Im So-Heits-Atelier wird dieses Prinzip praktisch erfahrbar.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes auf der documenta 16. Rekonstruktion der Forschungskunst als Entwicklung eines Prüf-, Rückkopplungs- und Verortungsverfahrens.
c/o documenta und Museum Fridericianum gGmbH
Friedrichsplatz 18
34117 Kassel
An Frau Naomi Beckwith und das künstlerische Team der documenta 16
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Wirklichkeits-, Tätigkeits- und Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,
für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ vor: ein begehbares, modulares Environment, in dem Werke und Materialien meines Lebenswerks nicht nur ausgestellt, sondern als öffentliche Arbeits- und Prüfmittel aktiviert werden. Der Besucher betrachtet nicht allein, sondern wählt aus, handelt, vergleicht und untersucht die Folgen seiner Wahrnehmungen und Tätigkeiten. Aus dem Betrachter wird ein Forschungskünstler.
Künstlerische Grundlage
Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich eine Forschungskunst, deren Ausgangspunkt die Frage ist, warum der Mensch seine eigenen Existenzbedingungen zerstört, obwohl er wahrnehmen, erkennen, gestalten und seine Handlungen korrigieren kann. Ihre Grundlage bildet die von mir 1975 an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig entwickelte „Experimentelle Umweltgestaltung“.
Meine Ausbildung als Maschinenschlosser, meine bildhauerische Arbeit, die Fotografie, Naturbeobachtungen und offene Versuchsanordnungen verbanden sich dabei zu einer interdisziplinären Methode. Ihr handwerklicher Prüfmaßstab lautet: Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht? Eine Form bewährt sich nicht allein durch eine überzeugende Erklärung oder durch einen Begriff. Sie muss sich am Material, am Widerstand, an ihren Wirkungen und Abhängigkeiten erweisen. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden.
Das räumliche So-Heits-Atelier
Die räumliche Besucherdramaturgie beginnt mit der 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte. Sie verortet den Homo sapiens in den letzten Sekunden der planetarischen Entwicklung und stellt seine kurze Existenzzeit seiner heutigen Gestaltungsmacht gegenüber.
Daran schließen sich unterschiedliche Werk- und Arbeitsbereiche an. Wellenbecken, Strömungsmodelle sowie Passungs- und Toleranzstücke zeigen die Rückmeldung des Materials auf menschliche Eingriffe. Die Werkfolge der „Schöpfungsgeschichte- als Photosyklen-Bildrahmen " verbindet: Wiese, Körper, Nahrung, Kartoffel, Fisch, Wasserlandschaft und Abendmahltisch. Schultafel, vergoldeter Spaten, Eigentumsquadrat und Goldobjekte untersuchen, wie menschliche Zuschreibungen aus einem Gebrauchsgegenstand ein Wert-, Eigentums- oder Statusobjekt machen. Der Gordische Knoten steht für eine Wirklichkeit, in der keine Veränderung ohne Folgen für andere Beziehungen bleibt.
Historische Originalwerke werden geschützt ausgestellt.?!
Für die Beteiligung der Besucher stehen Rekonstruktionen?, Arbeitskopien, Folien, Vorgabebilder, Modelle, Requisiten und frei benutzbare Materialien zur Verfügung.
Das Atelier verbindet bildnerische und darstellerische Arbeitsweisen. Neben den bildhauerischen, fotografischen und zeichnerischen Bereichen gehört dazu eine kleine Bühne. Dort können Rollen, Eigentum, Status, Freiheit, Macht oder Verantwortung mit Gegenständen und Requisiten gespielt werden. Im Spiel mit dem „Als-ob“ tritt der Besucher vorübergehend in eine Requisitenwelt ein. Anschließend überprüft er, was materiell vorhanden war, was nur aufgrund einer Rolle oder Übereinkunft galt und welche körperlichen oder gesellschaftlichen Wirkungen daraus entstanden.
Die Ergebnisse werden an Frage-und-Antwort-Tischen in der Stadt Kassel und im Mitmachbuch weiterbearbeitet. Aus Bildern, Fotografien, Texten, Collagen, transparenten Folien und eigenen Eintragungen entstehen neue Buchseiten. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4 dient dabei als Orientierung: Unterschieden werden materielle und technische Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, symbolische und gesellschaftliche Zuschreibungen sowie deren öffentliche Prüfung und Korrektur.
Die Verbindung der digitalen und der räumlich-materiellen Wirklichkeit
Das So-Heits-Atelier führt die digitale und die räumlich-materielle Wirklichkeit bewusst zusammen, ohne sie gleichzusetzen. Die sogenannte virtuelle Welt ist weder bloß unwirklich noch mit der körperlichen und materiellen Wirklichkeit identisch. Das digitale Bild einer Kartoffel kann keinen Menschen ernähren. Ein digital gespeicherter Preis oder Eigentumseintrag ist keine materielle Eigenschaft der Kartoffel oder des Bodens. Trotzdem können solche digitalen und symbolischen Zuschreibungen darüber entscheiden, wer Nahrung oder Boden erhält.
Umgekehrt beruht die digitale Welt auf Geräten, Servern, Energie, Rohstoffen, Arbeitskraft und lebendigen Menschen. Die Verbindung beider Wirklichkeiten wird deshalb selbst zum Gegenstand der Forschungskunst. Das Vier-Ebenen-Modell schafft die notwendige Trennschärfe zwischen materieller Grundlage, lebendiger Wirkung, digitaler oder symbolischer Darstellung und öffentlicher Überprüfung.
Auf meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ sind bereits umfangreiche Text-, Bild-, Werk- und Symbolmaterialien zugänglich. Die technische Verbindung zwischen der digitalen Buchstruktur und dem physischen Mitmachbuch wird gegenwärtig erarbeitet. Das räumliche So-Heits-Atelier auf der DOCUMENTA 16 bleibt davon unabhängig vollständig arbeitsfähig; seine digitale Erweiterung kann schrittweise weiter entwickelt werden, von den Besuchern.
Ein modulares Environment für hundert Tage
Die beschriebene Raumfolge ist kein unveränderlicher Ausstellungsplan, sondern ein modulares Modell. Anzahl, Größe und Anordnung der Bereiche können an die räumlichen, technischen und kuratorischen Voraussetzungen der documenta 16 angepasst werden.
Während der hundert Tage verändert sich das Environment durch Besucherbeiträge, Gespräche, Aufführungen, Gegenüberstellungen und Korrekturen. Die Ergebnisse werden in einem sichtbaren Tagesarchiv und im Mitmachbuch dokumentiert. So entsteht eine lebendige Raum-Zeit-Körper-Plastik, deren Forschungsstand nach der documenta über die Plattform weitergeführt werden kann.
Das So-Heits-Atelier führt meine seit 1975 entwickelte Forschungskunst in einer gegenwärtigen Form zusammen. Es entwickelt Joseph Beuys’ Satz „Jeder Mensch ist ein Künstler“ weiter: Jeder Mensch kann zum Forschungskünstler werden, wenn er seine Wirklichkeitskonstruktionen, Tätigkeiten und deren Folgen wahrnimmt, prüft und verändert.
Ich bitte Sie als Organisatoren der documenta, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen und dabei auch die angegebenen Links einzubeziehen.
Über die Möglichkeit, Ihnen den Werk- und Realisierungszusammenhang persönlich vorzustellen, würde ich mich freuen.
Für weitere Fragen stehe ich Ihnen jederzeit gerne zur Verfügung. Über eine kurze Rückmeldung bis zu meinem 78. Geburtstag am 28. September würde ich mich sehr freuen.
Ich bitte Sie, diese präzisierte Fassung in die Prüfung meiner Bewerbung einzubeziehen. Über die Möglichkeit, Ihnen den Werk-, Raum- und Realisierungszusammenhang persönlich vorzustellen, würde ich mich freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Anlagen:
- Werkgenese und künstlerische Biografie: Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975, Maschinenschlosserausbildung, Joseph Beuys, Raum-Zeit-Körper-Plastiken, Soziale Plastik und acht Auseinandersetzungen mit der documenta. Die Entstehung des So-Heits-Ateliers reicht bis in meine Ausbildung als Maschinenschlosser zurück. Dort lernte ich, dass eine Form, eine Verbindung oder eine Konstruktion nicht allein deshalb funktioniert, weil sie geplant oder sprachlich begründet wurde. Sie muss Belastungen standhalten, über die erforderliche Passung verfügen und sich unter realen Bedingungen bewähren. Der daraus hervorgegangene Prüfmaßstab „Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht?“ wurde später zu einer Grundlage meiner bildhauerischen Arbeit und meiner Forschungskunst. Während meines Studiums der Bildhauerei im Fachbereich Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig von 1974 bis 1980 nahm ich grundlegende Trennungen innerhalb des Kunststudiums wahr. Bildhauerei, Malerei, Fotografie, darstellende Kunst, Naturbeobachtung, handwerkliches Wissen und gesellschaftliche Fragen wurden verschiedenen Disziplinen zugeordnet, obwohl sie in der menschlichen Wirklichkeit fortwährend zusammenwirken. Aus dieser Wahrnehmung entwickelte ich 1975 die „Experimentelle Umweltgestaltung“ als interdisziplinären und generalistischen künstlerischen Studien- und Arbeitsansatz. Der Begriff „Umwelt“ bezeichnete für mich keine vom Menschen getrennte äußere Umgebung. Er verwies auf eine Mitwelt, in die der Mensch körperlich, materiell und gesellschaftlich eingebunden ist. Wasser, Sand, Erde, Holz, Metall, Beton oder Eis waren für mich keine stummen Werkstoffe. Sie antworteten auf menschliche Eingriffe durch Widerstand, Bewegung, Verformung, Halt, Passung oder Bruch. In dieser Rückmeldung des Materials liegt der Ursprung meiner späteren Beteiligungs-, Gesellschafts- und Forschungskunst. Meine Auseinandersetzung mit Joseph Beuys und der Sozialen Plastik führte mich zu einer eigenständigen Weiterentwicklung des erweiterten Kunstbegriffs. 1976 schickte ich Joseph Beuys eine Blumenwiese, die er auf seinem Balkon aussäte und auf der anschließend sein Hase lief. Als Beuys 1980 zu mir sagte: „Du nimmst die Soziale Plastik zu ernst“, wurde gerade diese Ernsthaftigkeit für mich zu einer künstlerischen Verpflichtung. Wenn jeder Mensch ein Künstler und an der Gestaltung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, müssen auch die tatsächlichen Tätigkeiten, Abhängigkeiten und Folgen dieser Gestaltung untersucht werden. Anfang der 1990er-Jahre wurde der Ausstellungsraum selbst zum plastischen Körper, zunächst im Aktsaal der Kunsthochschule Dresden. An nachfolgenden künstlerischen Arbeitsorten entwickelte ich meine Installationen zu „Ausstellungsorganismen“, zu einem sozialen Organismus und zu Raum-Zeit-Körper-Plastiken. Die einzelnen Orte, Inhalte und Objekte bildeten keinen abgeschlossenen Bestand. Sie wirkten wie Organe eines räumlichen Zusammenhangs, in dem Körper, Wahrnehmung, Erinnerung, gesellschaftliche Rollen, Absterben und Neubeginn aufeinander einwirkten. Zu dieser Werkentwicklung gehören Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, Wasser- und Strömungsversuche, Passungs- und Toleranzmodelle, bildhauerische und fotografische Arbeiten, die „Schöpfungsgeschichte“, Performances, Demokratiewerkstätten, temporäre Kunsthallen, die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“ als partizipatorisches Welttheater sowie die dazugehörigen Arbeits- und Beteiligungsmaterialien. Seit 1977 setzte ich mich in acht Bewerbungen und künstlerischen Konzeptionen mit der documenta auseinander. Diese wiederholten Annäherungen waren nicht nur erfolglose Versuche, an einer Ausstellung teilzunehmen. Sie wurden selbst Teil meiner künstlerischen Verortungskunst. Die Entwicklung des Werkes, die Bewerbung, die Auseinandersetzung mit möglichen Räumen und die Beziehung zwischen Künstler, Institution, Besucher und gesellschaftlicher Wirklichkeit gehören für mich zum künstlerischen Prozess. Das heutige So-Heits-Atelier führt diese Entwicklung zusammen. Historische Werke werden nicht rückblickend abgeschlossen, sondern als Prüf- und Arbeitsmittel einer gegenwärtigen Forschungskunst aktiviert. Das Lebenswerk wird dadurch zu einem offenen Forschungszusammenhang, an dem andere Menschen mit ihren Wahrnehmungen, Widersprüchen und Korrekturen teilnehmen können.
- Werk- und Raumverzeichnis: 24-Stunden-Uhr, Wellenbecken, Schöpfungsgeschichte, Abendmahltisch, Schultafeln, Spaten, Goldobjekte, Gordischer Knoten, Astronautenanzug, Feuerkäfig und Bühne – jeweils mit Foto, Größe und Status als Original, Rekonstruktion, Modell oder Neuanfertigung. Die räumliche Konzeption des So-Heits-Ateliers ist modular aufgebaut. Sie bildet keinen bereits festgelegten Grundriss, sondern einen Zusammenhang aus Werk-, Wahrnehmungs- und Arbeitsbereichen. Anzahl, Größe, Reihenfolge und Anordnung der Bereiche können an die räumlichen, technischen und kuratorischen Voraussetzungen der documenta 16 angepasst werden. Am Eingang begegnet der Besucher der 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte. Die etwa 4,54 Milliarden Jahre der planetarischen Entwicklung werden auf einen Tag übertragen. Der Homo sapiens erscheint erst ungefähr 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Die Entwicklung meiner Forschungskunst von 1975 bis zur documenta 16 entspricht in diesem Maßstab ungefähr einer Millisekunde. Diese zeitliche Verortung stellt die kurze Existenzzeit des Menschen seiner gegenwärtigen planetarischen Gestaltungsmacht gegenüber. Der Bereich der Experimentellen Umweltgestaltung umfasst Wellenbecken, Wasser-, Deich- und Strömungsmodelle sowie Passungs- und Toleranzstücke. Diese Arbeiten zeigen, wie Materialien und Naturvorgänge auf menschliche Eingriffe antworten. Wasser folgt nicht der menschlichen Behauptung, sondern Gefälle, Begrenzung, Schwerkraft und Bewegung. Eine Verbindung hält, klemmt, bricht oder besitzt das notwendige Spiel. Der Besucher kann einzelne Bedingungen verändern und die daraus entstehenden Wirkungen unmittelbar beobachten. Ein weiterer Bereich zeigt die „Schöpfungsgeschichte“ als fotografische und bildhauerische Werkfolge. Sie beginnt mit einer bereits vorhandenen Wiese. Der Mensch betritt sie barfuß und erfährt durch die Berührung, dass sein Körper von einer Wirklichkeit getragen wird, die er nicht selbst hervorgebracht hat. Mit Liegedecke, Camping, Werkzeug und Bildrahmen beginnt er, diese Wirklichkeit auszuwählen, zu begrenzen und zu verändern. Fisch und Kartoffel führen zur Nahrung und zur körperlichen Abhängigkeit. Nahrung kann angebaut, geerntet, zubereitet, gegessen, dekoriert, vergoldet, verkauft oder dem Verfall überlassen werden. Sie wird dadurch zugleich Lebensgrundlage, Handelsware, Wertobjekt und kulturelles Zeichen. Aus einer durch Wasser geformten Flusslandschaft entsteht durch Gipsabformung der Abendmahltisch. Naturvorgang, bildhauerische Tätigkeit, Ernährung, Dank und kulturelle Übertragung verbinden sich in diesem Werk. Spinne, Spinnennetz und Beuteverhalten erweitern die Werkfolge um die Abhängigkeit der Lebewesen voneinander. Der Symbol-, Wert- und Identitätsbereich verbindet Schultafeln, Goldobjekte, Spaten, Eigentumsquadrat, Beton, Eis, Astronautenanzug und Feuerkäfig. Die Schultafel erscheint zunächst als gemeinsame Fläche des Schreibens und Lernens. Danach trägt sie eine einzelne goldene Idee und wird schließlich vollständig vergoldet. Der Spaten wird zum Werkzeug der Bodenveränderung und durch seine Vergoldung zugleich zum Wert- und Statusobjekt. Ein abgesteckter Quadratmeter zeigt, wie Boden durch eine gesellschaftliche Setzung in Eigentum verwandelt wird. Der Astronautenanzug verdichtet die Abhängigkeit des Menschen. Er erscheint als abgeschlossene Hülle, ist aber vollständig auf eine technisch erzeugte Ersatzumwelt angewiesen. Ohne Sauerstoff, Temperaturregulation, Energie und Verbindung zu seinen Lebenserhaltungssystemen kann der Mensch in ihm nicht existieren. Der Feuerkäfig führt dieses Bild weiter. Ein Mensch steht in einem goldenen Käfig, dessen Tür offen ist. Im Käfig erscheint Feuer. Der Mensch trägt einen Astronautenanzug, dessen lebensnotwendige Anschlüsse fehlen. Obwohl die Tür offensteht, verlässt er den Käfig nicht. Das Bild untersucht, wie Wertvorstellungen, Status, Rollenidentität und gesellschaftliche Gewöhnung den Menschen an eine Ordnung binden können, die seine eigenen Lebensbedingungen zerstört. Die technische Darstellung des Feuers wird den räumlichen und sicherheitsbezogenen Voraussetzungen angepasst. Die Bronze des Gordischen Knotens steht für eine Wirklichkeit, in der alles mit anderem verbunden ist. Der Knoten lässt sich nicht an einer Stelle verändern, ohne dass sich Spannungen und Beziehungen an anderen Stellen mitverändern. Er führt vom isolierten Einzelproblem zur Frage nach dem Zusammenhang, in dem dieses Problem entstanden ist. Historische Originalwerke werden geschützt ausgestellt. Sie werden durch rekonstruierte Werkzustände, Modelle, Arbeitskopien, Requisiten, Folien und frei benutzbare Beteiligungsmaterialien ergänzt. Die Besucher arbeiten nicht unkontrolliert mit schutzbedürftigen Originalen. Für ihre Untersuchungen stehen eigens entwickelte Prüf- und Arbeitsmaterialien zur Verfügung. Die endgültige Objektliste wird aus dem gegenwärtig bearbeiteten Werkverzeichnis entwickelt. Darin werden für jedes Exponat Titel, Entstehungsjahr, Maße, Material, Zustand und fotografischer Nachweis sowie seine Einordnung als Original, Rekonstruktion, Modell, Arbeitskopie oder neu zu entwickelnde Versuchsanordnung festgehalten.
- Methodische Grundlagen: ausführliche Erläuterung von E1–E4, 51:49, Plexuswirklichkeit, Fuge, Riss, Membran sowie Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen. Forschungskunst bezeichnet in meinem Werk eine Kunst, die ihre eigenen Vorstellungen, Formen und Wirkungen nicht als selbstverständlich voraussetzt. Sie entwickelt künstlerische Versuchsanordnungen, in denen Wahrnehmung, Material, Tätigkeit Tätigkeit, Rückmeldung und Korrektur miteinander verbunden werden. Das Werk ist dabei nicht nur Gegenstand der Betrachtung, sondern ein Prüfapparat. Das Material wird zum antwortenden Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden. Der aus meiner handwerklichen Ausbildung hervorgegangene Grundsatz „Funktioniert etwas oder funktioniert es nicht?“ wird auf bildnerische, gesellschaftliche und symbolische Formen übertragen. Eine gesellschaftliche Ordnung kann sprachlich begründet, rechtlich bestätigt oder wirtschaftlich erfolgreich sein und dennoch ihre eigenen körperlichen und planetarischen Voraussetzungen zerstören. Ihre Funktionsfähigkeit muss deshalb nicht nur an ihrer inneren Logik, sondern auch an ihren Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen geprüft werden. Die Tätigkeitskonsequenz bezeichnet die Wirkung, die aus einem menschlichen Eingriff, einer Handlung, einer technischen Konstruktion oder einer gesellschaftlichen Entscheidung hervorgeht. Die Abhängigkeitskonsequenz bezeichnet dagegen die Bedingungen, auf die ein Mensch, ein Lebewesen oder ein System angewiesen bleibt. Der Mensch kann Boden bearbeiten, Wasser umlenken, Nahrung handeln oder digitale Systeme entwickeln. Er kann aber seine Abhängigkeit von Wasser, Atmosphäre, Energie, Stoffwechsel und planetarischen Bedingungen nicht durch eine bloße Vorstellung aufheben. Die 24-Stunden-Uhr der Erdgeschichte dient als planetarischer Orientierungsmaßstab. Sie stellt die kurze menschliche Existenzzeit der langen Entwicklung der Erde gegenüber. Der Millisekunden-Mensch besitzt eine außerordentliche technische und gesellschaftliche Gestaltungsmacht, bleibt aber weiterhin von Bedingungen abhängig, die lange vor ihm entstanden sind. Das Modell 51:49 bezeichnet eine minimale Asymmetrie, durch die Bewegung, Entwicklung und Korrektur möglich werden. Vollständige Gleichheit kann zum Stillstand führen; eine minimale Differenz eröffnet einen Prozess. Innerhalb meiner Forschungskunst wird 51:49 als Verhältnis-, Gestaltungs- und Prüfmodell verwendet. Es kann sowohl auf materielle Bewegungen als auch auf Wahrnehmungs-, Entscheidungs- und Machtverhältnisse bezogen werden. Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4 stellt die erforderliche Trennschärfe zwischen unterschiedlichen Wirklichkeitsformen her. E1 bezeichnet materielle und technische Bedingungen wie Stoff, Gewicht, Widerstand, Belastung, Energie, Rohstoffe, Geräte, Infrastruktur, Halt und Bruch. E2 umfasst die lebendige Wirklichkeit mit Körper, Stoffwechsel, Ernährung, Verletzbarkeit, Regeneration, Wahrnehmung und Abhängigkeit. E3 bezeichnet menschliche Symbol-, Darstellungs- und Geltungsordnungen wie Sprache, Bilder, Daten, Eigentum, Preis, Rolle, Status, Religion und Gesetz. E4 eröffnet die öffentliche Prüfung und Korrektur: Welche Folgen entstehen, wer trägt sie, wer kann sie wahrnehmen und wie kann eine nicht mehr tragfähige Ordnung verändert werden? Die digitale Welt bildet keine eigenständige fünfte Ebene. Ein digitaler Datensatz besitzt eine materielle und technische Grundlage in E1. Er kann sich auf lebendige Menschen und andere Lebewesen in E2 auswirken. Er trägt sprachliche, bildliche und gesellschaftliche Bedeutungen in E3 und muss in E4 auf seine Herkunft, seine Geltung und seine Folgen geprüft werden. Die Unterscheidung der Ebenen bedeutet keine Trennung der Wirklichkeit in voneinander abgeschlossene Bereiche. Sie dient dazu, ihre Verbindungen genauer wahrnehmen zu können. Der Preis einer Kartoffel ist keine materielle Eigenschaft der Kartoffel. Er kann aber darüber entscheiden, wer sie kaufen und essen kann. Eigentum ist nicht im Boden enthalten, kann aber die Nutzung des Bodens bestimmen. Eine Rolle ist nicht mit dem Körper identisch, kann aber das Verhalten und die gesellschaftlichen Möglichkeiten eines Menschen verändern. Diese Zusammenhänge bezeichne ich als Plexuswirklichkeit. Sie besteht nicht aus isolierten Dingen, sondern aus einem beweglichen Geflecht von Tätigkeiten, Abhängigkeiten, Zuschreibungen und Konsequenzen. Der Gordische Knoten wird dafür zu einem plastischen Prüfobjekt. Auch Fuge, Riss und Membran gehören zu dieser Methodik. Die Fuge verbindet unterschiedliche Materialien und Zustände, ohne ihre Verschiedenheit aufzuheben. Der Riss kann Trennung, Verletzung und Zusammenbruch anzeigen, aber auch einen neuen Entwicklungsraum eröffnen. Die Membran bezeichnet eine Grenze, die nicht vollständig abschließt, sondern Austausch, Auswahl und Beziehung ermöglicht. Das So-Heits-Atelier stellt mit diesen Modellen keine abgeschlossene Weltanschauung bereit. Es bietet Orientierungs- und Prüfmaßstäbe, mit denen die Besucher eigene Wahrnehmungen, Überzeugungen und Tätigkeiten untersuchen können. Widerspruch ist dabei kein Angriff auf das Werk, sondern ein notwendiger Teil der Forschungskunst.
- Mitmachbuch und Besucherarbeit: Arbeitsablauf mit Vorgabebildern, Collagen, Folien, Frage-und-Antwort-Tischen, Rollenversuchen und Dokumentation. Das Mitmachbuch ist der zentrale Arbeits- und Dokumentationsraum der Besucher. Es sammelt nicht nur fertige Antworten, sondern macht den Entstehungsweg einer Wahrnehmung oder Überzeugung nachvollziehbar. Dieser Weg umfasst Auswahl, Benennung, Zuschreibung, Tätigkeit, Konsequenz, Widerspruch und Korrektur. Der Besucher wählt zunächst ein Werk, ein Objekt, ein Bild, einen Text oder eine auf der Bühne erfahrene Situation aus. Er hält fest, was er wahrnimmt und wie er das Wahrgenommene benennt. Diese erste Benennung wird nicht als endgültige Aussage behandelt. Sie bildet den Ausgangspunkt einer Untersuchung. An den Frage-und-Antwort-Tischen stehen Vorgabebilder, Fotografien, Zeichnungen, Texte, transparente Folien, Kopien und weitere Arbeitsmaterialien zur Verfügung. Der Besucher kann Materialien auswählen, miteinander verbinden, beschriften, überlagern und zu einer eigenen Buchseite oder Collage zusammenfügen. Die transparenten Folien bilden eine veränderbare Bildgrammatik. Einzelne Folien können materielle Bedingungen, lebendige Abhängigkeiten, technische Systeme, gesellschaftliche Zuschreibungen oder zeitliche Entwicklungen darstellen. Durch Auflegen, Entfernen, Verschieben und Gegenüberstellen erkennt der Besucher, welche Bedeutungsschichten er selbst zu einem Gegenstand hinzufügt. Das Vier-Ebenen-Modell dient dabei als Orientierung. Auf E1 wird gefragt, was materiell oder technisch vorhanden ist. Auf E2 wird untersucht, welche Körper und Lebewesen betroffen sind. Auf E3 werden Sprache, Bilder, Preise, Eigentum, Rollen und andere Zuschreibungen sichtbar gemacht. Auf E4 werden Wirkungen, Widersprüche und Möglichkeiten der Korrektur geprüft. Ein Besucher kann beispielsweise eine Kartoffel auswählen. Zunächst beschreibt er ihre Form, ihr Gewicht und ihre stofflichen Eigenschaften. Danach untersucht er ihre Bedeutung als Nahrung und ihre Beziehung zum menschlichen Stoffwechsel. Anschließend können Preis, Eigentum, Handel, Werbung und kulturelle Wertung hinzukommen. Die Kartoffel bleibt derselbe materielle Gegenstand, erhält aber unterschiedliche gesellschaftliche Bedeutungen und Zugangsvoraussetzungen. Diese Unterschiede werden auf einer Buchseite sichtbar gemacht. Auch die Erfahrungen auf der Bühne werden in das Mitmachbuch übertragen. Der Besucher kann eine Rolle übernehmen, innerhalb einer Requisitenordnung handeln und anschließend untersuchen, wie sich das „Als-ob“ auf sein Denken, Verhalten und seine Identität ausgewirkt hat. Dabei wird gefragt, welche Bestandteile der Situation materiell vorhanden waren, was allein durch Rolle und Übereinkunft galt und welche realen Wirkungen trotzdem entstanden. Eine Buchseite kann aus einem Bild, einer Collage, einer Zeichnung, einem Text, einer Frage, einer Korrektur oder einer Verbindung mehrerer Ausdrucksformen bestehen. Künstlerische Erfahrung wird dadurch nicht auf sprachliche Erklärung reduziert. Auch Farbe, Form, Bewegung, Überlagerung, Material und Leerstelle werden zu Erkenntnismitteln. Ausgewählte Beiträge können mit Zustimmung der Beteiligten fotografiert oder digitalisiert und in die digitale Buchstruktur der Plattform aufgenommen werden. Die analoge Arbeit bleibt jedoch eigenständig. Sie wird nicht nur als Vorstufe einer Digitalisierung verstanden. Der körperliche Umgang mit Papier, Folien, Bildern, Materialien und Requisiten besitzt eine andere Erfahrungsqualität als die Arbeit an einem Bildschirm. Das Mitmachbuch ist damit zugleich persönliches Arbeitsmittel, gemeinsames Archiv und tragbares So-Heits-Atelier. Es ermöglicht, die in Kassel begonnene Untersuchung außerhalb des Ausstellungsraumes fortzuführen.
- Plattform und Technik: vorhandene digitale Materialien, noch zu entwickelnde Buchstruktur, Rolle der KI, technische Entwicklungsstufen und benötigte Kooperationspartner. Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet den digitalen Zugang zum So-Heits-Atelier. Auf ihr werden Texte, Fotografien, Collagen, Werkbeschreibungen, Modelle, Begriffe und Verbindungen aus meinem künstlerischen Lebenswerk zugänglich gemacht. Sie dient als öffentlicher Material-, Arbeits- und Entwicklungsraum. Das räumliche So-Heits-Atelier und die Plattform sind nicht identisch. Das physische Atelier ermöglicht die Begegnung mit Körpern, Materialien, Originalwerken, Rekonstruktionen, Arbeitskopien, Requisiten und anderen Menschen. Die Plattform ermöglicht dagegen die zeit- und ortsunabhängige Fortsetzung der Arbeit, die Verknüpfung unterschiedlicher Beiträge sowie den Zugriff auf umfangreiche Werk- und Kontextmaterialien. Die Verbindung beider Zugänge ist bewusst Teil der Forschungskunst. Die sogenannte virtuelle Welt ist weder bloß unwirklich noch mit der körperlichen und materiellen Wirklichkeit gleichzusetzen. Ein digitales Bild einer Kartoffel kann keinen Menschen ernähren. Ein digital gespeicherter Preis kann jedoch darüber entscheiden, wer die Kartoffel kaufen kann. Gleichzeitig beruht auch der digitale Vorgang auf Geräten, Servern, Energie, Rohstoffen, Arbeitskraft und lebendigen Menschen. Auf der Plattform sind bereits umfangreiche Text-, Bild-, Werk- und Symbolmaterialien vorhanden. Die interaktive Buchstruktur und die wechselseitige Übertragung zwischen dem digitalen Arbeitsraum und dem physischen Mitmachbuch sind technisch noch nicht abgeschlossen. Die gegenwärtige Plattform stellt daher den vorhandenen Material- und Entwicklungsstand bereit, nicht ein bereits vollständig realisiertes interaktives Gesamtsystem. Für die weitere Entwicklung werden eine übersichtliche Benutzeroberfläche, eine technische Struktur für Beiträge, die Zuordnung zum Vier-Ebenen-Modell, die Verbindung von analogen und digitalen Buchseiten sowie Möglichkeiten der Suche und Gegenüberstellung benötigt. Beiträge sollen nachvollziehbar gespeichert, aber nicht automatisch als richtige oder allgemein gültige Aussagen behandelt werden. Künstliche Intelligenz kann innerhalb dieses Systems eine unterstützende Funktion übernehmen. Sie kann Materialien durchsuchen, sprachliche Zusammenhänge ordnen, unterschiedliche Begriffe vergleichen und mögliche Verbindungen sichtbar machen. Sie darf jedoch nicht zur endgültigen Prüf- oder Entscheidungsinstanz werden. Ihre Ergebnisse besitzen ebenfalls Voraussetzungen und Fehlerpotenziale und müssen öffentlich überprüfbar bleiben. Für die Aufnahme von Besucherbeiträgen müssen außerdem Einwilligung, Urheberschaft, Datenschutz, Moderation und mögliche spätere Verwendung geklärt werden. Nicht jeder im Atelier entstandene Beitrag muss automatisch veröffentlicht werden. Die Beteiligten sollen entscheiden können, ob ihre Arbeiten nur im physischen Mitmachbuch verbleiben oder auch digital zugänglich gemacht werden. Für die technische Weiterentwicklung suche ich geeignete Universitäten, Fachbereiche, Programmierer und Kooperationspartner. Das physische So-Heits-Atelier bleibt unabhängig davon vollständig arbeitsfähig. Die digitale Verbindung kann in Entwicklungsstufen realisiert und während der hundert Tage erprobt und erweitert werden.
- Realisierung: modulares Raumkonzept, Personalbedarf, Einbeziehung von Mitarbeitern aus Kassel, Sicherheit, Betreuung, Tagesarchiv und Ablauf der hundert Tage. Das So-Heits-Atelier ist als modulares Environment angelegt. Seine künstlerische Struktur ist bestimmt, seine konkrete räumliche Anordnung jedoch veränderbar. Die einzelnen Bereiche können entsprechend dem verfügbaren Raum erweitert, verkleinert, verbunden oder verdichtet werden. Zu den grundlegenden Modulen gehören die 24-Stunden-Uhr, der Wirkungsraum der Experimentellen Umweltgestaltung, die fotografische und bildhauerische „Schöpfungsgeschichte“, der Symbol-, Wert- und Identitätsbereich, der Gordische Knoten, die Frage-und-Antwort-Tische, das Mitmachbuch sowie eine kleine Bühne. Nicht jedes Modul benötigt einen abgeschlossenen Raum. Mehrere Bereiche können in einem größeren Raum aufeinander bezogen werden. Das künstlerische und dokumentarische Ausgangsmaterial ist vorhanden. Dazu gehören historische Werke, Fotografien, Filme, Texte, Modelle, Collagen, Tagebücher und Installationsmaterialien. Noch zu entwickeln sind die endgültige Auswahl der Exponate, die genaue räumliche Anordnung, einzelne Rekonstruktionen und Arbeitskopien, das Bühnenprogramm sowie die technische Verbindung zwischen dem physischen und dem digitalen Mitmachbuch. Historische Originalwerke werden entsprechend ihren Erhaltungsbedingungen präsentiert. Für die Beteiligung werden eigenständige Arbeitsmaterialien, Kopien, Requisiten und Modelle hergestellt. Dadurch bleibt die aktive Besucherarbeit möglich, ohne die Originalwerke zu gefährden. Die kleine Bühne benötigt keine vollständige Theaterausstattung. Ein begrenzter Bühnenbereich mit Licht, einfachen Kostümen, Gegenständen, Requisiten und beweglichen Elementen genügt, um Rollenversuche und Spielsituationen zu ermöglichen. Die konkreten Aufführungen können vorbereitet oder gemeinsam mit Besuchern und eingeladenen Teilnehmern entwickelt werden. Der Feuerkäfig als Bild. Auch Wasserbecken, bewegliche Objekte, elektrische Geräte und begehbare Installationen werden vor ihrer Verwendung technisch und sicherheitsbezogen geprüft. Das Atelier benötigt ein eingearbeitetes Betreuungsteam. Ich bin bereit, interessierte Menschen aus Kassel und der Umgebung mit den Werken, Materialien und Prüfmethoden vertraut zu machen. Das Team begleitet die Besucher, betreut die Arbeitsbereiche, dokumentiert Beiträge und unterstützt den täglichen Ablauf. Künstlerische, technische und pädagogische Erfahrungen sollen dabei zusammenwirken. Die hundert Tage werden zur zeitlichen Form des Werkes. Das Environment bleibt nicht unverändert, sondern entwickelt sich durch Besucherbeiträge, Gespräche, Aufführungen, Gegenüberstellungen und Korrekturen weiter. In regelmäßigen Arbeitsphasen können Zusammenhänge wie Wasser, Boden, Nahrung, Körper, Eigentum, Wert, Rolle, Grenze, Macht, Verantwortung und Reparatur untersucht werden. Die Ergebnisse werden im Mitmachbuch und in einem sichtbaren Tagesarchiv dokumentiert. Das Tagesarchiv zeigt nicht nur fertige Arbeiten, sondern auch Veränderungen, Widersprüche und verworfene Annahmen. Am Ende der hundert Tage steht deshalb kein abgeschlossenes Endergebnis, sondern ein öffentlich nachvollziehbarer Forschungsstand. Die genaue personelle, technische und räumliche Planung wird gemeinsam mit der documenta und möglichen Kooperationspartnern entwickelt. Das modulare Modell ermöglicht unterschiedliche Realisierungsstufen und macht den künstlerischen Kern des Projektes nicht von einer bestimmten Raumgröße oder einer bereits vollständig abgeschlossenen Digitaltechnik abhängig.
- Biografie, Ausstellungsverzeichnis und weiterführende Links: nur als Nachweis, nicht mehr im Haupttext. Wolfgang Fenner wurde 1948 in Einhaus geboren. Von 1965 bis 1969 absolvierte er eine Ausbildung zum Maschinenschlosser. Danach arbeitete er unter anderem im Bereich der Fotografie, des Fotojournalismus, der Werbung sowie als Verleger und Autor. Von 1974 bis 1980 studierte er Bildhauerei im Fachbereich Freie Kunst an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. 1975 entwickelte er dort die „Experimentelle Umweltgestaltung“ als interdisziplinären künstlerischen Studien- und Arbeitsansatz. Seitdem verbindet er bildhauerische, fotografische, darstellerische, handwerkliche, gesellschaftliche und partizipatorische Arbeitsweisen zu einer Forschungskunst. Zu den frühen Werkbereichen gehören Wasser-, Strömungs-, Passungs- und Toleranzversuche, Erwachsenen-Malbücher, die „Krickel-Krakel-Philosophie“, fotografische Arbeiten und die Werkfolge der „Schöpfungsgeschichte“. Seit Anfang der 1990er-Jahre entwickelte Wolfgang Fenner Ausstellungsräume als „Ausstellungsorganismen“, soziale Organismen und Raum-Zeit-Körper-Plastiken. Weitere Werkstationen bilden Performances, Demokratiewerkstätten, temporäre Kunsthallen, die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“, das „Globale Dorffest“ als partizipatorisches Welttheater sowie zahlreiche Beteiligungs- und Mitmachprojekte. Seit 1977 setzte er sich in acht Bewerbungen und künstlerischen Konzeptionen mit der documenta auseinander. Sein Werkarchiv umfasst historische Arbeiten, Fotografien, Filme, Collagen, Tagebücher, Modelle, Installationsmaterialien und umfangreiche schriftliche Aufzeichnungen. Gegenwärtig wird dieser Bestand in einem Werkverzeichnis neu geordnet und auf seine inneren Werkentwicklungen und Zusammenhänge überprüft. Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ führt Teile dieses Archivs in einem öffentlichen digitalen Arbeitsraum zusammen. Sie bildet zugleich die Grundlage für die digitale Weiterentwicklung des So-Heits-Ateliers und des interaktiven Mitmachbuches.
