7.12.2025
Einleitung
Die moderne Zivilisation sieht sich mit einer eigentümlichen Entkopplung zwischen Mensch und Welt konfrontiert. Unser kulturelles Selbstverständnis beruht weithin auf der Annahme, der Mensch sei ein vernunftbegabtes Subjekt, das sich selbst, seine Umwelt und seine Ordnungen primär durch Denken und bewusste Entscheidung gestalteglobale-schwarm-intelligenz.de. Dieses Selbstbild steht jedoch in einem deutlichen Widerspruch zur leiblich-biologischen Wirklichkeit: Der Mensch ist ein verletzliches, in Rückkopplungsprozesse eingebundenes Lebewesen, dessen Existenz von Stoffwechsel, Reiz-Reaktionsmustern und ständiger Anpassung an äußere Bedingungen geprägt istglobale-schwarm-intelligenz.de. Mit anderen Worten: Leben vollzieht sich immer in einem dynamischen Wechselspiel zwischen Organismus und Umwelt, nicht als abgeschlossene Innenwelt des Geistes. „Die Wahrheit bewohnt nicht bloß den inneren Menschen. Denn es gibt keinen inneren Menschen. Der Mensch kennt sich allein in der Welt“, formulierte Merleau-Ponty pointiertdeutschlandfunk.de. Dieses Spannungsverhältnis zwischen einem symbolisch erzeugten Selbst- und Weltbild und der tatsächlichen leiblichen Verfasstheit des Menschen bildet den Ausgangspunkt der plastisch-anthropologischen Theorie.
Diese Theorie – entwickelt von Wolfgang Fenner (1948) unter dem Namen Plastische Anthropologie – zielt darauf, die historische Entstehung und die Konsequenzen jener Entkopplung zu analysieren und einen alternativen Weltbezug zu formulierenglobale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. Im Mittelpunkt steht dabei die Erkenntnis, dass die Grundordnung des Lebendigen nicht Gleichgewicht und Symmetrie ist, sondern eine minimale Asymmetrie: das Prinzip 51:49 als elementare „Weltformel“ des Lebensglobale-schwarm-intelligenz.de. Dieser Gedanke wird dem kulturell vorherrschenden Ideal der 50:50-Symmetrie entgegengestellt, das seit Platon die europäische Denktradition prägt. Aus dem Symmetrie-Denken entspringt eine symbolische Ordnung, in der abstrakte Konzepte, formale Gleichheiten und stabile Kategorien die primäre Wirklichkeit zu überformen drohen – mit weitreichenden Folgen: Der Verlust von Rückkopplung zwischen Handeln und Konsequenz führt zu systemischen Krisen, etwa ökologischer und sozialer Artglobale-schwarm-intelligenz.dezkm.de.
Die vorliegende Arbeit entfaltet diese plastisch-anthropologische Theorie umfassend. Zunächst werden im Hauptteil die Grundlagen hergeleitet: das Rückkopplungsprinzip in lebendigen Prozessen (51:49) und der historische Bruch durch den Symmetriedualismus (50:50). Anschließend folgt eine Analyse der Dynamiken 51:49, 50:50 und 1:99: Wie führt das Streben nach statischer Symmetrie paradoxerweise zu extremen Ungleichgewichten (1:99) und zum Verlust von Feedback-Schleifen? Darauf aufbauend wird die symbolische Ordnung unserer Zivilisation kritisch beleuchtet – etwa in den „sieben Membranen“ oder Schichten, die zwischen Mensch und Wirklichkeit liegen und die unmittelbare Rückkopplung abdämpfen. Exemplarisch werden interdisziplinäre Bezüge hergestellt: phänomenologische (Merleau-Ponty), existenzphilosophische (Heidegger), systemtheoretische (Simondon, Luhmann) und anthropologische Perspektiven (Cassirer u.a.) helfen, das Problem der Entfremdung durch Symbole zu ergründen.
Ein Schwerpunkt liegt sodann auf künstlerischer Praxis als Erkenntnismodell. Anhand konkreter Beispiele – etwa einer vergoldeten Kartoffel, einer begehbaren Eisfläche oder einer Decke auf der Wiese – wird gezeigt, wie Kunst die symbolischen Schichten durchbrechen und verlorene Rückkopplung erfahrbar machen kann. Hier werden ästhetische Konzepte (z.B. Joseph Beuys’ Soziale Plastik) und technikphilosophische Überlegungen (z.B. der antike technē-Begriff) integriert, um Kunst als epistemischen Weg zu profilieren.
Schließlich widmet sich die Arbeit der Frage, welche Rolle Künstliche Intelligenz (KI) in diesem Gefüge spielt. KI erscheint vielfach als Verstärker der symbolischen Entkopplung – ein System, das selbst auf Daten und Modellen beruht und Gefahr läuft, die menschliche Weltwahrnehmung weiter in virtuelle Sphären zu verlagern. Doch es gibt auch Ansätze, KI konstruktiv als Resonanzpartner einzusetzenglobale-schwarm-intelligenz.de. Die ambivalenten Effekte der KI für Rückkopplung und Erkenntnis werden herausgearbeitet, um zu klären, ob sie die symbolische Distanz vergrößert oder vielleicht doch helfen kann, neue Verbindungen zu knüpfen.
Die Schlussbetrachtung fasst die gewonnenen Einsichten zusammen. Insbesondere wird diskutiert, inwiefern die Plastische Anthropologie als erkenntnistheoretische Alternative zur klassischen symbolischen Weltsicht dienen kann. Indem Theorie und plastisch-ästhetische Anschauung verknüpft werden, entsteht ein Gegenentwurf zu einer rein symbolischen Epistemologie: Ein Weltzugang, der auf Beteiligung, Materialität und formendes Handeln gründet statt auf Abstraktion, Distanz und Kontrolle. Diese Arbeit argumentiert, dass ein solcher Perspektivenwechsel nicht nur theoretisch fruchtbar ist, sondern angesichts aktueller kultureller und ökologischer Herausforderungen eine notwendige Korrektur darstellt – eine Rückgewinnung von Weltbezug und Verantwortung inmitten der zweiten, symbolischen Wirklichkeit unserer Zivilisationglobale-schwarm-intelligenz.dezkm.de.
Leben, Rückkopplung und minimale Asymmetrie (51:49)
Am Beginn der plastisch-anthropologischen Theorie steht eine grundlegende Beobachtung der Lebenswissenschaften: Lebendige Systeme halten sich nicht durch starre Gleichgewichte stabil, sondern durch dynamische Spannungsverhältnisseglobale-schwarm-intelligenz.de. Anstatt einer perfekten Symmetrie herrscht überall im Organischen ein leichtes Ungleichgewicht vor – symbolisiert durch das Verhältnis 51:49globale-schwarm-intelligenz.de. Dieses scheinbar marginale Übergewicht einer Seite (51) gegenüber der anderen (49) ist keine Fehlfunktion, sondern die Bedingung für Entwicklung und Anpassungsfähigkeitglobale-schwarm-intelligenz.de. Die Verletzbarkeit und Offenheit, die mit der minimalen Asymmetrie einhergehen, ermöglichen überhaupt erst Reaktions- und Evolutionsfähigkeit: „Jedes lebendige System bleibt nur in minimalem Ungleichgewicht stabil: in Spannung zwischen Beharrung und Bewegung, Ordnung und Irritation“ – so fasst Fenner das 51:49-Prinzip zusammenglobale-schwarm-intelligenz.de. Gleichgewicht ist hier kein statischer Zustand, sondern eine oszillierende Dynamikglobale-schwarm-intelligenz.de.
Biologische Evidenzen. – Empirisch lässt sich diese Grundstruktur an vielen biologischen Phänomenen aufzeigenglobale-schwarm-intelligenz.de. So ist z.B. die DNA-Doppelhelix nicht spiegelbildlich symmetrisch, sondern zeigt eine Rechtsdrehung – ein minimaler Strukturüberschuss in eine Richtungglobale-schwarm-intelligenz.de. Ähnlich entstehen bei der Zellteilung Polarisierungen zwischen Zellbereichen, durch die funktionelle Unterschiede (z.B. unterschiedliche zukünftige Zelltypen) generiert werdenglobale-schwarm-intelligenz.de. Die Embryonalentwicklung vollzieht sich über Links-Rechts-Asymmetrien, welche die Organanordnung bestimmen (Herz meist links usw.)globale-schwarm-intelligenz.de. Selbst auf der Ebene voll ausgebildeter Organe arbeitet das Lebendige nach dem Prinzip der komplementären, nicht identischen Dualität: Unser Herz besitzt zwei Kammern, unsere Lunge zwei ungleiche Flügel, das Gehirn zwei hemisphärische Hälften – keine davon ist exakt das Spiegelbild der anderen, doch gerade in ihrem nicht-identischen Zusammenspiel ermöglichen sie komplexe Funktionenglobale-schwarm-intelligenz.de. Auch der Stoffwechsel des Körpers operiert nicht mit einem festen Sollwert, sondern als Schwingung um ein Gleichgewicht herum – Homöostase ist ein dynamisches Pendeln, kein rigides Konservierenglobale-schwarm-intelligenz.de. Konsequent formuliert: Leben realisiert sich ausschließlich durch Rückkopplung und Differenz, nicht durch symmetrische Gleichheitglobale-schwarm-intelligenz.de.
Hier knüpft die Theorie an kybernetische und systemtheoretische Modelle an, die seit dem 20. Jahrhundert Rückkopplung (Feedback) als zentrales Organisationsprinzip erkennen. Der Philosoph Gilbert Simondon etwa betont, dass das Konzept der Rückkopplung zwei Grundbegriffe der klassischen Philosophie transformiert: Es ersetzt lineare Kausalität durch zirkuläre Verursachung und stellt das autonome Individuum in Frage – zugunsten eines Verständnisses, in dem Wirkungen wieder auf die Ursachen zurückwirken und Individuen nur innerhalb solcher Schleifen existierenssoar.info. An einem einfachen Beispiel, dem Fliehkraftregler von James Watt, zeigt sich: Die Dampfmaschine regelt ihre eigene Energiezufuhr, indem die Fliehkraft der rotierenden Kugeln rückwirkend das Dampfventil justiert – Ursache und Wirkung bilden einen Kreis, das System „weiß“ durch Feedback gewissermaßen selbst, wieviel Energie es brauchtssoar.infossoar.info. Simondon folgert, die Philosophie müsse wegen der Rückkopplungsphänomene Abschied von einem Denken nehmen, das isolierte Substanzen und eindirektionale Ursachen favorisiertssoar.info. Stattdessen rückt ein Bild in den Vordergrund, das auch Fenners 51:49-Prinzip leitet: Relationen statt Substanzen, Kreisläufe statt Ketten. Das Leben ist immer Beziehungsprozess – eine Metastabilität, wie Simondon sagt, ein ständiges leichtes Ungleichgewicht, das Wandel erlaubt, ohne in Chaos oder Starre zu verfallen.
Psychische und soziale Rückkopplung. – Das 51:49-Prinzip ist nicht auf biologische Vorgänge beschränkt, sondern spiegelt sich ebenso in psychologischen und sozialen Prozessenglobale-schwarm-intelligenz.de. Entscheidungen eines Menschen etwa sind selten im Zustand absoluter Klarheit möglich – oft gibt lediglich eine minimale Tendenz den Ausschlag (ein „51%“-Impuls gegenüber 49% Zweifel)globale-schwarm-intelligenz.de. Gefühle sind keine statischen Objekte, sondern verlaufen als Schwingungen und Spannungen; erst aus Differenz entstehen Empfindungen (Freude macht sich etwa erst vor dem Hintergrund vorheriger Neutralität oder Traurigkeit bemerkbar)globale-schwarm-intelligenz.de. Lernen ist nicht das bloße Speichern von Information, sondern ein Umlernen, ein Umbau von Relationen im Gefüge von Subjekt und Weltglobale-schwarm-intelligenz.de – man könnte sagen, ein plastischer Prozess, der ebenfalls Rückwirkung erfordert (Trial-and-Error, Feedback aus Fehlern). Damit zeigt sich: Das Psychische selbst ist ein offenes System, das nur in ständiger Rückkopplung mit Umwelt und Körper existiertglobale-schwarm-intelligenz.de. In der Sprache der Phänomenologie: Das Bewusstsein ist immer schon In-der-Welt-sein (Heidegger) und Leibsein, es steht nicht über der Welt, sondern in ihr. „Der Mensch steht der Welt nicht gegenüber, sondern ist Teil des Lebens, in dem die Strukturen, der Sinn, das Sichtbarwerden aller Dinge gründen“, so Merleau-Ponty in Das Sichtbare und das Unsichtbaredie-inkognito-philosophin.de. Diese Grundverbundenheit geht in der modernen Kultur jedoch zunehmend verloren, wie im Folgenden zu zeigen sein wird.
Zusammenfassend liefert die Analyse des Lebendigen ein erstes begriffliches Fundament: Rückkopplung und minimale Asymmetrie sind die Basis allen Lebens, von biochemischen Reaktionen bis zu Bewusstseinsakten. Eine Weltanschauung, die den Menschen als losgelösten, souveränen Geist denkt, verfehlt diese Realität. Plastische Anthropologie plädiert daher dafür, den Menschen als homo plasticus zu verstehen: als ein Wesen, das in beständiger Wechselwirkung mit seiner Umgebung steht und sich in einer leichten Schieflage zur Welt befindet – offen für Veränderung, aber nicht haltlosglobale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. Kultur und Erkenntnis sind in diesem Modell selbst Bewegung, „stetige Selbst-Metamorphosen unter Einsatz kreativer Unruhe“globale-schwarm-intelligenz.de, nicht das Aufrichten ewiger, perfekter Formen. Dieses Verständnis bricht mit der idealistischen Tradition seit Platon, die auf statische Ideen und strikte Dualismen setzteglobale-schwarm-intelligenz.de. Wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden, liegt genau in jenem traditionellen Symmetrie- und Trennungsgedanken ein zivilisatorischer Konstruktionsfehler begründet.
Symmetriedualismus: Abstraktion und symbolische Entkopplung (50:50)
Die philosophische Wende zu Abstraktion und Symmetrie wurde paradigmatisch in der antiken Metaphysik vollzogen, vor allem durch Platon. Mit Platon (um 400 v.Chr.) wird Wirklichkeit nicht mehr primär als tätiger Vollzug und Erfahrung begriffen, sondern als zeitlose Ideeglobale-schwarm-intelligenz.de. In seinen Dialogen – insbesondere im Phaidon – trennt Platon die sinnliche Welt (als bloßen Abglanz, vergänglich) von der ideellen Welt der Formen (als eigentlich wahr und ewig). Erkenntnis zielt damit nicht länger auf konkretes Erleben, sondern auf die partizipationslose Anschauung abstrakter Wahrheiten. Diese platonische Denkform führt zu einem folgenreichen Symmetriedualismus: Subjekt und Objekt, Geist und Welt, Innen und Außen werden als getrennte Sphären gedacht, die einander spiegelbildlich gegenüberstehenglobale-schwarm-intelligenz.de. Der Mensch erscheint als reines Subjekt, als außenstehender Beobachter, der der Welt gegenübertritt, anstatt in ihr verankert zu seinglobale-schwarm-intelligenz.de. Platon legte sozusagen die Axt an die Wurzel des 51:49-Prinzips: Die Grundstruktur des Lebendigen – wechselseitige Einbindung und Asymmetrie – wird metaphysisch ersetzt durch die Idee potentieller Spiegelsymmetrie und Austauschbarkeit von Form und Materie. Die Welt wird nun als im Prinzip berechenbar und symmetrisch denkbar vorgestelltglobale-schwarm-intelligenz.de, auch wenn Platon selbst die sinnliche Welt noch abwertete.
Damit war ein bis heute wirkmächtiges Paradigma geboren: das Ideal 50:50 – in Fenners Begriff die Vorstellung einer perfekten Ausgeglichenheit und Distanz, welche die Relation zwischen Mensch und Welt, Subjekt und Objekt, streng trennt und zugleich formal spiegelt. Dieses Denken baut auf einer Entkopplung von Erkenntnis und Erfahrung auf: Wahres Wissen soll universal und kontextfrei gelten, unabhängig vom konkreten Standpunkt oder den Rückwirkungen des Erkennenden. Platons Einfluss durchzieht die abendländische Geistesgeschichte (verstärkt durch den Cartesianischen Dualismus im 17. Jh.), sodass Fenner pointiert vom “zivilisatorischen Konstruktionsfehler” spricht, geboren mit dem Tod des Sokrates vor über 2400 Jahrenglobale-schwarm-intelligenz.de. Die Abwertung des Leibes zugunsten des Geistes, des Werdens zugunsten des Seins, schuf einen “Wolf im Schafspelz” (so Fenner über Platons Ideenlehre)globale-schwarm-intelligenz.de, der unser Zivilisationsfundament bis heute prägt. Nietzsche und später Foucault haben diese platonisch-christliche “Askese der Wahrheit” scharf kritisiert – Foucault zeigte, dass seit Platon ein Wahrheitsregime installiert wurde, das das Sichtbare dem Unsichtbaren (den Begriffen, Gottes Stadt etc.) unterordnetglobale-schwarm-intelligenz.de. Die plastische Anthropologie stellt sich in diese kritische Tradition und will das verborgene Strukturmuster hinter der Welt freilegen – “jene immerwährende Verformung statt starrer Form”globale-schwarm-intelligenz.de, welche die abendländische Metaphysik verdeckt hat.
Wissenschaft als Steigerung der Trennung. – Die neuzeitliche Wissenschaft (seit dem 17. Jh.) radikalisierte das Symmetrieprinzip weiter. Sie formulierte den Anspruch, nur noch objektives, vom Subjekt unabhängiges Wissen gelten zu lassen. Galilei, Descartes und ihre Erben definierten gültige Erkenntnis durch Reproduzierbarkeit, Neutralität und Beobachterunabhängigkeitglobale-schwarm-intelligenz.de. Damit wurde ein methodischer Rahmen geschaffen, der Rückkopplung gezielt ausschließt: Das ideale Experiment soll den Einfluss des Beobachters eliminieren, der Wahrheitsbegriff wird an die Reproduzierbarkeit unter Kontrolle geknüpft. Dieses Erkenntnismodell – Grundlage der modernen Naturwissenschaft – hat unbestreitbar mächtige Erfolge gezeitigt, doch es bringt auch eine Verengung mit sich: Die Welt wird nur noch in dem Maße für „real“ erachtet, wie sie in Modelle, Algorithmen und Datenstrukturen passtglobale-schwarm-intelligenz.de. Messbare Indikatoren treten an die Stelle von wahrnehmbarer Qualität; quantifizierte Daten an die Stelle von erlebten Phänomenen. Was sich nicht objektivieren lässt, gilt als subjektiver „Störfaktor“ im Erkenntnisprozessglobale-schwarm-intelligenz.de. Fenner formuliert prägnant: “Die Messbarkeit ersetzt Wahrnehmung. Das Wirkliche wird zum Abbild, die Erfahrung zum Störfaktor.”globale-schwarm-intelligenz.de. Dieses Vorgehen erhöht zwar die technische Beherrschbarkeit der Welt enorm – man denke an Physik und Chemie, die Naturgesetze in streng symmetrische Gleichungen fassen. Doch zugleich verlieren wir die Fähigkeit, Wirkungszusammenhänge leiblich zu begreifenglobale-schwarm-intelligenz.de. Das heißt: wir verstehen Ursache-Wirkungs-Ketten abstrakt, aber spüren ihre Konsequenzen nicht mehr am eigenen Leib. Ein Beispiel ist die Klimakrise – gemessen in CO₂-ppm und Temperaturgrafiken – deren existenzielle Dramatik vielen Menschen abstrakt bewusst, aber sinnlich und emotional fern bleibt.
Symbolische Ordnung als Membranschicht. – Die durch Wissenschaft und Verwaltung geschaffene abstrakte Sicht auf die Welt ist Teil einer größeren Entwicklung: der Ausbildung einer vielschichtigen symbolischen Ordnung, die sich wie Membranen zwischen den Menschen und ihre leiblich-ökologische Umwelt schiebt. Diese Ordnung besteht aus Sprache, Zeichen, Institutionen und Medien, die es erlauben, Erfahrungen zu codieren und zu verallgemeinern – mit dem Effekt, dass der unmittelbare Wirklichkeitsbezug zunehmend vermittelt wird. Man kann sich diese symbolischen Schichten analog zu Membranen vorstellen, die einerseits Kommunikation und Kultur ermöglichen, andererseits aber die direkte Rückkopplung abschirmen. Im Laufe der Zivilisationsgeschichte haben sich mehrere solcher “Membranen” etabliert, etwa:
- Sprache und Zeichen: Als erste symbolische „Membran“ ermöglicht Sprache dem Menschen, die Welt in Abwesenheit zu repräsentieren. Indem wir Dinge benennen, gewinnen wir Distanz – wir können über etwas sprechen, ohne es direkt vor uns zu haben. Ernst Cassirer bezeichnete den Menschen deshalb als “animal symbolicum”, als Symboltier, das in einer durch Zeichen vermittelten Welt lebt. Tiere reagieren überwiegend auf unmittelbare Sinnesreize und Bedürfnisse, der Mensch hingegen kann eine eigene symbolische Sphäre schaffen, etwa Mythen, Kunst, Religiondavidpublisher.com. Diese Fähigkeit ist Grundlage aller Kultur, aber sie birgt auch die Gefahr der Selbstverfehlung: Wir können uns in unseren Symbolen verlieren und sie für die Realität halten. Die Sprache ist eine semipermeable Membran – einerseits verbindet sie uns als soziales Bindemittel, andererseits trennt sie uns von der stummen Realität, die sich nicht vollständig in Worte fassen lässt.
- Technik und Werkzeug: Seit der Steinzeit haben Menschen Werkzeuge genutzt, um einen Puffer zwischen sich und die Umwelt zu schieben – vom Faustkeil bis zum Computer. Technik fungiert als Membran, indem sie Verstärkung und Dämpfung bewirkt: Wir können mit einer Axt einen Baum fällen (Verstärkung unserer Kraft), spüren aber die Rückwirkung des Schlages nur gedämpft in unseren Muskeln im Vergleich zum Fällen mit der bloßen Hand. Moderne Maschinen verlängern diese Distanz: Wer im Auto Gas gibt, spürt nicht den Boden unter den Rädern, wer am Bildschirm klickt, erfährt physisch kaum, was in der Welt draußen geschieht. Heidegger analysierte dies in Die Frage nach der Technik tiefgreifend: Durch die Technik, so Heidegger, wird die Erde vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Nutzbarmachung wahrgenommen – alles wird zum verfügbaren Bestand für den Menschende.wikipedia.org. Was nicht nützlich oder berechenbar ist, tritt zurück. Dadurch stellt sich der Mensch selbst außerhalb der Natur. Heidegger sah hierin eine große Gefahr: Die globale technische Machtfülle führt zur schonungslosen „Vernutzung“ der natürlichen Ressourcende.wikipedia.org und letztlich auch des Menschen selbst. Die Welt wird zum Materiallager, der Mensch zum planenden Verstand, der keinen Gegenüber mehr hat, nur noch Objekte. Dem setzte Heidegger das Konzept des Wohnens entgegen: Der Mensch solle nicht Herr der Erde sein, sondern “als sterblicher Gast” in ihr wohnen und sie schonende.wikipedia.org. Kunst könne hier ein Gegengewicht bilden, indem sie uns die Dinge wieder im Eigenwert begegnen lassede.wikipedia.org.
- Institutionen und Rollen: Eine weitere symbolische Schicht bilden die sozialen Institutionen – Recht, Staat, Wirtschaft – und die mit ihnen einhergehenden Rollenbilder. In komplexen Gesellschaften definieren wir Menschen uns weniger über konkrete Tätigkeit oder persönliche Beziehungen, sondern über abstrakte Rollen: Bürger, Steuerzahler, Konsument, Angestellter, Facebook-Nutzer usw. Fenner spricht hier vom „Homo sapiens als Verpackung seiner Begriffe“globale-schwarm-intelligenz.de. Der moderne Mensch trägt gewissermaßen einen „Anzug“ aus Begrifflichkeiten, der Autonomie suggeriert – wir sehen uns als Individuum, Person mit Rechten, rationaler Akteur. Diese Selbstbeschreibungen betonen unsere Unabhängigkeit von konkreter Umwelt: Ein Konsument kann konsumieren, ohne den Produzenten zu kennen; ein Bürger kann über ein Gesetz abstimmen, ohne die Betroffenen direkt zu erleben. Die Kehrseite: Es wird verdeckt, dass unsere Existenz weiterhin leiblich abhängig ist – von Luft, Wasser, Mitmenschen. Die symbolische Ordnung der Institutionen schafft ein Gefühl von Stabilität und Gleichheit (z.B. vor dem Gesetz sind alle „gleich“), doch dies ist oft eine formale Gleichheitsfiktionglobale-schwarm-intelligenz.de, hinter der sich reale Ungleichheiten verbergen (der berühmte Gegensatz formale vs. materielle Gleichheit). So fungiert etwa das Geld als universelles Symbol und „Membran“ im Wirtschaftskreislauf: Es ermöglicht den Tausch unabhängig von den konkreten Gütern und Beziehungen, aber gerade dadurch entkoppelt es Konsum und Produktion. Der städtische Verbraucher etwa kauft ein Steak im Supermarkt für einige Euro (symbolischer Preis), ohne je mit dem Lebewesen, der Kuh, oder dem Landwirt in Berührung gekommen zu sein. Das Geld vermittelt – und verschleiert – die Wirklichkeit der Handlung (die Tötung des Tieres, den Ressourcenverbrauch). Niklas Luhmann hat diese Verselbstständigung der Sinnsysteme treffend analysiert: Jedes Funktionssystem (Wirtschaft, Recht, Wissenschaft usw.) operiert mit eigenen symbolischen Codes und schottet sich gegen artfremde Rückmeldungen ab. Dadurch steigt interne Komplexität und Effizienz, aber es sinkt die Fähigkeit, auf übergreifende Realität zu reagieren, die nicht im eigenen Code erscheintglobale-schwarm-intelligenz.de. So kann das Wirtschaftssystem etwa Umweltzerstörung ignorieren, solange sie sich nicht in Preisen ausdrückt; die Politik kann ökologische Warnungen überhören, solange sie nicht als Wählerstimmenverlust drohen etc.
Man könnte diese Liste weitererführen – etwa die Medien und Digitalisierung als nächste Membran, die Erlebnisse in virtuelle Zeichen verwandet (ein Tweet oder Fernsehbild vermittelt Information ohne Orts- und Empathiebindung); oder die KI-Schicht, auf die wir später eingehen. Wichtig ist das Gesamtbild: Der Mensch hat in der Zivilisationsentwicklung Schicht um Schicht an symbolischer Vermittlung aufgebaut. Jede Schicht brachte immense kulturelle Fortschritte, denn sie ermöglichte Handlungskoordination über Distanzen, Wissensspeicherung, Planung und Gestaltung von Wirklichkeit. Zugleich aber entfernt jede Membran den Menschen ein Stück weiter von der unmittelbaren leiblichen Rückkopplung. Folgen des eigenen Tuns sind immer weniger direkt spürbar, sondern laufen gefiltert durch symbolische Systeme. Der Zivilisationsprozess wird damit ambivalent: Er ist ein Gewinn an Kontrolle und Freiheit, aber auch ein Verlust an Verbundenheit und Aisthesis (unmittelbarer sinnlicher Wahrnehmung). Helmuth Plessner hat den Menschen als „natürlich künstliches Wesen“ beschrieben, das von Natur aus Distanz zu sich selbst hat und Kulturtechniken braucht – die Plastische Anthropologie würde ergänzen: Diese Künstlichkeit darf nicht zum völligen Selbstentzug führen; der Spielraum zwischen Mensch und Welt darf nicht so groß werden, dass die Resonanz abbricht.
Verlust der Rückkopplung: Von 50:50 zu 1:99 (Krisendynamiken)
Welche Konsequenzen ergeben sich, wenn die Logik des Lebens (51:49) durch die Logik der Symmetrie (50:50) ersetzt wird? Fenners Analyse zufolge entstehen daraus langfristig systemische Fehlentwicklungen in nahezu allen Bereichenglobale-schwarm-intelligenz.de. Das Modell der statischen Gleichheit – so plausibel es als regulative Idee scheinen mag – gerät in der Praxis in Schieflage, häufig in Richtung extremer Ungleichgewichte, die man sinnbildlich als 1:99-Verhältnisse bezeichnen kann. Damit ist gemeint, dass ein Pol eines Systems 99% dominiert, während der andere Pol auf 1% schrumpft – eine drastische Asymmetrie, allerdings nicht mehr die lebendige, oscillierende 51:49-Asymmetrie, sondern eine erstarrte Dominanz. Einige Beispiele illustrieren diese Dynamik:
- Ökonomie: Das Ideal des Gleichgewichts (homo oeconomicus in rationalen Märkten, Angebot = Nachfrage) kippt um in realexistierende Ungleichheit. Wir beobachten global eine Konzentration von Kapital und Macht bei Wenigen (etwa besitzen die reichsten 1% der Weltbevölkerung einen Großteil des Vermögens). Formal ist der Markt ein Ort freier, gleicher Verträge – jeder Euro ist gleich viel wert, jeder Teilnehmer rechtlich gleichgestellt. Doch faktisch erzeugt das System, wenn ungebremst, eine 1:99-Verteilung von Ressourcenglobale-schwarm-intelligenz.de. Warum? Weil Rückkopplungsmechanismen fehlen, die extreme Akkumulation begrenzen. In einem 51:49-System würde ein leichter Vorteil eines Marktakteurs (51) zwar Wettbewerbsvorteile bringen, aber auch durch soziale Regulierung (Gerechtigkeitsempfinden, Gemeinsinn) ausgeglichen werden. Im 50:50-Denken hingegen gilt jede Intervention als Verzerrung, und so wächst aus 51 schnell 60, 70, … 99. Wir haben es hier mit positiven Rückkopplungen in technischem Sinn zu tun (Erfolg gebiert mehr Erfolg), aber negativen gesellschaftlichen Rückkopplungen (kein Ausgleich mehr). Joseph Stiglitz und andere sprechen von „inequality feedback loops“, die dazu führen, dass Vermögende ihren Einfluss nutzen, um Regeln zu ihren Gunsten zu ändern, was noch mehr Vermögen schafft – ein Teufelskreis.
- Politik und Gemeinsinn: In der Politik führt das Postulat der Stabilität und Balance (50:50) paradoxerweise zu Blockaden und Verlust von Gemeinsinnglobale-schwarm-intelligenz.de. Ein Beispiel ist die ideologische Polarisierung in vielen Demokratien: Man strebt einen 50:50-Kompromiss an, der “alle Stimmen hört”, doch endet oft bei einem lähmenden Patt, in dem Partikularinteressen dominieren. Alternativ erringen knappe Mehrheiten (51:49) formal die Entscheidungsmacht, was aber von der unterlegenen 49-Minderheit nicht als legitime Rückkopplung akzeptiert wird, sondern als Fremdkörper. So wächst die Frustration, und extreme Positionen (1:99-Politik) gewinnen Zulauf – etwa populistische Bewegungen, die einen totalen Sieg der „wahren 99%“ (des Volkes) über die „1% Eliten“ propagieren oder umgekehrt eine Oligarchie, die faktisch die Macht an sich zieht. Die Formel 50:50 – verstanden als starres Ausbalancieren aller Interessen – kann Gemeinsinn gerade nicht erzeugen, weil sie keinen Spielraum für Dynamik lässt. Eine lebendige Demokratie bräuchte eher ein 51:49-Prinzip im übertragenen Sinne: ein leichtes, wechselndes Übergewicht an Gestaltungskraft, das Innovation zulässt, ohne die Minderheit völlig zu überrollen. In vielen Gesellschaften jedoch sehen wir entweder Polarisierung ohne echten Austausch (zwei Lager unversöhnlich) oder erzwungene Neutralisierung (technokratische Politik ohne Rückhalt). Beide Zustände mindern die resonante Rückbindung zwischen Bürgern und politischem System – man fühlt sich nicht mehr wirksam beteiligt, was wiederum Radikalisierung verstärkt.
- Wissenschaft und Technikfolgen: Auch in der Wissenschaft führt die Extremform der Symmetrie-Denke zu Krisen. Indem streng zwischen Beobachter und Objekt getrennt wird, neigt das System dazu, Warnsignale außerhalb des eigenen Modells zu ignorierenglobale-schwarm-intelligenz.de. Fenners drastisches Beispiel: Die Spezialisten übersehen das Ganzeglobale-schwarm-intelligenz.de. Tatsächlich sind wissenschaftliche Disziplinen oft so spezialisiert, dass niemand mehr die gesamtgesellschaftliche Rückkopplung übernimmt. Klimaforscher können warnen, aber die Politik fühlt sich nicht zuständig, die Ökonomie rechnet weiter mit ihrem Modell usw. Wir erleben eine Kultur, in der Gefahrenerkennung erschwert ist, weil sie nicht in den vorgegebenen Begriffsräumen auftauchtglobale-schwarm-intelligenz.de. Ein einfaches Bild: Wenn man nur durch ein Fernrohr schaut (fokussiert auf einen Ausschnitt), sieht man den herannahenden Orkan nicht. Die moderne Wissensordnung ist ein Ensemble vieler „Fernrohre“, aber es fehlt oft an Integration, an Feedback-Schleifen zwischen den Bereichen. Hinzu kommt ein kultureller Faktor: Verdrängung von Verletzbarkeitglobale-schwarm-intelligenz.de. Rückkopplung wird bewusst oder unbewusst gemieden, weil sie unsere Verletzlichkeit zeigt – etwa will die hochtechnisierte Gesellschaft ungern wahrhaben, dass sie komplett von funktionierender Stromversorgung abhängt. Dieses Verdrängen führt aber dazu, dass Warnsysteme versagen: Die Fähigkeit, Gefahr wahrzunehmen, nimmt ab, während die Abhängigkeit von lückenloser Systemstabilität steigtglobale-schwarm-intelligenz.de. Man baut also an einer scheinbar perfekten, absturzsicheren Maschine – und merkt nicht, dass die wirkliche Welt um einen herum bröckelt.
Die genannten Tendenzen zeigen, wie aus dem Symmetrieprinzip ein Katastrophenprinzip werden kann, wenn es absolut gesetzt wird. Fenner beschreibt dies als Übergang von 50:50 zu 1:99, also zu extremer Asymmetrie, aber unkontrolliert und zerstörerisch. Tatsächlich finden sich in vielen Krisenphänomenen unserer Zeit solch “umgekehrte” Rückkopplung: Das Finanzsystem z.B. stabilisiert sich nicht selbst, sondern kippt in immer heftigere Zyklen (Boom und Crash) – genau weil es versucht, ohne stetige kleine Ausgleichsbewegungen auszukommen. Ein weiteres Beispiel ist die ökologische Krise: Die Atmosphäre ist ein klassisches Rückkopplungssystem (CO₂-Anstieg -> Erwärmung -> Feedbacks wie Eisschmelze), doch unsere industrielle Lebensweise behandelt sie wie ein lineares, folgenloses Außen. Das Resultat sind Kipppunkte, jenseits derer sich das System radikal umstellt (ein Gleichgewichtssprung von 51:49 auf 1:99, metaphorisch gesprochen). Bruno Latour hat hervorgehoben, dass die Moderne letztlich auf einer Trennung von „zwei Erden“ beruhte: Einerseits das Land, auf dem Gesetz, Freiheit und Zivilisation aufgebaut wurden – andererseits ein Hinterland, aus dem Ressourcen bezogen und externalisiert wurdenzkm.de. Diese zweite Erde war die unsichtbare 99%, von der man lebte, ohne Verantwortung zu übernehmenzkm.de. Jetzt, im Klimawandel, bricht diese Rechnung auf: Die Moderne kann nicht länger auf ein unendlich fernes Außen bauen; alle Rückwirkungen schlagen zurück. Latour spricht von einem neuen „Klimatischen Regime“ und fordert ein „Zurück zur Erde“ – eine Landung in der Realität, nachdem wir lange in globalen Abstraktionen gelebt habenzkm.dezkm.de. Treffend schreibt er, es bestehe eine „völlige Diskrepanz zwischen dem Horizont der Globalisierung und der realen Position der Erde“zkm.de. Wir seien desorientiert, weil wir merken, dass wir auf einem dünnen, fragilen Lebensfilm – der Critical Zone – existieren und die alten Gleichgewichtsannahmen uns in die Irre führtenzkm.de. Diese Critical Zone ist „nur ein dünner Firnis, eine empfindliche Haut der Erde... dort leben wir alle – Zellen, Pflanzen, Tiere und Menschen“zkm.de.
Die Diagnose des Rückkopplungsverlusts lässt sich also kulturkritisch zusammenfassen: Die Symbiose von symbolischer Ordnung und technischer Kontrolle hat dem Menschen eine zweite Wirklichkeit geschaffen – eine „Meta-Wirklichkeit“ der Zeichen, Modelle und Systeme, die sich teilweise verselbständigt hat. Michael Fleischer spricht von einer „Zweiten Wirklichkeit“ der Kulturlibrary.oapen.org, die auf der ersten, physischen Wirklichkeit aufsitzt. Wenn diese zweite Schicht zu dick wird (man könnte sagen: wenn die Membranen zu undurchlässig werden), droht eine symbolische Entkoppelung: Der Mensch lebt dann gewissermaßen neben der realen Welt, nicht mehr mit ihr. Solange die Rahmenbedingungen stabil bleiben, fällt dies kaum auf – doch in dem Moment, wo z.B. ökologische oder soziale Krisen eintreten, zeigt sich die Entfremdung drastisch. Unsere Warnsysteme haben „geschlafen“, wir sind überrascht von Phänomenen, die lange im Verborgenen wuchsen (Klimakipppunkte, Finanzblasen, gesellschaftliche Spannungen).
Ein prägnantes Bild liefert Hans Jonas: In Das Prinzip Verantwortung (1979) mahnte er angesichts der technologischen Macht, die Menschheit habe sich Fähigkeiten angeeignet, deren Folgen sie nicht mehr innerhalb erfahrbarer Zeit und Raum zu spüren bekommt – etwa Strahlung von Atommüll, die Tausende Jahre gefährlich bleibtglobale-schwarm-intelligenz.de. Jonas forderte daher eine neue Ethik, die zukünftige Leben mitbedenkt. Fenner greift Jonas’ Gedanken auf, aber übersetzt ihn ins Systemische: Er fordert eine “Ethik der Asymmetrie”, die die Verwundbarkeit und Begrenztheit des Menschen anerkenntglobale-schwarm-intelligenz.de. Verantwortung bedeutet funktional, nichts zu zerstören, was die fragilen Gleichgewichte des Lebens trägtglobale-schwarm-intelligenz.de. Was dem Leben dient, ist ethisch – so könnte man Fenners Leitprinzip zusammenfassen, das Hans Jonas’ Imperativ („Handle so, dass die Wirkungen deiner Handlung verträglich sind mit der Permanenz echten menschlichen Lebens auf Erden“) in eine weniger metaphysische, dafür systemtheoretische Sprache fasstglobale-schwarm-intelligenz.de. Interessanterweise betont Fenner, dass Asymmetrie auch Schutz bedeutet: “Asymmetrie […] schützt das Andere vor totaler Vereinnahmung durch das Gleiche”globale-schwarm-intelligenz.de. Hier klingt Emmanuel Lévinas’ Ethik an, für den das Antlitz des Anderen immer einen Überschuss hat, der nicht im Gleichen aufgeht – nur dass Fenner diesen Gedanken von der zwischenmenschlichen Sphäre auf das generelle Verhältnis zu Umwelt und Mitwelt erweitert.
Nach dieser kritischen Analyse der symbolischen Entkopplung stellt sich die Frage: Gibt es einen Weg, die Rückkopplung wieder zu stärken, ohne die kulturellen Errungenschaften der Zivilisation preiszugeben? Mit anderen Worten: Wie kann eine Integration von Symbolwelt und Lebenswelt aussehen, die das starre 50:50-Modell überwindet? Die plastische Anthropologie gibt hierauf eine Antwort, indem sie Theorie und Praxis zusammenführt – insbesondere durch eine Aufwertung künstlerisch-plastischer Erkenntnisformen. Im nächsten Kapitel wenden wir uns daher dem vorgeschlagenen Gegenmodell zu: dem plastischen Weltbezug, der im Tun und Gestalten verankert ist.
Plastische Anthropologie als Gegenentwurf: Wissen im Vollzug
Die Plastische Anthropologische Philosophie (PAP) formuliert einen alternativen Grundansatz: Der Mensch erkennt die Welt nicht aus der Distanz, sondern im Handelnglobale-schwarm-intelligenz.de. Wissen entsteht nicht durch bloße Beschreibung oder Abbildung, sondern durch Konsequenzen – durch das konkrete Eingreifen und Erfahren von Wirkungglobale-schwarm-intelligenz.de. Diese Aussage – “Wirklichkeit wird im Vollzug erzeugt. Wahrheit ist ein Verhältnis – nicht ein Begriff.”globale-schwarm-intelligenz.de – stellt die traditionellen Erkenntnistheorien auf den Kopf. An die Stelle der Korrespondenztheorie der Wahrheit (wahr ist, was mit einer Idee übereinstimmt) tritt eine Relationstheorie: Wahr ist, was sich im Leben bewährt, was im Gefüge von Mensch-und-Welt tragfähig istglobale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. Fenner knüpft damit explizit an den ursprünglichen griechischen technē-Begriff anglobale-schwarm-intelligenz.de. In der Antike bedeutete technē nicht bloß Technik, sondern eine Einheit von Können, Erkenntnis und moralischer Einbettung – der Töpfer etwa weiß um den Ton, indem er ihn formt, und ist verantwortlich für die Qualität des Gefäßes; Kunst, Handwerk und Wissen bildeten eine Einheitglobale-schwarm-intelligenz.de. Diese Einheit ging in der Neuzeit verloren, als techne zur mechanischen „Technik“ verkam und Wissen zur Theorie ohne Praxis wurde. Die plastische Anthropologie möchte dieses “verlorene Fundament” reaktivierenglobale-schwarm-intelligenz.de: Sie plädiert für eine Wiederbelebung der Einheit von Können und Erkennen, von Handeln und Verstehen.
Fenner schreibt: „Denken [soll] kein abstraktes Behaupten sein, sondern ein Funktionieren im Dienst des Lebens.“globale-schwarm-intelligenz.de. Das Denken soll also gleichsam plastisch werden – formbar, prozessual, dem Leben angemessenglobale-schwarm-intelligenz.de. Diese Forderung erinnert an die Pragmatismus-Philosophie (William James, John Dewey), die Wahrheit an praktischen Folgen misst. Doch Fenner verbindet den Pragmatismus mit einer ethischen Dringlichkeit und systemischen Perspektiveglobale-schwarm-intelligenz.de: Es geht um nichts weniger als eine „Epistemologie des Überlebens“. In dieser sollen Begriffe und Modelle stets am Kriterium des Lebendigen gemessen werden – nicht umgekehrt das Lebendige an abstrakte Dogmenglobale-schwarm-intelligenz.de.
Was heißt das konkret? Im Kern bedeutet es, dass jegliche Erkenntnis auf Teilnahme beruht. Bruno Latours Begriff der “koproduktiven Wahrheit” oder Donna Haraways Konzept der “situierten Wissens” liegen auf ähnlicher Linieglobale-schwarm-intelligenz.de: Wissen ist immer lokal situiert, an einen Kontext von Beziehungen gebunden, und entsteht im Austausch mit dem, was erkannt wird. Fenner spricht von Resonanz-Wissen, das Transparenz statt Objektivität anstrebtglobale-schwarm-intelligenz.de – anstelle der vermeintlich neutralen, distanzierten Sicht tritt eine durchlässige, rückbezügliche Erkenntnisweise, in der Subjekt und Objekt in Wechselwirkung treten. Das Bild der Resonanz (angelehnt an Hartmut Rosa) ist hier passend: Der erkennende Mensch „stimmt sich ein“ auf die Welt und erfährt eine Antwort. So eine Erkenntnis ist immer auch Selbstveränderung – wenn ich einen Ton erzeuge und ein Echo bekomme, habe ich damit zugleich mich selbst in Relation zur Umgebung gehört.
Die plastische Anthropologie versucht, diese Idee umfassend zur Geltung zu bringen. Der Mensch wird dabei als “homo plasticus” beschrieben, der sich und seine Welt fortwährend gestaltet und geformt hatglobale-schwarm-intelligenz.de. Historisch gesehen gab es immer Phasen, wo Können und Wissen enger beisammen waren (etwa in vormodernen Handwerkskulturen oder in indigener Umweltkenntnis). Die Neuzeit spaltete diese Einheit auf: Hier Theorie (Universität, Buchwissen), dort Praxis (Manufaktur, Technik) – und entwertete letztere. Der Gegenentwurf der PAP ist, Theorie selbst als Praxis zu begreifen: als einen Teil des Weltgeschehens, der rückwirkend prüfbar sein muss. Fenner formuliert: Denken soll „wahr bleiben – nicht als Abbild, sondern als Teil des Lebensprozesses, den es verstehen will“globale-schwarm-intelligenz.de. Damit dreht er die klassische Forderung nach objektiver Richtigkeit (Korrespondenz mit einem unveränderlichen Sachverhalt) in eine Forderung nach Prozesswahrheit: Eine Theorie ist demnach wahr, wenn sie in den lebendigen Prozess passt, ihn fördert oder zumindest nicht zerstört. Es handelt sich also um einen funktionalen Wahrheitsbegriff, der stark an ökologischen und ethischen Kriterien orientiert ist (vgl. Was dem Leben dient, ist wahr/ethisch).
Eine solche Sicht hat weitreichende Folgen. Sie bedeutet zum Beispiel, dass Innovation nicht mehr primär als gedankliche Entdeckung in der Abstraktion gesehen wird, sondern als Entwicklung durch Versuch und Irrtum im konkreten Umfeld. Das Denken wird experimentell und handwerklich. Simondon, der auch Erfinder und Ingenieur war, betont die Rolle der Intuition im technischen Schaffen: Neues entsteht oft durch konkretes Basteln, Ausprobieren am Material, nicht durch reine Deduktion. Dieses Mit-dem-Material-Denken (denken in und durch die Materie) liegt genau in Fenners Sinne. Er beschreibt Erkenntnis als Herstellen im Widerstand – „zwischen Idee und Welt, Form und Material, Ich und Wirklichkeit“globale-schwarm-intelligenz.de. Der Denker gleicht darin einem Bildhauer, der weder völlig willkürlich schafft noch bloß passiv abbildet, sondern in einem Dialog mit dem Material (dem Stein, der Sprache, der sozialen Realität) eine Form hervorbringt. Wahrheit erweist sich dann daran, dass die Form im Lebensprozess trägtglobale-schwarm-intelligenz.de – analog etwa zur Frage, ob eine gebaute Brücke hält und Nutzen bringt.
Heidegger hat in “Der Ursprung des Kunstwerkes” (1936) eine ähnliche Idee entwickelt: Das Kunstwerk “entbirgt” eine Wahrheit, indem es einen Streit zwischen Erde und Welt austrägt – zwischen dem Material (Erde) und der Bedeutung/Form (Welt). In einem gelungenen Werk bleibt die Erde (Materialität) spürbar und tritt doch eine Bedeutung hervor. Eine reine symbolische Welt (50:50) würde die Erde ignorieren; ein reines Naturleben (ohne Formgebung) wäre dumpf. Erst im produktiven Zwischenspiel entsteht Sinn. Die plastische Anthropologie kann als Fortführung dieser Einsicht betrachtet werden, aber mit anthropologischem Zuschnitt: Der Mensch selbst wird als Zwischenspiel-Wesen verstanden, das seine Identität in der ständigen Vermittlung von Form und Stoff, Idee und Körper bildet.
Diese Sichtweise bietet einen Ausweg aus dem Dualismus. Sie überwindet insbesondere die sterile Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt. Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie beschreibt in diesem Sinne die Welt als Geflecht von Mensch-und-Ding-Verbindungen, in dem keine absolute Trennung existiert. Das berühmte Beispiel Latours: Ein Mensch mit einem Gewehr ist nicht einfach Subjekt+Objekt, sondern ein neuer Akteur (Mensch-Gewehr), der anders handelt als ohne Gewehr. Die Handlung entsteht im Netzwerk. Übertragen auf Erkenntnis: Der Forscher mit seinem Messgerät und Theorierahmen formt eine Einheit mit dem Gegenstand; was wahrnehmbar wird, hängt von dieser Konstellation ab. Kognition ist somit verteilt – sie liegt nicht nur “im Kopf”, sondern auch in Händen, Werkzeugen, im Gespräch, in kulturellen Techniken. Maurice Merleau-Ponty hatte bereits von der “Verwobenheit” (entrelacs) von Selbst und Welt gesprochen: mein Leib und die Dinge sind ineinander verschlungen, Subjekt und Objekt Durchdringungen. Diese Vorstellung deckt sich mit dem plastischen Menschenbild.
Fenner versucht, dem theoretischen Gerüst auch eine gesellschaftspraktische Methode zur Seite zu stellen. Er bezeichnet sein Gesamtwerk als Soziale Plastik – in bewusster Anlehnung an Joseph Beuysglobale-schwarm-intelligenz.de. Beuys hatte bekanntlich postuliert: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, womit er meinte, dass jeder die Gesellschaft kreativ mitgestalten könne. Gesellschaft als Ganzes verstand Beuys als ein großes Kunstwerk, an dem alle mitwirkenglobale-schwarm-intelligenz.de. Er führte Aktionen durch (7000 Eichen, Honigpumpe, direkte Demokratie Büro), die soziale Prozesse künstlerisch anstoßen solltenglobale-schwarm-intelligenz.de. Fenner greift diese Ideen auf: Seine Online-Plattform Globale Schwarm-Intelligenz ist ein partizipatives Kunstprojekt, das kollektive Kreativität mobilisieren will, um destruktive Strukturen sichtbar zu machen und alternative Zukünfte zu entwerfenglobale-schwarm-intelligenz.de. Hier zeigt sich, wie Theorie und Praxis verschmelzen: Die Plattform dient zugleich als Forschungsprozess und als gesellschaftliche Intervention. Fenners eigenes Vorgehen, eng mit KI-Unterstützung (dazu im nächsten Kapitel) und öffentlicher Dokumentation arbeitend, ist Teil dessen, was er predigt: eine transparente Dokumentation des künstlerischen und gesellschaftlichen Prozesses – als Live-Charakterglobale-schwarm-intelligenz.de.
Der springende Punkt ist, dass die plastische Anthropologie kein Rückzug aus der Zivilisation sein will, sondern eine Transformation von innen. Sie strebt einen Kulturwandel an, bei dem bestehende Institutionen und Technologien in einen neuen Gebrauch überführt werden, anstatt sie abzuschaffen. Fenner formuliert es so: “Als tragfähig erweist sich jene Option, die einen Ausweg aus der dystopischen Gegenwart eröffnet – und diese wird sich notwendig als künstlerischer Weg erweisen, da nur er die plastische Kraft besitzt, destruktive Strukturen in schöpferische Transformation zu überführen.”globale-schwarm-intelligenz.de. Das heißt, künstlerisch-plastisches Denken hat für ihn eine konkret utopische Funktion: Es kann das, was ist (selbst wenn es zerstörerisch ist), nehmen und in etwas Neues umformen, statt bloß abstrakt darüber zu theoretisieren oder moralisch zu verurteilen. Darin liegt eine gewisse Nähe zu systemtheoretischen Ansätzen, die nicht vom idealen Soll ausgehen, sondern im Operieren im System Veränderungen bewirken – allerdings verbindet Fenner das mit einem starken ethischen Impuls und ästhetischem Gespür.
Bevor wir uns den konkreten Beispielen künstlerischer Erkenntnispraxis zuwenden, sei hervorgehoben, wie radikal dieser Paradigmenwechsel letztlich ist: Er stellt die symbolische Ordnung als Primat in Frage und setzt an ihre Stelle einen Vorrang des Leiblichen und Formenden (man könnte sagen: Primat der Wahrnehmung, mit Merleau-Pontymacau.uni-kiel.de). Die Konsequenzen betreffen alle Wissensbereiche – von der Philosophie (die ihre Existenzberechtigung nur behält, wenn sie “von der ansteckenden Wirkung des Lebens” nicht verschont bleibtdie-inkognito-philosophin.de) bis zur KI-Forschung. Doch wie sieht Erkenntnis im plastischen Modus konkret aus? Hier kommen nun Kunst und ästhetische Erfahrung ins Spiel, als gewissermaßen experimentelle Labore für plastisches Wissen.
Künstlerische Praxis als Erkenntnisweg: Rückkopplung erfahrbar machen
Kunst nimmt in Fenners Konzept einen zentralen Stellenwert ein – nicht als Luxus oder Ornament, sondern als Erkenntnismodell und Trainingsfeld für eine rückgekoppelte Weltbeziehung. Im Kapitel „Kunst als Erfahrungsform der Wirklichkeit“ heißt es programmatisch: “Kunst macht Rückkopplung wieder erfahrbar. Sie lehrt Wahrnehmung, Konsequenz, Veränderung. Sie formt den Menschen als handelndes Wesen.”globale-schwarm-intelligenz.de. Warum ausgerechnet Kunst? Weil künstlerisches Arbeiten per se ein stoffliches, leibgebundenes und zugleich sinnlich-reflexives Tun ist. In der Kunst werden Ideen nicht nur gedacht, sondern in ein Medium übersetzt – Farbe, Klang, Körper, Sprache – und müssen sich dort bewähren. Jeder Pinselstrich in der Malerei z.B. ist sofort sichtbar und konfrontiert den Maler mit den Konsequenzen seiner Entscheidung; jeder Ton eines Musikers erklingt real und fordert ein Ohr. Kunst ist damit eine Schule der Unmittelbarkeit im Medium der Vermittlung. Sie vereinigt Empfindung und Bedeutung, Form und Materie auf exemplarische Weise.
Beispiele plastischer Kunstaktionen. – Um die etwas abstrakten Überlegungen greifbar zu machen, sei auf einige anschauliche Beispiele verwiesen, wie künstlerische Praxis symbolische Schichten durchdringen kann:
- Vergoldete Kartoffel: Stellen wir uns eine einfache Kartoffel vor – ein Grundnahrungsmittel, erdig, banal. Wenn ein Künstler diese Kartoffel mit echtem Blattgold überzieht und als Objekt präsentiert, passiert etwas Interessantes: Zwei Wert- und Bedeutungsebenen prallen aufeinander. Das Gold, Symbol von Reichtum und sakraler Erhöhung, und die Kartoffel, Symbol des Bodens und der Sättigung des einfachen Volkes. Eine vergoldete Kartoffel in einer Ausstellung kann somit als plastisches Erkenntnisobjekt wirken: Sie entlarvt die symbolische Aufladung von Wert (Gold, Geld) im Kontrast zum realen Wert des Lebensnotwendigen (Nahrung). Der Betrachter erfährt vielleicht Irritation: Ist die Kartoffel nun kostbar oder lächerlich? Kann man sie noch essen? Diese Irritation öffnet einen Reflexionsraum: Sie wirft Fragen auf nach unserem Umgang mit Wert und Nahrung. Im Sinne der plastischen Anthropologie wird hier eine Rückkopplung spürbar: Der symbolische Glanz (Gold) wird ans Konkrete (Kartoffel) zurückgebunden – man erkennt plötzlich, dass abstrakter Reichtum ohne konkretes Leben nichts nützt. Solche Arbeiten – man denke auch an Marcel Duchamps Ready-mades (z.B. das Urinal als „Brunnen“) – fungieren als Membranöffner: Sie erlauben einen Blick hinter die gewöhnlichen Bedeutungen. Im wissenschaftlichen oder politischen Diskurs könnte man ewig über Lebensmittelverschwendung oder monetären Wert referieren; die vergoldete Kartoffel schafft einen unmittelbaren Sinneseindruck, der Erkenntnis auslöst, ohne Begriffe zu predigen.
- Eisfläche: Ein anderes Szenario: Eine künstlich angelegte glatte Eisfläche, die betreten werden kann. Jeder kennt die Redewendung vom „dünnen Eis“, auf das man sich begibt, wenn man riskante Entscheidungen trifft. Ein Künstler könnte etwa eine Installation schaffen, in der Besucher über eine Eisfläche gehen müssen, unter der man vielleicht sogar Wasser erahnt. Diese ästhetische Erfahrung – das unsichere Gefühl, jeder Schritt könnte Einbrechen bedeuten – macht auf tiefenpsychologischer Ebene Verletzbarkeit und Risiko erfahrbar. Sie kann stellvertretend sein für die „dünne Membran der Zivilisation“zkm.de, auf der wir uns bewegen: Unsere technische Zivilisation ist wie eine gefrorene Schicht, die einbricht, wenn sie zu stark belastet wird (man denke an Stromnetzzusammenbrüche, Lieferketten, Finanzsystem). Die Kunst bringt hier einen Körpereindruck ins Spiel: Die wackeligen Beine auf dem Eis sind Rückkopplung – man spürt im eigenen Leib die potenzielle Katastrophe. Ein solches Werk könnte in einem Museumskontext viel mehr Bewusstsein schaffen als ein reines Infoplakat über die Fragilität unserer Systeme. Bruno Latour hat das Bild vom “dünnen Eis der Zivilisation” tatsächlich in Diskussionen genutzt (z.B. im Gespräch mit Alexander Kluge) – es ist kein Zufall, dass diese Metapher aufgegriffen wird, weil sie sinnlich ist. Hier erweist sich Kunst als Medium, um das abstrakte Wissen (wir leben in einer riskanten Übergangszeit) physisch-emotional spürbar zu machen.
- Decke auf der Wiese: Ein scheinbar triviales drittes Beispiel: Ein Künstler lädt Stadtbewohner ein, sich auf einer Wiese auf eine Decke zu legen und für eine gewisse Zeit den Himmel, die Geräusche, die Natur auf sich wirken zu lassen – eine Art geführtes “In-der-Welt-Sein”-Experiment. Diese performative Handlung könnte banal wirken (Picknick als Kunst?), ist aber philosophisch bedeutsam: Sie inszeniert die Rückbindung an die Umwelt. In Japan gibt es z.B. den Brauch des „Waldbadens“ (shinrin yoku), der eine ähnliche Idee verfolgt: bewusste Immersion in die Natur zur Steigerung des Wohlbefindens und der Wahrnehmung. Eine künstlerische Variante könnte etwa durch leichte Veränderungen der Umgebung (Soundinstallationen, visuelle Markierungen) die Aufmerksamkeit schärfen. Das Entscheidende ist: Die Teilnehmer erfahren die symbolische Entlastung – für eine Zeit treten die Alltagssymbole (Handy, Uhr, Arbeitstitel) zurück, und primäre Sinneserlebnisse treten hervor (Wind auf der Haut, Gräserduft, Wolkenziehen). Diese Erfahrung kann zu einer Erkenntnis werden: nämlich dass Wirklichkeit nicht nur das ist, was unsere symbolischen Routinen daraus machen, sondern ein vielschichtiges Gewebe, an dem wir mit all unseren Sinnen teilhaben. Philosophisch gesprochen: Die Lebenswelt (Husserl) wird wieder wahrgenommen, indem wir die „Decke“ im doppelten Sinne nutzen – die Picknickdecke und die Himmelsdecke.
Solche künstlerischen Interventionen fungieren als Gegenrituale zur abstrakten Lebensführung. Sie schaffen Situationen, in denen Menschen aus dem reinen Rollen- und Funktionsmodus heraustreten und sich als handelnde, sinnliche Wesen erfahren. Insbesondere die Methode der partizipativen Kunst – auf der Straße, mit Einbeziehung der Zuschauer – bricht die Distanz von Beobachter und Objekt. Beuys’ Soziale Plastik zielte genau darauf: durch kollektive Aktionen gesellschaftliches Lernen anzustoßen. Fenner reiht sich hier ein, wenn er Zukunftswerkstätten und Schwarmintelligenz-Experimente künstlerisch gestaltetglobale-schwarm-intelligenz.de.
Kunst vs. Symbolische Ordnung. – Warum kann Kunst die symbolische Ordnung „durchlöchern“? Kunstwerke entziehen sich oft der eindeutigen begrifflichen Fixierung. Ein Gemälde etwa spricht zu uns nicht in propositionalen Aussagen, sondern in visuellen Gestalten – es besitzt eine Mehrdeutigkeit, die der symbolischen Eindeutigkeit entgegensteht. Maurice Merleau-Ponty schrieb im Essay “Das Auge und der Geist”, das Sehen des Künstlers sei ein „Denken, das die im Körper gegebenen Zeichen entziffert“european-spaces.eu – d.h. der Künstler denkt in Wahrnehmungen, nicht in abstrakten Begriffen. Kunst eröffnet einen Zwischenraum zwischen Sinnlichkeit und Bedeutung, wo neuartige Einsichten aufblitzen können, gerade weil nicht sofort ein fertiges Konzept darüber gestülpt wird. Man könnte sagen: Kunst schafft Resonanzräume, wo die Welt zurücksprechen darf, bevor wir sie in unser vorhandenes Raster pressen. Für plastische Anthropologie ist das essentiell: Wir brauchen solche Resonanzräume, um die verdrängte Rückkopplung wieder bewusst zu machen. Indem Kunst uns z.B. Schönheit und Zerstörung der Natur zugleich erfahrbar macht (man denke an Filme oder Fotos, die die Verwundbarkeit von Landschaften zeigen), bewegt sie uns – emotional, körperlich – und daraus kann echtes Verstehen erwachsen, das über bloßes intellektuelles Wissen hinausgeht.
Beuys sagte: „Kunst = Mensch = Kreativität“. Darin steckt die Idee, dass Kreativität eine universale menschliche Fähigkeit ist, nicht beschränkt auf die Domäne „Kunst“ im engen Sinne. Jeder schöpferische Akt – ob in der Küche, im Labor oder in der Politik – kann als künstlerisch gelten, wenn er innovativ formend auf die Welt einwirkt. Hier schließt sich der Kreis zur plastischen Anthropologie: Sie möchte jede menschliche Praxis künstlerisch durchdringen, im Sinne von gestaltend und reflektierend zugleich. Beispielsweise könnte auch Technikentwicklung als eine Form von Sozialkunst betrieben werden, in der Ingenieure, Nutzer und Betroffene gemeinsam prototypen, experimentieren und so Technik hervorbringen, die in Rückkopplung mit den Bedürfnissen und Konsequenzen steht. Ansätze wie Design Thinking oder Participatory Design gehen in diese Richtung, auch wenn sie oft kommerziell vereinnahmt werden. In der Wissenschaft gibt es vermehrt Interesse an künstlerischer Forschung (Artistic Research), was ebenfalls zeigt, dass die streng methodische Abtrennung aufweicht.
Nochmals Latour: In seinem Buch “Wir sind nie modern gewesen” argumentiert er, dass die Moderne nur scheinbar Natur und Kultur getrennt hat, tatsächlich aber immer Hybriditäten geschaffen hat (wie etwa Technologien, die sowohl materielle als auch soziale Elemente enthalten)theopolisinstitute.com. Ein Projekt wie Critical Zones (Latour/Weibel 2020) im ZKM Karlsruhe vereint Kunst und Wissenschaft, um diese Hybridwelt bewusst zu machenzkm.dezkm.de. Latour betont, wir müssten neue Wege finden, uns als Teil der Erde zu sehen – und Kunstinstallationen, Ausstellungen, Performances können helfen, dieses “Landing on Earth” (Landung auf der Membran des Lebens) sinnlich und diskursiv zu begleitenzkm.dezkm.de. Es verwundert daher nicht, dass in der aktuellen Klimadebatte zunehmend Künstler eingebunden werden, um die oft abstrakten Daten in erfahrbare Erzählungen und Bilder zu übersetzen (Stichwort Climate Fiction, Datenkunst etc.). Die plastische Anthropologie liefert hierfür das philosophische Fundament: Sie legitimiert solche transdisziplinären Ansätze, indem sie klar macht, dass ästhetische Anschauung keine subjektive Spielerei ist, sondern ein essenzieller Erkenntnismodus, der uns Dimensionen der Wahrheit erschließt, die auf anderem Wege unzugänglich bleiben.
Zusammenfassend kann man sagen: Künstlerische Praxis fungiert als Epistemologie in Aktion. Sie demonstriert, wie durch Spüren, Machen und Gestalten Wissen entsteht, das nicht beliebig ist, sondern strengen (wenn auch nicht formalisierten) Kriterien genügen muss – z.B. Kohärenz im ästhetischen Sinne, Stimmigkeit der Wirkung, Nachhaltigkeit der Resonanz beim Publikum. Indem Kunst die symbolische Ordnung spielerisch unterwandert und zugleich neu ordnet, zeigt sie einen Weg auf, wie der Mensch aus der „Verpackung seiner Begriffe“globale-schwarm-intelligenz.de herausfinden kann, ohne ins Chaos zu stürzen: nämlich durch Plastizität, durch ein flexibles Verformen und Transformieren der Bedeutungen im Lichte der Erfahrung.
Die plastische Anthropologie erhebt den Anspruch, diese künstlerische Herangehensweise auf die Gesellschaft insgesamt zu übertragen. Doch eine Frage bleibt: Wie verhält sich diese Vision zur neuesten Entwicklung der symbolischen Sphäre – nämlich zur Künstlichen Intelligenz? Ist KI der Endpunkt der Entkopplung (eine Maschine, die eigenständig Symbole manipuliert ohne menschliche Lebenswelt), oder kann sie Teil einer neuen Rückkopplungskultur werden? Dieser Frage widmet sich das nächste Kapitel.
Künstliche Intelligenz: Verstärker symbolischer Entkopplung oder neues Feedback-Tool?
Die rasante Entwicklung Künstlicher Intelligenz (KI) in den letzten Jahren hat die Debatte um Symbolik und Wirklichkeit um eine aktuelle Dimension erweitert. KI – insbesondere in Form datengetriebener Algorithmen und Machine Learning – operiert im Kern als Symbolverarbeitungssystem: Es verarbeitet enorme Mengen von Zeichen (Daten, z.B. Bilder, Texte, Zahlen) nach statistischen Mustern, ohne dabei über einen eigenen leiblichen Weltzugang zu verfügen. Damit verkörpert KI zunächst genau das Prinzip, das die plastische Anthropologie kritisch sieht: eine vom unmittelbaren Leben entkoppelte Operation im Reich der Modelle. Tatsächlich weisen viele Kritiker der KI darauf hin, dass aktuelle Systeme wie große Sprachmodelle (etwa GPT-4) zwar beeindruckende Ergebnisse liefern, aber keinerlei Verständnis im menschlichen Sinne haben – ihnen fehlt die Einbettung in einen Kontext von Körper, Umwelt und praktischer Erfahrung. Sie „halluzinieren“ mitunter falsche Fakten, weil sie nur Korrelationen in Texten reproduzieren, statt über Rückkopplung mit der realen Welt zu verfügen. So warnt etwa der Deutschlandfunk: KI könne uns „entmündigen, mit falschen Informationen füttern“, wenn wir sie unkritisch einsetzendeutschlandfunk.de.
Es gibt mehrere Aspekte, unter denen KI als Verstärker der symbolischen Entkopplung gelten kann:
- Abstraktionsgrad und Black Box: KI-Modelle (z.B. neuronale Netze) operieren in hochdimensionalen Merkmalsräumen, die dem Menschen kaum mehr anschaulich sind. Die Entscheidungsprozesse werden undurchsichtig („Black Box“). Dies erhöht die Distanz zwischen menschlichem Verständnis und maschineller Entscheidung. Wenn etwa ein KI-System über Kreditvergaben, Diagnosen oder Bewerberauswahl entscheidet, tun dies letztlich statistische Muster, die keiner mehr intuitiv nachvollziehen kann – die Rückkopplungsschleife zum menschlichen Begreifen reißt ab. Die Gefahr besteht, dass man Ergebnisse hinnimmt, ohne Rückbindung an erklärbare Ursachen. Systeme arbeiten rein formal (z.B. Bilderkennung nach Pixelmustern), was zu absurden Fehlern führen kann, die ein Mensch nie machen würde (etwa Verwechseln von Stoppschildern, wenn ein kleiner Aufkleber darauf angebracht ist, weil das statistische Muster irritiert wird). Hier zeigt sich: Ohne Verankerung im physischen Sinnzusammenhang kann Symbolverarbeitung fehlgehen – und KI treibt diese Entkopplung auf die Spitze.
- Skalierung und Geschwindigkeit: KI ermöglicht Prozesse in einer Geschwindigkeit und Skala, die menschliches Feedback unterläuft. Beispielsweise im Hochfrequenzhandel an Börsen tätigen Algorithmen in Bruchteilen von Sekunden tausende Transaktionen – es entstehen autonome Dynamiken (Flash Crashes), die kein Mensch mehr in Echtzeit beeinflussen kann. Damit wird die wirtschaftliche Rückkopplung (Marktreaktionen) entmenschlicht und potentiell destabilisierend. Ein anderes Beispiel sind soziale Medien: Algorithmen kuratieren unseren Nachrichtenstrom und optimieren auf Klicks oder Verweildauer, was oft zu Echokammern oder Radikalisierungsschleifen führt. Das sind selbstverstärkende symbolische Räume – etwa Gruppen, in denen Verschwörungserzählungen immer extremer werden, weil der KI-gesteuerte Empfehlungsalgorithmus solche Inhalte begünstigt (da sie Aufmerksamkeit erzeugen). Hier wird also tatsächlich KI zum Verstärker der symbolischen Entkopplung, indem sie Menschen immer tiefer in virtuelle „Realitäten“ hineinzieht, die mit der gemeinsamen physischen Realität wenig zu tun haben. Die bekannten Phänomene von Fake News bis Deepfakes gehören ebenfalls dazu: KI kann sehr überzeugende Simulationen erstellen (Bilder, Stimmen, Texte), die von echten Ereignissen kaum zu unterscheiden sind. Damit droht eine weitere Aushöhlung der Referenz zur Wirklichkeit – Jean Baudrillard’s Vision der völligen Simulation (die Karte, die das Territorium ersetzt) rückt näher.
- Entkoppelung von Verantwortung: Ein ethisches Problem ist, dass KI oft als verantwortungsdiffundierende Instanz wirkt. Wenn ein Schaden entsteht (z.B. ein selbstfahrendes Auto baut einen Unfall aufgrund einer Fehleinschätzung des Sensorsystems), ist unklar, wer verantwortlich ist – der Hersteller, der Programmierer, die KI? Gern wird dann auf die KI selbst verwiesen (“das System hat falsch entschieden”). Hier zeigt sich eine Entkopplung der Handlung von der handelnden Person. Das ist wiederum eine Art Rückkopplungsverlust: Verantwortliche spüren nicht direkt die Folgen ihrer Entscheidungen, weil sie via KI vermittelt sind. Es besteht die Gefahr, dass man ethische Urteile an die Maschine delegiert (etwa Kreditwürdigkeit-Scoring durch KI) und selbst nicht mehr reflektiert. Damit würde eine Kernkomponente menschlicher Rückkopplung – das Gewissen, die Reflexion über Folgen – abgeschwächt.
Angesichts dieser Befunde könnte man meinen, KI beschleunige den von der plastischen Anthropologie kritisierten Trend ins 1:99-Extrem – eine kleine Elite versteht und kontrolliert die Systeme, 99% der Nutzer sind ausgeliefert, abgekoppelt von echter Mitsprache. Doch interessant ist, dass Fenner selbst KI in sein Projekt integriert, aber anders, nämlich plastisch, zu nutzen sucht. Er spricht von der KI als “Resonanzpartnerin”globale-schwarm-intelligenz.de. In Fenners Plattform Globale Schwarm-Intelligenz ist eine KI eingebunden, die jedoch nicht autonom Inhalte setzen soll, sondern menschliche Fragen aufnimmt, Muster erkennt und Kontexte verknüpftglobale-schwarm-intelligenz.de. Die KI fungiert hier als eine Art Spiegel und Verknüpfungsinstanz, welche die kollektive Wissenskonstruktion in Bewegung hältglobale-schwarm-intelligenz.de. Im Idealfall sorgt sie gerade für mehr Rückkopplung: Indem viele Nutzer mit ihr interagieren, werden unterschiedliche Perspektiven zusammengeführt und blinde Flecken sichtbar gemacht. Fenner betont, die KI sei keine Automatisierungsmaschine, sondern ein Medium, das hilft, das Schwarmwissen zu organisierenglobale-schwarm-intelligenz.de. Dies erinnert an Douglas Engelbarts Vision von Computersystemen, die die “augmentation of human intellect” dienen – also Erweiterung menschlicher Fähigkeiten statt Ersatz.
Allerdings bleibt diese positive Nutzungsidee bislang experimentell. Die breite Realität sieht anders aus, was Fenner selbst reflektiert: Er hat ohne institutionelle Unterstützung versucht, mit KI ein Wissenswerk aufzubauen, was konventionell nicht möglich gewesen wäreglobale-schwarm-intelligenz.de. Die KI half ihm, seine riesige Wiki-Plattform zu erstellen, Daten zu sortieren etc. Insofern demonstriert er einen pragmatischen Weg: KI als Katalysator für individuellen Ausdruck und Vernetzung, nicht als Ersatz des Menschen. Er zieht sogar den Vergleich zum Cyborg-Konzept von Donna Harawayglobale-schwarm-intelligenz.de: Wir alle seien hybride Wesen aus Organismus und Maschine, und statt dem mit Angst zu begegnen, sollten wir die Symbiose bewusst gestalten. Die KI kann Teil unseres erweiterten kognitiven Systems sein – wenn wir sie kritisch reflektiert nutzen.
Eine wichtige Voraussetzung dafür ist Transparenz und Teilhabe. Fenners Projekt ist offen zugänglich, seine KI-gestützte Wissenssammlung ist öffentlich einsehbar, veränderbar (ähnlich Wikipedia)globale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. Das unterscheidet sich fundamental von proprietären KI-Systemen großer Konzerne, die intransparent agieren. Hier knüpft Fenner auch an utopische Traditionen an: So wie einst Visionäre wie H.G. Wells von einem “Weltgehirn” träumten, das das Wissen aller zugänglich macht, denkt Fenner die Globale Schwarm-Intelligenz als kollektives Projekt im Dienst der Menschheit – nicht als instrumentelles Tool zur Gewinnerzielung. Dieser Unterschied entscheidet, ob KI die symbolische Entkopplung verstärkt oder zum Resonanzmedium werden kann.
Dennoch muss man fragen: Ist dies realistisch, oder handelt es sich um eine neue Utopie? Kritiker könnten einwenden, dass Fenners Konzept selbst illusorisch sein könnte – die Vorstellung, Milliarden Menschen in resonanter Ko-Kreativität zu einen, wirkt fast zu schön, um wahr zu sein. Fenner ist sich dieser Gefahr bewusst. Er räumt ein, dass sein Projekt wie eine neue “Illusion einer Zukunft” scheinen könnte, analog zu Freud’s Kritik an religiösen Heilsversprechenglobale-schwarm-intelligenz.de. Doch er reflektiert diese Möglichkeit offen in seinem Werk und versucht, mit performativer Transparenz dem Vorwurf entgegenzutreten, er konstruiere nur ein neues ideologisches System. Gerade indem er jeden Arbeitsschritt dokumentiertglobale-schwarm-intelligenz.de und zur Diskussion stellt, will er zeigen, dass es kein verborgenes Dogma gibt, sondern einen offenen Prozess. Ob dies genügt, bleibt offen – es ist ein gewagtes Experiment.
Nichtsdestoweniger verdeutlicht der KI-Diskurs im Rahmen der plastischen Anthropologie ein letztes Mal den Spannungsbogen: Auf der einen Seite eine Tendenz zur völligen Verselbständigung des Symbolischen (die Maschine denkt ohne uns, und wir folgen blind), auf der anderen Seite die Chance auf Augmentation (die Maschine denkt mit uns, verstärkt unsere Rückkopplung mit der Komplexität der Welt). Letzteres erfordert jedoch genau den kulturellen Wandel, den die plastische Anthropologie propagiert: weg von der Bequemlichkeit des Delegierens hin zur aktiven Verantwortungsübernahme im Umgang mit Technik. Wenn KI-Systeme als Partner gesehen werden sollen, braucht es kompetente, kritisch-urbane Nutzer, keine passiven Konsumenten. Es bräuchte Bildung, die Menschen befähigt, KI-Ausgaben zu hinterfragen, zu verstehen und ggf. zu korrigieren – was wiederum nur gelingt, wenn man prinzipiell die Mechanismen (Datenbasis, Algorithmen) offenlegt.
In einer gewissen Ironie schließt sich hier der Kreis zu den eingangs erwähnten Membranen: KI könnte eine neue, achte Membran sein, die uns noch weiter von direkter Wirklichkeit trennt – oder ein Werkzeug, das hilft, die vorhandenen Membranen bewusster zu machen und zu durchstoßen. Beispielsweise könnten KI-Analysen Muster in gigantischen Datenmengen finden, die menschliche Wahrnehmung übersteigen (etwa Zusammenhänge im Klimasystem) und uns so Rückkopplungen aufzeigen, die wir sonst übersehen hätten. In der Medizin analysieren KI z.B. frühe Warnzeichen in patientenübergreifenden Daten, um Rückmeldungen für Prävention zu geben. Hier wäre KI ein Feedback-Instrument im positiven Sinne. Entscheidend ist wiederum die Einbettung: Werden solche Systeme im Sinne des Lebensprozesses genutzt (zum Wohle von Patienten, mit ärztlicher Vermittlung und Einfühlung) oder isoliert und profitorientiert?
Insgesamt bestätigt der Ausflug in die KI-Thematik die Grundthese: Wir stehen an einem Scheideweg, der epistemologisch ist. Wir können der Versuchung erliegen, uns endgültig in der symbolischen Komfortzone einzurichten – in einer „smarten“ Welt, wo Algorithmen alles regeln und wir uns kaum mehr regen müssen, dabei aber die Fähigkeit verlieren, Wirklichkeit von Simulation zu unterscheiden. Oder wir können KI und digitale Technologien plastisch aneignen, d.h. sie formen und formen lassen in ständiger Rückkopplung mit humanen Werten und Bedürfnissen. Das erfordert allerdings ein enormes Maß an Bewusstheit und Gestaltungswillen in der Gesellschaft.
Die plastische Anthropologie ließe sich somit auch als Philosophie der Mündigkeit im KI-Zeitalter lesen: Sie ruft dazu auf, den verstärkenden Effekt der KI umzudrehen – statt symbolische Entkopplung zu beschleunigen, soll KI symbolische Inhalte zurück ins Lebendige spiegeln. Ob dies gelingt, bleibt offen, doch zumindest liefert die Theorie einen Kompass, in welche Richtung ein verantwortlicher Umgang liegen würde.
Schlussbetrachtung
Die hier entwickelte Darstellung der plastisch-anthropologischen Theorie offenbart ein durchgängiges Motiv: die Wiederverknüpfung des Menschen mit der Wirklichkeit, aus der er sich durch seine eigene symbolische Potenz teilweise hinauskatapultiert hat. Schicht für Schicht haben wir analysiert, wie die “sieben Membranen der Zivilisation” – von Sprache über Technik bis KI – als Vermittlungsinstanzen fungierten, die jedoch im Übermaß zu Entfremdung führen können. Wir haben gesehen, dass das Leben selbst uns ein Modell liefert, wie Stabilität und Veränderung in minimaler Asymmetrie ausbalanciert werden können (51:49), während das starre Symmetrie-Ideal (50:50) langfristig ins Kippen extremer Ungleichgewichte (1:99) umschlagen kann. Dieses Denkmuster spiegelt sich in historischen und aktuellen Krisen – von der platonischen Abspaltung der Ideenwelt bis zur heutigen ökologischen und sozialen Zuspitzung.
Als Gegenentwurf wurde die plastische Anthropologie entfaltet, die auf Verkörperung, Praxis und ästhetischer Einsicht basiert. Sie ist phänomenologisch fundiert (Merleau-Pontys Primat der Wahrnehmung), kulturkritisch geschärft (Nietzsches und Foucaults Diagnose der abendländischen Askese gegenüber dem Leiblichen) und systemtheoretisch orientiert (Rückkopplungsdenken à la Simondon, Luhmann). Indem sie diese Stränge zusammenführt, bietet sie eine transdisziplinäre Anthropologie des modernen Menschen: der Mensch als homo plasticus, als formbares, responsives Wesen, das seine Identität in Auseinandersetzung mit der Welt ständig (mit)erschafftglobale-schwarm-intelligenz.de. Dieses Bild steht konträr zum kartesischen homo rationalis und auch zum cassirer’schen animal symbolicum. Nicht das Symbolmachen an sich definiert uns demnach aus, sondern die Fähigkeit, Symbole zurückzuführen ins Konkrete – die Fähigkeit zur Resonanz.
Besonderes Gewicht hatte in der Argumentation die Kunst als Sphäre, in der diese alternative Epistemologie bereits praktiziert wird. Künstlerische Erfahrung erweist sich als eine Wissensform eigener Art, die rationale und leibliche Elemente integriert. Hier zeigt sich einer der wichtigsten Beiträge dieser Theorie: Sie rehabilitiert das ästhetische und handwerkliche Wissen als gleichrangig mit dem diskursiv-symbolischen Wissen. Das ist durchaus revolutionär in einer Kultur, die seit der Aufklärung theoretische Vernunft über sinnliche Erkenntnis gestellt hat. Insofern könnte man von einer “ästhetischen Wende” in der Anthropologie sprechen, die plastische Anthropologie vollzieht: Erkenntnis wird als Verkörperung verstanden, Begriffe als Werkzeuge, und Wahrheit als etwas, das sich ereignet, nicht bloß als Idee gedacht wirdglobale-schwarm-intelligenz.de.
Die Beispiele – von der vergoldeten Kartoffel bis zur schwankenden Eisfläche – sollten verdeutlichen, wie ein solches plastisches Lernen aussehen kann. Wichtig ist dabei die Verbindung von Theorie und Praxis: Es geht nicht darum, anti-intellektualistisch alles Nachdenken zu verdammen zugunsten blindem Aktionismus. Im Gegenteil, es geht um eine Vertiefung der Reflexion, indem man sie an die Wirklichkeit koppelt. Maurice Merleau-Ponty formulierte es treffend: „Die Philosophie ist überall, selbst in den ,Tatsachen‘ – und nirgends hat sie einen Bereich, in dem sie von der ansteckenden Wirkung des Lebens verschont bliebe“die-inkognito-philosophin.de. Genau das fordert plastische Anthropologie: dass das Denken sich infizieren lässt vom Leben, um wirklichkeitsgerechter zu werden. Eine Philosophie, die steril im symbolischen Raum bleibt, hat in Zeiten des New Climatic Regime (Latour) ausgedient.
Doch ist die plastische Anthropologie selbst wirklichkeitsgerecht? Hier ist eine kritische Reflexion angebracht. Die Theorie hat ambitionierte, gar utopische Züge: die Vision einer “Kunstgesellschaft”, in der Gemeinsinn durch geteilte Formung entstehtglobale-schwarm-intelligenz.de und globale Schwarm-Intelligenz kollektiv praktiziert wirdglobale-schwarm-intelligenz.de. Man mag fragen, ob das angesichts der harten politischen und ökonomischen Realitäten nicht naiv erscheint. Können künstlerische Interventionen und partizipative Plattformen tatsächlich gegen die massive Trägheit bestehender Systeme ankommen? Oder bleibt die plastisch-anthropologische Philosophie ein intellektuelles Kunstprojekt ohne breite Wirkung?
Diese Arbeit kann darauf keine endgültige Antwort geben, aber die Analyse liefert zumindest zwei Hinweise: Erstens zeigt die Krisendiagnose (Kap. Verlust der Rückkopplung), dass ein Weiter-wie-bisher in den symbolischen Systemen kaum eine Zukunft hat – die Krisen sind real und drängend, sei es Klima, soziale Ungleichheit oder Vertrauensverlust in Institutionen. Es besteht also objektiv ein Bedarf an neuen Paradigmen, und die plastische Anthropologie adressiert genau die epistemische Wurzel vieler Probleme. Sie ist keine Therapie für Symptome, sondern ein Versuch, die Denkform zu korrigieren, die uns in die Sackgasse geführt hatglobale-schwarm-intelligenz.de. Insofern besitzt sie – unabhängig von der konkreten Ausgestaltung – Relevanz als Korrektiv. Sie schärft den Blick dafür, wo überall Rückkopplung fehlt: in unseren Entscheidungsstrukturen, in unserer Lebensweise, in unserer Wissensorganisation. Dieser diagnostische Wert ist bereits ein großer Verdienst.
Zweitens hat die Darstellung aufgezeigt, dass es durchaus historische Parallelen und Vorläufer gibt, auf die sich die Theorie stützen kann: Sei es Kants Idee der “ungeselligen Geselligkeit” (die Produktivität des Konflikts, was dem 51:49-Prinzip ähnelt)globale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de, sei es Darwins Evolution durch kleinste Vorteileglobale-schwarm-intelligenz.de, oder Hans Jonas’ Ethik der Verantwortungglobale-schwarm-intelligenz.de – viele Elemente sind anschlussfähig an bestehendes Denken. Das mindert den utopischen Charakter, weil es zeigt, dass Elemente dieser Weltsicht bereits in unserem kulturellen Erbe vorhanden sind. Die Aufgabe bestünde darin, sie zu bündeln und gegen das dominierende Paradigma stark zu machen.
Letztlich bietet plastische Anthropologie eine Alternative: keine einfache Lösung, aber eine veränderte Selbstauffassung. Fenner vergleicht seine Perspektive mit den kopernikanischen Wenden der Vergangenheit: Kopernikus, Darwin, Freud – alle nahmen dem Menschen eine Illusion (Zentralstellung im Kosmos, Sonderstellung der Schöpfung, Transparenz des Bewusstseins) und zwangen zu neuer Demutglobale-schwarm-intelligenz.de. “Wie einst Kopernikus, Darwin oder Freud liefert Fenner keine bequeme Lösung, sondern zumutet uns eine veränderte Selbstauffassung: Wir müssen uns als Teil eines lebendigen Gefüges verstehen, in dem Verantwortung heißt, die fragile Balance des Lebendigen zu wahren.”globale-schwarm-intelligenz.de. Diese Zumutung ist vielleicht genau das, was die gegenwärtige Lage erfordert.
Die plastische Anthropologie stellt die Epistemologie vom Kopf auf die Füße: statt eines Denkens, das abstrahiert, trennt und herrscht, ein Denken, das eintaucht, vermittelt und dientglobale-schwarm-intelligenz.de. Sie ersetzt den Standpunkt des Zuschauers durch den des Beteiligten. Damit wird sie – zurückgehend auf die Fragestellung dieser Arbeit – zu einer erkenntnistheoretischen Alternative gegenüber symbolischen Systemen: Während symbolische Systeme auf Distanz, Zeichen und Abstraktion bauen, setzt die plastische Anthropologie auf Nähe, Dinge und Konkretion. Im Idealfall arbeiten beide nicht gegeneinander, sondern die symbolischen Systeme werden eingebettet in eine Kultur der Rückkopplung. Symbole würden dann wieder Werkzeuge sein (wie ursprünglich die Sprache), nicht eigenmächtige Herren.
Ein solcher Kulturwandel ist gewiss anspruchsvoll. Aber es ließe sich argumentieren, dass wir bereits Anzeichen dafür sehen: Die Hinwendung zu Erfahrung und Resonanz wird in vielen Bereichen spürbar – in der Bildung (mehr projektbasiertes Lernen), in der Wirtschaft (Stichwort Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft, die Feedback betonen), in der Politik (Bürgerbeteiligung, deliberative Formate). Auch die Popularität von Achtsamkeitsbewegungen oder DIY-Kultur kann man als Ausdruck eines Bedürfnisses lesen, wieder Konsequenzen zu spüren und nicht bloß zu funktioneren. Die plastische Anthropologie liefert für all das einen kohärenten theoretischen Rahmen, der solche Tendenzen nicht als nostalgische Gegenbewegungen abtut, sondern als zukunftsweisende Elemente einer neuen Gestaltungsform von Kultur wertschätzt.
Abschließend lässt sich festhalten: Die plastisch-anthropologische Theorie entfaltet eine Vision vom Menschen, der nicht länger das entfremdete Schachfigur seiner eigenen Symbole ist, sondern zum spielerischen Wissenschaftler und künstlerischen Handwerker seiner Existenz wirdglobale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. Sie fordert uns auf, die blauen Navigationslinks der eigenen Lebenswelt wieder bewusst zu verfolgen und „Spurenleser“ der Strukturen hinter der Welt zu werdenglobale-schwarm-intelligenz.de. Diese Metapher aus Fenners Projekt bringt es schön auf den Punkt: Es geht darum, wach zu werden für die Rückmeldungen, die uns die Welt ständig gibt, und daraus klüger zu handeln. Der Mensch ist, um mit Fenners Schlusswort zu enden, “nicht, was er denkt, sondern was er tut”globale-schwarm-intelligenz.de – und was er tut, soll er wissen, indem er es erfährt. Damit wären wir bei einer Ethik und Erkenntnis, die wirklich eins werden: im plastischen Vollzug des Lebens.
Fußnoten:
- Fenner, Wolfgang: Plastische Anthropologie – Grundlagentext, Einleitung, in: Globale Schwarm-Intelligenz (Wiki), Abschnitt Einleitung. Zitat: „Das menschliche Selbstverständnis beruht gegenwärtig wesentlich auf der Annahme, dass der Mensch ein vernunftbegabtes Subjekt sei, ... Zugleich steht es jedoch in einem deutlichen Widerspruch zu der biologischen und physiologischen Wirklichkeit... Der Mensch ist ein körpergebundenes, verletzliches und rückgekoppeltes Lebewesen...“globale-schwarm-intelligenz.de.
- Merleau-Ponty, Maurice: Phänomenologie der Wahrnehmung, 1945 (deutsch 1966). Das zitierte Motto „Die Wahrheit bewohnt nicht bloß den inneren Menschen... Der Mensch kennt sich allein in der Welt.“ findet sich in der Einleitung der Phänomenologie der Wahrnehmungdeutschlandfunk.de und bringt Merleau-Pontys Kernthese zum Ausdruck, dass Selbst- und Welterkenntnis untrennbar sind.
- Fenner, Wolfgang: Wolfgang Fenners „plastische Anthropologie“ im Kontext..., 2025 (Wiki-Artikel). Hier wird Fenners Konzept und dessen Einordnung dargestellt. Zitat: „Im Mittelpunkt von Fenners Theorie steht das 51:49-Prinzip als „plastische Weltformel“ lebendiger Prozesseglobale-schwarm-intelligenz.de... Dieses scheinbar kleine Ungleichgewicht erzeugt Dynamik, Lernfähigkeit und Evolution: ‚Jedes lebendige System bleibt nur in minimalem Ungleichgewicht stabil...‘globale-schwarm-intelligenz.de. Fenner betont, dass das 51:49-Verhältnis als epistemisches Prinzip zu verstehen ist... Wird die Störung völlig ausgeschlossen (100:0) oder vollkommene Symmetrie erzwungen (50:50), erstarrt das System und verliert seine Lebendigkeit.globale-schwarm-intelligenz.de“
- Simondon, Gilbert: Du mode d’existence des objets techniques (franz. 1958). Deutsche Sekundärquelle: Del Fabbro, Orso: Philosophieren mit Objekten – Gilbert Simondons..., in: Allgemeine Zeitschrift für Philosophie 46(4), 2021. Dort S. 14: „Für Simondon zwingt das Konzept der Rückkopplung nun die Philosophie, zwei zentrale Begriffe neu auszulegen: die Kausalität und das Individuum. Das heißt, erstens sind kausale Zusammenhänge zirkulär und nicht mehr aufeinanderfolgend. Und zweitens führt eine zirkuläre Kausalität [zu einer veränderten Auffassung des Individuums].“ssoar.info (Einfügung in Klammern durch den Autor). – Siehe auch Simondons Beschreibung der Watt’schen Dampfmaschine, ebd. S. 148f., zur Selbstregulierung via Fliehkraftreglerssoar.infossoar.info.
- Fenner, Wolfgang: Plastische Anthropologie (Grundlagentext), Teil I, Kapitel 1-3, 2025. Insb. Kap. 1 Das Prinzip der minimalen Asymmetrieglobale-schwarm-intelligenz.de, Kap. 2 Biologische Evidenzen...globale-schwarm-intelligenz.de, Kap. 3 Psychische und Handlungsprozesse...globale-schwarm-intelligenz.de. Hier werden zahlreiche Beispiele für 51:49 im Leben angeführt: DNA-Struktur, Zellteilung, Organdifferenzen, Stoffwechsel-Oszillationen, Entscheidungsprozesse, Lernprozesse etc. Zitat (Kap. 2): „Leben realisiert sich ausschließlich durch Rückkopplung und Differenz, nicht durch symmetrische Gleichheit.“globale-schwarm-intelligenz.de
- Merleau-Ponty, Maurice: Das Sichtbare und das Unsichtbare (Le Visible et l’invisible, postum 1964), dt. 1986. Zitat: „Der Mensch steht der Welt nicht gegenüber, sondern ist Teil des Lebens, in dem die Strukturen, der Sinn, das Sichtbarwerden aller Dinge gründen.“die-inkognito-philosophin.de – Merleau-Ponty betont hier die Inklusion des Menschen in die Welthaftigkeit, was die plastische Anthropologie bestätigt.
- Fenner, Wolfgang: Grundlagentext, Teil II Der kulturelle Bruch, Kap. 4-6, 2025. Besonders Kap. 4 Der Symmetriedualismus als Konstruktionsfehlerglobale-schwarm-intelligenz.de (Platon, Trennung von Idee und Vollzug), Kap. 5 Simulation statt Wirklichkeitglobale-schwarm-intelligenz.de (Wissenschaft schließt Rückkopplung aus), Kap. 6 Homo Sapiens als Verpackung seiner Begriffeglobale-schwarm-intelligenz.de. Zitat Kap. 5: „Gültiges Wissen soll reproduzierbar, neutral und unabhängig vom Beobachter sein. Damit wird ein Erkenntnismodell etabliert, das Rückkopplung ausschließt... Die Messbarkeit ersetzt Wahrnehmung. Das Wirkliche wird zum Abbild, die Erfahrung zum Störfaktor.“globale-schwarm-intelligenz.de
- Heidegger, Martin: Die Frage nach der Technik, in: Vorträge und Aufsätze, 1954. In deutscher Wikipedia wird Heideggers Kerngedanke so zusammengefasst: „Mit der Technik geht auch eine veränderte Auffassung der Welt einher. So wird nach Heidegger durch die Technik die Erde vornehmlich unter dem Gesichtspunkt der Nutzbarmachung in den Blick gebracht. Wegen ihrer globalen Verbreitung und der damit verbundenen schonungslosen ‚Vernutzung‘ natürlicher Ressourcen sah Heidegger in der Technik eine unabweisbare Gefahr.“de.wikipedia.org. Weiter heißt es: „Der Technik stellte er die Kunst gegenüber... Der Mensch soll anstatt über die Erde zu herrschen, in ihr als sterblicher Gast wohnen und sie schonen.“de.wikipedia.org.
- Luhmann, Niklas: Die Ausdifferenzierung der Gesellschaft, 1975; Soziale Systeme, 1984. – Luhmann beschreibt, dass moderne Gesellschaft in Funktionssysteme zerfällt, die je eigene Codes haben (Wirtschaft: Zahlung/Nicht-Zahlung, Recht: legal/illegal, etc.) und operativ geschlossen sind, d.h. Umwelteinflüsse nur nach eigenem Code verarbeiten. Dadurch entstehen blinde Flecken und Entkopplungen: z.B. behandelt das Recht alle Menschen formal gleich (Gleichheitsfiktionglobale-schwarm-intelligenz.de), ignoriert aber reale Unterschiede; die Wirtschaft externalisiert Umweltkosten, da sie im Code „Geld“ nicht erscheinen, etc. Fenner greift diese Ideen auf in Kap. 7 Wirkungsmatrix 51:49 vs 50:50globale-schwarm-intelligenz.de und Kap. 8 Warum Warnsysteme versagenglobale-schwarm-intelligenz.de. Zitat Kap. 8: „Krisensymptome werden nicht erkannt, weil sie nicht in den Begriffsräumen erscheinen, in denen entschieden wird. Spezialisierung verhindert die Wahrnehmung des Ganzen. Rückkopplung wird kulturell verdrängt... Die Fähigkeit zur Wahrnehmung von Gefahr reduziert sich, während die Abhängigkeit von Systemstabilität steigt.“globale-schwarm-intelligenz.de
- Latour, Bruno: Das terrestrische Manifest (Down to Earth: Politics in the New Climatic Regime), 2017, sowie Critical Zones (hg. mit P. Weibel, ZKM 2020). Latour beschreibt die Krise der Moderne als Landungsverlust: Die Menschen, die an Globalisierung und Wachstum glaubten, merken nun, dass „es keine Erde gibt, die zu den Versprechen der Globalisierung kompatibel ist. Es besteht eine totale Diskrepanz zwischen dem Horizont des Globus und der realen Position der Erde.“zkm.de. Er spricht von einer Desorientierung und dem Bedarf „wieder zu landen“. Critical Zone bezeichnet die dünne Schicht Leben auf der Erdoberfläche: „nur ein paar km dünn... ein Firnis, eine dünne Haut, ein Biofilm... Wir müssen uns vorstellen, dass es eine Haut der Erde ist, empfindlich, komplex, reizbar. Dort leben wir alle – Zellen, Pflanzen, Tiere und Menschen.“zkm.de. – Diese Metaphern der fragilen Membran des Lebensspool.ac und des „dünnen Eises der Zivilisation“ wurden im Text aufgenommen.
- Kant, Immanuel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht, 1784. Dort führt Kant das Konzept der “ungeselligen Geselligkeit” ein: Der Antagonismus zwischen gesellschaftlichem Trieb und individuellem Eigensinn bringe die Menschheit voran. Fenner vergleicht dies mit 51:49: Ein kleiner Überschuss an Konflikt bzw. Unruhe entfalte die Fähigkeitenglobale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. Kant: „Dank sei also der Natur für die herzlose Konkurrenzsucht... ohne diese würden alle Anlagen ewig schlummern“ (Kant, Idee, 4. These)globale-schwarm-intelligenz.de.
- Jonas, Hans: Das Prinzip Verantwortung, 1979. Jonas fordert eine Ethik für die technologische Zivilisation: Handle so, dass die Folgen verträglich sind mit dem Fortbestand echten menschlichen Lebens. Fenner nimmt Jonas auf, aber systemtheoretisch gewendet: „Was dem Leben dient, ist ethisch.“ und Verantwortung heißt funktional, nichts zu zerstören, was trägtglobale-schwarm-intelligenz.de. Zudem streicht Fenner die Bedeutung der Verletzlichkeit heraus (Levinas’ Einfluss) als Voraussetzung von Gerechtigkeitglobale-schwarm-intelligenz.de.
- Beuys, Joseph: Kunsttheorie der Sozialen Plastik. Zitate: „Jeder Mensch ist ein Künstler.“; „Die Gesamtheit der Menschen definiere ich als Soziale Plastik, die an der Gestaltung der Gesellschaft mitwirkt.“ Beuys’ Aktionen wie 7000 Eichen (1982) oder sein Büro für direkte Demokratie zeigen den erweiterten Kunstbegriff in Praxis. Fenner stellt sich bewusst in diese Traditionglobale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de. In Fn. [17] im Wiki wird zitiert: „Beuys betrachtete die Gesellschaft als ‚ein einziges großes Kunstwerk [...], zu dem jeder Mensch kreativ beitragen kann‘.“globale-schwarm-intelligenz.de
- Haraway, Donna: A Cyborg Manifesto, 1985. Haraway beschreibt den Menschen als bereits technikdurchdrungen (Cyborg) und plädiert für Freude an der Hybriditätglobale-schwarm-intelligenz.de. Fenner bezieht sich darauf im Zusammenhang mit KI: Er sieht Mensch-KI-Kombinationen als Fortsetzung menschlicher Kognitionglobale-schwarm-intelligenz.de. Seine eigene Biografie belegt er: Mit 77 Jahren konnte er sein Wissen nur mithilfe der KI ordnenglobale-schwarm-intelligenz.de – ein praktisches Cyborg-Element.
- Dreyfus, Hubert L.: What Computers Still Can’t Do, 1972/1992. Dreyfus, ein Schüler Heideggers, argumentierte früh, dass KI ohne embodied commonsense grundlegende Grenzen hat. Seine Kritik spiegelt das Problem der Entkörperlichung wider, das hier diskutiert wurde (fehlende Welt-Einbettung der KI). Zwar nicht direkt zitiert im Text, untermauert Dreyfus’ Werk aber die Notwendigkeit von Leiblichkeit für echte Intelligenz.
Diese Fußnoten sollen die verwendeten Quellen und Bezüge nachweisen sowie weiterführende Lektüren für vertieftes Verständnis anbieten. Die plastisch-anthropologische Theorie steht damit auf dem Fundament zahlreicher interdisziplinärer Diskurse und versucht, einen integrativen Beitrag zur Selbstverständigung des Menschen im 21. Jahrhundert zu leisten – einem Jahrhundert, in dem sich entscheiden wird, ob wir die Rückkopplung mit der Erde und untereinander wiederfinden, oder in der Simulation einer hohlen, entkoppelten Symbolwelt untergehen.
