Der Übergang vom erweiterten Kunstbegriff zu einer gesellschaftlichen Lebensform und deren Konsequenzen.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Mögliche Konsequenzen einer So-Heit-Gesellschaft-

Die So-Heits-Gesellschaft als Kunst des Genug: Die So-Heits-Gesellschaft wäre in diesem Sinne eine Kunst des Genug. Das Genug ist keine starre Menge. Es entsteht aus der Beziehung zwischen Bedürfnis, Material, Funktion, Zeit, Belastung, Freude und gemeinsamer Tragfähigkeit.

Die So-Heits-Gesellschaft beginnt nicht mit der Behauptung, die Lösung bereits zu besitzen. Sie beginnt mit der Bereitschaft, die eigene Menschenwelt als hergestellt zu erkennen.

Sie fragt nicht, wie ein einzelner Künstler die Menschheit nach seinem Bild formen kann. Sie fragt, wie Milliarden bereits gestaltender Menschen lernen können, ihre voneinander abhängigen Tätigkeiten in einen gemeinsamen Prüf- und Reparaturzusammenhang zu bringen.

Sie ist deshalb keine Rückkehr zu einer vergangenen Einheit und keine Flucht in eine vollkommene Zukunft.

Sie ist die praktische Fortsetzung einer unterbrochenen Bewegung: vom einzelnen Werk zum Vorgabebild, von der Rezeption zur Kollektiven Kreativität, vom Universalgelehrten zum plastischen Polyhistor, vom Globalen Dorffest zur Globalen Schwarm-Intelligenz und von der unbewussten Menschenwelt zur bewussten, korrigierbaren und gemeinsamen Kunstgesellschaft der So-Heit.

Polyhistorien, Kollektive Kreativität und Globale Schwarm-Intelligenz als Zukunfts-Kunstgesellschaft

In diesem Sinne wäre die So-Heit-Gesellschaft nicht nur eine neue Kunstgesellschaft. Sie wäre der Versuch, die Menschheit aus einer unbewussten, skulptural erstarrten Gestaltung in eine bewusste, plastische und reparaturfähige Teilhaberschaft zu überführen.

Der Übergang vom erweiterten Kunstbegriff zu einer gesellschaftlichen Lebensform.

Das angestrebte Ziel geht weit über die Aussage hinaus, jeder Mensch könne kreativ sein. Es zielt auf eine Veränderung des menschlichen Selbstverständnisses, aus der sich langfristig eine andere Gesellschaftsform entwickeln könnte. Der Mensch soll sich nicht mehr überwiegend als fertiges Individuum, beruflicher Funktionsträger, Konsument, Eigentümer, Konkurrent oder isolierter Entscheidungsträger verstehen. Er soll erkennen, dass er durch jede Tätigkeit an seinem eigenen Menschsein, an seinen Beziehungen und an der gemeinsamen Menschenwelt mitformt.

Damit würde aus dem Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ keine allgemeine Aufwertung und keine neue soziale Rolle, sondern ein Bewusstwerden tatsächlicher Beteiligung. Der Mensch ist Künstler, weil er wahrnimmt, unterscheidet, auswählt, darstellt, verbindet, wiederholt, verändert und dadurch Folgen hervorbringt. Er ist zugleich Kunstwerk, weil er selbst geformt wird, von materiellen und organismischen Bedingungen abhängig bleibt und durch die Folgen der gemeinsamen Gestaltung verändert wird.

Die So-Heit-Gesellschaft wäre die gesellschaftliche Form, in der diese Doppelstellung nicht nur theoretisch anerkannt, sondern praktisch eingeübt wird. Sie wäre eine Zukunfts-Kunstgesellschaft, weil sie die Gestaltung der gemeinsamen Lebensbedingungen nicht länger an wenige Künstler, Experten, Unternehmen, politische Institutionen oder technische Apparaturen delegiert. Sie würde die künstlerische Mitverantwortung jedes Menschen sichtbar machen und zugleich an ein gemeinsames Prüf- und Reparaturverfahren binden.

Die erste Veränderung betrifft das menschliche Selbstbild

Die tiefste mögliche Konsequenz läge in einer Veränderung des menschlichen Selbstbildes. Der Mensch könnte sich nicht mehr ohne Weiteres als autonome, in sich abgeschlossene Einheit betrachten. Er würde sich als plastisches Wesen innerhalb einer Plexuswirklichkeit erkennen: als atmender, stoffwechselabhängiger, verletzlicher und auf andere Menschen, Lebewesen, Materialien und Kreisläufe angewiesener Beteiligter.

Diese Veränderung würde die Skulpturidentität relativieren. Die Vorstellung eines fertigen, unabhängigen Individuums würde nicht vollständig verschwinden, aber sie könnte als menschlich erzeugte Darstellung erkennbar werden. Der Mensch bliebe unterscheidbar und handlungsfähig, ohne sich deshalb als selbstursprünglich, unabhängig oder vollständig souverän misszuverstehen.

Das eigene Menschsein würde nicht mehr vor allem als Besitz erscheinen. Der Körper wäre nicht bloß „mein Körper“ im Sinne eines Eigentumsobjektes, das von einem inneren Ich oder Geist beherrscht wird. Das Ich wäre ebenfalls keine abgeschlossene innere Instanz, sondern eine plastisch entstehende Orientierungs- und Verantwortungsform innerhalb körperlicher, sozialer und materieller Beziehungen.

Dadurch könnte sich das Verhältnis zu Freiheit verändern. Freiheit würde nicht länger vorwiegend als Unabhängigkeit von anderen verstanden, sondern als tragfähiger Bewegungs- und Handlungsspielraum innerhalb realer Abhängigkeiten. Die Frage wäre nicht mehr nur: Was darf ich tun? Sie würde lauten: Welche Möglichkeiten kann ich verwirklichen, ohne die Bedingungen zu zerstören, von denen diese Möglichkeiten selbst abhängen?

Künstlersein würde von einer Identität zu einer Tätigkeit

Eine entscheidende Veränderung bestünde darin, dass Künstlersein nicht als Eigenschaft, Titel oder gesellschaftlicher Status verstanden würde. Der Satz „Ich bin Künstler“ könnte sonst leicht eine neue Skulpturidentität erzeugen. Der Mensch würde lediglich eine weitere positive Bezeichnung übernehmen und sich mit ihr identifizieren, ohne seine Tätigkeit zu verändern.

In der So-Heit-Gesellschaft müsste Künstlersein deshalb operativ bestimmt werden. Künstler ist der Mensch nicht dadurch, dass er sich so nennt, sondern indem er wahrnimmt, unterscheidet, gegenüberstellt, erprobt, verwirklicht, zweifelt, Rückwirkungen erkennt und repariert.

Die Verinnerlichung des Kunstwerkverständnisses dürfte daher keine starre Identifikation hervorbringen. Sie müsste eine Gewohnheit des Prüfens werden. Der Mensch würde nicht sagen: „Ich bin Künstler, deshalb ist mein Handeln künstlerisch und richtig.“ Er müsste sagen können: „Ich wirke gestaltend. Deshalb muss ich prüfen, was ich bearbeite, welche Vorstellung ich verwirkliche, welche Widerstände auftreten und welche Folgen andere tragen.“

Die neue Kunstgesellschaft könnte nur entstehen, wenn das Künstlersein mit Selbstbegrenzung verbunden wird. Das künstlerische Vermögen wäre kein Freibrief zur beliebigen Selbstverwirklichung. Es wäre eine Verpflichtung zur Wahrnehmung von Material, Abhängigkeit, Grenze und Folge.

Der Zweifel würde zu einer gesellschaftlichen Fähigkeit

In der gegenwärtigen Gesellschaft wird Zweifel häufig als Unsicherheit, Schwäche, Unentschlossenheit oder Mangel an Führungsfähigkeit behandelt. In einer So-Heit-Gesellschaft könnte Zweifel zu einem zentralen künstlerischen Handwerkszeug werden.

Der Zweifel würde verhindern, dass ein Begriff mit dem bezeichneten Vorgang, eine Theorie mit der Wirklichkeit, eine Rolle mit dem Menschen, eine Statistik mit dem Leben oder eine politische Vorstellung mit ihrer materiellen Verwirklichung verwechselt wird. Er würde die Differenz zwischen Modell und Wirklichkeit offenhalten.

Dabei wäre Zweifel nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen. Er würde Entscheidungen nicht unmöglich machen. Im Verhältnis 51:49 könnte eine vorläufige Entscheidung getroffen werden, während die 49 als Widerstand, Nichtwissen, Gegenbeispiel und Korrekturmöglichkeit erhalten bleibt.

Eine solche Gesellschaft müsste nicht auf vollständige Gewissheit warten. Sie könnte handeln, ohne ihre Entscheidungen zu verabsolutieren. Sie würde Verfahren schaffen, durch die Fehlentscheidungen erkannt, Folgen zurückgemeldet und Formen repariert werden können.

Das wäre eine grundlegende Veränderung gegenüber Ordnungen, die ihre eigenen Entscheidungen nachträglich als alternativlos, wissenschaftlich eindeutig, wirtschaftlich notwendig oder rechtlich endgültig darstellen.

Bildung würde zur Freilegung des verschütteten Künstlers

Eine So-Heit-Gesellschaft müsste ihre Bildung grundlegend verändern. Bildung dürfte nicht überwiegend darin bestehen, Kinder an vorgegebene Leistungs-, Bewertungs- und Verwertungsordnungen anzupassen. Sie müsste die frühen bildnerischen, körperlichen, spielerischen und handwerklichen Fähigkeiten erhalten und erweitern.

Das Krickel- und Krackelalter würde nicht als unvollkommene Vorstufe des richtigen Zeichnens betrachtet. Das Hämmern mit einem Löffel auf einen Topf wäre nicht nur Lärm, sondern eine Untersuchung von Klang, Kraft, Rhythmus, Körper und Material. Das Spiel mit Wasser, Sand, Bewegung, Puppen und Bausteinen wäre ein frühes Erlernen von Plastik, Theater, Architektur, Musik, Tanz und Performance.

Diese Fähigkeiten müssten später nicht durch Spezialisierung ausgelöscht, sondern bewusst miteinander verbunden werden. Jeder Mensch sollte das grundlegende Handwerkszeug der künstlerischen Disziplinen kennenlernen, nicht um professioneller Künstler in allen Bereichen zu werden, sondern um die unterschiedlichen Formen menschlicher Darstellung und Gestaltung unterscheiden zu können.

Fotografie würde beispielsweise nicht nur als Technik zur Herstellung schöner Bilder gelehrt, sondern als Untersuchung von Ausschnitt, Standpunkt, Zeitpunkt und technischer Fixierung. Theater würde die Differenz zwischen Darsteller, Rolle und dargestellter Handlung erfahrbar machen. Plastik würde Formbarkeit, Druck, Widerstand und Tragfähigkeit vermitteln. Collage würde zeigen, wie vorhandene Bilder getrennt und neu verbunden werden. Performance und Verrichtungskunst würden Tätigkeit, Körper, Zeit und Folge sichtbar machen.

Bildung würde damit nicht nur Wissen übertragen. Sie würde das Wahrnehmen, Gegenüberstellen, Herstellen, Verwerfen und Reparieren trainieren.

Leistung würde neu bestimmt

Die So-Heit-Gesellschaft hätte auch Folgen für den Leistungsbegriff. Gegenwärtig wird Leistung häufig daran gemessen, wie viel ein einzelner Mensch produziert, verkauft, erreicht oder gegenüber anderen durchsetzt. Dabei werden die materiellen Voraussetzungen, gemeinschaftlichen Beiträge und ausgelagerten Folgen häufig unsichtbar gemacht.

In einer Kunstgesellschaft müsste Leistung als Beitrag zur Tragfähigkeit eines gemeinsamen Werkes verstanden werden. Eine Tätigkeit wäre nicht deshalb wertvoll, weil sie hohe Geschwindigkeit, Gewinn, Status oder Sichtbarkeit erzeugt. Entscheidend wäre, ob sie Zusammenhänge erhält, Schäden vermeidet, Reparatur ermöglicht, Erfahrungen weitergibt und den Handlungsspielraum anderer nicht zerstört.

Pflege, Erziehung, Wartung, Instandhaltung, Zuhören, Vermittlung und Reparatur könnten dadurch ein anderes Gewicht erhalten. Diese Tätigkeiten erzeugen häufig keine spektakulären Produkte, tragen aber den gemeinsamen Lebenszusammenhang.

Die Frage nach Leistung würde sich von „Was hat jemand allein hervorgebracht?“ zu „Welche Beziehungen, Voraussetzungen und Folgen gehören zu dieser Hervorbringung?“ verschieben.

Damit könnte auch die Beschämung von Menschen abnehmen, die den standardisierten Leistungsvorgaben nicht entsprechen. Ihre Fähigkeiten wären nicht nur danach zu beurteilen, wie gut sie in eine bestehende Wirtschaftsapparatur passen, sondern danach, welche Wahrnehmungen, Erfahrungen und Beiträge sie für das gemeinsame Kunstwerk einbringen können.

Wirtschaft würde vom Referenzsystem zum Werkzeug zurückgestuft

Eine weitreichende Konsequenz beträfe die Wirtschaft. In der gegenwärtigen Ordnung erscheint Wirtschaft häufig als übergeordnete Existenzbedingung. Der Mensch soll sich an Markt, Erwerbsarbeit, Wettbewerb, Wachstum und Verwertung anpassen, als seien diese von Menschen geschaffenen Einrichtungen mit den Naturbedingungen des Lebens identisch.

In einer So-Heit-Gesellschaft würde diese Ebenenverdrehung sichtbar. Wirtschaft, Geld, Eigentum, Handel und Finanzwesen wären als menschlich hergestellte E3-Apparaturen erkennbar. Sie könnten nützliche Werkzeuge der Versorgung und Koordination sein, dürften sich aber nicht als Ursprung oder Eigentümer der Tragwirklichkeit darstellen.

Die Wirtschaft müsste sich daran messen lassen, ob sie die organismischen, sozialen und ökologischen Bedingungen erhält, von denen sie selbst abhängt. Wachstum, Gewinn oder Marktwert könnten nicht länger als eigenständige Beweise von Erfolg gelten, wenn sie zugleich Böden, Körper, soziale Beziehungen oder zukünftige Handlungsmöglichkeiten zerstören.

Unternehmen würden nicht nur Produkte herstellen. Sie müssten sich als Mitgestalter des gemeinsamen Kunstwerkes verstehen und ihre gesamte Tätigkeitsfolge offenlegen. Dazu gehörten Materialgewinnung, Energieverbrauch, Arbeitsbedingungen, Werbung, Abfall, langfristige Schäden und die Verteilung von Nutzen und Lasten.

Kaufen und Verkaufen würden ebenfalls anders verstanden. Der Käufer wäre nicht nur souveräner Konsument, sondern Beteiligter an einer materiellen Wirkungskette. Der Verkäufer wäre nicht nur Anbieter, sondern Mitverantwortlicher für Versprechen, Bedürfnisse, Herstellungsbedingungen und Folgen.

Die scheinbare Freiheit des Konsums könnte durch eine reale Freiheit der gemeinsamen Versorgung und Gestaltung ersetzt werden.

Eigentum würde als zugeschriebene Nutzungs- und Ausschlussform erkannt

Auch Eigentum könnte neu betrachtet werden. Eigentum ist keine materielle Eigenschaft eines Gegenstandes, eines Hauses oder eines Stückes Boden. Es ist eine rechtlich und gesellschaftlich bestätigte Beziehung, aus der Nutzungs-, Verfügungs- und Ausschlussrechte entstehen.

Die So-Heit-Gesellschaft müsste Eigentum nicht notwendig vollständig abschaffen. Sie müsste aber seine Künstlichkeit und seine materiellen Folgen sichtbar machen. Eigentum dürfte nicht mehr wie eine unverletzliche natürliche Eigenschaft behandelt werden, während wirkliche Körper, Lebensräume und Abhängigkeiten verletzt werden.

Die Frage würde lauten, welche Form des Gebrauchs, der Verantwortung und der zeitweiligen Verfügung innerhalb der gemeinsamen Tragwirklichkeit gerechtfertigt ist. Eigentum müsste an Pflege, Erhalt, Folgenverantwortung und Gemeinsinn gebunden werden.

Dadurch könnte sich das Verhältnis von Person und Sache verändern. Der Mensch würde nicht länger vor allem darüber definiert, was ihm gehört. Die Sache würde nicht nur als verfügbares Objekt erscheinen. Beide wären in Tätigkeits-, Gebrauchs- und Folgezusammenhänge eingebunden.

Politik würde von der Stellvertretung zur öffentlichen Werkstatt

Eine So-Heit-Gesellschaft würde auch das politische Verständnis verändern. Politik wäre nicht mehr ausschließlich die Tätigkeit gewählter Vertreter, Parteien, Verwaltungen und Experten. Sie würde als Gestaltung des gemeinsamen Lebensraumes verstanden.

Das bedeutet nicht, dass alle Menschen jederzeit über alles entscheiden müssten. Eine solche Vorstellung würde die Komplexität moderner Gesellschaften ignorieren. Entscheidend wäre vielmehr, dass politische Entscheidungen als vorläufige Gestaltungen sichtbar bleiben und ihre Voraussetzungen, Interessen, Gewichtungen und Folgen öffentlich geprüft werden können.

Politische Programme wären keine fertigen Wahrheiten, sondern Modelle. Gesetze wären keine vollkommenen Ordnungen, sondern gesellschaftliche Werkformen, die an ihrer praktischen Wirkung überprüft und repariert werden müssen.

Die Bürger wären nicht nur Wähler oder Betroffene. Sie könnten als Wahrnehmungs- und Rückkopplungsträger auftreten. Ihre Erfahrungen mit Behörden, Gesundheitssystemen, Wohnungsmarkt, Arbeit, Pflege, Verkehr und Umwelt wären nicht bloß private Beschwerden, sondern wichtiges Material für die Prüfung des gemeinsamen Werkes.

Die politische Öffentlichkeit würde dadurch weniger einer Bühne gleichen, auf der Rollen gegeneinander inszeniert werden. Sie könnte sich stärker zu einer Werkstatt entwickeln, in der Konflikte, Schäden und unterschiedliche Erfahrungslagen in überprüfbare Zusammenhänge überführt werden.

Recht würde vom Schutz der Fiktionen zur Prüfung realer Folgen erweitert

Das Recht arbeitet notwendig mit Begriffen, Kategorien, Personen, Sachen, Eigentum, Zuständigkeiten und Beweisformen. Diese künstlichen Ordnungen ermöglichen Verlässlichkeit, können aber zugleich die reale Verletzungswelt verdecken.

In einer So-Heit-Gesellschaft müsste das Recht seine eigenen Begriffe stärker an den tatsächlichen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen prüfen. Es dürfte nicht genügen, dass eine Handlung formal einer Regel entspricht, wenn ihre realen Folgen systematisch Schäden erzeugen.

Die juristische Person, das Eigentum, der Vertrag und die Beweisregel würden als Werkzeuge erkennbar, nicht als unantastbare Wesenheiten. Das Recht müsste fragen, wen eine Regel tatsächlich schützt, wer ihre Lasten trägt und welche Wirklichkeit durch die vorhandenen Kategorien nicht erfasst wird.

Dies könnte zu einer stärkeren Reparaturorientierung führen. Recht wäre dann nicht nur ein System der Zuordnung von Schuld und Sanktion, sondern auch ein Verfahren zur Wiederherstellung beschädigter Beziehungen und Bedingungen.

Die Unterscheidung zwischen dargestellter Rechtsordnung und erlebter Verletzungswirklichkeit würde zu einem dauerhaften Prüfgegenstand.

Wissenschaft würde ihre Modelle als Modelle kenntlich machen

Die So-Heit-Gesellschaft hätte erhebliche Folgen für das Wissenschaftsverständnis. Wissenschaftliche Arbeit bliebe unverzichtbar, müsste aber deutlicher zwischen beobachtbaren Vorgängen, Messungen, Modellen, Begriffen, Interpretationen und institutionell bestätigten Wirklichkeitsbehauptungen unterscheiden.

Ein Modell wäre nicht die Wirklichkeit. Eine statistische Korrelation wäre keine vollständige Erklärung. Ein theoretischer Begriff wäre keine im untersuchten Gegenstand gefundene Eigenschaft. Besonders dort, wo von Geist, Bewusstsein, Information, Autonomie, inneren Repräsentationen oder selbstständiger agency gesprochen wird, müsste offengelegt werden, welcher beobachtbare Vorgang beschrieben und welche zusätzliche Deutung hinzugefügt wird.

Die Wissenschaft könnte dadurch nicht geschwächt, sondern präziser werden. Ihre Stärke läge nicht mehr im Auftreten als unangreifbare Autorität, sondern in der Offenlegung ihrer Verfahren, Grenzen, Unsicherheiten und Korrekturmöglichkeiten.

Die 49 des Nichtwissens wäre kein Makel, der aus Publikationen und öffentlichen Aussagen entfernt werden muss. Sie wäre ein notwendiger Bestandteil wissenschaftlicher Redlichkeit.

Auch die Wissenschaft würde sich als Teil der Menschenwelt erkennen. Ihre Institutionen, Förderordnungen, Karrieren, Bewertungsverfahren und wirtschaftlichen Abhängigkeiten müssten ebenso geprüft werden wie ihre Theorien.

Kunstinstitutionen würden ihre Sonderstellung verlieren und eine neue Aufgabe gewinnen

Wenn jeder Mensch als Künstler seines Menschseins und Mitgestalter des gemeinsamen Kunstwerkes verstanden wird, verändert sich zwangsläufig auch die Stellung der professionellen Kunst.

Die besondere künstlerische Ausbildung, Erfahrung und Meisterschaft würde dadurch nicht bedeutungslos. Im Gegenteil: Professionelle Künstler könnten eine wichtige Aufgabe übernehmen, weil sie Verfahren der Wahrnehmung, Darstellung, Materialauseinandersetzung, Rollenprüfung und Formbildung vertieft haben.

Ihre Sonderstellung als alleinige Produzenten von Kunst würde jedoch relativiert. Der professionelle Künstler wäre nicht mehr der einzige Träger schöpferischer Fähigkeit, sondern ein besonders ausgebildeter Forscher, Handwerker, Vermittler und Störender innerhalb einer allgemeinen gesellschaftlichen Gestaltungsfähigkeit.

Museen und Kunsthallen könnten sich von vorwiegend sammelnden und repräsentierenden Einrichtungen zu öffentlichen Wahrnehmungs-, Prüf- und Werkstatträumen entwickeln. Kunstwerke wären nicht nur Objekte der Betrachtung, sondern Modelle, an denen Unterschiede zwischen Vorstellung, Material, Darstellung, Wertzuschreibung, Institution und Wirkung untersucht werden.

Das Entelechie-Museum, die Begehbare Arche, die Temporäre Kunsthalle, das Partizipatorische Welttheater und die Globale Kunsthalle wären in diesem Zusammenhang keine voneinander getrennten Projekte. Sie wären unterschiedliche Entwicklungsstufen einer Kunstinstitution, die nicht nur Werke zeigt, sondern Menschen in den Prozess des Wahrnehmens, Gegenüberstellens und gemeinsamen Herstellens hineinführt.

Die Trennung der Kunstdisziplinen könnte überwunden werden

Die So-Heit-Gesellschaft würde Kunst nicht mehr ausschließlich in voneinander getrennte Disziplinen aufteilen. Fotografie, Zeichnung, Malerei, Plastik, Skulptur, Collage, Architektur, Musik, Theater, Performance, Landschaftsarbeit, Text, Gespräch und digitale Plattform wären unterschiedliche Werkzeuge einer gemeinsamen Untersuchung.

Die Wahl des Mediums würde sich danach richten, welche Wirklichkeit sichtbar und prüfbar gemacht werden soll. Eine gesellschaftliche Rolle kann im Theater deutlicher werden als in einem wissenschaftlichen Aufsatz. Eine Materialabhängigkeit kann in einer Plastik oder einer körperlichen Verrichtung erfahrbar werden. Eine historische Entwicklung kann durch Fotografie, Collage, Text und räumliche Installation miteinander verbunden werden.

Die ganzheitliche Anwendung aller künstlerischen Techniken würde dadurch nicht als Auflösung handwerklicher Unterschiede verstanden. Jede Disziplin behielte ihre spezifischen Materialien, Verfahren und Widerstände. Sie würden jedoch nicht länger als abgeschlossene Werkbereiche behandelt, sondern als miteinander verbindbare Erkenntniswerkzeuge.

Alltagstätigkeiten würden als Verrichtungen sichtbar

Eine weitere Konsequenz wäre die Neubewertung alltäglicher Tätigkeiten. Kochen, Reinigen, Reparieren, Bauen, Pflegen, Pflanzen, Transportieren, Einkaufen, Schreiben, Zuhören und Organisieren könnten als Verrichtungen betrachtet werden, die Materialien, Körper, Räume und Beziehungen verändern.

Damit würde der Alltag nicht ästhetisch verklärt. Nicht jede Verrichtung wäre automatisch Kunst. Sie könnte aber künstlerisch untersucht werden, sobald ihre Bedingungen, Abläufe, Formen und Konsequenzen bewusst wahrgenommen werden.

Die Kartoffel in der Küche wäre dann nicht nur Lebensmittel oder Ware. Sie wäre Teil von Boden, Wachstum, Ernte, Transport, Eigentum, Handel, Energieverbrauch, Zubereitung, Geschmack, Stoffwechsel und Abfall. Eine alltägliche Handlung könnte ein gesamtes Plexusverhältnis sichtbar machen.

Verrichtungskunst würde damit zu einem Bindeglied zwischen Kunst, Arbeit und Existenz. Sie könnte zeigen, dass der Mensch die Welt nicht nur durch große politische oder technische Entscheidungen verändert, sondern fortwährend durch scheinbar nebensächliche Tätigkeiten.

Die Unterscheidung zwischen Darstellung und Wirklichkeit würde alltäglich trainiert

Eine So-Heit-Gesellschaft müsste die Menschen befähigen, zwischen Darsteller und Dargestelltem, Bild und Abgebildetem, Begriff und Vorgang, Modell und Wirklichkeit zu unterscheiden.

Diese Fähigkeit wäre besonders in einer durch digitale Bilder, Werbung, politische Inszenierung, Selbstvermarktung und künstliche Intelligenz geprägten Gesellschaft entscheidend. Der Mensch müsste erkennen können, dass eine Darstellung reale Wirkungen haben kann, ohne deshalb mit dem Dargestellten identisch zu sein.

Ein Profil ist nicht die Person. Ein Marktwert ist keine materielle Eigenschaft. Eine algorithmische Bewertung ist nicht der bewertete Mensch. Eine politische Rolle ist nicht der Körperorganismus. Eine KI-Antwort ist kein Beweis, nur weil sie sprachlich geschlossen erscheint.

Diese Unterscheidungsfähigkeit könnte Manipulation nicht vollständig verhindern, aber sie würde den Abstand vergrößern, in dem Prüfung möglich wird.

Die Kunst wäre dabei kein dekorativer Zusatz zur Medienbildung. Sie wäre deren operative Grundlage, weil sie seit jeher mit Bildern, Rollen, Modellen, Ausschnitten, Fiktionen und Inszenierungen arbeitet.

Künstliche Intelligenz würde zum Werkzeug und Prüfgegenstand

Die Globale Schwarm-Intelligenz setzt Künstliche Intelligenz ein, darf sie aber nicht zum Referenzsystem machen. In einer So-Heit-Gesellschaft wäre KI Werkzeug, Material, Verstärker, Widerstand und Prüfgegenstand.

Sie könnte große Mengen an Erfahrungen, Begriffen, Gegenbeispielen und Reparaturvorschlägen miteinander verbinden. Sie könnte Menschen dabei unterstützen, Ebenenvermischungen zu erkennen, unterschiedliche Folgen gegenüberzustellen und verborgenes Material wiederzufinden.

Gleichzeitig müsste jede KI-Ausgabe auf ihre Herkunft, Gewichtung, Modellannahmen, Auslassungen und möglichen Fehler geprüft werden. Die KI dürfte nicht als übergeordneter Geist oder autonome Urteilskraft auftreten. Sie arbeitet innerhalb technischer, wirtschaftlicher, sprachlicher und institutioneller Bedingungen, die von Menschen geschaffen wurden.

Eine Kunstgesellschaft könnte lernen, KI nicht zu vermenschlichen und sich zugleich nicht von ihr entmündigen zu lassen. Der Nutzer bliebe verantwortlich für die Gegenüberstellung mit der Tragwirklichkeit.

Die Globale Schwarm-Intelligenz könnte zur öffentlichen Rückkopplungsarchitektur werden

Die vielleicht sichtbarste institutionelle Konsequenz wäre die Entwicklung der Globalen Schwarm-Intelligenz zu einer öffentlichen Kunst-, Prüf-, Reparatur- und Rückkopplungsarchitektur.

Sie könnte Erfahrungen miteinander verbinden, die in heutigen Institutionen getrennt bleiben. Ein einzelner Mensch erlebt einen Schaden häufig als persönliches Versagen oder isolierte Ausnahme. Wenn viele vergleichbare Erfahrungen zusammengeführt und nach ihren strukturellen Bedingungen geprüft werden, kann sichtbar werden, dass sie Teil einer fehlerhaften gesellschaftlichen Form sind.

Die Plattform dürfte dabei kein weiteres soziales Netzwerk werden, das Aufmerksamkeit, Empörung und Selbstdarstellung belohnt. Ihr Maßstab müsste die Qualität der Unterscheidung und der Reparatur sein.

Ein Beitrag wäre nicht deshalb bedeutsam, weil er häufig angeklickt oder bestätigt wird. Er wäre bedeutsam, wenn er eine verdeckte Abhängigkeit sichtbar macht, eine falsche Eigenschaftszuschreibung offenlegt, eine materielle Folge dokumentiert oder einen tragfähigeren Zusammenhang ermöglicht.

Die Plattform könnte dadurch ein globales Atelier werden, in dem die Menschheit ihr eigenes Werk betrachtet, ohne sich aus ihm herausstellen zu können.

Gemeinsinn würde praktisch und nicht moralisch verstanden

Die So-Heit-Gesellschaft wäre auf Gemeinsinn angewiesen. Gemeinsinn dürfte jedoch nicht als moralische Forderung verstanden werden, nach der der Einzelne sich für ein abstraktes Ganzes opfern soll.

Gemeinsinn entstünde aus der Erkenntnis realer Verbundenheit. Der Mensch ist auf andere Menschen, Organismen, Stoffe und Systeme angewiesen. Diese Abhängigkeit ist kein moralischer Zusatz, sondern materielle Wirklichkeit.

Gemeinsinn wäre die Fähigkeit, die Bedingungen der eigenen Handlungsmöglichkeiten gemeinsam mit den Bedingungen anderer zu berücksichtigen. Er wäre keine vollständige Interessenübereinstimmung. Konflikte, Unterschiede und Widerstände blieben bestehen. Sie würden jedoch nicht mehr automatisch als Störungen einer idealen Einheit behandelt.

Das Verhältnis 51:49 könnte hier als plastische Form des Gemeinsinns wirken. Es fordert keine spiegelbildliche Gleichheit und keine vollständige Verschmelzung. Es hält einen minimalen Unterschied aufrecht, durch den Beziehung, Bewegung und Korrektur möglich bleiben.

Die So-Heit-Gesellschaft wäre keine harmonische Endgesellschaft

Eine wichtige Konsequenz des gesamten Ansatzes besteht darin, dass die So-Heit-Gesellschaft nicht als vollendete, konfliktfreie oder vollkommen gerechte Gesellschaft entworfen werden darf. Eine solche Vorstellung würde erneut eine skulpturale Idealform erzeugen.

Die So-Heit-Gesellschaft wäre kein fertiges Gesellschaftsmodell, das nur umgesetzt werden müsste. Sie wäre eine gesellschaftliche Gewohnheit des Prüfens und Reparierens. Ihre Qualität läge nicht darin, Fehler zu beseitigen, sondern darin, Fehler wahrnehmbar und korrigierbar zu halten.

Konflikte würden nicht verschwinden. Unterschiedliche Bedürfnisse, Erfahrungen, Interessen und Belastungen blieben bestehen. Entscheidend wäre, ob eine Form gefunden wird, in der diese Unterschiede nicht durch Macht, Eigentum, Status oder institutionelle Unsichtbarkeit einseitig überformt werden.

Die Zukunfts-Kunstgesellschaft wäre deshalb kein Endzustand. Sie wäre eine permanente Werkstatt.

Die Gefahr einer neuen Heilslehre

Aus den angestrebten Zielen entstehen nicht nur Möglichkeiten, sondern auch erhebliche Gefahren. Die erste Gefahr wäre, dass die Plastische Anthropologie, das Vier-Ebenen-Modell oder 51:49 selbst zu einer neuen Heilslehre werden.

Wenn der Mensch sich mit dem Künstlerbegriff identifiziert, könnte daraus ein Gefühl besonderer Erkenntnis oder moralischer Überlegenheit entstehen. Die Nutzer der Plattform könnten sich als die bewusst Gewordenen gegenüber den angeblich unbewussten Menschen betrachten. Damit würde eine neue Statusordnung entstehen.

Auch die So-Heit-Gesellschaft könnte als endgültig richtige Gesellschaftsform dargestellt werden. Dann würde aus einem Prüf- und Reparaturmechanismus eine neue ideologische Skulptur.

Diese Gefahr kann nur vermieden werden, wenn E4 auf das eigene Modell, seinen Urheber, die Plattform und ihre Begriffe angewandt wird. Die 49 muss als strukturelles Recht des Widerspruchs erhalten bleiben. Kein Begriff darf allein aufgrund seiner Zugehörigkeit zur Plastischen Anthropologie als richtig gelten.

Die Gefahr der Totalisierung des Kunstbegriffs

Eine zweite Gefahr besteht darin, dass alles zur Kunst erklärt wird und der Kunstbegriff dadurch jede Unterscheidung verliert. Wenn jede Tätigkeit, jedes System und jeder Schaden einfach Kunst wäre, könnte Kunst keine besondere Prüf- und Erkenntnisfunktion mehr erfüllen.

Deshalb muss zwischen Gestaltung, Kunsttätigkeit und verantwortlicher technē unterschieden werden. Menschen gestalten ständig. Eine Tätigkeit wird jedoch erst dann ausdrücklich künstlerisch, wenn sie ihre eigene Darstellungs-, Herstellungs- und Wirkungsweise mituntersucht.

Nicht jede menschliche Hervorbringung ist ein gelungenes Kunstwerk. Die Menschheit kann ein gemeinsames Kunstwerk sein und zugleich ein katastrophal fehlkalibriertes Werk herstellen. Der Kunstwerkbegriff darf deshalb keine automatische positive Wertung enthalten.

Gerade das Scheitern, die Deformation, die Verletzung und die Notwendigkeit der Reparatur gehören zum Kunstwerkverständnis.

Die Gefahr der Verantwortungsüberlastung des Einzelnen

Wenn jeder Mensch als Mitgestalter des Kunstwerks Menschheit angesprochen wird, könnte ihm eine Verantwortung zugeschrieben werden, die er real nicht tragen kann. Ein einzelner Mensch verfügt weder über dieselbe Macht noch über denselben Zugang zu Ressourcen und Entscheidungen wie ein Staat, ein Großunternehmen oder ein Finanzinstitut.

Die Künstlerverantwortung darf daher nicht dazu benutzt werden, strukturelle Verantwortung zu individualisieren. Die Aussage „Du gestaltest mit“ darf nicht bedeuten: „Du bist selbst schuld an den globalen Folgen.“

Die So-Heit-Gesellschaft müsste Gewichtungen offenlegen. Wer entscheidet? Wer verfügt über Material, Kapital, Technik und institutionelle Macht? Wer profitiert? Wer trägt die Schäden? Welche Handlungsmöglichkeiten besitzt der Einzelne tatsächlich?

Künstlerische Mitverantwortung ist asymmetrisch verteilt. Die 51:49-Prüfung muss auch diese Macht- und Lastverteilungen erfassen. Sonst würde die neue Kunstgesellschaft die alte wirtschaftliche Schuldordnung lediglich in einer neuen Sprache fortsetzen.

Die Gefahr der bloßen Selbstinszenierung

Eine digitale Kunstgesellschaft könnte leicht zu einer Plattform der Selbstinszenierung werden. Menschen könnten sich als kreative, bewusste oder gesellschaftlich verantwortliche Künstler darstellen, ohne ihre wirklichen Tätigkeiten zu verändern.

Das wäre eine Wiederkehr der Bühnenwelt. Die Darstellung des verantwortlichen Menschseins würde an die Stelle seiner materiellen Verwirklichung treten.

Die Plattform müsste deshalb immer wieder nach der Rückkopplung fragen. Welche Tätigkeit hat stattgefunden? Welche Beziehung wurde verändert? Welche Folge ist eingetreten? Was blieb reine Behauptung? Was wurde repariert?

Der Unterschied zwischen Darsteller und Dargestelltem, Programm und Verwirklichung, Manifest und Tätigkeit müsste sichtbar bleiben.

Die entscheidende Veränderung: Vom Beherrschen zum Teilnehmen

Die tiefste aus den angestrebten Zielen ablesbare Veränderung wäre ein Übergang vom Beherrschen zum Teilnehmen.

Der moderne Mensch stellt sich häufig als Subjekt einer ihm gegenüberstehenden Objektwelt dar. Er will Natur, Körper, Gesellschaft und Zukunft erkennen, kontrollieren und gestalten. Diese Haltung erzeugt zwar große technische Fähigkeiten, kann aber zugleich die Abhängigkeit vom bearbeiteten Zusammenhang verdecken.

Die So-Heit-Gesellschaft würde den Menschen nicht aus seiner Gestaltungsfähigkeit entlassen. Sie würde diese Fähigkeit neu positionieren. Der Mensch gestaltet nicht von außen. Er nimmt innerhalb einer gemeinsamen Plastik teil. Jede Veränderung des Werkes verändert auch die Bedingungen seines eigenen Lebens.

Künstlersein hieße dann nicht mehr, einer passiven Materie eine Idee aufzuzwingen. Es hieße, in ein Verhältnis zu treten, in dem Material, andere Menschen, Lebensbedingungen und zukünftige Folgen als Mitwirkende und Widerstände anerkannt werden.

Von der Identifikation zur täglichen Übung

Damit sich die So-Heit-Gesellschaft tatsächlich entwickeln kann, reicht eine einmalige Erkenntnis nicht aus. Der Mensch kann verstehen, dass er Künstler seines Menschseins ist, und dennoch am nächsten Tag wieder vollständig in alte Rollen-, Leistungs- und Konsumordnungen zurückfallen.

Das neue Kunstwerkverständnis müsste daher zu einer alltäglichen Übung werden. Wie bei einem handwerklichen oder musikalischen Können müsste das Unterscheiden, Gegenüberstellen, Prüfen und Reparieren trainiert werden.

Der Mensch müsste lernen, bei einer Behauptung nach ihrem materiellen Bezug zu fragen, bei einem Wert nach dem zugrunde liegenden Gewichtungssystem, bei einer Rolle nach ihrer Herstellung, bei einem Produkt nach seiner Wirkungskette und bei einer Entscheidung nach den ausgelagerten Folgen.

Die So-Heit-Gesellschaft entstünde nicht durch einen Gründungsakt. Sie würde aus wiederholten Verrichtungen hervorgehen, die allmählich zu gesellschaftlichen Gewohnheiten und Institutionen werden.

Die mögliche historische Bedeutung

Wenn das angestrebte Ziel auch nur teilweise verwirklicht würde, könnte es einen zweiten Schritt des erweiterten Kunstbegriffs darstellen. Joseph Beuys öffnete mit der Sozialen Plastik die Grenze zwischen Kunst und Gesellschaft. Die Plastische Anthropologie 51:49 versucht, für diese Öffnung ein materielles Referenz-, Prüf- und Reparaturverfahren zu entwickeln.

Die So-Heit-Gesellschaft wäre dann nicht einfach eine Fortsetzung der Sozialen Plastik. Sie wäre ihre Rückbindung an Körper, Material, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Toleranzraum und reale Folgen.

Der Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ würde dadurch von einer programmatischen Behauptung zu einer gesellschaftlichen Ausbildung werden. Jeder Mensch müsste nicht zum professionellen Künstler werden. Er müsste aber lernen, seine bereits wirksame Gestaltungstätigkeit wahrzunehmen und verantwortlich auszuüben.

Das gemeinsame Kunstwerk Menschheit würde dadurch erstmals ausdrücklich als solches untersucht: nicht als erhabenes Gesamtkunstwerk, sondern als verletzliches, widersprüchliches, unfertiges und reparaturbedürftiges Werk, in dem die Künstler selbst leben.

Die So-Heit-Gesellschaft als Zukunfts-Kunstgesellschaft

Die So-Heit-Gesellschaft wäre eine Gesellschaft, in der der Mensch nicht zuerst danach beurteilt wird, welchen Marktwert, Status oder Nutzen er besitzt, sondern danach, wie er an der gemeinsamen Tragwirklichkeit teilnimmt. Sie wäre keine Gesellschaft ausschließlich der Künstler im herkömmlichen Sinne, sondern eine Gesellschaft künstlerisch gebildeter Menschen.

Künstlerisch gebildet wäre ein Mensch, der Darstellungen von Vorgängen, Rollen von Organismen, zugeschriebene Eigenschaften von materiellen Eigenschaften und menschliche Apparaturen von Naturbedingungen unterscheiden kann. Er könnte mit Bildern und Modellen arbeiten, ohne sie mit der Wirklichkeit gleichzusetzen. Er könnte handeln, ohne absolute Kontrolle zu beanspruchen. Er könnte zweifeln, ohne handlungsunfähig zu werden, und korrigieren, ohne die Korrektur als Niederlage zu erleben.

Die So-Heit-Gesellschaft würde nicht aus vollkommenen Menschen bestehen. Sie würde aus Menschen bestehen, die ihre Unvollkommenheit, Abhängigkeit und Fehlbarkeit als Bestandteil der gemeinsamen Kunsttätigkeit anerkennen.

Ihr zentrales Werk wäre kein einzelnes Objekt. Es wäre die fortlaufende Herstellung tragfähiger Beziehungen zwischen menschlicher Vorstellung, gesellschaftlicher Form und nicht vom Menschen geschaffener Wirklichkeit.

In diesem Sinne wäre die So-Heit-Gesellschaft nicht nur eine neue Kunstgesellschaft. Sie wäre der Versuch, die Menschheit aus einer unbewussten, skulptural erstarrten Gestaltung in eine bewusste, plastische und reparaturfähige Teilhaberschaft zu überführen.