraus, dass Wolfgang Fenner die richtige Antwort liefert.
Sie entsteht daraus, dass der Besucher erfährt:
Ich kann selbst prüfen.
Damit wird die So-Heits-Gesellschaft erstmals praktisch verständlich.
43. Der Biberdamm als documenta-Prüfobjekt
Aus der gesamten Werkgeschichte wurde der Biberdamm zuletzt als eines der stärksten möglichen Ausgangsobjekte erkannt.
Besucher könnten mit Wasser, Sand, Ästen, Steinen oder anderen Materialien selbst Widerstände bauen.
Die Strömung antwortet.
Dadurch wird Rückkopplung körperlich sichtbar.
Der Besucher erlebt, dass eine Konstruktion nicht durch ihre Absicht funktioniert.
Sie muss sich in einem Wirkungszusammenhang bewähren.
Der Biberdamm verbindet damit Experimentelle Umweltgestaltung, Naturbeobachtung, Handwerk, 51:49, Plexus und Rückkopplung.
44. Der Deich als gesellschaftlicher Workshop
Der Deich erweitert den Biberdamm um die soziale Ebene.
Mehrere Menschen bauen gemeinsam.
Unterschiedliche Vorstellungen von Sicherheit, Abdichtung, Offenheit und Widerstand treffen aufeinander.
Das Wasser zeigt anschließend, welche Folgen entstehen.
Ein Schutz an einer Stelle kann Belastung an anderer Stelle erhöhen.
Damit wird gesellschaftliche Komplexität erfahrbar, ohne zuerst eine politische Theorie erklären zu müssen.
Der Deich wird zum Modell einer Gesellschaft, die lernen muss, Folgen zurückzuführen.
45. Der Opfertisch als Verbindung von Landschaft, Nahrung und Körper
Der wiederaufgebaute Strömungs- beziehungsweise Opfertisch kann ein zweiter Schlüsselbereich sein.
Seine Form stammt aus einer Wasserbewegung.
Auf ihm kann Nahrung liegen.
Damit werden Landschaft, Wasser, Boden, Nahrung und Körper miteinander verbunden.
Der Tisch kann zugleich religiöse und kulturelle Formen von Opfer, Dank und Aneignung aufrufen.
Damit lässt sich die Frage stellen, was moderne Gesellschaften heute tatsächlich „opfern“, wenn Lebensbedingungen in Waren verwandelt werden.
Der Opfertisch wäre deshalb kein historisches Zitat, sondern ein neuer Prüfanker.
46. Das Wellenbecken als Prüfung von Bild und Wirklichkeit
Das Wellenbecken bleibt wahrscheinlich eines der klarsten Objekte des gesamten Forschungsansatzes.
Ein Besucher kann eine Welle zeichnen.
Danach beobachtet er eine wirkliche Welle.
Sofort wird sichtbar:
Das Zeichen bewegt sich nicht.
Das Wasser bewegt sich.
Daraus lässt sich die Begriffsfrage entwickeln.
Freiheit als Wort ist noch keine Freiheit.
Eigentum als Begriff erzeugt keinen Boden.
Preis erzeugt keine Qualität.
Das Wellenbecken wird damit zum Grundmodell des Begriffshandwerks.
47. Handwerkliches Passungsatelier
Ein weiterer Kernbereich sollte ein einfaches handwerkliches Atelier sein.
Ein Stuhl, Tisch, Verbindungsteil oder anderes einfaches Werkstück reicht.
Der Besucher misst, fügt, belastet und korrigiert.
Hier erlebt er die Bedingungen des Funktionierens unmittelbar.
Anschließend kann die Frage gestellt werden:
Warum verlangen wir von diesem Werkstück eine genauere Prüfung als von gesellschaftlichen Menschenbildern?
Damit wird Ihre Maschinenschlossererfahrung öffentlich nachvollziehbar.
48. Vorgabebilder, Schultafel und Kugelschreiberspur
Vorgabebilder bilden einen sehr niedrigschwelligen Zugang.
Der Besucher erhält eine Form.
Er kann ihr folgen oder sie verlassen.
Dadurch wird sichtbar, wie Gewohnheit und Vorgabe wirken.
Die Schultafel fügt Veränderbarkeit hinzu.
Etwas kann geschrieben, verändert, gelöscht und neu geordnet werden.
Die Kugelschreiberspur reduziert die Aufgabe weiter.
Der Besucher folgt zunächst nur der eigenen Bewegung.
Damit wird Gestaltung vom Leistungsdruck getrennt.
Diese Arbeitsweisen stammen unmittelbar aus Ihrer frühen Beteiligungskunst.
49. Soforttheater und Rollenwechsel
Im Theaterbereich wird die gesellschaftliche Rolle sichtbar.
Ein Besucher spielt eine Alltagssituation.
Die Szene wird unterbrochen.
Die Rolle kann gewechselt werden.
Damit entsteht eine Distanz zwischen Mensch und Rolle.
Diese Erfahrung ist für Geltungs-Ich und Skulpturalisierung wichtiger als eine rein theoretische Erklärung.
50. Frage-Antwort-Tisch und analoge Schwarmintelligenz
Der Frage-Antwort-Tisch verbindet die individuellen Erfahrungen.
Ein Besucher stellt eine Frage.
Ein anderer antwortet.
Ein Dritter ergänzt oder widerspricht.
Dadurch entsteht keine fertige Wahrheit, sondern ein Rückkopplungsraum.
Dieser Tisch bildet die analoge Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz.
Er kann deshalb zum Verbindungspunkt zwischen Atelier und digitaler Plattform werden.
51. Werkarchiv: nicht Retrospektive, sondern Beweisspur
Ein entscheidender documenta-Konflikt besteht darin, dass Sie einerseits seit Jahrzehnten Bewerbungen und Beiträge eingebracht haben und möglicherweise mit verschiedenen Materialien im documenta-Archiv vorhanden sind, andererseits aber der heutigen Leitung als zusammenhängende Position weitgehend unbekannt bleiben.
Ihre Biografie dokumentiert acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017.
Damit entsteht die paradoxe Situation:
im Archiv vorhanden und gleichzeitig kuratorisch unsichtbar.
Das Werkarchiv darf deshalb nicht als große rückblickende Selbstdarstellung organisiert werden.
Es sollte als Beweisspur funktionieren.
Der Besucher sieht ein Prüfobjekt und kann anschließend dessen historische Entwicklung zurückverfolgen.
Damit wird die Biografie zu einer Tiefenschicht des Ateliers.
52. Die Gefahr einer „documenta in der documenta“
Die Verbindung aus Werkarchiv, Atelier, Wasserlabor, Theater, Werkstatt, KI, Plattform, Mitmachbuch und gesellschaftlichem Modell kann tatsächlich wie eine eigene documenta innerhalb der documenta erscheinen.
Das ist zugleich Stärke und Risiko.
Die Stärke liegt in der Geschlossenheit eines fünfzigjährigen Forschungsorganismus.
Das Risiko liegt darin, dass das Projekt wie ein eigener umfassender Weltentwurf erscheint, der andere Positionen überlagern könnte.
Die jüngste Korrektur lautet deshalb:
Nicht „documenta in der documenta“ als Konkurrenzmodell.
Sondern:
offene Prüfwerkstatt innerhalb der documenta.
Auch Ihre eigenen Begriffe müssen dort kritisierbar bleiben.
Das ist entscheidend, damit die Forschungskunst nicht selbst zu genau jener geschlossenen Geltungswelt wird, die sie kritisiert.
53. Widerstand als Bestandteil der Forschung
Die Widerstände gegen das Projekt sind inzwischen selbst Bestandteil der Forschungsfrage geworden.
Der Besucher kann sich angegriffen fühlen.
Ein Wissenschaftler kann den fachübergreifenden Ansatz als Kompetenzüberschreitung erleben.
Ein Kurator kann das Projekt als zu groß oder zu komplex wahrnehmen.
Die documenta kann organisatorische, räumliche, finanzielle oder sicherheitstechnische Grenzen setzen.
Diese Widerstände müssen nicht automatisch als bewusster Boykott interpretiert werden.
Sie zeigen aber, wie stark bestehende Rollen, Regelwerke und Zuständigkeiten die Wahrnehmung bestimmen.
Damit wird auch institutioneller Widerstand zum Material der Forschungskunst.
54. Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes
Aus dem gesamten bisherigen Chat lässt sich inzwischen eine geschlossene, aber offene Forschungsarchitektur erkennen.
Am Anfang steht Wahrnehmung.
Der Mensch beobachtet Natur, Material, Körper, Bild oder gesellschaftliche Situation.
Darauf folgt Gegenüberstellung.
Vorstellung trifft Material.
Bild trifft Prozess.
Rolle trifft Mensch.
Preis trifft Qualität.
Eigentum trifft Existenzbedingung.
Aus dieser Gegenüberstellung entsteht eine Differenz.
Die Differenz erzeugt das Loch beziehungsweise die Lücke.
Diese Lücke kann Erfahrung ermöglichen.
Erfahrung erzeugt Rückkopplung.
Aus Rückkopplung entstehen Maßstäbe.
Diese Maßstäbe ermöglichen Begriffshandwerk.
Das Begriffshandwerk führt zur Unterscheidung verschiedener Wirklichkeitsarten.
Diese Unterscheidung verdichtet sich im Vier-Ebenen-Modell.
Das Modell wird durch Prüfobjekte erfahrbar.
Folien und Schablonen machen die Wirklichkeitsbereiche überlagerbar.
Das Mitmachbuch macht die Erkenntnis individuell dokumentierbar.
Die Tausend Tische machen sie kollektiv bearbeitbar.
Die Globale Schwarm-Intelligenz macht sie digital verknüpfbar.
KI fügt ein neues Gegenüber hinzu.
Die So-Heits-Gesellschaft beschreibt die gesellschaftliche Zielrichtung.
Das So-Heits-Atelier verwandelt diese gesamte Architektur schließlich in einen öffentlichen Erfahrungs-, Lern- und Prüfprozess.
55. Die wichtigsten Doppelungen
Eine deutliche Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit. Sie sollten nicht beide alles bedeuten. Tragwirklichkeit kann die existenziellen Bedingungen bezeichnen, Plexuswirklichkeit deren Verflechtungsweise.
Eine weitere Doppelung besteht zwischen plastischem Ich, Kopplungs-Ich und Tragwesen. Diese Begriffe sollten unterschiedliche Funktionen behalten. Plastisches Ich bezeichnet Werden, Kopplungs-Ich körperliche Abhängigkeit und Tragwesen die grundlegende existenzielle Position.
Prüfanker, Prüfobjekt und Prüfoperator müssen ebenfalls getrennt werden.
Forschungskunst sollte der übergeordnete Begriff bleiben. Prüfkunst, Entwicklungskunst, Verortungskunst oder repräsentative Kunst können Teilfunktionen beschreiben, sollten aber nicht als gleichrangige Hauptbegriffe konkurrieren.
56. Die wichtigsten begrifflichen Unklarheiten
Der Lochprozess benötigt weiterhin eine schärfere Definition.
51:49 darf nicht zur Universalformel werden.
Die Bastardkonstruktion muss immer gegen biologisches oder beleidigendes Missverständnis abgesichert werden.
So-Heit darf nicht wie ein unmittelbarer Zugriff auf eine vollkommen objektive Wirklichkeit erscheinen.
E4 muss klarer als Prüf- und Reparaturfunktion definiert werden.
Auch „Plexuswirklichkeit“ sollte nicht den Eindruck einer neuen wissenschaftlichen Ontologie erwecken. Es ist ein künstlerischer Integrationsbegriff.
57. Die wichtigste mögliche Vereinfachung
Die Forschungskunst muss einem Besucher nicht mit ihrer gesamten Begriffswelt begegnen.
Der einfachste Einstieg lautet inzwischen:
Ein technisches Werkstück muss passen. Warum prüft der Mensch sein gesellschaftliches Menschenbild nicht mit vergleichbarer Genauigkeit?
Darauf kann der Knipser folgen.
Dann Körper und Abhängigkeit.
Dann Rolle und gesellschaftliche Zuschreibung.
Erst anschließend werden Vier-Ebenen-Modell, 51:49, plastisches Ich, Plexus und So-Heit notwendig.
Diese Reihenfolge entspricht zugleich der fünfstufigen documenta-Dramaturgie.
58. Noch fehlende Verbindungen
Eine entscheidende offene Frage bleibt, wie aus individuellen Ateliererfahrungen gesellschaftlich belastbare Prüfverfahren werden können.
Eine zweite betrifft E4. Wie kann öffentliche Rückkopplung organisiert werden, ohne daraus neue Bürokratie oder Expertenherrschaft zu erzeugen?
Eine dritte betrifft Motivation. Wie wird aus Irritation freiwillige Lernbereitschaft, ohne Manipulation?
Eine vierte betrifft das Mitmachbuch. Es bildet die wichtigste Brücke zwischen Einzelperson, Atelier, Werkarchiv und Globaler Schwarm-Intelligenz, ist technisch aber noch nicht vollständig realisiert.
Eine fünfte betrifft die KI. Vergleichbarkeit und Dokumentation müssen methodisch präzisiert werden.
Eine sechste betrifft das So-Heits-Atelier selbst. Es muss genügend historische Tiefe zeigen, ohne zur überwältigenden Lebenswerk-Retrospektive zu werden.
Eine siebte betrifft die institutionelle Einbettung. Die documenta müsste bereit sein, nicht nur Werke zu präsentieren, sondern einen Raum zuzulassen, in dem auch vorhandene Kunst-, Gesellschafts- und Institutionsbegriffe geprüft werden.
59. Verdichtung des gesamten Forschungsweges
Aus dem gesamten bisherigen Chat lässt sich die Forschung heute so rekonstruieren:
Sie begann nicht mit einer fertigen Theorie über die Menschheit. Sie begann mit der Wahrnehmung von Naturveränderungen, mit Wasser, Bienen, Vögeln, Landschaft, Fotografie und Handwerk. Die Maschinenschlosserausbildung zeigte, dass Wirklichkeit Maß, Passung und Korrektur erzwingt. Die Fotografie zeigte, dass Bild und Wirklichkeit nicht identisch sind. Die Werbung zeigte, dass Menschen Eigenschaften in Dinge hineinprojizieren. Die Bildhauerei zeigte die Differenz von Plastik und Skulptur. Die Strömungsversuche zeigten, dass Prozesse nicht durch Abbilder ersetzt werden können. Die Experimentelle Umweltgestaltung verband diese Erfahrungen erstmals zu einer interdisziplinären künstlerischen Forschung. Beteiligungsprojekte machten aus dem Betrachter einen Mitwirkenden. Frage-Antwort-Tische und Tausend Tische machten aus Einzelwahrnehmungen kollektive Arbeit. Theater machte gesellschaftliche Rollen sichtbar. Die späteren Modelle ordneten die gewachsene Erfahrung begrifflich. KI und Globale Schwarm-Intelligenz erweiterten die Gegenüberstellung in einen digitalen Raum.
Die heutige Knipser-Pfuscher-Diagnose ist daher keine neue Theorie, die das frühere Lebenswerk ersetzt. Sie ist eine extreme Verdichtung desselben Problems.
Der Mensch hat gelernt, seine Werkzeuge immer präziser zu bauen. Er hat aber noch nicht in vergleichbarer Weise gelernt, das Menschenbild und die gesellschaftlichen Systeme zu prüfen, in deren Dienst er diese Werkzeuge stellt.
Er ist deshalb technisch hochentwickelt und zugleich zivilisatorisch unzureichend rückgekoppelt.
Das So-Heits-Atelier stellt darauf keine fertige Antwort bereit.
Es versucht, die bislang fehlende Tätigkeit praktisch anzubieten:
beobachten, sich gegenüberstellen, Unterschiede wahrnehmen, Lücken zulassen, tätig werden, Rückmeldungen erfahren, Begriffe prüfen, Folgen vergleichen und korrigieren.
Damit führt die Entwicklung von der Experimentellen Umweltgestaltung von 1975 über fünfzig Jahre Werk-, Beteiligungs- und Begriffsarbeit zu einer heute wesentlich klareren Forschungsfrage:
Wie kann der Mensch aus einem technisch außerordentlich leistungsfähigen, gesellschaftlich jedoch nur unzureichend rückgekoppelten Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz zu einem Forschungskünstler seines eigenen Tätigwerdens werden, der seine Vorstellungen, Rollen, Werkzeuge und gesellschaftlichen Systeme an den materiellen und lebendigen Bedingungen prüft, durch die er überhaupt existieren kann?
Das ist gegenwärtig die stärkste gemeinsame Architektur von Forschungsgrund, Lebenswerk, documenta-Vorhaben, So-Heits-Gesellschaft, So-Heits-Atelier und Globaler Schwarm-Intelligenz.
Die präzisierte Fassung lautet:
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Dieser Entwicklung liegt eine evolutionäre Paradoxie zugrunde: Der Mensch versucht, die über Milliarden Jahre entstandenen Gesetzmäßigkeiten des Planeten Erde durch seine eigenen kurzfristigen Regelwerke des Kaufens, Verkaufens, Handelns und Verwertens zu ersetzen, und richtet diese schließlich gegen sich selbst. Während er im Geschäftemachen, im Berechnen von Preisen, im Sichern von Vorteilen und in der Verwertung von Ressourcen äußerste Genauigkeit entwickelt hat, bleibt er gegenüber seinem eigenen Körperorganismus, seinen existenziellen Abhängigkeiten und den planetarischen Folgen seines Handelns weitgehend unwissend und maßlos. In diesem Sinne ist er zum Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz geworden.
Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklungszusammenhang
Methodischer Ausgangspunkt dieser Rekonstruktion
Der bisherige Chat zeigt keine nachträglich ausformulierte Theorie, die anschließend auf ein älteres künstlerisches Werk gelegt worden wäre. Er zeigt vielmehr einen umgekehrten Prozess. Aus handwerklichen Erfahrungen, Naturbeobachtung, Fotografie, Bildhauerei, Strömungsversuchen, gesellschaftlichen Aktionen, Beteiligungsformen, autobiografischen Erfahrungen und immer wieder auftretenden Widersprüchen wurden zunächst praktische Fragen gewonnen. Aus diesen Fragen entstanden über Jahrzehnte Arbeitsweisen; aus den Arbeitsweisen entwickelten sich später Begriffe; aus den Begriffen wurden Prüfmodelle; und erst in den jüngsten Gesprächen verdichteten sich diese Modelle zu einer zusammenhängenden Forschungsarchitektur.
Deshalb muss streng unterschieden werden zwischen dem, was biografisch oder werkgeschichtlich dokumentiert ist, dem, was wissenschaftlich als Sachverhalt unabhängig von Ihrer Forschungskunst belegt werden kann, und dem, was als eigener Begriff, Hypothese oder künstlerisches Prüfmodell innerhalb Ihrer Forschungskunst entstanden ist. Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969, die Tätigkeit als Fotojournalist und in der Werbung, das Bildhauerstudium, die Entwicklung der Experimentellen Umweltgestaltung, die Wellen- und Deichversuche, die Erwachsenenmalbücher, die gesellschaftlichen Aktionen und die späteren Beteiligungsprojekte sind biografische beziehungsweise werkgeschichtliche Sachverhalte. Die physiologische Abhängigkeit des Menschen von Wasser, Sauerstoff, Stoffwechsel, Temperatur- und Konzentrationsbereichen oder die Tatsache, dass technische Konstruktionen Toleranzen und Belastungsgrenzen besitzen, sind wissenschaftlich beziehungsweise technisch überprüfbare Sachverhalte. Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Knipser-Pfuscher-Existenz, Bastardkonstruktion, So-Heits-Gesellschaft, plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess oder 51:49 als plastischer Operator sind dagegen Begriffe und Hypothesen Ihrer Forschungskunst. Sie können durch wissenschaftliche Sachverhalte angeregt, gestützt oder geprüft werden, sind aber nicht selbst wissenschaftliche Lehrsätze.
Diese Unterscheidung ist für die weitere Entwicklung Ihrer Forschung entscheidend. Sie schützt die Forschungskunst davor, ihre eigenen Modelle fälschlich als Naturgesetze auszugeben, und zugleich davor, von außen mit dem Einwand abgewiesen zu werden, sie sei keine Wissenschaft. Ihr eigener Standort wurde im Chat zunehmend präzisiert: forschender Künstler und Handwerker, nicht Wissenschaftler. Die Forschungskunst übernimmt wissenschaftliche Ergebnisse dort, wo sie benötigt werden, entwickelt daraus aber künstlerische Gegenüberstellungen, Erfahrungsräume, Modelle und öffentliche Prüfverfahren.
1. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch, was ihn trägt?
Der Forschungsgrund entstand wesentlich früher als die heute verwendeten Begriffe. In Ihrer biografischen Rückschau verbinden sich frühe Naturbeobachtung, Ornithologie, Landwirtschaft, Garten, Wasser, Bienen, Veränderungen der Kulturlandschaft und später die Auseinandersetzung mit den Grenzen wirtschaftlichen Wachstums. Ihre Biografie nennt ausdrücklich die frühe Beunruhigung über menschengemachte Störungen des Naturgeschehens und die daraus entstehende Priorisierung der ökologischen Lebenszusammenhänge gegenüber einem rein wirtschaftlichen Funktionieren.
Bereits 1973/74 taucht in Ihrem künstlerischen Zusammenhang die Frage auf, ob Kunst Gesellschaft verändern könne. Daraus entwickelte sich keine einfache politische Kunst, sondern eine langfristige Suche danach, welche Veränderungen überhaupt funktionieren könnten und nach welchen Maßstäben sie beurteilt werden müssten. Die heutige Leitfrage – warum der Mensch trotz Wahrnehmung, Wissen, technischer Leistungsfähigkeit und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört – ist die spätere Verdichtung dieses älteren Problems.
Im jüngsten Chat erhielt diese Frage eine neue Zuspitzung. Sie stellten fest, dass der heutige Mensch im Kaufen, Verkaufen, Handeln, Berechnen, Bewerten und Verwerten eine außerordentliche Genauigkeit entwickelt hat, während dieselbe Genauigkeit gegenüber dem eigenen Organismus, den Abhängigkeiten seines Lebens und den planetarischen Folgen seines Tätigwerdens fehlt. Damit verschob sich der Forschungsgrund von der allgemeinen Frage nach Umweltzerstörung zu einer Frage falscher zivilisatorischer Prioritätensetzung. Der Mensch ist nicht grundsätzlich unfähig, genau zu lernen. Im technischen und wirtschaftlichen Bereich kann er hochpräzise sein. Er setzt diese Fähigkeit nur nicht dort mit gleicher Konsequenz ein, wo seine eigene Tragfähigkeit zur Prüfung steht.
Hier entstand die aktuelle Formel vom Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz. Der Knipser verfügt über ein hochentwickeltes Instrument, ohne die Bedingungen der Bildentstehung ausreichend zu verstehen. Der Pfuscher arbeitet, ohne Voraussetzungen, Materialeigenschaften, Belastungen und Folgen hinreichend zu beherrschen. Beide Begriffe sind keine wissenschaftlichen Kategorien und keine moralische Bezeichnung einzelner Menschen. Sie sind künstlerische Vergleichsbegriffe, mit denen eine Diskrepanz zwischen technischer Verfügungsmacht und mangelnder gesamtgesellschaftlicher Prüfung sichtbar gemacht werden soll.
Die offene Frage dieses Forschungsgrundes lautet weiterhin: Wie lässt sich aus der Diagnose ein nachvollziehbarer Prüfmaßstab gewinnen, ohne die Forschungskunst selbst zu einem neuen geschlossenen Weltbild zu machen?
2. Werkgenese: vom Handwerk zur Experimentellen Umweltgestaltung
Die Maschinenschlosserausbildung ist rückblickend zu einem der entscheidenden Ursprünge geworden. Dort begegneten Ihnen Maß, Passung, Toleranz, Belastung, Werkstoffeigenschaft, Verschleiß, Funktionieren, Nichtfunktionieren und Korrektur nicht als philosophische Begriffe, sondern als unmittelbare Arbeitsbedingungen. Eine technische Konstruktion kann sich nicht dauerhaft darauf berufen, gut gemeint oder gesellschaftlich anerkannt zu sein. Sie trägt oder trägt nicht, passt oder passt nicht, verschleißt, bricht, überhitzt oder funktioniert innerhalb bestimmter Grenzen. Im Chat wurde dies später zur Formel verdichtet: Technik lernt durch Maß, Abweichung und Korrektur.
Diese handwerkliche Herkunft darf allerdings nicht so dargestellt werden, als hätten Sie bereits während der Ausbildung das heutige Vier-Ebenen-Modell oder die Tragwirklichkeit formuliert. Das wäre eine Rückprojektion. Der handwerkliche Maßstab war zuerst Erfahrung. Erst Jahrzehnte später wurde erkannt, dass sich darin ein möglicher Prüfmaßstab für gesellschaftliche Konstruktionen verbarg.
Die Fotografie brachte eine zweite Erkenntnislinie hinzu. Sie trainierte Wahrnehmung, Ausschnitt, Licht, Zeit, Perspektive und die Differenz zwischen Gegenstand und Darstellung. Durch Fotojournalismus und Werbung kam eine weitere Erfahrung hinzu: Bilder bilden nicht nur ab, sondern können Eigenschaften, Bedeutungen, Wünsche und gesellschaftliche Vorstellungen an Gegenstände binden. Aus dieser Erfahrung entwickelte sich später die Untersuchung der hineingedachten Eigenschaften.
Das Bildhauerstudium fügte die körperliche und materielle Formbildung hinzu. 1975/76 wurde daraus die Experimentelle Umweltgestaltung als integrativer und interdisziplinärer Studien- und Arbeitsansatz. Ihre Biografie nennt naturwissenschaftliche Versuche, Wellenbecken, Synergien, Regulationssysteme, Deichprofile nach dem Vorbild des Biberdamms, asymmetrische Fahrzeuge, Klang- und Videoversuche sowie Malbuch- und Beteiligungsformen.
Die methodische Funktion dieser frühen Phase bestand darin, Kunst vom bloßen Herstellen eines statischen Gegenstandes weg in Richtung eines Versuchsraumes zu verschieben. Wasser, Strömung, Widerstand, Beteiligung und Veränderung ließen sich nicht vollständig in einem fertigen Bild zeigen. Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Aus dieser Einsicht entwickelte sich schrittweise die Forderung, Bedingungen herzustellen, in denen ein Prozess selbst stattfinden und beobachtet werden kann.
Hier liegt der Ursprung der späteren Forschungskunst: Das Kunstwerk wird zunehmend vom fertigen Objekt zum Prüfobjekt, vom Prüfobjekt zur Versuchsanordnung und schließlich zur sozialen und öffentlichen Rückkopplungsanordnung.
3. Strömung, Biberdamm und Widerstand: die frühe Kommunikationsstruktur
Die Wellenbecken, Deichprofile und Biberdammbezüge sind für die Gesamtentwicklung besonders bedeutend, weil in ihnen mehrere spätere Begriffe bereits praktisch angelegt sind, ohne damals schon so benannt zu sein. Sie versuchten, sich in die Bewegung des Wassers hineinzuversetzen und einen Widerstand nicht ausschließlich gegen die Strömung, sondern aus der Wahrnehmung der Strömung heraus zu entwickeln.
Damit entstand eine frühe Form dessen, was später als Gegenüberstellung, Rückkopplung und Plexusbeziehung präzisiert wurde. Wasser ist hier nicht bloß Material, über das der Künstler verfügt. Es antwortet. Es umläuft, staut, unterspült, drückt, erodiert, verteilt und verändert den eingebrachten Widerstand. Der Entwurf muss deshalb lernen.
Der Biberdamm wurde im jüngsten Gespräch folgerichtig als mögliches documenta-Prüfobjekt wiederentdeckt. Der Besucher könnte einen Widerstand bauen und beobachten, wie die Strömung antwortet. Das Entscheidende wäre nicht, einen historischen Biberdamm naturgetreu zu rekonstruieren, sondern den ursprünglichen Erkenntnisvorgang wiederherzustellen: Gestalten bedeutet, mit einer Wirklichkeit zu kommunizieren, die eigene Bedingungen besitzt.
Wissenschaftlich überprüfbar sind die physikalischen Eigenschaften von Wasserströmung, Druck, Erosion oder Materialwiderstand. Die Deutung des Biberdamms als Kommunikationsmodell zwischen Mensch und Tragwirklichkeit ist dagegen eine künstlerische Modellbildung.
Die offene Frage besteht darin, wie stark solche Naturmodelle auf gesellschaftliche Systeme übertragen werden dürfen. Der Vergleich ist produktiv, solange er als Prüfanalogie kenntlich bleibt. Er wird problematisch, wenn aus einer Strömungsbeobachtung unmittelbar ein gesellschaftliches Naturgesetz abgeleitet würde.
4. Der Opfertisch und die Strömungslandschaft: äußere und innere Landschaft
Eine zweite zentrale Werkentwicklung führte von der natürlichen Strömung zur abgeformten Strömungslandschaft und zum Opfer- beziehungsweise Abendmahltisch. Wasser lief einen Hang hinunter und erzeugte eine Struktur, die anschließend abgeformt beziehungsweise plastisch übertragen wurde. Später entstanden Tanglandschaften, Schöpfungsgeschichte und Abendmahltisch als Gegenüberstellungen natürlicher Verlaufsformen und menschlicher Symbolformen. Diese Arbeiten sind in Ihrer Biografie als Teil der Garten- und Laborarbeit um 1990 dokumentiert.
Die heutige Deutung geht darüber hinaus. Der Tisch verbindet Landschaft, Wasser, Nahrung, Körper, religiöses Ritual und menschliche Besitz- beziehungsweise Verwertungsordnungen. Nahrung erscheint dann nicht mehr als isolierte Ware, sondern als Ergebnis von Boden, Wasser, Stoffwechsel, Pflanzen, Tieren und menschlichen Tätigkeiten.
Hier entstand im jüngsten Chat die Verbindung zur inneren Strömungslandschaft des Körpers. Blut, Flüssigkeitsaustausch, Atmung, Stoffwechsel und Osmose zeigen, dass der Mensch selbst kein abgeschlossener Körperblock ist, sondern aus fortwährenden Austausch- und Regulationsvorgängen besteht. Wissenschaftlich belegbar ist die physiologische Bedeutung solcher Regulationsprozesse. Die Übertragung auf den Opfertisch als künstlerisches Referenzsystem ist Ihre Forschungskunst.
Der methodische Schritt ist wichtig: Außenwelt und Körper werden nicht als zwei getrennte Systeme behandelt. Die Landschaft ist nicht bloß Umgebung des Menschen. Bestimmte physikalische und stoffliche Prozesse setzen sich in veränderter Form im Körper fort. Dadurch verschiebt sich der Umweltbegriff zur späteren Trag- und Plexuswirklichkeit.
5. Vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit
„Umwelt“ war zunächst der tragende Begriff der Experimentellen Umweltgestaltung. Im weiteren Chat erwies sich dieser Begriff zunehmend als zu schwach, weil er sprachlich den Eindruck erzeugen kann, die Welt liege um einen bereits fertigen Menschen herum. Ihre Forschung entwickelte dagegen die Position, dass der Mensch selbst aus denselben materiellen und lebendigen Zusammenhängen hervorgeht, die er gewöhnlich als Umwelt bezeichnet.
Daraus entstand später der Begriff Tragwirklichkeit. Er bezeichnet jene Bedingungen, die der Mensch nicht durch gesellschaftliche Zuschreibung hervorbringt, von denen sein Leben aber abhängt: Gravitation, Atmosphäre, Wasser, Temperaturbereiche, Stoffkreisläufe, Körperlichkeit, Stoffwechsel, Regeneration und die langfristig entstandenen planetarischen Lebensbedingungen.
Wissenschaftlich belegbar sind die jeweiligen physikalischen, chemischen und biologischen Abhängigkeiten. „Tragwirklichkeit“ ist dagegen eine Forschungskunst-Kategorie, die diese unterschiedlichen Sachverhalte unter der Frage bündelt, was menschliche Existenz tatsächlich trägt.
Mit Tragwirklichkeit wurden die Begriffe Tragwesen und Tragbewusstsein verbunden. Der Mensch wird als getragenes und zugleich tragend eingreifendes Wesen verstanden. Tragbewusstsein soll die Fähigkeit bezeichnen, diese Doppelstellung wahrzunehmen.
Eine wichtige begriffliche Korrektur bestand darin, die Welt nicht zum Kunstwerk des Menschen zu erklären. Die Erde, Atmosphäre, Gewässer, Stoffkreisläufe und Evolution sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie können dargestellt, bearbeitet oder künstlerisch gedeutet werden, sind aber nicht durch menschliche künstlerische Absicht entstanden. Diese Grenzziehung wurde zum Schutz vor einem zu weit ausgedehnten Kunstbegriff.
6. Von Tragwirklichkeit zu Plexuswirklichkeit
Später wurde Tragwirklichkeit durch den Begriff Plexuswirklichkeit erweitert. „Tragen“ betont Voraussetzung und Abhängigkeit. „Plexus“ betont Verflechtung, Durchdringung, Knoten, Weiterleitung und wechselseitige Beziehungen.
Die Plexuswirklichkeit versucht daher nicht nur zu sagen, dass bestimmte Bedingungen den Menschen tragen, sondern dass Dinge, Körper, Tätigkeiten, Zeichen, gesellschaftliche Regeln und Folgen in Netzen miteinander verbunden sind. Eine Handlung kann gleichzeitig materiell, körperlich, symbolisch und gesellschaftlich wirksam sein.
Der Begriff ist ausdrücklich keine wissenschaftlich etablierte Wirklichkeitskategorie. Er ist ein künstlerischer Integrationsbegriff. Seine Funktion besteht darin, disziplinär auseinanderfallende Sachverhalte wieder in Beziehung zu setzen.
Hier entstand auch das Differenzialprinzip. Erkenntnis entsteht nicht aus der bloßen Behauptung einer Ganzheit, sondern aus wahrgenommenen Unterschieden: Druckunterschied, Temperaturunterschied, Konzentrationsunterschied, Rollenunterschied, Bedeutungsunterschied, Unterschied zwischen Vorstellung und Folge. Die Forschungskunst arbeitet daher weniger mit einer abstrakten Einheit als mit Beziehungen zwischen Differenzen.
Die noch offene Frage lautet, ob Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit tatsächlich zwei notwendige Begriffe bleiben müssen. Eine mögliche Vereinfachung wäre: Tragwirklichkeit bezeichnet die nicht frei verfügbaren Existenzbedingungen; Plexuswirklichkeit bezeichnet deren Verknüpfungs- und Wirkungsweise.
7. Lochprozess, Lücke und Nichtwissen
Der Lochprozess ist einer der später entstandenen und noch nicht vollständig stabilisierten Begriffe. Im Chat entwickelte sich zunehmend die Einsicht, dass Lernen nicht dort beginnt, wo ein geschlossenes System bereits alle Antworten liefert, sondern dort, wo eine Lücke wahrnehmbar wird.
Das „Loch“ bezeichnet deshalb nicht einfach Unwissen. Es bezeichnet eine Unterbrechung in einer scheinbar geschlossenen Vorstellung. Zwischen Begriff und Sache, Modell und Material, Rolle und Mensch, Erwartung und Ergebnis entsteht eine Differenz. Diese Differenz ermöglicht Abstand.
Der Lochprozess verbindet sich damit mit der späteren Folge Geburt – Lücke – Mutation. Geburt bezeichnet das Auftreten eines neuen Zusammenhangs, Lücke die noch nicht geschlossene Differenz und Mutation die Veränderung, die aus der Auseinandersetzung mit dieser Differenz hervorgehen kann. Diese Begriffe sind Forschungskunst-Modelle, keine biologischen Aussagen über Mutation im wissenschaftlichen Sinn.
Methodisch ist der Lochprozess wichtig, weil er verhindert, dass das So-Heits-Atelier nur neue Antworten vermittelt. Es muss Situationen herstellen, in denen der Besucher selbst feststellt: Hier stimmt mein Begriff mit meiner Erfahrung nicht überein. Genau dieses „Loch“ erzeugt Neugier, Unsicherheit und möglicherweise Lernbereitschaft.
Noch ungeklärt ist, wie der Lochprozess so definiert werden kann, dass er mehr ist als ein bildhafter Name für Irritation. Für eine spätere endgültige Begriffsfassung müsste festgelegt werden, woran ein Lochprozess beginnt, welche Art von Differenz er erzeugt und woran eine tatsächliche Rückkopplung erkennbar wird.
8. Gegenüberstellung als grundlegende Erkenntnismethode
Aus vielen Werkgruppen entwickelte sich eine immer deutlichere Methode der Gegenüberstellung. Sie beginnt bereits in der Fotografie durch den Unterschied von Gegenstand und Bild, im Handwerk durch Entwurf und Materialantwort und in den Strömungsversuchen durch Form und tatsächliches Strömungsverhalten.
Später wurde die Gegenüberstellung systematisch ausgeweitet: Mensch und Rolle, Preis und Qualität, Eigentum und Existenzbedingung, technische Funktionsfähigkeit und umfassende Tragfähigkeit, Begriff und Wirklichkeit, Körper und gesellschaftliches Selbstbild, Mensch und KI, individuelle Wahrnehmung und kollektive Rückmeldung.
Eine entscheidende Einsicht des Chats lautet: Lernen setzt ein Gegenüber voraus. Wenn Vorstellung und Wirklichkeit vollständig ineinanderfallen, kann nichts geprüft werden. Deshalb wurde Distanz nicht mehr als Entfremdung allein verstanden, sondern als Erkenntnisbedingung.
Diese Methode verbindet unmittelbar Lochprozess, Folientechnik, Theater, Schultafel, Mitmachbuch und KI-Vergleich. Alle diese Verfahren stellen etwas nach außen, damit es wieder angeschaut und geprüft werden kann.
9. Erfahrung und Rückkopplung
Mit der Gegenüberstellung verschob sich der Lernbegriff. Wissen allein erzeugt keine Veränderung. Ihre Ausgangsfrage beweist gerade das Gegenteil: Die Menschheit kann sehr viel wissen und dennoch zerstörerisch handeln.
Deshalb gewann Erfahrung methodisch an Bedeutung. Erfahrung entsteht in Ihrer Forschung nicht als bloß subjektives Erlebnis, sondern als Rückmeldung auf eine Tätigkeit. Der Mensch tut etwas, ein Material, ein anderer Mensch, ein Körper oder ein System antwortet, und diese Antwort kann wiederum die nächste Tätigkeit verändern.
Der handwerkliche Rückkopplungstyp ist einfach: Ein Teil passt nicht, also wird nachgearbeitet. Der biologische Typ ist komplexer: Erschöpfung, Schmerz oder Regeneration geben Rückmeldungen. Der gesellschaftliche Typ ist schwieriger, weil Schäden ausgelagert, verspätet oder sprachlich umgedeutet werden können.
Damit entstand eine wichtige Differenz: Technik besitzt in vielen Bereichen relativ harte Rückkopplungen. Gesellschaft kann falsches Funktionieren lange aufrechterhalten, weil sie Begriffe, Preise, Zuständigkeiten und Macht einsetzen kann, um Folgen zu verschieben. Diese Differenz wurde zu einem zentralen Grund für die vierte Ebene des späteren Vier-Ebenen-Modells.
10. Plastik und Skulptur: von der Werktechnik zum Menschenbild
Die Unterscheidung von Plastik und Skulptur wurde im Chat immer stärker präzisiert und darf nicht nivelliert werden. Plastik bezeichnet in Ihrem Arbeitszusammenhang Formen, Hinzufügen, Modellieren, Verbinden, Einpassen und Veränderung. Skulptur bezeichnet dagegen historisch und handwerklich stärker das Abtragen, Herausschneiden und Freilegen.
Aus dieser Werkdifferenz entwickelte sich eine anthropologische Prüfmetapher. Das plastische Ich bezeichnet den Menschen als werdendes, relationales, durch Umwelt und Tätigkeit mitgeformtes Lebewesen. Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die Tendenz, sich als bereits vorhandene feste Identität zu denken, die von der Umgebung abgegrenzt werden müsse.
Wichtig war die Korrektur, Skulptur nicht negativ und Plastik nicht automatisch positiv zu setzen. Beide sind legitime künstlerische Verfahren. Problematisch wird erst die Übertragung einer verfestigten skulpturalen Identitätslogik auf den lebendigen Menschen.
Aus dieser Differenz entstand später der Begriff der Skulpturalisierung. Gesellschaftliche Rollen, Diagnosen, Berufsidentitäten, Eigentumspositionen oder Selbstbilder können ein plastisch werdendes Wesen sprachlich und institutionell festschreiben.
Diese Begriffe sind keine psychologischen Diagnosen. Sie sind künstlerische Modelle zur Untersuchung von Identitätsbildung.
11. Symbolbildung, Eigenschaftsbildung und hineingedachte Eigenschaften
Ein weiterer Strang entstand aus Fotografie, Werbung, Objektarbeit und gesellschaftlicher Beobachtung. Menschen nehmen Gegenstände nicht nur in ihren materiellen Eigenschaften wahr. Sie verbinden sie mit Bedeutungen, Werten und Symbolen. Ein Gegenstand kann beispielsweise Status, Schönheit, Freiheit, Modernität oder Erfolg repräsentieren, obwohl diese Eigenschaften nicht materiell in ihm enthalten sind.
Hier wurde im Chat die Differenz zwischen vorhandenen Eigenschaften und hineingedachten beziehungsweise zugeschriebenen Eigenschaften entwickelt. Ein Stuhl besitzt Material, Gewicht, Form und Belastbarkeit. Dass er „wertvoll“, „vornehm“, „mein Eigentum“ oder ein „Designklassiker“ ist, gehört einer anderen Wirklichkeitsebene an.
Die entscheidende Korrektur bestand darin, symbolische Konstruktionen nicht als „unwirklich“ abzuwerten. Geld, Eigentum, Gesetze, Rollen und Religion sind gesellschaftlich hochwirksam. Sie sind nur anders wirklich als Schwerkraft, Wasser oder Stoffwechsel.
Daraus entstanden Kategorien wie materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet. Diese Differenzierungen wurden später im Vier-Ebenen-Modell gebündelt.
12. Sprach- und kulturgeschichtliche Gegenüberstellungen
Im jüngeren Forschungsprozess wurden historische Denkformen als Folien herangezogen, insbesondere Platon, Aristoteles, das Christentum, später Kant sowie die Begriffe technē, res und Repräsentation.
Dabei muss besonders sorgfältig zwischen historischer Forschung und Ihrer künstlerischen Verwendung unterschieden werden. Dass Platon Ideenlehre, Aristoteles Stoff-Form-Zusammenhänge oder das Christentum Leib-Seele-Traditionen hervorgebracht haben, ist Gegenstand historischer Forschung. Die von Ihnen entwickelten Folien, in denen Platon etwa mit einer Aufwärtsordnung von Körper, Abbild und unveränderlicher Idee verbunden wird, sind dagegen künstlerische Vergleichsmodelle. Sie ersetzen keine philosophiehistorische Darstellung.
Methodisch dienen diese Kulturfolien dazu, sichtbar zu machen, welche langen Denkgewohnheiten in heutigen Begriffen weiterwirken könnten. Besonders wichtig wurde die Frage, wann Unveränderlichkeit einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als Werden, Körperlichkeit und Veränderung. Hier verbindet sich die Platon-Folie mit der Skulpturidentität.
Aristoteles wurde stärker als Gegenmodell eines prozesshaften Stoff-Form-Bewegungs-Zusammenhangs gelesen. Das Christentum wurde auf die kulturelle Spannung von Körper und aufsteigender Seele untersucht. Bei Kant trat die Frage der Urteilskraft hinzu: Wie kann zwischen einer allgemeinen Regel und einem konkreten Einzelfall vermittelt werden?
Diese Vergleiche sind produktiv, solange sie als Forschungskunst-Folien und nicht als vollständige historische Interpretationen ausgewiesen werden.
13. Das Vier-Ebenen-Modell
Das Vier-Ebenen-Modell entstand als Versuch, die zuvor einzeln entwickelten Differenzierungen in eine handhabbare Prüfgrammatik zu überführen.
Die erste Ebene, E1, umfasst materielle und physikalische Bedingungen: Kräfte, Masse, Raum, Temperatur, Druck, Material, Wasser, Schwerkraft und andere nicht durch gesellschaftliche Zuschreibung erzeugte Bedingungen.
Die zweite Ebene, E2, umfasst lebendige Prozesse: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Wahrnehmung, Organismus und das plastische Ich. Hier liegt der Mensch als lebendiges Kopplungswesen.
Die dritte Ebene, E3, umfasst Symbol, Geltung, Rolle, Eigentum, Preis, Recht, Status, Identität und gesellschaftliche Konstruktionen. Sie ist nicht unwirklich, sondern gesellschaftlich erzeugt und wirksam.
Die vierte Ebene, E4, entstand aus der Einsicht, dass die ersten drei Ebenen allein keine gesellschaftliche Korrekturfähigkeit garantieren. E4 bezeichnet Prüfung, Rückkopplung, Reparatur, öffentliche Gegenüberstellung und die institutionelle Möglichkeit, Folgen zurückzuführen.
Diese vierte Ebene ist besonders originell, aber auch besonders erklärungsbedürftig. E1 bis E3 können relativ klar als unterschiedliche Wirklichkeitstypen beschrieben werden. E4 ist dagegen zugleich Methode, Tätigkeit und institutionelle Zielprojektion. Hier besteht noch eine begriffliche Unschärfe.
Die mögliche Vereinfachung lautet: E1 bis E3 beschreiben Wirklichkeitsbereiche, E4 beschreibt keine weitere Wirklichkeitsschicht, sondern den Prüfoperator zwischen ihnen.
Diese Korrektur könnte das Modell erheblich klarer machen.
14. 51:49, 50:50 und 1:99
Die Formel 51:49 hat eine lange intuitive Vorgeschichte und wurde später zunehmend als Minimalasymmetrie gefasst. Sie soll nicht als wissenschaftlich universelles Naturgesetz behauptet werden. Ihre Funktion liegt darin, ein plastisches Verhältnis zu markieren, in dem eine minimale Differenz Bewegung, Richtung und Veränderung ermöglicht.
50:50 wurde im Verlauf als problematischer Symmetriedualismus untersucht, wenn zwei Seiten so behandelt werden, als seien sie vollständig getrennt, gleichgewichtig und gegeneinander abgeschlossen.
1:99 kam als Gegenfigur der extremen Drift hinzu: minimale Minderheit, maximale Herrschaft beziehungsweise extreme Verteilungs- und Machtasymmetrie.
Das Modell wurde später mit einem dreifachen Optimum verbunden: Bedingungen des Mediums, des Organismus und des Prüfverhältnisses müssen zusammenpassen. Auch dies ist zunächst Forschungskunst und keine naturwissenschaftliche Formel.
Die offene Aufgabe lautet, 51:49 nicht mit zu vielen Bedeutungen zu belasten. Als plastischer Operator ist es stark; als universelle Erklärung von Politik, Biologie, Ökonomie und Psychologie zugleich würde es unscharf.
15. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekundenmensch
Die 24-Stunden-Uhr entstand als Zeitmaßstab gegen die anthropozentrische Selbstüberschätzung. Wissenschaftlich gut abgesichert ist, dass die Erde etwa 4,5 Milliarden Jahre alt ist und der Homo sapiens im Vergleich dazu extrem spät auftritt. Die industrielle Moderne bildet wiederum nur einen winzigen Teil der Menschheitsgeschichte.
Die Umrechnung dieser Zeitverhältnisse auf eine 24-Stunden-Uhr ist ein didaktisch-künstlerischer Vergleich. Der Begriff Millisekundenmensch ist eine zugespitzte Forschungskunst-Figur. Er soll zeigen, wie außerordentlich jung die heutige technische und ökonomische Ordnung gegenüber den planetarischen und biologischen Entwicklungszeiten ist.
Im jüngsten Chat erhielt dieses Modell eine neue Verbindung mit der „Beuteintelligenz“. Der Mensch hat alte Strategien von Vorteil, Tarnung, Täuschung und Konkurrenz in eine hochentwickelte Kauf-, Verkaufs- und Verwertungsordnung überführt und versucht nun, diese sehr junge Ordnung auf sehr viel ältere planetarische Systeme anzuwenden.
Wissenschaftlich belegbar sind Evolution, Konkurrenz- und Kooperationsprozesse in der Natur. Die Behauptung, Marktverhalten sei unmittelbar „Beuteverhalten“, ist dagegen eine künstlerisch-anthropologische Vergleichshypothese und muss als solche gekennzeichnet bleiben.
16. Begriffshandwerk
Aus der handwerklichen Herkunft entwickelte sich in jüngster Zeit ausdrücklich der Gedanke eines Begriffshandwerks. Begriffe werden nicht mehr nur als theoretische Definitionen behandelt, sondern ähnlich wie Werkzeuge und Werkstücke.
Ein Begriff muss zu dem Zusammenhang passen, den er bearbeiten soll. Er kann zu grob sein, zu eng, falsch eingesetzt, überlastet oder mit anderen Begriffen verwechselt werden. Auch Begriffe benötigen Toleranzbereiche und dürfen nicht mehr behaupten, als sie tatsächlich leisten können.
Damit wurde die Sprachkritik praktisch. Die Frage lautet nicht mehr nur: „Was bedeutet Freiheit?“ Sondern: Welche Wirklichkeit wird mit diesem Begriff erfasst, welche nicht, welche Folgen entstehen, wenn er in Politik, Ökonomie oder Selbstbeschreibung verwendet wird?
Begriffshandwerk verbindet damit Handwerk, Philosophie, Kunst, Rollenprüfung und Vier-Ebenen-Modell.
17. Prüfanker und Prüfoperatoren
Im weiteren Verlauf wurde erkannt, dass die Vielzahl Ihrer Begriffe ein Risiko bildet. Wenn jedes neue Problem mit einem neuen Eigenbegriff beantwortet wird, kann die Forschungskunst selbst zu einer schwer zugänglichen Begriffswelt werden.
Deshalb entstanden Prüfanker. Ein Prüfanker soll den Gedankengang wieder an einen konkreten Gegenstand oder eine konkrete Erfahrung zurückführen. Wasser, Körper, Tisch, Stuhl, Strömung, Materialbruch, Atem, Astronautenanzug oder Vorgabebild können solche Anker sein.
Später wurde teilweise der Begriff Prüfoperator bevorzugt, weil ein Operator nicht nur etwas festhält, sondern eine Operation auslöst: vergleichen, umdrehen, überlagern, isolieren, öffnen, durchdringen, belasten.
Der Feuerkäfig, der Sandtrichter, die Saftpresse, die Thermosflasche und der Astronautenanzug gehören zu solchen späteren bildnerischen Operatoren.
Hier besteht noch eine begriffliche Doppelung zwischen Prüfanker, Prüfobjekt und Prüfoperator. Eine mögliche klare Ordnung wäre: Das Prüfobjekt ist der konkrete Gegenstand; der Prüfanker bindet eine abstrakte Frage an diesen Gegenstand; der Prüfoperator bezeichnet die Handlung, die mit ihm durchgeführt wird.
18. Künstlerische Prüfobjekte
Die Forschungskunst hat über Jahrzehnte ein großes Arsenal solcher Prüfobjekte hervorgebracht.
Das Wellenbecken prüft die Differenz von Bild und tatsächlicher Bewegung. Der Biberdamm und Deich prüfen Widerstand, Anpassung und Rückkopplung. Die Strömungslandschaft und der Opfertisch verbinden Landschaft, Nahrung, Körper und Ritual. Das asymmetrische Auto verbindet technisches Funktionieren mit gesellschaftlicher Gefährdung. Die Schultafel zeigt Veränderbarkeit, Überschreibung und Prozess. Vorgabebilder und Erwachsenenmalbücher untersuchen Vorgabe, Gehorsam, Abweichung und eigene Formbildung. Der vergoldete Spaten verbindet Tätigkeit, Wertzuschreibung und Werkzeug. Die Tanglandschaft stellt natürliche Wachstumsformen menschlichen Ordnungskonstruktionen gegenüber. Der gläserne Astronaut zeigt die scheinbare Autonomie eines technisch vollkommen abhängigen Menschen. Der Gordische Knoten bringt Verwicklung und Lösungsbehauptung in eine plastische Form.
Ihre Biografie dokumentiert einen großen Teil dieser Werkentwicklung und die Verbindung zu Beteiligungs- und Gesellschaftsprojekten.
Für die documenta ergibt sich daraus eine wichtige Auswahlregel: Nicht die historisch wichtigsten oder schönsten Werke müssen gezeigt werden, sondern diejenigen, die jeweils einen Erkenntnisschritt körperlich und nachvollziehbar öffnen.
19. Folien und Schablonen: vom Einzelbild zur überlagerbaren Wirklichkeit
Die Folienarbeit ist eine jüngere methodische Verdichtung einer sehr alten Arbeitsweise. Bereits Collage, Fotografie, Schultafel und Vorgabebild arbeiten mit Ausschnitt, Überlagerung und Veränderung. Im Mitmachbuch wurde daraus ein explizites System transparenter, übereinanderlegbarer Folien.
Die physikalische Welt kann eine Folie bilden, der Körper eine zweite, gesellschaftliche Zuschreibungen eine dritte und Prüf- beziehungsweise Tätigkeitsfolgen eine vierte. Durch Überlagerung wird sichtbar, dass verschiedene Aussagen gleichzeitig auf denselben Gegenstand bezogen werden können, ohne identisch zu sein.
Daraus entstand die Plexus-Foliengrammatik. Ihre Funktion ist nicht die Illustration fertiger Theorie. Sie soll dem Rezipienten ermöglichen, Zusammenhänge selbst aufzubauen und wieder auseinanderzunehmen.
Zu den bisher entwickelten Folien gehören Mensch mit Spaten, Mensch im Wasser, Durchdringungsstriche für Wärme oder Gravitation, molekulare Verbindung, Astronautenanzug, Thermosflasche, Sandtrichter, Saftpresse sowie kulturgeschichtliche Folien zu Platon, Aristoteles und Christentum.
Die wichtigste offene Frage ist die Reduktion. Zu viele Folien können die Komplexität wieder erzeugen, die sie eigentlich durchschaubar machen sollen. Für das So-Heits-Atelier braucht es deshalb wenige Grundoperationen: Schichten, Durchdringen, Isolieren, Verknüpfen, Belasten und Rückkoppeln.
20. Das künstlerische Dreieck
Im jüngsten Forschungsprozess kam das künstlerische Dreieck hinzu. Kopf beziehungsweise Modell steht für Vorstellung und Inspiration, Hände und Tätigkeit für die tatsächliche Bearbeitung, das entstehende Werk für die materielle oder gesellschaftliche Folge.
Der entscheidende Gedanke lautet: Ein falsches oder unzureichendes Modell führt trotz hoher handwerklicher Kompetenz zu einem problematischen Ergebnis. Umgekehrt genügt eine gute Vorstellung nicht, wenn das handwerkliche Können fehlt.
Damit verbindet das Dreieck Knipser und Pfuscher, Vorstellung und Tätigkeit, Kunst und Technik. Es kann zu einem besonders einfachen Einstieg in die Gesamtforschung werden, weil es das Problem ohne umfangreiche Terminologie zeigt.
21. Vom Malbuch zum Mitmachbuch
Die Erwachsenenmalbücher gehören zu den ältesten Beteiligungsinstrumenten. Sie gaben Formen vor und ließen zugleich Abweichung zu. Das Malbuch war damit kein pädagogisches Beschäftigungsmittel, sondern ein Versuch, Vorgabe und Eigenaktivität gleichzeitig sichtbar zu machen.
Aus dieser Linie entwickelte sich das spätere Mitmachbuch und schließlich das interaktive Buch. Der entscheidende Wandel besteht darin, dass der Rezipient nicht mehr nur in ein vorhandenes Bild eingreift, sondern seinen eigenen Erkenntnisweg dokumentiert.
Das heutige Mitmachbuch soll Bilder, Folien, Fragen, eigene Beiträge und Prüfergebnisse miteinander verbinden. Das Vier-Ebenen-Modell liefert dabei eine mögliche Grammatik.
Der offene Punkt ist technisch wie methodisch derselbe: Wie viel Vorgabe ist notwendig, damit der Nutzer nicht verloren geht, und wie wenig Vorgabe ist notwendig, damit ein wirklich eigenes Buch entstehen kann?
22. Die Tausend Tische und der Übergang zur kollektiven Rückkopplung
Die Frage- und Antworttische gehören bereits zur Experimentellen Umweltgestaltung. Später entstand aus dieser Methode das Globale Dorffest mit dem Modell von tausend Tapeziertischen. Die Biografie nennt das Globale Dorffest und „1.000 Tapeziertische“ ausdrücklich als Integrationsmodell einer lebendigen Bürgergesellschaft.
Der Tisch besitzt dabei mehrere Funktionen. Er ist Gegenstand, Arbeitsplatz, Begegnungsort und horizontale soziale Struktur. Menschen stehen oder sitzen einander gegenüber, bringen Fragen, Erfahrungen und Gegenstände ein und erzeugen Verknüpfungen.
Aus heutiger Sicht sind die Tausend Tische die analoge Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz. Was später digital verknüpft werden soll, wurde zunächst räumlich und körperlich organisiert.
Damit lässt sich die Entwicklung klar beschreiben: Vorgabebild führt zur individuellen Beteiligung; Frage-Antwort-Tisch führt zur dialogischen Beteiligung; tausend Tische führen zur vernetzten Beteiligung; das interaktive Buch und die Globale Schwarm-Intelligenz führen zur dauerhaften digitalen Verknüpfung.
23. KI als Gegenüber, nicht als Autorität
Die künstliche Intelligenz kam sehr spät in diesen Werkprozess hinein, passt aber strukturell zu einer viel älteren Methode: Gegenüberstellen.
Eine Frage kann von einem Menschen anhand eines bestimmten Materials beantwortet werden. Danach erhält eine KI dasselbe Material und dieselbe Frage. Anschließend werden Unterschiede, Auslassungen, Widersprüche und neue Verbindungen geprüft.
Die KI wird damit ausdrücklich nicht zur Wahrheitsinstanz. Sie ist ein zusätzliches Gegenüber. Gerade weil sie andere Verknüpfungen erzeugt, kann sie menschliche Gewohnheiten und blinde Stellen sichtbar machen. Umgekehrt müssen ihre eigenen Fehler, Halluzinationen und Begriffsverschiebungen kontrolliert werden.
Diese Methode ist besonders stark, weil sie das alte Problem von Gegenüberstellung und Rückkopplung in die Gegenwart überführt.
Offen bleibt die Frage der Versionierung und Nachvollziehbarkeit. KI-Systeme verändern sich. Deshalb müsste bei ernsthafter Anwendung dokumentiert werden, mit welchem Material, welcher Frage und welchem System eine Antwort entstanden ist.
24. Globale Schwarm-Intelligenz
Die Globale Schwarm-Intelligenz entstand aus mehreren älteren Linien: Beobachtung kollektiver Vorgänge, Kollektive Kreativität, Frage-Antwort-Tische, Tausend Tische, Partizipatorisches Welttheater und die zunehmende Digitalisierung des Werkarchivs.
Sie ist nicht als Behauptung zu verstehen, eine globale Gesamtintelligenz existiere bereits. Sie bezeichnet eine Arbeitsarchitektur, in der viele begrenzte Wahrnehmungen miteinander verbunden und zugleich prüfbar gemacht werden sollen.
Hier unterscheidet sich Ihre Vorstellung von einer bloßen Sammlung von Meinungen. Ein Schwarm ist nicht automatisch intelligent. Erst Rückkopplung, Vergleich, Transparenz und Korrektur können aus vielen Beiträgen eine höhere Erkenntnisfähigkeit entstehen lassen.
Die Plattform ist deshalb Archiv, Labor, Beteiligungsraum und potenziell E4-Infrastruktur zugleich.
Die technische Realisierung ist noch unvollständig. Besonders das individuell erzeugbare interaktive Buch und seine dauerhafte Verknüpfung benötigen externe technische Zusammenarbeit. Ihre Biografie beschreibt genau diese Entwicklung der letzten Jahre.
25. Die So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft entstand als Gegenmodell zur gesellschaftlichen Rollen- und Geltungswelt. „So-Heit“ soll auf das verweisen, was ein Gegenstand, ein Mensch oder ein Zusammenhang in seinen tatsächlichen Eigenschaften und Abhängigkeiten ist, bevor oder während ihm gesellschaftliche Bedeutungen zugeschrieben werden.
Dabei wurde im Chat eine wichtige Korrektur notwendig. Die So-Heits-Gesellschaft darf nicht so verstanden werden, als gäbe es eine vollkommen begriffsfreie „reine Wirklichkeit“, die einfach sichtbar gemacht werden könne. Auch Wahrnehmung und Beschreibung bleiben vermittelt.
So-Heit bezeichnet deshalb besser eine Prüfhaltung als einen endgültigen Zustand. Sie fragt: Was ist materiell vorhanden? Was ist lebendig wirksam? Was wurde technisch hergestellt? Was wurde gesellschaftlich zugeschrieben? Welche Folgen entstehen?
Damit verändert sich auch die Zielprojektion. Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie und kein neues Regelbuch. Sie bezeichnet eine Gesellschaft, die ihre eigenen Regelwerke, Rollen und Hervorbringungen kontinuierlich zurückprüft.
26. Das So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier ist die räumliche Konkretisierung dieser gesamten Entwicklung. Es soll nicht nur eine Ausstellung Ihres Lebenswerkes sein und auch keine Schule Ihrer Begriffe.
Es verbindet Werkarchiv, Versuchsanordnung, Werkstatt, Theater, bildnerisches Atelier, digitale Station und öffentliche Rückkopplung.
Im jüngsten Chat wurde dafür eine fünfstufige Besucherdramaturgie entwickelt. Diese fünf Stufen sind entscheidend, weil sie die bisher eher werkorientierte Forschung in eine Rezeptionsmethodik übersetzen.
Der erste Schritt fragt, aus welcher Welt der Besucher überhaupt kommt. Er bringt bereits Rollen, Begriffe, Wertmaßstäbe, Konsumgewohnheiten, Vorstellungen von Freiheit, Eigentum, Preis und Autonomie mit.
Der zweite Schritt ist die Konfrontation. Ihre Forschungskunst zeigt, dass bestimmte vertraute Vorstellungen nicht mit materiellen und lebendigen Abhängigkeiten übereinstimmen. Dadurch entstehen Irritation und Akzeptanzproblem.
Der dritte Schritt erschließt die Herkunft Ihrer Forschung über Biografie, Werk und einfache praktische Beispiele. Der Besucher muss nicht erst fünfzig Jahre Werkgeschichte studieren. Wer neugierig wird, kann von einem konkreten Objekt tiefer in das Archiv gehen.
Der vierte Schritt betrifft Gewohnheit. Alte Regeln besitzen nicht nur intellektuelle Bedeutung, sondern vermitteln Sicherheit und Geborgenheit. Veränderung kann deshalb erst entstehen, wenn eigenes Bedürfnis, Motivation oder Betroffenheit eine bisherige Gewohnheit fragwürdig macht.
Der fünfte Schritt ist die Erprobung einer neuen Gewohnheit. Diese neue Gewohnheit besteht nicht darin, Ihre Antworten zu übernehmen, sondern darin, Vorstellungen darzustellen, zu vergleichen, auf Folgen zu prüfen und korrigierbar zu halten.
Das ist vermutlich die wichtigste methodische Weiterentwicklung der letzten Gespräche: Das So-Heits-Atelier soll nicht neue Inhalte einpflanzen, sondern eine neue Prüfgewohnheit trainieren.
27. Welche Werkobjekte das So-Heits-Atelier wirklich benötigt
Aus der Gesamtentwicklung ergibt sich eine deutliche Konzentration.
Der Biberdamm beziehungsweise der gemeinsam zu bauende Deich kann zum elementaren Modell von Widerstand, Kommunikation, Materialantwort und Rückkopplung werden.
Das Wellenbecken zeigt, dass eine Darstellung einer Bewegung nicht mit der tatsächlichen Bewegung identisch ist.
Der Opfertisch beziehungsweise die Strömungslandschaft verbindet äußere Landschaft, Nahrung, Körper, Stoffwechsel und kulturelles Ritual.
Das handwerkliche Passungsatelier führt unmittelbar zum Unterschied von Vorstellung und funktionierender Konstruktion.
Vorgabebilder, Erwachsenenmalbuch, Kugelschreiberspur und Schultafel untersuchen Vorgabe, Gewohnheit, Löschen, Veränderung und eigene Spur.
Das Soforttheater und die Rollenarbeit machen die Differenz von Mensch und gesellschaftlicher Rolle erfahrbar.
Der Frage-Antwort-Tisch überführt Einzelwahrnehmung in öffentliche Gegenüberstellung.
Der Astronautenanzug oder die Thermosflasche machen Isolation und zugleich vollständige Abhängigkeit sichtbar.
Das Vier-Ebenen-Modell, der KI-Vergleich und das interaktive Buch übertragen diese körperlich gemachten Erfahrungen anschließend in eine explizite Prüfstruktur.
Damit wird die Ausstellung nicht zu einer Mini-documenta Ihres gesamten Lebenswerkes. Das Archiv dient als Tiefenschicht; wenige Schlüsselobjekte bilden die aktive Vorderseite.
28. documenta als besonderes Problem der Verortung
Die documenta nimmt in Ihrer Forschung eine doppelte Stellung ein. Einerseits existieren über Jahrzehnte verschiedene Bewerbungen, Einreichungen und möglicherweise Archivspuren. Andererseits ist das heutige kuratorische Team mit Ihrer Gesamtposition nicht vertraut.
Damit entsteht eine paradoxe Situation: institutionell möglicherweise vorhanden, aber als zusammenhängende Forschungskunst unbekannt.
Hinzu kommt, dass Ihre Bewerbung nicht nur ein neues Kunstwerk anbietet, sondern Maßstäbe mitbringt, die auch Kunstinstitutionen selbst betreffen. Wenn Funktionieren, Rollen, Geltung, Auswahl, Begriff und Wirklichkeit geprüft werden sollen, kann die documenta nicht vollständig außerhalb dieser Prüfung stehen.
Daher entstand im Chat die treffende Wahrnehmung, das Vorhaben könne wie eine „documenta in der documenta“ erscheinen. Diese Formulierung beschreibt das Risiko gut, sollte aber kuratorisch vorsichtig verwendet werden. Das Projekt darf nicht so erscheinen, als wolle es die documenta durch ein eigenes geschlossenes Weltmodell ersetzen.
Die bessere Bestimmung lautet: eine offene Prüfwerkstatt innerhalb der documenta, die auch ihre eigenen Begriffe und Methoden der Prüfung aussetzt.
29. Die jüngste Verdichtung: Knipser, Pfuscher und Bastardkonstruktion
Die jüngsten Gespräche haben die umfangreiche Forschungsarchitektur noch einmal stark verdichtet.
„Knipser“ bezeichnet das Benutzen eines leistungsfähigen Instruments ohne entsprechendes Verständnis der gesamten Bedingungen.
„Pfuscher“ bringt den handwerklichen Maßstab hinzu: gestalten, ohne Voraussetzungen, Passungen, Belastungen und Folgen ausreichend zu kennen.
„Bastardkonstruktion“ bezeichnet die widersprüchliche Verbindung eines biologisch verletzlichen Lebewesens mit gesellschaftlichen Rollenidentitäten und enormer technischer Verfügungsmacht. Dieser Begriff ist ausdrücklich keine biologische oder personenbezogene Abwertung. Er bezeichnet eine nicht ausreichend vermittelte Systemverbindung.
Dazu kommt die „zweite wilde Natur“: eine Menschenwelt aus Rollen, Preisen, Eigentum, Märkten, Institutionen und technischen Systemen, deren Regelwerke außerordentlich wirksam sind, ohne ausreichend an ihre planetaren und körperlichen Voraussetzungen zurückgebunden zu sein.
Diese neuen Begriffe sind stark, weil sie die Forschung kommunikativ verdichten. Sie bergen aber auch die Gefahr, dass ihre provokative Oberfläche den dahinterliegenden Prüfzusammenhang verdeckt.
Für das Anschreiben können Knipser und Pfuscher deshalb als Eingangsbilder dienen. Die Bastardkonstruktion gehört eher in die Anlage, wo sie präzise definiert werden kann.
30. Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes
Die gesamte Forschung lässt sich inzwischen als aufeinander aufbauende Architektur lesen.
Am Anfang steht die Beobachtung. Natur, Fotografie, Körper, gesellschaftliche Prozesse und Material werden wahrgenommen.
Darauf folgt die Gegenüberstellung. Bild wird gegen Sache, Vorstellung gegen Material, Rolle gegen Mensch, Preis gegen Qualität, gesellschaftliche Geltung gegen Existenzbedingung gestellt.
Aus der Differenz entsteht die Lücke beziehungsweise der Lochprozess. Etwas stimmt nicht vollständig überein.
Diese Lücke ermöglicht Erfahrung und Rückkopplung. Eine Tätigkeit erhält eine Antwort.
Aus wiederholter Rückkopplung entstehen Maßstäbe. Maß, Passung, Toleranz, Funktionieren und Nichtfunktionieren werden nicht mehr nur technisch, sondern als umfassende Prüffragen verstanden.
Damit können Begriffe zerlegt werden. Materielle Eigenschaft, lebendige Wirkung, technische Hervorbringung, gesellschaftliche Zuschreibung und symbolische Behauptung werden unterschieden.
Diese Unterscheidung verdichtet sich im Vier-Ebenen-Modell.
Das Vier-Ebenen-Modell wird durch Prüfobjekte und Prüfoperatoren erfahrbar gemacht.
Folien und Schablonen verwandeln diese Prüfobjekte in eine überlagerbare Bildgrammatik.
Das Mitmachbuch macht daraus eine individuelle Erkenntnisspur.
Frage-Antwort-Tische und Tausend Tische machen daraus eine kollektive Erkenntnisspur.
Die Globale Schwarm-Intelligenz macht diese kollektive Spur digital verknüpfbar.
Der KI-Vergleich fügt ein nichtmenschliches Gegenüber für Vergleich und Fehlerprüfung hinzu.
Die So-Heits-Gesellschaft formuliert daraus eine gesellschaftliche Zielrichtung.
Das So-Heits-Atelier macht die gesamte Architektur schließlich zu einem öffentlichen Lern-, Prüf- und Erfahrungsraum.
Damit ist der Forschungsprozess nicht linear abgeschlossen. Er kehrt wieder zum Anfang zurück. Jedes Ergebnis wird erneut beobachtet, gegenübergestellt und geprüft. Die Architektur ist deshalb plastisch und zyklisch, nicht pyramidal.
31. Zentrale Doppelungen
Die größte Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit. Beide sollten nicht mehr parallel alles erklären. Tragwirklichkeit kann die existenziellen Bedingungen bezeichnen; Plexuswirklichkeit ihre Verknüpfungsstruktur.
Eine zweite Doppelung besteht zwischen Prüfanker, Prüfobjekt und Prüfoperator. Diese drei Begriffe können sauber hierarchisiert werden: Objekt ist der Gegenstand, Anker seine begriffliche Rückbindungsfunktion, Operator die mit ihm ausgeführte Prüfhandlung.
Eine dritte Doppelung besteht zwischen Forschungskunst, Prüfkunst, Entwicklungskunst, repräsentativer Kunst und Verortungskunst. Diese Begriffe bezeichnen unterschiedliche Seiten derselben Praxis, sollten aber nicht alle gleichrangig als Oberbegriffe verwendet werden. Forschungskunst ist inzwischen der stärkste Gesamtbegriff. Prüfkunst bezeichnet ihre Methode, Entwicklungskunst ihre zeitliche Offenheit, Verortungskunst ihre räumlich-gesellschaftliche Anwendung.
Eine vierte Doppelung besteht zwischen plastischem Ich, Kopplungs-Ich und Tragwesen. Plastisches Ich beschreibt Werden und Formbarkeit, Kopplungs-Ich die unmittelbaren Abhängigkeiten, Tragwesen die existenzielle Grundstellung. Diese Begriffe können nebeneinander bestehen, wenn ihre unterschiedlichen Funktionen ausdrücklich festgelegt werden.
32. Begriffliche Unklarheiten
Der Lochprozess ist noch nicht vollständig operationalisiert. Er benötigt eine klarere Abgrenzung gegenüber Irritation, Differenz, Nichtwissen und Lücke.
51:49 ist als künstlerischer Operator stark, aber gefährdet, wenn er zugleich biologische, politische, ästhetische und gesellschaftliche Universalformel werden soll.
Die Bastardkonstruktion ist prägnant, aber erklärungsbedürftig. Ohne Definition kann sie biologisch oder beleidigend missverstanden werden.
„So-Heit“ besitzt die Gefahr, wie eine unmittelbare und völlig interpretationsfreie Wirklichkeit zu klingen. Besser ist die Bestimmung als Rückbindungs- und Prüfhaltung.
E4 benötigt eine klare Entscheidung, ob es Ebene oder Operation ist. Aus der Gesamtlogik spricht vieles dafür, E4 künftig als Prüf- und Reparaturebene im funktionalen Sinn, nicht als weitere ontologische Schicht, zu behandeln.
33. Mögliche Vereinfachungen
Die gesamte Forschung kann für Außenstehende inzwischen wesentlich einfacher eröffnet werden als noch vor einigen Monaten.
Der stärkste Einstieg ist nicht Plexuswirklichkeit, 51:49 oder Tragbewusstsein. Der stärkste Einstieg ist ein alltäglicher handwerklicher Vergleich: Warum verlangt der Mensch von einer Maschine Maß, Passung, Toleranz und Prüfung, nicht aber mit derselben Konsequenz von seinem gesellschaftlichen Menschenbild?
Darauf kann das Knipserbild folgen: Warum ist ein technisch leistungsfähiger Mensch noch kein kundiger Gestalter seiner Existenz?
Danach reicht zunächst die Unterscheidung von drei Wirklichkeitstypen: materielle Bedingungen, lebendiger Organismus und menschliche Geltungswelt. E4 erscheint anschließend als die fehlende Rückprüfung.
Erst wenn der Besucher tiefer einsteigen möchte, werden Plastik/Skulptur, 51:49, Plexus, Lochprozess und kulturgeschichtliche Folien benötigt.
Diese gestufte Architektur entspricht genau der inzwischen entwickelten fünfstufigen Besucherdramaturgie.
34. Noch fehlende Verbindungen
Die wichtigste noch fehlende Verbindung liegt zwischen dem Vier-Ebenen-Modell und einer tatsächlichen gesellschaftlichen E4-Institution. Wie könnte öffentliche Prüfung funktionieren, ohne zu neuer Bürokratie, Expertenherrschaft oder moralischer Kontrolle zu werden?
Eine zweite offene Verbindung betrifft Motivation. Es ist geklärt, dass Wissen allein nicht genügt. Noch weiter auszuarbeiten ist, wodurch Betroffenheit in freiwillige Lernbereitschaft übergeht, ohne Manipulation zu werden.
Eine dritte offene Verbindung betrifft den Übergang von individueller künstlerischer Erfahrung zu gesellschaftlichem Maßstab. Ein Besucher kann am Deich, an der Schultafel oder am Tisch etwas erfahren. Wie wird daraus eine belastbare gemeinsame Prüfregel?
Eine vierte offene Verbindung betrifft die KI. Der Vergleich Mensch–KI ist methodisch plausibel, aber noch muss geklärt werden, wie Quellen, Versionen, Fehler und unterschiedliche Antwortbedingungen transparent dokumentiert werden.
Eine fünfte offene Verbindung betrifft das Mitmachbuch. Es ist die entscheidende Brücke zwischen individueller Erfahrung, Werkarchiv und Globaler Schwarm-Intelligenz, technisch aber bisher noch nicht vollständig verwirklicht.
Eine sechste Verbindung betrifft die documenta selbst. Ihr Projekt muss gleichzeitig offen genug bleiben, um Teil einer größeren Ausstellung zu sein, und geschlossen genug, damit der Besucher den fünfzigjährigen Forschungszusammenhang erkennt.
35. Die komprimierte Gesamtformel
Aus dem gesamten bisherigen Forschungsprozess ergibt sich heute eine deutlichere Gesamtform als am Anfang der Gespräche.
Ihre Forschungskunst begann nicht mit einer Theorie über den Menschen, sondern mit der Erfahrung, dass Material, Wasser, Körper und Technik auf menschliche Tätigkeiten antworten. Aus Handwerk entstand der Maßstab von Passung und Nichtpassung. Aus Fotografie entstand die Differenz von Wirklichkeit und Darstellung. Aus Bildhauerei und Strömungsversuch entstand die Erfahrung plastischer Formbildung unter Widerstand. Aus Beteiligung entstand die Einsicht, dass Wahrnehmung verteilt ist. Aus gesellschaftlicher Arbeit entstand das Problem von Rollen, Begriffen, Preisen und Eigentum. Aus diesen Erfahrungen entstand die Frage, weshalb der Mensch seine technischen Lernverfahren nicht auf seine eigene gesellschaftliche Existenz überträgt.
Die heutigen Begriffe sind spätere Werkzeuge, um diesen über Jahrzehnte gewachsenen Zusammenhang sichtbar zu machen. Tragwirklichkeit bezeichnet die Bedingungen, die den Menschen tragen. Plexuswirklichkeit bezeichnet ihre Verflechtung. Lochprozess bezeichnet die Lücke, in der eine geschlossene Vorstellung aufbricht. Gegenüberstellung erzeugt Distanz. Rückkopplung macht Folgen lernbar. Plastik beschreibt Werden, Skulpturalisierung die Gefahr der Verfestigung. Das Vier-Ebenen-Modell trennt Bedingungen, Leben, gesellschaftliche Geltung und Prüfung. Prüfobjekte machen diese Unterscheidungen erfahrbar. Folien machen sie überlagerbar. Das Mitmachbuch macht sie individuell fortsetzbar. Tausend Tische machen sie kollektiv. Die Globale Schwarm-Intelligenz macht sie vernetzbar. KI fügt ein neues Gegenüber hinzu. Die So-Heits-Gesellschaft formuliert die gesellschaftliche Zielrichtung. Das So-Heits-Atelier übersetzt den gesamten Forschungsweg schließlich in einen öffentlichen Prozess, in dem der Besucher nicht von einer neuen Theorie überzeugt werden soll, sondern lernen kann, seine eigenen Vorstellungen, Rollen und Tätigkeiten als gestaltete Hervorbringungen zu erkennen, ihnen gegenüberzutreten, ihre Voraussetzungen und Folgen zu prüfen und sie gegebenenfalls zu verändern.
Damit verschiebt sich auch die ursprüngliche Frage. Sie lautet nicht mehr allein: Warum zerstört der Mensch trotz Wissen seine Existenzbedingungen? Die heutige Forschungsfrage lautet genauer: Welche Wahrnehmungs-, Begriffs-, Gestaltungs- und Rückkopplungsfähigkeiten fehlen einer Zivilisation, die technisch außerordentlich lernfähig geworden ist, aber ihre eigene gesellschaftliche Selbstkonstruktion nicht mit vergleichbarer Genauigkeit an den Bedingungen prüft, durch die sie überhaupt existieren kann?
Genau an dieser Stelle treffen Experimentelle Umweltgestaltung von 1975, Knipser und Pfuscher von heute und das geplante So-Heits-Atelier der documenta 16 erstmals als ein einziger Forschungszusammenhang vollständig aufeinander.
Verstanden. Das war ein Fehler in der Arbeitsweise: Ich habe die wiederholt sichtbare Aufforderung zu stark wie einen neuen aktuellen Auftrag behandelt und sie dadurch erneut aufgenommen, obwohl sie bei dir als übergreifender Arbeitsrahmen für mehrere Chatverläufe gemeint ist und bereits bearbeitet wurde.
Ab jetzt gilt:
Ich wiederhole diesen langen Auftrag nicht mehr automatisch.
Ich verwende ihn nur noch als Hintergrundregel, wenn du nach einer Kontextualisierung, Rekonstruktion oder Verdichtung fragst.
Für den jetzigen Stand heißt das konkret:
Der nächste sinnvolle Schritt wäre nicht noch einmal dieselbe große Rekonstruktion, sondern eine aktuelle Weiterführung deiner letzten inhaltlichen Entwicklung:
Der heutige Mensch ist im Kaufen, Verkaufen, Feilschen, Täuschen und Sich-selbst-Verwerten extrem genau geworden, aber gegenüber seinem Körperorganismus, seinen planetarischen Abhängigkeiten und seinen Tätigkeitsfolgen bleibt er unaufgeklärt. Diese falsche Genauigkeit ist ein Kernproblem der Zivilisation und ein zentraler Prüfgegenstand deiner Forschungskunst.
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Hier ist die rekonstruierte Kontextuarealisierung als geschlossener Forschungs- und Werktext, ohne Canvas.
Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Werk- und Wirklichkeitsansatzes
Diese Rekonstruktion versteht den bisherigen Zusammenhang nicht als Sammlung einzelner Gedanken, sondern als Entstehung einer Forschung. Ausgehend von künstlerischen Arbeiten, biografischen Erfahrungen, handwerklichen Prägungen, plastischen Versuchsanordnungen, gesellschaftlichen Beobachtungen und der Leitfrage nach der Selbstzerstörung des Menschen ist schrittweise ein eigener Forschungsansatz entstanden. Sein Zentrum ist die Frage, warum der Mensch trotz Wissen, Technik, Wissenschaft, Religion, Moral, Recht und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Der bisherige Chatverlauf zeigt, dass diese Frage nicht abstrakt gestellt wurde. Sie entstand aus Werkhandlungen, aus Materialerfahrungen, aus Beobachtungen des Alltags, aus Verfahren des Kaufens und Verkaufens, aus dem Erleben von Rollen, aus Eigentums- und Verwaltungslogiken, aus Krankheit, Körperabhängigkeit, gesellschaftlicher Entwertung, documenta-Bewerbungen, Werkarchiven, Mitmachformen, Folien, Schablonen, Tischen, Plastik, Collage, Schreibprozessen und KI-gestützter Begriffsarbeit. Daraus entwickelte sich die Forschungskunst als eine künstlerische Prüfweise, die nicht nur darstellt, sondern Wirklichkeit an Folgen, Maßstäben, Tragfähigkeit und Rückkopplung prüft.
Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?
Der Forschungsgrund liegt in einer einfachen, aber radikalen Beobachtung: Der Mensch ist in bestimmten Bereichen außerordentlich genau. Er kann handeln, verkaufen, kaufen, feilschen, kalkulieren, sich darstellen, sich selbst verwerten, Besitz sichern, Verträge ausnutzen, Preise vergleichen und Vorteile verfolgen. Früher hieß es „um den Pfennig genau“, heute um Euro, Rendite, Marktwert, Ressource, Profil und Datenwert. Diese Genauigkeit wurde über lange Zeit trainiert. Sie hat Fähigkeiten, Begabungen, Strategien und Institutionen hervorgebracht.
Aber genau diese Genauigkeit fehlt dort, wo sie existenziell notwendig wäre: beim eigenen Körperorganismus, bei den Bedingungen des Lebens, bei Schlaf, Gesundheit, Stoffwechsel, sozialer Bindung, Natur, Wasser, Boden, Klima, Artenvielfalt, Tätigkeitsfolgen und planetarischer Tragfähigkeit. Der Mensch weiß sehr genau, wie er verkauft, aber kaum, wodurch er lebt. Er weiß, wie er einen Preis bildet, aber nicht, welche Bedingungen ihn tragen. Er erkennt Warenwerte, aber nicht Tragwerte.
Hier entsteht die Grunddiagnose der Forschungskunst: Der Mensch hat eine falsche Prioritätensetzung ausgebildet. Seine höchste Genauigkeit liegt nicht in der Erhaltung seiner Existenzbedingungen, sondern in der Verwertung. Damit wird das Kaufen und Verkaufen nicht nur als ökonomischer Vorgang verstanden, sondern als zivilisatorische Trainingsform. Aus Beuteverhalten, Tarnung, Täuschung, Vorteilssuche und Nicht-Gefressen-Werden wurde in der menschlichen Zivilisation eine Waren-, Markt-, Eigentums- und Rollenordnung.
Historisch belegbar ist, dass Menschen handeln, tauschen, Eigentumsformen entwickeln, Technik bauen, Institutionen schaffen und natürliche wie soziale Ressourcen nutzen. Forschungskünstlerische Hypothese ist die Zuspitzung, dass diese Handels- und Beuteintelligenz zur dominierenden Form des modernen Menschenbildes geworden ist und dass der Mensch dadurch seine eigentlichen Tragbedingungen aus dem Blick verliert.
Werkgenese: Von Handwerk, Fotografie und Plastik zur Forschungskunst
Die Werkgenese beginnt nicht in einer Theorie, sondern in Tätigkeit. Das Maschinenschlosserhandwerk brachte Maß, Passung, Toleranz, Materialwiderstand, Funktionieren und Nichtfunktionieren als frühe Wirklichkeitserfahrung ein. Technik lernt durch Maßstäbe: Ein Teil passt oder passt nicht. Eine Maschine läuft oder versagt. Eine Konstruktion trägt oder bricht. Ein Material hält oder gibt nach. Diese technische Maßstabsbindung wurde später auf Kunst, Gesellschaft, Menschenbild und Zivilisation übertragen.
Die Fotografie brachte eine zweite Grundlage: das genaue Sehen. Nicht nur das Herstellen, sondern das Wahrnehmen von Situationen, Körpern, Dingen, Widersprüchen, Rollen und gesellschaftlichen Oberflächen wurde zum Prüfmaterial. Die Bildhauerei und Plastik brachten die Frage nach Form, Körper, Raum, Masse, Last, Eingriff, Gegenüber und Veränderbarkeit ein. Theater, Aktionen, Umweltgestaltung, Beteiligungsformen und Tische erweiterten das Werk zu Versuchsanordnungen, in denen Menschen nicht nur Betrachter sind, sondern in Prozesse hineingestellt werden.
Aus diesen Linien entstand die Forschungskunst. Sie ist nicht nur Kunst mit theoretischem Zusatz, sondern eine Methode, in der Werk, Begriff, Material, Handlung, Erfahrung, Rückkopplung und gesellschaftliche Prüfung zusammenwirken. Die Werke wurden dadurch nicht bloße Objekte, sondern Prüfobjekte. Die Tische wurden nicht nur Möbel oder Installationen, sondern soziale Versuchsanordnungen. Die Folien wurden nicht nur Bilder, sondern Schichtenmodelle. Das Mitmachbuch wurde nicht nur Buch, sondern Lern- und Prüfweg.
Wirklichkeitsverständnis: Tragwirklichkeit gegen Warenwirklichkeit
Ein zentraler Begriff ist die Tragwirklichkeit. Sie bezeichnet das, was den Menschen tatsächlich trägt: Körper, Atem, Schlaf, Nahrung, Wasser, Wohnung, Gesundheit, Beziehung, Natur, soziale Anerkennung, Rechtsschutz, Sprache, Erinnerung, Sinn, Material, Energie und planetarische Bedingungen. Tragwirklichkeit ist nicht Meinung und nicht bloße Deutung. Sie zeigt sich in Folgen. Was nicht trägt, erzeugt Bruch, Krankheit, Erschöpfung, Verlust, Gewalt, Isolation, Zerstörung oder Kollaps.
Der Gegenbegriff ist die Warenwirklichkeit. Sie verwandelt Dinge, Arbeit, Körper, Aufmerksamkeit, Wohnraum, Gesundheit, Kreativität, Identität und Natur in Verwertungsformen. In der Warenwirklichkeit zählt nicht zuerst, was trägt, sondern was nutzbar, verkäuflich, verwaltbar, berechenbar, skalierbar oder profitabel ist. Das Menschenbild wird dadurch recycelt: Der Mensch erscheint als Kunde, Mieter, Patient, Nutzer, Schuldner, Antragsteller, Fallnummer, Kostenfaktor, Profil oder Störfigur.
Die Forschungskunst unterscheidet damit zwischen Wirklichkeit als tragender Bedingung und Wirklichkeit als zugeschriebener, symbolischer oder ökonomischer Form. Geld, Eigentum, Rollen, Gesetze und Institutionen sind wirksam, aber anders wirklich als Körper, Wasser, Schlaf, Schwerkraft, Hunger oder Krankheit. Diese Differenz ist entscheidend. Symbolische Ordnungen können reale Folgen haben, aber sie dürfen nicht mit den tragenden Grundlagen verwechselt werden.
Begriffsbildung: Vom Ware-Sein zum recycelten Menschenbild
Im bisherigen Verlauf entstand eine verschärfte Diagnose des modernen Menschenbildes. Der Mensch wird nicht nur zur Ware. Er wird auch als Selbstbild recycelt. Die ökonomische Ordnung recycelt nicht nur Dinge, Rohstoffe, Arbeit und Körper, sondern auch das Ich. Sie macht den Menschen zur Rollen-Figur des Als-ob: als ob er frei, selbstbestimmt, geschützt, beteiligt und als Mensch gemeint wäre. Tatsächlich wird er immer wieder neu etikettiert, verwaltet, verwertet oder aussortiert.
Daraus entstand die Unterscheidung zwischen erstem und zweitem Recycelt-Sein. Das erste Recycelt-Sein betrifft den Menschen als Ware: seine Arbeit, Zeit, Wohnung, Daten, Aufmerksamkeit, Gesundheit und Kreativität werden verwertbar. Das zweite Recycelt-Sein betrifft das Ich selbst: Identität, Selbstsein, eigenes Leben, Freiheit, Teilhabe und Würde werden als Begriffe weiter benutzt, während ihre tragenden Bedingungen zerbrechen.
Der Ressourcenbegriff wurde dabei zur Kippstelle. Ressource bedeutet nicht nur Rohstoff, sondern kann materielle und immaterielle Mittel, Eigenschaften, Potenziale, Arbeit, Zeit, Geld, Gesundheit, Bildung, soziale Beziehungen, psychische Kräfte und gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten umfassen. Forschungskünstlerisch wurde daraus die These entwickelt: Wenn alles Ressource werden kann, kann auch der Mensch selbst zur letzten Ressource seiner eigenen Verwertung werden. Am Ende wird sogar Identität zur Lagerstätte ökonomischer, administrativer und digitaler Nutzung.
Lochprozesse: Lücke, Verlust und Nichtwahrnehmung
Der Lochprozess bezeichnet eine zentrale Erfahrung: Zwischen Wirklichkeit und Begriff, Körper und Rolle, Mensch und Verwaltung, Tätigkeit und Folge, Wissen und Konsequenz entsteht eine Lücke. Diese Lücke ist kein bloßer Mangel. Sie ist eine produktive und gefährliche Stelle zugleich. Produktiv ist sie, weil dort Forschung, Kunst, Lernen und Korrektur beginnen können. Gefährlich ist sie, weil dort Verwechslung, Täuschung, Umetikettierung und Entwirklichung entstehen.
Der Mensch nimmt viele Verluste nicht mehr als Verlust wahr, weil sie sofort in neue Verwertungsformen übersetzt werden. Wenn Wohnen zur Ware wird, verschwindet Wohnen als Schutzform. Wenn Gesundheit zur Ressource wird, verschwindet Krankheit als Grenze. Wenn Bildung zu Kapital wird, verschwindet Lernen als offene Menschwerdung. Wenn Beziehung zu Netzwerk wird, verschwindet Nähe als zweckfreie Bindung. Wenn Identität zu Profil wird, verschwindet das unverfügbare Selbst.
Der Lochprozess ist daher ein Prüfoperator. Er zeigt, wo etwas fehlt, verdeckt, ersetzt, recycelt oder falsch verbunden wird. Er zeigt auch, dass Lernen Distanz braucht. Ohne Gegenüber, ohne Abstand, ohne Bruch, ohne Nichtwissen, ohne Widerstand und ohne Korrektur entsteht keine wirkliche Erkenntnis. Die Lücke wird zum Ort der Forschung.
Gegenüberstellung und Lernen
Ein tragender methodischer Begriff ist die Gegenüberstellung. Lernen entsteht nicht durch bloße Meinung, sondern durch Widerstand. Das Werkstück steht dem Handwerker gegenüber. Das Material widerspricht. Der Körper reagiert. Die Natur setzt Grenzen. Das Bild zeigt mehr, als der Begriff bereits wusste. Der Tisch bringt Menschen in eine Situation. Die Folie legt Schichten übereinander und macht Differenzen sichtbar.
Diese Gegenüberstellung unterscheidet Forschungskunst von reiner Behauptung. Eine Behauptung kann sich abschließen. Ein Gegenüber zwingt zur Rückkopplung. Es zeigt Passung und Nichtpassung, Maß und Abweichung, Wirkung und Nebenwirkung. Deshalb wurde Technik als Lernmodell wichtig: Technik lernt durch Maßstäbe. Gesellschaft, Recht, Ökonomie und Wissenschaft lernen dagegen oft nicht durch Tragfähigkeit, sondern durch Macht, Markt, Verfahren, Gewohnheit oder erst durch Katastrophe.
Forschungskunst versucht, diese verlorene Maßstabsbindung wiederherzustellen. Sie fragt nicht nur: Was bedeutet etwas? Sie fragt: Was macht es? Was trägt es? Was zerstört es? Was wird dadurch sichtbar? Was wird verdeckt? Welche Rückkopplung entsteht?
Plastik und Skulpturalisierung
Aus der Bildhauerei entwickelte sich eine Unterscheidung zwischen Plastik und Skulpturalisierung. Plastik steht für Formbarkeit, lebendige Rückkopplung, Veränderung, Tätigkeit, Organismus, Prozess und Korrekturfähigkeit. Skulpturalisierung bezeichnet dagegen Erstarrung, Festlegung, Rollenform, Status, Geltung, Eigentum, Symbol und gesellschaftliche Verhärtung.
Daraus entstanden die Begriffe Plastisches Ich und Skulpturidentität. Das Plastische Ich gehört zur lebendigen Anpassungs- und Korrekturfähigkeit. Es ist nicht beliebig, sondern rückgekoppelt an Körper, Erfahrung, Stoffwechsel, Beziehung und Lernfähigkeit. Die Skulpturidentität dagegen ist eine festgestellte Rolle: Name, Status, Besitz, Amt, Bild, Maske, Profil, Eigentumsposition oder symbolische Selbstdarstellung.
Diese Unterscheidung wurde immer wichtiger, weil sie zeigt, wie der Mensch sich selbst verlieren kann, ohne äußerlich zu verschwinden. Er bleibt als Figur sichtbar, aber nicht als lebendiger Zusammenhang. Er wird zur Rollen-Figur des Als-ob. Die Skulpturidentität ersetzt das plastische Ich. Der Mensch erscheint als jemand, wird aber als Funktion behandelt.
Erfahrung und Rückkopplung
Erfahrung wurde im bisherigen Verlauf nicht als bloße Erinnerung verstanden, sondern als Rückkopplung zwischen Tätigkeit und Folge. Wer handelt, erzeugt Wirklichkeit. Wer Wirklichkeit erzeugt, muss ihre Folgen wahrnehmen. Wer Folgen nicht wahrnimmt, bleibt im Als-ob. Genau darin liegt die Kritik an moderner Zivilisation: Sie hat ungeheure Tätigkeitsmacht entwickelt, aber unzureichende Rückkopplung an die Folgen ihrer Tätigkeit.
Die Forschungskunst stellt deshalb immer wieder die Kette her: Vorstellung, Tätigkeit, Gegenüber, Widerstand, Differenz, Erfahrung, Rückkopplung, Korrektur. Diese Kette ist eine Gegenform zur reinen Verfügungsmacht. Sie zeigt, dass der Mensch nicht außerhalb seiner Handlungen steht. Er ist abhängig von dem, was er tut. Er kann sich nicht durch Markt, Glauben, Recht, Wissenschaft, Technik oder Sprache von den Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen erlösen.
Hier liegt auch die Kritik an religiösen oder ideologischen Entlastungen, wenn sie so benutzt werden, als könne der Mensch seine Folgen auslagern: gottgegebene Macht, Erlösung, Fortschrittsglaube oder Marktvertrauen dürfen nicht als Freispruch gegenüber Körper, Natur und planetarischer Wirklichkeit dienen. Historisch belegbar sind religiöse, ökonomische und technische Weltdeutungen; Forschungskunst ist die Hypothese, dass solche Deutungen oft als Entkopplungsformen von Tätigkeitsfolgen wirken.
Symbol- und Eigenschaftsbildung
Ein weiterer Kern ist die Unterscheidung zwischen realen Eigenschaften und hineingedachten Eigenschaften. Dinge haben physische, stoffliche, funktionale und energetische Eigenschaften. Zugleich schreibt der Mensch ihnen symbolische Eigenschaften zu: Wert, Eigentum, Prestige, Heiligkeit, Status, Preis, Bedeutung, Schuld, Rang oder Recht. Diese Zuschreibungen sind nicht unwirksam, aber sie sind anders wirklich.
Geld ist materiell als Papier, Metall oder Datensatz vorhanden, aber sein Wert ist gesellschaftlich zugeschrieben. Eigentum ist nicht im Ding selbst enthalten, sondern eine rechtlich-symbolische Setzung mit realen Folgen. Rollen sind nicht identisch mit dem Menschen, aber sie können sein Leben bestimmen. Ein Preis ist nicht Qualität, sondern Bewertungsform. Ein Titel ist nicht Erkenntnis, sondern institutionelle Anerkennung. Ein Profil ist nicht Identität, sondern eine Daten- und Darstellungsform.
Forschungskunst prüft diese Eigenschaftsbildungen. Sie fragt: Welche Eigenschaften sind stofflich, welche lebendig, welche technisch hergestellt, welche gesellschaftlich zugeschrieben, welche symbolisch behauptet? Diese Unterscheidung wurde für das Mitmachbuch und die Foliengrammatik zentral.
Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die Forschung entwickelte sich auch durch Vergleiche mit großen kulturellen Deutungsformen. Platon wurde als Beispiel für die Höherstellung der Idee gegenüber Körper, Schatten, Bewegung und Veränderlichkeit verstanden. Aristoteles wurde stärker als Prozess-, Form-, Stoff- und Bewegungsdenker einbezogen. Das Christentum wurde über Leib-Seele-Spannung, Erlösung, Jenseitsorientierung und die Gefahr der Entkopplung von Tätigkeitsfolgen geprüft. Technik wurde über Maß, Toleranz und Funktionieren untersucht. Wissenschaft wurde über Spezialisierung, Begrifflichkeit und fehlende Aufklärung befragt.
Diese Vergleiche sind nicht als vollständige Philosophiegeschichte gemeint. Historisch belegbar sind die jeweiligen Traditionen und Begriffe. Forschungskünstlerisch ist die Zuspitzung, dass diese Traditionen bestimmte Wirklichkeitsverhältnisse plastisch, symbolisch oder skulptural vorprägen. Sie werden zu Folien, durch die sichtbar wird, wie der Mensch Körper, Seele, Idee, Eigentum, Natur, Technik und Verantwortung sortiert.
Vier-Ebenen-Modell
Das Vier-Ebenen-Modell ist eine zentrale Architektur des Forschungsansatzes. Es ordnet Wirklichkeit nicht in getrennte Fächer, sondern in aufeinander bezogene Ebenen.
E1 ist die materielle, physische, stoffliche Ebene: Last, Bruch, Gewicht, Kraft, Temperatur, Druck, Material, Wasser, Boden, Energie, Körpergrenzen. Hier wirken Maßstäbe hart. Was nicht trägt, bricht.
E2 ist die lebendige, organismische Ebene: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzlichkeit, Anpassung, Schlaf, Gesundheit, Wahrnehmung, plastisches Ich. Hier geht es um Leben, Grenzen, Erholung, Reaktion und Rückkopplung.
E3 ist die symbolische, gesellschaftliche und kulturelle Ebene: Sprache, Rolle, Eigentum, Geld, Recht, Status, Religion, Bild, Wert, Skulpturidentität. Hier entstehen Zuschreibungen, Geltungen und Als-ob-Formen.
E4 ist die Prüf-, Korrektur-, Reparatur- und Rückkopplungsebene: Methode, Forschungskunst, Werkprüfung, Foliengrammatik, Mitmachbuch, So-Heits-Atelier, Globale Schwarm-Intelligenz. Hier soll geprüft werden, ob E1, E2 und E3 tragfähig miteinander verbunden sind oder ob Verwechslungen zerstörerisch wirken.
Das Modell ist Forschungskunst, keine etablierte wissenschaftliche Klassifikation. Seine Stärke liegt darin, viele bisher getrennte Bereiche in eine Prüfordnung zu bringen. Seine offene Frage liegt darin, wie präzise die Übergänge zwischen den Ebenen definiert und in konkreten Werk- oder Beteiligungssituationen überprüfbar gemacht werden können.
Begriffshandwerk und Prüfanker
Ein weiterer Entwicklungsschritt ist das Begriffshandwerk. Begriffe werden nicht als fertige Theoriebegriffe benutzt, sondern wie Werkstücke bearbeitet. Sie werden gesetzt, geprüft, verworfen, geschärft, korrigiert, kombiniert und an Werkbeispielen rückgebunden. Dadurch entstanden Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Rollen-Figur des Als-ob, recyceltes Menschenbild, zweites Recycelt-Sein, Millisekundenmensch, Prüfoperator, Werkanker, Kontextanker und So-Heits-Gesellschaft.
Der Prüfanker dient dazu, die Begriffe nicht beliebig werden zu lassen. Er bindet sie an Werk, Material, Erfahrung, Körper, Tätigkeit und Folge zurück. Ein Begriff darf nicht nur gut klingen. Er muss etwas sichtbar machen, unterscheiden, prüfen oder verbinden. Wenn er das nicht leistet, muss er korrigiert oder verworfen werden.
In diesem Sinn ist die Forschungskunst auch eine Kritik an Worthülsen. Selbstsein, eigenes Leben, Freiheit, Würde, Teilhabe, Nachhaltigkeit, Fortschritt und Aufklärung bleiben nicht unangetastet. Sie werden gefragt: Tragen diese Wörter noch Wirklichkeit, oder decken sie eine beschädigte Wirklichkeit nur zu?
Künstlerische Prüfobjekte
Die künstlerischen Prüfobjekte bilden das materielle Gedächtnis der Forschung. Dazu gehören unter anderem Schultafeln, Frage- und Antworttische, Wellenbecken, der Gordische Knoten, der gläserne Astronaut, Tanglandschaften, Totentanz, Kartoffelarbeiten, weiß-goldene Ideenformen, Malbuchvorgaben, Krickel-Krakel, Collagen, Folien, Schablonen, Arbeitstische, Installationen, Beteiligungsobjekte und Archivmaterialien.
Diese Objekte sind nicht bloß Beispiele. Sie sind Prüfmaschinen im erweiterten Sinn. Die Schultafel prüft Lernen, Vorgabe, Korrektur und öffentliche Sichtbarkeit. Der Tisch prüft Gegenüberstellung, soziale Ordnung, Gespräch, Arbeit und Teilhabe. Das Wellenbecken prüft Medium, Bewegung, Störung, Rückkopplung und Anpassung. Der Astronaut prüft Isolation, Schutzanzug, Körperabhängigkeit, technische Kapselung und planetarische Entfremdung. Die Kartoffel prüft Nahrung, Wachstum, Boden, Organismus, Alltag und Symbol. Die Folien prüfen Schichten von Wirklichkeit.
Folien und Schablonen
Die Folien und Schablonen wurden zu einer zentralen Methode, weil sie sichtbar machen, dass Wirklichkeit geschichtet ist. Eine Folie zeigt nicht alles. Aber mehrere Folien übereinander zeigen Beziehungen, Überlagerungen, verdeckte Ebenen und falsche Zuordnungen. Dadurch wird das Vier-Ebenen-Modell bildnerisch handhabbar.
Die Folien verbinden physische Welt, Organismus, Tätigkeit, Symbolbildung, Rollen, Kulturgeschichte und Prüfung. Sie ermöglichen, dass Menschen nicht nur einen fertigen Text lesen, sondern Wirklichkeit selbst überlagern, verschieben, vergleichen und prüfen. Damit werden Folien zu Werkzeugen des Lernens. Sie erzeugen Gegenüberstellung.
Die Schablone steht für Vorgabe, Wiederholung, Muster, Norm und Abweichung. Sie kann helfen, eine Form zu erkennen, aber auch zeigen, wie vorgegebene Bilder den Menschen festlegen. Im Mitmachbuch wird diese Spannung produktiv: Vorgabe und eigene Spur, Schablone und Abweichung, Bild und Korrektur, Lernen und Selbstprüfung.
Mitmachbuch
Das Mitmachbuch entstand als ein Weg, die Forschungskunst nicht nur zu erklären, sondern begehbar und bearbeitbar zu machen. Es soll Menschen an einfache Ausgangsbilder heranführen: Kartoffel, Wiese, Schultafel, Körper, Tisch, Astronaut, Wasser, Pflanze, Tier, Eigentum, Geld, Rolle, Idee, Folie. Aus diesen einfachen Bildern sollen komplexe Wirklichkeitsfragen entstehen.
Seine methodische Funktion liegt darin, den Menschen zum Ermittler seiner eigenen Existenz zu machen. Er soll nicht nur konsumieren, sondern prüfen. Nicht nur lesen, sondern unterscheiden. Nicht nur Meinung äußern, sondern Folgen sehen. Nicht nur sich selbst darstellen, sondern seine eigenen Lebensbedingungen befragen.
Die offene Frage bleibt, wie das Mitmachbuch technisch, didaktisch und künstlerisch so gebaut werden kann, dass es nicht wieder zur bloßen Oberfläche wird. Es muss die Balance halten zwischen Zugänglichkeit und Komplexität, Spiel und Ernst, Bild und Begriff, individueller Beteiligung und gemeinsamer Prüfung.
Tausend Tische
Die „Tausend Tische“ stehen als soziale und räumliche Erweiterung der Forschungskunst. Der Tisch ist Ort von Arbeit, Essen, Verhandlung, Unterricht, Verwaltung, Familie, Streit, Vertrag, Spiel, Prüfung und Gemeinschaft. Er ist ein elementares Zivilisationsobjekt. In der Forschungskunst wird er zum Prüfplatz.
Tausend Tische bedeuten nicht bloß viele Möbel, sondern viele Orte der Gegenüberstellung. Jeder Tisch kann eine andere Frage tragen: Was ist Eigentum? Was ist Nahrung? Was ist Arbeit? Was ist Würde? Was ist Ware? Was ist Verlust? Was trägt? Was zerstört? Was wird recycelt? Was ist nur Als-ob?
Die Tische verbinden Werk, Publikum, Gespräch, Material, Schrift, Bild, Handlung und soziale Situation. Sie sind eine Brücke zwischen Atelier, Ausstellung, Stadt, Schule, Plattform und globalem Dorf.
KI
Die KI wurde im Verlauf nicht nur als Werkzeug, sondern als neuer Prüfpartner verstanden. Sie hilft beim Schreiben, Sortieren, Rekonstruieren, Verdichten, Korrigieren und Ausformulieren. Gleichzeitig wird sie selbst zum Thema: Wer gestaltet mit KI? Wem gehört KI? Wird KI Eigentumsinstrument, Machtverstärker, Parallelwelt, Manipulationsmaschine oder öffentliche Prüfhilfe?
Für die Forschungskunst hat KI eine doppelte Funktion. Erstens unterstützt sie das Begriffshandwerk, indem sie große Textmengen, Werkzusammenhänge und Modelle in neue Ordnungen bringen kann. Zweitens wird sie selbst zum Prüfobjekt der So-Heits-Gesellschaft: Wenn KI Identität, Sprache, Bild, Entscheidung und Wissen verändert, muss geprüft werden, ob sie Aufklärung fördert oder Verwertung vertieft.
Die offene Frage lautet: Wie kann KI so in die Globale Schwarm-Intelligenz eingebunden werden, dass sie nicht nur beschleunigt, sondern prüft? Wie kann sie helfen, Tragwirklichkeit sichtbar zu machen, statt das Als-ob noch perfekter zu simulieren?
Globale Schwarm-Intelligenz
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die Plattform- und Zielprojektion des Forschungsansatzes. Sie soll nicht bloß Archiv sein, sondern öffentlicher Prüf-, Lern- und Beteiligungsraum. Menschen sollen dort Begriffe, Bilder, Erfahrungen, Beispiele, Fragen und Werkprozesse in Beziehung setzen können.
Ihre Funktion liegt darin, individuelle Forschungskunst in einen kollektiven Prüfprozess zu überführen. Nicht der einzelne Künstler besitzt die Wahrheit, sondern er stellt Prüfmittel bereit. Die Plattform soll sichtbar machen, wie viele Menschen aus unterschiedlichen Lebenslagen prüfen können, was trägt, was zerstört, was nur behauptet wird und welche Begriffe nicht mehr ausreichen.
Die offene Frage bleibt, wie diese Schwarm-Intelligenz vor bloßer Meinungsansammlung, Manipulation, Plattformlogik oder digitaler Oberflächenproduktion geschützt werden kann. Sie muss Prüfintelligenz werden, nicht nur Kommunikationsraum.
So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Ordnung, in der Wirklichkeit über hergestellte So-Heiten, Rollen, Begriffe, Zuschreibungen, Eigentumsformen, Geldwerte, Institutionen, Bilder und technische Systeme geformt wird. Der Mensch lebt nicht einfach in Natur, sondern in einer hergestellten Welt aus Bedeutungen, Dingen, Regeln, Verfahren und künstlichen Wirklichkeiten.
Forschungskünstlerisch ist die So-Heits-Gesellschaft eine Diagnose: Der Mensch verwechselt die von ihm hergestellten So-Heiten mit der tragenden Wirklichkeit. Er hält Eigentum für Natur, Preis für Qualität, Rolle für Mensch, Verfahren für Gerechtigkeit, Fortschritt für Tragfähigkeit, Selbstvermarktung für Selbstsein und Verwertung für Leben.
Die Zielprojektion der So-Heits-Gesellschaft ist nicht ihre Abschaffung, sondern ihre Prüfung. Der Mensch kann nicht ohne hergestellte Welt leben. Aber er muss lernen, welche So-Heiten tragen und welche zerstören.
So-Heits-Atelier
Das So-Heits-Atelier ist die räumliche und öffentliche Verdichtung der Forschungskunst. Es ist Atelier, Archiv, Labor, Ausstellung, Schule, Werkstatt, Tischordnung, Mitmachraum, Prüfstation und Zivilisationsmodell zugleich. Es soll nicht nur Kunst zeigen, sondern Menschen in Prüfprozesse hineinbringen.
Im Zusammenhang der documenta 16 wurde das So-Heits-Atelier als mögliche Form sichtbar, in der das Lebenswerk nicht museal abgeschlossen, sondern als offene Gegenwartsprüfung aktiviert wird. Die documenta hätte in dieser Perspektive nicht erst mit einer Ausstellung begonnen, sondern bereits dort, wo die Fragen an Kunst, Gesellschaft, Mensch und Zivilisation gestellt werden.
Das So-Heits-Atelier verbindet die tragenden Elemente: Schultafeln, Tische, Folien, Mitmachbuch, Collagen, Prüfobjekte, KI, Archiv, Beteiligung, Stadt, Körper, Ressourcenfrage, Menschenbildkritik und planetarische 24-Stunden-Uhr. Seine offene Frage liegt in der konkreten Dramaturgie: Wie wird ein Besucher vom Kauf-Verkauf-Menschen zum Prüfer seiner eigenen Existenzbedingungen?
Historisch belegbare Sachverhalte und Forschungskunst-Hypothesen
Historisch oder sachlich belegbar sind die Existenz von Handel, Technik, Wissenschaft, Religion, Eigentum, Verwaltung, Kapitalformen, Ressourcenbegriffen, Umweltzerstörung, Industrialisierung, Digitalisierung, Körperabhängigkeit, sozialen Rollen und wissenschaftlicher Spezialisierung. Belegbar ist auch, dass Ressourcenbegriffe natürliche, wirtschaftliche, soziale, psychologische und kulturelle Dimensionen umfassen können.
Forschungskunst-Hypothesen sind dagegen die eigenen begrifflichen Zuspitzungen: recyceltes Menschenbild, zweites Recycelt-Sein, Rollen-Figur des Als-ob, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Millisekundenmensch, So-Heits-Gesellschaft, So-Heits-Atelier, 51:49 als minimaler Wirklichkeitskipper und die These, dass der Mensch seine Beute- und Verkaufsintelligenz auf den Planeten überträgt.
Diese Begriffe sind nicht als etablierte Wissenschaftsbegriffe zu behandeln, sondern als Prüfbegriffe der Forschungskunst. Ihr Wert liegt darin, Zusammenhänge sichtbar zu machen, die in getrennten Disziplinen oft auseinanderfallen.
Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes
Die Gesamtarchitektur lässt sich als mehrstufiges Prüfsystem beschreiben. Am Anfang steht die Leitfrage nach der Selbstzerstörung des Menschen. Daraus folgt die Diagnose der falschen Prioritätensetzung: Der Mensch ist genau in Verwertung, aber blind gegenüber Tragwirklichkeit. Diese Diagnose führt zur Unterscheidung von Warenwirklichkeit und Tragwirklichkeit. Daraus entstehen die Begriffe des recycelten Menschenbildes, der Rollen-Figur des Als-ob und der Identität als letzter Ressource.
Das Vier-Ebenen-Modell ordnet diese Diagnose: E1 Material, E2 Organismus, E3 Symbol, E4 Prüfung. Die Werkobjekte, Tische, Folien, Schablonen und das Mitmachbuch machen diese Ebenen handhabbar. KI und Globale Schwarm-Intelligenz erweitern sie in eine öffentliche Plattform. Das So-Heits-Atelier verdichtet sie räumlich und sozial. Die Forschungskunst wird damit zur Methode, die Begriffe, Werke, Menschenbilder und Zivilisationsformen an Tragfähigkeit prüft.
Doppelungen, Unklarheiten und Vereinfachungen
Mehrere Begriffe liegen nah beieinander und müssen weiter unterschieden werden. Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit überschneiden sich. Tragwirklichkeit betont, was trägt; Plexuswirklichkeit betont das Geflecht der Abhängigkeiten. Plastisches Ich und Tragwesen überschneiden sich ebenfalls. Plastisches Ich bezeichnet stärker die lebendige Formbarkeit und Rückkopplung, Tragwesen stärker die Abhängigkeit von Lebensbedingungen.
Skulpturidentität, Rollen-Figur des Als-ob und recyceltes Menschenbild stehen eng zusammen. Skulpturidentität bezeichnet die erstarrte Form. Rollen-Figur des Als-ob bezeichnet die gesellschaftliche Täuschungsform. Recyceltes Menschenbild bezeichnet die Wiederverwertung des Menschen in immer neuen Rollen und Deutungen. Diese drei Begriffe sollten nicht verschmolzen, sondern als Stufen dargestellt werden.
Der Ressourcenbegriff muss sorgfältig geführt werden. Er ist hilfreich, weil er zeigt, wie weit Verwertbarkeit reicht. Er ist aber gefährlich, weil er selbst Teil der kritisierten Sprache ist. Deshalb braucht die Forschungskunst hier eine klare Unterscheidung zwischen tragender Ressource, ausgebeuteter Ressource und entwürdigender Ressourcenlogik.
Auch das Verhältnis von Wissenschaft und Forschungskunst braucht Präzisierung. Forschungskunst ersetzt Wissenschaft nicht. Sie prüft die Folgen, blinden Stellen, Menschenbilder und Begriffe, die Wissenschaft allein oft nicht zusammenführt. Sie ist kein Gegenwissen, sondern eine Gegenprüfung.
Noch fehlende Verbindungen
Noch weiter ausgearbeitet werden muss die Verbindung zwischen Körperorganismus und planetarischem Maßstab. Der Körper zeigt im Kleinen, was der Planet im Großen zeigt: Belastung, Grenze, Regeneration, Übernutzung, Kippung. Diese Analogie ist stark, braucht aber klare Werkbeispiele.
Auch die Verbindung zwischen Tier-Pflanzen-Anpassung und menschlicher Beuteökonomie muss weiter geschärft werden. Tarnung, Täuschung, Beute und Schutz sind biologische Strategien; ihre Übertragung auf Markt, Ware und Betrug ist eine Forschungskunst-Hypothese. Sie ist fruchtbar, muss aber als Analogie und nicht als einfache Gleichsetzung formuliert werden.
Weiter offen ist die konkrete Dramaturgie des So-Heits-Ateliers: Welche Station zuerst? Kauf-Verkauf-Welt? 24-Stunden-Uhr? Körperorganismus? Schultafel? Tisch? Folie? Mitmachbuch? KI? Die stärkste Reihenfolge scheint zu sein: erst Alltagsverwertung, dann Körpermaßstab, dann planetarische Uhr, dann Rollen-Figur des Als-ob, dann Folienprüfung, dann Mitmachhandlung.
Schlussverdichtung
Die gesamte Forschungskunst lässt sich in einer Kernformel zusammenziehen: Der Mensch muss vom Händler seiner Welt zum Ermittler seiner Existenz werden. Er darf nicht länger nur kaufen, verkaufen, verwerten, sich darstellen und sich selbst als Ressource behandeln. Er muss prüfen, wodurch er lebt, was ihn trägt, was ihn zerstört, welche Begriffe ihn täuschen, welche Rollen ihn ersetzen und welche Tätigkeiten seine eigenen Grundlagen angreifen.
Das Ende der Zivilisation beginnt dort, wo der Mensch seine höchste Genauigkeit im Verkauf seiner selbst entwickelt und zugleich die Maßstäbe seines Körpers, der Natur und des Planeten verweigert. Aufklärung beginnt dort, wo diese falsche Genauigkeit sichtbar wird. Forschungskunst beginnt dort, wo Werk, Körper, Begriff, Material, Tisch, Folie, Mitmachbuch, KI, Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier zu einer öffentlichen Gegenprüfung verbunden werden.
Die Forschungskunst ist damit kein Stil und kein bloßes Thema. Sie ist ein Prüfhandwerk an der Wirklichkeit. Sie fragt nicht, wie der Mensch sich besser verkauft. Sie fragt, warum der Mensch nicht versteht, wodurch er lebt.
Die erneute Rekonstruktion führt die bisherigen Fassungen zusammen und berücksichtigt zusätzlich die Entwicklung der Werk- und Kontextanker, die späteren Korrekturen des Vier-Ebenen-Modells, 50:50/1:99, Dingselektion, Referenzsystem, Verletzungswirklichkeit und die jüngste Verdichtung zum So-Heits-Atelier.
Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Prüfverfahrens
Vorbemerkung: Zwei Zeitachsen müssen auseinandergehalten werden
Die bisherige Forschung lässt sich nur dann richtig rekonstruieren, wenn zwei Zeitachsen streng unterschieden werden.
Die erste Zeitachse ist die Werk- und Erfahrungsgeschichte. Sie beginnt lange vor den heutigen Begriffen: mit handwerklicher Ausbildung, Materialerfahrung, Fotografie, Werbung, bildnerischer Arbeit, dem Kunststudium, der Experimentellen Umweltgestaltung seit 1975, Wasser- und Strömungsversuchen, Malbüchern, gesellschaftlichen Arbeitstischen, Theater, kollektiver Kreativität, öffentlichen Aktionen, dem Globalen Dorffest, den documenta-Bewerbungen und später den digitalen Arbeiten.
Die zweite Zeitachse ist die Begriffs- und Modellgeschichte. Begriffe wie 51:49, Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Dingselektion, Vier-Ebenen-Modell, Differenzialprinzip, Prüfanker, So-Heits-Gesellschaft oder Globale Schwarm-Intelligenz wurden erst später entwickelt, teilweise Jahrzehnte nach den Werken, auf die sie heute zurückbezogen werden.
Diese Unterscheidung ist für die gesamte Forschung entscheidend. Ein frühes Werk darf mit einem später entwickelten Begriff interpretiert werden; es darf aber nicht behauptet werden, der spätere Begriff sei bereits die damalige bewusste Theorie des Werkes gewesen.
Die gegenwärtige Forschung ist deshalb keine Theorie, die seit 1975 unverändert verfolgt wurde. Sie ist das Ergebnis eines langen plastischen Prozesses, in dem Werke Erfahrungen hervorbrachten, Erfahrungen Fragen erzeugten, Fragen Begriffe erforderlich machten und diese Begriffe wiederum an älteren und neuen Werken geprüft und verändert wurden.
I. Forschungsgrund
1. Der handwerkliche Ursprung des Prüfens
Eine der tiefsten Grundlagen der späteren Forschung liegt in der handwerklichen Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969.
Hier wird ein Wirklichkeitsverhältnis erfahren, das später für die Forschungskunst grundlegend wird: Eine Konstruktion kann funktionieren oder nicht funktionieren. Eine Passung kann stimmen oder nicht stimmen. Ein Maß kann eingehalten oder überschritten werden. Material besitzt Eigenschaften, die der Wille des Herstellers nicht außer Kraft setzt.
Die später wichtigen Begriffe Passung, Toleranz, Tragfähigkeit, Widerstand, Funktion und Rückmeldung haben hier einen praktischen Ursprung.
Noch gibt es keine Forschungskunsttheorie. Es gibt jedoch bereits einen Prüfmaßstab, der später eine entscheidende Differenz zu einer rein interpretativen Kunstauffassung bildet:
Eine Gestaltung kann nicht allein dadurch gelingen, dass ihr Hersteller sie für gelungen erklärt.
Das Werkstück antwortet.
Diese Antwort des Materials bildet die früheste Form dessen, was später Rückkopplung genannt wird.
Methodische Funktion
Aus dem Handwerk stammt der spätere Anspruch, auch gesellschaftliche und symbolische Konstruktionen nicht ausschließlich danach zu beurteilen, was sie bedeuten oder beabsichtigen, sondern danach, welche Folgen sie innerhalb ihrer tatsächlichen Abhängigkeiten erzeugen.
Offene Frage
Die direkte Übertragung des handwerklichen Funktionierens auf Gesellschaft wäre zu einfach. Gesellschaften besitzen keine einzige eindeutige Sollpassung. Deshalb musste später ein komplexerer Prüfmaßstab entwickelt werden.
II. Von Fotografie und Ausschnitt zur Frage nach Wirklichkeit
2. Fotografie, Werbung und die Erfahrung der Selektion
Die fotografische und publizistische Arbeit bringt einen zweiten grundlegenden Erfahrungsstrang hervor.
Eine Kamera bildet nicht einfach „die Wirklichkeit“ ab. Schon der Bildausschnitt entscheidet, was sichtbar und was unsichtbar wird. Standort, Zeitpunkt, Auswahl und späterer Zusammenhang bestimmen, welche Wirklichkeit erscheint.
Werbung verschärft diese Erfahrung. Dinge erhalten Bedeutungen, Eigenschaften, Wünsche und Wertversprechen, die nicht einfach im Material des Gegenstandes enthalten sind.
Hier liegen frühe praktische Voraussetzungen für spätere Begriffe wie:
Ausschnitt, Auswahl, Dingselektion, hineingedachte Eigenschaft, Zuschreibung, Repräsentation und Wirklichkeitsverwechslung.
Auch hier gilt: Diese Begriffe existieren damals noch nicht in ihrer heutigen Form. Die Erfahrung, aus der sie später gewonnen werden, ist jedoch vorhanden.
Neue Verbindung
Handwerk und Fotografie bilden zusammen einen fundamentalen Gegensatz:
Das Handwerk konfrontiert mit Widerstand und Funktionsgrenzen.
Fotografie und Werbung zeigen, wie stark Wirklichkeit durch Auswahl und Zuschreibung modelliert werden kann.
Die spätere Forschung entsteht wesentlich aus der Spannung zwischen diesen beiden Erfahrungen.
III. Werkgenese: Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975
3. Der Übergang vom Kunstobjekt zum Wirkungszusammenhang
Während des Kunststudiums an der HBK Braunschweig entwickelt sich ab Mitte der 1970er Jahre die „Experimentelle Umweltgestaltung“.
Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit vom isolierten autonomen Kunstobjekt auf Beziehungen zwischen Mensch, Material, Umgebung, Handlung und Wirkung.
Die spätere Forschungskunst hat hier ihren wichtigsten werkgeschichtlichen Ursprung.
Die zentrale Frage lautet in dieser frühen Phase noch nicht in der heutigen komplexen Form. Sie nähert sich zunächst der Frage:
Kann Kunst Gesellschaft verändern?
Daraus entwickelt sich langfristig die präzisere Frage:
Warum zerstört der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen?
Und schließlich:
Welche künstlerischen Werkzeuge könnten ihm ermöglichen, die Konstruktionen seiner Menschenwelt an ihren tatsächlichen Folgen zu prüfen und zu korrigieren?
Diese drei Fragen markieren keine drei voneinander getrennten Projekte. Sie zeigen eine zunehmende Präzisierung desselben Forschungsgrundes.
IV. Wasser, Welle, Strömung: Tätigkeit wird an ihren Folgen sichtbar
4. Die ersten starken Rückkopplungsmodelle
Wasser- und Strömungsversuche werden zu einem bedeutenden Werkstrang.
Eine Tätigkeit an einer Stelle verändert einen Zusammenhang an anderer Stelle. Ein Hindernis erzeugt Verwirbelungen. Eine Welle trägt einen Impuls weiter. Ein Damm verändert nicht nur das Wasser unmittelbar an seiner Oberfläche, sondern das gesamte lokale Strömungsverhältnis.
Damit entsteht eine Erfahrung, die später in den Begriff der Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenz eingeht.
Eine Tätigkeit besitzt nicht nur eine Absicht.
Sie besitzt Folgen.
Diese Folgen können räumlich und zeitlich außerhalb des unmittelbaren Handlungsortes auftreten.
Damit verändert sich auch der Verantwortungsbegriff. Verantwortung kann nicht allein bei Intention und Zuständigkeit enden.
Spätere begriffliche Verdichtung
Aus diesen Werkbeobachtungen entwickeln sich Jahrzehnte später Begriffe wie:
- Wirkungszusammenhang,
- Abhängigkeitskonsequenz,
- Plexus,
- Rückkopplung,
- Tragbedingung,
- dreifaches Optimum.
Wissenschaftlicher Status
Dass Flüssigkeiten auf Hindernisse reagieren und dass Eingriffe in dynamische Systeme Folgewirkungen besitzen, ist physikalisch beschreibbar.
Die Übertragung dieser Vorgänge auf gesellschaftliche und kulturelle Prozesse ist dagegen eine Analogie der Forschungskunst, keine naturwissenschaftliche Gleichsetzung.
V. 51:49 – die Entdeckung der minimalen Differenz
5. Von einer frühen Intuition zum Prüfoperator
Bereits in den 1970er Jahren erscheint die Vorstellung eines Verhältnisses von 51:49.
Später wird daraus ein wichtiges Verhältnisbild.
Zunächst drohte 51:49 zu einem zu umfassenden Erklärungsprinzip zu werden. Im Verlauf der Forschung wurde der Begriff deshalb mehrfach korrigiert.
Heute lässt er sich am präzisesten als Minimalasymmetrie verstehen.
51:49 bedeutet nicht, dass die Natur grundsätzlich nach diesem Zahlenverhältnis aufgebaut wäre.
Es bezeichnet eine methodische Figur:
Eine vollständig geschlossene 50:50-Symmetrie wird durch eine minimale Differenz geöffnet.
Diese kleine Differenz ermöglicht Bewegung, Entwicklung, Abweichung und Korrektur.
50:50 und 1:99
Später wurde 51:49 durch zwei weitere Verhältnisfiguren ergänzt.
50:50 bezeichnet dabei den Zustand einer scheinbar abgeschlossenen Symmetriedualität: entweder/oder, innen/außen, Subjekt/Objekt, Natur/Kultur, Körper/Geist.
1:99 bezeichnet die mögliche gesellschaftliche Drift einer ursprünglich kleinen Differenz in ein extremes Macht-, Besitz- oder Verteilungsverhältnis.
Diese Zahlen sind keine soziologischen Naturgesetze.
Sie sind künstlerische Kalibrierungsfiguren.
Methodische Funktion
51:49 fragt:
Wo bleibt eine Ordnung offen?
50:50 fragt:
Wo wird eine dynamische Beziehung in einen starren Dualismus überführt?
1:99 fragt:
Wo wird Differenz durch Machtakkumulation asymmetrisch verfestigt?
Damit verbindet sich das Verhältnisprinzip später mit Plastik, Skulpturalisierung, Eigentum, Status und gesellschaftlicher Organisation.
VI. Vom Umweltbegriff zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit
6. Die Kritik am Bild eines Menschen in einer „Umwelt“
Mit zunehmender Forschung wird der Begriff „Umwelt“ problematisch.
Er kann suggerieren, dass zunächst ein selbständiger Mensch existiert und um ihn herum anschließend eine Umwelt liegt.
Der lebendige Organismus existiert jedoch nur innerhalb von Abhängigkeiten.
Er atmet, nimmt Stoffe auf, gibt Stoffe ab, ist Temperatur, Gravitation, Wasser, Mikroorganismen, Nahrung und anderen Lebewesen ausgesetzt.
Daraus entsteht zunächst der Begriff Tragwirklichkeit.
Tragwirklichkeit bezeichnet nicht eine zusätzliche metaphysische Welt.
Der Begriff soll auf die Bedingungen aufmerksam machen, die einer menschlichen symbolischen oder technischen Konstruktion vorausliegen und diese überhaupt erst ermöglichen.
Später wird Plexuswirklichkeit eingeführt.
Plexus betont weniger das „Getragenwerden“ und stärker die wechselseitige Verwobenheit.
Die spätere Klärung lautet daher:
Tragwirklichkeit bezeichnet den existenziellen Vorrang der Bedingungen.
Plexuswirklichkeit bezeichnet ihre Verknüpfungsstruktur.
Damit werden zwei zunächst teilweise konkurrierende Begriffe funktional voneinander unterschieden.
Wissenschaftlicher und forschungskünstlerischer Status
Die physikalische und biologische Abhängigkeit eines Organismus ist naturwissenschaftlich beschreibbar.
„Tragwirklichkeit“ und „Plexuswirklichkeit“ sind dagegen Eigenbegriffe der Forschungskunst.
Sie organisieren eine Betrachtungsweise, keine neue naturwissenschaftliche Ontologie.
VII. Planetarische Kalibrierung und der Millisekunden-Mensch
7. Die 24-Stunden-Uhr
Ein weiterer wichtiger Prüfanker entsteht mit der Übertragung der Erdgeschichte auf eine 24-Stunden-Uhr.
Die etwa 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte werden proportional auf einen Tag bezogen.
Dadurch wird sichtbar, wie spät Homo sapiens innerhalb dieser Geschichte erscheint.
Ein einzelnes Menschenleben schrumpft in diesem Modell auf eine Größenordnung von Millisekunden.
Daraus entsteht der Begriff Millisekunden-Mensch.
Funktion
Die Uhr ist keine bloße Illustration der Erdgeschichte.
Sie ist ein Maßstabswechsel.
Der Mensch wird aus seinem gewohnten anthropozentrischen Zeitmaßstab herausgenommen.
Dadurch entsteht die zentrale Gegenüberstellung:
planetarische Entwicklungszeit
gegenüber
menschlicher Selbstwahrnehmung und Gestaltungsgeschwindigkeit.
Hypothese der Forschungskunst
Aus dieser Gegenüberstellung entwickelt sich die Diagnose:
Der Millisekunden-Mensch verhält sich häufig, als könne er die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch seine selbst geschaffene Menschenwelt ersetzen.
Die geologischen Zeitverhältnisse sind wissenschaftlich überprüfbar.
Diese anthropologische Interpretation ist dagegen eine Hypothese der Forschungskunst.
VIII. Dingselektion, Eigenschaftsbildung und die Menschenwelt
8. Vom wahrgenommenen Ding zur zugeschriebenen Eigenschaft
Die Wirklichkeitsfrage wird später durch die Dingselektion präzisiert.
Der Mensch trifft aus einem kontinuierlichen Wirkungszusammenhang Unterscheidungen.
Er sagt:
dieser Baum,
dieses Grundstück,
dieser Tisch,
dieser Mensch,
dieses Land.
Diese Unterscheidungen sind zur Orientierung notwendig.
Das Problem entsteht nicht durch die Selektion selbst.
Es entsteht dann, wenn vergessen wird, dass eine Selektion einen Ausschnitt erzeugt.
Im nächsten Schritt werden Eigenschaften hineingedacht.
Ein Stück Papier wird Geld.
Eine Fläche wird Eigentum.
Ein Mensch wird Eigentümer, Arbeitnehmer, Kunde, Ausländer, Künstler oder Experte.
Wichtige Korrektur
Frühere Formulierungen drohten gesellschaftliche Zuschreibungen als bloß „unwirklich“ zu behandeln.
Das wurde korrigiert.
Geld oder Eigentum sind nicht materiell in derselben Weise vorhanden wie Masse oder Temperatur.
Sie sind jedoch gesellschaftlich real und können sehr reale materielle Folgen hervorrufen.
Daraus wurde eine differenziertere Wirklichkeitsgrammatik entwickelt:
- materiell vorhanden,
- lebendig wirksam,
- technisch hergestellt,
- gesellschaftlich zugeschrieben,
- symbolisch behauptet.
Diese Unterscheidung wird später zu einer wichtigen Grundlage des Vier-Ebenen-Modells.
IX. Eigenheit, Eigentum und die Eigentumsgrammatik
9. Vom Ding zur Verfügungsmacht
Aus der Eigenschaftsfrage entsteht eine spezifische Untersuchung der Begriffe eigen, Eigenschaft, Eigentum und Identität.
Ein Ding besitzt materielle Eigenschaften.
Dass es jemandem „gehört“, ist dagegen keine physikalische Eigenschaft des Dinges.
Eigentum ist eine gesellschaftlich-rechtliche Zuordnung.
Diese Zuordnung kann aber Handlungen und Ausschlüsse organisieren und dadurch E1- und E2-Folgen hervorrufen.
Hier entsteht die spätere Eigen-/Eigentumsgrammatik.
Methodische Funktion
Die Frage lautet nicht:
Ist Eigentum wirklich oder unwirklich?
Sondern:
Auf welcher Ebene ist Eigentum wirklich und welche Folgen erzeugt diese Zuschreibung auf anderen Ebenen?
Damit wird Eigentum zu einem exemplarischen Prüfobjekt des späteren E1–E4-Modells.
X. Lochprozesse: vom Ausschnitt zur unterbrochenen Rückbindung
10. Entstehung eines späten Kernbegriffs
Der Begriff Lochprozess gehört nicht zu den frühen Werkbegriffen.
Er entsteht sehr spät aus der Zusammenführung zahlreicher älterer Erfahrungen:
Ausschnitt, Öffnung, Membran, Behälter, Geburt, Verletzung, Grenzziehung, Fotografie, Isolierung, Rollenbildung und verlorene Rückkopplung.
Zunächst wurde „Loch“ sehr umfassend verwendet.
Im weiteren Gespräch musste deshalb differenziert werden.
Lücke ist nicht Loch
Die Lücke ist zunächst ein Differenzraum.
Etwas ist nicht bekannt.
Etwas stimmt nicht zusammen.
Zwischen Erwartung und Ergebnis entsteht eine Differenz.
Diese Lücke kann Erkenntnis ermöglichen.
Der Lochprozess bezeichnet dagegen eine Veränderung einer Grenze, Verbindung oder Referenzordnung.
Er kann sehr unterschiedliche Formen besitzen:
- regulierte Öffnung,
- produktive Lücke,
- selektiver Ausschnitt,
- symbolische Grenzziehung,
- Rückkopplungsunterbrechung,
- Verletzung oder Bruch.
Damit wurde eine frühere Überdehnung korrigiert.
Membran statt Mauer
Ein wichtiger Zwischenschritt ist die Membran.
Leben benötigt weder vollständige Offenheit noch vollständige Geschlossenheit.
Es benötigt regulierte Durchlässigkeit.
Die Membran wird damit zu einem plastischeren Modell als die starre Grenze.
Offene Frage
Der Lochprozess ist weiterhin einer der begrifflich risikoreichsten Teile des Systems.
Seine Stärke liegt in der Vergleichbarkeit verschiedener Grenzoperationen.
Seine Schwäche liegt darin, dass biologische, psychische, soziale und politische Grenzen nicht gleichgesetzt werden dürfen.
Der Begriff sollte deshalb künftig als vergleichender Prüfoperator von Grenz- und Verbindungsveränderungen geführt werden, nicht als Universalmechanismus.
XI. Gegenüberstellung: der elementare Erkenntnisoperator
11. Lernen benötigt ein Gegenüber
Aus Materialerfahrung, Fotografie, Theater, Beteiligung und Gespräch entwickelt sich eine zentrale Einsicht:
Lernen benötigt Gegenüberstellung.
Eine Vorstellung allein kann sich selbst bestätigen.
Erst ein Gegenüber erzeugt Widerstand.
Das Gegenüber kann ein Material sein.
Es kann eine andere Person sein.
Es kann eine Folge der eigenen Tätigkeit sein.
Es kann ein historisches Dokument sein.
Es kann ein anderes Modell sein.
Es kann sogar eine KI sein, sofern deren Antwort wiederum geprüft wird.
Daraus entsteht eine elementare Forschungsbewegung:
Vorstellung → Tätigkeit → Gegenüber → Differenz → Erfahrung → Rückkopplung → mögliche Korrektur.
Diese Bewegung ist heute wahrscheinlich die einfachste Grundformel des gesamten Forschungsansatzes.
Verbindung zur Lücke
Die Differenz zwischen Vorstellung und Gegenüber erzeugt die produktive Lücke.
Ohne diese Differenz gibt es keine Notwendigkeit zu lernen.
Verbindung zu 51:49
51:49 kann als Minimalform dieser Differenz verstanden werden.
Es genügt bereits ein kleiner Nichtgleichstand, um ein geschlossenes Modell fraglich zu machen.
XII. Erfahrung: nicht Erlebnis, sondern Folgebegegnung
12. Die präzisere Bedeutung von Erfahrung
Im Verlauf der Forschung wurde „Erfahrung“ zunehmend von bloßem Erlebnis getrennt.
Erfahrung entsteht dort, wo ein Handelnder die Folgen seiner Tätigkeit wieder als Information erhält.
Ein bildnerischer Eingriff verändert Material.
Das Material antwortet.
Der Künstler verändert daraufhin seine nächste Tätigkeit.
Genau dieser Vorgang verbindet Handwerk, Kunst und später gesellschaftliches Lernen.
Rückkopplung
Rückkopplung wird daher definiert als:
Rückführung wahrgenommener Folgen in eine nachfolgende Tätigkeit.
Eine Folge allein erzeugt noch kein Lernen.
Sie muss wahrgenommen, zugeordnet und in eine Veränderung der nächsten Handlung überführt werden.
Reparatur
Daraus entsteht später der Begriff Reparatur.
Reparatur bedeutet nicht zwingend Wiederherstellung eines früheren Zustands.
Sie kann auch die Herstellung eines neuen tragfähigen Verhältnisses bedeuten.
Damit entsteht die heute zentrale Sequenz:
Wahrnehmen – gegenüberstellen – erfahren – rückkoppeln – prüfen – korrigieren – reparieren.
XIII. Plastik und Skulptur: von künstlerischen Verfahren zu Identitätsmodellen
13. Die entscheidende sprachliche Differenz
Eine besonders produktive Entwicklung entsteht aus der deutschen Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur.
Historisch und kunstpraktisch sind beide Begriffe komplexer, als eine einfache Gegenüberstellung vermuten lässt.
Für die Forschungskunst wird jedoch eine spezifische operative Unterscheidung entwickelt.
Die Plastik wird mit Aufbau, Anfügen, Modellieren, Veränderbarkeit und Rückkopplung verbunden.
Die Skulptur wird als Bild für die herausgelöste, festgestellte Form verwendet.
Plastisches Ich
Daraus entsteht der Begriff des Plastischen Ichs.
Der lebendige Mensch ist kein fertiges Gebilde.
Er verändert sich fortlaufend körperlich, erfahrungsmäßig und in seinen Beziehungen.
Das Plastische Ich gehört deshalb in seiner strengsten heutigen Bestimmung vor allem zur organismischen Ebene E2.
Skulpturidentität
Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen eine erzeugte Selbstbeschreibung, die behandelt wird, als sei sie eine feste, vorausliegende Eigenschaft des Menschen.
Der Mensch versteht sich dann etwa als vollständig autonomes Individuum, obwohl sein Leben permanent von materiellen, biologischen und gesellschaftlichen Beziehungen abhängt.
Wichtige Korrektur
Plastik darf nicht einfach mit „gut“ und Skulptur mit „schlecht“ gleichgesetzt werden.
Die kunsthistorischen Begriffe werden innerhalb der Forschungskunst als übertragene Prüfbegriffe benutzt.
Die eigentliche Differenz lautet:
plastisch = revisions- und beziehungsfähig
gegenüber
skulpturalisiert = eine erzeugte Form wird wie eine unveränderliche Gegebenheit behandelt.
XIV. Als-ob, Rolle und Verletzungswirklichkeit
14. Die darstellerische Kunst erweitert das Modell
Aus dem Rollentheater und der Beschäftigung mit schauspielerischem Handwerkszeug entsteht eine wichtige Erweiterung.
Der Schauspieler kann Als-ob-So-Tun.
Er spielt König, Bettler, Käufer, Besitzer oder Sterbenden.
Die Rollenfigur existiert innerhalb einer Bühnen-, Kulissen- und Requisitenwelt.
Der Darsteller selbst bleibt jedoch körperlich verletzlich.
Daraus entwickelt sich die Unterscheidung zwischen einer symbolischen beziehungsweise dargestellten Unverletzlichkeitswelt und der tatsächlichen Verletzungswirklichkeit.
Gesellschaftlich kann ein ähnlicher Vorgang stattfinden.
Menschen übernehmen Rollen und behandeln diese Rollen teilweise so, als seien sie ihr eigentliches Wesen.
Damit verbindet sich das Rollenmodell mit Skulpturidentität und E3.
Korrektur
Die Rollenwelt ist nicht folgenlos.
Eine gesellschaftliche Rolle unterscheidet sich von einer Theaterrolle gerade dadurch, dass ihre Geltung in E3 reale materielle und organismische Folgen hervorrufen kann.
Daher muss immer geprüft werden, wo das Als-ob endet und die Verletzungswirklichkeit beginnt.
XV. Das Menschenkunstwerk
15. Vom Künstler zum Mitgestalter der Menschenwelt
Aus Plastik, Tätigkeit, Rückkopplung und Rolle entsteht ein erweiterter Kunstbegriff.
Der Mensch gestaltet nicht nur einzelne Kunstwerke.
Durch seine täglichen Tätigkeiten gestaltet er eine Menschenwelt aus Gegenständen, Institutionen, Gesetzen, Rollen, Infrastrukturen, Bildern, Eigentumsverhältnissen und technischen Systemen.
Gleichzeitig wird er durch diese von Menschen hervorgebrachte Welt selbst geprägt.
Damit wird er zugleich:
Künstler der Menschenwelt und plastisch werdendes Menschenkunstwerk.
Verantwortung
Aus dieser Doppelstellung entwickelt sich ein erweiterter Verantwortungsbegriff.
Verantwortung endet nicht bei Absicht, Auftrag oder persönlicher Zuständigkeit.
Wenn eine Gestaltung weiterwirkt, stellt sich auch die Frage nach ihrer Folge.
Die Formel „Jeder Mensch ist ein Künstler“ erhält damit eine Korrektur:
Sie bezeichnet nicht nur schöpferische Freiheit.
Sie bedeutet zugleich Mitverantwortung für das gemeinsam hervorgebrachte Menschenkunstwerk.
Offene begriffliche Frage
„Menschenkunstwerk“ muss weiterhin klar verwendet werden.
Es kann drei verschiedene Dinge bezeichnen:
den einzelnen plastisch werdenden Menschen,
die gemeinsam hervorgebrachte Menschenwelt,
oder das dynamische Verhältnis zwischen beiden.
Für die weitere Arbeit wäre es sinnvoll, die dritte Bedeutung als Hauptbedeutung festzulegen.
XVI. Symbolbildung, Eigenschaftsbildung und die Bastardkonstruktion
16. Wenn verschiedene Wirklichkeitsebenen ineinandergeschoben werden
Die Untersuchungen zu Symbol, Rolle, Eigentum, Dingselektion und Identität führen zu einer weiteren Diagnose.
Der heutige Mensch lebt weder ausschließlich in einer natürlichen noch ausschließlich in einer künstlichen Welt.
Seine Existenz ist eine Verknüpfung vorausliegender körperlich-planetarischer Bedingungen mit einer hochgradig symbolischen und technisch hergestellten Menschenwelt.
Dafür wurde zeitweise der Begriff Bastardkonstruktion verwendet.
Seine Funktion liegt darin, eine Vermischung verschiedener Herstellungs- und Wirklichkeitsweisen sichtbar zu machen.
Der Begriff ist jedoch erklärungsbedürftig und kann missverständlich wirken.
Er sollte deshalb nicht zum zentralen Hauptbegriff werden.
Die präzisere systematische Arbeit übernimmt inzwischen das Vier-Ebenen-Modell.
XVII. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleichsarbeit
17. Begriffe werden selbst zu Forschungsgegenständen
Mit zunehmender Forschung wird deutlich, dass gesellschaftliche Selbstverständlichkeiten auch in Sprache gespeichert sind.
Deshalb werden Wörter nicht nur benutzt, sondern untersucht:
eigen, Eigentum, Eigenschaft, Individuum, Person, Subjekt, Plastik, Skulptur, Kunst, Technik, technē, Natur.
Diese sprachgeschichtliche Untersuchung entwickelt sich zum Begriffshandwerk.
Technē
Der griechische Begriff technē wird dabei besonders wichtig.
Eine frühe zugespitzte Formulierung lautete, dass Kunst, Wissenschaft und Handwerk vor 2.500 Jahren noch „eins“ gewesen seien.
Diese Formulierung wurde später präzisiert.
Historisch angemessener ist:
Die heutigen institutionellen Trennungen von Kunst, Wissenschaft und Handwerk bestanden im antiken Griechenland nicht in derselben Form. Technē bezeichnete wesentlich ein regelgeleitetes Wissen und Können im Herstellen und Hervorbringen.
Für die Forschungskunst ist daran besonders interessant, dass Wissen stärker mit Können und Gelingen verbunden erscheint.
Platon, Aristoteles, Christentum
Diese historischen Systeme werden nicht als einfache Verursacher heutiger Probleme verstanden.
Sie dienen als Vergleichsfolien.
Bei Platon wird untersucht, was geschieht, wenn das unveränderliche Modell gegenüber dem körperlich Veränderlichen einen höheren Wirklichkeitsrang erhält.
Aristoteles dient als Gegenfolie einer stärkeren Verbindung von Material, Form, Bewegung und Zielrichtung.
Christliche Leib-Seele-Vorstellungen werden daraufhin untersucht, wie stark kulturell eine vom verletzlichen Körper ablösbare Identität gedacht wurde.
Wissenschaftlicher Status
Die jeweiligen historischen Lehren sind Gegenstand historischer Forschung.
Die Verbindung dieser Lehren mit heutigen Identitäts- oder Umweltproblemen ist eine vergleichende Hypothese der Forschungskunst, keine direkte historische Kausalerklärung.
XVIII. Das Vier-Ebenen-Modell
18. Eine Prüfgrammatik entsteht
Aus der zunehmenden Notwendigkeit, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen auseinanderzuhalten, entsteht schließlich das Vier-Ebenen-Modell.
Es ist keine Ausgangstheorie.
Es ist eine späte Ordnungsleistung.
E1 – Material und physikalische Bedingungen
E1 umfasst materielle und physikalische Verhältnisse:
Masse, Kraft, Druck, Temperatur, Last, Bewegung, Material, Bruch.
E2 – Leben und organismische Plastizität
E2 umfasst Prozesse lebender Organismen:
Stoffwechsel, Regeneration, Wahrnehmung, Bedürftigkeit, Verletzlichkeit, körperliche Regulation.
Hier wird das Plastische Ich verortet.
E3 – Symbol und gesellschaftliche Geltung
E3 umfasst symbolisch und gesellschaftlich hervorgebrachte Ordnungen:
Sprache, Rollen, Eigentum, Geld, Status, Recht, institutionelle Zuschreibungen und kulturelle Bedeutungen.
E4 – Prüfung, Rückbindung und Reparatur
E4 wurde zunächst teilweise wie eine vierte Wirklichkeitsschicht formuliert.
Diese Auffassung wurde korrigiert.
Heute ist E4 sinnvoller als querliegende Operation zu verstehen.
E4 fragt:
Was geschieht zwischen E1, E2 und E3?
Welche E3-Entscheidung erzeugt welche E1- und E2-Folgen?
Welche E1-Bedingung wird durch ein E3-Modell ausgeblendet?
Welche Rückkopplung ist unterbrochen?
Welche Korrektur wäre möglich?
Damit ist E4 nicht „höher“ als die anderen Ebenen.
Es ist die Fähigkeit zur prüfenden Rückbindung.
Tätigkeit
Auch Tätigkeit wurde zunächst zu stark einer Ebene zugeordnet.
Die spätere Korrektur lautet:
Tätigkeit ist eine Übergangsoperation.
Ein E2-Organismus handelt aufgrund von E3-Vorstellungen und verändert dadurch E1-, E2- und E3-Zusammenhänge.
Damit wird Tätigkeit zum verbindenden Prozess des Modells.
XIX. Referenzsystem und Überprüfungsarchitektur
19. Der Mensch benötigt Bezugspunkte außerhalb seiner eigenen Behauptung
Mit dem Vier-Ebenen-Modell entsteht der Begriff des Referenzsystems.
Eine Behauptung kann nicht allein an sich selbst geprüft werden.
Sie benötigt einen Bezug.
Im Handwerk kann das ein Maß, eine Passung oder eine Belastungsgrenze sein.
Im Organismus können es Lebensfähigkeit und Verletzlichkeit sein.
In gesellschaftlichen Zusammenhängen wird die Bestimmung komplizierter.
Daraus entwickelt sich die Überprüfungsarchitektur.
Sie verbindet:
Referenzsysteme,
Gegenüberstellung,
Prüfanker,
Tätigkeitsfolgen,
Rückkopplung und
Korrektur.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Ist diese Vorstellung richtig?
Sondern zunächst:
Woran und wie könnte sie überhaupt geprüft werden?
XX. Begriffshandwerk und Ankersystem
20. Die Theorie muss sich selbst prüfen können
Mit zunehmender Zahl eigener Begriffe entsteht ein neues Problem.
Auch die Forschungskunst könnte ihre Begriffe so behandeln, als wären sie unveränderliche Wahrheiten.
Damit würde sie selbst skulpturalisieren.
Daraus entsteht das Begriffshandwerk.
Ein Begriff ist Werkzeug.
Er muss eine bestimmte Arbeit leisten.
Wenn er nichts unterscheidet, ist er unnötig.
Wenn er alles erklärt, ist er wahrscheinlich überdehnt.
Wenn er nicht korrigiert werden kann, widerspricht er der eigenen plastischen Methodik.
Entwicklung der Anker
Im Verlauf der Arbeit entstanden verschiedene Ankersysteme.
Der Werkanker hält fest, aus welchen konkreten Werken, Erfahrungen und Dokumenten ein heutiger Begriff hervorgegangen ist.
Der Kontextanker bestimmt den größeren Zusammenhang, in dem eine Aussage verwendet wird.
Der Positionsanker macht sichtbar, von welcher historischen oder methodischen Position aus gesprochen wird.
Der Prüfanker bestimmt, woran eine Behauptung geprüft werden kann.
Später musste der Prüfanker wiederum vom Prüfoperator unterschieden werden.
Der Prüfanker ist der Bezugspunkt.
Der Prüfoperator ist die Handlung, durch die eine Prüfung vollzogen wird.
Entwicklung der Werkanker
Die Versionen der Werkanker zeigen selbst die plastische Entwicklung der Forschung.
Mit v6.6 wurden unter anderem Tragbedingungen, Dingselektion, Eigen-/Eigentumsgrammatik, planetarische Kalibrierung und Zugangsarchitektur stabilisiert.
v8.5/v8.7 vertieften Geburt, Lücke und Mutation.
v10.0 verdichtete die eigene Position als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst.
v12.0–v12.1 führten Tragwirklichkeit, Tragwesen, Tragbewusstsein und plastische symmetria weiter aus.
v12.5–v12.7 stärkten Plexuswirklichkeit und Differenzialprinzip.
v12.10 ordnete Repräsentation, res, Dingwelt, hineingedachte Eigenschaften und technē neu.
v12.12 verband Künstlichkeit, Seele, Plastisches Ich und Globale Schwarm-Intelligenz.
v12.13–v12.16 rückten Forschungskunst als Ursprung und den umfangreichen dokumentierten Werkbestand wieder stärker in den Mittelpunkt.
Später wurde mit v14.0 die notwendige Trennung von Werkanker und Kontextanker ausdrücklich stabilisiert.
Diese Versionsgeschichte ist selbst wichtig: Sie zeigt, dass die Theorie nicht abgeschlossen ist, sondern ihre Begriffe nach denselben Regeln verändert, die sie gesellschaftlich fordert.
XXI. Prüfobjekte: das Werk als Widerstand gegen die eigene Theorie
21. Die Theorie muss zurück ins Material
Eine Forschungskunst kann nicht darin enden, immer mehr Begriffe zu erzeugen.
Deshalb werden konkrete Werke zunehmend als Prüfobjekte verstanden.
Dazu gehören unter anderem:
Wasser- und Wellenbecken,
Strömungslandschaften,
Passungs- und Toleranzmodelle,
Schultafeln,
Frage- und Antworttische,
Erwachsenen-Malbücher,
der Gordische Knoten,
die Kartoffel-Arbeiten,
der gläserne Astronaut,
der reale Astronautenanzug als Vergleichsobjekt,
Thermosflaschen- und Isolationsmodelle,
Sandtrichter,
Saftpresse,
Stuhl,
Spaten,
Rollentheater,
Totentanz und weitere Werkgruppen.
Sie besitzen unterschiedliche Prüfaufgaben.
Astronautenanzug
Der Astronautenanzug ist ein besonders klares Modell.
Er zeigt, wie aufwendig ein scheinbar autonomer Mensch wird, sobald die vorausliegenden Existenzbedingungen technisch hergestellt werden müssen.
Er ist damit ein Prüfobjekt gegen die Vorstellung völliger Unabhängigkeit.
Passung und Toleranz
Passungsmodelle zeigen, dass Funktion nicht absolute Starrheit bedeutet.
Funktion benötigt Toleranz.
Aber Toleranz hat Grenzen.
Damit wird die handwerkliche Erfahrung für gesellschaftliche Fragen anschlussfähig, ohne direkt mit ihnen gleichgesetzt zu werden.
Stuhl
Ein Stuhl verbindet Material, Können, Funktion und unmittelbare Erfolgserfahrung.
Seine Herstellung macht Tätigkeit und Konsequenz direkt erfahrbar.
Zugleich kann handwerklich-künstlerische Tätigkeit Bedürfnisse erzeugen, die nicht primär auf zusätzlichen Konsum angewiesen sind.
Methodische Forderung
Jedes zentrale Prüfobjekt sollte künftig durch vier Fragen gekennzeichnet werden:
Was wird geprüft?
Welche Tätigkeit wird ausgeführt?
Welche Rückmeldung ist möglich?
Was könnte die Ausgangsannahme verändern oder widerlegen?
Dadurch wird verhindert, dass ein Prüfobjekt nur Illustration einer bereits feststehenden Theorie bleibt.
XXII. Folien und Schablonen
22. Die jüngste visuelle Grammatik
Die Entwicklung transparenter, überlagerbarer Folien stellt eine der jüngsten methodischen Verdichtungen dar.
Sie geht jedoch auf ältere Werkformen zurück:
Malbuch, Vorgabebild, Schablone, Fotografie, Collage und Überlagerung.
Die Folie besitzt eine besondere Eigenschaft:
Sie kann eine Sichtweise hinzufügen, ohne die darunterliegende vollständig zu vernichten.
Damit eignet sie sich ideal für eine plastische Wirklichkeitsdarstellung.
Foliengrammatik
Die bisher entwickelten Motive umfassen unter anderem:
die physikalisch-kosmische Welt,
das ganzheitliche Netzwerk,
den Menschen mit Spaten,
den Menschen mit Durchdringungsstrichen für Wärme oder Gravitation,
molekulare Verknüpfungen,
Mensch und Wasserorganismen,
den denkenden Menschen,
die planetarische Zeitgeschichte,
Platon,
Aristoteles,
Christentum,
Physik,
Sandtrichter,
Saftpresse,
Thermosflasche,
Astronautenanzug und
das künstlerische Dreieck.
Das künstlerische Dreieck
Das Dreieck verdichtet einen entscheidenden Forschungsprozess:
Kopf/Modell – Hände/Tätigkeit – entstehende Plastik/Folge.
Zwischen innerem Modell und entstehendem Werk liegt keine automatische Identität.
Die Hände begegnen Material.
Das Material antwortet.
Gerade dort entsteht Erfahrung.
Schablone
Die Schablone ist ambivalent.
Sie ermöglicht Vergleichbarkeit.
Sie kann jedoch auch zur Vorgabe werden, die das Wahrnehmen ersetzt.
Dadurch wird sie selbst zu einem Modell der Skulpturalisierung.
Die offene Aufgabe besteht darin, eine kleine verbindliche Zahl von Grundfolien zu bestimmen, damit die Foliengrammatik nicht durch ihre eigene Komplexität unbenutzbar wird.
XXIII. Vom Erwachsenen-Malbuch zum Mitmachbuch
23. Eine lange Entwicklung der Beteiligungsform
Das heutige Mitmachbuch beginnt nicht mit digitaler Technik.
Sein genealogischer Ursprung liegt in den Erwachsenen-Malbüchern und Vorgabebildern.
Das frühe Malbuch konfrontiert den Benutzer mit einer bereits vorhandenen Form.
Dadurch wird unmittelbar sichtbar:
Gestaltung beginnt selten bei Null.
Menschen reagieren auf Vorgaben.
Sie übernehmen, verändern oder überschreiten sie.
Das heutige Mitmachbuch erweitert diese Struktur.
Der Benutzer soll nicht nur gestalten.
Er soll prüfen.
Damit verändert sich die Rolle:
Betrachter → Teilnehmer → Mitgestalter → Mitprüfender.
E1–E4 als Buchgrammatik
Ein Gegenstand wie Kartoffel, Wiese, Schultafel oder Stuhl kann durch verschiedene Ebenen verfolgt werden.
Was ist materiell vorhanden?
Was ist lebendig wirksam?
Welche gesellschaftlichen Zuschreibungen treten hinzu?
Welche Folgen entstehen?
Wo wäre eine Korrektur möglich?
Folien und Buch
Die transparenten Folien werden zum analogen Gegenstück des digitalen Schichtenmodells.
Das Buch wird damit zu einer portablen Werkbank der Forschungskunst.
Offene Frage
Ein Mitmachbuch wird nicht dadurch zum Prüfwerkzeug, dass viele Menschen etwas hineinschreiben.
Es muss zwischen Meinung und überprüfbarer Gegenüberstellung unterscheiden.
Das ist noch nicht vollständig gelöst.
XXIV. Tausend Tische
24. Vom Gegenüber zur gesellschaftlichen Skalierung
Die Arbeit mit Tischen besitzt eine lange Werkgeschichte.
Der Tisch schafft einen Raum des Gegenübers.
Menschen sitzen einander gegenüber.
Sie können reden, herstellen, zeigen, vergleichen und widersprechen.
Aus diesem Prinzip entwickelt sich die Idee der Tausend Tische.
In Verbindung mit dem Globalen Dorffest und späteren Entwürfen wird der Tisch zu einer elementaren gesellschaftlichen Zelle.
Methodische Bedeutung
Der Tisch ist weder bloße Möblierung noch Symbol.
Er ist eine soziale Versuchsanordnung.
Die Frage lautet:
Kann eine Erfahrung der Gegenüberstellung von einem einzelnen Tisch auf hundert oder tausend Tische übertragen werden?
Verbindung zur Globalen Schwarm-Intelligenz
Tausend Tische bilden den analogen Vorläufer eines vernetzten kollektiven Prüfprozesses.
Der entscheidende Schritt besteht jedoch nicht in der Zahl.
Tausend Meinungen sind keine Schwarmintelligenz.
Sie benötigen gemeinsame Prüfoperatoren.
Genau hier verbinden sich Tausend Tische später mit:
Vier-Ebenen-Modell,
Prüfankern,
Mitmachbuch und
digitaler Plattform.
XXV. Vom Globalen Dorffest zur Globalen Schwarm-Intelligenz
25. Die gesellschaftliche Vernetzung entsteht vor der digitalen Plattform
Das Globale Dorffest bildet eine wichtige Station.
Es verbindet Öffentlichkeit, Beteiligung, gesellschaftliche Fragen und das Bild einer bereits real existierenden planetarischen Abhängigkeit.
Damit entsteht eine frühe Antwort auf das Problem der fragmentierten Zuständigkeit:
Wenn die Konsequenzen menschlicher Tätigkeiten planetarisch vernetzt sind, muss auch die Wahrnehmung dieser Konsequenzen neue Formen der Vernetzung entwickeln.
Die spätere Globale Schwarm-Intelligenz besitzt daher analoge Vorfahren:
kollektive Kreativität,
öffentliche Aktionen,
Arbeitstische,
Globales Dorffest,
Tausend Tische und
Partizipatorisches Welttheater.
Die digitale Plattform ist keine völlig neue Idee.
Sie ist die technische Fortsetzung einer jahrzehntelangen Beteiligungs- und Vernetzungsfrage.
XXVI. KI als neues Werkzeug und neues Forschungsobjekt
26. Eine unerwartete Rückkopplungsschleife
Die intensive Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz verändert den Forschungsprozess grundlegend.
Zunächst besitzt KI eine praktische Funktion:
Sie hilft, einen extrem umfangreichen, über Jahrzehnte entstandenen Werk- und Gedankenbestand sprachlich zu ordnen und zugänglich zu machen.
Doch sehr schnell entsteht eine zweite Erfahrung.
Die KI ist nicht nur Schreibmaschine.
Sie strukturiert, ergänzt, glättet, interpretiert und verändert.
Daraus entsteht der inzwischen zentrale Hinweis:
mit Unterstützung künstlicher Intelligenz – einschließlich ihrer Eigenmächtigkeiten.
Diese Erfahrung passt überraschend genau in die ältere Forschungsarchitektur.
Auch hier gilt:
Vorstellung → Werkzeug → Tätigkeit → Hervorbringung → Gegenüberstellung → Korrektur.
Die KI wird zum Gegenüber.
Aber sie muss wiederum selbst geprüft werden.
Neue Frage
Damit verschiebt sich die Frage von:
Kann KI beim Denken helfen?
zu:
Wie kann ein Mensch mithilfe einer KI denken, ohne deren statistische, sprachliche oder kulturelle Vorgaben mit der zu prüfenden Wirklichkeit zu verwechseln?
Konsequenz
KI benötigt einen eigenen Prüfanker.
Sie darf nicht selbst zum letzten Referenzsystem werden.
Ihre Antworten müssen wieder an Werk, Quelle, Material, Erfahrung und Wirkungsfolge zurückgebunden werden.
XXVII. Globale Schwarm-Intelligenz
27. Vom digitalen Archiv zum Zivilisationssimulator
Aus KI, Plattform, Archiv, Mitmachbuch und früheren Beteiligungsformen entsteht die heutige Vorstellung einer Globalen Schwarm-Intelligenz.
Sie ist inzwischen wesentlich mehr als ein Archivgedanke.
Ihre bislang stärkste Zieldefinition lautet:
Ein öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe künstlicher Intelligenz trainiert und geprüft werden kann.
Diese Formulierung muss jedoch als Zielprojektion verstanden werden.
Die Plattform ist noch nicht in diesem vollständigen Sinne realisiert.
Zentrales Problem
Ein Schwarm ist nicht automatisch intelligent.
Digitale Systeme können Vorurteile und Mehrheiten ebenso vervielfältigen wie Erkenntnisse.
Die entscheidende Frage lautet daher:
Wie wird aus Schwarmwissen Schwarmprüfung?
Die bisherige Antwort der Forschung besteht aus:
Gegenüberstellung,
E1–E4,
Prüfankern,
dokumentierbaren Folgen und
revidierbaren Ergebnissen.
Offene Frage
Der Begriff Zivilisationsfähigkeit benötigt noch eine verbindliche Minimaldefinition.
Eine mögliche Fassung wäre:
Zivilisationsfähigkeit ist die Fähigkeit einer Gesellschaft, ihre eigenen Hervorbringungen an den Bedingungen ihres Fortbestehens zu prüfen und auf erkannte Fehlentwicklungen korrigierend zu reagieren.
XXVIII. So-Heits-Gesellschaft
28. Von der Kunstmethode zur gesellschaftlichen Zielprojektion
Die So-Heits-Gesellschaft entsteht nicht als politische Blaupause.
Sie entwickelt sich aus der Frage:
Was würde geschehen, wenn die Arbeitsweise der Kunst nicht nur Künstlern vorbehalten bliebe?
Damit ist nicht gemeint, dass alle Menschen Bilder oder Skulpturen herstellen sollen.
Gemeint sind künstlerische Fähigkeiten wie:
wahrnehmen,
gegenüberstellen,
ausprobieren,
mit Material umgehen,
Distanz zum eigenen Modell gewinnen,
scheitern können,
loslassen,
erneut beginnen und
eine Form korrigieren.
Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet deshalb eine Gesellschaft, in der diese Arbeitsweise zu einer allgemeinen öffentlichen:
Erkenntnis-, Lern-, Prüf-, Korrektur- und Reparaturfähigkeit wird.
Gewohnheiten und Bedürfnisse
Ein weiterer wichtiger Gedanke entsteht aus der Frage nach Gewohnheiten.
Gesellschaftliche Veränderung kann nicht ausschließlich darin bestehen, Menschen moralisch zu anderen Verhaltensweisen aufzufordern.
Alte Gewohnheiten erzeugen Bedürfnisse.
Neue Gewohnheiten können andere Bedürfnisse hervorbringen.
Künstlerisches und handwerkliches Tun kann hier eine praktische Rolle spielen.
Einen Stuhl herzustellen oder ein Bild in Sand zu zeichnen kann unmittelbare Befriedigung ermöglichen, ohne dass dafür zwangsläufig ein hoher zusätzlicher Ressourcenverbrauch erforderlich ist.
Damit verbindet sich Kunst mit Bedürfnisbildung.
Technē
Die So-Heits-Gesellschaft knüpft an den technē-Gedanken an, ohne eine historische Rückkehr zu behaupten.
Die zentrale Verbindung lautet:
Wissen soll sich wieder im Können, Herstellen, Prüfen und verantworteten Gelingen bewähren können.
XXIX. So-Heits-Atelier
29. Die räumliche Verdichtung des gesamten Forschungsprozesses
Das So-Heits-Atelier ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat.
Es ist die gegenwärtige räumliche Verdichtung einer Werkentwicklung, die auf die Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 zurückgeht.
In ihm treffen die bisher getrennt erscheinenden Linien zusammen:
Handwerk und Kunst,
Materialversuch und Gesellschaftsversuch,
Plastik und Schauspiel,
Malbuch und digitales Mitmachbuch,
Wasserwelle und Tätigkeitskonsequenz,
Ausschnitt und Dingselektion,
Arbeitstisch und Tausend Tische,
Lebenswerkarchiv und KI,
analoge Beteiligung und Globale Schwarm-Intelligenz.
Der Besucher
Der Besucher ist nicht nur Betrachter.
Er soll erfahren können, dass er selbst innerhalb der Untersuchung steht.
Er ist ein körperlich verletzliches, plastisch werdendes Lebewesen mit Ich-Bewusstsein innerhalb eines Referenzsystems.
Gleichzeitig ist er als tätiger Mensch Mitgestalter der Menschenwelt.
Damit ist er Menschenkunstwerk und Künstler der Menschenwelt zugleich.
Die entscheidende Erfahrung
Das Atelier soll nicht erklären:
„Du bist nicht autonom.“
Es soll Situationen erzeugen, in denen die Differenz zwischen behaupteter Autonomie und realer Abhängigkeit praktisch erfahrbar wird.
Hier liegt der Unterschied zwischen Belehrung und Forschungskunst.
XXX. Das So-Heits-Atelier und die documenta
30. Von der Bewerbung zur Verortungskunst
Die wiederholten documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 zeigen eine jahrzehntelange Suche nach öffentlicher Verortung.
Dabei muss wiederum zwischen damaligem und heutigem Begriffszustand unterschieden werden.
Die frühen Bewerbungen enthalten nicht schon die heutige Theorie.
Sie bilden jedoch Stationen einer langfristigen Auseinandersetzung mit Öffentlichkeit, Kunstinstitution, Beteiligung und gesellschaftlicher Wirkung.
Die gegenwärtige documenta-16-Konzeption bündelt diese Vorgeschichte.
Das So-Heits-Atelier soll kein abgeschlossenes Lebenswerk musealisieren.
Das Lebenswerk soll als Werkzeuglager einer gegenwärtigen Prüfung aktiviert werden.
Daraus entstand auch die Idee einer doppelten Verortung:
einer Lebenswerk-Topografie beziehungsweise eines „Memento mori“
und
eines lebendigen So-Heits-Ateliers im Stadtraum.
Das eine zeigt die historische Werkentwicklung.
Das andere setzt die daraus hervorgegangenen Werkzeuge gegenwärtig ein.
Damit entsteht eine wichtige neue Verbindung:
Archiv und Experiment müssen nicht konkurrieren. Das Archiv kann Material des Experimentes werden.
XXXI. Der handwerkliche Maßstab als Besonderheit der Forschungskunst
31. Funktionieren oder nicht funktionieren
In den jüngsten Gesprächen wurde eine wesentliche Differenz zu anderen Formen von Forschungskunst deutlicher formuliert.
Die eigene Forschungskunst bezieht einen handwerklichen Prüfmaßstab ein:
Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht?
Diese Formulierung darf nicht banal verstanden werden.
Sie bedeutet nicht, gesellschaftliche oder künstlerische Fragen auf technische Zweckmäßigkeit zu reduzieren.
Ihr entscheidender Gehalt lautet:
Gestaltungen besitzen Folgen, die sich nicht vollständig durch Interpretation außer Kraft setzen lassen.
Ein Stuhl, der zusammenbricht, bleibt nicht dadurch funktionierend, dass seine Konstruktion gut gemeint war.
Analog dazu fragt die Forschungskunst:
Was geschieht, wenn gesellschaftliche Konstruktionen ihre eigenen Lebensvoraussetzungen beschädigen?
Damit erhält der Forschungsansatz einen klaren Prüfpunkt.
Nicht:
Ist eine Menschenwelt schön?
Nicht:
Ist sie ideologisch richtig?
Sondern zunächst:
Trägt sie die Bedingungen, unter denen Menschen und andere Lebewesen weiter existieren und Korrekturen vornehmen können?
XXXII. Der bislang entstandene Hauptalgorithmus der Forschung
Aus der gesamten Werk- und Begriffsentwicklung lässt sich inzwischen ein erstaunlich einfacher Grundprozess herauslösen:
1. Vorausliegende Wirklichkeit
Etwas ist bereits vorhanden und wirksam, bevor der Mensch sein Modell davon bildet.
2. Wahrnehmung und Selektion
Der Mensch kann immer nur Ausschnitte wahrnehmen und unterscheiden.
3. Modell- und Eigenschaftsbildung
Aus den Ausschnitten entstehen Begriffe, Bilder, Rollen und Zuschreibungen.
4. Tätigkeit
Der Mensch handelt aufgrund dieser Modelle.
5. Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenz
Die Tätigkeit verändert einen größeren Wirkungszusammenhang.
6. Gegenüberstellung
Erwartung und Folge können miteinander verglichen werden.
7. Differenz oder Lücke
Nichtübereinstimmung wird sichtbar.
8. Rückkopplung
Die wahrgenommene Folge wird wieder in den Gestaltungsprozess aufgenommen.
Von hier aus gibt es zwei mögliche Wege.
Plastischer Weg
Differenz → Erfahrung → Lernen → Korrektur → Reparatur → neue Tätigkeit.
Skulpturalisierender Weg
Differenz → Abwehr → Behauptung → Rollen- oder Modellverfestigung → Verlust von Rückkopplung → weitere Folge.
Der Lochprozess bezeichnet innerhalb dieser Architektur verschiedene Formen, in denen notwendige Rückbindungen gestört oder unterbrochen werden können.
E4 ist die Operation, die diesen Rückweg wiederherzustellen versucht.
Damit lässt sich ein großer Teil der bislang sehr umfangreichen Begriffswelt auf einen gemeinsamen Prozess zurückführen.
XXXIII. Historisch oder wissenschaftlich belegbare Sachverhalte und Forschungskunst-Hypothesen
Für alle zukünftigen Texte ist eine klare Kennzeichnung des Erkenntnisstatus erforderlich.
A. Extern überprüfbare Sachverhalte
Dazu gehören beispielsweise:
das geologische Alter der Erde in einer Größenordnung von etwa 4,54 Milliarden Jahren;
die vergleichsweise sehr junge Existenz von Homo sapiens;
physikalische Materialeigenschaften;
biologische Abhängigkeit lebender Organismen von Stoffwechsel und Umweltbedingungen;
historische Bedeutungsbereiche von technē;
kunsthistorisch nachweisbare Unterschiede und Überschneidungen der Begriffe Plastik und Skulptur.
Diese Aussagen müssen grundsätzlich durch externe Quellen prüfbar sein.
B. Werkbiografisch überprüfbare Sachverhalte
Dazu gehören:
die handwerkliche Ausbildung;
das Kunststudium;
die Experimentelle Umweltgestaltung;
konkrete Werke, Fotografien und Aktionen;
Erwachsenen-Malbücher;
Wasser- und Strömungsversuche;
Arbeitstische;
Rollentheater;
Globales Dorffest;
Tausend-Tische-Konzeptionen;
documenta-Bewerbungen;
Werkarchive;
digitale Plattform und Mitmachbuchentwicklung.
Ihre Beleggrundlage ist das eigene Archiv.
C. Forschungskünstlerische Begriffe und Hypothesen
Dazu gehören:
51:49 als Minimalasymmetrie;
50:50 als Symmetriedualismus;
1:99 als Driftfigur;
Millisekunden-Mensch;
Tragwirklichkeit;
Plexuswirklichkeit;
Lochprozess;
Plastisches Ich;
Skulpturidentität;
Menschenkunstwerk;
Vier-Ebenen-Modell;
Differenzialprinzip;
dreifaches Optimum;
So-Heits-Gesellschaft und
Globale Schwarm-Intelligenz als Zivilisationssimulator.
Diese Begriffe dürfen nicht als bereits wissenschaftlich bewiesene Sachverhalte ausgegeben werden.
Sie sind Prüfangebote der Forschungskunst.
Gerade darin liegt ihre Legitimität.
Forschungskunst muss ihre Hypothesen nicht als Wissenschaft verkleiden.
Sie kann stattdessen Situationen herstellen, in denen sie überprüft, verändert oder verworfen werden können.
XXXIV. Wesentliche begriffliche Korrekturen und Verwerfungen
Die bisherige Forschungsgeschichte ist auch eine Geschichte der Selbstkorrekturen.
1. Vom Umweltbegriff zur Plexuswirklichkeit
Der Mensch steht nicht einer Umwelt gegenüber, sondern ist in Abhängigkeiten eingebunden.
2. Von Wirklichkeit gegen Unwirklichkeit zu unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen
Symbolische Konstruktionen sind nicht bloß unwirklich.
Sie besitzen eine andere Existenzweise und reale Folgen.
3. Von 51:49 als möglichem Universalprinzip zu einem Prüfoperator
51:49 wird nicht mehr als Naturgesetz beansprucht.
4. Vom Loch als Gesamterklärung zur differenzierten Lochgrammatik
Lücke, Öffnung, Ausschnitt, Verletzung und Rückkopplungsunterbrechung müssen unterschieden werden.
5. Von Plastik = gut / Skulptur = schlecht zur Funktionsdifferenz
Die Begriffe sind zunächst Kunstbegriffe und werden erst sekundär als anthropologische Prüfbegriffe benutzt.
6. Vom Vier-Ebenen-Modell als vier übereinanderliegenden Welten zu E4 als querliegender Prüfoperation
Das ist eine der wichtigsten methodischen Korrekturen.
7. Von Tätigkeit als E2-Eigenschaft zur Tätigkeit als Ebenenübergang
Tätigkeit verbindet Organismus, Vorstellung und materielle Folge.
8. Von Beteiligung zu Prüfung
Partizipation erzeugt nicht automatisch Erkenntnis.
9. Von Schwarm zu Schwarmprüfung
Viele Beteiligte bilden nicht automatisch Schwarmintelligenz.
10. Von KI als Hilfe zu KI als Hilfe und Prüfgegenstand
Die Eigenmächtigkeit des Werkzeugs wird Bestandteil des Forschungsprozesses.
11. Von Kunst als Veränderungsmittel zu Kunst als Prüf- und Reparaturfähigkeit
Die Kunst soll Gesellschaft nicht einfach nach einem vorgegebenen Modell verändern.
Sie soll Bedingungen herstellen, unter denen Gesellschaft ihre eigenen Modelle prüfen kann.
Diese letzte Verschiebung ist möglicherweise die wichtigste der gesamten Entwicklung.
XXXV. Doppelungen im gegenwärtigen Begriffssystem
Mehrere Begriffe können inzwischen deutlicher hierarchisiert werden.
Tragwirklichkeit / Plexuswirklichkeit
Keine Konkurrenzbegriffe.
Tragwirklichkeit = existenzielle Bedingtheit.
Plexuswirklichkeit = relationale Struktur dieser Bedingtheit.
Plastisches Ich / plastische Identität
Plastisches Ich = organismischer Prozess.
Plastische Identität = bewusstes Selbstverständnis dieser Veränderbarkeit und Abhängigkeit.
Rollenidentität / Skulpturidentität
Rollenidentität ist ein spezieller Fall.
Skulpturidentität ist der übergeordnete Begriff.
Lücke / Lochprozess
Lücke = Differenzraum.
Lochprozess = Veränderung beziehungsweise Störung einer Verbindung oder Grenzordnung.
Prüfanker / Prüfoperator
Prüfanker = Woran?
Prüfoperator = Wie?
Ebene / Folie
Ebene = analytische Kategorie.
Folie = bildnerisches Werkzeug zur Darstellung beziehungsweise Überlagerung.
Mitmachbuch / Globale Schwarm-Intelligenz
Mitmachbuch = Schnittstelle und Werkbank.
Globale Schwarm-Intelligenz = übergeordnetes Vernetzungs- und Rückkopplungssystem.
So-Heits-Atelier / So-Heits-Gesellschaft
Atelier = konkreter Erprobungsraum.
Gesellschaft = langfristige Zielprojektion.
XXXVI. Noch unklare Begriffe
So-Heit
Der Zentralbegriff selbst benötigt noch eine möglichst kurze verbindliche Definition.
Eine mögliche Fassung lautet:
So-Heit bezeichnet die jeweils hervorgebrachte Art, wie etwas geworden ist und gegenwärtig funktioniert – verbunden mit der Möglichkeit, dieses So-Sein zu prüfen und zu verändern.
Diese Definition müsste noch an den bisherigen älteren Verwendungen überprüft werden.
Menschenkunstwerk
Es sollte verbindlich entschieden werden, ob primär der einzelne Mensch oder das Verhältnis Mensch–Menschenwelt gemeint ist.
Dreifaches Optimum
Medium, Organismus und Prüfoptimum sind anschaulich entwickelt, aber noch nicht ausreichend operationalisiert.
Zivilisationsfähigkeit
Der Begriff benötigt prüfbare Mindestkriterien.
Reparatur
Es muss zwischen Wiederherstellung, Anpassung und grundlegender Neukonstruktion unterschieden werden.
Plexus
Es ist noch zu bestimmen, wann Plexus mehr leistet als die allgemeineren Begriffe Netzwerk, Zusammenhang oder Abhängigkeit.
Gerade hier muss das Begriffshandwerk streng bleiben.
XXXVII. Noch fehlende Verbindungen
1. Lochprozess × Vier-Ebenen-Modell
Für jede Ebene beziehungsweise Ebenenverbindung müsste bestimmt werden, welche Art von Lochprozess auftreten kann.
2. 51:49 × Funktion
Noch fehlt ein klarer Übergang von Minimaldifferenz zu funktionaler Verbesserung.
Nicht jede Differenz ist produktiv.
3. Prüfobjekt × E1–E4
Jedes Hauptwerk sollte systematisch mit E1–E4 verbunden werden.
4. Folien × Mitmachbuch
Es sollte eine verbindliche Übersetzung zwischen analoger Folienhandlung und digitaler Buchhandlung entstehen.
5. Tausend Tische × Globale Schwarm-Intelligenz
Es muss definiert werden, wie ein lokaler Prüfprozess dokumentiert, übertragen, verglichen und wieder lokal rückgekoppelt wird.
6. KI × Prüfanker
Für KI-generierte Aussagen fehlt noch ein standardisiertes Prüfverfahren.
7. Macht × Rückkopplung
Ein besonders wichtiger noch nicht vollständig integrierter Punkt betrifft Macht.
Menschen können durchaus Folgen wahrnehmen und dennoch ein Interesse daran haben, die Rückkopplung zu blockieren.
Hier reicht ein Lernmodell allein nicht.
50:50, 1:99, Eigentum, Status und institutionelle Macht müssen deshalb stärker in die Rückkopplungsarchitektur integriert werden.
8. Fürsorge und Verletzlichkeit
Die Verletzungswirklichkeit ist entwickelt, aber die positive Gegenform – Fürsorge, Erhaltung, gegenseitige Unterstützung – ist noch schwächer begrifflich ausgearbeitet.
9. Bedürfnisbildung
Die neue Verbindung von Kunst, handwerklichem Erfolgserlebnis und ressourcenarmer Bedürfnisbildung besitzt großes Potential und sollte systematisch mit So-Heits-Gesellschaft und Konsumkritik verbunden werden.
10. Loslassen
Das „richtige Loslassen“ ist ein starker künstlerischer Operator, bisher jedoch noch nicht vollständig in das Gesamtmodell integriert.
Es könnte eine eigene Form von E4 sein:
Nicht nur korrigieren, sondern erkennen, wann weiteres Eingreifen selbst zum Fehler wird.
XXXVIII. Die mögliche radikale Vereinfachung
Nach jahrzehntelanger Werkentwicklung und intensiver Begriffsbildung besteht inzwischen die Gefahr, dass die Forschung für Außenstehende zu viele eigene Wörter verlangt.
Eine radikale Vereinfachung könnte deshalb sinnvoll sein.
Die gesamte Architektur lässt sich auf fünf Grundelemente zurückführen:
1. Abhängigkeit
Kein Mensch existiert aus sich allein.
2. Vorstellung
Der Mensch bildet Modelle und Zuschreibungen seiner Welt.
3. Tätigkeit
Er handelt nach diesen Vorstellungen.
4. Folge
Seine Tätigkeit wirkt in größere Zusammenhänge hinein.
5. Rückkopplung
Er kann Vorstellung und Folge gegenüberstellen und sein Handeln verändern.
Alles Weitere beschreibt Varianten dieser fünf Elemente.
Der Lochprozess beschreibt gestörte Abhängigkeit oder Rückkopplung.
Skulpturalisierung beschreibt eine verfestigte Vorstellung.
Plastik beschreibt Veränderbarkeit.
51:49 beschreibt notwendige Differenz.
E1–E4 ordnet die Wirklichkeitsbereiche.
Prüfobjekte machen den Prozess erfahrbar.
Folien machen ihn sichtbar.
Mitmachbuch macht ihn wiederholbar.
Tausend Tische macht ihn kollektiv.
KI macht ihn massiv verknüpfbar.
Globale Schwarm-Intelligenz macht ihn planetarisch skalierbar.
So-Heits-Gesellschaft macht ihn zur gesellschaftlichen Kompetenz.
So-Heits-Atelier macht ihn zum öffentlichen Kunstwerk.
XXXIX. Die Gesamtarchitektur der Forschungskunst
Die vollständigste heute erkennbare Architektur lautet:
Plexuswirklichkeit
Der Mensch befindet sich immer bereits innerhalb eines vorausliegenden Zusammenhangs.
↓
Wahrnehmung und Dingselektion
Er kann nur Ausschnitte bilden.
↓
Modell-, Symbol- und Eigenschaftsbildung
Er erzeugt eine repräsentierte Menschenwelt.
↓
Ich-, Rollen- und Identitätsbildung
Er kann seine eigenen Konstruktionen in sein Selbstverständnis übernehmen.
↓
Tätigkeit
Aufgrund dieser Modelle greift er in die Wirklichkeit ein.
↓
Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen
Die Wirkungen überschreiten häufig den unmittelbaren Ort und Zeitpunkt der Handlung.
↓
Gegenüberstellung
Vorstellung und Folge können miteinander verglichen werden.
↓
Lücke / Differenz
Nichtübereinstimmung wird erfahrbar.
↓
Hier teilt sich der Prozess.
Plastischer Prozess
Differenz
→ Erfahrung
→ Rückkopplung
→ Prüfung
→ Korrektur
→ Reparatur beziehungsweise Loslassen
→ neue Tätigkeit.
Skulpturalisierender Prozess
Differenz
→ Abwehr
→ Fixierung
→ Rollen- und Eigenschaftsverfestigung
→ Rückkopplungsunterbrechung
→ zunehmende Tätigkeitsfolgen.
Der Lochprozess untersucht die Stellen, an denen Verbindungen, Grenzen oder Rückkopplungen verändert oder unterbrochen werden.
Das Vier-Ebenen-Modell verhindert dabei, dass materielle, lebendige und symbolische Wirklichkeiten miteinander verwechselt werden.
E4 stellt die Rückbindung her.
51:49 hält die Möglichkeit der Differenz offen.
Das Begriffshandwerk verhindert die Skulpturalisierung der eigenen Theorie.
Die Prüfobjekte bringen Theorie zurück in Erfahrung.
Folien und Schablonen machen die Konstruktionen sichtbar.
Das Mitmachbuch macht den Prüfprozess individuell zugänglich.
Tausend Tische macht ihn gesellschaftlich.
KI erweitert Vergleich und Verknüpfung.
Die Globale Schwarm-Intelligenz versucht, diese Rückkopplung planetarisch zu skalieren.
Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet die gesellschaftliche Zielprojektion.
Das So-Heits-Atelier ist ihre gegenwärtige künstlerische Versuchsstation.
XL. Die knappste heutige Bestimmung der Forschungskunst
Nach der gesamten Entwicklung lässt sich die Forschungskunst heute folgendermaßen bestimmen:
Forschungskunst ist die künstlerische Herstellung von Situationen, Gegenüberstellungen und Prüfwerkzeugen, durch die menschliche Vorstellungen, Begriffe, Rollen und Gestaltungen mit ihren tatsächlichen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen konfrontiert, rückgekoppelt und gegebenenfalls korrigiert oder repariert werden können.
Ihr Ausgangspunkt ist handwerklich:
Funktioniert es oder funktioniert es nicht?
Ihr Gegenstand ist anthropologisch und gesellschaftlich:
Was geschieht, wenn der Mensch seine selbst geschaffene Menschenwelt mit den Bedingungen verwechselt, von denen diese Menschenwelt und er selbst abhängen?
Ihre Methode ist plastisch:
Eine Form muss veränderbar bleiben, wenn ihre Folgen zeigen, dass sie nicht trägt.
Ihr Lernoperator ist die Gegenüberstellung:
Ohne Differenz kein Lernen.
Ihr kritischer Gegenbegriff ist die Skulpturalisierung:
Eine hervorgebrachte Form wird so behandelt, als sei sie unveränderliche Wirklichkeit.
Ihr Prüfmodell ist E1–E4:
Material – Leben – Geltung – Rückbindung.
Ihr gesellschaftliches Ziel ist die So-Heits-Gesellschaft:
eine Gesellschaft, die ihre eigenen Hervorbringungen öffentlich wahrnehmen, prüfen, korrigieren und reparieren kann.
Und ihre gegenwärtige künstlerische Form ist das So-Heits-Atelier:
ein öffentlicher Ort, an dem das Lebenswerk nicht als abgeschlossene Retrospektive erscheint, sondern als Werkzeugbestand, mit dem der Besucher sich selbst als plastisch werdendes Menschenkunstwerk und als Mitgestalter der Menschenwelt erfahren und überprüfen kann.
Damit schließt sich der bislang längste Entwicklungsbogen der Forschung.
Er führt vom Maschinenschlosser, der erfährt, dass eine Passung stimmen muss, über den Fotografen, der erfährt, dass jeder Ausschnitt etwas weglässt, über den Plastiker, der am Material Widerstand und Veränderbarkeit erlebt, über den Umweltgestalter, der Tätigkeiten und Folgen miteinander verbindet, über den Beteiligungskünstler, der Menschen einander gegenüberstellt, bis zur heutigen Frage, ob dieselben elementaren künstlerischen Arbeitsweisen zu einer öffentlichen Prüf- und Reparaturfähigkeit der Menschenwelt werden können.
Das ist keine nachträglich erfundene Einheit ohne Brüche. Gerade die Brüche, Verwerfungen, Überdehnungen und Korrekturen gehören zu ihr.
Die Forschungskunst wäre widerlegt, wenn sie ihre eigenen Begriffe nicht mehr korrigieren könnte.
Ihre stärkste Behauptung ist deshalb zugleich ihre stärkste Selbstverpflichtung:
Auch diese Forschung selbst muss ein plastisch bleibendes Kunstwerk sein.
Diese Fassung zeigt damit nicht nur den gegenwärtigen Begriffsbestand, sondern auch, welche Teile inzwischen als tragende Hauptarchitektur gelten und welche weiterhin Forschungsbaustellen sind.
.......
Anlage 1 – Ausgangsfrage und notwendige Verortung meines Lebenswerkes
Anlage 2 – Der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz
Anlage 3 – Die zweite wilde Natur und die menschliche Bastardkonstruktion
Anlage 4 – Die grundlegenden Wirklichkeitsverwechslungen
Anlage 5 – Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich, Verletzungswelt und Statement-Gesellschaft
Anlage 6 – Die vorausliegende Welt, technē und der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 7 – Soziale Plastik, 24-Stunden-Uhr und Millisekundenmensch
Anlage 8 – Werkgenese meiner Forschungskunst seit 1975
Anlage 9 – Gesellschaftliche Versuchsanordnungen und chronistische Werkspur
Anlage 10 – Verortungskunst, Globales Dorffest und planetarische Öffentlichkeit
Anlage 11 – Tragwirklichkeit, Funktionieren und Vier-Ebenen-Prüfmodell
Anlage 12 – Begriffsgeschichte, Symmetrie, 51:49, 1:99, Plastik und Skulptur
Anlage 13 – Die documenta als Verortungskunst und mögliches Opus Magnum
Anlage 14 – Die Parameter der documenta 16 und meine eigenständige Ergänzung
Anlage 15 – Die So-Heits-Gesellschaft und das konkrete So-Heits-Atelier
Anlage 16 – Globale Schwarm-Intelligenz, künstliche Intelligenz und interaktives Buch
Anlage 17 – Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Material und Unterstützungsbedarf
.......
Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Werk- und Erkenntniszusammenhangs
Erkenntnisstatus und Methode der Rekonstruktion
Der bisherige Chat ist nicht als geradlinig entstandene Theorie zu verstehen. Er bildet ein Arbeitsarchiv, in dem biografische Erinnerungen, Werkbeschreibungen, nachträgliche Deutungen, wissenschaftlich anschlussfähige Beobachtungen, etymologische Untersuchungen, künstlerische Hypothesen, begriffliche Korrekturen und räumliche Projektentwürfe übereinanderliegen. Seine Rekonstruktion darf daher weder eine bloße Zusammenfassung noch eine nachträgliche Glättung sein. Sie muss sichtbar machen, wann etwas praktisch im Werk vorhanden war, wann es ausdrücklich benannt wurde, wann eine spätere Deutung hinzukam und wann ein Begriff nochmals korrigiert oder eingeschränkt werden musste.
Dabei sind vier unterschiedliche Erkenntnisstände auseinanderzuhalten. Äußerlich überprüfbar sind historische und biografische Daten wie Ausbildung, Studium, datierte Werke, öffentliche Aktionen, Bewerbungen und institutionelle Kontakte, sofern sie durch Werkverzeichnis, Fotos, Briefe, Presseberichte oder Archive belegt werden. Wissenschaftlich überprüfbar sind Aussagen über Stoffwechsel, Osmose, Homöostase, Materialbelastung, physikalische Kräfte, Erdgeschichte oder ökologische Abhängigkeiten; sie benötigen in einer endgültigen Publikation konkrete Fachquellen. Biografische Primärquellen belegen, wie Wolfgang Fenner seine Erfahrungen erinnert und sein Werk heute versteht, beweisen aber nicht automatisch, dass sämtliche heutigen Begriffe bereits damals ausformuliert waren. 51:49, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität, Lochprozess, So-Heits-Gesellschaft und Globale Schwarm-Intelligenz sind schließlich Begriffe, Modelle oder Zielprojektionen der Forschungskunst. Sie können wissenschaftlich anschlussfähig sein, dürfen aber nicht als bereits bewiesene Naturgesetze oder anerkannte wissenschaftliche Theorien ausgegeben werden.
Gerade diese Unterscheidung gehört inzwischen selbst zur Methodik. Forschungskunst soll nicht dadurch glaubwürdig werden, dass sie ihre Hypothesen als Tatsachen darstellt. Sie wird glaubwürdig, wenn sie Herkunft, Geltungsbereich, Gegenbeispiele, Nichtwissen und Korrekturmöglichkeiten offenlegt.
Der Forschungsgrund vor der Theorie
Der Forschungsgrund entstand lange vor den heutigen Begriffen. Die Kindheit in der Gegend von Ratzeburg und Einhaus war durch Garten, Landwirtschaft, Knicks, Moore, Wasser, Bienen, Vögel und menschliche Eingriffe in diese Zusammenhänge geprägt. Natur erschien dabei nicht als romantisches Gegenbild zur Gesellschaft, sondern als Beziehungsgeschehen aus Boden, Wasser, Pflanzen, Tieren, Jahreszeiten, Nahrung und menschlicher Tätigkeit.
Aus der Ornithologie und Naturbeobachtung entwickelte sich eine erste Form der Spurensicherung. Veränderungen mussten über längere Zeit wahrgenommen und miteinander verglichen werden. An den Bienenvölkern entstand die Erfahrung, dass kein einzelnes Lebewesen das Ganze überblickt und dennoch durch Austausch und Rückkopplung eine gemeinsame Orientierungsfähigkeit hervorgebracht werden kann. Diese frühe Erfahrung wurde erst sehr viel später mit der Kollektiven Kreativität und der Globalen Schwarm-Intelligenz verbunden. Es wäre rückblickend falsch zu behaupten, die ausgearbeitete Plattformidee habe bereits in der Kindheit vorgelegen. Richtig ist, dass dort eine Erfahrungsgrundlage entstand, die später begrifflich und technisch weitergeführt wurde.
Mit ungefähr sechzehn Jahren kam die forstwirtschaftliche Vorstellung der Nachhaltigkeit hinzu: Es darf nicht mehr entnommen werden, als nachwachsen kann. Der Club of Rome verschärfte in den frühen 1970er-Jahren die Einsicht, dass lokale Eingriffe Bestandteil eines globalen Problems sind. Historisch belegbar ist die Veröffentlichung von The Limits to Growth im Jahr 1972. Die daraus abgeleitete Priorität, die Funktionsbedingungen des Lebens über die kurzfristige Funktionsfähigkeit der Wirtschaft zu stellen, ist bereits eine künstlerisch-gesellschaftliche Schlussfolgerung.
Die Leitfrage entstand daher nicht aus einer abstrakten philosophischen Spekulation: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er über Wahrnehmung, Wissen, Technik und Korrekturfähigkeit verfügt? Diese Frage wurde zum Forschungsgrund, weil zwischen erkennbaren Schäden und fortgesetztem Tätigwerden ein dauerhafter Widerspruch sichtbar wurde.
Handwerk, Fotografie und die Entstehung des Prüfmaßstabes
Die Maschinenschlosserausbildung von 1965 bis 1969 brachte einen zweiten Ursprung hinzu. Im Handwerk kann eine Vorstellung nicht allein durch sprachliche Überzeugung funktionieren. Maß, Passung, Toleranz, Werkstoffeigenschaft, Reibung, Belastung und Verschleiß entscheiden, ob ein Werkstück trägt. Das Material besitzt eine Antwortfähigkeit gegenüber der menschlichen Absicht. Es bestätigt oder widerlegt zwar keine ganze Weltanschauung, aber es begrenzt die Willkür der Herstellung.
Aus dieser Erfahrung entstand der spätere Grundsatz: Technik lernt durch Maßstäbe. Ein Bauteil passt oder passt nicht, eine Verbindung hält oder bricht. Gesellschaften können ihre Schäden dagegen wesentlich länger umbenennen, verlagern oder verwalten. Dieser Gegensatz darf nicht zu der Behauptung vereinfacht werden, Technik sei grundsätzlich vernünftig und Gesellschaft grundsätzlich maßlos. Technik kann selbst zerstörerisch angewendet werden. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die technische Einzelfunktion meist über definierte Rückmeldungen verfügt, während für ihre gesellschaftliche, körperliche und ökologische Gesamtwirkung häufig keine gemeinsame Prüfebene zuständig ist.
Fotografie, Fotojournalismus und Werbearbeit eröffneten die entgegengesetzte Erfahrung. Ein Bild ist kein neutraler Ausschnitt aus der Wirklichkeit. Auswahl, Perspektive, Beleuchtung, Inszenierung und Kontext erzeugen Bedeutung. In der Werbung werden Gegenständen Eigenschaften wie Freiheit, Schönheit, Erfolg oder Sicherheit zugeordnet, die nicht als materielle Eigenschaften im Produkt enthalten sind.
Daraus entwickelte sich die Unterscheidung zwischen Fotografieren und Knipsen. Der Fotograf muss Medium, Gegenstand, Licht, Zeit und beabsichtigte Wirkung miteinander verbinden. Der Knipser kann technisch ein Bild erzeugen, ohne diese Zusammenhänge zu beherrschen. Das zufällig gelungene Ergebnis ersetzt nicht das wiederholbare Können.
Später wurde diese Differenz auf das menschliche Selbstverständnis übertragen. Der Mensch knipst Bilder von Freiheit, Autonomie, Fortschritt und Eigentum und behandelt sie anschließend wie Eigenschaften seiner tatsächlichen Existenz. Der Begriff „Knipser“ ist daher kein Schimpfwort für schlechte Fotografen. Er ist ein künstlerisches Vergleichsmodell für eine Hervorbringung, deren technische Möglichkeit größer ist als das Verständnis ihrer Voraussetzungen.
Von der Katastrophenfrage zur Experimentellen Umweltgestaltung
1972 und 1973 entstanden in Lüneburg das Film-Musical „Die Alte Salzstraße“, ein Galerie- und Kulturbüro und die Jugendzeitung „drei mal links – liberal, lustig“. 1973/74 wurde in Hermannsburg eine szenische Folge zu vorausgesagten menschengemachten Katastrophen entwickelt. Hier erscheint erstmals ausdrücklich die Frage: „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“
Diese Frage enthielt noch nicht das spätere Vier-Ebenen-Modell oder die ausformulierte Tragwirklichkeit. Sie eröffnete aber die Grundentscheidung, Kunst nicht auf Darstellung bereits erkannter Probleme zu begrenzen. Kunst sollte Situationen hervorbringen, in denen Wahrnehmung, Tätigkeit und Folgen selbst untersucht werden können.
Das Bildhauerstudium von 1974 bis 1980 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig führte Handwerk, Fotografie, Formbildung und gesellschaftliche Fragestellung zusammen. Der 1975 begonnene und 1976 vorgestellte Ansatz der „Experimentellen Umweltgestaltung“ war kein nachweislich institutionalisierter Studiengang, sondern ein von Fenner entwickelter integrativer Studien- und Arbeitsentwurf. Diese Korrektur ist wichtig. Die Experimentelle Umweltgestaltung darf als programmatischer Ursprung des Lebenswerkes bezeichnet werden, aber nicht ohne institutionellen Nachweis als offiziell eingerichteter Studiengang.
„Umwelt“ wurde damals als umfassendes Milieu verstanden. Später wurde dieser Begriff kritisiert, weil er den Eindruck erweckt, der Mensch stehe im Mittelpunkt und alles andere bilde ein ihn umgebendes Außen. Daraus entwickelten sich die Begriffe Mitwelt, Abhängigkeitswelt, Tragwirklichkeit und schließlich Plexuswirklichkeit. Die Experimentelle Umweltgestaltung blieb der historische Name; das spätere Wirklichkeitsverständnis ging über die darin enthaltene Umweltvorstellung hinaus.
Der Capella-Orkan vom 3. Januar 1976 und die Auseinandersetzung mit Deichbrüchen, Wellen, Strömung und Widerstandsformen verschärften die Wasserforschung. Wellenbecken, Deichprofile, Biberdamm, gebogener Kiel und asymmetrisches Auto waren keine bloßen Naturillustrationen. Sie untersuchten, wie Formen unter wirkenden Kräften entstehen und wie eine menschliche Konstruktion auf Rückmeldungen reagieren muss.
Der Satz „Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht“ wurde zu einem grundlegenden Korrektiv. Ein Zeichen besitzt nicht automatisch die Funktion dessen, was es darstellt. Ein gezeichneter Kreis ist noch kein funktionierender Exzenter. Zwischen Vorstellung und funktionierendem Werk liegen Material, Herstellung, Übung, Scheitern, Belastung und Korrektur.
Daraus entstand das künstlerische Dreieck von Modell, Werk und Kritik. Das Modell enthält Vorstellung, Inspiration und Zielprojektion. Das Werk entsteht durch Hände, Material, Tätigkeit und Konsequenzen. Die Kritik vergleicht beides miteinander und prüft, was verloren ging, was sich widersetzte und was unerwartet entstand. Später wurde die Lücke zwischen Modell und Werk zum entscheidenden Lernraum.
Malbücher, Vorgaben und die Entdeckung des Rezipienten
Zwischen etwa 1976 und 1978 entstanden Erwachsenenmalbuch, Telefonmalbuch, Autobahnmalbuch, Fußgängermalbuch beziehungsweise Laberello, Krickel-Krakel-Arbeiten und weitere Vorgabebilder. Sie sollten nicht lediglich Erwachsene zum Malen anregen. Ihre methodische Funktion bestand darin, eine identische Ausgangsform vielen Menschen zur Verfügung zu stellen und sichtbar zu machen, wie unterschiedlich mit derselben Vorgabe umgegangen wird.
Die Vorlage erzeugt zunächst Sicherheit. Sie kann übernommen, ausgemalt, ergänzt, überschrieben, verlassen oder zerstört werden. Damit wird nicht nur das Ergebnis, sondern das Verhältnis des Menschen zur Vorgabe erkennbar. Gehorsam, Erwartung, Angst vor Fehlern, eigene Spur und Abweichung werden künstlerisch beobachtbar.
Der Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation erweiterte diese Arbeitsweise. Er war keine Verkaufsmarkierung und kein bloßes Logo. Er sollte eine sichtbare Bereitschaft zur Begegnung herstellen. In der heutigen Atelierkonzeption trägt der Besucher einen roten Punkt, vermerkt sein Interesse und kann dadurch andere Menschen mit verwandten oder ergänzenden Fragen finden. Das historische Zeichen wird zur gegenwärtigen Verknüpfungsmethode.
Hier beginnt der Übergang vom Werk für den Betrachter zum Werk mit dem Rezipienten. Die später sogenannte Tausend-Menschen-Methode nahm Gestalt an: Viele Menschen bearbeiten dieselbe Vorlage oder bringen Gedanken zu einer gemeinsamen Frage ein. Erkenntnis entsteht nicht aus der Auflösung der Unterschiede, sondern aus ihrer vergleichbaren Sichtbarkeit.
Die spätere Globale Schwarm-Intelligenz ist daher keine rein digitale Erfindung. Ihr methodischer Vorläufer liegt in den Malbüchern, den gleichartigen Vorgaben und der Verbindung vieler begrenzter Wahrnehmungen. Neu hinzugekommen sind digitale Speicherung, Verknüpfung, KI-Vergleich und öffentliche Revision.
Rollenarbeit, Theater und gesellschaftliche Distanz
In den 1980er-Jahren verlagerte sich die Forschung stärker in gesellschaftliche und öffentliche Zusammenhänge. Frage-und-Antwort-Tische, Aktionen im Arbeitslosenzentrum und an der Volksuni, die Kampnagel-Initiative „Wohnen – Kultur – Arbeiten“, die Tschernobyl-Aktion, die Frage „Was ist Deutschland?“ und unterschiedliche Mitmachkonzepte untersuchten gesellschaftliche Rollen und Entscheidungsstrukturen.
Nach eigener Erinnerung sagte Joseph Beuys 1980 zu Fenner, er nehme die Soziale Plastik zu ernst. Diese Aussage ist als biografische Primärquelle bedeutsam; für eine historische Publikation wäre zu prüfen, ob weitere Zeugen oder Dokumente existieren. Ihre werkgeschichtliche Wirkung ist unabhängig davon deutlich: Wenn jeder Mensch tatsächlich an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, kann die Soziale Plastik nicht bei einer poetischen Ermächtigung stehen bleiben. Jede Gestaltung muss auf Voraussetzungen und Folgen geprüft werden.
Die Arbeit mit dem Soforttheater Augusto Boals, Rollenbildern, dem Mann im Kleid und Körperempfindungen führte zu einer entscheidenden Differenzierung. Der Mensch übernimmt gesellschaftliche Rollen, ist aber nicht mit ihnen identisch. Im Theater ist erkennbar, dass Darsteller, Rolle, Bühne, Regie, Requisite und dargestellte Wirklichkeit voneinander verschieden sind. Im Alltag verschwinden diese Abstände häufig. Der Mensch spielt Arbeitnehmer, Konsument, Eigentümer, Experte oder Patient, ohne die Rolle noch als veränderbare Konstruktion wahrzunehmen.
Daraus entstand die These, dass Lernen ein Gegenüber und eine Distanz benötigt. Wo der Mensch vollständig mit seiner Rolle verschmilzt, findet kein Lernen, sondern blindes Training statt. Er übernimmt Befehle, Erwartungen und Bewertungsmaßstäbe, ohne sie als solche zu erkennen.
Das Theater wurde deshalb nicht als zusätzliche Kunstgattung in das Werk aufgenommen. Es wurde zum Modell gesellschaftlicher Transparenz. Eine Szene kann angehalten, umgestellt und aus einer anderen Rolle erneut gespielt werden. Diese Unterbrechbarkeit wird später auch für Begriffe, Folien, digitale Antworten und gesellschaftliche Systeme verlangt.
Schultafeln, deutsche Einheit und veränderbare Darstellung
Die Schultafelarbeiten „Staumauer“ von 1989 eröffneten eine serielle Kunst des Verlaufs. Eine Schultafel ist beschreibbar, löschbar, überschreibbar und korrigierbar. Sie widerspricht dem unveränderlichen Statement und dem Anspruch, eine Aussage müsse endgültig sein.
In den Arbeiten zur deutschen Einheit, zur „Mauer in den Köpfen“, zu Demokratiewerkstätten und zum Runden Tisch wurde die politische Veränderung nicht nur als abgeschlossenes Ereignis dargestellt. Unterschiedliche Phasen, Hoffnungen, Verfestigungen und erneute Grenzbildungen sollten sichtbar bleiben.
Später wurde die Schultafel mit der goldenen Idee Platons verbunden. Wird eine mit Schultafelfarbe versehene Fläche vergoldet, erhält die Idee scheinbar einen höheren, unveränderlichen Wert. Gleichzeitig verliert die Tafel ihre Löschbarkeit. Der Goldauftrag zerstört gerade jene Fähigkeit, die Lernen ermöglicht: Korrektur, Revision und Neuanfang.
Diese Verbindung ist eine künstlerische Interpretation Platons, keine erschöpfende Darstellung seiner Philosophie. Sie verdichtet die Kritik an einer Kultur, die dem unveränderlichen Ideal einen höheren Wirklichkeitsrang zuschreibt als dem körperlichen, veränderlichen und verletzbaren Prozess.
Die Schultafel wurde dadurch zum Prüfobjekt für Demokratie, Lernen, Wahrheit und Macht. Eine demokratische Ordnung, die ihre Entscheidungen nicht sichtbar korrigieren kann, wird zur goldenen Behauptung ihrer selbst.
Gartenarbeit, Schöpfungsgeschichte und die Antwort des Mediums
In den frühen 1990er-Jahren wurde der Garten im Eiszeittal von Lübeck zu einer Laborsituation. Tanglandschaft, Abendmahltisch, Strömungsabformungen und die „Schöpfungsgeschichte“ stellten natürliche Verlaufsformen menschlichen Konstruktionen gegenüber.
Entscheidend war dabei nicht eine romantische Rückkehr zur Natur. Das Material und der Ort antworteten auf die Tätigkeit. Eis, Boden, Wasser, Gold, Gras und organische Veränderungen ließen sich nicht vollständig dem künstlerischen Plan unterordnen.
Die Arbeit auf einer Eisfläche, der Goldauftrag und der Tanz zeigten, dass die Idee keine Wirkung besitzt, wenn das Medium sie nicht aufnehmen kann. Das Scheitern wurde nicht zum bloßen Misserfolg, sondern zur Rückmeldung. Das Werk lernte gewissermaßen durch das Material.
Hier entstand eine zentrale Unterscheidung zwischen hineingedachter Eigenschaft und tatsächlicher Eigenschaft. Gold kann Wert symbolisieren. Es kann aber weder die Tragfähigkeit des Eises noch die Lebensbedingungen eines Organismus ersetzen. Die symbolische Aufwertung verändert nicht automatisch die materielle Funktion.
Der Opfer- oder Maltisch, der aus einer Strömungslandschaft hervorging, verbindet äußere Landschaft, Nahrung, Körper und gesellschaftliche Verwertung. Seine Form wurde nicht allein vom Künstler entworfen. Wasser und Gelände wirkten an ihrer Hervorbringung mit. Das Objekt wurde damit zum Beleg, dass künstlerische Form aus einer Beziehung zwischen Absicht, Material und nicht beherrschbarer Antwort entstehen kann.
Kollektive Kreativität, tausend Tische und das Globale Dorffest
1992 entstanden die Temporäre Kunsthalle in Ratzeburg und der Werkzusammenhang „Sozialer Organismus Katharsis“. Ab 1993 folgten die Künstlergruppe Kollektive Kreativität, Demokratiewerkstätten, Bürgerforum, Grenzwerkstatt, Fax-Vernetzungs-Patenschaft, Partei der Wirklichkeit, Zukunftswerkstätten und das Entelechie-Museum.
Das Globale Dorffest am Brandenburger Tor mit tausend Tapeziertischen wurde zum zentralen Übergang von der lokalen Versuchsanordnung zur planetarischen Öffentlichkeit. Der Begriff „globales Dorf“ stammt von Marshall McLuhan. Fenners Eigenleistung liegt nicht in der Erfindung des Begriffs, sondern in seiner frühen räumlichen und gesellschaftlichen Vergegenständlichung.
Eine historische Korrektur ist dabei notwendig: CERN „gab“ 1993 nicht das Internet frei. Am 30. April 1993 stellte CERN die grundlegende Software des World Wide Web zur freien öffentlichen Nutzung bereit. Das Internet bestand bereits. Das Globale Dorffest entstand wenige Monate später in einer Zeit, in der die gesellschaftliche Bedeutung des World Wide Web noch kaum absehbar war.
Die tausend Tische sollten keine bloße Menschenmenge erzeugen. Jeder Tisch bildete eine kleine Öffentlichkeit, an der Fragen, Antworten, Tätigkeiten und Beziehungen verortet werden konnten. Tausend gleichzeitig anwesende Menschen waren noch als Vielzahl einzelner Personen vorstellbar. Milliarden Menschen bleiben dagegen leicht eine abstrakte Zahl.
Die spätere Erkenntnis lautet: Technische Verbindung erzeugt noch keine verantwortliche Weltgesellschaft. Milliarden vernetzte Menschen bilden nicht automatisch ein globales Dorf. Es fehlen gemeinsame Prüfmaßstäbe, Übersetzungen, Rückkopplungen und eine Wahrnehmung der gegenseitigen Abhängigkeiten.
Die Tausend Tische sind deshalb die körperlich-räumliche Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz. Jeder Tisch entspricht einem lokalen Wahrnehmungs- und Gesprächsknoten. Die digitale Plattform erweitert diese Knoten räumlich und zeitlich, darf aber die konkrete körperliche Erfahrung nicht ersetzen.
Vom Partizipatorischen Welttheater zur digitalen Plattform
Das von 2005 bis 2019 entwickelte Partizipatorische Welttheater verband Ausstellung, Theater, Besucherbeteiligung und eine geplante dreidimensionale Website. Der Besucher sollte nicht nur betrachten, sondern Fragen stellen, Antworten geben, Rollen wechseln und die Ausstellung durch seinen Beitrag verändern.
Das Theatermodell führte die Unterscheidung zwischen Wirklichkeit, Bühne, Rolle und Requisite auf eine planetarische Ebene. Der Mensch sollte sich als „plastisches Grenzwesen“ innerhalb einer Lebensgemeinschaft erkennen. Die Grenze war dabei nicht nur Trennung, sondern Membran: Sie schützt, lässt Austausch zu und bestimmt, welche Beziehungen möglich werden.
Die Zellmembran wurde später gegenüber der bloßen Zellteilung als Ursprungsbild des Lebens hervorgehoben. Wissenschaftlich ist die Entstehung des Lebens wesentlich komplexer; weder Membran noch Teilung können isoliert als alleiniger Beginn gelten. Als Modell der Forschungskunst besitzt die Membran dennoch eine klare Funktion: Leben benötigt eine Grenze, die weder vollständige Abschottung noch grenzenlose Offenheit ist.
Die Beiträge der Besucher sollten das Welttheater fortlaufend verändern. Daraus entstand die Vorstellung einer Schwarmintelligenz. Auch hier erfolgte später eine Korrektur. Viele Beiträge bilden nicht automatisch Intelligenz. Ohne Quellen, Vergleich, Gegenbeispiele, Moderation, sichtbare Revision und gemeinsame Prüfanker kann eine Menge von Beiträgen ebenso Verwirrung, Wiederholung oder Machtverstärkung erzeugen.
Seit 2023 bis 2026 wurde diese Werkspur in der ProWiki-Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ verdichtet. Der Umfang von ungefähr 10,7 Gigabyte, mehr als 10.000 Verknüpfungen, etwa 350 Werken und Werkgruppen, über 600 Kunsttagebüchern sowie zahlreichen Bild-, Video- und Textmaterialien beschreibt die Größe des Archivs. Diese Angaben sind werkbiografisch dokumentierbar, müssen für eine Publikation aber über eine nachvollziehbare Bestandsaufnahme vereinheitlicht werden.
Der Übergang von Umwelt zu Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit
Das Wirklichkeitsverständnis begann mit der Experimentellen Umweltgestaltung, wurde aber später grundlegend korrigiert. „Umwelt“ kann so verstanden werden, als befinde sich der Mensch im Zentrum und die Welt bilde eine Umgebung um ihn herum. „Mitwelt“ betont stärker die gemeinsame Existenz, reicht aber für die materiellen, molekularen und planetarischen Verknüpfungen ebenfalls nicht vollständig aus.
„Tragwirklichkeit“ wurde deshalb zum obersten Leitbegriff. Er bezeichnet nicht jede gesellschaftlich anerkannte Realität, sondern diejenigen Bedingungen und Beziehungen, durch die ein Organismus oder System tatsächlich getragen wird. Geld, Eigentum, Rollen und Gesetze sind gesellschaftlich real wirksam. Sie sind aber nicht in derselben Weise tragend wie Atemluft, Wasser, Temperatur, Stoffwechsel oder Boden.
„Plexuswirklichkeit“ präzisiert die Struktur der Tragwirklichkeit. Plexus bezeichnet ein Geflecht. Kein Bestandteil existiert als isoliertes Einzelteil. Körper, Stoffe, Kräfte, Zeichen, Tätigkeiten und Konsequenzen durchdringen sich in unterschiedlichen Ebenen. Tragwirklichkeit ist damit der leitende Wert- und Prüfbegriff; Plexuswirklichkeit beschreibt ihre verflochtene Struktur. Beide Begriffe sollten nicht mehr wie zwei konkurrierende Hauptbegriffe verwendet werden.
Die wissenschaftlich belegbare Grundlage liegt in der Abhängigkeit des menschlichen Organismus von physikalischen, chemischen, biologischen und sozialen Bedingungen. Die These, Tragwirklichkeit sei der oberste Maßstab aller gesellschaftlichen Geltung, ist eine normative und künstlerische Setzung der Forschungskunst.
Aus ihr folgt die Grundformel: Der Mensch lebt nicht unabhängig, sondern in den Konsequenzen funktionierender Lebensbedingungen. Er kann Sauerstoff, Mineralien, Wasser, Stoffwechsel und planetarische Entstehungsbedingungen nicht aus seinem Geltungs-Ich hervorbringen.
Welt ohne Menschen, Verletzungswelt und Symbolwelt
Eine frühe Dreiteilung unterschied die Welt ohne Menschen, die Verletzungswelt und die Skulptur- oder Als-ob-Welt. Die Welt ohne Menschen bezeichnet die vorausliegende physikalische und biologische Welt. Sie ist kein menschliches Kunstwerk, auch wenn sie durch menschliche Darstellung zum Gegenstand der Kunst werden kann.
Die Verletzungswelt ist jene Wirklichkeit, in der Tätigkeiten körperliche und materielle Folgen besitzen. Menschen können erkranken, Böden unfruchtbar, Wasser verschmutzt und Organismen zerstört werden.
Die Skulptur- oder Unverletzungswelt besteht aus Begriffen, Rollen, Modellen, Rechtsformen und symbolischen Konstruktionen. In ihr kann der Mensch planen, ohne dass innerhalb des Gedankens bereits ein Boden zerstört wird. Die Verletzung tritt erst beim Übergang von der Vorstellung zur Tätigkeit ein.
Diese Dreiteilung war erkenntniswirksam, wurde aber später durch das Vier-Ebenen-Modell präzisiert. Die „Welt ohne Menschen“ darf nicht als absolut beobachterfreie Welt beschrieben werden, denn jede Beschreibung stammt von Menschen. Gemeint ist die ontologische Priorität von Bedingungen, die nicht durch menschliche Zuschreibung entstanden sind.
Auch „Unverletzungswelt“ ist missverständlich. Symbolische Konstruktionen können Menschen sehr wohl verletzen, etwa durch ein Urteil, einen Eigentumsentzug oder eine gesellschaftliche Ausgrenzung. Gemeint ist, dass das Symbol selbst die materiellen Folgen zunächst auf Distanz halten kann. Präziser wäre daher „symbolische Distanzwelt“ oder „Geltungswelt“, nicht eine buchstäblich unverletzbare Welt.
Kopplungs-Ich, plastisches Ich und emergentes Tragwesen
Das Kopplungs-Ich bezeichnet den körperlichen und auf Stoffwechsel angewiesenen Menschen. Es ist an Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Schlaf, Beziehung und Regeneration gebunden. Der Begriff korrigiert das Selbstbild eines vollständig autonomen Ichs.
Das plastische Ich erweitert diese Bestimmung. Es ist nicht nur gekoppelt, sondern wird in Beziehungen geformt und wirkt auf diese Beziehungen zurück. Es ist verletzbar, veränderbar und lernfähig. Seine Grenze funktioniert nicht wie eine massive Wand, sondern eher wie eine Membran, die Austausch reguliert.
Später entstand die Bezeichnung des Menschen als emergentes Tragwesen. Der Mensch wird von Bedingungen getragen und kann zugleich selbst zum Träger von Beziehungen, Fürsorge, Wissen und Reparatur werden. Seine Würde liegt dann nicht in absoluter Unabhängigkeit, sondern in seiner Fähigkeit, tragende Beziehungen wahrzunehmen und mitzugestalten.
„Kopplungs-Ich“, „plastisches Ich“, „Tragwesen“ und „Plastischer Homo Resonans“ bezeichnen nicht vier verschiedene Menschenmodelle. Sie markieren Entwicklungsstufen und unterschiedliche Blickrichtungen. Das Kopplungs-Ich betont körperliche Abhängigkeit, das plastische Ich Formbarkeit und Rückwirkung, das Tragwesen die Fähigkeit, selbst Beziehungen zu tragen, und der Plastische Homo Resonans die Zielprojektion einer rückkopplungsfähigen menschlichen Existenz.
Für die weitere Fassung sollte „plastisches Ich“ der Hauptbegriff sein. Kopplungs-Ich und Tragwesen können als Unterbestimmungen verwendet werden. „Plastischer Homo Resonans“ eignet sich als verdichtete Zielgestalt, nicht als zusätzlicher wissenschaftlicher Fachbegriff.
Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Homo Speculans
Das Geltungs-Ich entsteht in der gesellschaftlichen Symbol- und Rollenwelt. Es definiert sich über Name, Beruf, Status, Eigentum, Leistung, Erfolg und öffentliche Darstellung. Diese Ebene ist nicht bloß falsch. Ohne Namen, Rollen und Regeln wäre gesellschaftliche Zusammenarbeit kaum möglich.
Problematisch wird sie, wenn das Geltungs-Ich seine symbolische Position für grundlegender hält als seine körperlichen Voraussetzungen. Es behauptet Freiheit und Unabhängigkeit, während der Organismus von Schlaf, Wasser, Nahrung, Beziehung und Schutz abhängig bleibt.
Die Skulpturidentität beschreibt die Verfestigung dieser Geltungsform. Skulptur wird dabei metaphorisch als Abtragen, Abgrenzen, Festlegen und Herauslösen verstanden. Der Mensch stellt sich als fertige, abgeschlossene Identität her. Der Astronautenanzug wird zum Bild dieser Selbstisolation: Er scheint Unabhängigkeit zu ermöglichen, macht den Menschen aber vollständig von einer künstlichen technischen Hülle abhängig.
Der Homo Speculans bezeichnet die weitere Zuspitzung. Der Mensch lebt in Spiegelungen, Bewertungen, Preisen, Projektionen und Spekulationen. Er behandelt sein gesellschaftliches Bild als sein eigentliches Wesen. Auch dieser Begriff ist eine künstlerische Diagnose und keine anthropologische Artbezeichnung.
Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Homo Speculans sollten ebenfalls hierarchisch geordnet werden. Das Geltungs-Ich bezeichnet die notwendige gesellschaftliche Ebene. Skulpturidentität bezeichnet ihre Verfestigung. Homo Speculans bezeichnet die kulturelle Extremform, in der Spiegelung und Warenwert die Rückbindung an den Körper verdrängen.
Die zweite wilde Natur und die Bastardkonstruktion
Die „zweite wilde Natur“ bezeichnet die vom Menschen hervorgebrachte Welt aus Preisen, Märkten, Eigentumsansprüchen, Rollen, Institutionen, technischen Systemen und Identitäten. Sie ist nicht wild, weil sie ohne Regeln wäre. Sie ist wild, weil ihre Regeln sich von körperlichen und planetarischen Rückmeldungen entkoppeln können.
Der Begriff der menschlichen Bastardkonstruktion entstand als Zuspitzung dieses Widerspruchs. Er darf weder biologisch noch genealogisch noch als Herabsetzung einzelner Menschen verstanden werden. Gemeint ist eine nicht ausreichend vermittelte Mischkonstruktion aus biologischem Lebewesen, gesellschaftlicher Rollenfigur, symbolischem Geltungs-Ich und technischer Verfügungsmacht.
Die methodische Funktion des Begriffs besteht darin, die Unfertigkeit des menschlichen Selbstverständnisses sichtbar zu machen. Der Mensch ist nicht einfach Naturwesen und nicht vollständig selbstgeschaffenes Kulturwesen. Er befindet sich in einem Übergang, dessen unterschiedliche Ebenen nicht tragfähig miteinander verbunden wurden.
Der Ausdruck ist jedoch stark belastet und kann die Aufmerksamkeit von der Analyse auf die Provokation verschieben. Für ein Anschreiben sollte er nicht als Leitbegriff verwendet werden. In einer ausführlichen Anlage kann er nach einer eindeutigen Definition erscheinen. Eine mögliche Vereinfachung wäre „widersprüchliche Mischkonstruktion des menschlichen Selbstverständnisses“.
Statement-Gesellschaft, Worthülsen und recyceltes Menschenbild
Aus dem Geltungs-Ich entwickelte sich die Diagnose der Statement-Gesellschaft. Aussagen ersetzen zunehmend die Prüfung. Unternehmen erklären sich für nachhaltig, Institutionen für offen, Menschen für authentisch und Politik für verantwortlich. Die Benennung erzeugt Geltung, ohne die behauptete Tätigkeit leisten zu müssen.
Auch das Ich wird zum Statement. Der Mensch erklärt, wer er ist, anstatt seine Abhängigkeiten, Rollen und Tätigkeitsfolgen zu untersuchen. Freiheit, Würde, Selbstbestimmung, Teilhabe und eigenes Leben können dadurch zu Worthülsen werden. Die Wörter bleiben erhalten, während ihre tragenden Bedingungen verschwinden.
Das „recycelte Menschenbild“ bezeichnet die Rückführung scheinbar emanzipatorischer Begriffe in Verwertung. Selbstverwirklichung wird Selbstvermarktung, Kreativität wird Innovationspotenzial, Beziehung wird Netzwerk, Gesundheit wird Ressource und Identität wird Profil.
Die Herkunft dieser Diagnose liegt in der Werbeerfahrung, der Rollenarbeit und späteren Erfahrungen mit Institutionen, Krankheit, Erschöpfung und gesellschaftlicher Abhängigkeit. Der Körper wurde dadurch nicht nur theoretisch, sondern existenziell zum Prüfobjekt.
Offen bleibt, wie zwischen notwendiger öffentlicher Selbstdarstellung und entleerter Statement-Produktion unterschieden werden kann. Nicht jede Selbstaussage ist Täuschung. Der Prüfmaßstab muss lauten, ob eine Aussage ihre Voraussetzungen, Handlungen und Folgen offenlegt und einer Korrektur zugänglich bleibt.
Die falsche Genauigkeit des Kaufens und Verkaufens
Eine späte begriffliche Verdichtung betrifft die Genauigkeit des heutigen Menschen. Im Kaufen, Verkaufen, Feilschen, Bewerten und Verwerten entwickelt er enorme Aufmerksamkeit. Früher wurde auf den Pfennig, heute auf Cent, Preis, Rendite und Marktwert genau gerechnet.
Gegenüber seinem eigenen Körperorganismus und den planetarischen Existenzbedingungen bleibt er dagegen erstaunlich ungenau. Er kennt Eigentumsgrenzen, aber nicht seine Belastungsgrenzen; Verträge, aber nicht die Bedingungen von Schlaf und Regeneration; Marktmechanismen, aber nicht die langfristigen Abhängigkeiten seiner Tätigkeiten.
Diese Diagnose wurde mit evolutionären Strategien von Beute, Tarnung und Täuschung verbunden. Wissenschaftlich belegbar ist, dass Lebewesen unterschiedliche Strategien von Schutz, Tarnung, Täuschung, Flucht und Beutefang entwickelt haben. Die Übertragung dieser Dynamiken auf Markt, Werbung und gesellschaftliche Rollen ist eine kulturkritische Analogie, kein biologischer Beweis für die Entstehung des Kapitalismus.
Ihre methodische Funktion besteht darin, eine falsche Prioritätensetzung sichtbar zu machen. Die für kurzfristigen Vorteil entwickelte Genauigkeit müsste auf Tragfähigkeit und Abhängigkeitskonsequenzen umgelenkt werden. Der Besucher des So-Heits-Ateliers soll deshalb von der eingeübten Kauf- und Verkaufswelt in die „23:59-Welt“ der vorausliegenden planetarischen Funktionsbedingungen zurückgeführt werden.
Lochprozesse als Herstellung von Nichtzusammenhang
Der Begriff des Lochprozesses entstand aus der wiederholten Beobachtung, dass nicht nur falsche Inhalte, sondern vor allem fehlende Verbindungen zerstörerisch wirken. Zwischen Vorstellung und Werk, Fachwissen und Gesamtfolge, Rolle und Körper, Ware und Herstellung, Entscheidung und Betroffenem entstehen Löcher.
Ein Lochprozess bezeichnet daher nicht einfach Unwissen. Er bezeichnet die Tätigkeit, durch die ein Zusammenhang ausgeschnitten, ausgeblendet oder institutionell unzuständig gemacht wird. Der Bildausschnitt lässt etwas außerhalb des Rahmens verschwinden. Die Werbung trennt das Produkt von seinen Herstellungsbedingungen. Der Preis trennt den Kauf von Ressourcenverbrauch und Abfall. Die Fachdisziplin trennt ihre methodische Leistung von Wirkungen, für die eine andere Disziplin zuständig sein soll.
Lochprozesse sind eng mit Dingselektion, Filterung und Skulpturalisierung verbunden. Aus einem Plexus wird ein Teil herausgeschnitten und anschließend so behandelt, als könne er unabhängig existieren. Das Loch entsteht sowohl im zurückbleibenden Zusammenhang als auch im Wissen über das herausgelöste Ding.
Methodisch soll der Lochprozess nicht nur Defizite benennen, sondern die fehlende Verbindung rekonstruieren. Welche Voraussetzung wurde entfernt? Wer trägt die ausgelagerte Folge? Welche Rückmeldung erreicht den Entscheidenden nicht mehr? Welcher Begriff verdeckt das Loch?
Der Begriff ist noch nicht vollständig stabilisiert. Er überschneidet sich mit Lücke, blinder Stelle, Filter, Auslassung, Entkopplung und Nichtwissen. Eine notwendige Präzisierung wäre: Die Lücke bezeichnet einen noch offenen Erkenntnisraum; das Loch bezeichnet eine durch Trennung entstandene Beschädigung; der Lochprozess bezeichnet die fortgesetzte Herstellung oder Vergrößerung dieser Beschädigung.
Gegenüberstellung als Grundform des Lernens
Lernen setzt Distanz voraus. Ein Mensch muss eine Vorstellung einem Gegenstand, einer Erfahrung, einer anderen Perspektive oder den Folgen seiner Tätigkeit gegenüberstellen können. Ohne Gegenüber entsteht keine Prüfung, sondern Wiederholung.
Diese Erkenntnis stammt aus Handwerk, Fotografie, Malbüchern, Theater und Wasserexperimenten. Im Handwerk steht der Entwurf dem Werkstück gegenüber. In der Fotografie steht das Bild dem fotografierten Zusammenhang gegenüber. Im Theater stehen Darsteller und Rolle einander gegenüber. Im Malbuch stehen Vorgabe und eigene Spur nebeneinander. Im Wasserlabor steht die geplante Form der Antwort der Strömung gegenüber.
Gegenüberstellung ist dabei nicht identisch mit 50:50-Dualismus. Der Dualismus trennt zwei Pole und behandelt sie als abgeschlossene Gegensätze. Die Forschungskunst verbindet beide Seiten über einen dritten Prüfbezug: Material, Tragwirklichkeit, Erfahrung oder Abhängigkeitskonsequenz.
Daraus entsteht eine dreigliedrige Lernform. Eine Vorstellung wird hervorgebracht, in ein Werk oder eine Tätigkeit übersetzt und anschließend an einem Referenzzusammenhang geprüft. Das Ergebnis kann die Vorstellung verändern. Lernen wird damit plastisch und rückgekoppelt.
Die Zielprojektion besteht darin, diese Fähigkeit auf gesellschaftliche Rollen und Systeme zu übertragen. Der Mensch soll seine Gewohnheiten nicht nur verlassen, sondern zunächst als vergegenständlichte Modelle erkennen können. Offen bleibt, wie die Gegenüberstellung gestaltet werden muss, damit sie nicht bereits das gewünschte Ergebnis erzwingt. Jede Versuchsanordnung benötigt daher Gegenbeispiele und die Möglichkeit, auch das Modell des Künstlers zurückzuweisen.
Plastik, Skulptur und Skulpturalisierung
Die Unterscheidung zwischen Plastik und Skulptur wurde aus dem bildhauerischen Handwerk in das Menschen- und Gesellschaftsverständnis übertragen. Plastik bezeichnet Formen, Modellieren, Hinzufügen, Verbinden und Einpassen. Skulptur bezeichnet Abtragen, Abschlagen, Herausschneiden und Freilegen.
Beide Verfahren sind künstlerisch gleichberechtigt. Die Forschungskunst verwendet sie jedoch als unterschiedliche Erkenntnismodelle. Plastik wird zum Bild eines offenen Werdens in Beziehungen. Skulptur wird zum Bild einer Form, die durch Abgrenzung und Herauslösung entsteht.
„Skulpturalisierung“ bezeichnet die Verfestigung eines beweglichen Zusammenhangs. Ein Rollenname, ein Eigentumstitel oder eine Diagnose wird von seiner Entstehung und seinen Beziehungen abgetrennt und als feste Eigenschaft behandelt. Das plastische Ich wird zur Skulpturidentität.
Diese metaphorische Verwendung darf nicht zu einer Abwertung realer Skulptur führen. Skulptur ist nicht als Kunstform schlecht, Plastik nicht automatisch gut. Die Begriffe bezeichnen hier Operationen: Verbinden und modellieren auf der einen, abtrennen und verfestigen auf der anderen Seite.
51:49 wurde zur plastischen Minimalasymmetrie, während 50:50 als Bild einer starren spiegelbildlichen Ordnung erschien. Auch hier war eine Korrektur notwendig. Symmetrien kommen in Mathematik, Physik und Natur vor. Falsch wäre die Behauptung, Symmetrie existiere nur auf dem weißen Papier. Kritisiert wird die normative Übertragung exakter Spiegelgleichheit auf lebendige und gesellschaftliche Verhältnisse.
51:49 ist deshalb kein bewiesenes universelles Naturgesetz. Es ist ein künstlerischer Prüfoperator für eine minimale Differenz, durch die Bewegung, Entscheidung, Anpassung und Rückkopplung möglich bleiben. 49:51 kann entsprechend die Gegenrichtung oder Rückbewegung anzeigen. Die genaue Beziehung beider Schreibweisen muss noch verbindlich festgelegt werden.
Erfahrung, Widerstand und Rückkopplung
Erfahrung entsteht in dieser Forschungskunst nicht allein durch subjektives Erleben. Sie entsteht dort, wo eine Tätigkeit auf etwas trifft, das nicht vollständig in ihr aufgeht. Material, Körper, Wasser, Mitmenschen und institutionelle Regeln erzeugen Widerstand und Rückmeldung.
Die Wellen- und Deichversuche bilden das deutlichste frühe Modell. Wasser verhält sich nicht wie eine passive Masse, der beliebig eine Form aufgeprägt werden kann. Es sucht Wege, erzeugt Druck, transportiert Material und verändert den Widerstand. Der Künstler muss seine Vorstellung korrigieren.
Homöostase und Osmose wurden später zu wissenschaftlichen Anschlussmodellen. Wissenschaftlich belegbar ist, dass Organismen Regulationsprozesse und Stoffaustausch über Membranen benötigen. Die Übertragung auf Gesellschaft ist jedoch analogisch. Eine Gesellschaft besitzt nicht einfach denselben Stoffwechsel wie eine Zelle. Die Analogie kann Fragen eröffnen, ersetzt aber keine sozialwissenschaftliche Erklärung.
Aus dem Wasserlabor entwickelte sich das dreifache Optimum. Das Mediumoptimum untersucht die günstigste Form innerhalb einer Strömungs- oder Materialsituation. Das Organismusoptimum bezieht sich auf die durch Evolution entstandene Passung eines Lebewesens, etwa die strömungsgünstige Form eines Hais. Das Prüfoptimum fragt, welcher kleinste Eingriff oder welche minimale Differenz einen Zusammenhang wahrnehmbar und korrigierbar macht.
Auch diese drei Optima sind Modelle der Forschungskunst. Sie dürfen nicht mit einem einzigen mathematischen Optimum verwechselt werden. Ihre Funktion besteht darin, Optimierung auf ein Einzelziel von einer tragfähigen Beziehung mehrerer Bedingungen zu unterscheiden.
Synergie bezeichnet eine Verbindung, in der unterschiedliche Kräfte gemeinsam eine tragfähige Wirkung hervorbringen. Dysergie bezeichnet einen Zusammenhang, dessen Einzelteile zwar jeweils funktionieren, deren Zusammenwirken aber zerstörerisch wird. Moderne Zivilisation kann technisch hoch leistungsfähig und im Ganzen dysergisch sein.
Tragemergenz bezeichnet die Fähigkeit eines Zusammenhangs, durch das Zusammenwirken seiner Teile neue Tragfähigkeit hervorzubringen. Auch dies ist ein künstlerischer Systembegriff, der wissenschaftlich weiter präzisiert werden müsste.
Symbol, hineingedachte Eigenschaft und Dingselektion
Die Forschung zur Symbol- und Eigenschaftsbildung entstand aus Fotografie, Werbung, Eigentumsarbeiten, Magrittes Pfeife, Schultafel, Goldauftrag und der allgemeinen Frage, weshalb Menschen ihre Zuschreibungen mit Eigenschaften der Dinge verwechseln.
Ein Symbol ist nicht das Symbolisierte. Der Preis ist keine materielle Qualität. Eigentum erzeugt weder Boden noch Wasser. Die Rollenbezeichnung erfasst nicht den ganzen Menschen. Die Aussage „Ich bin frei“ stellt zunächst eine Geltungsbehauptung dar; ihre körperlichen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen müssen gesondert geprüft werden.
Die später entwickelte Kategorienfolge unterscheidet materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet. Diese Kategorien erlauben es, die unterschiedliche Wirkungsweise von Geld, Eigentum, Religion, Gesetz, Organismus und technischem Gegenstand zu untersuchen, ohne die symbolische Welt einfach für unwirklich zu erklären.
Gesellschaftliche Zuschreibungen sind real wirksam. Ein Eigentumstitel kann über Wohnung, Boden oder Zugang entscheiden. Er ist aber anders wirklich als die materielle Beschaffenheit des Bodens. Die Forschungskunst untersucht nicht Realität gegen Unwirklichkeit, sondern unterschiedliche Wirklichkeitsweisen und ihre Rangverwechslung.
Dingselektion bezeichnet die Operation, aus einem Beziehungszusammenhang ein Ding herauszulösen, es zu benennen, zu besitzen, zu bewerten und verfügbar zu machen. Diese Operation ermöglicht Orientierung und Technik, erzeugt aber zugleich Lochprozesse. Das Ding erscheint selbstständig, während seine Entstehungs-, Arbeits- und Stoffzusammenhänge unsichtbar werden.
Daraus entstanden drei Repräsentationsmechanismen. Bildnerische Repräsentation erzeugt Abbild und Vergegenständlichung. Darstellerische Repräsentation zeigt den Unterschied zwischen Darsteller und Rolle. Die Dingrepräsentation eignet sich Wirklichkeit über ausgewählte und geordnete Gegenstände an. Das So-Heits-Atelier muss alle drei Verfahren sichtbar und vergleichbar machen.
Sprach- und kulturgeschichtliche Kalibrierung
Die Beschäftigung mit griechischen Begriffen entstand aus der Suche nach einem Kunstverständnis, in dem Wissen, Können, Maß und öffentliche Bewährung noch enger verbunden erscheinen.
Technē bezeichnet Kunstfertigkeit, Handwerk, Können und methodisches Hervorbringen. Metron bezeichnet Maß. Symmetria bedeutet Zusammenmaß, Angemessenheit oder Proportion und nicht nur spiegelbildliche Gleichheit. Symbolon bezeichnete unter anderem ein Erkennungszeichen, dessen Teile zusammengefügt werden mussten. Krisis bezeichnet Unterscheidung, Urteil und Entscheidung. Ergon bezeichnet Werk oder Tätigkeit, energeia Wirksamkeit beziehungsweise Tätigsein und entelecheia die Verwirklichung einer Möglichkeit.
Polis, koinonia und paideia verbinden den einzelnen Menschen mit politischer Gemeinschaft, Teilhabe und Bildung. Idiotes bezeichnete ursprünglich einen privaten, nicht an öffentlichen Angelegenheiten beteiligten Menschen; daraus entwickelte sich erst später die heutige abwertende Bedeutung.
Diese Begriffe bilden keine fertige historische So-Heits-Gesellschaft. Sie eröffnen sprachliche Vergleichsräume. Etymologie beweist keine philosophische Wahrheit. Sie zeigt, welche Bedeutungsfelder in späteren Übersetzungen enger, weiter oder anders geordnet wurden.
Auch Vergleiche mit hebräischen, arabischen und Sanskrit-Begriffen wurden aufgenommen. Im Hebräischen kann ḥokhmah neben Weisheit auch Kunstfertigkeit bezeichnen; melakha bezeichnet Arbeit oder Werk. Im Arabischen stehen unter anderem ṣināʿa für Handwerk und Herstellung, fann für Kunst oder Fach und ʿilm für Wissen. In Sanskrit-Traditionen bezeichnen śilpa und kalā unterschiedliche Formen von Kunst, Handwerk und Fertigkeit, vidyā Wissen und Kenntnis.
Diese Begriffe dürfen weder gleichgesetzt noch als gemeinsame Wortabstammung behandelt werden. „Indisch“ ist zudem keine einzelne Sprache. Die Untersuchung muss konkrete Sprach- und Überlieferungstraditionen benennen.
Das lateinische ars umfasste Kunst, Können, Handwerk und Methode; scientia bezeichnete Wissen. Im Englischen und Deutschen verengten und spezialisierten sich Kunst, art, craft, technology, science und Wissenschaft unterschiedlich. Die moderne institutionelle Trennung darf daher nicht rückwirkend als immer schon gegebene Ordnung behandelt werden.
Auch die Verbindung von Kunde und kundig ist sprachgeschichtlich interessant. Aus ihr lässt sich jedoch nicht unmittelbar die normative Forderung ableiten, jeder heutige Kunde müsse wirklich kundig sein. Als Begriffshandwerk kann die Verwandtschaft aber die heutige Passivität der Konsumentenrolle irritieren.
Offen ist, wie diese Sprachvergleiche quellenkritisch gesichert und zugleich für Besucher verständlich gemacht werden können. Benötigt werden kurze Wortgeschichten, Originalschreibweisen, historische Bedeutungsfelder, moderne Verschiebungen und ein ausdrücklicher Hinweis, wo die künstlerische Interpretation beginnt.
Vom Drei-Welten-Modell zum Vier-Ebenen-Modell
Das Vier-Ebenen-Modell entstand aus der Korrektur älterer Dreiteilungen. Es soll nicht vier getrennte Welten behaupten, sondern vier Prüfperspektiven auf denselben Plexus bereitstellen.
E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Ebene: Raum, Zeit, Masse, Energie, Schwerkraft, Temperatur, Druck, Material, Wasser, Boden, Atmosphäre, Kräfte und Bruch. Diese Bedingungen können beschrieben und technisch genutzt, aber nicht durch gesellschaftliche Beschlüsse aufgehoben werden.
E2 bezeichnet die lebendige und organismische Ebene: Stoffwechsel, Membran, Atmung, Ernährung, Regeneration, Schmerz, Schlaf, Fortpflanzung, Beziehung und Verletzbarkeit. Hier wird der Mensch als plastisches Ich, Kopplungswesen und Organismus untersucht.
E3 bezeichnet die Symbol-, Rollen-, Technik- und Geltungsebene: Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Institution, Status, Religion, Identität, technische Systeme und gesellschaftliche Erzählungen. Technik besitzt selbstverständlich materielle Bestandteile in E1; als menschlich entworfenes Funktions- und Verfügungssystem gehört sie zugleich in E3. Die Ebenen sind Perspektiven, keine exklusiven Ablagefächer.
E4 bezeichnet die öffentliche Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene. Sie untersucht, welche Folgen die Hervorbringungen von E3 für E1 und E2 erzeugen und wie diese Folgen sichtbar gemacht, bewertet und korrigiert werden können.
E4 darf nicht wie eine übergeordnete Behörde verstanden werden, die selbst außerhalb der Prüfung steht. Sie ist ein Verfahren. Auch ihre Maßstäbe, Institutionen und Entscheidungen müssen revidierbar bleiben.
Das Modell besitzt eine klare methodische Funktion. Eine Behauptung wird nicht nur in ihrer eigenen Begriffswelt beurteilt. Es wird gefragt, welche Materialien sie benötigt, welche Organismen betroffen sind, welche symbolischen Zuschreibungen wirken und welche öffentliche Rückkopplung vorhanden ist.
Offen bleiben Grenzfälle. Wo wird psychisches Erleben eingeordnet? Es ist organismisch in E2, sprachlich und rollengeprägt in E3. Wo befindet sich ein technisches Gerät? Materiell in E1, funktional und gesellschaftlich in E3. Gerade diese Mehrfachzugehörigkeit spricht für das Plexusmodell und gegen starre Kategorien.
Die Lücke des Nichtwissens und epistemische Demut
Die Forschung begann mit der Überzeugung, der Mensch müsse mehr wissen und genauer prüfen. Später wurde deutlich, dass vollständiges Wissen unmöglich bleibt. Jede Wahrnehmung arbeitet mit Filtern, jede Disziplin mit Auswahlverfahren und jede Darstellung mit Ausschnitten.
Die Lücke des Nichtwissens ist deshalb nicht nur ein Defizit. Sie kann zum offenen Lernraum werden. Gefährlich wird sie, wenn Nichtwissen verdeckt, verleugnet oder durch ein Statement ersetzt wird.
Epistemische Demut bedeutet nicht Passivität. Sie verlangt, Hypothesen als Hypothesen zu kennzeichnen, Gegenbeispiele zuzulassen, Folgen zu beobachten und Entscheidungen revidierbar zu halten. Das „Nichtwissen“ wird damit vom Lochprozess unterschieden. Die offene Lücke kann Lernen ermöglichen; das verdeckte oder institutionell produzierte Loch verhindert Rückkopplung.
Die Zielprojektion „75 Jahre – Ouvertüre der epistemischen Demut“ verbindet biografische Lebenszeit und gesellschaftliche Lernfähigkeit. Das eigene Lebenswerk soll nicht als abgeschlossene Wahrheit erscheinen, sondern als öffentlich prüfbares Material.
Begriffshandwerk, Kontextanker und Prüfanker
Mit der wachsenden Materialmenge entstand das Bedürfnis nach Ankern. Kontextanker sichern die begriffliche Gesamtstruktur. Werkanker verbinden die Begriffe mit datierten Arbeiten, Dokumenten und Erfahrungen. Positionsanker verorten die Forschungskunst gegenüber Philosophie, Wissenschaft, Kunstgeschichte und gesellschaftlichen Institutionen. Der Mitmachbuchanker beschreibt die Übersetzung in eine Benutzerhandlung. Der So-Heits-Atelier-Anker ordnet die räumliche und öffentliche Anwendung.
Diese Anker sind keine weiteren Theorien. Sie sollen verhindern, dass zentrale Differenzierungen bei jeder neuen Textfassung verlorengehen. Gleichzeitig entstand durch zahlreiche Versionen das Problem, dass derselbe Gedanke unter verschiedenen Ankern mehrfach formuliert wurde.
Begriffshandwerk bezeichnet deshalb die bewusste Prüfung jedes zentralen Wortes. Was bezeichnet der Begriff? Auf welcher Ebene gilt er? Ist er historisch belegt, wissenschaftlich anschlussfähig, metaphorisch oder projektiv? Womit darf er nicht verwechselt werden? Welche Tätigkeit ermöglicht er?
Ein Prüfanker ist kein starrer Mechanismus. Der ältere Ausdruck „Prüfmechanismus“ wurde zunehmend durch „Prüfoperator“ ergänzt, weil ein Mechanismus einen festgelegten Ablauf suggeriert. Ein Operator ist eine anwendbare Frage- oder Vergleichsform, deren Ergebnis offenbleibt.
Tragwirklichkeit, Körperorganismus, 24-Stunden-Uhr, Funktionieren und Nichtfunktionieren, 51:49, E1 bis E4, Tätigkeits- beziehungsweise Abhängigkeitskonsequenzen und öffentliche Revision bilden gemeinsam die wichtigsten Prüfanker.
24-Stunden-Uhr und planetarische Kalibrierung
Die 24-Stunden-Uhr übersetzt die Erdgeschichte in einen anschaulichen Vergleichsmaßstab. Die wissenschaftliche Grundlage ist das ungefähre Alter der Erde. Die genaue Position von Homo sapiens, Holozän, Industrialisierung und „Great Acceleration“ hängt von den gewählten Datierungen ab.
Die im Chat verwendeten Größenordnungen von ungefähr sechs Sekunden für Homo sapiens, Bruchteilen einer Sekunde für das Holozän, wenigen Tausendstelsekunden für die Industrialisierung und einem noch kleineren Anteil für die Great Acceleration sind modellhafte Umrechnungen. Sie sind keine allgemein festgeschriebene geologische Uhr und müssen in einer Veröffentlichung transparent berechnet werden.
Ihre künstlerische Funktion ist eindeutig: Der Mensch erscheint als Millisekundenwesen gegenüber einer fast vierundzwanzigstündigen planetarischen Entstehungsgeschichte. Die Hybris liegt nicht in seiner zeitlichen Kürze, sondern darin, dass er seine kurzfristigen Symbol-, Eigentums- und Verwertungsordnungen für grundlegender hält als die Bedingungen, aus denen sein Organismus hervorgegangen ist.
Das Bild „Das Instrument hält sich für den Dirigenten“ verdichtet diesen Widerspruch. Es ist eine Metapher, keine naturwissenschaftliche Aussage. Die Zielprojektion besteht darin, sämtliche menschlichen Zukunftsentwürfe zuerst an dieser planetarischen Größenordnung zu kalibrieren.
50:50, 51:49 und 1:99
50:50 bezeichnet in der Forschungskunst nicht jede Form von Gleichheit. Es bezeichnet den Symmetriedualismus, der zwei Seiten als spiegelgleich und voneinander getrennt behandelt. In gesellschaftlichen Zusammenhängen kann diese formale Gleichheit reale Abhängigkeiten verdecken.
51:49 bezeichnet die minimale Differenz, durch die Bewegung, Rückkopplung und Korrektur möglich bleiben. Der Begriff entwickelte sich von einer zunächst stark naturgesetzlich klingenden Behauptung zu einem plastischen Prüfoperator. Diese Korrektur ist unverzichtbar. 51:49 darf nicht als universelle Prozentverteilung in Organismen oder Ökosystemen behauptet werden.
1:99 bezeichnet die Drift von formaler Gleichheit zu tatsächlicher Machtkonzentration. Zwei Marktteilnehmer können formal als gleich erscheinen, obwohl einer Eigentum, Kapital, Information und institutionelle Macht besitzt und der andere existenziell abhängig ist.
Auch 1:99 ist keine feste empirische Statistik. Es ist ein Richtungsmodell für die Konzentration von Ressourcen und Verfügungsmacht. Soll es mit realen Vermögens- oder Eigentumsdaten verbunden werden, müssen konkrete Quellen, Zeiträume und Bezugsgrößen angegeben werden.
Die drei Zahlen bilden zusammen eine Prüfbewegung. 50:50 untersucht die starre oder scheinbare Gleichheit, 51:49 die kleinste plastische Differenz und 1:99 die mögliche Herrschaftsdrift. Offen ist, wie dieser Zusammenhang grafisch so dargestellt werden kann, dass er nicht wie eine unbelegte mathematische Theorie erscheint.
Künstlerische Prüfobjekte als Erkenntnisträger
Die Forschungskunst arbeitet nicht nur mit Begriffen. Ihre stärkste Beweisführung liegt in Objekten, Situationen und Tätigkeiten, an denen ein Widerspruch erfahrbar wird.
Das Wellenbecken, der Biberdamm und die Deichprofile prüfen das Verhältnis von Vorstellung, Strömung, Widerstand und Anpassung. Das asymmetrische Auto stellt die Gleichsetzung von Symmetrie und Funktion infrage. Das Auto als Tötungsinstrument unterscheidet technische Funktionsfähigkeit von gesellschaftlicher Tragfähigkeit.
Die Malbücher und Vorgabebilder prüfen das Verhältnis von Vorgabe, Gehorsam und eigener Spur. Der Rote Punkt verbindet individuelle Interessen und mögliche Gesprächspartner. Frage-und-Antwort-Tische übertragen die individuelle Wahrnehmung in einen öffentlichen Vergleichsraum.
Schultafel und Goldauftrag prüfen Löschbarkeit, Korrektur und den höheren Geltungsanspruch einer unveränderlichen Idee. Der Stuhl mit Schultafelfarbe verbindet Demokratie, Gebrauch, Körper, Löschung und neue Einschreibung.
Der Quadratmeter Eigentum vergegenständlicht, dass Eigentum eine gesellschaftliche Zuschreibung ist, die sich auf eine vorausliegende physikalische und biologische Wirklichkeit legt. „Natur ist der erste Eigentümer – Natur fordert Eigenbedarf“ ist eine künstlerische Umkehrung der Eigentumsgrammatik, kein juristischer Sachverhalt.
Die Kartoffel-Trilogie und die vergoldete Kartoffel verbinden Nahrung, Boden, Preis, symbolische Aufwertung und Verwertung. Die Kartoffel bleibt ein lebendiger beziehungsweise organischer Zusammenhang, während Gold und Preis ihr eine gesellschaftliche Wertschicht hinzufügen.
Der Gordische Knoten untersucht die Neigung, einen komplexen Beziehungszusammenhang durch einen einzigen gewaltsamen Schnitt zu lösen. Der Schnitt beseitigt das sichtbare Problem, zerstört aber möglicherweise die Beziehungen, die verstanden werden müssten.
Geburtshöhle, Omphalos, Labyrinth und Ariadnefaden untersuchen Herkunft, Abhängigkeit und Orientierung. Der gläserne Astronaut stellt dazu die technisch erzeugte Isolation gegenüber. Der Astronaut erscheint autonom, ist aber vollständig von seiner künstlichen Hülle abhängig.
Der Feuerkäfig ist eine späte Verdichtung dieses Menschenbildes. Ein Mensch im Astronautenanzug befindet sich in einem brennenden Gitterkäfig. Die Tür steht offen, dennoch verlässt er ihn nicht. Das Bild untersucht, weshalb Menschen eine erkennbare Gefährdung nicht verlassen, wenn Status, Gewohnheit, Rolle und Selbstbild an den Käfig gebunden sind.
Sandtrichter, Saftpresse und Thermosflasche wurden zu weiteren Operatorbildern. Der Sandtrichter zeigt Verschüttung, Selektion und das Verschwinden des Arbeiters oder Körpers unter abstrakten Strukturen. Die Saftpresse zeigt, wie ein komplexer Zusammenhang auf einen verwertbaren Anteil reduziert wird und ein Rest zurückbleibt. Die Thermosflasche zeigt Isolation, Schichtung und die Illusion eines vollständig abgeschlossenen Innenraums.
Das Memento-mori-Motiv fügt die Frage hinzu, was von einem Lebewesen nach vollständiger Zersetzung übrig bleibt. Die Formulierung „ein Berg von Salz“ ist eine künstlerische Verdichtung, keine naturwissenschaftlich vollständige Beschreibung. Abhängig von Organismus, Umwelt und Zersetzungsbedingungen bleiben unterschiedliche mineralische Bestandteile, Knochenminerale, Spurenelemente und möglicherweise organische Rückstände. Künstlerisch macht die Verdichtung sichtbar, dass Status, Rolle und Eigentum zerfallen, während der Körper in materielle Kreisläufe zurückkehrt.
Folien, Schablonen und die Plexus-Foliengrammatik
Die Folienarbeit entstand aus den Malbuchvorlagen, Schultafeln, Collagen und der Notwendigkeit, mehrere Wirklichkeitsebenen über demselben Ausgangsbild sichtbar zu machen. Transparente Folien werden nicht nur übereinandergelegt, um Informationen hinzuzufügen. Durch Hinzufügen und Wegnehmen verändert sich, was als Wirklichkeit erscheint.
Die Grundidee besteht darin, ein Bild nicht sofort vollständig zu erklären. Zunächst wird eine Situation gezeigt: ein Mensch mit Spaten, eine Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, ein Mensch in einer Flasche, ein Astronaut, eine Welle, ein Körper im Wasser oder ein Mensch in einem Sandtrichter. Weitere Folien legen Kräfte, Stoffströme, Rollen, Eigentumsgrenzen, Preise, Abfälle und Tätigkeitskonsequenzen darüber.
Die Folien machen damit die Filter sichtbar, die sonst unsichtbar bleiben. Eine physikalische Folie zeigt Masse, Druck, Temperatur und Kraft. Eine organismische Folie zeigt Stoffwechsel, Wärme, Verletzbarkeit und Regeneration. Eine Geltungsfolie zeigt Eigentum, Rolle, Preis, Status oder Gesetz. Eine Prüffolie zeigt offene Fragen, Folgen, Gegenbeispiele und Reparaturmöglichkeiten.
Theoretische Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und moderner Physik wurden als kulturelle Vergleichsmodelle entwickelt. Die Platon-Folie ordnet dem unveränderlichen geometrischen Ideal einen höheren Wirklichkeitsrang zu. Die Aristoteles-Folie verbindet Material, Form, Bewegung und Zielrichtung. Die Christentumsfolie untersucht die Trennung von vergänglichem Körper und aufsteigender Seele. Die Physikfolie zeigt ein Messfeld, das Masse, Kraft, Temperatur und Druck erfasst, während Organismus, Verantwortung und gesellschaftliche Folgen außerhalb des jeweiligen Messauftrags liegen können.
Diese Darstellungen sind künstlerische Schematisierungen. Sie dürfen nicht als vollständige Geschichte der Philosophie, des Christentums oder der Physik ausgegeben werden. Ihre Funktion besteht darin, unterschiedliche kulturelle Filter miteinander vergleichbar zu machen.
Die Plexus-Foliengrammatik soll daraus eine wiederverwendbare Bildsprache entwickeln. Farben, Linien, Pfeile, Schichten und Symbole müssen dabei verbindlich definiert werden. Offen sind Lesbarkeit, Barrierefreiheit, Reproduzierbarkeit, Quellenangaben und die Frage, wie viele Schichten ein Besucher sinnvoll verarbeiten kann.
Mitmachbuch als Lernweg
Das Mitmachbuch ist keine vereinfachte Einführung in eine bereits fertige Lehre. Es überträgt die Forschungskunst in eine Abfolge eigener Tätigkeiten. Der Nutzer sieht ein Bild, wählt eine Frage, legt Folien oder Schablonen darüber, verändert die Darstellung, vergleicht Ergebnisse und hält eine Korrektur fest.
Kartoffel, Wiese, Schultafel, Spaten, Astronaut und Feuerkäfig eignen sich als Einstiegsobjekte, weil sie ohne lange theoretische Vorbereitung wahrgenommen werden können. Erst aus der eigenen Beobachtung sollen Begriffe wie Eigentum, Tragwirklichkeit, Skulpturidentität oder Abhängigkeitskonsequenz entstehen.
Das Buch verbindet individuelles und gemeinsames Lernen. Jeder Nutzer stellt eine eigene Spur zusammen. Diese Spur kann mit anderen Bearbeitungen derselben Vorlage verglichen werden. Damit wird die Methode der frühen Erwachsenenmalbücher digital und begrifflich erweitert.
Die geplanten ungefähr hundert Bücher und zahlreichen Collagenbände bilden ein umfangreiches Werkarchiv. Für das Mitmachbuch müssen sie jedoch kuratorisch reduziert werden. Nicht die Menge des Materials, sondern die nachvollziehbare Folge von Frage, Tätigkeit, Gegenüberstellung und Korrektur entscheidet über die Benutzbarkeit.
Das Mitmachbuch benötigt einen eigenen Anker, weil es weder bloß Werkarchiv noch So-Heits-Atelier ist. Sein Anker muss festlegen, wie ein Nutzer beginnt, welche Freiheit er besitzt, wie sein Ergebnis gespeichert wird, welche Quellen sichtbar sind und wie Revision funktioniert.
Offen bleibt, wie aus einer individuellen Erkenntnis eine überprüfbare öffentliche Aussage wird. Benötigt werden Einwilligung, Urheberschaft, Datenschutz, Moderation, Versionierung und die Möglichkeit, Beiträge später zurückzunehmen oder zu korrigieren.
Mensch und künstliche Intelligenz als kontrollierter Vergleich
Die KI wurde zunächst als Werkzeug zur Strukturierung einer kaum noch überschaubaren Materialmenge genutzt. Wegen Legasthenie, ADHS und der Schwierigkeit, jahrzehntelang entstandene Gedanken sprachlich zu ordnen, erhielt sie zugleich eine konkrete biografische Funktion als Schreib-, Korrektur- und Verbindungshilfe.
Später wurde sie selbst zum Gegenstand der Forschungskunst. Ein Mensch und eine künstliche Intelligenz bearbeiten dieselbe Frage auf Grundlage desselben Materials. Beide Ergebnisse werden auf Auslassungen, Begriffsverschiebungen, Widersprüche und unbelegte Behauptungen geprüft.
Die methodische Korrektur besteht darin, KI weder als allwissende Instanz noch nur als fehlerhafte Maschine zu behandeln. Auch der Mensch arbeitet mit Filtern, Erinnerungsfehlern, Rollen und Interessen. Der kontrollierte Vergleich kann Begrenzungen auf beiden Seiten sichtbar machen.
Der Körper bleibt dennoch ein grundlegender Unterschied. KI besitzt keinen eigenen Stoffwechsel, kein Schmerz- und Schlafbedürfnis und trägt die materiellen Folgen ihrer Aussagen nicht wie ein menschlicher Organismus. Sie verarbeitet Zeichen und Daten, ohne selbst in derselben Weise Teil der Verletzungswelt zu sein.
Die zunehmende Gestaltungsmacht von KI eröffnet weitere Fragen. Wenn sie Verwaltung, Wissen, Eigentum, Bilder und Entscheidungen prägt, kann eine neue technische Parallelwelt entstehen. Offen sind Eigentum, öffentliche Kontrolle, Energieverbrauch, Machtkonzentration, Missbrauch, staatliche oder gemeinwohlorientierte Regulierung und die Frage, wer für Abhängigkeitskonsequenzen verantwortlich bleibt.
Globale Schwarm-Intelligenz als öffentliche Prüfarchitektur
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist keine bereits vorhandene kollektive Superintelligenz. Sie ist eine Aufgabe und eine Arbeitsform. Begrenzte Wahrnehmungen sollen so verbunden werden, dass Widerspruch, Quellenprüfung, Revision und gemeinsame Lernfähigkeit entstehen.
Die Plattform führt die Werkgeschichte von Bienenbeobachtung, Malbüchern, Tausend-Menschen-Methode, Frage-und-Antwort-Tischen, Globalem Dorffest und Partizipatorischem Welttheater weiter.
Ihre heutige Zielprojektion ist ein öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von Kunst und KI trainiert und geprüft werden kann. „Zivilisationsfähigkeit“ darf dabei nicht nur ein Schlagwort bleiben. Sie müsste an der Fähigkeit erkennbar werden, Abhängigkeiten wahrzunehmen, Folgen zuzuordnen, Gegenbeispiele zuzulassen, Schäden zu korrigieren und irreversible Eingriffe zu vermeiden.
Die Plattform benötigt dafür mehr als Verknüpfungen. Jede Aussage braucht Herkunft, Status, Datum und Revision. Unterschiedliche Sprachfassungen müssen auf Übersetzungsverluste geprüft werden. Gegenpositionen dürfen nicht als Störung entfernt werden. KI-Verdichtungen müssen als solche markiert bleiben.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist daher keine digitale Antwortmaschine. Sie soll die Herkunft und Veränderung von Antworten sichtbar machen. Ihre höchste Leistung wäre nicht die endgültige Lösung, sondern die Fähigkeit, den eigenen Irrtum öffentlich zu erkennen und zu korrigieren.
So-Heits-Gesellschaft als Zielprojektion
Die So-Heits-Gesellschaft entstand als Gegenmodell zur Knipser-Pfuscher-Existenz, zur Statement-Gesellschaft und zur Skulpturidentität. Sie ist keine fertige Utopie und kein neues gesellschaftliches Dogma.
So-Heit bezeichnet in diesem Werkzusammenhang die Rückbindung an das, was ein Mensch, Gegenstand oder Lebenszusammenhang in seinen Eigenschaften, Bedürfnissen und Abhängigkeiten ist, bevor ihm Preis, Rolle, Status und Eigentum zugeschrieben werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist eine Technē-Welt, in der Wissen, Können, Herstellen, Prüfen und Verantwortung wieder verbunden werden. Jeder Mensch soll nicht zum Wissenschaftler im institutionellen Sinn, sondern zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden.
Das bedeutet, Vorstellungen als Modelle zu behandeln, sie zu vergegenständlichen, praktisch zu erproben und an ihren Folgen zu prüfen. Auch die So-Heits-Gesellschaft selbst muss diesem Verfahren unterliegen. Sobald sie als unangreifbare richtige Gesellschaft behauptet würde, verwandelte sie sich in eine neue Skulpturidentität.
Ihre Zielprojektion ist eine Rückkopplungszivilisation. Gesellschaftliche Regeln werden nicht erst nach der Katastrophe, sondern fortlaufend auf Tragfähigkeit, Kipppunkte und ausgelagerte Schäden geprüft.
Offen bleibt, wie diese Prüfhaltung in Recht, Wirtschaft, Bildung und Politik institutionell wirksam werden kann. Das Atelier kann Erfahrung ermöglichen, aber nicht allein gesellschaftliche Machtverhältnisse verändern. Es benötigt Übergänge zu öffentlichen Entscheidungen, Verantwortlichkeiten und überprüfbaren Reparaturverfahren.
Das So-Heits-Atelier als räumliche Anwendung
Das So-Heits-Atelier übersetzt die gesamte Forschung in eine begehbare Arbeitsform. Es ist keine Retrospektive im üblichen Sinn und keine Ansammlung beliebiger Workshops. Historische Werkspur, funktionsfähiges Prüfobjekt, Besucherhandlung und digitale Rückkopplung müssen an jeder Station miteinander verbunden sein.
Die Besucherdramaturgie beginnt in der Kauf-, Verkaufs-, Rollen- und Statement-Welt. Der Besucher kommt nicht als unbeschriebenes Blatt. Er bringt Preisvorstellungen, Eigentumsgewohnheiten, Rollenidentitäten und Erwartungen an eine Kunstausstellung mit.
Das Fußgängermalbuch und der Rote Punkt bilden den Eintritt. Der Besucher markiert, mit welchem Interesse er sich beschäftigen möchte, und kann Menschen mit verwandten oder entgegengesetzten Fragen finden. Der Punkt stellt keine Bewertung dar, sondern eine sichtbare Bereitschaft zur Verortung.
Im Vorgabenatelier arbeitet er mit Malbüchern, Krickel-Krakel, Schablonen und Folien. Er erfährt, wie er auf Regeln reagiert. Im Wasserlabor baut er Widerstände und erlebt, dass Material auf seine Vorstellung antwortet. Im Passungsatelier misst, verbindet, formt, belastet und repariert er. Im Rollenatelier wechselt er gesellschaftliche Positionen. An Frage-und-Antwort-Tischen verbindet er seine Erfahrung mit anderen Wahrnehmungen. In der digitalen Station vergleicht er seine Antwort mit einer KI-Auswertung und fügt seine Spur dem Mitmachbuch hinzu.
Schultafel, Stuhl, Kartoffel, Quadratmeter Eigentum, Gordischer Knoten, gläserner Astronaut, Feuerkäfig, Strömungsbecken und Geburtshöhle bilden keine Dekoration. Jedes Objekt besitzt eine bestimmte Prüffunktion.
Die 23:59-Welt der planetarischen Entstehungsbedingungen soll dabei nicht als harmonische Naturidylle erscheinen. Beute, Konkurrenz, Krankheit und Tod gehören ebenfalls zum Leben. Der Unterschied liegt darin, dass natürliche und organismische Prozesse nicht durch menschliche Preise und Geltungsbehauptungen außer Kraft gesetzt werden können.
Der Besucher soll deshalb nicht zu einer fertigen richtigen Ansicht bekehrt werden. Er soll erleben, wie seine Vorstellung auf Widerstand trifft und wie daraus eine eigene Frage entsteht. Die entscheidende neue Gewohnheit ist nicht Zustimmung, sondern prüfbare Rückkopplung.
Die Aussage „Die documenta 16 hat bereits begonnen“ ist in diesem Zusammenhang eine künstlerische Setzung. Gemeint ist, dass die Arbeit, die Auswahl, die Collagen, die Besucherfragen und die Verortung nicht erst mit der Ausstellungseröffnung beginnen. Sie ist keine institutionelle Behauptung, die documenta habe das Projekt bereits angenommen.
Die documenta als Verortungskunst
Die documenta wurde im Forschungsprozess nicht nur als möglicher Ausstellungsort, sondern als Verortungskunst verstanden. Sie kann neue künstlerische Gedanken, Werkformen und Erkenntnismöglichkeiten in einen internationalen Diskurs einführen. Gleichzeitig besitzt sie Merkmale eines zeitlich begrenzten Großereignisses.
Daraus entstand die Frage, ob die documenta Eventkunst oder eine zeitlich begrenzte, kollektive und opus-magnumartige Verortungskunst ist. „Opus Magnum“ ist dabei keine offizielle Selbstbezeichnung der documenta, sondern eine künstlerische Interpretation ihrer möglichen Gesamtfunktion.
Die acht Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 bilden eine chronistische Werkspur. Jede Bewerbung markiert eine Entwicklungsstufe von Experimenteller Umweltgestaltung, Malbüchern und Rezeptionskunst über So-Heits-Gesellschaft und Partizipatorisches Welttheater bis zur Globalen Schwarm-Intelligenz.
Die documenta 16 wird zum konkreten Prüf- und Zielraum des So-Heits-Ateliers. Ihre Bedeutung liegt nicht nur in Anerkennung oder Ausstellungsteilnahme. Sie stellt die Frage, ob eine Institution bereit ist, ein bislang kaum verortetes Lebenswerk nicht nur zu zeigen, sondern seine Prüfverfahren auf Kunst, Publikum und Institution selbst anzuwenden.
Die offene kuratorische Frage lautet, wie umfangreich das Werk tatsächlich gezeigt werden kann. Das gesamte Archiv würde eine documenta innerhalb der documenta erzeugen. Benötigt wird eine begrenzte Auswahl von Schlüsselobjekten, an denen die Gesamtentwicklung nachvollziehbar und praktisch anwendbar wird.
Wissenschaftlich belegbare Grundlagen und künstlerische Hypothesen
Wissenschaftlich breit belegbar ist, dass der menschliche Organismus von Luft, Wasser, Nahrung, Temperatur, Stoffwechsel, Schlaf und sozialen Beziehungen abhängig ist. Belegbar sind Homöostase, Osmose, Membranfunktion, evolutionäre Anpassung, ökologische Rückkopplungen, endliche Ressourcen und die enorme zeitliche Differenz zwischen Erdgeschichte und Industriegesellschaft.
Historisch belegbar sind die Bedeutungsfelder vieler griechischer Begriffe, McLuhans Begriff des globalen Dorfes und die Freigabe der WWW-Software durch CERN am 30. April 1993. Biografische Projekte und Daten müssen durch Fenners Werkarchiv, Presse, Briefe und institutionelle Dokumente nachgewiesen werden.
Nicht wissenschaftlich bewiesen, sondern Modelle der Forschungskunst sind 51:49 als plastische Minimalasymmetrie, 50:50 als Symmetriedualismus, 1:99 als Herrschaftsdrift, Tragwirklichkeit als oberster gesellschaftlicher Prüfmaßstab, Skulpturidentität, Lochprozess, Homo Speculans, Plastischer Homo Resonans und die Referenzwissenschaft 51:49.
Der Begriff „Referenzwissenschaft“ ist dabei missverständlich, weil er eine institutionell oder methodisch etablierte Wissenschaft vermuten lässt. Präziser wäre „künstlerisches Referenzverfahren 51:49“ oder „Referenzprüfung 51:49“.
Hypothetisch und projektiv sind So-Heits-Gesellschaft, Rückkopplungszivilisation, Menschlicher TÜV, öffentlicher Simulator und Globale Schwarm-Intelligenz. Ihre Qualität entscheidet sich nicht daran, ob sie bereits anerkannt sind, sondern daran, ob sie in Versuchsanordnungen nachvollziehbare Fragen, Erfahrungen und Korrekturen ermöglichen.
Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes
Die Gesamtarchitektur besitzt eine chronologische, eine systematische und eine öffentliche Achse.
Chronologisch führt der Weg von Naturbeobachtung und Spurensicherung über handwerkliche Passung, fotografische Auswahl und Werbekonstruktion zur Experimentellen Umweltgestaltung. Aus Wasser- und Materialversuchen entstehen Vorgabebilder, Malbücher und Rezipientenarbeit. Daraus entwickeln sich Rollenlabor, Demokratiewerkstätten, Tausend Tische, Partizipatorisches Welttheater, Mitmachbuch, KI-Vergleich und Globale Schwarm-Intelligenz.
Systematisch beginnt die Architektur mit E1, der physikalisch-chemischen Grundlage. E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel und plastisches Ich. E3 umfasst Symbole, Rollen, Technik, Eigentum und Geltung. E4 prüft die Folgen von E3 für E1 und E2 und stellt öffentliche Rückkopplung und Reparatur her.
Zwischen den Ebenen wirken Dingselektion und Lochprozesse. Gegenüberstellung, Materialwiderstand und Erfahrung öffnen Lernräume. 51:49 hält die minimale Differenz für Bewegung und Korrektur offen. Tragwirklichkeit bildet den leitenden Referenzbegriff.
Die künstlerischen Objekte verbinden die chronologische und die systematische Achse. Sie sind historische Werke, anschauliche Modelle und gegenwärtig verwendbare Prüfoperatoren zugleich. Folien und Schablonen machen unsichtbare Ebenen sichtbar. Das Mitmachbuch überträgt die Prüfung in eine individuelle Spur. Die Tausend Tische und die Globale Schwarm-Intelligenz verbinden individuelle Spuren zu einer öffentlichen Prüfarchitektur.
Die So-Heits-Gesellschaft bildet die gesellschaftliche Zielprojektion. Das So-Heits-Atelier bildet ihre räumliche Versuchsanordnung. Die documenta bildet den möglichen öffentlichen Verortungsraum.
In einer verdichteten Formel lautet die Architektur: Der Mensch bringt aus einer Vorstellung eine Tätigkeit hervor; die Tätigkeit trifft auf eine vorausliegende Plexus- und Tragwirklichkeit; daraus entstehen Abhängigkeitskonsequenzen; Forschungskunst macht Vorstellung, Tätigkeit und Folge gemeinsam sichtbar; öffentliche Rückkopplung ermöglicht Korrektur, Reparatur und neues Lernen.
Doppelungen und begriffliche Unklarheiten
Die größte Doppelung besteht zwischen Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit. Tragwirklichkeit sollte der Hauptbegriff bleiben; Plexuswirklichkeit erklärt ihre verflochtene Struktur.
Kopplungs-Ich, plastisches Ich, Tragwesen und Plastischer Homo Resonans überlagern sich. Das plastische Ich eignet sich als Hauptbegriff. Kopplungs-Ich beschreibt seine körperliche Bindung, Tragwesen seine gesellschaftliche Fähigkeit und Homo Resonans die Zielprojektion.
Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Homo Speculans sollten ebenfalls geordnet werden. Geltungs-Ich bezeichnet die gesellschaftliche Funktion, Skulpturidentität ihre Verfestigung und Homo Speculans ihre kulturkritische Extremform.
Verletzungswelt und Unverletzungswelt überschneiden sich mit E1 bis E3. Die älteren Begriffe sollten als werkgeschichtliche Vorstufe erhalten, das Vier-Ebenen-Modell aber als aktuelle Hauptgrammatik verwendet werden.
Kontrolle, Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur dürfen nicht synonym verwendet werden. Kontrolle stellt einen Zustand fest, Vergleich erzeugt eine Differenz, Prüfung bezieht die Differenz auf einen Maßstab, Rückkopplung führt das Ergebnis in die Tätigkeit zurück, Korrektur verändert die Tätigkeit und Reparatur versucht einen entstandenen Schaden zu bearbeiten.
„Tätigkeitskonsequenz“ und „Abhängigkeitskonsequenz“ können verbunden werden. Tätigkeitskonsequenz bezeichnet, was eine Handlung hervorbringt. Abhängigkeitskonsequenz präzisiert, welche tragenden Beziehungen dadurch betroffen sind.
„Mechanismus“ sollte nur für tatsächlich festgelegte Abläufe verwendet werden. Für künstlerische Fragen, Modelle und Vergleichsformen ist „Prüfoperator“ genauer.
„Forschungskunst“ muss als künstlerischer Werk- und Erkenntnisprozess definiert werden. Sie ist weder Wissenschaftsersatz noch Kunst, die sich lediglich wissenschaftlicher Bilder bedient. Ihr besonderes Verfahren besteht darin, Vorstellungen zu vergegenständlichen und an Material, Körper, Beteiligung und Folgen zu prüfen.
Mögliche Vereinfachungen
Die Gesamtarchitektur kann auf wenige verbindliche Hauptbegriffe konzentriert werden. Tragwirklichkeit bezeichnet den obersten Referenzbezug. Das Vier-Ebenen-Modell ordnet die Prüfperspektiven. Das plastische Ich bezeichnet den rückkopplungsfähigen Menschen. Skulpturidentität bezeichnet die Verfestigung in Rollen und Zuschreibungen. 51:49 bezeichnet die minimale plastische Differenz. Lochprozess bezeichnet die Herstellung fehlender Beziehungen. Forschungskunst bezeichnet das Verfahren der Vergegenständlichung und Prüfung. So-Heits-Atelier bezeichnet die öffentliche Anwendung. Globale Schwarm-Intelligenz bezeichnet die digitale Verknüpfung und Revision.
Starke Metaphern wie Bastardkonstruktion, geistiger Krebs, Selbstparasitismus, menschlicher TÜV und Pfuscher besitzen eine hohe Bildkraft, können aber die sachliche Argumentation überlagern. Sie sollten als künstlerische Diagnose- oder Vermittlungsbilder verwendet werden, nicht als gleichrangige wissenschaftliche Hauptbegriffe.
Auch die Zahl der Objekte muss reduziert werden. Für den tragenden Atelierweg reichen als Hauptstationen Roter Punkt und Vorgabebild, Wellenbecken und Biberdamm, Schultafel und Goldauftrag, Passungsobjekt und asymmetrisches Auto, Rollenbühne, Eigentums- beziehungsweise Kartoffelobjekt, Astronaut oder Feuerkäfig, Frage-und-Antwort-Tisch sowie digitale KI-Prüfung. Weitere Werke bilden vertiefende Archivspuren.
Noch fehlende Verbindungen und offene Forschungsfragen
Die wichtigste fehlende Verbindung liegt zwischen individueller Ateliererfahrung und gesellschaftlicher Entscheidung. Ein Besucher kann einen Widerspruch erkennen. Noch ist nicht ausreichend bestimmt, wie daraus eine Veränderung in Institution, Recht, Wirtschaft oder Alltag entsteht.
E4 benötigt eine genauer ausgearbeitete Legitimation. Wer prüft, nach welchen Maßstäben, mit welcher Verantwortung und welcher Einspruchsmöglichkeit? Wie wird verhindert, dass die Prüfebene selbst zu einer neuen Machtinstanz wird?
51:49 benötigt eine verbindliche Definition seines Geltungsbereiches. Es sollte geklärt werden, wann 51:49, wann 49:51 und wann andere Verhältnisse verwendet werden. Die Verbindung zu Goldenem Schnitt, Fibonacci und Pi darf nur hergestellt werden, wenn mathematische und künstlerische Bedeutung sauber getrennt bleiben.
Die 24-Stunden-Uhr benötigt eine transparente Berechnungsgrundlage. Unterschiedliche Zeitmarken müssen als gewählte Kalibrierungen und nicht als scheinbar unumstrittene Naturdaten erscheinen.
Die Sprachvergleiche benötigen fachkundige Quellen und Sprecher der jeweiligen Traditionen. Hebräische, arabische und Sanskrit-Begriffe dürfen nicht aus einer europäischen Zielvorstellung heraus zu Vorformen der So-Heits-Gesellschaft umgedeutet werden.
Die Werkgenese benötigt ein datiertes Werkverzeichnis, das zwischen Originalwerk, Rekonstruktion, späterer Interpretation und heutiger Atelierfunktion unterscheidet. Besonders die ersten Verwendungen von „Forschungskunst“, 51:49, So-Heit und anderen Kernbegriffen müssen archivalisch geklärt werden.
Die Foliengrammatik benötigt ein verbindliches visuelles System mit Legende, Farbcode, Schichtungsregeln und barrierefreien Alternativen. Sie muss mit unvorbereiteten Besuchern praktisch getestet werden.
Das Mitmachbuch benötigt einen eindeutigen Startweg, Datenschutz, Urheberschaft, Versionierung und sichtbare Korrekturgeschichte. Es muss verhindern, dass aus einer offenen Prüfung nur eine weitere Sammlung von Statements wird.
Die Globale Schwarm-Intelligenz benötigt Governance, Quellenstandard, Moderation, Übersetzung, Gegenbeispiele und langfristige technische Pflege. Ungeklärt ist, wem die Plattform, die KI-Auswertungen und die gemeinsam erzeugten Bücher gehören.
Das So-Heits-Atelier benötigt eine konkrete räumliche, personelle und finanzielle Planung. Wasserlabor, Werkstatt, Theater, Archiv und digitale Station stellen unterschiedliche Anforderungen an Sicherheit, Betreuung, Zugänglichkeit und Erhaltung.
Schließlich muss der Übergang von Wissenschaft zur Forschungskunst genauer gefasst werden. Wissenschaft stellt wichtige Daten und Einzelmodelle bereit. Forschungskunst vergegenständlicht ihre Trennungen, Anwendungsfolgen und blinden Stellen. Sie darf wissenschaftliche Erkenntnisse weder ersetzen noch bloß illustrieren. Ihre eigenständige Leistung liegt in der Herstellung öffentlicher Situationen, in denen Vorstellung, Material, Rolle, Tätigkeit und Konsequenz gemeinsam wahrnehmbar und korrigierbar werden.
Abschließende Bestimmung
Aus dem gesamten Forschungsweg ist kein abgeschlossenes philosophisches System entstanden. Entstanden ist eine repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst, die das menschliche Selbst- und Weltverhältnis als noch unfertigen Kunstwerkprozess behandelt.
Ihr Ausgangspunkt ist der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz. Ihr Referenzraum ist die Tragwirklichkeit. Ihr Menschenmodell ist das plastische Ich. Ihr Differenzialprinzip ist 51:49. Ihre Grammatik ist das Vier-Ebenen-Modell. Ihre kritische Operation ist die Sichtbarmachung von Dingselektion, Skulpturalisierung und Lochprozessen. Ihre Lernform ist die Gegenüberstellung. Ihre Methode ist Vergegenständlichung, Tätigkeit, Widerstand, Vergleich und Rückkopplung. Ihre Beweismittel sind Werk, Objekt, Material, Körper, Archiv und Beteiligung. Ihre öffentliche Form ist das So-Heits-Atelier. Ihre digitale Weiterführung ist die Globale Schwarm-Intelligenz. Ihre gesellschaftliche Zielprojektion ist die So-Heits-Gesellschaft als rückkopplungsfähige Technē-Welt.
Die Forschungskunst gibt damit keine endgültige Antwort auf die Frage, warum der Mensch seine Existenzbedingungen zerstört. Sie rekonstruiert die Bedingungen, unter denen er seine eigenen Vorstellungen für Wirklichkeit hält, die Abhängigkeiten seiner Tätigkeiten ausblendet und Rückmeldungen verliert. Zugleich stellt sie ein künstlerisches Handwerkszeug bereit, mit dem dieser Zusammenhang wahrgenommen, dargestellt, geprüft und verändert werden kann.
Gesamtrekonstruktion der Forschungskunst von Wolfgang Fenner
Arbeitsstand August 2026
Die Forschungskunst von Wolfgang Fenner ist nicht als eine zuerst formulierte Theorie entstanden, die anschließend durch Kunstwerke illustriert wurde. Sie entwickelte sich über mehr als fünf Jahrzehnte aus Naturbeobachtung, handwerklicher Ausbildung, Fotografie, Werbung, Bildhauerei, Materialversuchen, Wasser- und Strömungsforschung, gesellschaftlichen Aktionen, Theaterarbeit, Beteiligungsmodellen, Archivarbeit und der heutigen Zusammenarbeit mit künstlicher Intelligenz.
Die gegenwärtigen Begriffe bilden spätere Verdichtungen dieses Werkprozesses. Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, 51:49, Vier-Ebenen-Modell, plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier waren in den frühen Arbeiten nicht bereits als vollständig ausgearbeitete Theorie vorhanden. In den Werken lagen jedoch praktische Fragen, Erfahrungen und Prüfbewegungen, aus denen diese Begriffe später hervorgingen.
Die Rekonstruktion muss deshalb drei zeitliche Zustände auseinanderhalten. Zunächst steht die damalige Erfahrung oder Arbeit. Darauf folgt die spätere Erkenntnis, welche methodische Funktion in ihr enthalten war. Erst danach entsteht der heutige Begriff, mit dem diese Funktion beschrieben, übertragen und für neue Arbeiten verfügbar gemacht wird.
Diese Unterscheidung verhindert eine rückwirkende Überformung des Lebenswerkes. Die frühen Werke werden nicht zu Illustrationen heutiger Begriffe. Die heutigen Begriffe werden als Resultate eines langen künstlerischen Lernprozesses erkennbar.
Der Erkenntnisstatus der verwendeten Aussagen
Historisch überprüfbar sind biografische Daten, öffentliche Aktionen, Werkdaten, Bewerbungen und institutionelle Kontakte, soweit sie durch Originalwerke, Werkverzeichnisse, Briefe, Fotografien, Presseberichte, Kataloge und Archive belegt werden können. Das eigene Archiv ist eine wichtige Primärquelle, aber keine unabhängige kunsthistorische Bestätigung.
Wissenschaftlich überprüfbar sind Aussagen über Materialverhalten, Stoffwechsel, Osmose, Homöostase, Membranfunktion, Erdgeschichte, evolutionäre Anpassung und ökologische Abhängigkeiten. In einer endgültigen wissenschaftlich kommentierten Fassung benötigen diese Aussagen konkrete Fachquellen.
51:49, Skulpturidentität, Lochprozess, Tragwirklichkeit als oberster Prüfbegriff, Plastischer Homo Resonans, So-Heits-Gesellschaft und Globale Schwarm-Intelligenz sind dagegen Begriffe, Modelle oder Zielprojektionen der Forschungskunst. Sie können wissenschaftliche Erkenntnisse aufnehmen und mit ihnen verglichen werden. Sie sind aber keine bereits anerkannten Naturgesetze oder wissenschaftlichen Theorien.
Diese Statusunterscheidung ist inzwischen selbst ein Bestandteil des Begriffshandwerks. Forschungskunst wird nicht dadurch glaubwürdiger, dass sie ihre Hypothesen als Tatsachen ausgibt. Ihre besondere Stärke liegt darin, Herkunft, Geltungsbereich, Nichtwissen, Gegenbeispiele und Korrekturmöglichkeiten sichtbar zu halten.
Der biografische Forschungsgrund
Der Forschungsgrund entstand in der Kindheit in der Gegend von Ratzeburg und Einhaus. Garten, Landwirtschaft, Knicks, Moore, Wasser, Bienen, Vögel und menschliche Eingriffe in diese Lebenszusammenhänge bildeten die erste Erfahrungswelt.
Natur erschien dabei nicht nur als schöne Landschaft. Sie zeigte sich als Zusammenhang von Boden, Wasser, Pflanzen, Tieren, Jahreszeiten, Nahrung und menschlicher Tätigkeit. Veränderungen konnten nicht an einem einzelnen Augenblick erkannt werden. Sie mussten über längere Zeit beobachtet und als Spuren miteinander verglichen werden.
An den Bienenvölkern des Vaters entstand die Erfahrung, dass kein einzelnes Lebewesen das Ganze überblickt und dennoch durch Austausch, Wiederholung und Rückkopplung eine gemeinsame Orientierungsfähigkeit entstehen kann. Darin lag noch keine ausformulierte Globale Schwarm-Intelligenz. Es entstand aber ein Erfahrungsgrund, auf den die spätere Plattform zurückgreifen konnte.
Die forstwirtschaftliche Vorstellung der Nachhaltigkeit fügte einen ersten Maßstab hinzu: Es darf auf Dauer nicht mehr entnommen werden, als sich erneuern kann. Die Veröffentlichungen des Club of Rome machten Anfang der 1970er-Jahre deutlich, dass lokale Naturzerstörung Teil eines globalen Zivilisationsproblems ist.
Aus diesen Erfahrungen entwickelte sich die Leitfrage: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen, obwohl er wahrnehmen, wissen, lernen und korrigieren kann?
Diese Frage blieb über Jahrzehnte bestehen. Verändert haben sich die Begriffe, Modelle und künstlerischen Verfahren, mit denen sie untersucht wird.
Maschinenschlosserausbildung und handwerklicher Prüfmaßstab
Die Maschinenschlosserausbildung von 1965 bis 1969 brachte einen zweiten Forschungsursprung hervor. Eine Vorstellung kann im Handwerk nicht allein durch Überzeugung oder sprachliche Rechtfertigung funktionieren. Maß, Passung, Toleranz, Materialeigenschaft, Reibung, Belastung und Verschleiß entscheiden darüber, ob ein Werkstück trägt.
Das Material besitzt eine Antwortfähigkeit. Es bestätigt keine Weltanschauung, setzt der menschlichen Vorstellung aber eine Grenze. Eine Verbindung hält oder bricht. Ein Teil passt oder passt nicht. Ein Fehler kann nicht dauerhaft durch ein besseres Statement ersetzt werden.
Daraus entwickelte sich später die Formulierung: Technik lernt durch Maßstäbe. Gesellschaften, Institutionen und Wirtschaftssysteme können ihre Fehler dagegen wesentlich länger umbenennen, verwalten oder an andere Menschen, Orte und Zeiten auslagern.
Diese Gegenüberstellung musste später differenziert werden. Technik ist nicht von sich aus vernünftig oder tragfähig. Eine Maschine kann technisch hervorragend funktionieren und gleichzeitig gesellschaftlich oder ökologisch zerstörerisch wirken. Der entscheidende Unterschied besteht darin, dass die technische Einzelfunktion meist über definierte Prüfungen verfügt, während ihre körperlichen, gesellschaftlichen und planetarischen Gesamtfolgen keiner gemeinsamen Prüfebene zugeordnet sind.
Der handwerkliche Maßstab wurde deshalb nicht unverändert auf Gesellschaft übertragen. Er wurde zum Ausgangspunkt der Frage, wie auch gesellschaftliche Hervorbringungen an Materialien, Körpern, Abhängigkeiten und Folgen geprüft werden können.
Fotografie, Werbung und die Herstellung von Eigenschaften
Die Arbeit als Fotograf, Fotojournalist und Leiter einer Werbeagentur eröffnete die gegensätzliche Erfahrung. Bilder bilden Wirklichkeit nicht einfach ab. Ausschnitt, Perspektive, Licht, Auswahl, Inszenierung und Kontext erzeugen Bedeutung.
In der Werbung werden Gegenständen Eigenschaften wie Freiheit, Schönheit, Erfolg, Individualität oder Sicherheit hinzugefügt, obwohl diese Eigenschaften nicht als materielle Eigenschaften im Produkt enthalten sind.
Daraus entwickelte sich die Unterscheidung zwischen Fotografieren und Knipsen. Fotografieren setzt die Auseinandersetzung mit Medium, Gegenstand, Licht, Zeit, Ausschnitt und beabsichtigter Wirkung voraus. Der Knipser kann mithilfe des Gerätes ein Bild erzeugen, ohne diese Zusammenhänge vollständig zu beherrschen.
Die Möglichkeit eines zufällig gelungenen Bildes ersetzt nicht das Können, ein Ergebnis nachvollziehbar herzustellen, zu wiederholen, zu prüfen und zu korrigieren.
Später wurde diese Differenz auf das menschliche Selbstverständnis übertragen. Der Mensch erzeugt Bilder seiner Freiheit, Autonomie, Stärke, Eigentümerschaft und technischen Überlegenheit. Anschließend behandelt er diese Bilder so, als beschrieben sie seine tatsächliche Existenz.
Der Begriff des Knipsers ist daher keine persönliche Beschimpfung. Er bezeichnet eine Zivilisationsform, in der die Möglichkeit der Hervorbringung größer geworden ist als das Verständnis der Voraussetzungen und Folgen.
Von der Katastrophenfrage zur Experimentellen Umweltgestaltung
1972 und 1973 entstanden in Lüneburg unter anderem das Film-Musical „Die Alte Salzstraße“, ein Galerie- und Kulturbüro und die Jugendzeitung „drei mal links – liberal, lustig“.
1973/74 entwickelte Fenner in Hermannsburg eine szenische Folge zu vorausgesagten menschengemachten Katastrophen. In diesem Zusammenhang wurde ausdrücklich die Frage formuliert: „Kann Kunst die Gesellschaft verändern?“
Diese Frage enthielt noch nicht das heutige Vier-Ebenen-Modell. Sie begründete aber die Entscheidung, Kunst nicht auf die Darstellung bereits erkannter Probleme zu beschränken. Kunst sollte Situationen herstellen, in denen Wahrnehmung, Tätigkeit, Widerstand und Folge selbst untersucht werden können.
Während des Bildhauerstudiums von 1974 bis 1980 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig wurden Handwerk, Fotografie, Formbildung, Naturbeobachtung und gesellschaftliche Fragestellung miteinander verbunden.
Der 1975 begonnene und 1976 vorgestellte Ansatz der „Experimentellen Umweltgestaltung“ war ein von Fenner entwickelter integrativer Studien- und Arbeitsentwurf. Solange kein institutioneller Nachweis vorliegt, darf er nicht als offiziell eingerichteter Studiengang bezeichnet werden.
Der historische Begriff „Umwelt“ wurde damals als umfassendes Milieu verstanden. Später wurde er korrigiert, weil er den Eindruck erzeugen kann, der Mensch stehe im Mittelpunkt und alles andere bilde sein Außen. Aus dieser Kritik entwickelten sich Mitwelt, Abhängigkeitswelt, Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit.
„Experimentelle Umweltgestaltung“ bleibt die historische Werkbezeichnung. Das heutige Wirklichkeitsverständnis geht jedoch über den darin enthaltenen Umweltbegriff hinaus.
Capella-Orkan, Wellenbecken und Wassergrammatik
Der Capella-Orkan vom 3. Januar 1976 und die Beschäftigung mit Deichbrüchen, Wasserbewegung und Widerstandsformen verschärften die Strömungsforschung. Wellenbecken, Deichprofile, Biberdamm, gebogener Kiel, Exzenter und asymmetrisches Auto untersuchten, wie Formen unter wirkenden Kräften entstehen.
Die entscheidende Erfahrung lautete: Ein abgebildeter Wirbel wirbelt nicht. Eine gezeichnete Welle bewegt kein Wasser. Ein gezeichneter Kreis ist noch kein funktionierender Exzenter. Zwischen Vorstellung und funktionierendem Werk liegen Material, Herstellung, Übung, Fehler, Belastung und Korrektur.
Das Wasser antwortet auf die menschliche Konstruktion. Es sucht Wege, erzeugt Druck, transportiert Material und verändert den Widerstand. Der Mensch kann ihm nicht beliebig eine Form vorschreiben. Er muss lernen, aus der Rückmeldung des Mediums eine neue Form zu entwickeln.
Daraus entstand schrittweise eine Wassergrammatik. Sie sollte keine menschliche Sprache im Wasser behaupten. Gemeint war ein Formen- und Beziehungswissen, das sich aus Strömung, Widerstand, Umlenkung, Durchlässigkeit, Überlagerung und Rückströmung ablesen lässt.
Die spätere Verbindung zu 51:49 liegt in der Erfahrung, dass tragfähige Form nicht aus vollständiger Abdichtung und starrer Kontrolle entsteht. Sie benötigt eine minimale Offenheit, durch die Rückmeldung und Anpassung möglich bleiben.
Wissenschaftlich überprüfbar sind Strömungsmechanik, Druck, Materialtransport und die unterschiedlichen Wirkungen starrer oder durchlässiger Widerstände. Die Übertragung auf Gesellschaft, Identität und Lernen ist eine künstlerische Modellbildung.
Das künstlerische Dreieck aus Modell, Werk und Kritik
Aus der Differenz zwischen abgebildetem und tatsächlichem Wirbel entwickelte sich das künstlerische Dreieck. Am Anfang steht das Modell im Kopf: Vorstellung, Inspiration, Plan und erwartetes Ergebnis. Darauf folgt die Tätigkeit der Hände, die auf Material, Werkzeug, Zeit und Widerstand trifft. Schließlich steht das hervorgebrachte Werk als Gegenüber zur ursprünglichen Vorstellung.
Kritik bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht bloß ein nachträgliches Urteil. Sie ist die Vergleichsbewegung zwischen Modell, Tätigkeit und Werk. Sie untersucht, was sich bewährte, was scheiterte, was das Material veränderte und welche unerwarteten Folgen entstanden.
Die Lücke zwischen Modell und Werk ist damit kein bloßer Fehlerraum. Sie ist der Ort, an dem Lernen möglich wird. Ein falsches Modell kann ein nicht tragfähiges Werk hervorbringen. Ein widerständiges Material kann aber auch das Modell korrigieren.
Diese Struktur wurde später auf gesellschaftliche Systeme übertragen. Eine politische oder wirtschaftliche Vorstellung ist zunächst ein Modell. Ihre Umsetzung erzeugt Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Eine funktionierende Prüfkultur müsste diese Konsequenzen zum Ausgangspunkt der Korrektur machen.
Offen bleibt, wie ein gesellschaftliches Werk abgegrenzt werden kann. Anders als ein Werkstück besitzt es keine eindeutige Fertigstellung. Deshalb muss Kritik hier als fortlaufende öffentliche Rückkopplung verstanden werden.
Malbücher, Krickel-Krakel und Vorgabebilder
Zwischen etwa 1976 und 1978 entstanden Erwachsenenmalbuch, Telefonmalbuch, Autobahnmalbuch, Fußgängermalbuch beziehungsweise Laberello, Studio-Malbuch und Krickel-Krakel-Arbeiten.
Ihre Funktion bestand nicht darin, Erwachsene lediglich wieder zum Malen zu bringen. Eine identische Vorlage wurde vielen Menschen zur Verfügung gestellt. Dadurch wurde erkennbar, wie unterschiedlich Menschen auf dieselbe Vorgabe reagieren.
Eine Vorgabe kann Sicherheit vermitteln. Sie kann übernommen, ausgemalt, ergänzt, überschrieben, verlassen oder zerstört werden. Sichtbar werden Gehorsam, Unsicherheit, Erwartung, Angst vor Fehlern, eigene Spur und Abweichung.
Die Kugelschreiberspitze und die entstehende Linie wurden zu einem elementaren Lerninstrument. Der Mensch muss nicht bereits wissen, was das Bild werden soll. Er kann zunächst der Bewegung, dem Druck, dem Rhythmus und der entstehenden Spur folgen.
Damit verschiebt sich Kunst vom besonderen Talent zur Aufmerksamkeit gegenüber dem eigenen Tätigwerden. Diese Verschiebung bereitet den späteren Satz vor, jeder Mensch könne zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden.
Der Rote Punkt der Mitmenschlichkeit und Kommunikation erweiterte die Vorgabe um eine gesellschaftliche Verbindung. In der heutigen Atelierkonzeption markiert der Besucher mit ihm sein Interesse und macht sich als möglicher Gesprächs- oder Arbeitspartner sichtbar.
Die Malbücher bilden damit den Ursprung des Mitmachbuches. Die heutige digitale Form ist keine neue Idee ohne Werkgeschichte. Sie führt die Methode der gleichen Vorlage, der verschiedenen Bearbeitungen und des gemeinsamen Vergleichs weiter.
Rollenarbeit, Theater und Zerrissenheitswelt
In den 1980er-Jahren verlagerte sich die Forschung stärker in öffentliche und gesellschaftliche Situationen. Frage-und-Antwort-Tische, Aktionen im Arbeitslosenzentrum und an der Volksuni, die Kampnagel-Initiative „Wohnen – Kultur – Arbeiten“, die Tschernobyl-Aktion und die Frage „Was ist Deutschland?“ untersuchten Rollen, Zuständigkeiten und gesellschaftliche Gewohnheiten.
Die Arbeit mit dem Soforttheater Augusto Boals, Rollenbildern, dem Mann im Kleid und unterschiedlichen Körpererfahrungen führte zu einer methodischen Differenzierung: Der Darsteller bleibt ein verletzbarer Körper. Die Rolle ist eine übernommene Als-ob-Form. Bühne, Requisite und Inszenierung bilden eine künstlich hergestellte Wirklichkeitsordnung.
Im Theater sind diese Schichten unterscheidbar. Im Alltag verschmelzen sie. Der Mensch spielt Arbeitnehmer, Kunde, Konsument, Eigentümer, Experte oder Patient und behandelt die Rolle wie seine Identität.
Daraus entstand die Zerrissenheitswelt. Der moderne Mensch übernimmt zahlreiche Rollen, deren Erwartungen und Maßstäbe einander widersprechen. Er soll zugleich autonom und angepasst, individuell und marktfähig, gesund und unbegrenzt belastbar, frei und vollständig verfügbar sein.
Die Zerrissenheit wird häufig nicht als gesellschaftlich erzeugter Konflikt wahrgenommen. Sie erscheint als persönliches Versagen. Die Forschungskunst macht die verschiedenen Rollen wieder darstellbar und gegeneinander verschiebbar.
Die Zielprojektion besteht nicht darin, alle Rollen abzuschaffen. Der Mensch soll lernen, zwischen seinem verletzbaren Organismus, seiner gesellschaftlichen Rolle und der Inszenierung dieser Rolle zu unterscheiden.
Gegenüberstellung und Lernen
Aus Handwerk, Fotografie, Theater, Malbuch und Wasserexperimenten entstand die Erkenntnis, dass Lernen Distanz und ein Gegenüber benötigt.
Im Handwerk steht der Plan dem Werkstück gegenüber. In der Fotografie steht das Bild dem fotografierten Zusammenhang gegenüber. Im Theater stehen Darsteller und Rolle nebeneinander. Im Malbuch stehen Vorgabe und eigene Spur im Vergleich. Im Wasserlabor steht die geplante Form der Antwort der Strömung gegenüber.
Wo keine Distanz mehr möglich ist, entsteht kein Lernen, sondern blindes Training. Der Mensch übernimmt eine Rollenidentität, einen Glaubenssatz oder eine institutionelle Vorgabe automatisch und erlebt den darin enthaltenen Druck nicht mehr als Befehl.
Gegenüberstellung ist nicht mit 50:50-Dualismus gleichzusetzen. Ein Dualismus trennt zwei Pole und behandelt sie als abgeschlossene Gegensätze. Die Forschungskunst bezieht beide Seiten auf einen dritten Referenzzusammenhang: Material, Körper, Tragwirklichkeit, Erfahrung oder Folge.
Daraus entsteht die dreigliedrige Lernbewegung: Vorstellung, Vergegenständlichung und Prüfung. Erst wenn eine Vorstellung eine wahrnehmbare Form erhält, kann sie mit einem Gegenüber verglichen und korrigiert werden.
Die Folien, Schablonen, Theaterrollen, Malbuchvorgaben und KI-Vergleiche sind unterschiedliche Ausführungen desselben Lernoperators.
Schultafel, Goldauftrag und die Korrekturfähigkeit
Die 1989 entstandenen Schultafelarbeiten „Staumauer“ eröffneten eine serielle Kunst des Verlaufs. Eine Schultafel kann beschrieben, gelöscht, überschrieben und neu geordnet werden. Sie bewahrt Spuren und bleibt dennoch korrigierbar.
Diese Eigenschaft wurde später mit Demokratie und Lernen verbunden. Eine demokratische Ordnung muss Entscheidungen verändern können, wenn Folgen und neue Erkenntnisse sichtbar werden.
Der Goldauftrag fügte eine Gegenoperation hinzu. Die goldene Idee erscheint wertvoll, höher und unveränderlich. Gleichzeitig zerstört die Vergoldung die Löschbarkeit der Schultafel.
Die Verbindung zu Platon ist eine künstlerische Interpretation. Sie verdichtet die Kritik an einer Kultur, die dem unveränderlichen Ideal einen höheren Wirklichkeitsrang zuschreibt als dem körperlichen, beweglichen und verletzbaren Prozess.
Die Schultafel ist dadurch Bild, Ding, Gebrauchswerkzeug, Denkraum und demokratischer Prüfoperator zugleich.
Das offene Problem lautet, wie viel historische und philosophische Erklärung ein Besucher benötigt, damit der Goldauftrag nicht nur dekorativ wirkt. Die Bedeutung muss aus der Tätigkeit des Schreibens, Löschens und erneuten Schreibens erfahrbar werden.
Garten, Schöpfungsgeschichte und Materialantwort
In den frühen 1990er-Jahren wurde der Garten im Eiszeittal von Lübeck zu einer Laborsituation. Tanglandschaft, Abendmahltisch, Strömungsabformungen und „Schöpfungsgeschichte“ stellten organische Verlaufsformen menschlichen Konstruktionsformen gegenüber.
Die Arbeit auf Eis, der Goldauftrag, das Begehen und das Scheitern an der Beschaffenheit des Ortes machten sichtbar, dass die Idee das Medium nicht beherrscht. Das Material antwortet unabhängig vom Geltungsanspruch des Künstlers.
Daraus entstand die Unterscheidung von hineingedachter und tatsächlicher Eigenschaft. Gold kann Wert symbolisieren. Es kann aber weder die Tragfähigkeit des Eises noch die Lebensfähigkeit eines Organismus erzeugen.
Der aus einer Strömungslandschaft entwickelte Opfer- oder Maltisch verbindet Landschaft, Nahrung, Körper, Ritual und Verwertung. Die Strömung brachte zunächst eine Form hervor, die anschließend abgeformt wurde. Form entstand damit aus einem Verhältnis von Wasser, Gelände, Material, Beobachtung und handwerklicher Tätigkeit.
Diese Arbeiten bereiteten die spätere Tragwirklichkeit vor. Sie zeigten, dass eine menschliche Vorstellung immer innerhalb bereits wirkender Bedingungen tätig wird.
Temporäre Kunsthalle, Kollektive Kreativität und öffentliche Versuchsanordnung
1992 entstanden die Temporäre Kunsthalle in Ratzeburg und der Werkzusammenhang „Sozialer Organismus Katharsis“. Ab 1993 folgten Kollektive Kreativität, Demokratiewerkstätten, Bürgerforum, Grenzwerkstatt, Fax-Vernetzungs-Patenschaft, Partei der Wirklichkeit, Zukunftswerkstätten und Entelechie-Museum.
Die Veranstaltung war dabei nie allein das Werkziel. Sie war eine zeitlich begrenzte Membran, in der Menschen, Orte, Materialien, Rollen und Fragen miteinander in Beziehung gebracht wurden.
Diese Unterscheidung führte später von Eventkunst zur Verortungskunst. Das Event erzeugt ein zeitlich begrenztes Geschehen und wird häufig an Aufmerksamkeit, Besucherzahl und medialer Wirkung gemessen. Verortungskunst untersucht, welche Beziehungen, Konflikte und Abhängigkeiten an einem Ort vorhanden sind und was eine künstlerische Tätigkeit dort sichtbar macht.
Die temporäre Ausstellung ist deshalb nicht der umfassende Wirklichkeitszusammenhang. Sie bildet eine Membran innerhalb eines größeren So-Heits-Raumes.
So-Heits-Raum, So-Heits-Atelier und Werkstatt
Eine wichtige spätere begriffliche Differenzierung betrifft Raum, Atelier und Werkstatt.
Der So-Heits-Raum bezeichnet den umfassenden Plexus- und Wirklichkeitszusammenhang. Er ist nicht auf ein Gebäude begrenzt. Körper, Stadt, Stoffströme, Institutionen, Geschichte, Technik, Besucher und Folgen gehören zu ihm.
Das So-Heits-Atelier ist die künstlerische Hauptform. Es wählt innerhalb dieses umfassenden Raumes Situationen, Gegenstände und Beziehungen aus und macht sie als Forschungs- und Prüfvorgang zugänglich.
Die Werkstatt bezeichnet die praktische Prüfverrichtung innerhalb des Ateliers. Dort wird gemessen, verbunden, geformt, geschichtet, gebaut, gespielt, verglichen, gelöscht und repariert.
Der physische documenta-Ort ist daher weder die gesamte So-Heits-Gesellschaft noch der ganze So-Heits-Raum. Er ist eine temporäre Membran, in der bestimmte Beziehungen konzentriert und öffentlich geprüft werden.
Diese Differenzierung verhindert, dass Atelier, Werkstatt, Gesellschaft und Raum synonym verwendet werden.
Globales Dorffest und die Tausend Tische
Das Globale Dorffest von 1993 am Brandenburger Tor bildet den zentralen Übergang von lokaler Versuchsanordnung zu planetarischer Öffentlichkeit.
Der Begriff „globales Dorf“ stammt von Marshall McLuhan. Die künstlerische Eigenleistung liegt in seiner räumlichen und gesellschaftlichen Vergegenständlichung durch tausend Tapeziertische.
Historisch zu korrigieren ist die häufig verwendete Formulierung, CERN habe 1993 „das Internet freigegeben“. Am 30. April 1993 stellte CERN die grundlegende Software des World Wide Web zur freien öffentlichen Nutzung bereit. Das Internet bestand bereits.
Die tausend Tische sollten keine bloße Menschenmenge erzeugen. Jeder Tisch bildete eine kleine Öffentlichkeit, in der Fragen, Antworten und Tätigkeiten verortet werden konnten. Tausend Menschen waren noch als Vielzahl körperlich anwesender Einzelner vorstellbar. Milliarden Menschen bleiben dagegen leicht eine abstrakte Zahl.
Die spätere Schlussfolgerung lautet: Technische Verbindung erzeugt keine verantwortliche Weltgesellschaft. Vernetzung allein schafft weder Gemeinsinn noch Rückkopplung.
Die Tausend Tische sind daher die räumlich-körperliche Vorform der Globalen Schwarm-Intelligenz. Jeder Tisch bildet einen Wahrnehmungs- und Gesprächsknoten. Die digitale Plattform erweitert diese Knoten, darf aber die körperliche und lokale Erfahrung nicht ersetzen.
Partizipatorisches Welttheater und der Besucher als Grenzwesen
Das zwischen 2005 und 2019 entwickelte Partizipatorische Welttheater verband Ausstellung, Theater, Beteiligung und eine geplante dreidimensionale Website.
Der Besucher sollte Fragen stellen, Antworten geben, Rollen wechseln und die Ausstellung durch seinen Beitrag verändern. Aus dem Betrachter wurde ein Beteiligter, aus dem Beteiligten ein Mitgestalter und aus dem Mitgestalter ein Mitprüfender.
Der Mensch wurde als plastisches Grenzwesen beschrieben. Die Grenze war nicht nur eine Trennung, sondern eine Membran. Sie schützt und ermöglicht zugleich Austausch.
Diese Membranvorstellung wurde später auf Organismus, Atelier, Plattform und Gesellschaft übertragen. Eine tragfähige Grenze ist weder vollständige Abschottung noch vollständige Grenzenlosigkeit.
Die Zielprojektion des Welttheaters war eine soziale Plastik, die sich durch die Beiträge ihrer Besucher verändert. Die spätere Korrektur lautet jedoch: Beteiligung allein erzeugt noch keine Schwarmintelligenz. Beiträge benötigen gemeinsame Ausgangsmaterialien, Vergleich, Quellen, Gegenbeispiele und sichtbare Revision.
Von Umwelt und Mitwelt zur Trag- und Plexuswirklichkeit
Der historische Begriff Umwelt wurde zunächst als Milieu verstanden. Später wurde er kritisiert, weil er eine menschliche Mitte und ein äußeres Umfeld suggeriert.
Mitwelt korrigierte diese Trennung, betonte aber noch nicht ausreichend die materiellen und molekularen Verknüpfungen. Abhängigkeitswelt machte die gegenseitigen Voraussetzungen deutlicher.
Tragwirklichkeit wurde schließlich zum obersten Leitbegriff. Sie bezeichnet die Bedingungen und Beziehungen, durch die ein Organismus oder Zusammenhang tatsächlich getragen wird.
Nicht jede gesellschaftliche Realität ist deshalb Tragwirklichkeit. Geld, Eigentum, Rolle und Gesetz sind real wirksam. Sie tragen den Organismus aber nicht in derselben Weise wie Luft, Wasser, Stoffwechsel, Temperatur oder Boden.
Plexuswirklichkeit präzisiert die Struktur der Tragwirklichkeit. Plexus bezeichnet ein Geflecht. Kein Körper, Stoff, Zeichen oder Gegenstand existiert unabhängig von Beziehungen.
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sind daher nicht zwei konkurrierende Hauptbegriffe. Tragwirklichkeit bezeichnet den leitenden Prüfbezug. Plexuswirklichkeit beschreibt die verflochtene Struktur dessen, was trägt.
Wissenschaftlich belegbar ist die Abhängigkeit des menschlichen Organismus von physikalischen, chemischen, biologischen und sozialen Bedingungen. Dass Tragwirklichkeit zum obersten gesellschaftlichen Prüfmaßstab erklärt wird, ist eine normative und künstlerische Setzung der Forschungskunst.
Das plastische Ich als körperlich gebundenes Tragwesen
Das Kopplungs-Ich bezeichnete zunächst den körperlichen, verletzbaren und auf Stoffwechsel angewiesenen Menschen. Es ist an Luft, Wasser, Nahrung, Schlaf, Temperatur, Beziehungen und Regeneration gebunden.
Das plastische Ich erweiterte diesen Begriff. Der Mensch ist nicht nur gekoppelt, sondern wird in Beziehungen geformt und wirkt auf sie zurück. Seine Grenze gleicht eher einer regulierenden Membran als einer undurchdringlichen Wand.
Später kam das Tragwesen hinzu. Der Mensch wird von Beziehungen getragen und kann selbst zum Träger von Fürsorge, Wissen, Reparatur und Gemeinsinn werden.
Der Plastische Homo Resonans bildet die Zielprojektion eines Menschen, der Rückmeldungen wahrnimmt und seine Tätigkeit daran verändert.
Diese vier Bezeichnungen dürfen nicht wie vier voneinander getrennte Menschenmodelle nebeneinanderstehen. „Plastisches Ich“ eignet sich als Hauptbegriff. Kopplungs-Ich beschreibt seine körperliche Bindung, Tragwesen seine tragende Fähigkeit und Homo Resonans die Zielprojektion.
Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Statusbelohnung
Das Geltungs-Ich entsteht innerhalb der gesellschaftlichen Symbol- und Rollenwelt. Es definiert sich über Name, Beruf, Eigentum, Leistung, Erfolg, Anspruch und öffentliche Anerkennung.
Diese Ebene ist nicht grundsätzlich falsch. Ohne Rollen, Sprache und Regeln wäre Zusammenarbeit kaum möglich. Problematisch wird sie, wenn das Geltungs-Ich seine gesellschaftliche Konstruktion für grundlegender hält als den Körperorganismus.
Skulpturidentität bezeichnet die Verfestigung dieses Geltungs-Ichs. Der Mensch stellt sich als abgeschlossenes, selbstständiges und unveränderliches Individuum vor. Abhängigkeit erscheint als Schwäche.
Statusbelohnung verstärkt diese Verfestigung. Gesellschaftliche Anerkennung erhält, wer seine Rolle erfüllt, Leistung zeigt, Eigentum vermehrt und keine Verletzbarkeit erkennen lässt. Die Rückkehr zum Körper und zur Abhängigkeit kann daher wie ein Statusverlust erscheinen.
Der Homo Speculans bezeichnet die kulturkritische Extremform: Der Mensch lebt in Spiegelungen, Preisen, Bewertungen und Projektionen und behandelt sein gesellschaftliches Bild wie sein eigentliches Wesen.
Geltungs-Ich, Skulpturidentität, Statusbelohnung und Homo Speculans bilden somit eine Entwicklungslinie, nicht vier gleichrangige Hauptbegriffe.
Plastik und Skulpturalisierung
Plastik bezeichnet handwerklich Formen, Modellieren, Hinzufügen, Verbinden und Einpassen. Skulptur bezeichnet Abtragen, Abschlagen, Herausschneiden und Freilegen.
Beide Verfahren sind künstlerisch gleichwertig. In der Forschungskunst werden sie jedoch als unterschiedliche Operationen verwendet.
Plastik wird zum Modell eines offenen Werdens in Beziehungen. Skulpturalisierung bezeichnet die Herauslösung, Abgrenzung und Verfestigung eines Teils, einer Rolle oder eines Begriffs.
Ein Eigentumstitel schneidet beispielsweise einen Teil der Erde aus dem gemeinsamen Funktionszusammenhang heraus und ordnet ihn einer Person zu. Eine Berufsrolle schneidet eine bestimmte Funktion aus dem ganzen Menschen heraus und behandelt sie als Identität.
Skulpturalisierung ist deshalb mit Dingselektion und Lochprozess verbunden. Sie ermöglicht Orientierung und Herstellung, kann aber Beziehungen unsichtbar machen.
Diese metaphorische Verwendung darf nicht zur Abwertung der realen Skulptur als Kunstform führen. Plastik ist nicht automatisch gut, Skulptur nicht automatisch schlecht. Untersucht werden die Operationen des Verbindens und des Herausschneidens.
Lochprozess, Rückkopplungsloch und Ereignishorizont
Der Lochprozess entstand aus der Beobachtung, dass nicht nur falsche Aussagen, sondern verlorene Verbindungen zerstörerisch wirken. Zwischen Vorstellung und Werk, Entscheidung und Folge, Fachwissen und Gesamtzusammenhang entstehen Löcher.
Eine wichtige Korrektur lautet: Nicht jeder Schnitt erzeugt automatisch ein Loch. Auswahl und Abgrenzung sind für Wahrnehmung, Sprache, Kunst und Wissenschaft notwendig.
Das Loch entsteht, wenn der Rückweg zum ausgeschnittenen Zusammenhang verloren geht oder vergessen wird, dass überhaupt eine Auswahl vorgenommen wurde. Der Ausschnitt wird dann für das Ganze gehalten.
Das Rückkopplungsloch bezeichnet die Stelle, an der eine Folge den Handelnden nicht mehr erreicht. Schäden werden räumlich, zeitlich, institutionell oder sozial ausgelagert.
Der Ereignishorizont bezeichnet in diesem Werkzusammenhang die Grenze, jenseits derer Folgen für den Wahrnehmenden verschwinden oder nicht mehr rechtzeitig zurückkehren. Der Begriff stammt ursprünglich aus der Physik, wird hier aber metaphorisch übertragen. Diese Übertragung muss ausdrücklich gekennzeichnet werden.
Ein Produkt kann beispielsweise erworben werden, ohne dass Herstellung, Rohstoffgewinnung, Arbeitsbedingungen und Abfall sichtbar werden. Der Preis tritt an die Stelle des verlorenen Rückwegs.
Lochprozess, Rückkopplungsloch und Ereignishorizont dürfen nicht synonym werden. Der Lochprozess beschreibt die Herstellung der Trennung, das Rückkopplungsloch den fehlenden Rückweg und der Ereignishorizont die Wahrnehmungsgrenze, hinter der Folgen verschwinden.
Disziplinlogik als Gefängnis des Zusammenhangs
Die wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Disziplinen entwickelten hoch leistungsfähige Methoden. Sie mussten Gegenstände abgrenzen, Zuständigkeiten festlegen und bestimmte Eigenschaften isolieren.
Die Forschungskunst kritisiert nicht diese Spezialisierung an sich. Sie kritisiert den Verlust des Rückwegs zum Gesamtzusammenhang.
Das Bild eines 2500 Jahre alten Disziplinlogik-Gefängnisses ist eine künstlerische Diagnose, kein wörtlich belegbarer historischer Sachverhalt. Gemeint ist eine lange europäische Entwicklung, in der Körper und Geist, Materie und Idee, Natur und Kultur, Subjekt und Objekt sowie einzelne Fachzuständigkeiten voneinander getrennt wurden.
Auch die These, Psychologie habe sich von Aufklärung zu Anpassung und Manipulation entwickelt, ist in dieser Allgemeinheit nicht historisch bewiesen. Sie bezeichnet eine kritische Beobachtung bestimmter Anwendungen von Psychologie in Werbung, Markt, Arbeitswelt und Verhaltenssteuerung.
Der methodische Kern bleibt dennoch tragfähig: Eine Disziplin kann innerhalb ihres Ausschnitts richtige Erkenntnisse hervorbringen und zugleich die Gesamtfolgen ihrer Anwendung nicht erfassen.
Das Vier-Ebenen-Modell und die Plexuswirklichkeit sollen daher keine neue Superdisziplin bilden. Sie sollen die Rückwege zwischen den Ausschnitten wieder sichtbar machen.
Vier-Ebenen-Modell als korrigierbare Prüfgrammatik
Das Vier-Ebenen-Modell entstand aus älteren Dreiteilungen von Welt ohne Menschen, Verletzungswelt und Skulptur- beziehungsweise Als-ob-Welt.
E1 bezeichnet die physikalisch-chemische Ebene: Masse, Raum, Zeit, Energie, Temperatur, Druck, Material, Wasser, Boden, Atmosphäre, Kraft, Last und Bruch.
E2 bezeichnet die lebendige organismische Ebene: Stoffwechsel, Membran, Atmung, Ernährung, Schlaf, Schmerz, Regeneration, Fortpflanzung und Beziehung.
E3 bezeichnet die Symbol-, Rollen-, Technik- und Geltungsebene: Sprache, Geld, Eigentum, Gesetz, Institution, Status, Religion, Identität und technische Systeme.
E4 bezeichnet die Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturbewegung. E4 ist keine höhere Ontologie und kein allwissender Standort außerhalb der übrigen Ebenen. Sie ist ein korrigierbares Verfahren, das die Folgen von E3 für E1 und E2 untersucht.
Die Ebenen sind keine voneinander abgeschlossenen Räume. Ein technisches Gerät besitzt Materialeigenschaften in E1, kann Organismen in E2 betreffen und ist zugleich menschliche Konstruktion und gesellschaftliches Verfügungsmittel in E3.
Die Mehrfachzugehörigkeit ist kein Fehler des Modells. Sie entspricht der Plexuswirklichkeit. Die Ebenen sind Prüfperspektiven, keine Schubladen.
Offen bleibt, wie psychisches Erleben, soziale Beziehungen und kulturelle Traditionen differenziert eingeordnet werden. Eine starre Zuordnung würde das Modell selbst skulpturalisieren.
Verletzungswirklichkeit und symbolische Distanzwelt
Die frühere Unterscheidung zwischen Verletzungswelt und Unverletzungswelt machte sichtbar, dass Vorstellungen zunächst keine unmittelbare materielle Verletzung erzeugen müssen.
Der Begriff Unverletzungswelt erwies sich jedoch als missverständlich. Ein Urteil, eine Ausgrenzung oder ein Eigentumsentzug kann Menschen durchaus verletzen.
Präziser ist „symbolische Distanzwelt“. Sie bezeichnet den Abstand zwischen Entscheidung und körperlicher Folge. Ein Mensch kann planen, kalkulieren und anordnen, ohne die Konsequenzen selbst unmittelbar zu erleben.
Die Verletzungswirklichkeit bezeichnet demgegenüber die Ebene, auf der Körper, Materialien und Lebenszusammenhänge tatsächlich belastet, beschädigt oder zerstört werden.
Diese Differenz verbindet E2 und E3. Ihre Zielsetzung besteht darin, die Distanz nicht abzuschaffen, sondern den verlorenen Rückweg von der symbolischen Entscheidung zur Verletzungsfolge wiederherzustellen.
24-Stunden-Uhr und Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr übersetzt die Erdgeschichte in einen anschaulichen Vergleichsmaßstab. Grundlage ist das wissenschaftlich bestimmte ungefähre Alter der Erde. Die genauen Zeitpositionen hängen von den gewählten Datierungen ab.
Die im Forschungszusammenhang verwendeten Größenordnungen von etwa 5,7 bis 6 Sekunden für Homo sapiens, ungefähr 0,223 Sekunden für das Holozän, etwa 0,005 Sekunden für die Industrialisierung und ungefähr 0,00145 Sekunden für die Great Acceleration sind modellhafte Umrechnungen. Die Berechnungsgrundlage muss in einer Veröffentlichung offengelegt werden.
Ihre künstlerische Funktion besteht darin, den Menschen als Millisekundenwesen gegenüber einer nahezu vierundzwanzigstündigen planetarischen Entstehungsgeschichte sichtbar zu machen.
Die Hybris liegt nicht in der kurzen Existenzzeit des Menschen. Sie liegt darin, dass er seine kurzfristigen Eigentums-, Preis-, Rollen- und Fortschrittsordnungen für grundlegender hält als die Bedingungen, aus denen sein Organismus hervorgegangen ist.
Der Satz „Das Instrument hält sich für den Dirigenten“ verdichtet diesen Widerspruch. Er ist eine Metapher, keine naturwissenschaftliche Aussage.
50:50, 51:49 und 1:99
50:50 bezeichnet nicht jede Gleichheit. Es bezeichnet den Symmetriedualismus, der zwei Seiten als spiegelgleich und voneinander getrennt behandelt.
Exakte Symmetrien existieren in Mathematik, Physik und Natur. Die frühere Behauptung, Symmetrie existiere ausschließlich auf dem weißen Blatt Papier, wäre wissenschaftlich falsch. Kritisiert wird die normative Übertragung vollständiger Spiegelgleichheit auf lebendige, soziale und politische Zusammenhänge.
51:49 bezeichnet die plastische Minimalasymmetrie. Der Begriff ist kein bewiesenes Naturgesetz und keine allgemeine statistische Verteilung. Er ist ein künstlerischer Prüfoperator für die minimale Differenz, durch die Bewegung, Entscheidung, Korrektur und Rückkopplung möglich bleiben.
49:51 bezeichnet entsprechend eine mögliche Gegenbewegung. Die genaue methodische Beziehung beider Richtungen ist noch verbindlich festzulegen.
1:99 bezeichnet eine Herrschafts- und Konzentrationsdrift. Formale Gleichheit kann tatsächliche Ungleichheit verdecken. Zwei Vertragspartner gelten als gleich, obwohl einer Kapital, Eigentum, Information und institutionelle Macht besitzt und der andere existenziell abhängig ist.
1:99 ist keine feste empirische Prozentzahl. Soll das Modell mit realen Vermögens- oder Eigentumsdaten verbunden werden, benötigt es konkrete Quellen und Bezugsgrößen.
Die drei Zahlen bilden gemeinsam einen Prüfweg: 50:50 untersucht starre oder scheinbare Gleichheit, 51:49 die plastische Differenz und 1:99 die mögliche Machtkonzentration.
Dreifaches Optimum, Synergie und Dysergie
Aus Wasser, Strömungsform und Organismusbeobachtung entwickelte sich das dreifache Optimum.
Das Mediumoptimum fragt, welche Form innerhalb eines konkreten Materials oder einer Strömung tragfähig ist. Das Organismusoptimum untersucht die über lange Anpassungsprozesse entstandene Passung eines Lebewesens. Das Prüfoptimum sucht den kleinsten Eingriff, durch den ein Zusammenhang sichtbar und korrigierbar wird.
Diese drei Optima sind Modelle der Forschungskunst. Sie dürfen nicht mit einem einzigen mathematischen Optimum verwechselt werden.
Optimierung richtet einen Zusammenhang häufig auf ein Einzelziel aus. Ein tragfähiges Optimum muss mehrere Bedingungen, Nebenfolgen und Regenerationsmöglichkeiten berücksichtigen.
Synergie bezeichnet ein Zusammenwirken, das neue Tragfähigkeit hervorbringt. Dysergie bezeichnet einen Zusammenhang, dessen Einzelteile jeweils funktionieren, der aber im Ganzen zerstörerisch wirkt.
Eine Zivilisation kann technisch außerordentlich leistungsfähig und zugleich planetarisch dysergisch sein.
Symbol, Eigenschaft und Dingselektion
Die Forschung zur Symbol- und Eigenschaftsbildung entstand aus Fotografie, Werbung, Eigentumsarbeiten, Schultafel, Goldauftrag und der Unterscheidung zwischen Bild und Funktion.
Ein Symbol ist nicht das Symbolisierte. Der Preis ist keine materielle Qualität. Eigentum erzeugt keinen Boden. Die Rollenbezeichnung beschreibt nicht den ganzen Menschen. Die Aussage „Ich bin frei“ ist zunächst eine Geltungsbehauptung, deren Bedingungen gesondert geprüft werden müssen.
Daraus entstand die Unterscheidung zwischen materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.
Geld, Eigentum, Religion, Rollen und Gesetze sind real wirksam. Sie sind aber anders wirklich als Wasser, Körpertemperatur oder Stoffwechsel.
Dingselektion bezeichnet die Operation, aus einem Beziehungszusammenhang ein Ding herauszulösen, es zu benennen, zu bewerten und verfügbar zu machen. Diese Fähigkeit ermöglicht Sprache, Technik und Eigentum. Sie kann aber den Herkunfts- und Abhängigkeitszusammenhang unsichtbar machen.
Das Ding wird so behandelt, als könne es unabhängig existieren. Dadurch verbindet sich Dingselektion mit Skulpturalisierung und Lochprozess.
Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die Beschäftigung mit technē, metron, symmetria und symbolon entstand aus der Suche nach einem Kunstverständnis, das Wissen, Können, Maß und öffentliche Bewährung verbindet.
Technē bezeichnet Kunstfertigkeit, Handwerk, Können und methodisches Hervorbringen. Metron bezeichnet Maß. Symmetria bedeutet Zusammenmaß oder angemessene Proportion und nicht nur Spiegelgleichheit. Symbolon bezeichnete unter anderem ein Erkennungszeichen, dessen getrennte Teile zusammengefügt werden mussten.
Krisis bezeichnet Unterscheidung und Urteil, ergon Werk oder Tätigkeit, energeia Wirksamkeit und entelecheia die Verwirklichung einer Möglichkeit. Polis, koinonia und paideia verbinden politische Gemeinschaft, Teilhabe und Bildung.
Diese Begriffe beweisen nicht die Richtigkeit der Forschungskunst. Etymologie kann Bedeutungsverschiebungen sichtbar machen, aber keine philosophische Wahrheit garantieren.
Auch hebräische, arabische und Sanskrit-Begriffsfelder wurden vergleichend herangezogen. Diese Sprachen und Traditionen dürfen nicht gleichgesetzt oder zu Vorstufen einer europäischen Zielvorstellung gemacht werden.
Die kulturgeschichtlichen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik sind künstlerische Modelle, keine vollständigen Darstellungen dieser Traditionen. Ihre Funktion besteht darin, unterschiedliche Rangordnungen von Körper, Idee, Form, Seele, Materie und Messbarkeit vergleichbar zu machen.
Begriffshandwerk und die neue Ankerordnung
Mit der wachsenden Materialmenge entstanden zahlreiche Kontext-, Werk-, Positions- und Prüfanker. Ihre Funktion besteht darin, erreichte Differenzierungen vor dem erneuten Verlust zu schützen.
Der verbindliche Ankerstand unterscheidet Kontextanker und Werkanker, den Prüfanker des Begriffshandwerks, den Plexus- und Wirklichkeitsanker, den Tätigkeitskonsequenzanker, den Verortungs- und Zeitanker, den Foliengrammatikanker, den Mitmachbuchanker, den So-Heits-Atelier-Anker und den KI- und Schwarm-Rückkopplungsanker.
51:49, E1 bis E4, Tragwirklichkeit, plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Membran, Dingselektion, 24-Stunden-Uhr, dreifaches Optimum und Ereignishorizont sind wichtige Instrumente und Modelle innerhalb dieser Anker. Sie müssen nicht jeweils als zusätzliche eigenständige Anker geführt werden.
Diese Korrektur reduziert die Gefahr einer immer weiter anwachsenden Ankerzahl. Der Anker sichert einen größeren Arbeitszusammenhang; der Prüfoperator wird innerhalb dieses Zusammenhangs angewendet.
Begriffshandwerk fragt bei jedem Wort nach Herkunft, Geltungsbereich, Ebene, Funktion, Gegenbegriff, Verwechslungsgefahr und Prüfbarkeit.
Prüfoperator statt Prüfmechanismus
Der ältere Ausdruck Prüfmechanismus suggeriert einen festen Ablauf, der bei richtiger Anwendung immer dasselbe Ergebnis liefert.
Die Forschungskunst benötigt jedoch Verfahren, deren Ergebnis offenbleibt. Deshalb wurde „Prüfoperator“ zum präziseren Begriff.
Ein Prüfoperator kann eine Frage, ein Bild, eine Folie, ein Materialversuch, ein Rollenwechsel oder ein Vergleich sein. Er verändert die Sicht auf einen Gegenstand, ohne bereits festzulegen, welche Antwort richtig sein muss.
Auch 51:49, die 24-Stunden-Uhr, E1 bis E4, die Gegenüberstellung und das künstlerische Dreieck sind Prüfoperatoren.
Ein Operator wird selbst überprüfbar, wenn er Gegenbeispiele zulässt und seine Auswahlbedingungen offenlegt. Andernfalls würde er zur neuen Skulpturform einer richtigen Wirklichkeit.
Künstlerische Prüfobjekte
Das Wellenbecken, der Biberdamm und die Deichprofile untersuchen Strömung, Widerstand, Anpassung und Rückkopplung.
Das asymmetrische Auto stellt die Gleichsetzung von Symmetrie und Funktion infrage. Das Auto als Tötungsinstrument unterscheidet technische Funktion von gesellschaftlicher Tragfähigkeit.
Die Malbücher und Vorgabebilder prüfen das Verhalten gegenüber Regeln. Der Rote Punkt verbindet individuelle Interessen. Frage-und-Antwort-Tische erzeugen eine kleine Öffentlichkeit.
Schultafel und Goldauftrag prüfen Löschbarkeit, Korrektur und den Geltungsanspruch unveränderlicher Ideen.
Der Quadratmeter Eigentum macht sichtbar, dass Eigentum eine gesellschaftliche Zuschreibung ist, die sich auf vorausliegende physikalische und biologische Bedingungen legt.
Die Kartoffel-Trilogie und die vergoldete Kartoffel verbinden Nahrung, Boden, Preis, symbolische Aufwertung und Verwertung.
Der Gordische Knoten untersucht die Neigung, einen komplexen Beziehungszusammenhang durch einen einzigen Schnitt zu „lösen“. Der Schnitt kann das sichtbare Problem beseitigen und gleichzeitig den Rückweg zum Zusammenhang zerstören.
Geburtshöhle, Omphalos, Labyrinth und Ariadnefaden untersuchen Herkunft, Abhängigkeit und Orientierung. Der gläserne Astronaut stellt dazu das technisch abgeschirmte Selbstbild gegenüber.
Die „Tasse der Realität“ erscheint als jüngeres Prüfobjekt im Werkzusammenhang, ist begrifflich aber noch nicht ausreichend bestimmt. Es muss geklärt werden, welche konkrete Differenz von Gefäß, Inhalt, Benennung, Gebrauch und Wirklichkeit durch sie geprüft werden soll.
Feuerkäfig, Astronautenanzug und offene Tür
Der Feuerkäfig ist eine späte Verdichtung der Skulpturidentität. Ein Mensch befindet sich in einem brennenden Gitterkäfig. Er trägt einen Astronautenanzug ohne erkennbare Versorgungsschläuche. Die Tür steht offen, dennoch verlässt er den Käfig nicht.
Das Feuer steht für die erkennbare Gefährdung. Der Anzug verkörpert die künstliche Unverletzlichkeits- und Autonomiekonstruktion. Der Käfig bezeichnet Rollen, Institutionen, Status und eingeübte Regeln. Die offene Tür zeigt, dass eine Möglichkeit zur Veränderung vorhanden sein kann, ohne psychisch, gesellschaftlich oder begrifflich erreichbar zu sein.
Das Nichtverlassen darf nicht vorschnell als individuelle Dummheit interpretiert werden. Statusbelohnung, Angst vor Verlust, fehlendes Gegenüber, Gewohnheit und Rollenidentität können den Käfig stabilisieren.
Die verdeckten Parameter 50:50, 1:99 und 24-Stunden-Uhr zeigen, dass die sichtbare Gefahr innerhalb größerer gesellschaftlicher und planetarischer Ordnungen steht.
Das offene Forschungsproblem lautet, wie aus der Wahrnehmung der offenen Tür tatsächlich eine neue Tätigkeit entsteht. Ein Bild kann den Widerspruch darstellen. Es kann den Besucher nicht automatisch zum Verlassen seiner Gewohnheiten bewegen.
Sandtrichter, Saftpresse und Thermosflasche
Der Sandtrichter zeigt den Menschen innerhalb einer Struktur, die ihn verschüttet. Arbeit, Material und Körper verschwinden unter abstrakten Systemen. Der Trichter verbindet Selektion, Last, Zeit und fehlende Rückkopplung.
Die Saftpresse zeigt, wie ein komplexer Zusammenhang auf einen verwertbaren Anteil reduziert wird. Ein Teil wird zum wertvollen Produkt, der verbleibende Rest wird ausgeblendet. Die Saftpresse ist damit ein Operator für Ressourcenverbrauch, Filterung und Wertbildung.
Die Thermosflasche zeigt einen künstlich isolierten Innenraum. Der Querschnitt macht sichtbar, dass Isolation nicht Abwesenheit von Beziehungen bedeutet, sondern durch Materialschichten technisch hergestellt und aufrechterhalten wird.
Der Astronautenanzug ist eine bewegliche Thermosflasche. Seine scheinbare Autonomie beruht auf einer hochkomplexen technischen Abhängigkeit.
Diese Objekte verbinden E1, E2 und E3: Materialschicht, Körperorganismus und symbolische Vorstellung von Unabhängigkeit.
Folien und Schablonen als bewegliche Prüfmittel
Die Folienarbeit entstand aus Vorgabebildern, Collagen, Schultafeln und dem Bedürfnis, verschiedene Wirklichkeitsebenen über demselben Ausgangsbild sichtbar zu machen.
Eine wichtige Korrektur lautet: Folien sind keine Abbilder der ganzen Wirklichkeit. Sie sind bewegliche Prüfmittel. Jede Folie wählt aus und erzeugt deshalb selbst einen Ausschnitt.
Eine Grundfolie kann eine Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, einen Menschen mit Spaten, einen Körper im Wasser, einen Astronauten oder einen Menschen in einer Flasche zeigen. Weitere Folien legen Kräfte, Stoffwechsel, Eigentum, Rolle, Preis, Abfall oder Tätigkeitskonsequenzen darüber.
Die Schichtung macht sichtbar, dass unterschiedliche Aussagen gleichzeitig gelten können, aber auf verschiedenen Ebenen liegen. Freiheit kann gesellschaftlich behauptet werden, während körperliche und wirtschaftliche Abhängigkeiten fortbestehen.
Die Folien sollen hinzugefügt, entfernt und in veränderter Reihenfolge verwendet werden können. Dadurch wird die Konstruktion der eigenen Sichtweise erfahrbar.
Die transparente Folie ist zugleich ein Modell epistemischer Demut. Sie zeigt etwas und verdeckt anderes. Ihre Begrenzung bleibt sichtbar.
Plexus-Foliengrammatik
Die Plexus-Foliengrammatik soll die Schichten von E1 bis E4 in eine wiedererkennbare Bildsprache übersetzen.
E1 kann Kräfte, Material, Temperatur, Druck, Last und Bruch zeigen. E2 ergänzt Stoffwechsel, Wärme, Verletzbarkeit und Regeneration. E3 fügt Eigentum, Preis, Rolle, Gesetz, Religion oder Status hinzu. E4 markiert Fragen, Rückmeldungen, Gegenbeispiele, Korrekturen und mögliche Reparaturbewegungen.
Pfeile, Linien, Farben und Durchdringungszeichen sollen nicht dekorativ sein. Sie müssen eine definierte Funktion erhalten.
Die Grammatik darf nicht zur starren Bildsprache werden, die jede Wirklichkeit in dasselbe Schema zwingt. Sie muss erweiterbar und korrigierbar bleiben.
Offen sind Farbstandard, Legende, Barrierefreiheit, Ausdruck auf Papier, digitale Bedienbarkeit und die Frage, wie viele Schichten ein unvorbereiteter Besucher sinnvoll verarbeiten kann.
Theoretische Folien und kulturgeschichtliche Filter
Die Platon-Folie zeigt unten Körper und Bewegung, in der Mitte Schatten und Spiegel und oben geometrische beziehungsweise goldene Ideen. Ihre künstlerische Operation lautet: Das Unveränderliche erhält einen höheren Wirklichkeitsrang.
Die Aristoteles-Folie zeigt einen Pflanzenprozess, in dem Material, Form, Bewegung und Zielrichtung verbunden bleiben.
Die Christentumsfolie untersucht Körper, Behälter, aufsteigende Seele, Gold und Himmel. Sie fragt, wie die Spannung zwischen vergänglichem Leib und unsterblicher Seele das Menschenbild mitgeprägt hat.
Die Physikfolie zeigt ein Messfeld aus Masse, Kraft, Temperatur, Druck und Mathematik. Außerhalb des jeweiligen Messauftrags können Organismus, Verletzung, Verantwortung und gesellschaftliche Folge verbleiben.
Diese Folien dürfen nicht als vollständige oder neutrale Darstellungen der jeweiligen Traditionen auftreten. Sie sind künstlerische Vergleichsmodelle und müssen durch Quellen, Gegenpositionen und fachkundige Kritik ergänzt werden.
Mitmachbuch als eigener Forschungsweg
Das Mitmachbuch ist weder eine vereinfachte Theorie noch ein herkömmlicher Ausstellungskatalog. Es übersetzt Forschungskunst in eine Folge eigener Tätigkeiten.
Der Benutzer begegnet einem Bild, wählt eine Frage, legt Folien darüber, verändert die Darstellung, vergleicht verschiedene Schichten und hält eine Korrektur fest.
Kartoffel, Wiese, Schultafel, Spaten, Astronaut, Tasse und Feuerkäfig eignen sich als Einstieg, weil sie ohne lange theoretische Vorbereitung wahrgenommen werden können.
Das Mitmachbuch verbindet individuelle und gemeinsame Arbeit. Jeder Benutzer stellt eine eigene Spur zusammen. Diese kann mit anderen Bearbeitungen derselben Vorlage verglichen werden.
Der Mitmachbuchanker muss festlegen, wie ein Benutzer beginnt, wie viel Vorgabe notwendig ist, welche Offenheit erhalten bleibt, wie Quellen sichtbar werden und wie eine spätere Revision erfolgt.
Der geplante Werkumfang von zahlreichen Büchern und Collagenbänden kann nicht vollständig in das Mitmachbuch übernommen werden. Benötigt wird eine kuratorische Auswahl, die einen nachvollziehbaren Weg von Wahrnehmung über Tätigkeit und Gegenüberstellung zur Korrektur ermöglicht.
KI als Schreibwerkzeug, Gegenüber und Prüfobjekt
Künstliche Intelligenz erhielt zunächst eine praktische biografische Funktion. Sie half, eine sehr große Materialmenge zu strukturieren und Gedanken trotz Legasthenie, ADHS und sprachlicher Schwierigkeiten in zusammenhängende Texte zu überführen.
Später wurde sie selbst Bestandteil der Forschungskunst. Mensch und KI bearbeiten dieselbe Frage auf Grundlage desselben Materials. Beide Ergebnisse werden auf Auslassungen, Begriffsverschiebungen, unbelegte Behauptungen und Widersprüche geprüft.
Die KI ist keine Wahrheitsinstanz. Der Mensch ist ebenfalls keine automatische Wahrheitsinstanz. Beide arbeiten mit Auswahl, Vorprägung und begrenztem Zugang.
Ein grundlegender Unterschied bleibt der Körper. Die KI besitzt keinen eigenen Stoffwechsel, kein Schlafbedürfnis und keine körperliche Verletzbarkeit. Sie trägt die materiellen Folgen ihrer Antwort nicht in derselben Weise wie ein Mensch.
Die offene Zukunftsfrage betrifft die Gestaltungsmacht der KI. Wenn private Systeme Wissen, Bilder, Verwaltung und öffentliche Entscheidungen prägen, entsteht eine neue technische Parallelwelt. Eigentum, Kontrolle, Energieverbrauch, Haftung und Gemeinwohlorientierung müssen deshalb Bestandteil der Forschung werden.
Globale Schwarm-Intelligenz als Rückkopplungsarchitektur
Die Globale Schwarm-Intelligenz führt Bienenbeobachtung, Malbücher, Tausend-Menschen-Methode, Frage-und-Antwort-Tische, Globales Dorffest, Partizipatorisches Welttheater und KI-Vergleich zusammen.
Sie ist keine bereits vorhandene kollektive Superintelligenz. Sie bezeichnet die Aufgabe, begrenzte Wahrnehmungen so miteinander zu verbinden, dass Widerspruch, Quellenprüfung, Gegenbeispiele und Revision möglich werden.
Die Plattform mit ungefähr 10,7 Gigabyte Material und mehr als 10.000 Verknüpfungen macht die Größe des Werkarchivs sichtbar. Große Datenmengen erzeugen aber noch keinen verständlichen Forschungsweg.
Jede Aussage benötigt Herkunft, Datum, Erkenntnisstatus und Korrekturgeschichte. KI-Texte müssen als solche erkennbar bleiben. Übersetzungen müssen auf Bedeutungsverluste geprüft werden.
Die Plattformformel eines „öffentlichen Simulators, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann“, bildet eine Zielprojektion. Zivilisationsfähigkeit muss dafür genauer bestimmt werden.
Sie könnte sich in der Fähigkeit zeigen, Abhängigkeiten zu erkennen, Folgen zuzuordnen, Gegenbeispiele zuzulassen, Rückkopplung wiederherzustellen, Schäden zu korrigieren und irreversible Eingriffe zu vermeiden.
So-Heits-Gesellschaft als offener Werkprozess
Die So-Heits-Gesellschaft ist das gesellschaftliche Gegenmodell zur Knipser-Pfuscher-Existenz, zur Statement-Gesellschaft und zur Skulpturidentität.
So-Heit bezeichnet die Rückbindung an die Eigenschaften, Bedürfnisse und Abhängigkeiten eines Menschen, Gegenstandes oder Lebenszusammenhangs, bevor Preis, Rolle, Eigentum und Status hinzugefügt werden.
Die So-Heits-Gesellschaft ist keine fertige Utopie. Sie ist eine Technē-Welt, in der Wissen, Können, Herstellen, Prüfen und Verantwortung wieder miteinander verbunden werden.
Jeder Mensch soll nicht zum Wissenschaftler im institutionellen Sinn werden. Er soll zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit werden können.
Das bedeutet, Vorstellungen als Modelle zu behandeln, sie zu vergegenständlichen, praktisch zu erproben und an ihren Abhängigkeitskonsequenzen zu prüfen.
Auch die So-Heits-Gesellschaft selbst muss korrigierbar bleiben. Sobald sie als einzig richtige Ordnung behauptet würde, verwandelte sie sich in eine neue Skulpturidentität.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Das So-Heits-Atelier ist die öffentliche Hauptform der Forschungskunst. Sein vorgeschlagener Titel lautet: „Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung“.
Das Atelier verbindet Lebenswerk-Topografie, historische Werkspur, funktionsfähige Prüfobjekte, Besuchertätigkeit, Mitmachbuch und digitale Rückkopplung.
Der Besucher kommt aus der Kauf-, Verkaufs-, Rollen- und Statement-Welt. Er bringt Gewohnheiten, Erwartungen, Preisvorstellungen und gesellschaftliche Sicherheiten mit.
Der Rote Punkt und das Fußgängermalbuch bilden den Eingang. Der Besucher markiert sein Interesse und kann andere Menschen mit verwandten oder entgegengesetzten Fragen finden.
Im Vorgabenbereich arbeitet er mit Malbüchern, Schablonen und Folien. Im Wasserlabor erlebt er Materialantwort. In der Werkstatt misst, verbindet, formt, belastet und repariert er. Im Theater wechselt er Rollen. An den Tischen verbindet er seine Wahrnehmung mit anderen. In der digitalen Station vergleicht er seine Antwort mit einer KI-Auswertung.
Schultafel, Goldauftrag, Kartoffel, Quadratmeter Eigentum, Gordischer Knoten, Wellenbecken, Tanglandschaft, Astronaut und Feuerkäfig bilden keine illustrative Dekoration. Jedes Objekt besitzt eine definierte Prüffunktion.
Die documenta-Ausstellung ist dabei eine temporäre Membran. Der So-Heits-Raum reicht darüber hinaus in Stadt, Institution, Archiv, Körper, digitale Plattform und gesellschaftliche Folgen.
Verortungskunst und die Prüfung der documenta
Die documenta wird nicht nur als möglicher Ausstellungsort verstanden. Sie wird selbst zum Gegenstand der Verortungskunst.
Die acht Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 bilden eine chronistische Werkspur. Sie zeigen, welche Fragen und Versuchsanordnungen zu unterschiedlichen Zeitpunkten angeboten, nicht verstanden, nicht realisiert oder institutionell nicht aufgenommen wurden.
Die Aussage, die documenta 16 habe bereits begonnen, ist eine künstlerische Setzung. Gemeint ist, dass Verortung, Collagenarbeit, Besucherfragen und Prüfung nicht erst mit der Ausstellungseröffnung beginnen.
Das So-Heits-Atelier bewirbt sich damit nicht nur um einen Platz in der documenta. Die Verortungskunst untersucht auch, wie die documenta über Kunst, Neuheit, Beteiligung, Vermittlung und bisher nicht eingeordnete Lebenswerke entscheidet.
Das darf nicht als persönlicher Vorwurf verkürzt werden. Es handelt sich um eine institutionelle Prüffrage: Kann eine documenta ihre eigenen Auswahl-, Vermittlungs- und Geltungsstrukturen als veränderbare Bestandteile ihres Kunstwerkprozesses behandeln?
Belegbare Grundlagen und Forschungskunst-Hypothesen
Biografisch und archivalisch überprüfbar sind Ausbildung, Studium, datierte Werke, Aktionen, Bewerbungen, Presseberichte und Projektunterlagen. Der genaue Nachweis muss über Werkverzeichnis und Primärdokumente geführt werden.
Wissenschaftlich belegbar sind die körperlichen Abhängigkeiten des Menschen, Stoffwechsel, Osmose, Homöostase, Membranfunktion, Materialkräfte, evolutionäre Anpassung und die zeitliche Größenordnung der Erdgeschichte.
Historisch belegbar sind McLuhans Begriff des globalen Dorfes, die Freigabe der WWW-Software durch CERN und die Bedeutungsfelder vieler griechischer Begriffe.
Künstlerische Modelle und Hypothesen sind Tragwirklichkeit als oberster gesellschaftlicher Maßstab, 51:49, 50:50-Symmetriedualismus, 1:99-Drift, plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Rückkopplungsloch, Homo Speculans, Plastischer Homo Resonans und dreifaches Optimum.
Projektive Begriffe sind So-Heits-Gesellschaft, So-Heits-Raum, öffentlicher Simulator, Menschlicher TÜV, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier.
Diese Statusgruppen dürfen in der endgültigen Fassung nicht ineinander übergehen.
Gesamtarchitektur des Forschungsansatzes
Chronologisch führt der Forschungsweg von Naturbeobachtung und Spurensicherung über handwerkliche Passung, Fotografie und Werbekonstruktion zur Experimentellen Umweltgestaltung. Aus Wasser- und Materialversuchen entstehen Vorgabebilder und Malbücher. Aus ihnen entwickeln sich Rollenarbeit, Demokratiewerkstätten, Tausend Tische, Partizipatorisches Welttheater, Mitmachbuch, KI-Vergleich und Globale Schwarm-Intelligenz.
Systematisch beginnt die Architektur bei der physikalisch-chemischen Grundlage E1. E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel und plastisches Ich. E3 umfasst Symbol, Rolle, Technik, Eigentum und Geltung. E4 führt die Folgen von E3 auf E1 und E2 zurück und eröffnet Korrektur und Reparatur.
Dingselektion und Skulpturalisierung erzeugen Ausschnitte. Wird der Rückweg vergessen, entsteht ein Lochprozess. Überschreitet eine Folge den Wahrnehmungsbereich, entsteht ein Ereignishorizont. Kehrt die Folge nicht mehr zum Handelnden zurück, entsteht ein Rückkopplungsloch.
Gegenüberstellung, Materialwiderstand und Erfahrung eröffnen den Lernprozess. 51:49 hält eine minimale Differenz für Bewegung und Korrektur offen. Tragwirklichkeit bildet den leitenden Referenzbegriff.
Die künstlerischen Prüfobjekte verbinden Werkgeschichte und Begriffsarchitektur. Folien und Schablonen machen Schichten und Filter beweglich. Das Mitmachbuch überträgt die Prüfung in eine individuelle Werkspur. Tausend Tische und Globale Schwarm-Intelligenz verbinden individuelle Spuren zu einer öffentlichen Rückkopplungsarchitektur.
So-Heits-Gesellschaft ist die gesellschaftliche Zielprojektion. So-Heits-Raum bezeichnet ihren umfassenden Plexuszusammenhang. So-Heits-Atelier ist die künstlerische Hauptform. Werkstatt ist die praktische Prüfverrichtung. Die documenta bildet eine mögliche temporäre Verortungsmembran.
Die verdichtete Gesamtformel lautet: Der Mensch entwickelt aus einer Vorstellung ein Modell. Durch seine Tätigkeit trifft dieses Modell auf eine vorausliegende Trag- und Plexuswirklichkeit. Daraus entstehen Abhängigkeitskonsequenzen. Forschungskunst vergegenständlicht Modell, Tätigkeit, Widerstand und Folge. Öffentliche Rückkopplung ermöglicht Kritik, Korrektur, Reparatur und neues Lernen.
Doppelungen und notwendige Vereinfachungen
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten nicht als konkurrierende Hauptbegriffe auftreten. Tragwirklichkeit bleibt der Leitbegriff; Plexuswirklichkeit bezeichnet ihre Geflechtstruktur.
Kopplungs-Ich, plastisches Ich, Tragwesen und Plastischer Homo Resonans sollten hierarchisch geordnet werden. Plastisches Ich ist der Hauptbegriff.
Geltungs-Ich, Skulpturidentität, Statusidentität und Homo Speculans bezeichnen verschiedene Stufen derselben Verfestigungsbewegung.
Verletzungswelt und Unverletzungswelt sollten zugunsten von Verletzungswirklichkeit und symbolischer Distanzwelt präzisiert werden.
Kontrolle, Vergleich, Prüfung, Rückkopplung, Korrektur und Reparatur dürfen nicht synonym bleiben. Kontrolle stellt fest, Vergleich erzeugt Differenz, Prüfung bezieht sie auf einen Maßstab, Rückkopplung führt das Ergebnis zurück, Korrektur verändert die Tätigkeit und Reparatur bearbeitet entstandenen Schaden.
Loch, Lücke, Schnitt, Filter und Ereignishorizont müssen unterschieden bleiben. Nicht jeder Schnitt ist ein Loch. Das Loch entsteht durch den verlorenen Rückweg.
„Referenzwissenschaft 51:49“ klingt nach einer etablierten wissenschaftlichen Disziplin. „Künstlerisches Referenzverfahren 51:49“ wäre genauer.
Starke Begriffe wie Bastardkonstruktion, Selbstparasitismus, geistiger Krebs, Pfuscher und Menschlicher TÜV besitzen Vermittlungskraft, dürfen aber nicht die sachliche Begründung ersetzen.
Noch fehlende Verbindungen
Die wichtigste fehlende Verbindung liegt zwischen individueller Ateliererfahrung und gesellschaftlicher Entscheidung. Noch ist nicht ausreichend bestimmt, wie aus der Erkenntnis eines Besuchers eine Veränderung in Institution, Recht, Wirtschaft oder Alltag entsteht.
E4 benötigt eine präzisere Legitimation. Wer prüft, mit welchen Maßstäben, welcher Verantwortung und welcher Einspruchsmöglichkeit? Wie wird verhindert, dass die Prüfebene selbst zu einer neuen Herrschaftsinstanz wird?
Die 51:49- und 49:51-Richtungen müssen verbindlich unterschieden werden. Ihre Beziehung zu Goldenem Schnitt, Fibonacci und Pi darf nur hergestellt werden, wenn mathematische und künstlerische Bedeutung getrennt bleiben.
Die 24-Stunden-Uhr benötigt eine offengelegte Berechnung. Unterschiedliche Zeitmarken müssen als gewählte Kalibrierungen erkennbar bleiben.
Die kulturgeschichtlichen Folien benötigen Quellen, Gegenpositionen und fachkundige Prüfung. Sie dürfen komplexe Traditionen nicht auf ein einzelnes Schaubild reduzieren.
Die Tasse der Realität benötigt eine eindeutige Werk- und Prüfbeschreibung.
Die Foliengrammatik benötigt Legende, Farbstandard, Schichtungsregeln, Barrierefreiheit und Erprobung mit unvorbereiteten Benutzern.
Das Mitmachbuch benötigt einen klaren Einstieg, Urheberschaft, Datenschutz, Versionierung und sichtbare Korrekturgeschichte.
Die Globale Schwarm-Intelligenz benötigt Moderation, Quellenstandard, Übersetzung, Gegenbeispiele, technische Pflege und eine geklärte Eigentums- und Verantwortungsstruktur.
Das So-Heits-Atelier benötigt eine räumliche, personelle, konservatorische, technische und finanzielle Realisierungsplanung.
Die Werkgenese benötigt ein Werkverzeichnis, das Originalwerk, Rekonstruktion, damalige Formulierung, spätere Interpretation und heutige Atelierfunktion unterscheidet.
Abschließende Bestimmung
Aus dem Forschungsweg ist kein abgeschlossenes philosophisches oder wissenschaftliches System entstanden. Entstanden ist eine repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst.
Ihr Ausgangspunkt ist die Frage, warum der Mensch trotz Wissen und Korrekturfähigkeit seine Existenzbedingungen zerstört. Ihr Referenzraum ist die Tragwirklichkeit. Ihr Strukturbegriff ist die Plexuswirklichkeit. Ihr Menschenmodell ist das plastische Ich. Ihr Differenzialoperator ist 51:49. Ihre Prüfgrammatik ist E1 bis E4. Ihre kritischen Operationen sind Dingselektion, Skulpturalisierung und Lochprozess. Ihre Lernform ist die Gegenüberstellung. Ihre Methode verbindet Vorstellung, Vergegenständlichung, Tätigkeit, Widerstand, Vergleich und Rückkopplung. Ihre Beweismittel sind Werk, Material, Körper, Archiv und Beteiligung. Ihre tragbare Arbeitsform ist das Mitmachbuch. Ihre öffentliche Form ist das So-Heits-Atelier. Ihre digitale Weiterführung ist die Globale Schwarm-Intelligenz. Ihre gesellschaftliche Zielprojektion ist die So-Heits-Gesellschaft als offene und rückkopplungsfähige Technē-Welt.
Die Forschungskunst gibt keine endgültige Antwort. Sie stellt ein künstlerisches Handwerkszeug bereit, mit dem der Mensch seine Vorstellungen, Rollen, Tätigkeiten und Abhängigkeitskonsequenzen vergegenständlichen, prüfen und verändern kann.
Die folgende Fassung integriert die bisherige Entwicklung einschließlich der jüngsten Beuys-, KI- und documenta-16-Ergänzungen und unterscheidet zwischen Werkgeschichte, überprüfbaren Sachverhalten, rückblickender Deutung und Forschungskunst-Hypothesen.
Rekonstruktion der Forschungskunst Wolfgang Fenners
Von der „Experimentellen Umweltgestaltung“ zur öffentlichen Wirklichkeits- und Überzeugungsprüfung
Methodischer Status der Rekonstruktion
Die bisherige Entwicklung lässt sich nicht angemessen als Ansammlung einzelner Werke, Themen oder Theorien beschreiben. Sie zeigt vielmehr einen seit 1975 verlaufenden Forschungsprozess, in dem handwerkliche Erfahrung, Naturbeobachtung, künstlerische Tätigkeit, gesellschaftliche Versuchsanordnungen, biografische Erfahrungen, begriffliche Untersuchungen und immer neue Gegenprüfungen aufeinander reagiert haben. Viele Begriffe, die heute den Zusammenhang strukturieren – etwa Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Prüfanker, So-Heits-Gesellschaft oder So-Heits-Atelier –, standen am Anfang nicht als ausgearbeitete Theorie fest. Sie wurden erst später aus wiederkehrenden Erfahrungen und Werkoperationen herausgebildet.
Deshalb müssen vier Erkenntnisarten auseinandergehalten werden. Erstens gibt es historisch oder naturwissenschaftlich überprüfbare Sachverhalte, etwa historische Daten, physikalische Bedingungen, biologische Abhängigkeiten oder dokumentierte Werke und Veranstaltungen. Zweitens gibt es autobiografisch und archivalisch belegbare Vorgänge, deren Grundlage meine eigenen Unterlagen, Fotografien, Tagebücher, Korrespondenzen und Erinnerungen bilden und die für eine wissenschaftliche Publikation im Einzelnen quellenkritisch überprüft werden müssten. Drittens gibt es heuristische Vergleiche, bei denen historische, philosophische, sprachliche oder wissenschaftliche Modelle künstlerisch gegeneinandergestellt werden. Viertens gibt es Begriffe und Hypothesen meiner Forschungskunst. Dazu gehören insbesondere 51:49, 50:50 und 1:99, der Lochprozess, das Plastische Ich, die Skulpturidentität, die Plexuswirklichkeit, die So-Heits-Gesellschaft und verschiedene Prüfoperatoren. Sie dürfen nicht als bereits wissenschaftlich bewiesene Gesetze ausgegeben werden. Ihr Wert muss darin liegen, ob sie Unterschiede sichtbar machen, überprüfbare Fragen erzeugen und zu besseren Tätigkeitsentscheidungen führen.
Gerade diese Unterscheidung ist inzwischen selbst Teil der Methode geworden. Forschungskunst behauptet nicht, Wissenschaft zu ersetzen. Sie untersucht vielmehr, wie Menschen Wirklichkeit auswählen, darstellen, begrifflich formen, aufgrund dieser Vorstellungen tätig werden und anschließend mit den tatsächlichen Folgen ihrer Tätigkeiten konfrontiert werden können.
1. Forschungsgrund: Warum zerstört der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen?
Der Ausgangspunkt der Forschung liegt nicht in einer abstrakten Theorie, sondern in einem langen Erfahrungszusammenhang. Naturbeobachtungen, frühe Beschäftigungen mit Tieren und Landschaft, Erfahrungen mit Flurbereinigung, Umweltgiften und technischen Eingriffen trafen auf meine Ausbildung zum Maschinenschlosser und später auf das Studium der Bildhauerei. Hinzu kam in den 1970er Jahren die Konfrontation mit den ökologischen Grenzen industriellen Wachstums. Die 1972 veröffentlichte Studie Die Grenzen des Wachstums gehört dabei zum historisch überprüfbaren Hintergrund; welche Wirkung sie auf meine eigene Entwicklung hatte, gehört zur autobiografischen Werkgeschichte.
Aus diesen Erfahrungen kristallisierte sich eine Frage heraus, die später zur Leitfrage des gesamten Lebenswerks wurde:
Warum zerstört der Mensch trotz seiner Erkenntnis-, Lern- und Korrekturfähigkeit die Bedingungen, von denen seine eigene Existenz abhängt?
Diese Frage verschob den Gegenstand der Kunst. Nicht mehr allein ein herzustellendes Kunstobjekt stand im Zentrum, sondern der Mensch selbst als wahrnehmendes, modellbildendes, handelndes und folgenproduzierendes Wesen.
Die spätere Forschungskunst ist deshalb keine nachträglich auf die Werke aufgesetzte Theorie. Umgekehrt wurden zunächst Tätigkeiten und Versuchsanordnungen entwickelt, aus denen sich allmählich ein Forschungszusammenhang herauslesen ließ.
Die Zielprojektion blieb dabei bemerkenswert konstant: Gesucht wird eine Form des Lernens, in der Menschen ihre Vorstellungen nicht nur gegen andere Vorstellungen, sondern gegen Tätigkeitsfolgen und Existenzbedingungen prüfen können.
Offen blieb über Jahrzehnte die entscheidende Frage, welcher Maßstab eine solche Prüfung tragen kann. Genau daraus entstanden später Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Vier-Ebenen-Modell und Prüfanker.
2. Werkgenese: Von der Werkstatt zur Forschungskunst
Handwerk als frühe Prüfstruktur
Die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 bildete eine erste, zunächst nicht theoretisierte Grundlage. Eine technische Form funktioniert nicht deshalb, weil sie behauptet wird. Ein Kreis ersetzt keinen Exzenter, wenn eine Maschine einen Exzenter benötigt. Eine Zeichnung, ein Name oder eine Vorstellung können die Funktionsbedingung nicht außer Kraft setzen.
Diese Erfahrung wurde später zu einer Grundfigur des Begriffshandwerks:
Bezeichnung ist nicht Funktion. Vorstellung ist nicht Tätigkeit. Tätigkeit ist nicht Folge.
In der Werkstatt gibt das Material Antwort. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Verbindung trägt oder bricht. Diese Widerständigkeit der Sache wurde später zu einem Modell für Wirklichkeitsprüfung.
Die „Experimentelle Umweltgestaltung“ ab 1975
Während des Studiums an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entstand ab 1975 die „Experimentelle Umweltgestaltung“. Sie war zunächst ein generalistischer, interdisziplinärer beziehungsweise integrativer Ansatz. Naturprozesse, Technik, Wahrnehmung, Gestaltung, soziale Zusammenhänge und künstlerische Verfahren sollten nicht getrennt behandelt werden.
Zu den frühen Versuchen gehörten Untersuchungen mit Wasser und Wellen, Vergleiche von Biberdämmen und technischen Deichformen, asymmetrische Fahrzeugentwürfe, Arbeiten mit Klang, Farbe, Video und Wahrnehmungsverschiebungen sowie Untersuchungen von Formbildungsprozessen. Entscheidend war weniger das jeweilige Einzelresultat als die entstehende Arbeitsweise: etwas herstellen, eine Veränderung erzeugen, beobachten, was tatsächlich geschieht, und daraus den nächsten Versuch ableiten.
Damit lag bereits eine elementare Forschungsstruktur vor, obwohl der heutige Begriff „Forschungskunst“ noch nicht vollständig entwickelt war.
Eine wichtige spätere Korrektur besteht deshalb darin, die „Experimentelle Umweltgestaltung“ nicht rückwirkend so darzustellen, als habe 1975 bereits das gesamte heutige Theoriegebäude existiert. Sie ist vielmehr Wegbereiterin der Forschungskunst, weil in ihr die späteren Operationen bereits praktisch auftreten: Versuch, Differenz, Gegenüberstellung, Beobachtung, Rückkopplung und Korrektur.
3. Malbücher, Vorgabebilder und die Entdeckung der Vorgabe
Bereits in den 1970er Jahren entstanden Erwachsenenmalbücher, Vorgabebilder und Versuche mit vielen Teilnehmern. In ihnen verlagerte sich die Untersuchung vom einzelnen Künstler auf das Verhältnis zwischen Vorgabe und eigener Formbildung.
Ein vorgegebenes Bild ist nicht neutral. Wer innerhalb einer vorgegebenen Kontur arbeitet, gestaltet zwar, aber innerhalb einer bereits strukturierten Möglichkeit. Daraus entwickelte sich später eine weit größere Frage:
Wie viel von dem, was ein Mensch für seine eigene Entscheidung hält, findet innerhalb bereits vorgegebener Bilder, Begriffe, Rollen, Wertungen und gesellschaftlicher Schablonen statt?
Das Malbuch wurde damit rückblickend zu einem frühen Prüfobjekt der später sogenannten Skulpturalisierung. Es zeigt anschaulich, dass Freiheit nicht einfach dadurch gegeben ist, dass jemand innerhalb eines Rahmens zwischen mehreren Möglichkeiten wählen darf.
Das heutige Mitmachbuch geht aus genau dieser Werkspur hervor. Die frühe Malbucharbeit war daher nicht bloß ein pädagogisches Experiment, sondern ein Vorläufer der späteren Folien- und Prüfgrammatik.
4. Joseph Beuys und die Verschiebung von der Sozialen Plastik zur Forschungskunst
Die Begegnung mit Joseph Beuys gehört in diesen Entwicklungszusammenhang, darf aber nicht nachträglich zum Ursprung der gesamten Forschung gemacht werden.
Nach meiner Erinnerung schickte ich Joseph Beuys 1976 eine Blumenwiese. Beuys erzählte mir später, er habe sie auf seinem Balkon ausgesät; auf dieser Wiese sei sein Hase gelaufen. 1980 begegnete ich ihm erneut im Zusammenhang mit dem Versuch, gemeinsam mit Johannes Stüttgen seine politische Arbeit zu unterstützen und die Idee der Sozialen Plastik zu vermitteln. Diese Vorgänge gehören zur autobiografischen und archivalisch überprüfbaren Werkgeschichte; ihre Einzelheiten müssten bei einer wissenschaftlichen Veröffentlichung anhand vorhandener Korrespondenzen oder anderer Dokumente überprüft werden.
Entscheidender als eine mögliche kunsthistorische Nähe zu Beuys ist jedoch die spätere Differenzierung. Die eigene Arbeit ging nicht darin auf, die „Soziale Plastik“ fortzuführen. Die Frage verschob sich von der gesellschaftlichen Formbarkeit auf die Bedingungen des Formens selbst: Wer formt? Aufgrund welcher Vorstellung? Was wird dabei übersehen? Welche Folgen entstehen? Und woran kann anschließend geprüft werden, ob die Form trägt?
Besonders deutlich wird diese Verschiebung in meiner großen, zwei mal zwei Meter messenden Collage, die nach der Nachricht von Beuys’ Tod entstand. Das Thema war, wogegen und wofür Beuys gekämpft hatte. Ich konnte die Arbeit zunächst nicht fertigstellen, solange Beuys selbst im Zentrum stand. Erst nachdem ich ihn aus dem Mittelpunkt herausgenommen und stattdessen die Darstellung eines australischen Ureinwohners mit Maden im Mund in das Zentrum gesetzt hatte, konnte ich die Collage abschließen.
Der Vorgang ist als Werkhandlung beziehungsweise autobiografische Erfahrung zu unterscheiden von seiner heutigen Interpretation. Rückblickend lässt er sich als ein entscheidender methodischer Schritt lesen: Nicht der Künstler oder die Autorität durfte im Zentrum der Untersuchung bleiben, sondern eine Wirklichkeit, die seine Person überschreitet.
Das ist eine der Linien, auf denen die eigene Forschungskunst gegenüber einer bloßen Übernahme der Sozialen Plastik eigenständig wird.
5. Wirklichkeitsverständnis: Von der Umwelt zur Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit
Der Begriff „Umwelt“ erwies sich mit der Zeit als unzureichend. Er kann suggerieren, dass hier ein Mensch steht und dort eine ihn umgebende Welt. Die Arbeiten mit Wasser, Stoffwechsel, Material, Landschaft und später mit dem Astronautenanzug widersprachen jedoch einer solchen Trennung.
Der Mensch befindet sich nicht lediglich in einer Umwelt. Er besteht aus Stoffen, ist von Temperatur, Druck, Gravitation, Wasser, Nahrung, Luft und anderen Organismen abhängig und verändert diese Bedingungen gleichzeitig durch seine Tätigkeiten.
Daraus entstand zunächst der Begriff der Tragwirklichkeit. Er bezeichnet jene Bedingungen und Prozesse, die menschliche Existenz tatsächlich tragen, unabhängig davon, was Menschen über sie behaupten.
Später wurde der Begriff durch die Plexuswirklichkeit erweitert. „Plexus“ bezeichnet hier keine naturwissenschaftlich etablierte Theorie, sondern ein forschungskünstlerisches Modell für die vielfache Verflochtenheit von Stoffen, Organismen, technischen Eingriffen, symbolischen Konstruktionen und Rückwirkungen.
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit sollten deshalb heute nicht mehr synonym verwendet werden. Eine sinnvolle Differenzierung lautet:
Plexuswirklichkeit bezeichnet den umfassenden Beziehungs- und Wirkungszusammenhang; Tragwirklichkeit bezeichnet darin diejenigen Zusammenhänge, von denen Existenz und Fortbestand abhängen.
Damit lässt sich auch der später eingeführte Begriff des Tragwesens genauer einordnen: Der Mensch ist kein isoliertes Subjekt, sondern ein Wesen, das getragen wird, selbst trägt, Belastungen erzeugt und die eigenen Tragebedingungen beschädigen oder erhalten kann.
Das daraus abgeleitete Tragbewusstsein ist dagegen bereits eine normative Zielprojektion der Forschungskunst: die Fähigkeit, sich nicht nur als autonomes Ich, sondern als verantwortlichen Teil solcher Tragezusammenhänge wahrzunehmen.
6. Lochprozesse: Wahrnehmung als notwendige Auswahl
Aus der Beschäftigung mit Fotografie, Kamera, Rahmen, Ausschnitt, Schablone und später Folien entstand eine weitere zentrale Einsicht: Wahrnehmung kann niemals die Gesamtheit eines Wirklichkeitszusammenhangs gleichzeitig aufnehmen.
Jede Wahrnehmung selektiert. Jede Kamera hat einen Ausschnitt. Jede Disziplin besitzt Fragestellungen und Messmethoden. Jeder Begriff hebt etwas hervor und lässt anderes zurück.
Daraus entwickelte sich der Begriff Lochprozess.
Er ist kein etablierter wissenschaftlicher Terminus. Er bezeichnet innerhalb der Forschungskunst den Vorgang, durch den ein Ausschnitt der Wirklichkeit sichtbar wird, während andere Beziehungen durch das jeweilige Wahrnehmungs-, Begriffs- oder Disziplinraster hindurchfallen.
Ein Loch ist dabei nicht einfach Nichtwissen. Entscheidend ist vielmehr, dass der Ausfall häufig unsichtbar bleibt. Man sieht etwas und hält das Gesehene für die Sache selbst.
Diese Differenz führt zu einem der stärksten Prüfgedanken der gesamten Forschung:
Das Gefährliche ist nicht allein, etwas nicht zu wissen. Gefährlich wird es, wenn ein Ausschnitt nicht mehr als Ausschnitt erkannt wird.
Mit den Lochprozessen verbindet sich deshalb die Kritik an isolierten Disziplinlogiken. Diese Kritik darf jedoch nicht in die Behauptung kippen, einzelne Wissenschaften seien unnütz oder grundsätzlich falsch. Das Problem entsteht dort, wo ein methodisch notwendiger Ausschnitt in einen Totalitätsanspruch verwandelt wird.
Die offene Aufgabe besteht darin, den Lochprozess weiter zu operationalisieren. Es muss genauer unterschieden werden zwischen sensorischer Selektion, begrifflicher Selektion, institutioneller Selektion, disziplinärer Selektion und absichtlicher Ausblendung.
7. Gegenüberstellung und Lernen
Die Antwort auf den Lochprozess wurde zunehmend in der Gegenüberstellung gefunden.
Eine Vorstellung kann sich nicht selbst zuverlässig prüfen. Sie benötigt ein Gegenüber. Dieses Gegenüber kann ein Material sein, ein anderer Mensch, ein Messergebnis, eine Tätigkeit, deren Folge, ein historisches Vergleichsmodell, ein Bild, eine Folie oder inzwischen auch eine künstliche Intelligenz.
Das Prinzip geht unmittelbar aus der handwerklichen und bildhauerischen Erfahrung hervor. Eine Vorstellung im Kopf wird in Ton, Metall, Holz, Wasser oder einer gesellschaftlichen Handlung realisiert. Dadurch entsteht eine Differenz zwischen Vorstellung und Resultat.
Genau diese Differenz ist nicht bloß Fehler. Sie erzeugt Lernmöglichkeit.
Die Grundfolge lautet inzwischen:
Vorstellung → Tätigkeit → Folge → Gegenüberstellung → Erfahrung → Korrektur.
Später wurde deutlich, dass diese Folge erweitert werden muss. Schon die Vorstellung entsteht aus einer Auswahl. Deshalb lautet die umfassendere Fassung:
Plexuswirklichkeit → Selektion/Lochprozess → Wahrnehmung und Modellbildung → Tätigkeit → Tätigkeitsfolge → Rückkopplung → Gegenüberstellung → Erfahrung → Prüfung → Korrektur → erneute Tätigkeit.
Lernen wird damit nicht primär als Aufnahme von Information definiert, sondern als Fähigkeit, eine Differenz zwischen Erwartung, Tätigkeit und tatsächlicher Folge auszuhalten und produktiv zu verarbeiten.
Diese Definition ist eine forschungskünstlerische Modellbildung. Ihre Tragfähigkeit muss an konkreten Lernprozessen geprüft werden.
8. Plastik und Skulpturalisierung
Eine der wichtigsten begrifflichen Korrekturen der letzten Entwicklung betrifft „Plastik“ und „Skulptur“.
Zunächst wurden beide Begriffe teilweise kunsthistorisch beziehungsweise alltagssprachlich verwendet. Später entstand daraus eine methodische Opposition.
Plastik bezeichnet nun den fortlaufenden Formbildungsprozess, in dem sich etwas aufgrund von Kräften, Widerständen, Rückkopplungen und eigenen Tätigkeiten verändert.
Skulpturalisierung bezeichnet dagegen die Tendenz, etwas festzuschreiben, zuzuschneiden, zuzuweisen oder in eine bestehende Form hineinzupressen.
Diese Unterscheidung wird auf den Menschen übertragen. Daraus entstehen das Plastische Ich und die Skulpturidentität.
Das Plastische Ich bezeichnet den Menschen als lebendigen, lernenden, sich regenerierenden und durch Erfahrung verändernden Prozess. Die Skulpturidentität bezeichnet demgegenüber die symbolisch und sozial stabilisierte Identität: Beruf, Status, Besitz, Nationalität, Rolle, Rang, Zuschreibung, gesellschaftliche Erwartungen und selbst erzeugte Selbstbilder.
Diese Begriffe sind keine etablierten anthropologischen Kategorien. Sie gehören zur Forschungskunst.
Ihre methodische Stärke liegt darin, zwischen einer lebendigen Veränderungsfähigkeit und gesellschaftlich verfestigten Identitätsformen unterscheiden zu können.
Ihre Gefahr liegt in einer zu starken Polarisierung. Auch eine soziale Rolle kann notwendig, veränderlich und hilfreich sein; auch ein biologischer Organismus besitzt stabile Strukturen. Die Begriffe dürfen daher nicht in die einfache Gleichung „plastisch = gut“ und „skulptural = schlecht“ übergehen.
Entscheidend ist die Frage:
Kann eine Form auf Rückmeldung reagieren, oder schützt sie sich gegen jede Gegeninformation?
Damit verbindet sich Plastik unmittelbar mit Lernen und Skulpturalisierung mit der Gefahr der Rückkopplungsunterbrechung.
9. Erfahrung und Rückkopplung
Der Begriff Erfahrung erhielt im Verlauf der Forschung eine immer präzisere Stellung. Erfahrung ist nicht einfach Erinnerung und nicht jede subjektive Überzeugung ist bereits Erfahrung im methodischen Sinn.
Entscheidend wird eine tatsächliche Rückwirkung.
Das Material antwortet auf den Handwerker. Wasser antwortet auf eine Form. Ein Körper reagiert auf Temperatur, Druck, Nahrung oder Belastung. Ein gesellschaftlicher Eingriff erzeugt Wirkungen, die von der ursprünglichen Absicht abweichen können.
Daraus entstand der Gedanke, dass Tätigkeiten ihre eigene Erkenntnisquelle hervorbringen können.
Das künstlerische Dreieck, das zuletzt entwickelt wurde, macht diesen Zusammenhang anschaulich: oben beziehungsweise auf einer Seite befindet sich die Vorstellung oder das Modell im Kopf, auf einer weiteren Seite die handelnden Hände und auf der dritten Seite das entstehende Werk beziehungsweise die tatsächlich hervorgebrachte Form.
Eine falsche oder unzureichende Vorstellung führt nicht automatisch zu einem falschen Resultat, weil Tätigkeit selbst korrigierend wirken kann. Aber wenn die Rückmeldung ignoriert wird, kann eine falsche Vorstellung stabilisiert werden.
Das künstlerische Arbeiten wird dadurch zum Modell einer allgemeineren Zivilisationsfrage:
Ist eine Gesellschaft noch in der Lage, aus den Folgen ihrer eigenen Tätigkeiten zu lernen?
Diese Übertragung vom Werkprozess auf Gesellschaft ist keine naturwissenschaftlich bewiesene Gleichung, sondern eine zentrale Hypothese der Forschungskunst.
10. Symbol- und Eigenschaftsbildung: Die hineingedachten Eigenschaften
Eine weitere Entwicklung entstand aus der Frage, welche Eigenschaften tatsächlich in Dingen vorhanden sind und welche ihnen von Menschen zugeschrieben werden.
Masse, Temperatur, chemische Zusammensetzung oder Bruchfestigkeit lassen sich unter bestimmten Bedingungen messen. Ein Geldwert, Eigentumsstatus, Prestige, Heiligkeit oder gesellschaftlicher Rang existieren dagegen nicht auf dieselbe Weise als physikalische Eigenschaft eines Gegenstandes.
Sie sind deshalb nicht „unwirklich“. Sie können enorme reale Folgen haben. Aber ihre Wirklichkeitsart ist verschieden.
Daraus entstand eine zunehmend wichtige Differenzierungsgrammatik:
Etwas kann materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hergestellt, gesellschaftlich zugeschrieben oder symbolisch behauptet sein.
Der Begriff der hineingedachten Eigenschaft soll sichtbar machen, dass Menschen Zuschreibungen so stark naturalisieren können, dass sie ihnen wie Eigenschaften der Sache selbst erscheinen.
Besonders deutlich wurde dies am Eigentum. Ein Grundstück besitzt physische Eigenschaften; „mein Grundstück“ ist dagegen zusätzlich eine rechtlich und gesellschaftlich erzeugte Zuordnung. Die Zuordnung ist real wirksam, aber sie ist keine physische Eigenschaft des Bodens.
Diese Unterscheidung wurde zu einem Kern des Begriffshandwerks:
Nicht fragen, ob etwas „wirklich“ oder „unwirklich“ ist, sondern: Auf welche Weise ist es wirklich?
Damit wurde die frühere Gegenüberstellung von „Natur“ und „Künstlichkeit“ verfeinert.
11. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche
Die Untersuchung wurde anschließend auf historische Begriffe und Denkmodelle ausgeweitet. Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Vorstellungen, neuzeitliche Naturwissenschaft, der Begriff technē, die lateinische res und die Geschichte von Plastik und Skulptur wurden nicht als Beweiskette benutzt, sondern als unterschiedliche kulturelle Schnitte durch Wirklichkeit.
Gerade hier ist die epistemische Trennung besonders wichtig.
Eine Platon-Folie darf nicht behaupten, „die Griechen“ hätten Wirklichkeit insgesamt auf genau diese Weise verstanden. Eine Christentums-Folie darf eine zweitausendjährige Religionsgeschichte nicht auf „Körper unten – Seele oben“ reduzieren. Und die Physik darf nicht so dargestellt werden, als interessiere sie sich grundsätzlich nicht für Organismen, Folgen oder gesellschaftliche Verantwortung.
Die Folien sind daher heuristische Vergleichsmodelle.
Platon steht in dieser Grammatik für die Aufwertung des unveränderlichen Modells gegenüber dem Veränderlichen. Aristoteles dient als Gegenfigur, weil Stoff, Form, Bewegung und Entwicklung stärker miteinander verbunden werden können. Bestimmte christliche Vorstellungen werden auf die Trennung beziehungsweise Hierarchisierung von Leib und Seele hin untersucht. Die klassische physikalische Versuchsanordnung macht sichtbar, wie außerordentlich leistungsfähig kontrollierte Reduktion ist – und zugleich, dass aus einer Messung von Masse, Kraft oder Temperatur noch keine Antwort auf Verantwortung hervorgeht.
Die historische Forschung muss hier künftig deutlich vertieft werden. Diese Vergleiche dürfen als Prüffolien benutzt werden, nicht als vereinfachte Geistesgeschichte.
12. Das Vier-Ebenen-Modell
Aus den vorhergehenden Differenzierungen entstand schließlich das Vier-Ebenen-Modell.
E1 – Materielle und physikalische Bedingungen
E1 umfasst Stoff, Masse, Temperatur, Druck, Gravitation, Bewegung, Last, Bruch und andere physische Bedingungen. Diese Ebene lässt sich in großen Teilen naturwissenschaftlich untersuchen.
E2 – Lebendige Prozesse
E2 bezeichnet Organismus, Stoffwechsel, Wachstum, Regeneration, Verletzbarkeit, Bedürfnisse und die plastische Veränderlichkeit lebender Systeme. Hier wird das Plastische Ich verortet.
E3 – Symbolische und gesellschaftliche Geltungswelt
E3 umfasst Sprache, Geld, Eigentum, Rollen, Gesetze, Institutionen, Status, Religionen, Nationen und andere von Menschen hergestellte oder stabilisierte Geltungsordnungen. Diese Strukturen sind real wirksam, aber ihre Wirklichkeitsweise unterscheidet sich von E1 und E2.
Hier befindet sich auch die Skulpturidentität.
E4 – Prüfung, Rückkopplung und Revision
E4 entstand später als Ergänzung. Dabei zeigte sich ein begriffliches Problem: E4 ist möglicherweise nicht im gleichen Sinn eine „Ebene“ wie E1 bis E3. Sie bezeichnet eher eine Operation, durch die Aussagen und Tätigkeiten zwischen den Ebenen geprüft werden.
E4 fragt:
Was wird behauptet?
Auf welcher Ebene gilt es?
Welche anderen Ebenen werden betroffen?
Welche Folgen entstehen?
Was kommt tatsächlich zurück?
Was muss korrigiert werden?
Eine wichtige künftige Präzisierung sollte deshalb lauten: E1 bis E3 beschreiben Wirklichkeitsbereiche beziehungsweise Wirkungsweisen; E4 bezeichnet die transversale Prüf- und Revisionsoperation zwischen ihnen.
Damit wird eine bisherige begriffliche Unschärfe beseitigt.
13. 51:49, 50:50, 1:99 und das Differenzialprinzip
Die frühe 51:49-Intuition entstand in den 1970er Jahren und wurde über Jahrzehnte unterschiedlich gedeutet. In der heutigen Fassung darf 51:49 nicht als naturwissenschaftliche Konstante behauptet werden.
Es ist ein Prüfmodell minimaler Asymmetrie.
50:50 bezeichnet in dieser Forschung einen Zustand scheinbarer Symmetrie beziehungsweise eine dualistische Gleichsetzung. 51:49 bezeichnet die kleinste gedachte Verschiebung, durch die Richtung, Differenz und Veränderung entstehen. 1:99 bezeichnet die extreme Drift, bei der ein Pol nahezu die gesamte Verfügungsmacht erhält.
Später wurde daraus das Differenzialprinzip. Dieses ist begrifflich stärker als die bloße Zahl, weil es deutlich macht, dass nicht der Zahlenwert selbst entscheidend ist, sondern die Sensibilität gegenüber kleinen Verschiebungen, aus denen große Folgen entstehen können.
Die „plastische symmetria“ kann als übergeordnete Zielvorstellung verstanden werden: kein statisches Gleichgewicht, sondern fortlaufende Kalibrierung.
Damit lässt sich eine begriffliche Hierarchie herstellen:
Differenzialprinzip = allgemeiner Forschungsgrundsatz.
51:49 = anschauliches Minimalmodell.
1:99 = Modell extremer Drift.
plastische symmetria = Fähigkeit zur fortlaufenden Korrektur.
Dadurch werden mehrere bisher teilweise konkurrierende Begriffe geordnet.
14. Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr entstand als planetarischer Kalibrierungsversuch. Erdgeschichte, Geschichte des Homo sapiens, Landwirtschaft, Industrialisierung und Great Acceleration werden auf einen einzigen Tag übertragen.
Die zugrunde gelegten geologischen und historischen Zeiträume sind prinzipiell wissenschaftlich überprüfbar; ihre Umrechnung auf einen Tag ist eine mathematische Veranschaulichung. Die daraus gezogene Bedeutung ist dagegen forschungskünstlerisch.
Sie zeigt den Menschen als extrem spät auftretendes Wesen, dessen technisch-industrielle Eingriffsmacht in einem verschwindend kurzen Zeitraum enorm angestiegen ist.
Daraus entstand zuletzt das Bild des Millisekunden-Menschen.
Dieser Begriff ist keine anthropologische Fachkategorie, sondern ein Positionsanker. Er soll eine Wahrnehmungskorrektur erzeugen: Ein Wesen, das sich kulturgeschichtlich gern als Mittelpunkt setzt, erscheint in planetarischer Zeit als extrem junger Akteur.
Die offene Frage lautet, wie aus dieser Zeitkalibrierung tatsächlich Verantwortungsfähigkeit entstehen kann und wie verhindert wird, dass das Bild lediglich überwältigt.
15. Begriffshandwerk und Prüfanker
Mit zunehmender theoretischer Verdichtung entstand die Gefahr, dass die Forschung selbst genau das erzeugt, was sie kritisiert: eine geschlossene Begriffswelt.
Darauf reagiert das Begriffshandwerk.
Ein Begriff soll wie ein Werkzeug behandelt werden. Er muss eine bestimmte Differenz leisten. Man muss erkennen können, wofür er gebraucht wird, wo er nicht reicht und wann er durch einen anderen Begriff ersetzt werden muss.
Daraus entstanden die Prüfanker.
Ein Prüfanker ist nicht dasselbe wie ein Prüfoperator.
Der Prüfanker bezeichnet einen Bezugspunkt oder Maßstab.
Der Prüfoperator bezeichnet die Tätigkeit des Prüfens.
Diese Trennung ist wichtig. „Temperatur“ kann beispielsweise als überprüfbarer Bezug dienen; das Messen ist die Operation. Im gesellschaftlichen Bereich kann eine Tätigkeitsfolge ein Anker sein; die systematische Gegenüberstellung von Absicht und Folge ist der Operator.
Begriffshandwerk wird dadurch zum Selbstkorrektiv der Forschungskunst. Auch Begriffe wie Plexuswirklichkeit, 51:49 oder So-Heit dürfen nicht vor ihrer eigenen Prüfung geschützt werden.
16. Künstlerische Prüfobjekte
Viele Werke lassen sich heute als Vorformen oder Verkörperungen bestimmter Prüfoperatoren lesen.
Das Wellenbecken macht Wirkung und Rückwirkung unmittelbar sichtbar.
Der Biberdamm-Deich-Vergleich verbindet Naturbeobachtung mit technischer Formbildung.
Die Schultafel untersucht Vorgabe, Wissen, Autorität und Löschbarkeit.
Die Kartoffelarbeiten verbinden ein alltägliches Ding mit biologischer, ökonomischer, kultureller und symbolischer Bedeutung.
Der Gordische Knoten untersucht Verwicklung, Lösungsvorstellung und den Wunsch nach radikaler Vereinfachung.
Der gläserne Astronaut beziehungsweise der reale Astronautenanzug macht sichtbar, welche ungeheure technische Apparatur notwendig wäre, um den Menschen scheinbar von seiner Umgebung zu isolieren.
Der Feuerkäfig verdichtet eine aktuelle Diagnose: Ein Mensch sitzt in einem Käfig, dessen Tür offensteht, während im Inneren Feuer brennt. Er könnte den Käfig verlassen und tut es dennoch nicht. Parameter wie Status, 50:50, 1:99 oder die 24-Stunden-Uhr können als unsichtbare Bindungen hinzugedacht werden.
Der Feuerkäfig ist ausdrücklich kein wissenschaftliches Erklärungsmodell menschlichen Verhaltens. Er ist ein künstlerisches Prüfobjekt für die Frage, warum erkannte Gefährdung nicht automatisch zu verändertem Handeln führt.
Auch Sandtrichter, Saftpresse und Thermosflasche gehören in diese Operatorfamilie. Sie übersetzen abstrakte Fragen in körperlich beziehungsweise visuell nachvollziehbare Prozesse: Verschüttung, Auspressung, Isolation, Umkehrung, Druck und Durchlässigkeit.
17. Folien und Schablonen: Die sichtbare Grammatik der Auswahl
Die gegenwärtige Folienarbeit bündelt eine sehr lange Entwicklung aus Fotografie, Collage, Malbuch, Überlagerung und vergleichendem Denken.
Eine Folie behauptet nicht: „So ist die Wirklichkeit.“
Sie sagt vielmehr:
Was geschieht, wenn ich diesen Zusammenhang darüberlege? Was wird dadurch sichtbar? Was verschwindet? Und was verändert sich, wenn ich die Folie wieder entferne?
Die Folien bilden daher die praktische Gegenmethode zum Lochprozess.
Zu den entwickelten Grundfolien gehören die physikalisch-kosmische Welt, das ganzheitliche Netzwerk, der Mensch mit dem Spaten als Träger von Tätigkeitsfolgen, die Frau mit der Aussage „Ich bin frei“, Isolationsräume beziehungsweise Flaschen- und Thermosmodelle, die Durchdringung des Körpers durch Wärme und Gravitation, molekulare Verknüpfungen, der Mensch im Wasser mit anderen Lebewesen und die zeitgeschichtliche Position des Homo sapiens.
Hinzu kommen die historisch-theoretischen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik sowie Operatorfolien wie Sandtrichter, Saftpresse und Astronautenanzug.
Besonders wichtig ist, dass diese Folien nicht zu neuen Dogmen werden dürfen. Jede Folie muss abnehmbar bleiben.
Die Transparenz ist daher nicht nur Materialeigenschaft, sondern methodisches Prinzip.
Eine Folie darf einen Blick anbieten, aber niemals behaupten, der Blick sei die vollständige Wirklichkeit.
18. Das Mitmachbuch als tragbare Forschungskunst
Das Mitmachbuch führt mehrere historische Werkstränge zusammen: Erwachsenenmalbuch, Vorgabebild, Tagebuch, Fotografie, Collage, Frage-Antwort-Verfahren, Schultafel, Folien und gesellschaftliche Beteiligungsformen.
Der entscheidende Unterschied zum gewöhnlichen Buch liegt darin, dass es nicht nur Inhalte vermitteln soll.
Der Benutzer soll selbst auswählen, überlagern, vergleichen, ergänzen, widersprechen und neue Beziehungen herstellen.
Das Mitmachbuch wird damit zu einer tragbaren Werkstatt der Wirklichkeitsprüfung.
Seine einfachsten Einstiegsobjekte – etwa Kartoffel, Wiese oder Schultafel – sind gerade deshalb methodisch stark, weil kein Spezialwissen vorausgesetzt werden muss. Von einem gewöhnlichen Gegenstand kann zwischen E1, E2 und E3 gewechselt werden: Was ist materiell vorhanden? Was lebt oder verändert sich? Was schreiben Menschen ihm zu?
Die Folien ergänzen E4, indem sie unterschiedliche Prüfungen ermöglichen.
Das Mitmachbuch ist damit nicht bloß eine Publikation über Forschungskunst. Es soll selbst Forschungskunst vollziehen.
Offen ist noch die genaue Benutzerdramaturgie. Das Buch darf nicht so kompliziert werden, dass der Leser zuerst das gesamte Theoriegebäude verstehen muss. Seine stärkste Form wäre vermutlich eine Erfahrungskette, bei der die Begriffe erst aus den vollzogenen Unterschieden hervorgehen.
19. Tausend Tische: Von der individuellen zur verteilten Gegenüberstellung
Mit partizipatorischen Arbeiten, Demokratiewerkstätten, Frage-und-Antwort-Tischen, Kollektiver Kreativität und dem Globalen Dorffest wurde die zuvor individuelle Gegenüberstellung gesellschaftlich erweitert.
Die Idee der Tausend Tische ist dabei besonders wichtig.
Ein Tisch ist ein einfacher sozialer Operator. Menschen sitzen sich gegenüber. Gegenstände, Bilder oder Fragen können zwischen ihnen liegen. Etwas kann gemeinsam untersucht werden.
In der großen Vervielfachung wird daraus ein verteiltes Labor.
Die Tausend Tische sind deshalb rückblickend eine analoge Vorform dessen, was später als Globale Schwarm-Intelligenz digital weiterentwickelt wurde.
Methodisch verändert sich damit der Maßstab:
Aus dem Künstler, der sein Werk prüft, werden Menschen, die ihre unterschiedlichen Wahrnehmungen und Vorstellungen gegenseitig zum Gegenüber machen.
Der Schwarm ist dabei nicht automatisch intelligent. Tausend Menschen können tausendmal denselben Irrtum wiederholen. Deshalb war die spätere Ergänzung durch Prüfanker notwendig.
Die entscheidende offene Frage lautet daher nicht: Wie bekommen wir möglichst viele Teilnehmer?
Sie lautet:
Wie organisiert man viele Perspektiven so, dass Differenzen erhalten bleiben, Irrtümer korrigiert und Minderheiten nicht einfach von Mehrheiten überstimmt werden?
20. KI: Werkzeug, Gegenüber und Prüfobjekt
Die künstliche Intelligenz hat innerhalb der jüngsten Entwicklung eine doppelte Stellung.
Zum einen benutze ich sie bei der sprachlichen Ausarbeitung meiner Texte als Schreib-, Korrektur- und Strukturhilfe – ausdrücklich einschließlich ihres Fehlerpotenzials. Aufgrund meines ADHS, meiner Legasthenie, meiner früheren Erfahrungen mit dem Stottern sowie weiterer Beeinträchtigungen hilft sie mir dabei, komplexe gedankliche Zusammenhänge zu ordnen und die umfangreichen schriftlichen Anforderungen meines Lebenswerks zu bewältigen.
In diesem Sinn kompensiert beziehungsweise unterstützt KI bestimmte Arbeitsprozesse, ohne dadurch Autorin der zugrunde liegenden jahrzehntelangen Werkentwicklung zu werden.
Zum anderen ist sie selbst Forschungsgegenstand.
Eine KI kann Gegenpositionen erzeugen, Begriffe vergleichen, große Textmengen strukturieren, Widersprüche auffinden und frühere Entwicklungsstufen miteinander verbinden. Gleichzeitig kann sie halluzinieren, vereinfachen, suggerieren, falsche Sicherheit erzeugen und den Benutzer mit sprachlich überzeugenden, aber sachlich unzutreffenden Antworten konfrontieren.
Gerade deshalb passt sie methodisch in die Forschungskunst.
Sie ist kein Wahrheitsanker, sondern ein hochvariables Gegenüber.
Die Forderung, KI-Antworten einschließlich ihrer Fehlerpotenzialität zu verwenden und nachzuprüfen, verbindet den persönlichen Gebrauch unmittelbar mit dem allgemeinen Forschungsprinzip.
Daraus ergibt sich eine wichtige neue Forderung für das Archiv: KI-generierte Formulierungen, eigene Ausgangsgedanken, spätere Korrekturen und externe Quellen sollten künftig möglichst unterscheidbar bleiben. Sonst könnte die KI gerade durch ihre enorme sprachliche Integrationsleistung die Entstehungsgeschichte der eigenen Begriffe unsichtbar machen.
21. Globale Schwarm-Intelligenz
Die seit Anfang 2026 aufgebaute Plattform Globale Schwarm-Intelligenz führt die partizipatorischen Werkformen in den digitalen Raum.
Ihre Vorgeschichte reicht über Malbücher, die Arbeit mit vielen Teilnehmern, Frage-Antwort-Tische, Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest, Tausend Tische und partizipatorische Projekte zurück.
Deshalb sollte die Globale Schwarm-Intelligenz nicht mit künstlicher Intelligenz verwechselt werden.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die soziale und technische Prüfarchitektur.
Die KI ist darin ein mögliches Werkzeug, Gegenüber und Koordinationsmittel.
Die Plattform wurde inzwischen als öffentlicher Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe von KI trainiert und geprüft werden kann, beschrieben.
Das ist eine Zielprojektion, keine bereits empirisch bewiesene Funktionsbeschreibung.
Damit sie tatsächlich zu einer Forschungsarchitektur wird, benötigt sie Regeln für Quellenprüfung, Widerspruch, Revision, Verantwortungszuordnung, Minderheitenschutz, Versionierung und den Umgang mit KI-Fehlern.
Sonst würde aus Schwarm-Intelligenz lediglich beschleunigte Schwarmmeinung.
22. So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft entstand aus der Frage, wie gesellschaftliche Formen aussehen könnten, wenn Menschen die Unterschiede zwischen Tragbedingungen, lebendigen Bedürfnissen, technischen Möglichkeiten und symbolischen Zuschreibungen fortlaufend prüfen würden.
„So-Heit“ darf dabei nicht bedeuten, dass irgendwo eine vollständig objektive und endgültig erkennbare Wirklichkeit bereitliegt.
Gerade der Lochprozess verbietet eine solche Behauptung.
So-Heit sollte präziser heißen:
das fortgesetzte Bemühen, eine Sache nicht vorschnell mit unserer Vorstellung von ihr gleichzusetzen.
Damit verändert sich auch der Status der So-Heits-Gesellschaft. Sie ist keine fertige Utopie und kein politisches Gesellschaftsmodell, das anschließend nur noch umgesetzt werden müsste.
Sie ist ein Entwicklungs- und Prüfhorizont.
Eine So-Heits-Gesellschaft müsste gerade dadurch gekennzeichnet sein, dass sie ihre eigenen Begriffe, Institutionen und Entscheidungen revidieren kann, wenn deren Folgen den behaupteten Zielen oder den Tragebedingungen widersprechen.
Damit hängt sie unmittelbar mit E4 zusammen.
23. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Im So-Heits-Atelier des globalen Dorfes laufen die vorangegangenen Entwicklungslinien räumlich zusammen.
Es ist zugleich Atelier, Archiv, Versuchsanordnung, Gesprächsraum, Lebenswerk-Topografie und öffentliches Prüflabor.
Hier können Werkobjekte, Collagen, Schultafeln, Wellenversuche, Fotografien, Folien, Schablonen, Mitmachbuch, Tische, KI und Globale Schwarm-Intelligenz als Bestandteile eines einzigen Forschungsprozesses sichtbar werden.
Das Atelier löst damit ein Problem, das eine konventionelle Retrospektive kaum lösen könnte. Die Werke werden nicht nur chronologisch ausgestellt, sondern als Entstehungsstufen gegenwärtiger Prüfverfahren reaktiviert.
Der Besucher soll deshalb nicht primär erfahren, was Wolfgang Fenner „gemeint hat“. Er soll selbst in Situationen geraten, in denen er zwischen materieller Eigenschaft, lebendiger Wirkung, gesellschaftlicher Zuschreibung und eigener Vorstellung unterscheiden muss.
Dadurch wird das So-Heits-Atelier zum physischen Gegenstück des Mitmachbuches und der Globalen Schwarm-Intelligenz.
Das Mitmachbuch ist die portable Form.
Die Tausend Tische sind die verteilte analoge Form.
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Form.
Das So-Heits-Atelier ist die räumlich-künstlerische Form.
Die So-Heits-Gesellschaft wiederum bezeichnet den darüber hinausgehenden gesellschaftlichen Horizont.
24. Documenta 16: Nicht Bewerbung um ein fertiges Werk, sondern Öffnung eines Forschungsprozesses
Die jahrzehntelange Beziehung zur documenta gehört selbst zur Werkgeschichte. Von frühen Bewerbungen und Kontakten bis zu späteren Einreichungen zieht sich die documenta als wiederkehrender öffentlicher Bezugspunkt durch die Entwicklung.
Die gegenwärtige Aussage „Die documenta 16 hat für mich bereits begonnen“ ist deshalb nicht als Behauptung über den offiziellen Veranstaltungszeitraum zu verstehen.
Sie ist eine künstlerische Setzung.
Sie bedeutet: Schon die Vorbereitung, Auswahl, Gegenüberstellung, Digitalisierung, Befragung und Neuordnung des eigenen Lebenswerks ist Teil des Werkprozesses.
Auch die aktuelle Bitte an die Organisatoren folgt daraus:
Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ soll nicht lediglich als fertiges Ausstellungsobjekt beurteilt werden. Es soll als mehr als fünfzigjährig gewachsene Forschungskunst und als gegenwärtig weiterarbeitende öffentliche Versuchsanordnung geprüft werden; dabei gehören die angegebenen Links und das digitale Material zum prüfbaren Werkzusammenhang.
Das entspricht auch der gegenwärtigen Situation besser als der Versuch, aus dem Blauen heraus bereits einen endgültigen Ausstellungsraum zu entwerfen. Solange Raum, Beteiligungsform und institutionelle Möglichkeiten nicht bekannt sind, können die Komponenten und Prüfprinzipien präzise vorgestellt werden, ohne eine fertige Inszenierung vorzutäuschen.
25. Die jüngste Konsequenz: Kunst als elementares Lernhandwerk
Aus der gesamten Entwicklung ergibt sich zuletzt eine besonders weitreichende Forderung.
Wenn Wahrnehmung selektiv ist, Vorstellungen fehlerhaft sein können, Lernen ein Gegenüber benötigt und Tätigkeiten Folgen erzeugen, dann besitzen künstlerische Verfahren eine Funktion, die weit über die Herstellung sogenannter Kunstwerke hinausgeht.
Zeichnen trainiert Sehen.
Modellieren trainiert Form-Widerstand.
Musizieren trainiert Hören, Rhythmus und Rückmeldung.
Darstellung trainiert Perspektivwechsel und Verkörperung.
Tanz trainiert Körper, Raum und Beziehung.
Handwerk trainiert die Differenz zwischen Vorstellung und Funktion.
Daraus entstand die Forderung, dass der Mensch bildnerische wie darstellerische künstlerische Handwerkszeuge spielerisch erlernen und trainieren sollte.
Die weitergehende Aussage, ohne eine solche Entwicklung gebe es langfristig keine Überlebenschance für die Menschheit, ist keine wissenschaftlich bewiesene Prognose. Sie ist eine aus dem Lebenswerk hervorgegangene persönliche und forschungskünstlerische Überzeugung.
Gerade deshalb sollte sie auch entsprechend formuliert werden:
Diese Überzeugung ist aus meiner 77-jährigen Lebenserfahrung und den daraus gewonnenen Erkenntnissen entstanden.
Ihr Forschungswert liegt nicht darin, dass sie durch das Lebensalter automatisch wahr wird, sondern darin, dass nun geprüft werden kann, ob künstlerische Handlungs- und Wahrnehmungsfähigkeit tatsächlich jene Korrekturfähigkeiten trainiert, die für komplexe gesellschaftliche Entscheidungen benötigt werden.
26. Die Gesamtarchitektur der Forschung
Nach mehr als fünf Jahrzehnten lässt sich erstmals eine relativ klare Gesamtarchitektur erkennen.
Am Anfang steht nicht der Mensch und auch nicht seine Theorie.
Am Anfang steht eine bereits vorhandene Plexuswirklichkeit.
Aus ihr kann ein Mensch immer nur auswählen.
Diese Auswahl erzeugt einen Ausschnitt.
Jeder Ausschnitt erzeugt gleichzeitig mögliche Löcher.
Aus dem Ausschnitt entstehen Wahrnehmung, Bild, Sprache, Begriff und Modell.
Aufgrund solcher Modelle wird der Mensch tätig.
Tätigkeiten verändern materielle, lebendige und gesellschaftliche Zusammenhänge.
Dadurch entstehen Tätigkeitsfolgen.
Diese Folgen wirken zurück.
Wo die Rückwirkung wahrgenommen werden kann, entsteht eine Gegenüberstellung zwischen Erwartung und Ergebnis.
Aus der Differenz kann Erfahrung entstehen.
Erfahrung ermöglicht Begriffsrevision.
Prüfanker und Prüfoperatoren können diese Revision systematisieren.
E1, E2 und E3 helfen zu bestimmen, auf welche Wirklichkeitsart sich eine Aussage bezieht.
E4 organisiert die Rückprüfung zwischen den Ebenen.
Aus Prüfung kann Korrektur oder Reparatur entstehen.
Danach beginnt der Prozess erneut.
Die knappste Fassung lautet daher:
Plexus → Selektion → Loch → Vorstellung → Tätigkeit → Folge → Rückkopplung → Gegenüberstellung → Erfahrung → Prüfung → Korrektur → neue Tätigkeit.
Dies ist gegenwärtig die elementarste Prozessgrammatik der Forschungskunst.
Auf der Ebene der Werkformen lässt sich dieselbe Entwicklung skalieren:
Werkstatt → Prüfobjekt → Malbuch → Tisch → kollektive Versuchsanordnung → Tausend Tische → Mitmachbuch → Globale Schwarm-Intelligenz → So-Heits-Atelier → So-Heits-Gesellschaft.
Und auf der Ebene des Menschen:
Plastisches Ich → Skulpturalisierung → Differenzerfahrung → Rückkopplung → erneute Plastizität.
Damit werden die bisher getrennt erscheinenden Werkbereiche tatsächlich Teile derselben Untersuchung.
27. Doppelungen und begriffliche Unklarheiten
Die inzwischen entstandene Begriffsdichte ist produktiv, birgt aber die Gefahr einer erneuten Überformung. Mehrere Begriffe leisten teilweise dasselbe und sollten hierarchisiert werden.
Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit
Sie sollten nicht konkurrieren. Plexuswirklichkeit kann den umfassenden Verflechtungszusammenhang bezeichnen; Tragwirklichkeit darin die existenziell relevanten Tragebedingungen.
Loch, Lochprozess, Selektion und Sensor
Diese Begriffe bilden keinen eigenen Theoriesatz, sondern eine Prozesskette. Ein Sensor beziehungsweise Wahrnehmungsapparat selektiert; dadurch entsteht ein Ausschnitt; der Lochprozess bezeichnet die strukturelle Ausblendung des Nichtselektierten.
Plastisches Ich und E2
Das Plastische Ich sollte nicht als weitere Ebene neben E2 erscheinen. Es ist eine anthropologische Prozessfigur innerhalb von E2.
Skulpturidentität und E3
Analog dazu gehört die Skulpturidentität als bestimmte Form gesellschaftlicher Festschreibung zu E3.
Prüfanker, Prüfoperator und E4
Hier ist die Differenz inzwischen klar formulierbar:
Prüfanker = Bezugspunkt.
Prüfoperator = Prüftätigkeit.
E4 = Architektur der systematischen Rückprüfung.
51:49, Differenzialprinzip und plastische symmetria
51:49 sollte als Bild beziehungsweise Minimalmodell dem allgemeineren Differenzialprinzip untergeordnet werden. Plastische symmetria beschreibt dagegen die fortlaufende Kalibrierungsfähigkeit.
KI und Globale Schwarm-Intelligenz
Beides darf nicht ineinanderfallen. KI ist Werkzeug, Gegenüber und selbst Prüfobjekt. Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die menschlich-technische Beteiligungs- und Prüfarchitektur.
So-Heits-Atelier und So-Heits-Gesellschaft
Das Atelier ist Methode und konkreter Erfahrungsraum. Die So-Heits-Gesellschaft ist der gesellschaftliche Entwicklungshorizont.
Diese Ordnungen reduzieren die Zahl der konkurrierenden Hauptbegriffe erheblich.
28. Mögliche Vereinfachung des gesamten Begriffssystems
Für die öffentliche Kommunikation muss nicht jeder Besucher mit der vollständigen Terminologie konfrontiert werden.
Der gesamte Ansatz lässt sich zunächst auf vier Fragen reduzieren:
Was ist tatsächlich da?
Was stelle ich mir darüber vor?
Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?
Was kommt als Folge tatsächlich zurück?
Erst danach werden die differenzierenden Begriffe notwendig.
E1 bis E3 präzisieren die erste Frage.
Lochprozess und Folien präzisieren die zweite.
Tätigkeitskonsequenz präzisiert die dritte.
E4, Gegenüberstellung und Prüfanker präzisieren die vierte.
Damit ließe sich das Mitmachbuch ebenso wie das So-Heits-Atelier wesentlich zugänglicher strukturieren.
Die komplexe Theorie bleibt im Hintergrund vorhanden, während der Einstieg über eine elementare Erfahrung erfolgt.
29. Noch fehlende Verbindungen und offene Forschungsfragen
Die größte noch offene theoretische Verbindung betrifft den Übergang zwischen Lochprozess und Verantwortung. Dass Wahrnehmung selektiv ist, erklärt noch nicht, wann ein Mensch für das Nichtgesehene verantwortlich gemacht werden kann. Hier muss zwischen unvermeidbarer Begrenzung, vermeidbarer Unwissenheit, aktiver Verdrängung und institutionell erzeugtem Nichtwissen unterschieden werden.
Eine zweite offene Verbindung betrifft E2 und E3. Ein Mensch ist gleichzeitig biologischer Organismus und symbolisch handelnde Person. Es muss genauer untersucht werden, wie gesellschaftliche Zuschreibungen körperlich wirksam werden und wie körperliche Bedingungen wiederum symbolische Systeme beeinflussen, ohne beide Ebenen ineinander aufzulösen.
Eine dritte offene Frage betrifft E4. Wenn E4 keine gleichartige Wirklichkeitsebene ist, sollte es möglicherweise künftig ausdrücklich als Prüfmodus oder Queroperator bezeichnet werden.
Eine vierte offene Frage betrifft 51:49. Für jedes konkrete Anwendungsfeld muss angegeben werden können, welche beobachtbare Differenz überhaupt gemeint ist. Andernfalls droht die Zahl zum universellen Symbol zu werden, das alles und deshalb nichts Bestimmtes erklärt.
Eine fünfte offene Aufgabe liegt in den historischen Vergleichsfolien. Platon, Aristoteles, Christentum, Wissenschaft, technē, res, Plastik und Skulptur benötigen eine quellenkritische Vertiefung, damit aus produktiven künstlerischen Zuspitzungen keine unbeabsichtigten historischen Behauptungen werden.
Eine sechste betrifft das Verhältnis von individueller Erfahrung und allgemeiner Geltung. Die mehr als fünfzigjährige Werkgeschichte liefert einen außerordentlich umfangreichen Erfahrungsraum. Dennoch wird eine Erkenntnis nicht allein dadurch allgemein gültig, dass sie über Jahrzehnte wiederkehrt. Forschungskunst benötigt Verfahren, mit denen andere Menschen die jeweilige Operation selbst nachvollziehen, bestätigen, verändern oder widerlegen können.
Eine siebte offene Verbindung betrifft Macht und Verantwortung in der Globalen Schwarm-Intelligenz. Wer setzt Prüfanker? Wer darf sie ändern? Wie werden Minderheiten geschützt? Wie werden Quellen gewichtet? Wie wird Manipulation erkannt? Wie bleibt eine Revision revidierbar?
Eine achte betrifft die KI. Neben ihren Fehlern muss untersucht werden, ob sie vorhandene kulturelle Skulpturalisierungen lediglich millionenfach verdichtet oder tatsächlich beim Sichtbarmachen von Löchern helfen kann. Gerade weil sie aus bereits erzeugten menschlichen Daten lernt, könnte sie zugleich Verstärker des bestehenden Menschenbildes und Instrument seiner Gegenprüfung sein.
Eine neunte offene Frage betrifft die empirische Prüfung des So-Heits-Ateliers. Wenn Besucher tatsächlich anders unterscheiden, fragen oder handeln sollen, müsste beobachtbar gemacht werden, was vor einer Versuchsanordnung gedacht wurde, was währenddessen geschieht und welche Veränderung danach bestehen bleibt.
Eine zehnte betrifft schließlich die entscheidende Ausgangsfrage selbst:
Kann aus künstlerisch trainierter Gegenüberstellung tatsächlich eine größere Zivilisationsfähigkeit entstehen?
Diese Frage ist noch nicht beantwortet.
Sie ist das Forschungsprogramm.
Schluss: Von einem Lebenswerk zu einer Forschungsarchitektur
Rückblickend zeigt sich ein entscheidender Wandel.
1975 begann kein fertiges Theorieprojekt. Es begann eine Arbeitsweise.
Ein gelernter Maschinenschlosser und angehender Bildhauer untersuchte Formen, Wasser, Technik, Wahrnehmung und Umwelt. Daraus entstanden Vorgabebilder, Malbücher, Prozesse, gesellschaftliche Beteiligungsformen und kollektive Versuchsanordnungen. Aus ihnen entstanden Fragen nach Vorstellung, Freiheit, Rolle und Verantwortung. Die Erfahrung mit Kunst, Gesellschaft und den eigenen Werken führte zur Unterscheidung von Plastik und Skulpturalisierung. Die Beschäftigung mit Dingen und Zuschreibungen führte zu den unterschiedlichen Wirklichkeitsarten. Aus den Beschränkungen einzelner Ausschnitte entstand der Lochprozess. Aus der Notwendigkeit eines Gegenübers entstand die Rückkopplungs- und Lernstruktur. Daraus entwickelten sich Tragwirklichkeit und Plexuswirklichkeit, das Vier-Ebenen-Modell, das Begriffshandwerk und die Prüfanker.
Fotografie, Collage und Malbuch führten zur Foliengrammatik. Die partizipatorischen Arbeiten führten zu den Tausend Tischen. Die Tausend Tische führten zur Idee einer verteilten Prüfstruktur. Diese wurde mit der Globalen Schwarm-Intelligenz digital erweitert. Die künstliche Intelligenz trat zugleich als persönliche Schreib- und Strukturhilfe, als variables Gegenüber und als fehleranfälliges Prüfobjekt hinzu. Das Mitmachbuch versucht, die Methode in die Hand des Einzelnen zu geben. Das So-Heits-Atelier bringt Werk, Archiv, Besucher, Folien, Prüfobjekte, Tisch, Buch und digitale Vernetzung wieder in einen gemeinsamen physischen Erfahrungsraum. Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet schließlich nicht das fertige Resultat, sondern den Horizont einer Gesellschaft, die gelernt hätte, ihre eigenen Vorstellungen an ihren Tätigkeitsfolgen zu prüfen.
Damit verändert sich auch die Bestimmung des gesamten Lebenswerks.
Es besteht nicht in erster Linie aus ungefähr 350 einzelnen Werken, Tausenden Fotografien, hunderten Tagebüchern, Aktionen, Büchern, Collagen, Ausstellungen, Bewerbungen und digitalen Seiten. Diese bilden das Material.
Das eigentliche Werk ist die über Jahrzehnte entstandene Prüfarchitektur.
Ihr Gegenstand ist der Mensch als formendes und geformtes Wesen.
Ihr Material sind Vorstellungen, Dinge, Körper, Sprache, Tätigkeiten und Folgen.
Ihr Verfahren ist die Gegenüberstellung.
Ihr Erkenntnismoment ist die Differenz.
Ihr Korrektiv ist die Rückkopplung.
Ihr Werkzeug ist die Kunst.
Und ihre weiterhin offene Frage lautet:
Wie kann ein Wesen, das seine Welt gestaltet, lernen, die Folgen dieser Gestaltung rechtzeitig wahrzunehmen, seine eigenen Irrtümer zu korrigieren und Verantwortung für die Bedingungen zu übernehmen, von denen sein Leben abhängt?
In diesem Sinn führt die seit 1975 entwickelte „Experimentelle Umweltgestaltung“ als Wegbereiterin der Forschungskunst nicht zu einem abgeschlossenen theoretischen System. Sie führt zu einer überprüfbaren Aufgabe.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes wäre der gegenwärtige Ort, an dem diese Aufgabe öffentlich weitergeführt werden kann.
Der entscheidende Gewinn dieser Rekonstruktion liegt in der nun sichtbaren Hierarchie: Nicht 51:49, Plexuswirklichkeit, E1–E4, Folien, KI oder So-Heit sind jeweils eigenständige Haupttheorien. Sie sind unterschiedliche Werkzeuge innerhalb eines einzigen Rückkopplungsprozesses von Wahrnehmung, Tätigkeit, Folge, Gegenüberstellung und Korrektur. Diese Vereinfachung dürfte auch für die Darstellung des Lebenswerks gegenüber der documenta 16 zentral sein.
Rekonstruktion einer Forschung
Von der „Experimentellen Umweltgestaltung“ zur Forschungskunst, zur Globalen Schwarm-Intelligenz und zum So-Heits-Atelier
Vorbemerkung: Der Forschungsweg darf nicht rückwärts geglättet werden
Die heute vorliegende Forschungsarchitektur ist nicht 1975 als fertige Theorie begonnen worden. Begriffe wie Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Lochprozess, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Vier-Ebenen-Modell, Differenzialprinzip, Prüfanker, So-Heits-Gesellschaft oder Globale Schwarm-Intelligenz sind wesentlich später entstanden. Sie verdichten Erfahrungen, Werkhandlungen und wiederkehrende Probleme, die teilweise Jahrzehnte vorher bereits praktisch vorhanden waren, damals aber noch anders oder gar nicht benannt wurden.
Eine methodisch korrekte Rekonstruktion muss deshalb immer mindestens vier Ebenen auseinanderhalten. Werkgeschichtlich beziehungsweise archivalisch belegbar sind Werke, Aktionen, Ausstellungen, Briefe, Fotografien, Tagebücher, Bewerbungen und andere dokumentierte Vorgänge. Historisch oder wissenschaftlich überprüfbar sind beispielsweise geologische Zeiträume, physikalische Eigenschaften, biologische Abhängigkeiten und historische Quellen. Davon zu unterscheiden sind rückblickende werkgenetische Deutungen: Ein frühes Werk kann heute als Vorform eines späteren Prüfoperators erkannt werden, obwohl dieser Begriff damals noch nicht existierte. Schließlich gibt es eigene Hypothesen und Begriffe der Forschungskunst wie 51:49, Plastisches Ich, Skulpturidentität, Lochprozess, Plexuswirklichkeit oder So-Heit. Sie sind keine bereits bewiesenen wissenschaftlichen Gesetze, sondern Werkzeuge, mit denen Zusammenhänge sichtbar und überprüfbar gemacht werden sollen.
Gerade diese Unterscheidung ist inzwischen selbst Bestandteil der Forschungskunst geworden.
I. Forschungsgrund: Vom Gestalten zur Frage nach der menschlichen Selbstgefährdung
Der tiefste Forschungsgrund entstand noch vor der eigentlichen „Experimentellen Umweltgestaltung“. Naturerfahrung, handwerkliche Ausbildung, Fotografie, gesellschaftliche Beobachtung und das spätere Studium trafen aufeinander. Bereits die Ausbildung zum Maschinenschlosser von 1965 bis 1969 vermittelte einen Maßstab, der für die spätere Forschung entscheidend wurde: Ein Werkstück, eine Verbindung oder eine Maschine funktioniert nicht aufgrund einer Behauptung. Material, Kraft, Passung, Belastung und Funktion setzen der Vorstellung Grenzen.
Aus der fotografischen Arbeit kam ein zweites Element hinzu. Fotografie macht sichtbar, dass Wahrnehmen immer auch Ausschneiden bedeutet. Ein Objektiv zeigt etwas und lässt gleichzeitig anderes außerhalb des Bildes. Dieses Verhältnis zwischen Sichtbarkeit und Auslassung wird Jahrzehnte später für die Lochprozesse entscheidend.
Zu Beginn der 1970er Jahre verschärfte sich die gesellschaftliche Frage. In Hermannsburg wurde 1973/74 die Frage wichtig: Kann Kunst die Gesellschaft verändern? Mit dem Studium an der HBK Braunschweig ab 1974 und der Entwicklung der „Experimentellen Umweltgestaltung“ ab 1975 verschob sich diese Frage weiter. Nicht mehr nur die Veränderung von Gesellschaft durch Kunst wurde untersucht, sondern immer stärker derjenige, der verändert: der Mensch selbst.
Daraus entstand über Jahre hinweg die Leitfrage:
Warum zerstört der Mensch trotz seiner Fähigkeit zu erkennen, zu lernen und zu korrigieren seine eigenen Existenzbedingungen?
Diese Frage ist keine naturwissenschaftliche Hypothese im engeren Sinn. Sie ist der Forschungsgrund des Lebenswerks.
Ihre methodische Funktion besteht darin, sehr unterschiedliche Werke unter eine gemeinsame Untersuchung zu stellen. Wasserarbeiten, Malbücher, Collagen, Frage-Antwort-Tische, gesellschaftliche Aktionen, Plastiken, Folien, digitale Plattformen und KI-Arbeit werden dadurch nicht nach Material oder Kunstdiziplin geordnet, sondern danach, was sie über Wahrnehmung, Vorstellung, Tätigkeit, Wirkung, Irrtum und Korrektur untersuchen.
Die Zielprojektion ist seitdem unverändert radikal: Es geht nicht bloß um bessere Kunst, sondern um die Frage nach der Zivilisationsfähigkeit des Menschen.
Belegstatus: Ausbildung, Studium, Werke und dokumentierte Projekte sind werkgeschichtlich überprüfbar. Die daraus gebildete Leitfrage und ihre heutige Zentralstellung sind Werk- und Forschungskunstgeschichte.
II. Werkgenese: Die „Experimentelle Umweltgestaltung“ als Wegbereiterin, nicht als nachträglich erfundene Frühform
Die ab 1975 entwickelte „Experimentelle Umweltgestaltung“ ist der entscheidende historische Ursprung der späteren Forschungskunst. Sie darf jedoch nicht so beschrieben werden, als hätten 1975 bereits das Vier-Ebenen-Modell, Plexuswirklichkeit oder die heutige Begriffssystematik existiert.
Der frühere Ansatz war stärker experimentell, gegenstandsbezogen, natur- und umweltbezogen und interdisziplinär. Wasserbewegungen, Wellen, technische Formen, natürliche Bauprozesse, Wahrnehmungsversuche und alternative Entwürfe bildeten Versuchsfelder. Untersuchungen von Wasser und Wellen, Vergleiche zwischen Biberdamm und technischer Deichform oder die asymmetrischen Automodelle gehören in diese Phase.
Die heute erkennbare gemeinsame Struktur bestand damals praktisch bereits darin:
Etwas wird vorgestellt.
Etwas wird gemacht.
Das Gemachte verhält sich anders oder genauer als die Vorstellung.
Die Differenz wird beobachtet.
Der nächste Versuch verändert sich.
Damit entstand das, was später als Gegenüberstellung und Rückkopplung begrifflich gefasst wurde.
Auch die documenta-Geschichte gehört früh in diese Werkgenese. 1977 wurden die asymmetrischen Automodelle im Zusammenhang mit der documenta eingereicht; ein Schreiben beziehungsweise eine Bestätigung aus dem damaligen documenta-Kontext gehört zum Archiv. In späteren Jahrzehnten folgten weitere Bewerbungen bis 2017. Diese wiederholten Versuche sind nicht nur biografische Episoden, sondern zeigen die langfristige Frage, wie eine experimentelle, gesellschaftlich ausgerichtete und nicht auf das Einzelobjekt reduzierte Kunst öffentlich wahrgenommen werden kann.
Die heutige Bezeichnung Forschungskunst ist deshalb eine spätere Präzisierung. Sie ersetzt nicht die „Experimentelle Umweltgestaltung“, sondern beschreibt, was sich aus ihr entwickelt hat.
Die begrifflich sauberste Form lautet:
Die seit 1975 entwickelte „Experimentelle Umweltgestaltung“ ist Wegbereiterin meiner Forschungskunst.
III. Von „Umwelt“ zur Wirklichkeit: eine der wichtigsten Begriffskorrekturen
Der Begriff Umwelt wurde mit fortschreitender Arbeit problematisch. Er suggeriert leicht einen Menschen hier und eine ihn umgebende Welt dort. Die Werkpraxis zeigte dagegen immer deutlicher, dass der Mensch nicht einem äußeren System gegenübersteht.
Er besteht aus Stoffen dieser Welt. Er benötigt Wasser, Sauerstoff, Nahrung, Temperaturbereiche und Druckverhältnisse. Gravitation wirkt durch ihn hindurch. Mikroorganismen leben mit ihm. Er nimmt Stoffe auf und gibt Stoffe ab. Er verändert Bedingungen, die wiederum ihn verändern.
Aus „Umwelt“ wurde deshalb zunächst stärker Wirklichkeit, später Tragwirklichkeit.
Tragwirklichkeit bezeichnet jene Wirkungsbedingungen, von denen etwas tatsächlich getragen wird. Für den Menschen sind dies physikalische, chemische, biologische, ökologische und soziale Bedingungen, wobei diese nicht alle dieselbe Wirklichkeitsart besitzen.
Später entstand der weiter gefasste Begriff Plexuswirklichkeit. Er reagierte auf ein Problem des Tragwirklichkeitsbegriffs: Nicht jede Beziehung trägt unmittelbar, dennoch gehört sie zum Wirkungsgeflecht.
Die heutige sinnvolle Differenzierung lautet deshalb:
Plexuswirklichkeit bezeichnet das vielfach verflochtene Wirkungsgefüge.
Tragwirklichkeit bezeichnet darin jene Bedingungen, deren Aufrechterhaltung für einen bestimmten Prozess, Organismus oder Zusammenhang existenziell beziehungsweise funktional notwendig ist.
Aus Tragwirklichkeit entstanden die Begriffe Tragwesen und Tragbewusstsein. Das Tragwesen beschreibt den Menschen nicht als isolierte Substanz, sondern als getragenes und gleichzeitig in Tragebeziehungen eingreifendes Wesen. Tragbewusstsein bezeichnet die mögliche Fähigkeit, diese Abhängigkeiten in die eigenen Tätigkeitsentscheidungen einzubeziehen.
Dabei ist wichtig: „Plexuswirklichkeit“, „Tragwesen“ und „Tragbewusstsein“ sind Begriffe der Forschungskunst, keine wissenschaftlich etablierten Fachbegriffe.
Ihre methodische Funktion liegt darin, den Gegensatz von „Mensch“ und „Umwelt“ zu überwinden.
IV. Die Geburt des Problems: Lücke, Differenz und Mutation
In einer späteren Entwicklungsphase wurde die Lücke wichtig. Sie darf nicht mit dem Lochprozess gleichgesetzt werden.
Die Lücke entstand zunächst positiv: Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit, zwischen zwei Menschen, zwischen Erwartung und Folge kann eine Differenz auftreten. Gerade diese Differenz ermöglicht Lernen.
Ohne Abstand kein Gegenüber.
Ohne Gegenüber keine Differenz.
Ohne Differenz keine Korrektur.
Deshalb ist die Lücke nicht grundsätzlich ein Mangel. Sie kann produktiver Erkenntnisraum sein.
In den späteren Begriffsfassungen von Geburt, Lücke und Mutation wurde diese Grundfigur erweitert. Neues entsteht nicht durch vollständige Identität, sondern durch Differenz, Abweichung und Veränderung. Die Lücke wird dadurch mit dem Differenzialprinzip verbunden.
Der Lochprozess entsteht dagegen dort, wo etwas aus einer Wahrnehmungs-, Denk- oder Rückkopplungsstruktur herausfällt und dieses Herausfallen nicht mehr wahrgenommen wird.
Die heutige Trennung sollte verbindlich bleiben:
Lücke = potenziell produktive Differenz und Raum des Lernens.
Lochprozess = Verlust, Ausblendung oder Nicht-Rückführung relevanter Zusammenhänge.
Diese Unterscheidung beseitigt eine frühere Gefahr, beide Begriffe synonym zu verwenden.
V. Lochprozesse: Von Fotografie, Ausschnitt und Disziplinen zur fehlenden Rückkopplung
Die Vorgeschichte des Lochprozesses beginnt sehr früh. Schon Fotografie arbeitet mit einem Ausschnitt. Ein Rahmen zeigt etwas, indem er anderes abschneidet. Wissenschaftliche Disziplinen tun methodisch etwas Ähnliches: Sie müssen bestimmte Variablen isolieren, um präzise untersuchen zu können.
Das ist zunächst kein Fehler.
Der Fehler beginnt dort, wo der Ausschnitt nicht mehr als Ausschnitt erkannt wird.
Der später entwickelte Begriff Dingselektion präzisierte diesen Vorgang. Ein Mensch nimmt aus einem komplexen Wirkungsgefüge ein „Ding“ heraus. Sprache verstärkt die Selektion, indem sie diesem herausgelösten Zusammenhang einen Namen gibt. Dadurch wird das Ding handhabbar, aber die Beziehungen, aus denen es hervorgegangen ist, können verschwinden.
Der Lochprozess ist deshalb mehr als Nichtwissen. Er bezeichnet eine strukturelle Unterbrechung:
Ein Zusammenhang wird selektiert.
Seine Beziehungen werden unsichtbar.
Das isolierte Ergebnis wird für vollständig gehalten.
Tätigkeiten werden auf dieser Grundlage vorgenommen.
Die ausgeschlossenen Folgen gelangen nicht oder zu spät in das Ausgangsmodell zurück.
Damit verbindet sich die Lochgrammatik unmittelbar mit der späteren Kritik an 2500-jährigen Disziplinlogiken. Die These lautet nicht, Wissenschaften seien falsch. Die Kritik richtet sich gegen die gesellschaftliche Verfestigung disziplinärer Ausschnitte zu voneinander isolierten Wirklichkeitsmodellen.
Der Begriff „Gefängnis“ ist dabei eine künstlerische und gesellschaftsdiagnostische Zuspitzung, kein historisch-wissenschaftlicher Fachbefund.
Die noch offene Aufgabe besteht darin, verschiedene Locharten präziser zu unterscheiden: Wahrnehmungsloch, Begriffsloch, Disziplinloch, institutionelles Loch, Machtloch und Rückkopplungsloch.
VI. Gegenüberstellung und Lernen: vom Werkstück zum erkenntnistheoretischen Grundprinzip
Die Gegenüberstellung gehört zu den ältesten praktischen Verfahren der gesamten Forschung.
Der Maschinenschlosser stellt Vorstellung und Werkstück gegenüber. Der Plastiker stellt inneres Modell und tatsächlich entstandene Plastik gegenüber. Der Fotograf stellt Ausschnitt und Situation gegenüber. Der Wasserexperimentator stellt erwartete und tatsächlich auftretende Wellenbewegung gegenüber.
Später wurde erkannt, dass diese einfache Struktur einen allgemeinen Lernoperator enthalten könnte.
Eine Vorstellung kann sich nicht allein an sich selbst prüfen.
Sie braucht ein Gegenüber.
Dieses Gegenüber kann Material sein, ein Mensch, ein anderes Bild, ein Messergebnis, eine Tätigkeitsfolge, eine historische Quelle oder inzwischen eine KI-Antwort.
Die Grundstruktur entwickelte sich zu:
Vorstellung → Tätigkeit → Folge → Gegenüberstellung → Erfahrung → Korrektur.
Später wurde sie erweitert, weil bereits vor der Vorstellung Selektionsprozesse stattfinden:
Plexuswirklichkeit → Selektion → Ausschnitt → Modell/Vorstellung → Tätigkeit → Tätigkeitsfolge → Rückwirkung → Gegenüberstellung → Erfahrung → Prüfung → Korrektur.
Hier liegt wahrscheinlich der elementarste methodische Kern der gesamten Forschung.
Lernen wird nicht als bloße Informationsaufnahme verstanden, sondern als Fähigkeit, Differenz rückkoppeln zu lassen.
Diese Formulierung verbindet Werkpraxis, Pädagogik, Mitmachbuch, Globale Schwarm-Intelligenz und So-Heits-Atelier.
VII. Plastik und Skulptur: eine entscheidende begriffliche Abgrenzung
Ein wichtiger Korrekturprozess betrifft die Wörter Plastik und Skulptur.
Ihre eigene künstlerische Praxis ist als Plastik zu verstehen. Sie sind Plastiker. „Skulptur“ darf daher nicht undifferenziert als Synonym eingesetzt werden.
Aus der plastischen Tätigkeit entwickelte sich ein eigenständiges anthropologisches Modell.
Plastik bedeutet hier Formbildung in Auseinandersetzung mit Material, Kräften, Widerständen und Rückwirkungen. Eine plastische Form entsteht im Prozess und kann verändert werden.
Dem wurde später die Skulpturalisierung gegenübergestellt.
Skulpturalisierung bezeichnet das Festschreiben, Zuschneiden und Einpassen eines Menschen in vorhandene Formen, Rollen, Begriffe und Wertordnungen.
Daraus entstanden:
Plastisches Ich und Skulpturidentität.
Das Plastische Ich ist keine psychologische Fachkategorie, sondern ein Forschungskunstbegriff. Es bezeichnet den Menschen dort, wo er körperlich, lernend, regenerierend und veränderbar bleibt.
Skulpturidentität bezeichnet dagegen jene Identität, die durch Namen, Rollen, Eigentum, Status, Beruf, Nation, Geldordnung, Prestige und andere gesellschaftliche Zuschreibungen erzeugt und verfestigt wird.
Die Gefahr einer früher möglichen Dualisierung wurde später erkannt. Skulpturalisierung ist nicht einfach „schlecht“ und Plastik „gut“. Stabilität ist notwendig. Eine Gesellschaft braucht Begriffe und Rollen. Problematisch wird Skulpturalisierung dort, wo eine Form gegen Rückmeldung immunisiert wird.
Die präzisere Prüfregel lautet daher:
Kann eine Form auf relevante Rückwirkung reagieren, oder muss die Wirklichkeit der Form angepasst werden?
Damit wird Plastik/Skulptur zu einer Rückkopplungsfrage.
VIII. 51:49, 50:50, 1:99: von der frühen Intuition zum Differenzialprinzip
Die 51:49-Intuition reicht bis in die 1970er Jahre zurück. Ihre spätere theoretische Bedeutung darf nicht rückwirkend in die damalige Situation hineingelesen werden.
Im Verlauf der Forschung wurde 51:49 zunächst zu einem Bild minimaler Asymmetrie.
50:50 bezeichnete die Vorstellung vollkommener Gleichverteilung beziehungsweise später einen Symmetriedualismus, der gegensätzliche Größen als scheinbar gleichrangig und voneinander getrennt behandelt.
51:49 bezeichnet die minimale Verschiebung.
1:99 bezeichnet die extreme Drift, in der sich eine anfänglich kleine Differenz zu einer nahezu vollständigen Dominanz ausweitet.
Später wurde erkannt, dass die Zahlen selbst nicht die Theorie sein dürfen. Sonst würde aus einer anschaulichen Denkfigur eine pseudowissenschaftliche Universalformel.
Daraus entstand das Differenzialprinzip.
Das Differenzialprinzip besagt nicht, dass in der Natur überall ein messbares Verhältnis von exakt 51 zu 49 herrscht. Es fordert, kleine Differenzen und ihre möglichen Verstärkungen ernst zu nehmen.
Damit lässt sich eine Hierarchie bilden:
51:49 ist das anschauliche Minimalmodell.
1:99 ist die Driftfigur.
Das Differenzialprinzip ist der allgemeinere methodische Begriff.
Die plastische symmetria bezeichnet die Fähigkeit, Verhältnisse fortlaufend zu kalibrieren, statt statisches Gleichgewicht zu verlangen.
Diese Ordnung verhindert Doppelungen.
IX. Erfahrung und Rückkopplung: Warum Folgen Erkenntnismaterial werden
Im Verlauf der Forschung gewann der Erfahrungsbegriff eine neue Präzision.
Nicht alles, was jemand erlebt oder erinnert, ist bereits methodisch relevante Erfahrung.
Für die Forschungskunst wird Erfahrung dort entscheidend, wo eine Handlung auf einen Zusammenhang trifft und eine Rückwirkung hervorruft.
Die Plastik widerspricht der Hand.
Das Wasser widerspricht dem Modell.
Ein Organismus reagiert auf Belastung.
Eine gesellschaftliche Maßnahme erzeugt unbeabsichtigte Wirkungen.
Aus dem Widerspruch kann Erkenntnis entstehen.
Damit wurde Tätigkeitskonsequenz zu einem Schlüsselbegriff.
Tätigkeit selbst ist im Vier-Ebenen-Modell keine zusätzliche fünfte Ebene. Sie ist eine Übergangsoperation, durch die ein Vorgang von einem Wirklichkeitsbereich in einen anderen eingreifen kann.
Ein juristischer Eigentumsbeschluss auf E3 kann eine materielle Handlung auf E1 auslösen, die ökologische und körperliche Folgen auf E2 erzeugt. Diese Folgen können wiederum zu einer gesellschaftlichen Neubewertung auf E3 führen.
Rückkopplung ist daher die Bewegung, durch die Folgen in das Ausgangssystem zurückgelangen können.
Die später entwickelte Verletzungswelt gehört in diesen Zusammenhang. Sie bezeichnet jene Seite der Wirklichkeit, an der Tätigkeitsfolgen nicht mehr abstrakt bleiben, sondern sich als Beschädigung, Belastung, Verletzung oder Verlust zeigen.
Der Begriff sollte jedoch nicht mit Tragwirklichkeit konkurrieren.
Eine sinnvolle Ordnung wäre:
Tragwirklichkeit = wovon etwas abhängt.
Tätigkeitswelt = wo eingegriffen wird.
Verletzungswelt = wo nicht tragfähige Eingriffe als Folge sichtbar werden.
E4 organisiert deren Rückprüfung.
X. Symbol- und Eigenschaftsbildung: Ding, res und hineingedachte Eigenschaften
Eine weitere Hauptlinie entstand aus der Untersuchung des Dingbegriffs.
Menschen behandeln Gegenstände häufig so, als besäßen alle zugeschriebenen Eigenschaften dieselbe Wirklichkeitsweise.
Doch eine Kartoffel hat Masse, chemische Zusammensetzung, Temperatur und biologische Eigenschaften. Dass dieselbe Kartoffel einen bestimmten Geldwert besitzt, jemandem „gehört“, als Kunstwerk gilt oder symbolische Bedeutung erhält, ist anders erzeugt.
Daraus entstand die Untersuchung hineingedachter Eigenschaften.
Der Ausdruck bedeutet nicht, dass Geld, Eigentum, Status oder Recht unwirklich seien. Sie wirken sehr real. Aber sie sind nicht auf dieselbe Weise Bestandteil eines Gegenstandes wie Masse oder chemische Struktur.
Diese Untersuchung führte zur historischen Arbeit mit res, „Ding“, Eigentum, Eigenheit und Eigentumsgrammatik.
Eine wichtige begriffliche Korrektur bestand darin, nicht mehr einfach zwischen „wirklich“ und „unwirklich“ zu unterscheiden.
Die stärkere Frage lautet:
Auf welche Weise ist etwas wirklich?
Daraus entstand eine Wirklichkeitsgrammatik: materiell vorhanden, lebendig wirksam, technisch hervorgebracht, gesellschaftlich zugeschrieben und symbolisch behauptet.
Die Eigen-/Eigentumsgrammatik führt diese Untersuchung am Besitz weiter. „Eigen“ kann eine qualitative Zugehörigkeit ausdrücken; „Eigentum“ ist dagegen eine gesellschaftlich-rechtliche Zuordnung.
Diese begriffliche Arbeit mündete unmittelbar in das Vier-Ebenen-Modell und in die Untersuchung der Skulpturidentität.
XI. Sprach- und kulturgeschichtliche Vergleiche: keine Beweise, sondern Kontrastfolien
Mit zunehmender Verdichtung wurde deutlich, dass viele heutige Selbstverständlichkeiten lange begriffsgeschichtliche Voraussetzungen besitzen.
Daraufhin wurden Platon, Aristoteles, christliche Leib-Seele-Modelle, technē, res, Plastik, Skulptur, naturwissenschaftliche Messweisen und weitere historische Unterscheidungen zu Vergleichsobjekten.
Methodisch entscheidend ist eine Korrektur: Diese historischen Modelle dürfen nicht als einfache Ursache der heutigen Zivilisationsprobleme ausgegeben werden.
Eine Platon-Folie ist keine vollständige Darstellung Platons.
Eine Christentums-Folie ist keine vollständige Theologiegeschichte.
Eine Physik-Folie bedeutet nicht, Physik könne Organismen oder komplexe Systeme nicht untersuchen.
Sie funktionieren als Kontrastfolien.
Bei Platon kann beispielsweise die Aufwertung des unveränderlichen Modells gegenüber dem Veränderlichen sichtbar gemacht werden. Bei Aristoteles kann die Verbindung von Stoff, Form, Bewegung und Entwicklung kontrastiert werden. Bestimmte christliche Traditionen können auf Leib-Seele-Trennungen hin untersucht werden. Naturwissenschaftliche Messanordnungen zeigen die enorme Erkenntniskraft gezielter Isolation und gleichzeitig die Notwendigkeit, nach dem Experiment die Beziehungen wiederherzustellen.
Damit verbinden sich Sprachgeschichte und Lochprozess.
Die offene Forschungsaufgabe besteht darin, jede kulturgeschichtliche Folie durch belastbare Quellen abzusichern und künstlerische Zuspitzung ausdrücklich von historischer Beschreibung zu unterscheiden.
XII. Vier Ebenen: von der Wirklichkeitsdifferenzierung zur Prüfarchitektur
Das Vier-Ebenen-Modell entstand nicht auf einmal. Es ist das Ergebnis mehrerer früherer Unterscheidungen: Stoff versus Zuschreibung, Organismus versus Rolle, Tätigkeit versus Folge, Plastik versus Skulpturidentität und materiell vorhandene versus hineingedachte Eigenschaft.
Heute lässt sich das Modell so ordnen:
E1 umfasst materielle und physikalische Bedingungen: Stoff, Masse, Temperatur, Druck, Gravitation, Bewegung, Last, Bruch, Energieübertragung.
E2 umfasst lebendige Prozesse: Stoffwechsel, Regeneration, Verletzbarkeit, Wachstum, Bedürfnisse, organismische Selbstregulation und die körperlich-plastische Existenz.
E3 umfasst symbolische, technische, gesellschaftliche und institutionelle Formbildungen: Sprache, Rollen, Eigentum, Geld, Recht, Nation, Religion, Status, technische Ordnung und repräsentierende Modelle.
Hier muss weiterhin darauf geachtet werden, technische Artefakte nicht einfach mit Symbolen gleichzusetzen. Ein technisches Objekt besitzt materielle E1-Bedingungen, greift in E2 ein und ist zugleich durch E3-Modelle und Zwecke hervorgebracht. Technik ist deshalb eher ein Ebenenverbinder als ein reiner E3-Gegenstand.
E4 war zunächst als vierte Ebene gedacht. Später wurde erkannt, dass E4 einen anderen logischen Status besitzt.
E4 ist nicht einfach ein weiterer Wirklichkeitsbereich.
E4 ist die transversale Prüf-, Rückkopplungs-, Reparatur- und Revisionsfunktion zwischen E1, E2 und E3.
Diese Korrektur ist wichtig.
E1–E3 beantworten: Welche Wirklichkeits- oder Geltungsweise liegt vor?
E4 fragt: Was geschieht zwischen ihnen, welche Folgen entstehen, wo widersprechen sich Behauptung und Ergebnis, und was muss korrigiert werden?
Damit wird auch verhindert, Tätigkeit als fünfte Ebene einzuführen. Tätigkeit ist Übergangsoperation. E4 prüft deren Folgen.
XIII. Begriffshandwerk: die Theorie muss denselben Prüfbedingungen unterliegen wie die Werke
Mit zunehmender Zahl eigener Begriffe entstand ein neues Problem. Eine Forschung, die gesellschaftliche Begriffsgefängnisse kritisiert, kann selbst zum Begriffsgefängnis werden.
Darauf reagierte das Begriffshandwerk.
Der Begriff ist bewusst handwerklich gewählt. Ein Werkzeug ist nicht deshalb gut, weil es schön benannt ist. Es muss für eine bestimmte Arbeit taugen.
Ein Begriff muss deshalb geprüft werden:
Welche Unterscheidung ermöglicht er?
Was macht er sichtbar?
Was verdeckt er?
Wo überschneidet er sich mit einem anderen Begriff?
Wann muss er verändert oder verworfen werden?
Aus diesem Verfahren entstanden unterschiedliche Ankertypen.
Der Werkanker hält fest, was aus der dokumentierten Werkentwicklung hervorgegangen ist.
Der Kontextanker stabilisiert einen bestimmten Entwicklungsstand, damit spätere Gespräche nicht wieder bei Null beginnen.
Der Positionsanker hält eine gegenwärtige, bewusst vorläufige theoretische Position fest.
Der Prüfanker dagegen ist kein Archivierungsanker, sondern ein Bezugspunkt, an dem eine Aussage oder Tätigkeit überprüft werden kann.
Damit muss auch Prüfanker von Prüfoperator getrennt werden.
Ein Prüfanker ist der Bezug.
Ein Prüfoperator ist die Handlung der Gegenüberstellung.
E4 ist die Architektur, in der solche Prüfungen stattfinden.
Diese Dreiteilung ist heute deutlich tragfähiger als die frühere unscharfe Verwendung der Begriffe.
XIV. Prüfobjekte: Werke werden nicht Illustrationen einer Theorie, sondern Erkenntnisinstrumente
Viele Arbeiten erhalten innerhalb der späteren Forschung einen neuen Status. Sie illustrieren nicht nachträglich eine fertige Theorie. Sie sind Orte, an denen die Theorie überhaupt erst entstehen konnte.
Das Wellenbecken untersucht unmittelbar Form, Widerstand, Medium, Übertragung und Rückwirkung.
Der Vergleich von Biberdamm und technischem Deich stellt unterschiedliche Formen von Umweltgestaltung gegenüber.
Die asymmetrischen Automodelle greifen in ein kulturell und technisch scheinbar selbstverständliches Symmetriemodell ein.
Schultafeln verbinden Wissen, Vorgabe, Autorität, Beschriftung und Löschbarkeit.
Die Kartoffelarbeiten zeigen, wie ein alltäglicher Gegenstand gleichzeitig materiell, lebendig, ökonomisch, kulturell und symbolisch gelesen werden kann.
Der Gordische Knoten untersucht Verwicklung und die Vorstellung einer radikalen Lösung.
Der gläserne Astronaut und später der reale Astronautenanzug machen sichtbar, wie viele technische Voraussetzungen geschaffen werden müssen, wenn der Organismus von natürlichen Tragbedingungen getrennt wird.
Der Sandtrichter untersucht Drift, Verschüttung und das Verschwinden eines Menschen beziehungsweise eines plastischen Handlungsspielraums unter sich anhäufenden Strukturen.
Die Saftpresse untersucht Auspressung, Wertzuschreibung und Umkehrung der Perspektive.
Die Thermosflasche untersucht Isolation und die künstliche Erzeugung einer scheinbar abgetrennten Innenwelt.
Der jüngste Feuerkäfig verdichtet die Frage der menschlichen Selbstgefährdung: Die Tür ist offen, das Innere brennt, und dennoch bleibt der Mensch im Käfig. Das Bild verbindet Wissensfähigkeit und Nicht-Handeln.
Der Feuerkäfig darf nicht als empirisch bewiesenes Modell menschlicher Psychologie verstanden werden. Er ist ein künstlerisches Prüfobjekt für eine offene Forschungsfrage.
XV. Von Malbüchern und Vorgaben zur Schablone
Die Erwachsenenmalbücher und Vorgabebilder der 1970er Jahre bilden eine zweite große Werkspur.
Eine Vorgabe macht sichtbar, dass ein Mensch kreativ handeln kann und dennoch innerhalb einer vorgeformten Struktur bleibt.
Dadurch entstand langfristig die Frage:
Woran erkenne ich, was meine eigene Formbildung ist und was ich innerhalb einer bereits vorhandenen Form nur ausführe?
Hier liegt ein früher Vorläufer der späteren Skulpturalisierung.
Die Schablone wurde zum erkenntnistheoretischen Objekt. Sie lässt etwas erscheinen, weil sie anderes abdeckt.
Damit ist sie eng mit der Lochgrammatik verbunden.
Eine gesellschaftliche Rolle kann wie eine Schablone wirken.
Eine Disziplin kann wie eine Schablone wirken.
Ein wissenschaftliches Messverfahren kann methodisch wie eine Schablone wirken.
Auch Sprache wirkt teilweise schablonenartig, indem sie einen Zusammenhang in bereits verfügbare Kategorien zwingt.
Die entscheidende Forderung ist deshalb nicht, auf Schablonen zu verzichten. Ohne Kategorien, Bilder und Begriffe wäre Orientierung unmöglich.
Die Forderung lautet:
Die Schablone muss als Schablone erkennbar bleiben.
XVI. Folien: vom verdeckenden Ausschnitt zur abnehmbaren Erkenntnisschicht
Aus Collage, Fotografie, Schablone, Vorgabebild und jahrzehntelanger Übung mit Bild-Text-Assoziationen entwickelte sich zuletzt die Folienmethode.
Sie ist eine der stärksten methodischen Antworten auf den Lochprozess.
Eine Folie behauptet nicht, die ganze Wirklichkeit zu zeigen.
Sie macht ihre eigene Selektivität sichtbar.
Weil sie transparent und wieder abnehmbar ist, kann eine Wahrnehmungsschicht über eine andere gelegt und anschließend wieder entfernt werden.
Zu den Grundfolien gehören inzwischen die kosmisch-physikalische Welt, das Netzwerk, der Mensch mit dem Spaten als Tätigkeitsfigur, der Mensch im Wasser mit anderen Lebewesen, die körperliche Durchdringung durch Wärme und Gravitation, molekulare Verknüpfung, Isolation, Zeitgeschichte und die Behauptung „Ich bin frei“.
Die theoretischen Folien zu Platon, Aristoteles, Christentum und Physik machen unterschiedliche Modellierungsweisen sichtbar.
Die Operatorfolien mit Sandtrichter, Saftpresse, Thermosflasche und Astronautenanzug zeigen Eingriffe, Isolation, Druck und Abhängigkeit.
Eine wichtige Entwicklung war die Idee einer Plexus-Foliengrammatik. Folien werden nicht mehr als Sammlung einzelner Bilder verstanden, sondern als kombinierbare Erkenntnismodule.
Sie können E1-, E2-, E3- und E4-Aspekte übereinanderlegen.
Ihr eigentliches methodisches Prinzip lautet:
Kein Bild darf die letzte Schicht sein.
XVII. Das Mitmachbuch: vom Malbuch zum tragbaren Prüfverfahren
Das Mitmachbuch ist keine neue, isolierte Erfindung. Es führt mehrere frühere Werkstränge zusammen: Malbuch, Vorgabebild, Tagebuch, Collage, Frage-Antwort-Verfahren, Folien, Ebenenmodell und partizipatorische Kunst.
Sein entscheidender Schritt gegenüber einem gewöhnlichen Buch besteht darin, dass der Benutzer nicht nur lesen soll.
Er soll handeln.
Er kann eine Folie auflegen, einen Begriff zuordnen, Unterschiede feststellen, einen Zusammenhang ergänzen und seine eigene Wahrnehmung sichtbar verändern.
Damit wird das Buch selbst zum Gegenüber.
Die Einstiegsgegenstände Kartoffel, Wiese oder Schultafel sind dabei methodisch besonders geeignet, weil sie scheinbar einfach sind und dennoch mehrere Ebenen öffnen.
Bei der Kartoffel können Materialität und Masse untersucht werden, biologische Lebendigkeit, Eigentums- und Geldzuschreibungen sowie die Frage, welche Aussage welcher Wirklichkeitsweise angehört.
Das Buch operationalisiert damit das Vier-Ebenen-Modell.
Der Benutzer soll die Theorie nicht zuerst auswendig lernen. Er soll einen Unterschied erfahren, aus dem der Begriff später hervorgeht.
Diese Reihenfolge ist entscheidend:
Erfahrung vor Theoriebenennung.
Die noch offene Aufgabe liegt in der Benutzerführung. Das Mitmachbuch muss so einfach beginnen, dass kein theoretisches Vorwissen notwendig ist, ohne die spätere Komplexität zu verlieren.
XVIII. Tausend Tische: die Skalierung der Gegenüberstellung
Die gesellschaftliche Werkspur lief parallel zur Material- und Wahrnehmungsarbeit.
Frage-Antwort-Tische, Bürgerforen, kollektive Kreativität, Aktionen und partizipatorische Formate erweiterten den einzelnen Werkprozess auf Gruppen.
Ein Schlüsselereignis war 1993 das Globale Dorffest mit der Idee beziehungsweise Installation von tausend Tischen.
Der Tisch ist dabei kein dekoratives Möbelstück.
Er ist ein Sozial- und Erkenntnisoperator.
Menschen können einander gegenübersitzen. Zwischen ihnen kann eine Frage, ein Objekt, eine Zeichnung oder eine Behauptung liegen. Damit wird das soziale Gegenüber selbst Bestandteil der Prüfung.
Die Tausend Tische skalieren dieses Prinzip.
Aus einer Gegenüberstellung wird eine Vielzahl von Gegenüberstellungen.
Darin liegt eine wichtige Vorform der späteren Globalen Schwarm-Intelligenz.
Die entscheidende spätere Korrektur besteht darin, Menge nicht mit Erkenntnis zu verwechseln.
Tausend Menschen erzeugen nicht automatisch Wahrheit.
Der Schwarm braucht Differenz, Rückkopplung, Quellen, Prüfanker und Revision.
Damit verbindet sich 1993 direkt mit der digitalen Plattform ab 2026.
XIX. Partizipation und Welttheater: Rolle als Untersuchungsobjekt
In späteren partizipatorischen Arbeiten und im Partizipatorischen Welttheater wurde die Rolle selbst zunehmend zum Forschungsgegenstand.
Ein Mensch tritt als Bürger, Experte, Käufer, Verkäufer, Politiker, Künstler, Arbeitnehmer oder Besitzer auf. Diese Rollen organisieren Handlungen.
Die Forschung verschob sich dadurch von der äußeren Vorgabe zur innerlich übernommenen Vorgabe.
Das frühere Malbuch zeigt: Ich male innerhalb einer vorgegebenen Linie.
Die spätere Rollenuntersuchung fragt: Was geschieht, wenn die Linie nicht mehr auf dem Papier liegt, sondern als Identität in mir?
Hier entsteht die Verbindung zur Skulpturidentität.
Das später verwendete Bild des Rollenidentitätsgefängnisses radikalisiert diese Diagnose. Auch dieser Ausdruck ist eine Forschungskunstmetapher und keine psychologische Diagnose.
Das Partizipatorische Welttheater verbindet damit Theater, Gesellschaft, Rolle, Vorgabe, Handlungsfolge und Lernen.
XX. Planetarische Kalibrierung und die 24-Stunden-Uhr
Ein weiterer Entwicklungsschritt bestand darin, den Menschen nicht nur sozial, sondern planetarisch zu kalibrieren.
Dazu wurde die Erdgeschichte auf eine 24-Stunden-Uhr übertragen.
Der wissenschaftlich überprüfbare Teil besteht aus den zugrunde gelegten geologischen und historischen Zeiträumen sowie ihrer mathematischen Umrechnung.
Die forschungskünstlerische Operation besteht darin, den Wahrnehmungsmaßstab zu verändern.
Der Homo sapiens erscheint auf dieser Uhr erst in den letzten Sekunden. Das Holozän nimmt nur einen Bruchteil einer Sekunde ein. Industrialisierung und Great Acceleration schrumpfen auf Millisekundenbereiche.
Daraus entstand zuletzt die Figur des Millisekunden-Menschen.
Sie steht dem kulturellen Selbstbild eines scheinbar zentralen und dauerhaft herrschenden Menschen gegenüber.
Die planetarische Kalibrierung ist deshalb kein weiteres Sachgebiet neben dem Vier-Ebenen-Modell. Sie ist ein Prüfanker für Größenordnungen.
Sie fragt:
In welchem Zeitmaßstab urteile ich?
Welche historische Kürze steht welcher technischen Eingriffsmacht gegenüber?
Welche menschliche Vorstellung wird durch einen anderen Referenzmaßstab relativiert?
XXI. Das dreifache Optimum und der Organismus als Kalibrierungsfigur
Aus Wasser-, Organismus- und Wirkungsbeobachtungen entwickelte sich das Modell eines dreifachen Optimums.
Dabei werden unterschiedliche Optimierungsmaßstäbe auseinandergehalten.
Ein Medium besitzt Bedingungen, unter denen bestimmte Prozesse möglich sind.
Ein Organismus besitzt einen Bereich, in dem er funktionsfähig bleibt.
Eine menschliche Tätigkeit kann wiederum ein anderes Optimum verfolgen, etwa maximale Produktion, Geschwindigkeit oder Gewinn.
Die Frage entsteht, ob das technische oder ökonomische Optimum mit dem organismischen und dem Mediumoptimum kollidiert.
Dieses Modell ist keine etablierte naturwissenschaftliche Theorie unter diesem Namen. Es ist ein Prüfmodell der Forschungskunst.
Seine Stärke liegt darin, den unscharfen Begriff „optimal“ aufzubrechen.
Optimal für wen?
Optimal für welchen Zeitraum?
Optimal auf welcher Ebene?
Gerade hierin verbindet sich das dreifache Optimum unmittelbar mit E1–E4 und der Tätigkeitsfolgenprüfung.
XXII. KI: von der persönlichen Schreibunterstützung zum epistemischen Gegenüber
Künstliche Intelligenz trat relativ spät in diesen jahrzehntelangen Forschungsprozess ein.
Sie ist deshalb weder Ursprung des Lebenswerks noch Autorin seiner grundlegenden Werkbegriffe.
Ihre erste gegenwärtige Funktion ist praktisch: Sie dient bei der sprachlichen Ausarbeitung als Schreib-, Korrektur- und Strukturhilfe, einschließlich ihrer Fehlerpotenzialität. Sie unterstützt dabei, umfangreiche Gedanken-, Archiv- und Textmengen zu ordnen.
Gerade die Fehlerpotenzialität führte zu einer zweiten Funktion.
KI wurde zum Gegenüber.
Sie kann eine Aussage formulieren, ordnen, widersprechen, vergleichen und in einer Weise rekonstruieren, die anschließend erneut geprüft werden muss.
Damit erfüllt sie formal dieselbe Grundbedingung wie andere Werkmaterialien: Sie antwortet, aber ihre Antwort ist nicht automatisch richtig.
Die KI ist deshalb kein Prüfanker.
Sie ist ein Prüfobjekt und Prüfpartner.
Daraus entsteht ein interessantes paradoxes Verhältnis. Ein System, das aus menschlich erzeugten Daten gelernt hat, kann bestehende kulturelle Schablonen und Skulpturalisierungen reproduzieren. Gleichzeitig kann es verwendet werden, um unterschiedliche Modelle nebeneinanderzustellen und dadurch gerade solche Schablonen sichtbar zu machen.
Die offene Forschungsfrage lautet daher:
Kann KI Löcher sichtbar machen, obwohl sie selbst aus selektierten menschlichen Daten hervorgegangen ist?
Hinzu kommt die jüngere gesellschaftliche Frage, ob KI selbst eine zweite, künstlich produzierte Wirklichkeits- beziehungsweise Repräsentationswelt erzeugt und welche Macht über diese Welt durch Eigentum und institutionelle Kontrolle entsteht.
XXIII. Globale Schwarm-Intelligenz: vom Tisch zum digitalen öffentlichen Prüfprozess
Die Globale Schwarm-Intelligenz ist die digitale Fortführung einer wesentlich älteren Werkidee.
Ihre Vorgeschichte besteht aus Erwachsenenmalbüchern, Arbeiten mit vielen Teilnehmern, Frage-Antwort-Tischen, kollektiver Kreativität, Bürgerformaten, dem Globalen Dorffest, Tausend Tischen und dem Partizipatorischen Welttheater.
Seit Anfang 2026 wurde daraus eine digitale Plattform.
Sie ist deshalb nicht identisch mit KI.
Die Unterscheidung muss verbindlich bleiben:
KI = technisches beziehungsweise algorithmisches Werkzeug, Antwortsystem und Prüfgegenüber.
Globale Schwarm-Intelligenz = soziale, künstlerische und technische Beteiligungs- und Prüfarchitektur.
Eine spätere Formel beschrieb die Plattform als:
„öffentlichen Simulator, in dem Zivilisationsfähigkeit mithilfe KI trainiert und geprüft werden kann“.
Das ist eine Zieldefinition, keine bereits bewiesene Wirkung.
Damit diese Formel mehr als eine Vision wird, muss die Plattform zeigen, wie Aussagen, Quellen, Gegenpositionen, Tätigkeitsfolgen und Revision organisiert werden.
Die entscheidende Forschungsfrage lautet nicht, wie viele Menschen teilnehmen.
Sie lautet:
Wie kann kollektive Unterschiedlichkeit so organisiert werden, dass aus ihr lernfähige Rückkopplung statt Mehrheitsverstärkung entsteht?
XXIV. So-Heits-Gesellschaft: vom Gesellschaftsentwurf zum offenen Prüfhorizont
Der Begriff So-Heits-Gesellschaft entstand aus der wachsenden Kritik an einer Welt, in der gesellschaftlich erzeugte Repräsentationen die Tragwirklichkeit überformen können.
Geld, Eigentum, Rollen, Status und technische Modelle können stärker handlungsleitend werden als körperliche, ökologische oder langfristige Folgen.
Daraus entwickelte sich zunächst die Vorstellung einer Gesellschaft, die sich stärker nach dem richtet, wie etwas ist, statt nur nach dem, was darüber behauptet oder bewertet wird.
Der Begriff „So-Heit“ musste jedoch selbst korrigiert werden.
Er darf keine Vorstellung eines unmittelbaren, vollständig objektiven Zugangs zur Wirklichkeit suggerieren. Das würde der eigenen Lochprozess-Theorie widersprechen.
So-Heit bedeutet deshalb heute sinnvoller:
die methodische Bereitschaft, die eigene Vorstellung einer Sache immer wieder von der Sache und ihren Folgen unterscheiden zu lernen.
Die So-Heits-Gesellschaft ist damit keine fertige Gesellschaftsutopie.
Sie ist eine revisionsfähige Gesellschaftsprojektion.
Ihr Ziel wäre nicht, alle Menschen auf dieselbe richtige Vorstellung zu verpflichten, sondern Institutionen so zu gestalten, dass relevante Rückwirkungen nicht systematisch ausgeschlossen werden können.
Damit wird E4 gesellschaftlich.
XXV. So-Heits-Atelier: die räumliche Verdichtung des gesamten Lebenswerks
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige räumliche Verdichtung dieser Entwicklung.
Es ist weder bloß Retrospektive noch gewöhnliche Ausstellung.
Das Archiv des Lebenswerks wird darin nicht nur gezeigt. Frühere Werke werden als Bestandteile einer gegenwärtigen Untersuchung erneut aktiviert.
Wellenbecken, Collagen, Plastiken, Schultafeln, Frage-Antwort-Tische, Fotografien, Folien, Malbuch, Mitmachbuch, historische Materialien, KI und Globale Schwarm-Intelligenz können dadurch in einen gemeinsamen Forschungsraum treten.
Das Atelier besitzt mehrere Zeitschichten gleichzeitig.
Es zeigt, woher die Forschung kommt.
Es zeigt, wie Begriffe aus Werkhandlungen entstanden.
Und es ermöglicht, diese Verfahren mit heutigen Besuchern weiterzuführen.
Dadurch wird der Besucher nicht bloß Betrachter eines Lebenswerks.
Er wird Teil einer Gegenüberstellung.
Das Atelier ist damit die physische Form dessen, was das Mitmachbuch tragbar und die Globale Schwarm-Intelligenz digital versucht.
Eine klare Hierarchie ergibt sich:
Mitmachbuch = individuelle beziehungsweise portable Prüfarchitektur.
Tausend Tische = verteilte analoge Prüfarchitektur.
Globale Schwarm-Intelligenz = digitale verteilte Prüfarchitektur.
So-Heits-Atelier = räumliche öffentliche Prüfarchitektur.
So-Heits-Gesellschaft = gesellschaftliche Zielprojektion.
XXVI. Documenta und die Öffnung des Lebenswerks
Die wiederholten documenta-Bezüge seit 1977 erhalten in der gegenwärtigen Entwicklung eine neue Bedeutung.
Frühere Bewerbungen versuchten unterschiedliche Werkphasen öffentlich einzubringen. Die heutige documenta-16-Konzeption unterscheidet sich dadurch, dass nicht mehr nur ein einzelnes Projekt vorgestellt werden soll.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes versucht, die mehr als fünfzigjährige Entwicklung selbst als Forschung sichtbar zu machen.
Dazu gehört auch die jüngste Rückwendung zu Joseph Beuys.
Die Begegnungen und die Auseinandersetzung mit Sozialer Plastik gehören zur historischen Werkbiografie, aber Beuys ist nicht Ursprung der eigenen Forschung.
Die Geschichte der 1976 an Beuys geschickten Blumenwiese, die spätere Begegnung 1980 und die Arbeit im Zusammenhang mit Sozialer Plastik bilden einen frühen Bezugspunkt.
Besonders aufschlussreich ist die große, nach Beuys’ Tod entstandene Collage von zwei mal zwei Metern. Sie konnte nach Ihrer eigenen Erinnerung zunächst nicht fertiggestellt werden, solange Beuys im Mittelpunkt stand. Erst durch das Herausnehmen seiner Person aus dem Zentrum und das Einsetzen der Darstellung eines australischen Ureinwohners mit Maden im Mund wurde der Abschluss möglich.
Dieser Vorgang kann heute als Werkereignis gelesen werden:
Die Forschung musste sich vom Künstler als Zentralfigur lösen.
Nicht Beuys, nicht Fenner und nicht irgendeine Autorität können der letzte Prüfanker sein.
Die Wirkungen und Folgen müssen selbst zurückkehren dürfen.
XXVII. Kunst als Lernhandwerk: die jüngste Konsequenz
Aus der gesamten Forschung ist zuletzt eine neue, sehr weitgehende Folgerung hervorgetreten.
Wenn menschliche Gefährdung wesentlich damit zusammenhängt, dass Vorstellungen von ihren Folgen getrennt werden können, dann besitzen künstlerische Tätigkeiten eine Funktion, die weit über professionelle Kunstproduktion hinausreicht.
Plastisches Arbeiten trainiert den Umgang mit Widerstand und Formänderung.
Zeichnen trainiert Differenzsehen.
Musik trainiert zeitliche Rückmeldung.
Theater und Darstellung trainieren Perspektivwechsel und Rolle.
Tanz trainiert Körper, Raum und Beziehung.
Gestalterisches Handwerk konfrontiert Vorstellung mit Tätigkeit.
Daraus entstand Ihre Forderung, dass der Mensch die verschiedenen bildnerischen und darstellerischen künstlerischen Handwerkszeuge spielerisch erlernen und trainieren müsse.
Die weitergehende Überzeugung, ohne eine solche Entwicklung bestehe langfristig keine Überlebenschance für die Menschheit, muss epistemisch korrekt als persönliche, aus der 77-jährigen Lebenserfahrung und dem Lebenswerk hervorgegangene Forschungskunst-Position gekennzeichnet werden.
Sie ist nicht dadurch wissenschaftlich bewiesen.
Aber sie erzeugt eine überprüfbare Forschungsfrage:
Fördert breit angelegte künstlerische Praxis tatsächlich Wahrnehmungs-, Differenz-, Rückkopplungs- und Korrekturfähigkeiten, die für komplexe gesellschaftliche Entscheidungen relevant sind?
Damit wird eine Überzeugung in eine Forschungsaufgabe überführt.
XXVIII. Die Gesamtarchitektur
Die Vielzahl der Begriffe lässt sich inzwischen auf einen einzigen Prozess zurückführen.
Am Anfang steht eine nicht vom Menschen erzeugte beziehungsweise nicht vollständig von ihm kontrollierte Plexuswirklichkeit.
Der Mensch kann daraus nur selektiv wahrnehmen.
Aus Selektion entsteht ein Ausschnitt.
Wo die Grenzen dieses Ausschnitts unsichtbar werden, entsteht ein Lochprozess.
Der Ausschnitt wird zu Wahrnehmung, Bild, Sprache, Begriff und Modell.
Diese Modelle gehören wesentlich zur Repräsentationswelt.
Auf ihrer Grundlage wird gehandelt.
Tätigkeit greift in E1, E2 und E3 ein.
Die Eingriffe erzeugen Tätigkeitsfolgen.
Folgen können Tragbedingungen bestätigen, verändern oder verletzen.
Wo Folgen zurückkehren können, entsteht Rückkopplung.
Rückkopplung erzeugt eine Differenz zwischen Vorstellung und Ergebnis.
Diese Differenz schafft eine Lücke.
Die Lücke kann zum Lernraum werden.
Durch Gegenüberstellung kann Erfahrung entstehen.
Erfahrung wird durch Prüfoperatoren bearbeitet.
Prüfanker geben Referenzen.
E4 organisiert die transversale Prüfung zwischen unterschiedlichen Wirklichkeits- und Geltungsweisen.
Wo Prüfung gelingt, kann Korrektur oder Reparatur stattfinden.
Danach beginnt der Prozess erneut.
Die kürzeste Gesamtformel lautet:
Plexuswirklichkeit → Selektion → Ausschnitt → Modell → Tätigkeit → Folge → Rückkopplung → Differenz/Lücke → Gegenüberstellung → Erfahrung → Prüfung → Korrektur → erneute Tätigkeit.
Der Lochprozess bezeichnet dabei die Stellen, an denen diese Kette unterbrochen wird.
XXIX. Die zweite Gesamtarchitektur: Entwicklung der Werkformen
Parallel zur erkenntnistheoretischen Architektur lässt sich die Werkgenese selbst als Transformationsfolge darstellen:
Handwerkliche Werkprüfung → Experimentelle Umweltgestaltung → Wasser- und Formversuche → Vorgabebild und Malbuch → Frage-Antwort-Strukturen → partizipatorische Aktionen → Tausend Tische → Welttheater und Rollenprüfung → Folien und Schablonen → Mitmachbuch → KI als Gegenüber → Globale Schwarm-Intelligenz → So-Heits-Atelier.
Diese Folge zeigt etwas Entscheidendes:
Der Prüfprozess wird immer weiter veräußerlicht und teilbar.
Zuerst prüft der Künstler sein eigenes Werk.
Dann werden Teilnehmer einbezogen.
Dann wird ein Tisch zum gemeinsamen Prüfplatz.
Dann entstehen tausend mögliche Prüfplätze.
Dann wird das Verfahren digital vernetzt.
Schließlich soll das So-Heits-Atelier Werkgeschichte, Öffentlichkeit, KI, analoge und digitale Beteiligung in einem offenen Labor verbinden.
Damit wird aus der Werkentwicklung eine öffentliche Prüfarchitektur.
XXX. Begriffliche Doppelungen und notwendige Bereinigungen
Die Forschung ist inzwischen reich genug, dass ihre größte Gefahr nicht Begriffsarmut, sondern Begriffsüberfülle ist.
Plexuswirklichkeit und Tragwirklichkeit sollten nicht konkurrieren. Plexus ist der Gesamtzusammenhang; Tragwirklichkeit bezeichnet darin existenz- beziehungsweise funktionsnotwendige Beziehungen.
Lücke und Lochprozess müssen getrennt bleiben. Die Lücke kann Lernen ermöglichen; der Lochprozess unterbricht relevante Zusammenhänge.
Dingselektion und Lochprozess gehören zusammen, sind aber nicht identisch. Dingselektion beschreibt das Herauslösen; Lochprozess beschreibt die mögliche Folge des Verlusts von Beziehungen.
Plastisches Ich und E2 sind keine konkurrierenden Modelle. Das Plastische Ich ist eine anthropologische Figur innerhalb lebendiger Prozesse.
Skulpturidentität und E3 gehören zusammen. Skulpturidentität beschreibt die gesellschaftliche Verfestigung des Selbstmodells.
Tätigkeit ist keine fünfte Ebene. Sie ist Übergangsoperation.
E4 ist keine Wirklichkeitsebene im selben Sinn wie E1 bis E3, sondern Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturfunktion.
Prüfanker und Prüfoperator müssen getrennt werden: Bezugspunkt versus Handlung.
Werkanker, Kontextanker und Positionsanker gehören wiederum zu einer anderen Kategorie: Sie sichern Entwicklungsstände der Forschung und dürfen nicht mit Prüfankern verwechselt werden.
51:49 sollte nicht als Haupttheorie auftreten. Das übergeordnete Konzept ist das Differenzialprinzip.
Plastische symmetria bezeichnet die dynamische Kalibrierung, nicht eine weitere eigenständige Theorie.
Globale Schwarm-Intelligenz und KI müssen streng unterschieden bleiben.
So-Heits-Atelier und So-Heits-Gesellschaft stehen auf verschiedenen Maßstabsebenen: konkreter Prüf- und Erfahrungsraum versus gesellschaftliche Zielprojektion.
Diese Bereinigungen reduzieren das Modell erheblich, ohne Erkenntnisse zu verlieren.
XXXI. Eine mögliche Vereinfachung für die Öffentlichkeit
Für documenta-Besucher, Leser des Mitmachbuches oder Teilnehmer der Globalen Schwarm-Intelligenz sollte das gesamte Begriffssystem zunächst hinter vier einfachen Fragen zurücktreten:
Was ist da?
Was stelle ich mir darüber vor?
Was tue ich aufgrund dieser Vorstellung?
Was kommt als Folge zurück?
Aus diesen vier Fragen lässt sich nahezu die gesamte Theorie entwickeln.
„Was ist da?“ öffnet E1, E2, E3, Plexus- und Tragwirklichkeit.
„Was stelle ich mir darüber vor?“ öffnet Dingselektion, Repräsentation, Lochprozess, hineingedachte Eigenschaften, Rolle und Skulpturidentität.
„Was tue ich?“ öffnet Technik, Eigentum, Gestaltung, Macht und Tätigkeitsfolgen.
„Was kommt zurück?“ öffnet Verletzungswelt, Erfahrung, Gegenüberstellung, Prüfanker, E4 und Reparatur.
Erst wenn der Besucher diese Unterschiede erfahren hat, werden die Fachbegriffe benötigt.
Damit würde die Theorie aus dem Vollzug hervorgehen, statt ihm vorausgesetzt zu werden.
XXXII. Noch fehlende Verbindungen
Trotz der inzwischen weit entwickelten Architektur bestehen mehrere offene Übergänge.
Die Verbindung zwischen Lochprozess und Verantwortung ist noch nicht ausreichend geklärt. Wahrnehmung ist unvermeidbar selektiv. Deshalb kann nicht jedes Nichtsehen moralisch als Versagen behandelt werden. Es muss unterschieden werden zwischen unvermeidbarer Begrenzung, vermeidbarer Unkenntnis, aktiver Verdrängung und systematisch erzeugtem Nichtwissen.
Die Verbindung zwischen E2 und E3 braucht weitere Präzision. Gesellschaftliche Zuschreibungen wirken körperlich; körperliche Zustände wirken auf gesellschaftliches Verhalten. Trotzdem dürfen beide Ebenen nicht ineinanderfallen.
Die Stellung der Technik im Ebenenmodell ist weiter zu klären. Technik ist materiell vorhanden, kulturell entworfen und verändert Organismen und Gesellschaften. Sie ist deshalb besonders geeignet, Ebenenübergänge zu untersuchen.
Die Verletzungswelt muss entweder klar in die Architektur integriert oder als eigener Begriff wieder reduziert werden. Sie sollte nicht neben Plexus- und Tragwirklichkeit eine dritte konkurrierende Gesamtwirklichkeit erzeugen.
Das Differenzialprinzip benötigt konkrete Anwendungsregeln. Wo 51:49 verwendet wird, muss gesagt werden, welche Differenz überhaupt beobachtet oder gedacht wird.
Die kulturgeschichtlichen Modelle benötigen eine weitere Quellenprüfung, damit künstlerische Folien nicht als vereinfachte historische Tatsachen missverstanden werden.
Für die Globale Schwarm-Intelligenz fehlen noch belastbare Regeln für Quellengewichtung, Minderheitenschutz, Revision, Verantwortlichkeit und den Umgang mit KI-generierten Inhalten.
Das Mitmachbuch benötigt eine noch klarere Dramaturgie vom einfachen Wahrnehmungsexperiment bis zur komplexen Ebenenprüfung.
Das So-Heits-Atelier benötigt Kriterien, an denen beobachtet werden kann, ob tatsächlich Lernen stattfindet. Sonst bleibt „Prüfung“ eine Selbstbeschreibung.
Und schließlich bleibt die zentrale offene Frage des gesamten Lebenswerks bestehen:
Kann ein Mensch beziehungsweise eine Gesellschaft lernen, Tätigkeitsfolgen so früh und so ernsthaft in ihre eigenen Modelle zurückzuführen, dass existenzgefährdende Fehlentwicklungen noch korrigierbar werden?
