Dem Prototyp der praktischen Anwendung von Forschungskunst.
Die Grundlage bildet meine Experimentelle Umweltgestaltung, die ich 1975 während meines Bildhauerstudiums in Braunschweig entwickelte und 1976 als Entwurf eines neuen Studienbereichs innerhalb der freien Kunst vorstellte. Dieses interdisziplinäre und interaktive Generalismus-Studium sollte Naturbeobachtung, handwerkliches Können, künstlerische Verfahren und wissenschaftliche Untersuchungen an gemeinsamen Fragestellungen verbinden.
Bereits zu Beginn meines Studiums beschäftigte ich mich mit dem altgriechischen Begriff Technē, um den Zusammenhang von Können, Wissen, Hervorbringen und Erkenntnis zu untersuchen. Meine Ausbildung als Maschinenschlosser, die Fotografie und die plastische Arbeit lieferten dafür konkrete Erfahrungen: Eine Form verändert einen Zusammenhang und begegnet dabei Widerständen, Abhängigkeiten und Folgen.
Mein künstlerischer Lebenslauf wurde zur praktischen Erprobung und Weiterentwicklung dieses Ausbildungsansatzes. In diesem Sinne verstehe ich mein Lebenswerk als Prototyp der praktischen Anwendung von Forschungskunst. Meine Werkstätten reichten vom Buch über Landschaft und Straße bis zu Kunsthallen und begehbaren Environments. In ihrer Verbindung entstand das Opus Magnum, das ich heute für gemeinsames Forschen erschließe.
Erwachsenen-Malbücher, Frage-und-Antwort-Tische und Rollenversuche eröffneten unterschiedliche Formen der Beteiligung. Die Demokratiewerkstätten und die Arbeit im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden führten zum Ausstellungsraum als plastischem Arbeitszusammenhang. Die „Schöpfungsgeschichte“, die temporäre Kunsthalle Ratzeburg von 1992 und die Ausstellungsorganismen im Berliner Haus der Demokratie erweiterten diese Arbeit. Die Auseinandersetzung mit Franz Oppenheimer bezog Wirtschaftsordnung, genossenschaftliche Zusammenarbeit und Gemeinsinn ein.
Beim Globalen Dorffest 1993 am Brandenburger Tor und mit der von mir gegründeten und geleiteten Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, deren Fragestellungen wissenschaftlich begleitet wurden, entstanden gemeinschaftliche Arbeitsformen. In dieser Entwicklung liegt eine wesentliche Grundlage der heutigen Globalen Schwarm-Intelligenz.
Die Verbindung von Zeitpunkt, Ort, gesellschaftlicher Fragestellung und künstlerischer Tätigkeit bildet meine Verortungskunst. Auch nicht verwirklichte Konzepte gehören dazu: Sie zeigen, welche Möglichkeiten gemeinsamer Gestaltung ich in einer bestimmten historischen Situation vorgeschlagen habe.
Seit gut drei Jahren arbeite ich im kontinuierlichen Dialog mit KI an der Verdichtung und Kontextualisierung dieses Lebenswerks. Frühere Werke, Erfahrungen und Fragestellungen werden miteinander verglichen und durch meine Ergänzungen und Korrekturen neu erschlossen. Daraus entstanden weitere begriffliche Verbindungen und die heutigen Ausarbeitungen meiner Prüfmodelle. Auf der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ mache ich diesen Forschungsprozess zugänglich.
Meine plastische Anthropologie als Referenzwissenschaft untersucht menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten an den Bedingungen, die Leben ermöglichen. Gesellschaftliche Regeln, Rollen und Wertvorstellungen haben reale Wirkungen. Wirtschaftlich erfolgreiches und gesellschaftlich anerkanntes Handeln kann dabei die eigenen Lebensgrundlagen beschädigen. Das Vier-Ebenen-Modell, das Dreifache Optimum und weitere Kalibrierungsinstrumente machen solche Zusammenhänge untersuchbar und verbinden Wahrnehmung mit Korrektur und Reparatur.
Im Atelier werden diese Fragen praktisch bearbeitet. Besucher verändern beispielsweise ein Hindernis im Wasser und vergleichen die entstehenden Strömungen. Ein Bodenrelief aus Quarzsand bezieht Gleichgewicht, Widerstand und körperliche Wahrnehmung ein. Die „Schöpfungsgeschichte“ und der Abendmahl-Opfertisch verbinden Naturvorgänge, plastische Bearbeitung, Nahrung und kulturelle Bedeutung. Goldobjekte, Schultafeln und Rollenversuche eröffnen Untersuchungen zu Eigentum, Selbstbild und Verantwortung.
Das So-Heits-Atelier besitzt zwei miteinander verbundene Zugänge: den räumlichen Arbeitsraum auf der documenta und die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Aus meiner entstehenden analogen Werkbiografie und den Materialien der Plattform entwickle ich das physische Mitmachbuch. Besucher bearbeiten diese Grundlagen durch eigene Beobachtungen, Fotografien, Collagen, Folien und Eintragungen. Werkstattgeschichte und Entstehung meiner Forschungskunst
