Wolfgang Fenners „plastische Anthropologie“ im Kontext kunsttheoretischer, philosophischer und wissenschaftlicher Paradigmen

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Einleitung

Wolfgang Fenner (1948) hat mit seiner „plastischen Anthropologie“ und der 51:49-Weltformel ein originelles Gesamtkonzept entworfen, das Kunst, Wissenschaft und Gesellschaft integrativ verbindet. Sein lebenslanges Werk – bezeichnet als Globale Schwarm-Intelligenz – begreift sich als soziales Kunstwerk (eine Art Gesamtkunstwerk) mit dem Anspruch, menschliche Erkenntnis- und Gestaltungsprozesse neu zu formatieren.

Fenners Ansatz basiert auf der Annahme, dass lebendige Systeme nur in einem minimalen Ungleichgewicht stabil bleiben – symbolisiert durch das Verhältnis 51:49 statt 50:50. Dieses Prinzip einer verletzlichen Asymmetrie durchzieht sein Denken, seine Methodik und seine künstlerisch-gesellschaftliche Praxis. Im Folgenden wird untersucht, welche Künstler, Theoretiker, Wissenschaftler und Denker in Werkverständnis, Methodik oder gesellschaftlichem Anliegen mit Fenner vergleichbar sind. Insbesondere sollen Parallelen – aber auch kritische Differenzen – zu Joseph Beuys, Franz Oppenheimer, Platon, Immanuel Kant, Sigmund Freud, Charles Darwin, Galileo Galilei, Nikolaus Kopernikus sowie zu zeitgenössischen Theoretikerinnen wie Donna Haraway, Niklas Luhmann und Michel Foucault herausgearbeitet werden. Dabei stehen Fenners Konzept der plastischen Anthropologie, sein Modell der 51:49-Balance, seine Idee einer Globalen Schwarm-Intelligenz und seine Praxis der Sozialen Plastik, partizipativen Kunst und Zukunftswerkstätten im Zentrum. Schließlich soll die kulturelle, ästhetische und erkenntnistheoretische Relevanz von Fenners Werk im Hinblick auf aktuelle globale Krisen diskutiert werden.

Methodisch stützt sich die Arbeit auf Primärtexte von Fenner sowie auf verknüpfte philosophische und kunsttheoretische Quellen. Ziel ist Fenners theoretischen Kern, künstlerische Methodik, biografischen Hintergrund und gesellschaftliches Anliegen dokumentieren, kontextualisieren und kritisch vergleichen. Die Fußnoten enthalten Belege aus der Primär- und Sekundärliteratur, um die Argumentation nachvollziehbar zu machen.

Theoretischer Kern: Die plastische Weltformel 51:49 als Prinzip des Lebendigen

Im Mittelpunkt von Fenners Theorie steht das 51:49-Prinzip als „plastische Weltformel“ lebendiger Prozesse. Nach Fenner sind Identität und Stabilität in Natur und Kultur nie als starres Gleichgewicht (50:50) zu denken, sondern beruhen stets auf einer minimalen Asymmetrie, in der Veränderung ein Übergewicht von 51 gegenüber 49 erhält. Dieses scheinbar kleine Ungleichgewicht erzeugt Dynamik, Lernfähigkeit und Evolution: „Jedes lebendige System bleibt nur in minimalem Ungleichgewicht stabil: in Spannung zwischen Beharrung und Bewegung, Ordnung und Irritation“, so Fenner. In anderen Worten: „Leben […] stabilisiert sich […] allein durch ein verletzliches, asymmetrisches Verhältnis: 51:49“

Fenner betont, dass das 51:49-Verhältnis als epistemisches Prinzip zu verstehen ist, nicht als bloßer Zahlenwert. Es beschreibt die Strukturbedingung des Lebendigen: Ein System bleibt offen für Neues (das „51“ an Wandel), ohne zu zerfallen, und bewahrt zugleich eine relative Kontinuität (das „49“ an Bestehendem). Wird die Störung völlig ausgeschlossen (100:0) oder vollkommene Symmetrie erzwungen (50:50), erstarrt das System und verliert seine Lebendigkeit. Damit formuliert Fenner eine Logik des Lebens, die er bewusst von der klassischen Rationalität der Moderne absetzt: Die neuzeitliche Vernunft habe nach absoluter Stabilität durch Ausschluss von Störungen gestrebt – und damit ihre eigene Entwicklungsfähigkeit zerstört. Fenners 51:49-Modell dagegen fungiert als Gegenentwurf, als „erkenntnistheoretische Formel“, unter der Denken „wahr bleibt – nicht als Abbild, sondern als Teil des Lebensprozesses, den es verstehen will“.

Hier zeigen sich Parallelen zu Kants Idee der “ungeselligen Geselligkeit“, die besagt, dass der Widerspruch zwischen menschlichem Herdentrieb und individuellem Eigensinn Fortschritt erzeugtghdi.ghi-dc.orgghdi.ghi-dc.org. Kant schrieb 1784, die Natur bediene sich des Antagonismus in der Gesellschaft, um alle Anlagen der Menschen zu entwickeln. Diese “unsocial sociability“ definiert Kant als “die Neigung der Menschen, sich zu vergesellschaften, verbunden mit einem durchgängigen Widerstreben, das […] die Gesellschaft beständig zu sprengen droht“ghdi.ghi-dc.org. Gerade diese Opposition “erweckt alle Kräfte“ des Menschen und treibt ihn vom rohen Naturzustand zur Kulturfortschrittghdi.ghi-dc.orgghdi.ghi-dc.org. Kants Gedanke, dass erst ein kleines Übergewicht an Konflikt die Fähigkeiten entfaltet – “Dank sei also der Natur für die herzlose Konkurrenzsucht […] ohne diese würden alle Anlagen ewig schlummern“ghdi.ghi-dc.org – weist eine bemerkenswerte Konvergenz mit Fenners 51:49-Postulat auf. Beide betonen, dass produktive Ungleichgewichte (bei Kant der widerstrebende Gesellschaftstrieb, bei Fenner das 51:49-Verhältnis) die Bedingung für Entwicklung und Kreativität sind.

Ähnlich lässt sich ein Bezug zu Darwins Evolutionstheorie herstellen: Darwin argumentierte, Evolution vollziehe sich graduell durch kleinste Vorteilsvorsprünge – die natürliche Auslese wirkt nur in der Ausnutzung leichter, aufeinanderfolgender Abänderungen; sie kann nie einen plötzlichen Sprung machen, sondern muss mit kurzen, sichern, langsamen Schritten voranschreiten. ”literaturepage.com. Dieser Mechanismus – eine minimal größere Anpassung (sinngemäß „51“) siegt langfristig über die geringfügig schwächere Variante („49“) – ist gleichsam ein biologisches Echo des 51:49-Prinzips.

Fenner selbst betont die Anschlussfähigkeit seines Denkens an die Selbstorganisations-Theorien der Naturwissenschaft: Er verweist explizit auf Ilya Prigogine und Isabelle Stengers, die von „Ordnung durch Chaos“ sprechen – einer Ordnung, „die nicht trotz, sondern durch Instabilität entsteht“. Lebende Systeme halten sich demnach durch geregelte Unordnung im Fließgleichgewicht. Dieser Gedanke findet sich auch in neueren Systemtheorien (z.B. Synergetik, Chaosforschung) und bestätigt Fenners empirischen Hintergrund der 51:49-Formel.

Fenners plastische Anthropologie gründet auf dieser Idee: Das Denken selbst muss plastisch, formbar und prozessual sein, analog zum bildhauerischen Arbeiten. globale-schwarm-intelligenz.de. Er versteht Erkenntnis als Herstellen im Widerstand„zwischen Idee und Welt, Form und Material, Ich und Wirklichkeit“.

Wahrheit erweist sich für ihn nicht in idealer Übereinstimmung mit abstrakten Prinzipien, sondern in der praktischen Bewährung der Form im Lebensprozess. Diese Sicht knüpft Fenner ausdrücklich an den ursprünglichen griechischen Technē-Begriff an, in dem Kunst, Handwerk, Wissen und Ethos eine Einheit bildeten. Plastische Anthropologie bedeutet somit eine „Wiederbelebung des verlorenen Fundaments“ antiker Einheit von Können und Erkennen.

In Fenners Worten: „Denken [soll] kein abstraktes Behaupten sein, sondern ein Funktionieren im Dienst des Lebens“ Er propagiert eine „Epistemologie des Überlebens“, die Begriffsreinheit dem Kriterium des Lebendigen unterordnet. Dieser Pragmatismus erinnert an William James’ und John Deweys wahrheitspragmatische Maximen, aber Fenner durchdringt ihn mit ethischer Dringlichkeit.

Seine Erkenntnistheorie hat auch deutliche ethische Implikationen: Fenner spricht von einer „Ethik der Asymmetrie“, welche die Verwundbarkeit und Begrenztheit des Menschen anerkennt. Verantwortung bedeute funktional, nichts zu zerstören, was trägt. - ein Prinzip, das in Zeiten ökologischer Krisen hoch aktuell ist. Durch die 51:49-Optik wird Verantwortung entmoralisiert und als Fähigkeit begriffen, die fragile Balance des Lebendigen zu wahren. Interessanterweise spiegelt sich hier Hans Jonas’ Prinzip Verantwortung (1979), allerdings ohne dessen metaphysische Last, sondern in systemischer Wendung: Was dem Leben dient, ist ethisch. Fenners Betonung der Verletzlichkeit als Voraussetzung von Gerechtigkeit („Asymmetrie […] schützt das Andere vor totaler Vereinnahmung durch das Gleiche“) knüpft an Levinas’ Ethik der Alterität an, aber in einer rationalen, beinahe funktionalistischen Fassung – ganz im Sinne seiner Devise, dass Denken sich am Überleben statt an Dogmen orientieren müsse.

Zusammengefasst bildet Fenners theoretischer Kern ein modernes, transdisziplinäres Anthropologie-Modell: Der Mensch wird als homo plasticus verstanden, der in einer leichten Schieflage – einer dynamischen Offenheit – zur Welt steht. Erkenntnis und Kultur sind stetige Selbst-Metamorphosen unter Einsatz kreativer Unruhe.

Dieses Modell bricht mit der idealistischen Tradition, die – seit Platon – auf statische Ideen und Dualismen setzte. Fenner diagnostiziert bei Platon sogar einen zivilisatorischen „Konstruktionsfehler“: Die Trennung von Leib und Seele und die Abwertung des Sinnlich-Werdenden zugunsten ewiger Ideen (formuliert im Phaidon) sieht er als „Wolf im Schafspelz“, der vor 2424 Jahren (durch den Tod des Sokrates) geboren wurde und seither unser Zivilisationsfundament prägt. globale-schwarm-intelligenz.de. In Platons Dialog Phaidon wird der Körper als vergänglich, die Ideenwelt als ewig postuliert – der Tod des Sokrates dient als „Beweis“ dieser Zweiteilung. Fenner kritisiert implizit diese metaphysische Identitätsfixierung, da sie die lebendige Unvollkommenheit negiert. Seine plastische Anthropologie möchte das „verborgene Strukturmuster“ hinter der sichtbaren Welt freilegen. – eben jenes Muster einer immerwährenden Verformung statt einer starren Form.

Damit stellt Fenner sich auch in die Linie Nietzsches und Foucaults Kritiker der platonisch-christlichen Askese der Wahrheit: Foucault zeigt, dass mit Platon ein Wahrheitsregime entstand, das das Sichtbare dem Unsichtbaren unterordnet. goodreads.com.

Fenner schlägt dem ein Resonanz-Wissen vor, das Transparenz statt Objektivität anstrebt. – eine Wissensform, die nicht von weltenthobenen Ideen, sondern von Beziehung und Teilhabe lebt (in Anklang an Donna Haraways „situated knowledges“theanarchistlibrary.org).

Künstlerische Methodik und soziale Praxis: Soziale Plastik und Schwarm-Intelligenz

Neben dem theoretischen Gerüst hat Fenner eine eigenständige künstlerische und gesellschaftspraktische Methodik entwickelt. Er bezeichnet sein Gesamtwerk als soziale Plastik im Sinne eines partizipativen Kunstprozesses an der Gesellschaft selbst. Damit reiht er sich explizit in die Tradition von Joseph Beuys ein, der bekanntlich postulierte: „Jeder Mensch ist ein Künstler“, und die Idee der Sozialen Plastik prägte, worunter er das gemeinsam gestaltete Gesellschaftswerk verstanden.wikipedia.org. Beuys betrachtete die Gesellschaft als “ein einziges großes Kunstwerk […], zu dem jeder Mensch kreativ beitragen kann”. en.wikipedia.org. Diese Konzeption des gesellschaftlichen Organismus als formbare Plastik spiegelt sich unmittelbar in Fenners plastischer Anthropologie: Wie Beuys sieht Fenner Kunst nicht als abgetrennte Sphäre, sondern als Transformationsprozess des Gemeinwesens. Beide verbinden den erweiterten Kunstbegriff mit politischer und ökologischer Verantwortung. Beuys’ Aktionen – etwa 7000 Eichen zur Stadtbegrünung oder sein Büro für direkte Demokratie – zielten darauf ab, soziale und kulturelle Veränderungen künstlerisch-partizipativ anzustoßenen. wikipedia.orgen. wikipedia.org. Ebenso zielt Fenners Plattform Globale Schwarm-Intelligenz darauf, kollektive Kreativität zu mobilisieren, um destruktive Strukturen sichtbar zu machen und alternative Zukunftsentwürfe partizipativ zu entwickeln.

Fenner hat in diesem Rahmen Methoden der partizipativen Zukunftsgestaltung aufgegriffen, etwa in Form von Zukunftswerkstätten. Dieses Konzept, ursprünglich von Robert Jungk in den 1960er Jahren entwickelt, ermöglicht es Bürgern, gemeinsam Visionen zu erarbeiten und praktisch umzusetzen. Die Zukunftswerkstatt verbindet Kreativitätstechniken mit gesellschaftlicher Planung – ein Ansatz, der Fenners Vorstellung einer „Kunst-Soheits-Gesellschaft“ nahekommt.

Fenner spricht von einer „Globalen Kunst-So-Heits-Gesellschaft und rekurriert dabei auf den griechischen Begriff sozein (retten, bewahren) und to on (das Seiende) – was andeutet, dass er eine Art Heilung der Gesellschaft durch Kunst vorschwebt. Seine Plattform fungiert als Labor einer neuen integrativen Forschungspraxis, in der Beiträge aus Ökonomie, Biologie, Philosophie, Ästhetik etc. in ein selbstorganisierendes System eingespeist werden. Jedes Text- oder Kunst-Modul steht für sich, verweist aber auf den Gesamtzusammenhang – ähnlich einem fraktalen System, in dem Teil und Ganzes einander spiegeln.

Hier zeigt sich ein bewusster Kontrast zu Niklas Luhmanns Systemtheorie. Luhmann beschrieb die moderne Gesellschaft als funktional ausdifferenziert in autonome Teilsysteme – Kunst, Wissenschaft, Politik, Wirtschaft, Recht etc. –, die jeweils nach eigenen binären Codes operieren und untereinander “incongruent” sindmedium.commedium.com. So kommuniziert das Wissenschaftssystem in wahr/falsch, das Wirtschaftssystem in bezahlt/unbezahlt, das politische System in machthabend/machtlos usw. medium.com.

Diese “ungleichen Logiken” führen laut Luhmann dazu, dass die Systeme aneinander vorbeireden und gesellschaftliche Probleme (z.B. die ökologische Krise) als unlösbare Kommunikationskluft erscheinenmedium.commedium.com. Fenner dagegen strebt eine kohärente Orientierungslogik an, in der Kunst, Wissenschaft und Ethik „in einer gemeinsamen Logik des Lebendigen zusammenfinden“.

Fenner versucht damit gewissermaßen, die von Luhmann konstatierten Kluften zu überbrücken, indem er einen Meta-Code des Lebendigen anbietet (das 51:49-Prinzip). Seine Globale Schwarm-Intelligenz ist ein Experiment, ob ein transdisziplinäres, fraktal vernetztes Wissens- und Gestaltungssystem möglich ist, das nicht an den Grenzen der klassischen Institutionen haltmacht.

In der Praxis bedeutet das, dass Fenner digitale Technologien – insbesondere Künstliche Intelligenz (KI) – als integralen Bestandteil seines Kunstwerks einsetzt. Er nennt die KI eine „Resonanzpartnerin“ und ein Medium kollektiver Intelligenz.

Anders als ein Werkzeug zur Automatisierung fungiert die KI hier als Spiegel und Verknüpfungsinstanz: Sie soll Nutzerfragen aufnehmen, Muster erkennen, Kontexte verknüpfen und so die gemeinsame Wissenskonstruktion in Bewegung halten.

Fenner beschreibt das Mensch-Maschine-Interagieren sogar explizit als technische Umsetzung des 51:49-Prinzips – „Das Denken bleibt offen (51), ohne ins Chaos zu fallen (49)“. Diese Sicht auf KI als Erweiterung menschlicher Kognition im Kollektiv ist anschlussfähig an Donna Haraways Konzept des Cyborg. Haraway proklamierte 1985 in ihrem Cyborg-Manifest, dass wir “alle Chimären, Hybride aus Maschine und Organismus” seientheanarchistlibrary.org, und forderte Freude an der Verwischung von Grenzen zwischen Mensch, Tier und Technik. theanarchistlibrary.org theanarchistlibrary.org.

Fenners Praxis realisiert eine solche Mensch-KI-Kombination: Mit 77 Jahren, konnte er eigenen Angaben zufolge seine umfangreiche Wissensplattform nur durch die KI-Unterstützung aufbauen.

Diese symbiotische Arbeitsweise verkörpert die Haraway’sche Vision einer situativen, nicht-dualistischen Wissensproduktion. Auch Bruno Latours Aufruf, „Wir sind nie modern gewesen“, der die strikte Trennung von Natur und Kultur kritisiert, klingt hier nach: Fenner integriert Naturbegriffe (Schwarmintelligenz), Technik (KI) und Kultur (Kunst) zu einem holistischen Handlungssystem.

Als Künstler im erweiterten Sinn führt Fenner damit Beuys’ Vermächtnis fort und transformiert es ins digitale Zeitalter. Beuys hatte in den 1970ern bereits von “Computern als Helfer der Sozialen Plastik” fantasiert und die Idee einer “telematischen Demokratie” angedachten. wikipedia.org – Ideen, die ihrer Zeit voraus waren.

Fenner greift diese auf, indem er mit seiner Online-Plattform eine dauerhafte, transparente Dokumentation des kollektiven Prozesses schafft: Alle Änderungen werden öffentlich sichtbar protokolliert, wodurch ein Live-Charakter der entstehenden sozialen Plastik entsteht. Dieser Prozess ist bewusst offen und wachsend – die Startseite der Plattform „verändert sich fortwährend“ mit dem Fortschritt der Arbeit.

Damit verbindet Fenner die Vorstellung des permanenten Kunstwerks (im Sinne einer iterativen, nie abgeschlossenen Performance) mit dem Anliegen der Basisdemokratie. Es erinnert an die von Beuys mitbegründete Freie Internationale Universität, in der Kunst, Forschung und Gesellschaftsgestaltung verschmelzen sollten.

Ein weiterer Akteur, mit dem Fenner hier in Resonanz tritt, ist Franz Oppenheimer – wenn auch direkt. Oppenheimer (1864–1943) war Soziologe und Nationalökonom, der in seinem Werk Der Staat (1908) die Entstehung politischer Herrschaft analysierte. Berühmt ist seine Unterscheidung zweier Weisen des Wohlstandserwerbs: der ökonomischen Mittel (eigene Arbeit und freiwilliger Tausch) und der politischen Mittel (Aneignung fremder Arbeit durch Zwang)oll.libertyfund.org. Oppenheimer definierte den Staat pointiert als „Organisation der politischen Mittel“, also als institutionalisierten Raubzugoll.libertyfund.org. Diese Sicht entlarvt den Staat als eine Art „Wolf im Schafspelz“ – genau jenes Bild, das Fenner für die zivilisatorischen Grundirrtümer bemüht. Wo Oppenheimer den Staat als ursprünglich gewaltsames Herrschaftsinstrument entzaubert, deckt Fenner tiefere kulturelle Selbsttäuschungen auf (etwa religiös verbrämte Machtansprüche oder die „Illusion von Ordnung“, die die Systeme stabilisieren, während sie ihre eigenen Entstehungsursachen ignorieren). Beide laufen letztlich auf den Ruf nach einer Umgestaltung der Gesellschaft auf kooperativer Basis hinaus. Oppenheimer schwebte eine frei-genossenschaftliche Wirtschaftsordnung vor, in der Gemeinsinn statt Zwang herrscht – er beeinflusste etwa anarchistische und zionistische Siedlungsprojekte. Auch Fenner appelliert daran, „die kollektive Kreativität aller Menschen zu mobilisieren […] für den Gemeinsinn zu kämpfen“, um destruktive Strukturen zu überwinden. Sein Integrationsmodell zielt auf eine globale Gemeinwohl-Intelligenz ab, was in gewisser Weise Oppenheimers Vision eines “Verbands freier Menschen” im digitalen und künstlerischen Gewand ist.

Biografische Hintergründe und ideengeschichtliche Einflüsse

Wolfgang Fenners eigener Werdegang spiegelt die Interdisziplinarität seines Denkens. Er hat, aktuellen Hinweisen zufolge, Zeit seines Lebens in unterschiedlichen Feldern gewirkt – von historisch-anthropologischen Studien in den 1990ern bis zu Kunst- und Gesellschaftsprojekten in späteren Jahren,. .

Seine Hinwendung zur partizipativen Kunst und zur Weltformel 51:49 erfolgte offenbar im reiferen Alter. Mit 77 Jahren (im Jahr 2025) arbeitet er immer noch an seinem Opus Magnum und ringt um Resonanz. Diese lebensgeschichtliche Erfahrung – lange intellektuelle Vorbereitung, dann ein Spätwerk mithilfe neuer Technologie – erinnert an andere Grenzgänger: Etwa Edgar Morin, den französischen Philosophen und Soziologen, der ebenfalls jenseits der 70 sein mehrbändiges Opus La Méthode (1977–2004) vorlegte. Morin propagierte die komplexe Denkweise, welche die Trennung von Natur- und Kulturwissenschaften überwindet und Holismus mit Kritik verbindet. Nicht zufällig zitiert Fenner Morin ausdrücklich in seiner Literaturliste. Man kann Morin als einen intellektuellen Paten von Fenners Projekt betrachten: Dessen Ruf nach reform de la pensée (Reform des Denkens) durch Rückbindung aller Disziplinen an das menschliche Überleben und die planetare Solidarität klingt in Fenners Manifest deutlich nach.

Weitere Schlüssel-Inspiratoren lassen sich aus Fenners Fußnoten ablesen: Maurice Merleau-Ponty (Phänomenologie der Wahrnehmung) lieferte ihm Grundlagen zur leiblichen Erkenntnis. Martin Heidegger (Der Ursprung des Kunstwerks) wird zitiert in Bezug auf Technē als Entbergung der Wahrheit aus dem Seienden. Gregory Bateson (Steps to an Ecology of Mind) und Humberto Maturana/Francisco Varela (Tree of Knowledge) zeugen von Fenners Nähe zu kybernetisch-systemischen Sichtweisen auf Geist und Natur. Insbesondere Batesons ökologische Denkschule – “das Muster, das verbindet” – dürfte Fenner beeinflusst haben in der Sicht, dass mentale, soziale und natürliche Prozesse analog funktionieren. Bateson betonte die Notwendigkeit eines epistemologischen Wandels, um die Selbstzerstörung der Menschheit zu verhindern, was Fenner nun künstlerisch aufgreift. Schließlich sei Gilbert Simondon genannt (L’individuation à la lumière des notions de forme et d’information), dessen Theorie der Formbildung und Individuation in technischen wie lebenden Systemen ebenfalls als Folie für Fenners „plastisches“ Denken dienen konnte. Simondon sah Individuum und Kollektiv nicht als Dichotomie, sondern als Phasen ein und desselben metastabilen Prozesses – eine Idee, die im Begriff Schwarmintelligenz wiederkehrt.

Biografisch auffallend ist Fenners selbstgewählte Positionierung „als eine Stimme unter acht Milliarden Menschen“. Diese Bescheidenheit korrespondiert mit seinem Misstrauen gegenüber dem großen Genie oder Dogmatiker. Er verzichtet bewusst auf Urheberrecht (außer für kommerzielle Nutzung) und stellt sein Material offen zur Verfügung. Damit lebt er eine Haltung, die im wissenschaftlichen Kontext an Michel Foucaults Auffassung anschließt, Wissen sei immer ein Produkt diskursiver Netze, nicht individueller Einsamkeit: „Wahrheit ist eine Sache dieser Welt […] Jede Gesellschaft hat ihr Regime der Wahrheit, das bestimmt, welche Diskurse als wahr fungieren“goodreads.com. Fenners Wiki-ähnliche Arbeitsweise unterminiert traditionelle Autoritätsmuster. Er zitiert an einer Stelle, dass selbst Wissenschaft und Medien – vormals Hüter der Aufklärung – heute gewisse Einsichten verdrängen oder verschweigen. Hier klingt Foucaults These vom “Regime der Wahrheit” direkt an. Fenner legt offen, dass sein eigenes Werk diesen Verdrängungen entgegentreten will, aber auch dem Risiko ausgesetzt ist, ignoriert zu werden – analog zu Foucaults Beobachtung, dass gesellschaftliche Wahrheiten nicht aufgrund ihres Wahrheitsgehalts, sondern durch Macht und Diskurs festgelegt werdengoodreads.com. Fenner versucht dem zu begegnen, indem er größtmögliche Transparenz schafft (öffentliche Dokumentation aller Änderungen) und so auf lange Sicht Vertrauen aufzubauen hofft.

Ein weiterer biografischer Aspekt ist Fenners späte Integration der KI. Dies kann man als pragmatische Kapitulation vor den eigenen Grenzen lesen – zugleich aber als visionären Schritt: Er hat erkannt, dass kollektive Probleme kollektive Intelligenz erfordern, möglicherweise verstärkt durch maschinelle Akteure. In diesem Sinne praktiziert Fenner selber, was er von der Gesellschaft fordert: Transdisziplinarität, Demut vor der Komplexität und Kooperation über Grenzen hinweg. Interessanterweise vollzieht er damit im Kleinen, was Galileo Galilei und Nikolaus Kopernikus im Großen taten: eine Dezentrierung des Menschen in seinem Weltbild. Kopernikus nahm die Erde aus dem Zentrum des Universums (1543), Darwin den Menschen aus der Mitte der Schöpfung (1859). Fenner nun rückt den einzelnen menschlichen Denker aus dem Zentrum der Erkenntnisproduktion und ersetzt ihn durch ein verteiltes, hybrides Netzwerk aus vielen Menschen und KI – eine Art kopernikanische Wende der Wissensform. Genauso wie Galileo empirische Belege (Teleskopbeobachtungen) gegen dogmatische Autoritäten durchsetzte – wofür er bekanntlich von der Inquisition 1633 als Ketzer verurteilt und unter Hausarrest gestellt wurdehistory.comhistory.com –, ringt Fenners Ansatz mit etablierten Denkverboten. Zwar droht heute keine kirchliche Inquisition, doch wissenschaftliche und politische Trägheitskräfte können unbequeme neue Paradigmen ebenfalls marginalisieren. Fenner beklagt eine „kollektive Verdrängung, die selbst Erkenntnis zur Gefahr erklärt“. – ein Umstand, der an Galileis Konflikt mit der Kirche erinnert, die sein heliozentrisches Wissen als Bedrohung empfand.

Freilich ist Fenner sich der historischen Tragweite bewusst: Er sieht sein Werk nicht als abgeschlossen, sondern als Angebot künftiger Korrektur. Im Gegensatz zu religiösen Illusionen, die unkorrigierbar seien, hätten seine Hypothesen „nicht den wahnhaften Charakter“, und man werde auf sie verzichten, sollten sie sich als irrig erweisenprojekt-gutenberg.orgprojekt-gutenberg.org. Hier zeigt sich Fenners rationaler Humanismus in der Nachfolge Freuds und der Aufklärung. Sigmund Freud hatte in Die Zukunft einer Illusion (1927) argumentiert, es wäre „ein unzweifelhafter Vorteil, Gott überhaupt aus dem Spiele zu lassen und den rein menschlichen Ursprung aller kulturellen Vorschriften ehrlich zuzugeben“pbs.orgpbs.org. Er meinte, dann würden die Gebote ihre falsche Heiligkeit und Starrheit verlieren, die Menschen könnten sie als veränderbar erkennen und eher geneigt sein, an ihrer Verbesserung statt Abschaffung zu arbeitenpbs.orgpbs.org. Ähnlich versucht Fenner, die „heiligen“ Grundannahmen unserer Zivilisation (vom Dualismus bis zur Wachstumsideologie) als menschengemachte – und damit verhandelbare – Konstrukte offenzulegen. Wie Freud auf die Bindungskraft rationaler Verhältnisse hofftetabularasamagazin.de, setzt Fenner auf eine Wiedergewinnung vernünftiger Maßhaltung (51:49) jenseits dogmatischer Extreme. Allerdings ist Fenner zugleich näher bei Freud in der Diagnose: Freud sah Religion als kollektive Zwangsneurose, von der die Menschheit sich kurieren sollte – Fenner spricht von der Notwendigkeit, „alte Denkmuster zu hinterfragen“ und „existenzielle Konstruktionsfehler“ zu beheben. Beide verbindet der Glaube an Aufklärung durch Selbsterkenntnis.

Relevanz für gegenwärtige globale Krisen

Angesichts der globalen Krisenzusammenhänge – Klimawandel, Umweltzerstörung, soziale Ungleichheit, politische Polarisierung – gewinnt Fenners Werk eine besondere Dringlichkeit. Er selbst betont, dass seine Plattform den „existenziellen Katastrophen unserer Zeit“ gewidmet istglobale-schwarm-intelligenz.de. Er sieht die Ursachen dieser Krisen in „tiefen, strukturellen Konstruktionsfehlern“ unseres Denkens und Gesellschaftssystems. Dazu zählt er insbesondere das Fortwirken jenes „Wolf-im-Schafspelz“-Paradigmas seit der Antike: Ein Fundament aus Illusionen, das Ordnung vorgaukelt, während es die eigenen Entstehungsbedingungen ausblendet. Hier kann man an die ökologische Krise denken: Die moderne Wachstumsgesellschaft stabilisiert sich durch die Illusion unendlicher Ressourcen und externalisiert die Zerstörung – ein perfektes Beispiel für verkennende Ordnung. Fenner argumentiert, dass unsere Systeme – ob Politik, Wirtschaft, Recht, Wissenschaft – eine Illusion von Ordnung erzeugen, indem sie ihre gewaltsamen oder irrationalen Ursprünge verdrängen. So ignorierte die Wachstumsideologie lange die physischen Grenzen des Planeten (ein Konstruktionsfehler unserer Ökonomie). Oder die politische Souveränität baute auf Kolonialismus und Gewalt auf, feiert sich aber als zivilisatorische Ordnung (ein Wolf im Schafspelz nach Oppenheimers Manier). Indem Fenner solche Grundannahmen entlarvt, bietet er einen reflexiven Zugang zu den Krisen: Wir müssen zuerst verstehen, wie unsere Denkmodelle die Krisen mitverursachen, bevor wir Lösungen finden.

Sein 51:49-Prinzip impliziert, dass statische Gleichgewichte nicht nachhaltig sind – weder in der Ökologie (wo ein ausbalanciertes, aber unflexibles System beim kleinsten Schock kollabiert) noch in der Ökonomie (wo z.B. vollständige Markt-„Effizienz“ ohne Resilienz zu Krisen führt). Vielmehr fordert er Verletzlichkeit als Stabilitätsprinzip. In einer Welt, die sich nicht durch Gier oder starre Machtbalancen befrieden lässt, sieht er nur „ein verletzliches, asymmetrisches Verhältnis: 51:49“ als dauerhaft zukunftsfähig. Das ließe sich auf viele Felder anwenden: In der Klimafrage bedeutet es, wir brauchen ein waches Ungleichgewicht zugunsten regenerativer Prozesse (der Natur etwas mehr Raum geben als wir nehmen – anstatt perfektes Nullsummenspiel). In der Politik hieße es, Kompromisse dürfen nicht statisch sein, sondern sollen fortwährend neu austariert werden – Mehrheiten müssen Spielräume für Minderheiten lassen (oder wie Fenner sagt: Verantwortung besteht darin, das Tragende nicht zu zerstören. ). Auch in der Wissenspolitik wäre 51:49 relevant: Anstatt eine einzige Wahrheit autoritativ zu setzen (100:0) oder in postmoderner Beliebigkeit zu versinken (reines 50:50 „anything goes“), schlägt Fenner Transparenz, Pluralität und iterative Korrektur. vorprojekt-gutenberg.org. Dies entspricht Foucaults Forderung, die „Wahrheitsproduktion“ zu demokratisieren, und Habermas’ Ideal eines herrschaftsfreien Diskurses.

Ein zentrales Motiv bei Fenner ist die Mobilisierung kollektiver Intelligenz. Im Begriff Schwarm-Intelligenz steckt die Analogie zur Kooperation in natürlichen Schwärmen (Bienen, Vögel, Fische). Solche Schwärme zeigen, dass „die größere Kollektivität mehr ist als die Summe ihrer Teile und dass kommunikatives Zusammenwirken entscheidend ist für Erfolg und Koexistenz“schenkmodern.com. Das ist eine hoffnungsvolle Botschaft für die Menschheit: Wenn Milliarden Menschen – analog zu einem Bienenschwarm – auf ein gemeinsames Ziel hingelenkt werden könnten, entstünde eine Kraft, die weit über individuelle Beiträge hinausgeht. Fenner träumt von einer „8-Milliarden-Schwarm-Intelligenz, eins mit der Natur“, in der Wissen zu Kraft, Kraft zu Weisheit und Weisheit zu Harmonie 51:49 wird. Man mag das utopisch nennen, doch es adressiert präzise die aktuellen Herausforderungen, die globale Lösungen erfordern. Tatsächlich sehen wir Ansätze von Schwarmintelligenz bereits in Bewegungen wie Fridays for Future (jugendlicher Klimaschwarm), in Citizen Science-Projekten oder der offenen Quellgemeinschaft. Fenners Beitrag liegt darin, diesen Ansätzen ein theoretisches Fundament und ein experimentelles Feld zu geben.

Kritisch kann man einwenden: Riskiert Fenners Konzept, selbst illusorisch zu sein? Ist die Vorstellung, Milliarden Menschen in resonanter Ko-Kreativität zu einen, eine neue „Illusion einer Zukunft“ (um Oskar Pfisters Freud-Kritik zu bemühen)tabularasamagazin.de? Fenner reflektiert diese Gefahr durchaus. Er räumt ein, dass auch seine Erwartungen vielleicht illusorisch sind und nur die Erfahrung – späterer Generationen – zeigen wird, ob er irrteprojekt-gutenberg.orgprojekt-gutenberg.org. Dieser selbstreflexive Vorbehalt unterscheidet ihn von manchem dogmatischen Heilslehrer. Fenner bietet kein fertiges Rezept, sondern ein „zur Diskussion gestellter Masterplan“. Er fordert uns ausdrücklich auf, Spurenleser zu werden, versteckte Strukturen bewusster wahrzunehmen und den Mut zu finden, Gewohnheiten zu verändern. Das deutet auf eine prozessuale Haltung: Der Weg entsteht beim Gehen, im gemeinsamen Lernen.

In einer Welt multipler Krisen hat Fenners Werk erkenntnistheoretische Relevanz, indem es einen Modus vorschlägt, komplexe Probleme transdisziplinär anzugehen. Kulturell-ästhetisch ist es relevant, weil es Kunst als Medium der Verständigung und Veränderung aufwertet – in Zeiten, da rein technokratische Lösungen oft an Akzeptanz scheitern. Kunst kann Imaginationsräume öffnen (so wie Beuys mit der Bienen-Metapher einer idealen Gesellschaft experimentierteen.wikipedia.org). Fenners Kunstgriff ist die 51:49-Formel selbst: eine ästhetische Verdichtung eines komplizierten Sachverhalts in ein einfaches Symbol, das Kommunikation stimuliert. Es wirkt beinahe wie ein Koan oder poetische Chiffre, die man meditieren kann. Dadurch lässt sich abstrakte Systemtheorie in sinnfällige Anschauung übersetzen.

Epistemologisch schließlich liefert Fenner einen Ansatz, Wissen, Handeln und Ethik integrativ zu denken. Inmitten der “postfaktischen” Verunsicherung und des Vertrauensverlusts in Wissenschaft und Medien plädiert er für eine Wissenschaft der Resonanz. Anstelle objektivierender Abständigkeit (die oft als elitär und kalt empfunden wird) soll eine transparente, beteiligungsorientierte Wissenskultur treten. Das korrespondiert mit Überlegungen zeitgenössischer Philosophen wie Hartmut Rosa, der Resonanz als Gegenmittel zu Entfremdung vorschlägt. Es ist kein Zufall, dass Fenner Begriffe wie Resonanz, Fraktal, Metamorphose verwendet – alles Bilder des Verbunden-Seins und Werdens.

Zusammenfassend kann man sagen: Wolfgang Fenners plastische Anthropologie und das 51:49-Prinzip bieten einen neuartigen Bezugsrahmen, der angesichts globaler Krisen den Paradigmenwechsel skizziert, von dem immer häufiger die Rede ist. Wie einst Kopernikus, Darwin oder Freud liefert Fenner keine bequeme Lösung, sondern zumutet uns eine veränderte Selbstauffassung: Wir müssen uns als Teil eines lebendigen Gefüges verstehen, in dem Verantwortung heißt, die fragile Balance zu hüten. Seine Nähe zu Denker*innen von Platon bis Haraway zeigt, dass er auf bekannten Schultern steht – doch indem er diese vielfältigen Fäden verknüpft, schafft er etwas Eigenes. Ob sein Werk tatsächlich die “neue Metaphysik” begründet, als die er es bisweilen ankündigt, wird die Zukunft weisen. Ungeachtet dessen bietet es schon jetzt reiches Material für Diskussion und Reflexion in Kunst, Philosophie und Wissenschaft. Gerade im akademischen Kontext lädt Fenner dazu ein, starre Fächergrenzen zu sprengen und eine künstlerisch-wissenschaftliche Praxis zu wagen, die dem Ernst der gegenwärtigen Lage gerecht wird. In einer Welt im Ungleichgewicht hält er uns den Spiegel vor: Vielleicht liegt die Rettung genau in jenem kleinen Schritt vom 50:50 zum 51:49 – dem Mut, eine schiefe Ebene zuzulassen, auf der Neues ins Rollen kommen kann.

Quellenverzeichnis (Auswahl):

  • Fenner, Wolfgang: Globale Schwarm-Intelligenz – Evolution und Integration durch Kunst und Gesellschaft. Berlin, 2024 (Primärwerk, in Auszügen veröffentlicht auf globale-schwarm-intelligenz.de).globale-schwarm-intelligenz.deglobale-schwarm-intelligenz.de etc.
  • Beuys, Joseph: Soziale Plastik-Konzept, in: Wikipedia (engl.), Joseph Beuysen.wikipedia.orgen.wikipedia.org.
  • Oppenheimer, Franz: Der Staat, Frankfurt a.M. 1929 (zuerst 1908). Zitat entnommen aus Online Library of Libertyoll.libertyfund.org.
  • Platon: Phaidon, ca. 380 v.Chr. (Dualismus Leib/Seele)globale-schwarm-intelligenz.de.
  • Kant, Immanuel: Idee zu einer allgemeinen Geschichte in weltbürgerlicher Absicht (1784). Zitiert nach dt. Übers. in GHDIghdi.ghi-dc.orgghdi.ghi-dc.org.
  • Freud, Sigmund: Die Zukunft einer Illusion (1927). Dt. Ausgabe zitiert nach Projekt Gutenberg und PBS-Übers.pbs.orgpbs.org.
  • Darwin, Charles: On the Origin of Species (1859), Chapter 6literaturepage.com.
  • Galilei, Galileo: Prozess 1633, vgl. History.com (12. April 1633)history.comhistory.com.
  • Haraway, Donna: A Cyborg Manifesto (1985), in: Simians, Cyborgs and Women (1991)theanarchistlibrary.org.
  • Luhmann, Niklas: Die Wissenschaft der Gesellschaft (1990) / Die Kunst der Gesellschaft (1995). Paraphrasiert nach: Medium.com (Jan 2024)medium.com.
  • Foucault, Michel: Power/Knowledge, Interview 1977. Dt. sinngemäß nach: ca-ira.netfacebook.com und Goodreadsgoodreads.com.
  • Morin, Edgar: La Méthode Vol.1-6 (1977-2004). [Von Fenner angeführt: globale-schwarm-intelligenz.de]
  • Prigogine, I./Stengers, I.: Order out of Chaos (1984). [Von Fenner zitiert: globale-schwarm-intelligenz.de]
  • u.a. (weitere Quellen siehe Fußnoten im Text).