Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4
Das Vier-Ebenen-Modell der Plastischen Anthropologie 51:49-Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfverfahren der Forschungskunst. Die Gegenüberstellung als Kern des Vier-Ebenen-Modells.
Ausgangspunkt: Hauptthese: Das Vier-Ebenen-Modell macht die Verschmelzung von Organismus und symbolisch-gesellschaftlicher Persönlichkeit vorübergehend unterscheidbar, damit der Mensch deren unterschiedliche Wirkungsweisen und Tätigkeitsfolgen erkennen und korrigieren kann.
Das Vier-Ebenen-Modell ist keine naturwissenschaftlich etablierte Theorie und auch keine Ontologie, die behauptet, die gesamte Wirklichkeit abschließend in vier Bereiche zerlegen zu können. Es ist ein Prüf- und Ordnungsmodell der Forschungskunst, das aus der jahrzehntelangen künstlerischen Arbeit mit Material, Naturprozessen, Fotografie, Handwerk, gesellschaftlichen Rollen, Partizipation, Symbolen und Tätigkeitsfolgen hervorgegangen ist.
Seine Aufgabe besteht darin, unterschiedliche Wirklichkeitsweisen auseinanderzuhalten, ohne sie voneinander zu isolieren. Es soll insbesondere sichtbar machen, wann Eigenschaften, die auf einer Ebene sinnvoll sind, unbemerkt auf eine andere Ebene übertragen werden. Genau solche Ebenenverwechslungen gehören zu den zentralen Problemen, die sich durch die bisherige Forschung ziehen.
Das Modell unterscheidet vier Ebenen: E1 als materielle und physikalische Wirklichkeit, E2 als organismische und lebendige Wirklichkeit, E3 als menschliche Symbol-, Rollen- und Konstruktionswelt und E4 als Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturbetrieb.
Diese Ebenen stehen nicht nebeneinander wie vier abgeschlossene Räume. Sie sind ineinander verschränkt. E3 kann nur existieren, weil E1 und E2 es tragen. E4 wiederum ist keine weitere Welt neben den ersten drei, sondern eine methodische Ebene, mit der ihre Beziehungen geprüft werden.
E1 – Material, Kraft, Widerstand und Tragfähigkeit
E1 bezeichnet die Ebene der materiellen Bedingungen. Hierzu gehören Masse, Stoff, Temperatur, Druck, Schwerkraft, Widerstand, Reibung, Belastung, Bewegung, Energieübertragung, Bruch und andere physikalisch-chemische Vorgänge.
Diese Ebene ist eng mit Ihrer Ausbildung zum Maschinenschlosser verbunden. Dort wurden Toleranz, Spiel, Passung, Reibung und Bruch nicht zunächst theoretisch gelernt, sondern praktisch erfahren. Ein Werkstück funktioniert nicht deshalb, weil eine Vorstellung von ihm richtig klingt. Es funktioniert nur innerhalb konkreter Material- und Belastungsbedingungen.
Der Spaten bietet ein elementares Beispiel. Die Hand greift den Griff, der Stiel überträgt Kraft, das Spatenblatt trifft auf Bodenwiderstand. Die Schneide kann nur eindringen, wenn Form, Kraft, Material und Widerstand in einem bestimmten Verhältnis stehen. Der Boden antwortet auf die tatsächliche Tätigkeit und nicht auf die Absicht des Handelnden.
Ähnlich funktioniert die Eisfläche. Solange Dicke, Temperatur und Belastung innerhalb eines tragfähigen Bereiches liegen, trägt sie. Wird dieser Bereich überschritten, entsteht ein Bruch. Der Mensch kann die Tragfähigkeit weder durch Überzeugung noch durch Eigentumstitel oder Selbstbeschreibung ersetzen.
E1 ist deshalb die erste Ebene der Verletzungswirklichkeit. Materialien besitzen Grenzen. Sie können verformt, gebrochen, erhitzt, zerstört oder neu verbunden werden.
Der heutige Begriff des Lochprozesses lässt sich hier unmittelbar einsetzen. Ein Spaten erzeugt ein Erdloch. Eine Glasscheibe kann brechen. Eine Eisfläche kann einbrechen. Ein Schiffsrumpf kann ein Loch bekommen. Entscheidend ist dabei nicht das Loch als isoliertes Ding, sondern die Veränderung einer zuvor tragenden Grenze oder Struktur.
E2 – Leben, Stoffwechsel, Regulation und Verletzbarkeit
E2 bezeichnet die Ebene des Lebendigen. Sie umfasst Organismus, Stoffwechsel, Wachstum, Atmung, Regulation, Regeneration, Verletzbarkeit, Lernen und die fortlaufende Beziehung eines lebenden Systems zu seinem Milieu.
E2 kann nicht einfach auf E1 reduziert werden, obwohl sie vollständig auf materiellen Bedingungen aufbaut. Ein Organismus benötigt Stoffe, Energie, Wasser, Temperaturbereiche und physikalische Bedingungen, organisiert diese Beziehungen jedoch auf eine besondere Weise.
Die Zellmembran ist dafür zu einem wichtigen Analogieträger geworden. Sie bildet eine Grenze, ohne Innen und Außen vollständig voneinander abzuschneiden. Ihre Funktion beruht gerade darauf, Unterschiedlichkeit und Austausch gleichzeitig zu ermöglichen.
Damit wird die Membran zum Gegenmodell einer Betonwand. Eine tragfähige lebendige Grenze ist nicht maximale Abschottung. Sie ist regulierte Durchlässigkeit.
Hier liegt auch die Verbindung zum heutigen Begriff des Lochprozesses. Leben benötigt Öffnungen. Stoffaustausch, Atmung, Mund, Poren oder Membrankanäle zeigen, dass ein Loch nicht automatisch eine Verletzung bedeutet. Entscheidend ist, ob die Öffnung reguliert in den Gesamtzusammenhang eingebunden bleibt.
Diese Unterscheidung führt zu einem wichtigen Grundsatz:
Nicht jede Öffnung verletzt. Leben selbst benötigt regulierte Öffnungen. Verletzung beginnt dort, wo eine Grenzveränderung Trag-, Schutz-, Regulations- oder Regenerationsfähigkeit zerstört.
E2 ist deshalb zugleich die Ebene des plastischen Selbst. Ein lebender Organismus bleibt nur bestehen, indem er sich fortlaufend verändert. Er besitzt Kontinuität, ohne vollständig statisch zu sein.
Hier liegt die Grundlage des späteren Begriffs der Plastischen Identität.
E2 und die Unmittelbarkeit
Ein weiterer wichtiger Anker ist die Zeit. Tiere, Pflanzen und Organismen befinden sich fortwährend in gegenwärtigen Regulationsprozessen. Licht, Wasser, Temperatur, Nahrung, Verletzung und andere Bedingungen erzeugen unmittelbare Rückmeldungen.
Es wäre wissenschaftlich zu weitgehend zu behaupten, Natur reagiere grundsätzlich „optimal“. Lebendige Systeme können scheitern, krank werden oder aussterben. Entscheidend für Ihr Modell ist etwas anderes: Sie können ihre materiellen und organismischen Bedingungen nicht allein durch symbolische Behauptungen außer Kraft setzen.
Eine Pflanze kann Wassermangel nicht dadurch aufheben, dass sie sich als unabhängig definiert. Ein Mensch kann dagegen sagen: „Ich bin frei“, obwohl sein Organismus weiterhin von Sauerstoff, Wasser, Temperatur und Nahrung abhängig bleibt.
Diese Differenz führt direkt zu E3.
E3 – Symbolwelt, Rollenwelt und menschliche Konstruktion
E3 bezeichnet die Ebene der menschlich erzeugten Symbol-, Bedeutungs- und Geltungsordnungen. Dazu gehören Sprache, Geld, Eigentum, Recht, Religion, Rollen, Status, Nation, gesellschaftlicher Wert, Selbstbilder und Identitätskonstruktionen.
E3 ist nicht „unwirklich“. Eigentum, Geld und Recht können äußerst reale Tätigkeitsfolgen erzeugen. Ein Eigentumstitel kann bestimmen, wer einen Boden benutzen darf. Geld kann darüber entscheiden, welche Ressourcen verfügbar sind. Eine Rolle kann das Verhalten eines Menschen und seiner Umgebung tiefgreifend beeinflussen.
Diese Wirklichkeit besitzt jedoch einen anderen Status als Masse, Temperatur oder Stoffwechsel.
Genau hier liegt der Kern des Vier-Ebenen-Modells: gesellschaftliche Wirksamkeit darf nicht mit materieller Eigenschaft verwechselt werden.
Ein Quadratmeter Boden besitzt bestimmte materielle und biologische Eigenschaften. Durch eine Eigentumsgrenze wird ihm zusätzlich eine gesellschaftliche Zuordnung gegeben. Diese Grenze kann für Menschen äußerst verbindlich sein, während Wasser, Wurzeln oder Bodenorganismen sie nicht als materielle Linie erkennen.
Damit wird E3 zur Ebene der hineingedachten Eigenschaften.
Eine Sache kann wertvoll, heilig, mein, dein, national, schön oder prestigeträchtig erklärt werden. Diese Eigenschaften sind gesellschaftlich wirksam, aber nicht von derselben Art wie Härte, Temperatur oder Stoffwechsel.
Midas und die Vergoldung als E3-Operator
Das Gold gehört deshalb zu den wichtigsten Prüfmaterialien Ihrer Arbeit.
Gold besitzt auf E1 reale materielle Eigenschaften: Dichte, Farbe, Leitfähigkeit und chemische Stabilität. Gleichzeitig trägt Gold auf E3 kulturelle Zuschreibungen wie Wert, Reinheit, Ewigkeit, Besonderheit oder Macht.
Wird ein Spaten vergoldet, werden beide Ebenen in einem Gegenstand überlagert.
Die Midas-Problematik verdichtet diesen Konflikt. Was innerhalb eines Wertsystems als maximale Aufwertung erscheint, kann innerhalb eines Lebenssystems zum Funktionsverlust führen. Nahrung aus Gold ist möglicherweise extrem wertvoll und gleichzeitig nicht mehr essbar.
Midas wird damit zu einem Modell des Referenzsystemfehlers: Ein kleineres Wertoptimum wird so dominant, dass es die Bedingungen eines umfassenderen organismischen Optimums zerstört.
E3 und die Dingewelt
Auch die Dingeproblematik gehört wesentlich zu E3.
Der Mensch muss Wirklichkeit unterscheiden, um wahrnehmen und handeln zu können. Die fotografische Landschaftsfolie macht diesen Vorgang sichtbar. Aus einer Landschaft wird ein Teil ausgeschnitten. Das ausgeschnittene Teil erscheint anschließend als selbständiger Gegenstand, während im Herkunftszusammenhang ein Loch zurückbleibt.
Die Selektion selbst ist notwendig. Der Fehler beginnt dort, wo vergessen wird, dass das ausgewählte Ding aus Beziehungen hervorgegangen ist.
Der Betonklotz stellt die nächste Stufe dar. Aus der vorläufigen Auswahl wird eine starre Einheit. Viele Betonklötze können zu einer Welt aus scheinbar voneinander unabhängigen Dingen zusammengesetzt werden.
Werden diese Betonblöcke in die Gehirnfolie eingesetzt, entsteht das Bild einer verinnerlichten Ding- und Kategorienwelt.
E3 produziert damit nicht nur gesellschaftliche Bedeutungen. Es kann auch dazu führen, dass eine prozesshafte Plexuswirklichkeit als Sammlung isolierter Einheiten interpretiert wird.
Plastische Identität und Skulpturidentität
Aus diesem Zusammenhang entwickelte sich die Unterscheidung zwischen Plastischer Identität und Skulpturidentität.
Die Plastische Identität bleibt an E1 und E2 rückgebunden. Sie besitzt Selbstbild, Sprache und Rollen, behandelt diese jedoch als veränderbare Formen.
Die Skulpturidentität verfestigt dagegen eine E3-Beschreibung zu einer Wesensaussage.
Aus „Ich übe diesen Beruf aus“ wird „Dieser Beruf bin ich“.
Aus „Ich besitze diesen Gegenstand“ kann „Dieser Besitz bestimmt meinen Wert“ werden.
Aus „Ich spiele diese gesellschaftliche Rolle“ wird „Diese Rolle ist meine unveränderliche Identität“.
Das Theater liefert dafür einen entscheidenden Prüfoperator. Der Schauspieler kann eine Rolle intensiv verkörpern und dennoch wissen, dass er nicht mit ihr identisch ist. Gerade die Distanz ermöglicht das Spiel.
Die Skulpturalisierung beginnt dort, wo diese Distanz verschwindet.
Die Unverletzlichkeitswelt
E3 kann dadurch eine Unverletzlichkeitswelt erzeugen. Gemeint ist nicht, dass symbolische Konstruktionen keine Folgen hätten. Gemeint ist die Vorstellung, der symbolisch definierte Mensch könne sich von seinen E1- und E2-Bedingungen lösen.
Der Satz „Ich bin frei“ kann beispielsweise so interpretiert werden, als bedeute Freiheit Unabhängigkeit von Beziehungen.
Der Astronautenanzug zeigt das Gegenteil. Die scheinbar autonome Figur kann nur deshalb außerhalb ihrer normalen Umwelt bestehen, weil Sauerstoff, Temperatur, Energie und andere Abhängigkeiten technisch konzentriert zur Verfügung gestellt werden.
Die Autonomie ist in diesem Fall keine Beziehungslosigkeit, sondern organisierte Abhängigkeit.
Der Schwimmer zeigt dasselbe auf andere Weise. Freiheit im Wasser entsteht nicht dadurch, dass der Mensch die Eigenschaften des Wassers ignoriert. Sie entsteht durch erlernte Passung mit ihnen.
E4 – Prüfung, Rückkopplung und Reparatur
E4 unterscheidet sich grundsätzlich von den ersten drei Ebenen. Es ist weniger eine weitere Wirklichkeitsebene als eine methodische Prüfinstanz.
E4 fragt, ob die Modelle, Zuschreibungen und Handlungen von E3 mit den Tragbedingungen von E1 und E2 vereinbar bleiben.
Damit wird E4 zum eigentlichen Forschungsbetrieb der Plastischen Anthropologie.
Die Grundfrage lautet:
Was geschieht, wenn der Mensch nach seinem Modell handelt?
E4 verfolgt die Kette vom inneren Modell über die Tätigkeit zu den tatsächlichen Konsequenzen und wieder zurück.
Ein Modell führt zu einer Zielprojektion. Die Zielprojektion führt zu Tätigkeit. Die Tätigkeit greift in Material, Organismus oder soziale Beziehungen ein. Daraus entstehen Folgen. Diese Folgen müssen als Rückmeldung zum Ausgangsmodell zurückgeführt werden.
E4 entscheidet nicht vorab, was wahr ist. Es organisiert den Prüfweg.
Der Rückkopplungskreis
Die Grundbewegung des Vier-Ebenen-Modells lässt sich deshalb folgendermaßen darstellen:
Wirklichkeit → Auswahl → Modell → Tätigkeit → Folge → Rückmeldung → Korrektur oder Verfestigung.
Dieser Kreis verbindet inzwischen fast alle wesentlichen Anker.
Die fotografische Dingselektion betrifft die Auswahl.
Das Gehirn mit der offenen Mitte betrifft Modellbildung.
Spaten und Hand betreffen Tätigkeit.
Sandtrichter, Glas, Eis und Boden betreffen Konsequenzen.
Schultafel und Mitmachbuch betreffen Externalisierung.
E4 betrifft die Rückführung der Folgen.
Plastische Identität ermöglicht Korrektur.
Skulpturidentität blockiert sie.
Das Rückkopplungsloch
Eine besonders wichtige jüngere Erweiterung ist der Begriff des Rückkopplungsloches.
Der Mensch kann eine Folge wahrnehmen und trotzdem verhindern, dass sie sein Ausgangsmodell verändert. Eine wirtschaftliche Tätigkeit kann beispielsweise Schäden erzeugen, die nicht in der eigenen Erfolgsrechnung erscheinen. Eine gesellschaftliche Rolle kann negative Folgen erzeugen, die ausschließlich anderen zugeschrieben werden.
Dann ist nicht unbedingt Information völlig abwesend. Das Problem liegt im unterbrochenen Rückweg.
Das Rückkopplungsloch könnte deshalb eine der wichtigsten Erklärungsfiguren für Ihre Ausgangsfrage werden:
Der Mensch besitzt Wissen, aber das Wissen erreicht den handlungsbestimmenden Teil seines Modells nicht mehr als bindendes Korrektursignal.
E4 soll genau dieses Loch sichtbar machen.
Reparatur
E4 endet deshalb nicht bei Kritik. Sein zweiter Teil ist Reparatur.
Eine Glasscheibe besitzt einen Riss. Ein Werkzeug funktioniert nicht. Ein gesellschaftliches Modell erzeugt unerwünschte Folgen. Eine Folienkombination erweist sich als widersprüchlich.
Die Frage lautet dann nicht nur, wer schuld ist, sondern was verändert werden muss, damit der Zusammenhang erneut tragfähig wird.
Reparatur kann dabei bedeuten, eine frühere Form wiederherzustellen. Sie kann aber ebenso bedeuten, eine neue Form zu entwickeln, die die erkannte Verletzung berücksichtigt.
Damit wird E4 zu einer Alternative zur bloßen Ideologiekritik. Kritik ohne Reparatur bleibt unvollständig.
Das Modell und die verschiedenen Apriori
Im weiteren Forschungsverlauf wurde die Ebenenordnung durch eine Unterscheidung verschiedener Apriori präzisiert.
E1 und E2 besitzen ein Wirk-Apriori. Bestimmte Bedingungen wirken unabhängig davon, ob der Mensch sie anerkennt. Schwerkraft muss nicht gesellschaftlich beschlossen werden. Organismen benötigen bestimmte Bedingungen auch dann, wenn eine Kultur andere Vorstellungen entwickelt.
E3 besitzt dagegen ein Setzungs-Apriori. Eigentum, Geld, Recht oder Rollen benötigen menschliche Setzung und gesellschaftliche Anerkennung.
E4 besitzt ein methodisches Apriori. Es setzt voraus, dass Behauptungen, Handlungen und Folgen grundsätzlich überprüfbar und korrigierbar bleiben müssen.
51:49 fungiert schließlich als Maßstabs-Apriori Ihrer Forschungskunst: nicht als gemessenes Naturgesetz, sondern als künstlerische Setzung einer minimalen Asymmetrie, die Bewegung und Korrektur ermöglicht.
Diese Unterscheidung verhindert, dass alle Ebenen nach demselben Wahrheitsmaßstab behandelt werden.
Das dreifache Optimum
Das Vier-Ebenen-Modell wird durch das dreifache Optimum ergänzt.
Ein erstes Optimum betrifft das Medium beziehungsweise den umfassenderen Tragzusammenhang. Ein zweites betrifft den Organismus innerhalb dieses Mediums. Ein drittes betrifft eine konkrete Handlung oder lokale Steuerung.
Der Hai im Wasser eignet sich als Beispiel. Das Wasser besitzt bestimmte physikalische Bedingungen. Der Hai hat sich evolutionär in Beziehung zu bestimmten Umweltbedingungen entwickelt. Innerhalb dieses Zusammenhangs führt er einzelne Bewegungen aus.
Ein lokales Handlungsoptimum darf das umfassendere Organismus- oder Mediumoptimum nicht zerstören.
Diese Ordnung lässt sich auch auf gesellschaftliche Prozesse übertragen. Ein wirtschaftlich optimales Ergebnis kann in einem engen Referenzsystem erfolgreich sein und gleichzeitig umfassendere soziale oder planetarische Tragbedingungen beschädigen.
Damit wird der Begriff „Optimum“ selbst referenzpflichtig.
Es gibt kein Optimum ohne die Frage:
Optimal für was, für wen, in welchem Zeitraum und innerhalb welchen Tragzusammenhanges?
Zeit als Querdimension aller vier Ebenen
Die jüngsten Gespräche haben gezeigt, dass Zeit keine zusätzliche fünfte Ebene sein muss. Sie durchzieht alle vier Ebenen.
E1 besitzt Material- und Entstehungszeiten. Eis, Boden, Gestein und Landschaft tragen Vergangenheit materiell in der Gegenwart.
E2 besitzt Lebens-, Regenerations-, Wachstums- und Alterungszeiten.
E3 besitzt historische Entstehungszeiten von Begriffen, Eigentumsformen, Religionen, Institutionen und Identitätsmodellen.
E4 besitzt Reaktions- und Reparaturzeiten. Manche Fehler können schnell korrigiert werden. Andere überschreiten irreversible Kipppunkte.
Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte wird dadurch zum Maßstabsoperator. Sie macht sichtbar, wie kurz menschliche Kultur- und Industriezeiten gegenüber planetarischen Entstehungszeiten sind.
Der „Millisekunden-Mensch“ bezeichnet innerhalb Ihrer Forschungskunst die Gefahr, dass extrem junge E3-Konstruktionen so behandelt werden, als dürften sie über sehr viel ältere E1/E2-Tragbedingungen verfügen.
Gegenwart als Membran
Die Gegenwart kann innerhalb dieses Modells als zeitliche Membran verstanden werden.
Vergangenheit ist in Erinnerung, Material und Geschichte vorhanden. Zukunft existiert als Erwartung, Möglichkeit und Projektion. Tatsächlich handeln kann der Mensch nur in der jeweiligen Gegenwart.
Hier treffen die Ebenen aufeinander.
Eine E3-Vorstellung wird gegenwärtig über eine Tätigkeit in E1/E2 wirksam. Dort entstehen Folgen. Diese Folgen können anschließend in E4 wahrgenommen und in das Modell zurückgeführt werden.
Damit wird die Gegenwart zur eigentlichen Kontaktfläche zwischen Vorstellung und Verletzungswirklichkeit.
Die Schöpfungsgeschichte als frühes Vier-Ebenen-Labor
Die „Schöpfungsgeschichte“ lässt sich aus heutiger Sicht als wichtiger Vorläufer dieses Modells verstehen, ohne zu behaupten, E1–E4 hätten damals bereits begrifflich vorgelegen.
Die Landschaft, der eiszeitlich geprägte Boden und materielle Widerstände entsprechen heutigen E1-Fragen. Wachstum, Tang, Organismen und jahreszeitliche Veränderung führen zu E2. Abendmahltisch, Herrschaftsgeschichte, Eigentum und andere symbolische Konstruktionen führen zu E3. Die künstlerische Gegenüberstellung selbst übernimmt bereits eine Funktion, die heute E4 zugerechnet werden kann: menschliche Konstruktionen werden mit Naturprozessen konfrontiert.
Damit zeigt sich erneut, dass das heutige Vier-Ebenen-Modell keine nachträglich erfundene Theorie ohne Werkgrundlage ist. Es ist eine spätere begriffliche Verdichtung früherer praktischer Versuchsanordnungen.
Das künstlerische Dreieck als E4-Modell
Auch das künstlerische Dreieck kann jetzt genauer eingeordnet werden.
Der Künstler besitzt zunächst ein inneres Modell auf E3. Über Hand, Werkzeug und Material greift er in E1 ein. Sein eigener Körper und seine Wahrnehmung gehören zu E2. Das entstehende Werk wird zum Gegenüber. Die Differenz zwischen Vorstellung und Ergebnis erzeugt die Möglichkeit von E4.
Scheitert eine Form, muss das innere Modell verändert werden.
Damit liefert das künstlerische Arbeiten selbst ein Modell dafür, wie E4 funktionieren kann.
Die besondere Bedeutung der Kunst liegt dann nicht darin, bessere Wahrheiten zu besitzen, sondern darin, Vorstellungen materialisieren und dadurch korrigierbar machen zu können.
Foliengrammatik und Vier-Ebenen-Modell
Die transparenten Folien übersetzen das Modell in eine praktische Arbeitsform.
Eine Folie kann materielle Bedingungen zeigen. Eine zweite organismische Prozesse. Eine dritte symbolische Zuschreibungen. Eine vierte kann den Prüfweg beziehungsweise die Tätigkeitsfolge sichtbar machen.
Die Ebenen werden dadurch nicht als fertiges Diagramm präsentiert. Sie können übereinandergelegt und wieder getrennt werden.
Beispielsweise kann eine Kartoffel zunächst als organismisches Objekt erscheinen. Eine Goldfolie fügt materielle und symbolische Goldeigenschaften hinzu. Eine Preisfolie ergänzt eine wirtschaftliche Zuschreibung. Eine Eigentumsfolie fügt eine rechtliche Zuordnung hinzu. Eine weitere Folie zeigt Verfall oder Stoffwechsel.
Durch Entfernen einzelner Schichten wird sichtbar, welche Eigenschaft zu welcher Wirklichkeitsweise gehört.
Das Mitmachbuch wird dadurch zu einer praktischen E4-Maschine.
Das Gehirn als E3-Prüfraum
Die Gehirnfolie mit ihrer ausgeschnittenen Mitte besitzt innerhalb des Vier-Ebenen-Modells eine besondere Stellung.
Sie zeigt nicht das biologische Gehirn als E2-Struktur. Die Öffnung ist eine künstlerische Montagefläche, in die verschiedene Modelle eingesetzt werden.
Betonblöcke können eine Ding- und Kategorienwelt repräsentieren. Das Theater kann Rollenidentität zeigen. Die Freiheitsfigur kann Autonomiebehauptungen darstellen. Der Sandtrichter kann Tätigkeitsfolgen in den Vordergrund rücken. Das künstlerische Dreieck kann ein korrigierbares Modell zeigen.
Das Gehirn wird damit zur Darstellung der Frage, welches E3-Modell der Mensch verwendet, um E1 und E2 zu verstehen und zu bearbeiten.
Die Lochprozesse im Vier-Ebenen-Modell
Auch die inzwischen entwickelte Lochgrammatik lässt sich einordnen.
Auf E1 gibt es materielle Löcher, Brüche, Risse und Durchgänge.
Auf E2 gibt es regulierte Öffnungen, Membranprozesse, Verletzungen und Geburtsübergänge.
Auf E3 entstehen symbolische Ausschnitte, Eigentumsgrenzen, Wissenslücken, Rollenabtrennungen und Parallelweltkonstruktionen.
Auf E4 gibt es das Rückkopplungsloch: die Unterbrechung zwischen eingetretener Folge und notwendiger Korrektur.
Damit erhält der Lochprozess eine neue methodische Präzision. Nicht alle Löcher sind gleich. Ihre Bedeutung hängt davon ab, auf welcher Ebene sie entstehen und welche Übergänge zwischen den Ebenen sie verändern.
Der zentrale Ebenenfehler
Aus dem gesamten Modell lässt sich ein besonders wichtiger Fehlertyp bestimmen: die Inversion der Ebenenordnung.
E3 besitzt innerhalb der menschlichen Gesellschaft enorme Macht. Geld, Eigentum, Recht, Rolle und Wert können Handlungen organisieren. Dadurch kann der Eindruck entstehen, E3 sei die umfassendste Wirklichkeitsebene.
Tatsächlich bleibt E3 aber materiell und organismisch von E1 und E2 abhängig.
Die Inversion besteht darin, dass das kleinste beziehungsweise jüngste Optimum versucht, die umfassenderen Tragbedingungen zu bestimmen.
Der Mensch kann einen Wald besitzen. Die Eigentumsordnung kann jedoch nicht verhindern, dass der Wald Wasser, Boden, Klima und organismische Beziehungen benötigt.
Ein Markt kann einen Preis für Boden festsetzen. Er erzeugt damit nicht dessen geologische Entstehungsgeschichte.
Eine Gesellschaft kann Freiheit definieren. Sie hebt damit keine Stoffwechselabhängigkeit auf.
Diese Inversion ist einer der zentralen Gegenstände der Plastischen Anthropologie.
E4 als Reparatur der Inversion
E4 soll diese Inversion nicht durch eine neue Ideologie ersetzen. Es soll die Ebenen wieder in ein prüfbares Verhältnis setzen.
Die Frage lautet nicht: Welche Ebene ist moralisch die beste?
Die Frage lautet: Welche Ebene trägt welche andere und welche Folgen entstehen, wenn eine gesetzte Ordnung ihre Tragbedingungen verletzt?
Damit wird die Hierarchie funktional und nicht metaphysisch bestimmt.
E1 und E2 besitzen Vorrang dort, wo E3 ihre Existenzbedingungen nicht selbst herstellen kann.
E3 besitzt dagegen eine besondere Leistung: Es kann Zukunft modellieren, Regeln verändern, Wissen externalisieren und kollektive Korrekturen organisieren.
E4 versucht, genau diese E3-Fähigkeit wieder an ihre Tragbedingungen anzukoppeln.
Der Minimal-Prüfpfad
Aus dem gesamten bisherigen Modell lässt sich inzwischen ein sehr einfacher Prüfpfad ableiten.
Eine Behauptung, ein Objekt oder eine Tätigkeit wird zunächst daraufhin untersucht, was materiell vorhanden ist. Danach wird geprüft, welche lebendigen und organismischen Bedingungen betroffen sind. Anschließend wird gefragt, welche Eigenschaften, Werte oder Rollen gesellschaftlich hinzugefügt wurden. Schließlich wird untersucht, welche Tätigkeitsfolgen tatsächlich eintreten und ob die Ausgangsannahme aufgrund dieser Folgen korrigiert werden muss.
Damit lässt sich das komplexe Modell auf eine einfache Bewegung reduzieren:
E1: Was wirkt?
E2: Was lebt, reguliert sich und kann verletzt werden?
E3: Was wird hineingedacht, gesetzt oder gesellschaftlich gültig gemacht?
E4: Was geschieht, wenn danach gehandelt wird, und was muss daraufhin korrigiert werden?
Diese vier Fragen könnten zum praktischen Kern des So-Heits-Ateliers werden.
Gesamtbestimmung
Das Vier-Ebenen-Modell der Plastischen Anthropologie 51:49 ist damit kein statisches Schichtenmodell. Es beschreibt eine fortlaufende Bewegung zwischen Wirklichkeit, Modellbildung, Tätigkeit, Konsequenz und Korrektur.
E1 stellt die materiellen Bedingungen und Grenzen bereit. E2 bezeichnet die lebendige Organisation dieser Bedingungen in Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit und Regeneration. E3 erzeugt jene sprachlichen, gesellschaftlichen, rechtlichen, religiösen, ökonomischen und identitären Konstruktionen, mit denen Menschen sich selbst und ihre Umwelt ordnen. E4 führt diese Konstruktionen in die Prüfung zurück und fragt, ob sie innerhalb ihrer materiellen und lebendigen Tragbedingungen funktionieren oder ihre eigenen Voraussetzungen beschädigen.
Plexuswirklichkeit bildet dabei den umfassenden Beziehungsraum. Tragwirklichkeit bezeichnet die ermöglichenden Bedingungen dieses Raumes. Verletzungswirklichkeit bezeichnet seine realen Grenz- und Schadensbedingungen. 51:49 fungiert als künstlerischer Operator einer notwendigen Minimalasymmetrie. Toleranzraum beschreibt die Funktionsspanne. Referenzsystem bestimmt den jeweiligen Bewertungsmaßstab. Referenzplexus verhindert, dass ein einzelner Maßstab absolut gesetzt wird. Das dreifache Optimum ordnet lokale Handlung, Organismus und umfassenderes Medium ineinander. Die Membran beschreibt eine Grenze, die Differenz und Austausch gleichzeitig erhält. Der Lochprozess untersucht Veränderungen solcher Grenzen. Tätigkeitskonsequenzen zeigen, was aus Vorstellungen tatsächlich wird. Plastische Identität hält Rückkopplung offen; Skulpturidentität verfestigt das Modell. E4 organisiert schließlich Prüfung, Stoppregel, Reparatur und erneute Tätigkeit.
Der entscheidende Gesamtanker lautet daher:
Der Mensch lebt materiell und organismisch innerhalb einer ihm vorausliegenden Plexuswirklichkeit, erzeugt jedoch auf der symbolischen Ebene Modelle, Rollen, Werte und Ordnungen, nach denen er handelt. Das Vier-Ebenen-Modell prüft, ob diese gesetzten Wirklichkeiten ihre eigenen materiellen und lebendigen Tragbedingungen mitführen oder ausblenden. Forschungskunst beginnt dort, wo die Folgen einer Handlung wieder zum Gegenüber des Ausgangsmodells werden und dieses Modell verändern dürfen.
In seiner kürzesten Form lautet das Vier-Ebenen-Modell:
E1 trägt. E2 lebt und reguliert. E3 deutet, setzt und konstruiert. E4 prüft, koppelt zurück und repariert.
Entscheidend ist dabei nicht die Trennung der vier Ebenen, sondern ihre richtige Kopplung.
