Die letzten hundert Jahre als Zivilisationsverbrechen.

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Der Mensch im Erbe von Beute, Tarnung und Täuschung

Wenn die Pflanzen- und Tierwelt nach den Werten des Menschen handeln würde

Könnte eine lebendige Welt nach den Werten leben, nach denen der gegenwärtige Mensch lebt?

Wenn sie es nicht könnte, beweist dies, dass der Mensch nicht über den Bedingungen des Lebens steht. Es zeigt vielmehr, dass er seine gesellschaftlichen Werte an einer Tätigkeits- und Abhängigkeitsordnung ausgerichtet hat, die langfristig mit seiner eigenen Existenz unvereinbar ist.

Mit „Loyalitäten“ bezeichnest du hier die gegenseitige Bindung an bestehende Vereinbarungen, Interessen und Ordnungen – auch dann, wenn diese Ordnungen zerstörerisch wirken. Der Begriff umfasst sowohl Vertragstreue als auch das Festhalten an Gesetzen und übergeordneten Instanzen.

Die letzten hundert Jahre als Zivilisationsverbrechen

Das eigentliche Verbrechen besteht deshalb nicht nur in einzelnen Zerstörungen. Es besteht in der gemeinschaftlich aufrechterhaltenen Einbildung, der Mensch dürfe seine eigenen Existenzgrundlagen verbrauchen, ohne sich darüber Rechenschaft ablegen zu müssen.

Die Loyalität gilt nicht mehr den Bedingungen, die das Leben ermöglichen, sondern einem System des immer weiteren Habenwollens, Verwertens und Ablenkens. Gerade weil dieses Verhalten alltäglich, gesellschaftlich anerkannt und gegenseitig bestätigt wird, kann seine zerstörerische Dimension kaum noch wahrgenommen werden.

Ja. Allerdings muss zwischen einer juristischen Straftat und dem Begriff „Zivilisationsverbrechen“ als historisch-moralischer Diagnose unterschieden werden.

Ein „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ setzt juristisch einen ausgedehnten oder systematischen Angriff gegen eine Zivilbevölkerung sowie das Wissen um diesen Angriff voraus. Die gesamte industrielle Zivilisation lässt sich deshalb nicht ohne Weiteres als ein einziges Verbrechen gegen die Menschlichkeit bezeichnen. (Vereinte Nationen)

Der Ausdruck Zivilisationsverbrechen kann jedoch wissenschaftlich begründet werden, wenn damit ein gesellschaftliches System bezeichnet wird, das

  1. vorhersehbare Schäden von ungeheurem Ausmaß verursacht,
  2. die Ursachen dieser Schäden kennt,
  3. technisch und organisatorisch zu Korrekturen fähig wäre,
  4. die Schädigung dennoch fortsetzt,
  5. weil wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Loyalitäten das bestehende System schützen.

1. Die menschengemachte Erderwärmung ist eindeutig nachgewiesen

Der Weltklimarat stellt fest, dass menschliche Tätigkeiten – vor allem die Emission von Treibhausgasen – die globale Erwärmung eindeutig verursacht haben. Die globale Durchschnittstemperatur lag im Zeitraum 2011 bis 2020 etwa 1,1 Grad Celsius über dem vorindustriellen Niveau. Seit 1970 erwärmte sich die Erde schneller als in jedem anderen Fünfzigjahreszeitraum seit mindestens zweitausend Jahren. Die Folgen betreffen bereits heute Ernährung, Wasserversorgung, Gesundheit, Ökosysteme und menschliche Lebensräume. (IPCC)

Besonders wichtig für deine These ist ein weiterer Befund des Weltklimarats: Die historischen Beiträge zur Erwärmung sind äußerst ungleich verteilt, während gerade jene Bevölkerungsgruppen besonders stark betroffen sind, die am wenigsten dazu beigetragen haben. (IPCC)

Damit ist belegbar: Die Nutzung des Planeten erfolgt nicht als gemeinschaftlich verantwortete Abhängigkeit, sondern als ungleiche Aneignung von Vorteilen und Folgen.

2. Die Entnahme von Naturmaterialien wurde innerhalb von fünfzig Jahren verdreifacht

Nach dem International Resource Panel der Vereinten Nationen hat sich die weltweite Entnahme natürlicher Ressourcen seit 1970 ungefähr verdreifacht. Dazu gehören fossile Energieträger, Metalle, Mineralien, Biomasse und Baustoffe. UNEP erwartet bei unveränderter Entwicklung bis 2060 einen weiteren Anstieg um etwa 60 Prozent. (UNEP - UN Environment Programme)

Die wohlhabenden Länder verbrauchen pro Kopf ungefähr sechsmal so viele Ressourcen wie einkommensschwache Länder und verursachen etwa zehnmal so starke Klimaauswirkungen. (UNEP - UN Environment Programme)

Bereits eine frühere UNEP-Untersuchung kam zu dem Ergebnis, dass Rohstoffgewinnung und -verarbeitung ungefähr die Hälfte der globalen Treibhausgasemissionen und mehr als 90 Prozent des Biodiversitätsverlusts und Wasserstresses verursachen. (UNEP - UN Environment Programme)

Das unterstützt deine Aussage:

Die Menschheit behandelt das Vorhandene so, als stehe es ihr unbegrenzt zur Verfügung.

Nicht die bloße Existenz von acht Milliarden Menschen ist das Problem, sondern die industriell erzeugte Form ihrer Versorgung, Verwertung und Ungleichverteilung.

3. Die Lebensgrundlagen anderer Arten werden systematisch zerstört

Der globale Bericht des Weltbiodiversitätsrates kommt zu dem Ergebnis, dass bis zu eine Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht sind, viele davon bereits innerhalb weniger Jahrzehnte. Die gegenwärtige Aussterberate liegt zehn- bis hundertfach über dem durchschnittlichen natürlichen Niveau der vergangenen zehn Millionen Jahre. Etwa drei Viertel der Landflächen und zwei Drittel der Meeresräume wurden durch menschliche Tätigkeiten erheblich verändert. (Vereinte Nationen)

Dies ist kein einzelner Unfall. Es ist das Ergebnis von Landnutzung, Rohstoffgewinnung, industrieller Landwirtschaft, Überfischung, Verschmutzung und Klimaveränderung.

Damit wird das Problem tatsächlich zu einer Zivilisationsfrage: Eine einzelne Art zerstört in sehr kurzer Zeit die Mitwelt, von deren Funktionszusammenhängen sie selbst vollständig abhängig ist.

4. Millionen vermeidbarer Todesfälle durch Luftverschmutzung

Nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation sind die Auswirkungen von Außen- und Innenluftverschmutzung jährlich mit etwa 6,7 Millionen vorzeitigen Todesfällen verbunden. Im Jahr 2019 lebten 99 Prozent der Weltbevölkerung in Gebieten, in denen die WHO-Richtwerte für Luftqualität nicht eingehalten wurden. (Weltgesundheitsorganisation)

Diese Todesfälle hängen unter anderem mit Energieerzeugung, Verkehr, Industrie, Verbrennung, Heizsystemen und ungeeigneten Kochstellen zusammen. Es handelt sich um statistisch ermittelte Krankheitslasten, nicht um gerichtlich nachgewiesene individuelle Tötungsdelikte. Dennoch zeigen sie die Größenordnung der vermeidbaren körperlichen Folgen gesellschaftlicher Produktions- und Lebensweisen.

5. Gleichzeitiger Hunger und massenhafte Lebensmittelvernichtung

Im Jahr 2022 wurden weltweit etwa 1,05 Milliarden Tonnen Lebensmittel verschwendet. Allein private Haushalte warfen rechnerisch täglich mehr als eine Milliarde Mahlzeiten weg. Im selben Bezugszeitraum litten rund 783 Millionen Menschen unter Hunger. (UNEP - UN Environment Programme)

Lebensmittelverluste und Lebensmittelabfälle verursachen außerdem schätzungsweise acht bis zehn Prozent der weltweiten Treibhausgasemissionen und beanspruchen riesige Mengen an Ackerland und Wasser. (UNEP - UN Environment Programme)

Dieser Befund belegt nicht, dass weggeworfene europäische Lebensmittel unmittelbar an hungernde Menschen verteilt werden könnten. Er beweist aber eine strukturelle Fehlordnung: Das System kann Überproduktion, Kaufkraft und Verschwendung organisieren, ohne gleichzeitig eine gesicherte Ernährung für alle zu gewährleisten.

6. Gewinninteressen wurden nachweislich über menschliche Gesundheit gestellt

Ein besonders deutlicher Beweis ist die Geschichte der Tabakindustrie.

Tabak verursacht gegenwärtig weltweit jährlich mehr als sieben Millionen Todesfälle, darunter über 1,6 Millionen Todesfälle von Nichtrauchern durch Passivrauchen. (Weltgesundheitsorganisation)

Ein US-Bundesgericht stellte nach einem langjährigen Verfahren fest, dass große Tabakkonzerne die Öffentlichkeit belogen und getäuscht hatten. Zu den gerichtlich festgestellten Handlungen gehörten:

  • das Verharmlosen gesundheitlicher Schäden,
  • das Leugnen der Abhängigkeit,
  • die gezielte Konstruktion suchterzeugender Zigaretten,
  • irreführende Aussagen über angeblich weniger gefährliche Produkte,
  • das Leugnen der Ansprache Jugendlicher,
  • das Verharmlosen des Passivrauchens.

Das Gericht hielt weitere Täuschungen ohne gerichtliches Eingreifen für wahrscheinlich. (Justizministerium)

Hier sind die Elemente deiner Kritik unmittelbar nachweisbar: Wissen, Gewinninteresse, Abhängigkeitserzeugung, Täuschung und gegenseitige institutionelle Absicherung.

7. Auch beim Klima wurde vorhandenes Wissen öffentlich relativiert

Eine 2023 in der Fachzeitschrift Science veröffentlichte Untersuchung wertete interne Klimaprojektionen von Exxon und ExxonMobil aus den Jahren 1977 bis 2003 aus. Die meisten dieser Projektionen sagten die spätere Erwärmung erstaunlich genau voraus und waren mit unabhängigen wissenschaftlichen Modellen vergleichbar.

Gleichzeitig widersprachen öffentliche Erklärungen des Unternehmens in wesentlichen Punkten den eigenen wissenschaftlichen Erkenntnissen. (Zenodo)

Damit ist zumindest für diesen Konzern nachweisbar:

  • Das Wissen war vorhanden.
  • Die voraussichtlichen Folgen waren berechenbar.
  • Die öffentliche Kommunikation stellte dieses Wissen dennoch infrage.

Das ist für den Begriff des Zivilisationsverbrechens entscheidend. Es geht nicht mehr nur um Unwissenheit, sondern um das Fortsetzen eines zerstörerischen Systems trotz vorhandener Erkenntnis.

8. Gesellschaftliche Prioritäten sind an ihren Ausgaben ablesbar

Die weltweiten Militärausgaben erreichten 2025 nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts SIPRI rund 2,887 Billionen US-Dollar. Sie stiegen damit das elfte Jahr in Folge und lagen 41 Prozent über dem Niveau von 2016. (SIPRI)

Diese Zahl beweist für sich allein noch kein Verbrechen. Sie belegt jedoch eine Prioritätensetzung: Staaten können innerhalb kurzer Zeit außerordentliche finanzielle, industrielle und wissenschaftliche Mittel für militärische Systeme mobilisieren. Für den Schutz der gemeinsamen Existenzbedingungen werden vergleichbare Anstrengungen häufig als wirtschaftlich nicht finanzierbar oder politisch nicht durchsetzbar dargestellt.

Die Bedeutung der Loyalitäten

Dein Begriff der „Loyalitäten“ ist in diesem Zusammenhang treffend. Sprachgeschichtlich bezeichnet Loyalität unter anderem die Bindung an Gesetze, höhere Instanzen und bestehende Vereinbarungen.

Das Problem ist daher nicht Loyalität an sich, sondern die Frage:

Wem oder was gilt die Loyalität?

Gilt sie Unternehmen, Parteien, Berufen, Verträgen, Eigentumsordnungen und nationalen Interessen – oder gilt sie zuerst den Bedingungen, ohne die kein Mensch, kein Staat und keine Wirtschaft existieren kann?

Ein Akteur kann gegenüber seinem Unternehmen, seinem Auftraggeber oder seinem Staat loyal handeln und dabei gegenüber den Lebensbedingungen des Planeten vollkommen illoyal werden.

Was sich nicht als objektive Tatsache behaupten lässt

Wissenschaftlich nicht unmittelbar beweisbar sind die pauschalen Aussagen:

  • Alle acht Milliarden Menschen hätten keine Ahnung von ihrer Existenz.
  • Die gesamte Gesellschaft sei ausschließlich auf Spaß ausgerichtet.
  • Die letzten hundert Jahre seien zweifelsfrei das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte.

„Das größte“ ist ein moralischer und historischer Vergleich, für den es keinen neutralen wissenschaftlichen Maßstab gibt. Auch verfügen Menschen über sehr unterschiedliches Wissen, unterschiedliche Handlungsmöglichkeiten und sehr unterschiedliche Verantwortlichkeiten.

Beweisbar ist hingegen:

Die moderne Zivilisation hat innerhalb weniger Generationen ihre Eingriffe in die Lebensgrundlagen des Planeten vervielfacht. Sie verursacht nachweislich Klimaveränderungen, Artenverlust, Landzerstörung, Verschmutzung und Millionen vermeidbare Todesfälle. Ein großer Teil dieser Folgen ist seit Jahrzehnten bekannt. Dennoch werden Produktions-, Konsum- und Machtordnungen fortgeführt, deren Vorteile ungleich verteilt sind, während die Schäden auf andere Menschen, andere Arten und kommende Generationen übertragen werden.

Das ist eine belastbare faktische Grundlage, um von einem möglichen Zivilisationsverbrechen an den gemeinsamen Existenzbedingungen zu sprechen. Dabei liegt die Verantwortlichkeit nicht unterschiedslos bei „der Menschheit“, sondern besonders bei den politischen und wirtschaftlichen Entscheidungsstrukturen, die über Wissen, Macht und Handlungsmöglichkeiten verfügen und trotzdem an der zerstörerischen Ordnung festhalten.