Die „Schöpfungsgeschichte
Alle Fotografien finden Sie auf meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ unter der Kategorie „Interaktives Buch“. Am unteren Ende der Seite führt der Link „Album“ zur vollständigen fotografischen Dokumentation.
Die „Schöpfungsgeschichte“ – Naturvorgang, menschliche Gestaltung und ihre Folgen
Meine „Schöpfungsgeschichte“ untersucht, wie der Mensch eine bereits vorhandene Wirklichkeit wahrnimmt, verändert und mit Bedeutungen versieht. Wiese, Körper, Wasser, Boden, Kartoffel, Fisch und Nahrung begegnen ihm als Voraussetzungen seines Lebens. Durch seine Tätigkeit entstehen daraus ausgewählte Gegenstände, Bilder, Werkzeuge, Besitzansprüche und kulturelle Formen. Die entscheidende Frage lautet: Erkennt der Mensch in seiner selbst gestalteten Lebenswelt noch die Bedingungen, von denen er abhängig bleibt – und die Folgen dessen, was er tut?
Die Grundlagen dieser Arbeit reichen zu meiner seit 1975 entwickelten Experimentellen Umweltgestaltung zurück. Anfang der 1990er-Jahre erhielt die „Schöpfungsgeschichte“ im Zusammenhang mit meinen Demokratiewerkstätten und räumlichen Ausstellungsorganismen ihre konkrete Ausarbeitung. Die gesellschaftliche Frage, wie Menschen ihre gemeinsame Wirklichkeit gestalten, verband sich mit einer unmittelbaren Untersuchung von Naturvorgängen und eigenen Eingriffen. In meinem Garten in einer eiszeitlich geformten Landschaft im Lübecker Raum entstand dafür ein offenes Versuchsfeld.
Die Werkfolge beginnt mit einer Wiese. Sie ist bereits vorhanden, bevor ich sie für meine Arbeit auswähle. Indem ich sie barfuß betrete, entsteht eine Beziehung: Der Boden trägt meinen Körper; Gräser, Feuchtigkeit und Unebenheiten werden spürbar. Gleichzeitig übe ich Druck aus und hinterlasse Spuren. Wahrnehmung und Tätigkeit gehören hier zusammen: Während ich etwas erfahre, verändere ich bereits die Bedingungen dieser Erfahrung.
Mit einer ausgelegten Decke, einem Bildrahmen oder einem auf den Boden gelegten Bild verändert sich diese Beziehung. Ich wähle einen Ausschnitt aus, ziehe eine Grenze und gebe ihm eine besondere Verwendung. Aus einem zusammenhängenden Lebensraum wird für meine Aufmerksamkeit eine Liegefläche, ein Bildgegenstand oder ein Bereich, den ich beanspruche. Die Begrenzung macht etwas sichtbar und lässt anderes in den Hintergrund treten. Ein Rahmen kann einen Ausschnitt hervorheben; die Beziehungen dieses Ausschnitts zu seiner Umgebung bestehen weiter. Ebenso entsteht aus dem körperlichen Betreten eines Bodens noch kein Eigentumsrecht. Dafür sind weitere gesellschaftliche Vereinbarungen und Handlungen erforderlich.
Ein wesentlicher Werkprozess beginnt damit, dass ich Wasser einen Hang hinunterlaufen lasse. Gefälle, Bodenbeschaffenheit und Wassermenge wirken zusammen. Rinnen, Verzweigungen, Abtragungen und Ablagerungen entstehen. Ich veranlasse einen Vorgang, dessen Verlauf sich aus den beteiligten Bedingungen ergibt. Die entstandene Landschaft forme ich ab und übertrage sie in Gips. Daraus entwickelt sich der Abendmahl-Opfertisch. Der Abguss bewahrt eine durch Wasser entstandene Form und macht sie als plastischen Gegenstand in einem neuen Zusammenhang verfügbar. Globale-Schwarm-Intelligenz
Damit vollzieht sich eine Folge von Übersetzungen: Ein Naturvorgang hinterlässt eine Landschaft; die Landschaft wird abgeformt; die plastische Form wird zum Tisch; der Tisch nimmt Nahrung auf und erhält kulturelle Bedeutung. Abendmahl, Opfer und Dank verbinden das Essen mit Vorstellungen von Gemeinschaft, Hingabe und Verpflichtung. Diese Bedeutungen können unsere Abhängigkeit bewusst machen. Sie können aber auch so sehr in den Vordergrund treten, dass die Voraussetzungen der Nahrung kaum noch wahrgenommen werden.
Kartoffel und Fisch führen die Untersuchung unmittelbar zum Stoffwechsel. Nahrung wächst unter bestimmten Bedingungen, wird gewonnen, zubereitet und gegessen. Sie kann zugleich Handelsware, Besitz, Dekoration oder Symbol werden. Ein Preis verändert den Zugang zu ihr; eine kulturelle Zuschreibung verändert ihren Stellenwert. Der hungernde Körper bleibt dennoch darauf angewiesen, tatsächlich Nahrung aufzunehmen. Spinne, Netz und Beute erweitern die Werkfolge um Beziehungen, in denen das Leben eines Organismus mit dem Leben anderer verbunden ist.
Die „Schöpfungsgeschichte“ umfasst etwa 12.000 aufeinander bezogene Fotografien, ergänzt durch Videos, Texte und Objekte. Die fotografischen Folgen bilden eigenständige Arbeiten. Durch ihre Reihenfolge werden Veränderungen, Wiederholungen, Eingriffe und Kreisläufe nachvollziehbar. Die Bedeutung entsteht auch zwischen den Bildern: Ein späterer Zustand verändert den Blick auf einen früheren. Für die Entstehung und Veränderung des Abendmahl-Opfertisches habe ich zudem eine Folge von Bildrahmen mit 18 Fotografien vorgesehen, die diesen Werkprozess im So-Heits-Atelier anschaulich machen kann.
Der Titel „Schöpfungsgeschichte“ richtet den Blick auf menschliches Hervorbringen innerhalb einer Welt, deren Voraussetzungen dem eigenen Gestalten vorausliegen. Der Mensch formt, ordnet, benennt und bewertet. Dabei bleibt er selbst ein körperliches, verletzbares und abhängiges Lebewesen. Seine Vorstellungen und gesellschaftlichen Ordnungen wirken in derselben Welt wie Wasser, Boden und Stoffwechsel. Ein Eigentumstitel kann darüber entscheiden, wer einen Boden bearbeiten darf; die Bedingungen seines Wachstums werden dadurch nicht beliebig.
In meiner heutigen Forschungskunst bildet diese Werkfolge eine praktische Grundlage der plastischen Anthropologie als Referenzwissenschaft. Das menschliche Selbstverständnis wird an den Bedingungen und Folgen menschlicher Tätigkeit untersucht. Mit dem Vier-Ebenen-Modell lassen sich die Zusammenhänge genauer unterscheiden: E1 betrifft die materiellen Vorgänge und Widerstände; E2 die körperliche Wahrnehmung und lebendigen Abhängigkeiten; E3 die Bilder, Werte, Rollen und gesellschaftlichen Ordnungen; E4 deren Prüfung, Rückkopplung und mögliche Veränderung. So werden Übergänge sichtbar, die im fertigen Gegenstand oder im vertrauten Selbstbild leicht verschwinden.
Im So-Heits-Atelier soll die „Schöpfungsgeschichte“ diese Untersuchung für andere Menschen öffnen. Besucher können Bildfolgen vergleichen, Entstehungsprozesse verfolgen, eigene Anordnungen erproben und untersuchen, welche Eigenschaften sie wahrnehmen und welche Bedeutungen sie hinzufügen. Das Mitmachbuch verbindet solche Beobachtungen mit neuen Fragen und Handlungsmöglichkeiten.
Während die 24-Stunden-Uhr den Menschen zeitlich in der Erdgeschichte verortet, verortet ihn die „Schöpfungsgeschichte“ in seinen konkreten Tätigkeiten und Abhängigkeiten. Darin liegt ihre Bedeutung für die Überlebenswerkstatt: Der Mensch begegnet sich selbst als Gestalter und zugleich als jemand, der von den Folgen seiner Gestaltung betroffen ist. Aus dieser Begegnung entsteht die Aufgabe, Wahrnehmung und Handeln so zu verändern, dass die eigenen und gemeinsamen Lebensbedingungen erhalten und beschädigte Zusammenhänge wiederhergestellt werden können.
