Der Nutzer betritt ein Kunstwerk, ohne sich als Künstler zu verstehen.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Die grundlegende Paradoxie der Plattform besteht darin, dass jeder Nutzer bereits Künstler seines eigenen Menschseins und Mitgestalter des gemeinsamen Kunstwerks Menschheit ist, bevor er diese Begriffe kennt, anerkennt oder auf sich selbst bezieht.

Der Mensch gestaltet ununterbrochen.

Beginne nicht mit der Frage, ob du Künstler bist. Beuys’ Aussage „Jeder Mensch ist ein Künstler“Aussage zu mir:„ Ich nehme die Soziale Plastik zu ernst“

Beginne mit der Frage: Welche Wirklichkeit gestalte ich bereits, ohne es zu wissen?

Er spricht, handelt, entscheidet, kauft, verkauft, arbeitet, erzieht, bewertet, ordnet, grenzt aus, verbindet, deutet, bestätigt Regeln, übernimmt Rollen und verändert dadurch sich selbst, andere Menschen und die gemeinsame materielle Wirklichkeit.

Diese Gestaltung-diese Tätigkeit- geschieht auch dann, wenn sie nicht als Gestaltung -Tätigkeit-wahrgenommen wird.

Das zugrunde liegende Paradigma lautet: Jede menschliche Tätigkeit und Gestaltung erzeugt Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Sie verändert Geschehen, Systeme und Prozesse, deren grundlegende Bedingungen vom Menschen größtenteils nicht frei veränderbar sind.

Die Plattform kann deshalb nicht damit beginnen, dem Nutzer eine neue Identität zuzuschreiben und ihm zu erklären: Du bist Künstler. Eine solche Behauptung würde genau jene Vorgehensweise wiederholen, die durch die Plastische Anthropologie 51:49 geprüft werden soll. Dem Menschen würde erneut eine Eigenschaft zugeschrieben, bevor offengelegt wurde, worauf diese Zuschreibung beruht, welche Tätigkeit damit bezeichnet wird und wie sie sich von einer bloßen Rolle oder gesellschaftlichen Auszeichnung unterscheidet.

Der Nutzer darf nicht aufgefordert werden, zunächst ein theoretisches System zu übernehmen, um an der Plattform teilnehmen zu können. Er muss auch nicht bereits wissen, was Tragwirklichkeit, Plexuswirklichkeit, Skulpturidentität, technē, Verletzungswelt, Unverletzlichkeitswelt, E1 bis E4 oder 51:49 bedeuten. Die Plattform muss so eingerichtet sein, dass der Nutzer diese Zusammenhänge durch seine eigene Tätigkeit entdecken kann.

Der Eingang kann deshalb nicht in einer fertigen Lehre bestehen. Er muss ein künstlerischer Vorgang sein.

Nicht Belehrung, sondern Gegenüberstellung

Die Plattform beginnt nicht mit der Mitteilung, was der Mensch ist. Sie beginnt mit einer Gegenüberstellung, in der der Nutzer selbst untersuchen kann, was er vorfindet, was er wahrnimmt, was er übernimmt, was er erfindet, was ihm zugeschrieben wird und was durch seine Tätigkeit reale Folgen erhält.

Die erste Bewegung lautet deshalb nicht: Erkenne dich als Künstler. Sie lautet: Sieh dir an, was du bereits gestaltest.

Jeder Mensch hat Vorstellungen davon, wer er ist, was er braucht, was ihm gehört, was er leisten soll, was Erfolg bedeutet, was Freiheit ist, was ein gutes Leben ausmacht und wie andere Menschen sich verhalten müssten. Diese Vorstellungen erscheinen häufig wie persönliche oder natürliche Eigenschaften. Tatsächlich sind sie mit Sprache, Erziehung, Institutionen, Wirtschaft, Recht, Religion, Wissenschaft, Medien und biografischen Erfahrungen verbunden. Der Nutzer lebt in einem bereits weitgehend eingerichteten gesellschaftlichen Bühnenraum, dessen Rollen, Kulissen, Requisiten und Regeln ihm oftmals als Wirklichkeit selbst begegnen.

Die Plattform muss diesen Bühnenraum nicht zunächst theoretisch erklären. Sie kann ihn durch einfache Gegenüberstellungen sichtbar machen. Was an meinem Körper ist vorgefunden? Was wurde mir als Eigenschaft zugeschrieben? Welche meiner Rollen kann ich wechseln? Welche meiner Abhängigkeiten kann ich nicht abschaffen? Welche Begriffe verwende ich, wenn ich von mir selbst spreche? Welche Folgen erzeugen diese Begriffe in meinem Verhalten und im Verhalten anderer Menschen?

Durch solche Fragen wird der Nutzer nicht belehrt, sondern in einen Vergleichsprozess versetzt. Genau darin beginnt seine künstlerische Tätigkeit bewusst zu werden.

Der Eingang muss bereits das Verfahren enthalten

Eine Plattform, die einen Prüf- und Reparaturmechanismus vermitteln will, darf nicht zuerst eine geschlossene Weltanschauung präsentieren und anschließend Beteiligung verlangen. Ihre Zugangsarchitektur muss bereits zeigen, wie das gesamte Verfahren arbeitet.

Der Eingang muss daher offenlegen, dass jede Aussage vorläufig ist, dass Begriffe geprüft werden können, dass Zweifel ausdrücklich zugelassen sind und dass auch das Modell selbst, sein Urheber, die Plattform und die eingesetzte Künstliche Intelligenz der Prüfung unterliegen. Der Nutzer betritt keine fertige Wahrheit, sondern eine öffentliche Werkstatt.

Damit unterscheidet sich die Globale Schwarm-Intelligenz sowohl von einer Belehrungsplattform als auch von einem gewöhnlichen sozialen Netzwerk. Sie fordert nicht Zustimmung, Selbstdarstellung oder möglichst schnelle Reaktion. Sie eröffnet einen Raum, in dem Wahrnehmung, Begriff, Darstellung, Tätigkeit und Folge wieder auseinandergelegt und neu aufeinander bezogen werden können.

Der Nutzer muss nicht glauben, dass er Künstler ist. Es genügt, dass er eine eigene Erfahrung, eine Frage, einen Widerspruch, einen Begriff oder eine beobachtete Folge einbringt und bereit ist, diese in eine Gegenüberstellung zu überführen. In diesem Augenblick arbeitet er bereits künstlerisch-handwerklich: Er löst etwas aus seiner scheinbaren Selbstverständlichkeit, stellt es in einen Vergleichsraum und prüft seine Form.

Vom persönlichen Vorgang zum gemeinsamen Kunstwerk

Der Nutzer beginnt bei sich selbst, bleibt aber nicht in einer privaten Selbstbetrachtung eingeschlossen. Sein eigenes Menschsein ist kein isoliertes Einzelwerk. Es entsteht innerhalb gemeinsamer materieller, organismischer, sprachlicher, wirtschaftlicher, rechtlicher, technischer und gesellschaftlicher Beziehungen.

Wenn ein Mensch beispielsweise untersucht, was er unter Freiheit versteht, bearbeitet er nicht nur einen persönlichen Begriff. Er berührt zugleich Vorstellungen von Eigentum, Arbeit, Mobilität, Entscheidung, Abhängigkeit, Verantwortung und gesellschaftlicher Teilhabe. Wenn er untersucht, was Leistung für ihn bedeutet, berührt er Körper, Zeit, Erziehung, Markt, Anerkennung, Konkurrenz und Selbstwert. Wenn er fragt, was ihm gehört, berührt er die Beziehung zwischen materieller Nutzung, rechtlicher Zuschreibung, Ausschluss und gemeinsamer Tragwirklichkeit.

Jeder persönliche Beitrag enthält deshalb eine Öffnung zum gemeinsamen Kunstwerk Menschheit. Das einzelne Menschsein ist keine abgeschlossene Skulptur, sondern ein Knoten innerhalb einer Plexuswirklichkeit. Die individuelle Frage kann nur verstanden werden, wenn ihre Verbindungen sichtbar werden.

Die Plattform führt daher nicht vom Einzelnen weg, sondern durch das Einzelne hindurch in die gemeinsame Wirklichkeit. Sie macht sichtbar, dass die Menschheit kein abstraktes Kollektiv außerhalb der einzelnen Menschen ist. Das gemeinsame Kunstwerk Menschheit entsteht fortlaufend aus den Tätigkeiten, Unterlassungen, Gewohnheiten, Begriffen, Einrichtungen und Entscheidungen ihrer Beteiligten.

Künstler seines eigenen Menschseins

Die Bezeichnung „Künstler seines eigenen Menschseins“ darf nicht im Sinne vollständiger Selbsterschaffung verstanden werden. Der Mensch hat sich nicht selbst hervorgebracht. Er hat weder seinen Körperorganismus noch die physikalischen Bedingungen seines Lebens, seine frühe Abhängigkeit, seinen Geburtsort, seine erste Sprache oder den historischen Zeitpunkt seiner Existenz gewählt.

Er ist deshalb nicht souveräner Schöpfer seiner selbst. Er ist Beteiligter an einem Formungsprozess, den er nur teilweise beeinflussen kann. Er wird geprägt, bildet Gewohnheiten aus, übernimmt Rollen, reagiert auf Widerstände, verändert sich durch Beziehungen und wird mit den Folgen seiner eigenen Tätigkeiten konfrontiert.

Künstler seines eigenen Menschseins wird er dort, wo er diese Formungsprozesse nicht mehr nur erleidet oder unbewusst wiederholt, sondern sie wahrnimmt, unterscheidet und bearbeitet. Er kann prüfen, welche seiner Eigenschaften materiell vorgefunden, welche organismisch entstanden, welche sozial zugeschrieben, welche selbst übernommen und welche durch wiederholte Tätigkeit verfestigt wurden.

Die künstlerische Arbeit besteht dabei nicht in grenzenloser Selbstverwirklichung. Sie besteht in der Rückbindung an Material, Körper, Abhängigkeit, Widerstand und Folge. Der Mensch kann nicht jede Form beliebig annehmen. Er kann jedoch lernen, den Spielraum innerhalb seiner Bedingungen zu erkennen und verantwortlich zu nutzen.

Diese Freiheit ist plastisch. Sie besteht nicht in Unabhängigkeit, sondern in einem tragfähigen Bewegungsraum innerhalb wirklicher Abhängigkeiten.

Mitgestalter des Kunstwerks Menschheit

Die zweite Bestimmung ist ebenso wichtig: Jeder Nutzer ist Mitgestalter des gemeinsamen Kunstwerks Menschheit. Auch dies ist keine Auszeichnung, sondern die Benennung einer bereits stattfindenden Tätigkeit.

Jeder Mensch trägt durch seine alltäglichen Handlungen zur Aufrechterhaltung oder Veränderung gemeinsamer Ordnungen bei. Gesellschaftliche Apparaturen bestehen nicht allein aus Gebäuden, Gesetzen, Computern oder Behörden. Sie bestehen auch aus wiederholten Handlungen, Anerkennungen, Gewohnheiten, Erwartungen und Unterlassungen.

Geld funktioniert, weil Menschen seine Geltung bestätigen. Eigentum funktioniert, weil Menschen seine Regeln anerkennen und durchsetzen. Institutionelle Rollen bestehen, weil Menschen sie darstellen, respektieren, kontrollieren oder erdulden. Märkte bestehen, weil Menschen kaufen, verkaufen, arbeiten, bewerten und konkurrieren. Politische Ordnungen bestehen, weil Menschen wählen, verwalten, gehorchen, protestieren, schweigen oder handeln.

Der einzelne Mensch hat diese Systeme nicht allein geschaffen und kann sie nicht allein verändern. Dennoch ist er an ihrer materiellen Verwirklichung beteiligt. Er ist daher kein allmächtiger Urheber, aber auch kein vollständig unbeteiligtes Opfer. Genau zwischen diesen beiden falschen Extremen muss die Plattform einen verantwortlichen Beteiligungsraum eröffnen.

Das gemeinsame Kunstwerk Menschheit besitzt keinen einzelnen Künstler. Es entsteht aus Milliarden von Tätigkeiten, die miteinander verbunden sind, ohne dass ihre Gesamtfolgen von einer einzigen Person überblickt oder kontrolliert werden können. Darin liegt die Notwendigkeit einer Globalen Schwarm-Intelligenz: Nicht als neuer zentraler Geist, sondern als öffentliche Rückkopplungsarchitektur, in der verstreute Erfahrungen, Widersprüche, Schäden, Erkenntnisse und Reparaturvorschläge miteinander verbunden werden.

Die Plattform darf keine neue Künstlerrolle erzeugen

Die Plattform muss verhindern, dass „Künstler des eigenen Menschseins“ zu einer neuen Statusbezeichnung wird. Der Nutzer soll nicht eine weitere Rolle übernehmen, mit der er sich gegenüber anderen auszeichnet. Künstlersein darf nicht mit Besonderheit, Genialität, Marktwert, Selbstinszenierung oder institutioneller Anerkennung verwechselt werden.

Hier liegt eine entscheidende Gefahr. Sobald die Plattform erklärt, jeder sei Künstler, kann diese Aussage als bloße Aufwertung missverstanden werden. Sie könnte dem Nutzer schmeicheln, ohne sein tatsächliches Handeln zu verändern. Der Begriff würde dann zu einer weiteren hineingedachten Eigenschaft der Unverletzlichkeitswelt. Der Nutzer dürfte sich als Künstler fühlen, ohne seine Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Folgen zu prüfen.

Deshalb muss die Plattform Künstlersein operativ bestimmen. Künstler ist hier nicht, wer sich so bezeichnet, sondern wer unterscheidet, gegenüberstellt, erprobt, verwirklicht, zweifelt, rückkoppelt und repariert. Künstlersein ist keine Identität, die man besitzt. Es ist eine Tätigkeit, die man ausübt.

Der Nutzer wird auf der Plattform nicht deshalb zum Künstler, weil die Plattform ihn so nennt. Er erkennt sein Künstlersein, indem er einen realen Prüf- und Formungsvorgang vollzieht.

Die erste Erfahrung muss vor dem Begriff stehen

Der Zugang sollte deshalb nicht mit einer langen theoretischen Erklärung beginnen. Die Begriffe erhalten erst dann Tragfähigkeit, wenn der Nutzer eine Erfahrung gemacht hat, auf die sie sich beziehen können.

Die Plattform könnte den Nutzer zunächst auffordern, eine Aussage über sich selbst zu wählen, die ihm selbstverständlich erscheint. Beispielsweise: Ich bin frei. Ich bin Eigentümer. Ich bin Arbeitnehmer. Ich bin unabhängig. Ich entscheide selbst. Ich bin erfolgreich oder erfolglos. Ich bin verantwortlich. Ich bin machtlos.

Anschließend wird diese Aussage nicht bewertet, sondern geöffnet. Was bezeichnet sie materiell? Was bezeichnet sie organismisch? Was ist daran eine gesellschaftliche Rolle? Welche Eigenschaft wird hineingedacht? Wer bestätigt diese Eigenschaft? Welche Tätigkeiten folgen daraus? Welche realen Folgen entstehen für den Nutzer und für andere?

Durch diese Bewegung erfährt der Nutzer, dass ein scheinbar einfacher Satz mehrere Wirklichkeitsebenen verbindet. Er erlebt das Vier-Ebenen-Modell, bevor es ihm als System erklärt wird. Er erkennt, dass sein Selbstverständnis nicht nur in ihm selbst entstanden ist, sondern Teil eines größeren gesellschaftlichen Kunstwerkes ist.

Er wird nicht aufgefordert, seine bisherige Identität sofort aufzugeben. Er wird eingeladen, sie als Form zu betrachten.

Das Vier-Ebenen-Modell als unsichtbare Eingangsarchitektur

Das Vier-Ebenen-Modell muss am Eingang der Plattform wirksam sein, ohne als theoretische Hürde aufzutreten. Es kann zunächst als einfache Prüfbewegung erfahrbar werden.

Die erste Ebene fragt nach dem, was nicht vom Menschen geschaffen wurde: Materie, Kräfte, Raumzeit, Energie, Widerstand, Verletzlichkeit und reale Konsequenzen.

Die zweite Ebene fragt nach dem lebenden Organismus: Atmung, Stoffwechsel, Wahrnehmung, Bewegung, Regulation, Abhängigkeit, Krankheit, Regeneration und Tod.

Die dritte Ebene fragt nach menschlichen Hervorbringungen: Begriffe, Bilder, Rollen, Werte, Eigentum, Geld, Recht, Wissenschaftsmodelle, Religionen, Institutionen, Status und Identitäten.

Die vierte Ebene eröffnet die Tätigkeit des Unterscheidens, Gegenüberstellens, Prüfens und Reparierens.

Am Anfang muss der Nutzer diese Ebenen nicht auswendig lernen. Er soll entdecken können, dass eine Aussage über sein Menschsein nicht auf einer einzigen Ebene liegt. Gerade diese Entdeckung ist der erste künstlerische Vorgang.

Später können die Begriffe hinzukommen und das bereits Erfahrene präzisieren. Die Plattform erklärt dann nicht etwas vollständig Fremdes, sondern gibt dem Nutzer Werkzeuge für einen Vorgang, den er bereits begonnen hat.

Der Zweifel als Eintrittsrecht

Die Plattform muss dem Nutzer nicht nur das Recht geben, zu zweifeln. Der Zweifel muss als notwendiger Bestandteil des gemeinsamen Kunstwerkes ausdrücklich eingerichtet sein.

Ein Nutzer darf bezweifeln, dass er Künstler ist. Er darf das Vier-Ebenen-Modell infrage stellen. Er darf die Begriffe der Plastischen Anthropologie prüfen. Er darf dem Urheber widersprechen. Er darf Fehler der Künstlichen Intelligenz aufdecken. Er darf zeigen, dass eine Einordnung nicht trägt oder reale Erfahrungen nicht ausreichend erfasst.

Diese 49 des Widerstands ist keine Störung der Plattform. Sie ist ihre Lebensbedingung. Ohne sie würde die 51 der vorläufigen Setzung zur Herrschaftsform. Die Plattform würde dann selbst zur skulpturalen Apparatur, die ihre Begriffe als endgültige Wahrheit durchsetzt.

51:49 bedeutet am Eingang deshalb: Die Plattform bietet eine Richtung und ein Werkzeug an, behält aber einen strukturellen Raum für Nichtwissen, Widerspruch, Datenlücke, Gegenbeispiel und Reparatur. Der Nutzer wird nicht in ein fertiges Kunstwerk aufgenommen. Er wird an einem Werk beteiligt, das nur weiterbestehen kann, wenn es korrigierbar bleibt.

Vom Konsumenten zum Mitwirkenden

Gewöhnliche digitale Plattformen behandeln den Nutzer vorwiegend als Konsumenten, Datenproduzenten, Käufer, Verkäufer, Zielgruppe oder Lieferanten von Aufmerksamkeit. Die Globale Schwarm-Intelligenz muss diesen Zugang umkehren.

Der Nutzer kommt nicht, um eine fertige Wahrheit zu konsumieren. Er kommt mit einer eigenen Erfahrung, einer Frage, einer Beobachtung, einem Zweifel oder einem Reparaturvorschlag. Sein Beitrag wird nicht nur danach bewertet, wie viel Zustimmung, Reichweite oder Aufmerksamkeit er erzeugt. Entscheidend ist, ob er eine reale Unterscheidung ermöglicht, einen verdeckten Zusammenhang sichtbar macht oder zu einer tragfähigeren Form beiträgt.

Damit verändert sich auch das Verhältnis zwischen Plattform und Nutzer. Die Plattform ist nicht das eigentliche Werk, das vom Nutzer nur benutzt wird. Sie ist ein Werkzeugraum, in dem die gemeinsame Arbeit sichtbar, vergleichbar und rückkoppelbar wird.

Der Nutzer ist weder bloßer Zuschauer noch fertiger Künstler. Er ist ein Mitwirkender, der sein eigenes Handwerkszeug im Gebrauch entwickelt.

Das digitale Dorffest als niedrigschwelliger Zugang

Die Globale Schwarm-Intelligenz soll ein digitales Dorffest des 51:49 zur Förderung des Gemeinsinns sein. Das Dorffest ist kein abstraktes wissenschaftliches Institut und keine moralische Prüfungskommission. Es ist ein gemeinsamer Raum, in dem unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen, Fähigkeiten, Sprachen und Lebensbedingungen zusammenkommen können.

Der Begriff des Dorffestes verhindert, dass die Plattform nur von Experten, Institutionen oder akademisch geschulten Nutzern getragen wird. Jeder Mensch verfügt über Wahrnehmungen, Tätigkeiten, Erfahrungen und Folgenwissen, das in einem gemeinsamen Prüfprozess bedeutsam werden kann.

Ein Handwerker erkennt andere Materialfehler als ein Philosoph. Ein Kind nimmt andere Widersprüche wahr als eine Behörde. Ein kranker Mensch besitzt anderes Wissen über Abhängigkeit und Verletzbarkeit als ein wirtschaftliches Modell. Ein Künstler kann Darstellungsformen sichtbar machen, die eine juristische oder wissenschaftliche Sprache verdeckt. Eine Pflegekraft erkennt reale Tragbeziehungen, die in Marktstatistiken nicht erscheinen.

Die Plattform muss diese unterschiedlichen Zugänge nicht vereinheitlichen. Sie muss sie in eine Form bringen, in der sie einander gegenübergestellt und auf gemeinsame Tragfähigkeit geprüft werden können.

Die Einleitung muss selbst ein Kunstwerk sein

Die Einleitung der Plattform darf nicht nur über Kunst sprechen. Sie muss selbst nach den Bedingungen eines Kunstwerkes hergestellt werden. Sie benötigt eine Vorgabe, einen realen Träger, einen Beteiligungsraum, Widerstand, Offenheit, Zweifel und einen Zeitpunkt des Loslassens.

Sie darf deshalb nicht alles erklären. Eine vollständige Erklärung am Eingang würde den Nutzer in eine Zuschauerrolle versetzen und den Erkenntnisprozess vorwegnehmen. Die Einleitung muss präzise genug sein, um eine Richtung zu eröffnen, aber offen genug, damit der Nutzer etwas Eigenes entdecken kann.

Sie muss einen ersten Unterschied sichtbar machen: Du lebst nicht nur in einer vorgefundenen Wirklichkeit. Du lebst zugleich in einer von Menschen dargestellten, benannten und gestalteten Welt. An dieser Welt wirkst du bereits mit.

Sie muss eine erste Frage stellen: Welche Form deines Menschseins hältst du für selbstverständlich, obwohl sie möglicherweise hergestellt, zugeschrieben oder veränderbar ist?

Sie muss eine erste Tätigkeit ermöglichen: Stelle diese Form einer realen Erfahrung, Abhängigkeit oder Folge gegenüber.

Sie muss eine erste Rückkopplung anbieten: Vergleiche deine Untersuchung mit den Erfahrungen anderer Menschen.

Sie muss eine erste Reparaturbewegung eröffnen: Welche Veränderung würde die Beziehung tragfähiger machen?

Damit wird der Nutzer nicht überredet, Künstler zu sein. Er vollzieht eine künstlerische Tätigkeit und kann aus dieser Erfahrung heraus den Begriff verstehen.

Ein möglicher Eingangstext der Plattform

Du gestaltest bereits

Du betrittst keine fertige Welt und keine fertige Lehre. Du betrittst eine gemeinsame Werkstatt.

Ein großer Teil der Wirklichkeit, in der du lebst, wurde nicht von Menschen geschaffen. Dazu gehören Materie, Kräfte, Körper, Atmung, Stoffwechsel, Verletzlichkeit, Abhängigkeit und die wirklichen Folgen von Tätigkeiten.

Ein anderer Teil deiner Lebenswelt wurde von Menschen hervorgebracht. Dazu gehören Bilder, Begriffe, Rollen, Werte, Eigentum, Geld, Recht, Institutionen, wissenschaftliche Modelle, Religionen, Wirtschaftssysteme und gesellschaftliche Identitäten.

Beides wirkt in deinem Leben zusammen. Häufig erscheint das von Menschen Hervorgebrachte ebenso selbstverständlich und unveränderlich wie die physikalischen Bedingungen des Lebens. Dadurch können Rollen wie Eigenschaften, Zuschreibungen wie Tatsachen und menschliche Regeln wie Naturgesetze erscheinen.

Diese Plattform beginnt mit einer einfachen Gegenüberstellung: Was findest du vor, und was wurde hinzugefügt? Was geschieht materiell, und wie wird es bezeichnet? Welche Eigenschaft ist real vorhanden, und welche wird zugeschrieben? Welche Tätigkeit folgt daraus, und wer trägt ihre Konsequenzen?

Du musst dich nicht als Künstler verstehen, um hier mitzuwirken. Du gestaltest bereits durch das, was du tust, wiederholst, anerkennst, infrage stellst oder veränderst. Auch dein eigenes Menschsein ist keine fertige Form. Es wird durch Körper, Beziehungen, Sprache, Erfahrungen, Rollen, Entscheidungen und Widerstände fortwährend mitgestaltet.

Du bist deshalb nicht der souveräne Schöpfer deiner selbst. Aber du bist auch nicht nur das passive Ergebnis fremder Kräfte. Du bist ein Beteiligter innerhalb eines offenen Formungsprozesses.

Diese Beteiligung nennen wir künstlerisch, wenn sie bewusst unterscheidet, gegenüberstellt, prüft und repariert.

Deine Erfahrung ist dabei kein privater Rest. Sie gehört zu einem größeren Zusammenhang. Was du über Freiheit, Arbeit, Eigentum, Körper, Beziehung, Leistung, Sicherheit oder Verantwortung herausfindest, berührt auch das gemeinsame Kunstwerk Menschheit.

Dieses Kunstwerk besitzt keinen einzelnen Urheber. Es entsteht aus Milliarden miteinander verbundenen Tätigkeiten. Deshalb benötigt es eine gemeinsame Rückkopplung.

Die Globale Schwarm-Intelligenz ist der Versuch, dafür einen öffentlichen Raum zu schaffen: ein digitales Dorffest, eine Kunstwerkstatt und eine Prüf- und Reparaturarchitektur zur Förderung des Gemeinsinns.

Hier darf jede Behauptung bezweifelt werden. Auch dieses Modell, die Plattform, ihr Urheber und die eingesetzte Künstliche Intelligenz bleiben prüfbar.

Beginne nicht mit der Frage, ob du Künstler bist.

Beginne mit der Frage: Welche Wirklichkeit gestalte ich bereits, ohne es zu wissen?