Kontextanker der Forschungskunst
Gemeinsamer Bezugsrahmen
Der Kontextanker bildet die gemeinsame Grundlage meiner Forschungskunst. Er ist kein zusätzlicher Einzelanker neben den anderen Ankern, sondern bestimmt den Zusammenhang, von dem aus deren unterschiedliche Aufgaben verständlich werden. Seine Ausgangslage ist einfach: Der Mensch beginnt nicht am Anfang der Wirklichkeit. Er entsteht innerhalb materieller, lebendiger, räumlicher und zeitlicher Bedingungen, die ihm vorausliegen. Zugleich besitzt er die Fähigkeit, innerhalb dieser vorausliegenden Wirklichkeit eigene Formen hervorzubringen. Er entwickelt Sprache und Begriffe, stellt Werkzeuge und technische Systeme her, organisiert Eigentum, Geld, Recht, Wissenschaft, Institutionen, Rollen, Wertordnungen und digitale Strukturen. Diese Hervorbringungen sind weder bloßer Schein noch eine von der übrigen Wirklichkeit getrennte zweite Welt. Sie sind menschlich erzeugte Formen mit realen Wirkungen.
Darin liegt das Grundproblem meiner Forschungskunst. Der Mensch muss auswählen, unterscheiden und vereinfachen, um überhaupt wahrnehmen und handeln zu können. Seine Begriffe und gesellschaftlichen Ordnungen sind deshalb notwendige Hervorbringungen. Sie können sich jedoch verfestigen und ihren eigenen Herstellungscharakter verlieren. Dann erscheint eine menschlich erzeugte Form so, als sei sie bereits in der Wirklichkeit selbst vorgegeben. Eine gesellschaftliche Beziehung kann zur scheinbaren Eigenschaft werden, eine Rolle zum Wesen eines Menschen, ein Preis zum vollständigen Ausdruck des Wertes oder eine institutionelle Zuständigkeit zur Grenze der tatsächlich auftretenden Folgen.
Forschungskunst setzt genau an dieser Differenz zwischen notwendiger Hervorbringung und möglicher Verfestigung an. Sie fragt nicht danach, wie der Mensch ohne Begriffe, Modelle, Institutionen oder Technik leben könnte. Sie untersucht vielmehr, wie solche Formen so hergestellt und verwendet werden können, dass sie für relevante Rückmeldungen offenbleiben. Der entscheidende Maßstab ist deshalb nicht Formlosigkeit, sondern Korrigierbarkeit.
Das Menschenkunstwerk
Diese Grundbewegung führt zum Begriff des Menschenkunstwerks. Der Mensch gestaltet nicht nur einzelne Gegenstände, sondern erzeugt fortlaufend die gesellschaftlichen und technischen Formen, innerhalb derer er anschließend selbst lebt. Er ist damit zugleich Hervorbringender, Bewohner und Mitgeformter seiner eigenen Ordnungen. Ein technisches System verändert nicht nur einen äußeren Gegenstand, sondern auch menschliche Tätigkeiten. Eine Eigentumsordnung beeinflusst nicht nur die Verfügung über Dinge, sondern auch Beziehungen und Selbstbilder. Digitale Systeme verändern nicht nur Kommunikation, sondern zunehmend Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und Entscheidung.
Das Menschenkunstwerk ist deshalb kein fertiges Werk. Es ist ein fortgesetzter Hervorbringungsprozess, dessen Formen auf ihre Urheber zurückwirken. Die zentrale Forschungsfrage lautet, ob diese Formen auf die tatsächlichen Folgen ihrer Verwendung reagieren können oder ob sie sich gegenüber solchen Folgen zunehmend abschließen.
Damit erhält Plastizität eine gesellschaftliche Bedeutung. Plastisch ist eine Form nicht deshalb, weil sie beliebig veränderbar wäre. Plastizität bezeichnet eine Gestalt, die genügend Stabilität besitzt, um Orientierung und Tätigkeit zu ermöglichen, zugleich aber offen genug bleibt, um durch relevante Wirklichkeitsrückmeldungen verändert werden zu können. Eine Form, die ihre Veränderbarkeit vollständig verliert, wird innerhalb meiner Forschungskunst skulptural.
Forschungskunst als Rückkopplungsarbeit
Die gemeinsame Grundbewegung der Forschungskunst besteht darin, eine menschliche Hervorbringung nicht allein nach ihrer Absicht oder inneren Logik zu beurteilen. Eine Vorstellung wird hervorgebracht, erhält eine Form und tritt durch Tätigkeit in einen Wirkungszusammenhang ein. Dort können Unterschiede zwischen Erwartung und Ergebnis entstehen. Diese Unterschiede werden nicht als bloße Störung beseitigt, sondern als mögliche Rückmeldung behandelt.
Forschung beginnt dort, wo diese Rückmeldung die Ausgangsform tatsächlich verändern darf. Dies gilt für ein handwerkliches Werkstück ebenso wie für einen Begriff, eine gesellschaftliche Regel oder ein technisches System. Wo bereits reale Schädigungen eingetreten sind, tritt zur Korrektur der Ausgangsform die Frage der Reparatur hinzu.
Daraus ergibt sich die Grundbewegung: Eine Vorstellung wird hervorgebracht, einem Gegenüber ausgesetzt, in Tätigkeit überführt und an ihren Folgen rückgeprüft. Zweifel hält dabei die Möglichkeit offen, dass die gegenwärtige Erklärung nicht endgültig ist.
Der Kontextanker bestimmt somit keine fertige Weltanschauung. Er beschreibt eine methodische Haltung gegenüber menschlichen Hervorbringungen. Seine kürzeste Formel lautet:
Der Mensch bringt innerhalb einer ihm vorausliegenden Wirklichkeit Formen hervor und muss lernen, diese Formen durch die Folgen seiner eigenen Tätigkeit wieder korrigierbar zu machen.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige öffentliche Werkstatt dieses Prozesses. Sein Gegenstand ist das Menschenkunstwerk; seine zentrale Frage lautet, wie menschliche Gestaltung so rückkopplungsfähig werden kann, dass Wissen nicht folgenlos bleibt, sondern Korrektur ermöglicht.
Gemeinsame Grundlage der gesamten Forschungsarchitektur
Der Kontextanker der Forschungskunst bildet die gemeinsame begriffliche und methodische Grundlage, auf die sich die einzelnen Anker, Modelle, Werkformen und Prüfbegriffe beziehen. Er ist dabei kein zusätzlicher zehnter Anker, der neben gestellt wird zu:
- Werkanker – Woher kommt die Forschung?
- Prüfanker des Begriffshandwerks – Wie wird geprüft?
- Plexus-/Wirklichkeitsanker – Worin findet alles statt?
- Tätigkeitskonsequenzanker – Wann wird Vorstellung zur wirklichen Folge?
- Verortungs-/Zeitanker – Wann, wo und unter welchen Bedingungen wird geprüft?
- Foliengrammatikanker – Wie werden die unterschiedlichen Wirklichkeitslagen sichtbar?
- Mitmachbuchanker – Wie wird der andere selbst zum Mitprüfenden?
- So-Heits-Atelier-Anker – Wie werden Werk, Raum, Werkstatt und Prüfung räumlich-künstlerisch organisiert?
- KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker – Wie wird die Prüfung über Person, Ort und Zeitpunkt hinaus fortgesetzt?
Der entscheidende Punkt ist: Die Funktion von 51:49, E1–E4 , Lochprozess, Membran, Skulpturidentität, plastisches Ich, Millisekunden-Mensch, 24-Stunden-Uhr, Vergoldungswelt usw. brauchen nicht jeweils eigene Anker. Sie sind Instrumente, Modelle oder Diagnosebegriffe innerhalb dieser Anker. Genau dadurch wird das Gesamtwerk jetzt übersichtlicher, statt mit jeder neuen Erkenntnis ein weiteres Theoriegeschoss zu bekommen. glossar
gestellt wird. Vielmehr beschreibt er den Zusammenhang, innerhalb dessen diese Anker überhaupt verständlich werden. Seine Aufgabe besteht darin, die über Jahrzehnte entwickelte Forschungskunst in ihrem gemeinsamen Grundproblem zu verorten, ohne daraus ein geschlossenes theoretisches System zu machen.
Der Kontextanker beginnt bei einer einfachen, aber weitreichenden Voraussetzung: Der Mensch findet sich nicht am Anfang der Wirklichkeit vor. Bevor er wahrnimmt, benennt, unterscheidet, bewertet, baut, besitzt, handelt oder gesellschaftliche Regeln entwickelt, bestehen bereits materielle, lebendige, räumliche und zeitliche Bedingungen. Der Mensch entsteht innerhalb dieser Bedingungen und nicht außerhalb von ihnen. Gleichzeitig besitzt er die Fähigkeit, innerhalb dieser vorausliegenden Wirklichkeit eigene Formen hervorzubringen. Er entwickelt Sprache, Begriffe, Bilder, Werkzeuge, technische Systeme, Eigentumsordnungen, Geld, gesellschaftliche Rollen, Institutionen, Religionen, Wissenschaften, Staaten, Rechtsordnungen und digitale Strukturen. Diese Hervorbringungen sind nicht bloße Illusionen. Sie werden gesellschaftlich wirksam und verändern wiederum die Bedingungen, unter denen Menschen leben.
Damit entsteht die grundlegende Spannung meiner Forschungskunst: Der Mensch ist Teil einer ihm vorausliegenden Wirklichkeit und erzeugt innerhalb dieser Wirklichkeit zugleich eine eigene menschlich hervorgebrachte Welt von Formen, Bedeutungen und Ordnungen. Diese zweite Bewegung ermöglicht Kultur, Technik und gesellschaftliche Organisation. Sie birgt jedoch zugleich die Möglichkeit, dass der Mensch seine eigenen Hervorbringungen mit denjenigen Bedingungen verwechselt, innerhalb derer sie überhaupt erst möglich geworden sind.
Der Mensch innerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit
Der Kontextanker setzt deshalb beim Verhältnis zwischen Mensch und Wirklichkeit an. Der Mensch kann die Wirklichkeit niemals vollständig ohne Auswahl erfassen. Wahrnehmung, Sprache, Wissenschaft und Tätigkeit benötigen Ausschnitte. Etwas wird aus einem größeren Zusammenhang hervorgehoben, von anderem unterschieden und als Gegenstand behandelt. Ein Name wird gegeben, Eigenschaften werden festgestellt oder zugeschrieben und Beziehungen werden geordnet. Diese Tätigkeit ist für menschliches Leben unverzichtbar.
Das Problem beginnt nicht mit der Auswahl selbst. Es beginnt dort, wo vergessen wird, dass ausgewählt wurde. Ein Ausschnitt kann so selbstverständlich werden, dass seine Grenze nicht mehr sichtbar ist. Ein gesellschaftlicher Begriff kann wie eine Eigenschaft der Sache selbst erscheinen. Eine Rolle kann zum Wesen eines Menschen werden. Eine Eigentumsordnung kann so behandelt werden, als gehöre sie zur materiellen Beschaffenheit des Bodens. Ein Preis kann den Eindruck erzeugen, den vollständigen Wert eines Gegenstandes auszudrücken. Eine wissenschaftliche oder institutionelle Perspektive kann ihren methodisch notwendigen Ausschnitt mit dem gesamten relevanten Wirkungszusammenhang verwechseln.
Der Kontextanker hält deshalb zwei Bewegungen gleichzeitig fest. Der Mensch muss Formen herstellen, um handlungsfähig zu werden. Zugleich muss er lernen, diese Formen wieder auf diejenigen Beziehungen zurückzubeziehen, aus denen sie hervorgegangen sind und in die sie durch menschliche Tätigkeit erneut eingreifen.
Die kürzeste Formel lautet deshalb: Der Mensch bringt innerhalb einer ihm vorausliegenden Wirklichkeit Formen hervor und muss lernen, diese Formen durch die Folgen seiner eigenen Tätigkeit wieder korrigierbar zu machen.
Wirklichkeit und menschliche Hervorbringung
Die Forschungskunst unterscheidet dabei nicht einfach zwischen einer „wirklichen Natur“ und einer „künstlichen Gesellschaft“. Eine solche Gegenüberstellung würde erneut einen starren Dualismus erzeugen. Auch menschliche Hervorbringungen gehören zur Wirklichkeit. Ein Gesetz, ein Eigentumsrecht, eine Währung oder eine gesellschaftliche Rolle besitzt eine andere Wirklichkeitsweise als die Masse eines Steines oder der Stoffwechsel eines Organismus, kann aber dennoch reale Tätigkeiten und Folgen hervorbringen.
Entscheidend ist daher nicht die einfache Unterscheidung zwischen wirklich und unwirklich, sondern die Frage nach unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen und ihren Beziehungen. Ein Boden besitzt materielle Eigenschaften und kann zugleich Eigentum sein. Ein Mensch besitzt einen lebenden Körper und kann zugleich Künstler, Eigentümer, Staatsbürger oder Amtsträger sein. Ein Gegenstand besitzt eine materielle Beschaffenheit und kann zugleich einen Marktwert oder eine religiöse Bedeutung erhalten.
Der Kontextanker verhindert damit sowohl die Entwirklichung gesellschaftlicher Hervorbringungen als auch ihre Gleichsetzung mit materiellen und lebendigen Bedingungen. Gerade weil E3-Formen wie Geld, Eigentum, Status oder Gesetz gesellschaftlich real wirksam sind, müssen ihre Tätigkeitsfolgen geprüft werden. Sie wirken nicht allein dadurch auf E1 und E2 ein, dass sie gedacht werden, sondern dadurch, dass Menschen aufgrund ihrer Geltung handeln.
Das Menschenkunstwerk
Aus dieser Fähigkeit des Menschen, innerhalb einer vorausliegenden Wirklichkeit eigene Ordnungen hervorzubringen, entwickelt sich der Begriff des Menschenkunstwerks. Der Mensch gestaltet nicht nur einzelne Gegenstände. Er erzeugt fortwährend die Formen seiner gesellschaftlichen Lebenswelt. Sprache, Technik, Architektur, Eigentum, Märkte, Staaten, Religionen, Wissenschaften, Institutionen und digitale Systeme sind unterschiedliche Hervorbringungen dieses Menschenkunstwerks.
Der Begriff bedeutet nicht, dass alle gesellschaftlichen Vorgänge Kunst im institutionellen Sinn seien. Er überträgt vielmehr eine für meine Forschungskunst grundlegende Struktur: Der Mensch bringt Formen hervor, lebt anschließend innerhalb dieser Formen und wird durch die von ihm hervorgebrachten Formen selbst wieder geformt. Er ist damit zugleich Hervorbringender, Bewohner und Mitgeformter seines eigenen Werkes.
Diese Rückwirkung ist entscheidend. Ein technisches System verändert nicht nur die Umwelt, sondern auch menschliches Verhalten. Eine Eigentumsordnung verändert nicht nur die Verteilung von Dingen, sondern auch Selbstbilder, Beziehungen und Handlungsmöglichkeiten. Digitale Systeme verändern nicht nur Kommunikation, sondern zunehmend auch Aufmerksamkeit, Entscheidung und gesellschaftlichen Status. Das Menschenkunstwerk wirkt deshalb auf seinen Urheber zurück.
Die zentrale Forschungsfrage lautet damit nicht nur, was der Mensch hervorbringt, sondern ob die von ihm hervorgebrachten Formen so organisiert sind, dass ihre tatsächlichen Folgen wieder auf sie zurückwirken und sie verändern können.
Plastizität und Skulpturalisierung
Hier erhält die Unterscheidung zwischen Plastizität und Skulpturalisierung ihre zentrale Stellung. Eine plastische Form besitzt Gestalt, bleibt aber veränderbar. Eine Skulpturalisierung entsteht dort, wo eine hervorgebrachte Form ihren historischen, relationalen und korrigierbaren Charakter verliert und als endgültige Wirklichkeit behandelt wird.
Dies betrifft Begriffe ebenso wie menschliche Identitäten oder gesellschaftliche Ordnungen. Ein Begriff kann zum plastischen Werkzeug oder zur Begriffsskulptur werden. Eine gesellschaftliche Rolle kann als veränderbare Beziehung verstanden oder zur Skulpturidentität verfestigt werden. Eine Institution kann ihre Regeln korrigieren oder sich gegenüber ihren eigenen Folgen immunisieren.
Der Kontextanker stellt deshalb nicht Form gegen Formlosigkeit. Menschen benötigen stabile Formen. Eine Gesellschaft kann nicht in permanenter Unbestimmtheit existieren. Die entscheidende Frage lautet vielmehr, welche Form genügend Stabilität für Handlung besitzt und zugleich genügend Offenheit für relevante Wirklichkeitsrückmeldungen erhält.
Plastizität bedeutet in diesem Sinn nicht Beliebigkeit, sondern korrigierbare Gestalt.
Das plastische Ich
Diese Grundbewegung betrifft auch den Menschen selbst. Das plastische Ich bezeichnet den lebenden Menschen als materiellen, zeitlichen, verletzbaren, abhängigen, lernenden und tätigen Prozess. Seine Identität besteht nicht darin, unverändert zu bleiben. Der Organismus erhält sich gerade durch fortlaufenden Stoffwechsel, Regulation und Veränderung. Biografisch lernt der Mensch, verändert Überzeugungen, übernimmt Rollen und kann sie wieder verlassen.
Das plastische Ich besitzt dennoch Kontinuität. Es ist keine formlose Masse und keine beliebig umgestaltbare Person. Seine Plastizität hat Grenzen. Der Körper altert, kann verletzt werden und ist von Bedingungen abhängig, die der Mensch nicht beliebig ersetzen kann.
Gerade diese Verletzbarkeit besitzt erkenntniskünstlerische Bedeutung. Weil der Mensch verletzbar ist, kann die Wirklichkeit seinen Vorstellungen widersprechen. Eine gesellschaftliche Rolle, ein Vermögen oder ein Status hebt die materielle und lebendige Abhängigkeit nicht auf. Die Goldschicht der Vergoldungswelt beseitigt nicht den zeitlichen Träger.
Der Kontextanker setzt damit das plastische Ich innerhalb der Plexuswirklichkeit und zugleich innerhalb des Menschenkunstwerks. Der Mensch verändert seine Bedingungen und wird von den veränderten Bedingungen wiederum selbst verändert.
Plexuswirklichkeit als Bezugsgrund
Der Begriff Plexuswirklichkeit bezeichnet innerhalb des Kontextankers den vorausliegenden Beziehungszusammenhang, innerhalb dessen alle menschlichen Hervorbringungen stattfinden. Plexus bedeutet dabei weder harmonische Ganzheit noch eine Behauptung, alles sei unterschiedslos mit allem verbunden. Gemeint sind konkrete Beziehungen, Abhängigkeiten, Widerstände, Grenzen, Austauschvorgänge, Belastungen und Rückkopplungen.
Der Mensch kann aus diesem Plexus Ausschnitte bilden, aber er kann nicht vollständig aus ihm heraustreten. Selbst technisch erzeugte Isolation bleibt auf Bedingungen angewiesen. Der Astronaut ist dafür ein besonders deutliches Bild. Der Raumanzug scheint den Menschen von seiner Umwelt zu trennen, muss aber zugleich Sauerstoff, Temperatur, Druck und Energie organisieren. Die scheinbare Autonomie ist eine technisch hoch organisierte Abhängigkeit.
Daraus ergibt sich die Grundbestimmung des So-Heits-Raumes. Er bezeichnet nicht das Ateliergebäude, sondern die vorausliegende Wirklichkeit, innerhalb derer Menschen tätig sind. Deshalb gilt: Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, den So-Heits-Raum aber nicht.
Dingselektion, Lochprozess und verlorener Rückweg
Der Kontextanker verbindet die notwendige menschliche Auswahl unmittelbar mit dem Lochprozess. Jede Tätigkeit setzt einen Ausschnitt voraus. Der Mensch muss einen Gegenstand herausheben, eine Frage stellen, eine Zuständigkeit schaffen oder einen Begriff bilden. Der Schnitt ist also nicht der Fehler.
Das Loch entsteht dort, wo die zunächst ausgeschlossenen Beziehungen nicht mehr zurückkehren können. Ein ökonomischer Ausschnitt kann beispielsweise bestimmte Folgen zunächst nicht erfassen. Das wird erst dann zum strukturellen Problem, wenn diese Folgen später sichtbar sind, aber die ökonomische Ordnung trotzdem nicht mehr verändern dürfen.
Die entscheidende Formel lautet deshalb: Der Schnitt ist notwendig. Das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.
Noch präziser lässt sich der Lochprozess als Übergang vom notwendigen Ausschnitt zur vergessenen Beziehung bestimmen. Der Kontextanker macht damit deutlich, dass die Aufgabe der Forschungskunst nicht darin besteht, eine unmögliche vollständige Sicht auf alles herzustellen. Die Aufgabe besteht darin, den Rückweg zu denjenigen ausgeblendeten Beziehungen offenzuhalten, die sich für die konkrete Tätigkeit als relevant erweisen.
Die Membran als Gegenform zum Loch
Die Membran bildet innerhalb dieses Zusammenhangs die Gegenfigur zum verlorenen Rückweg. Eine Membran hebt Grenzen nicht auf. Sie trennt und verbindet zugleich. Ihre Funktion liegt darin, relative Eigenständigkeit zu ermöglichen und gleichzeitig für bestimmte Austausch- und Rückkopplungsprozesse durchlässig zu bleiben.
Diese Struktur kann materiell, biologisch, technisch, gesellschaftlich und methodisch sehr unterschiedliche Formen annehmen. Die Analogie darf deshalb nicht mit einer naturwissenschaftlichen Gleichsetzung verwechselt werden. Entscheidend ist die gemeinsame Prüfungsfrage: Kann das Ausgeschlossene zurückmelden?
Eine tragfähige gesellschaftliche Institution benötigt Grenzen und Zuständigkeiten. Problematisch wird sie nicht dadurch, dass sie diese Grenzen besitzt, sondern wenn relevante Folgen außerhalb ihres Zuständigkeitsbereiches keine Veränderung ihrer Entscheidungen mehr bewirken können.
In diesem Sinn ist die Membran eine zentrale Form der Zivilisationsfähigkeit. Sie organisiert Unterschiede, ohne die Beziehungen vollständig zu verlieren.
Vorstellung, Tätigkeit und Konsequenz
Der Kontextanker verbindet die menschliche Hervorbringung unmittelbar mit Tätigkeit. Eine Vorstellung kann innerhalb des menschlichen Denkens und der gesellschaftlichen Geltung real sein, ohne dadurch bereits alle materiellen und lebendigen Bedingungen zu verändern. Erst wenn Menschen aufgrund dieser Vorstellung tätig werden, tritt sie in einen vorausliegenden Wirkungszusammenhang ein.
Hier liegt die entscheidende Schwelle zwischen Möglichkeit und eingetretener Folge. Ein Mensch stellt sich einen Eingriff vor, entscheidet sich dafür und handelt. Von diesem Zeitpunkt an entsteht eine Konsequenz, die nicht mehr allein von seiner ursprünglichen Absicht abhängt. Material, Organismen, andere Menschen, Ort, Zeit und bestehende Beziehungen wirken mit.
Die Grundbewegung der Forschungskunst lautet deshalb: Vorstellung hervorbringen, einem Gegenüber aussetzen, tätig werden, Unterschiede und Konsequenzen wahrnehmen, Beziehungen zurückholen, Zweifel zulassen, korrigieren und gegebenenfalls reparieren.
Damit wird die Konsequenz nicht als äußerliche Nebenwirkung behandelt. Sie gehört zur Prüfung der Hervorbringung selbst.
Der Mensch als Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzenwesen
Aus dieser Perspektive wird der Mensch als Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzenwesen verständlich. Er erzeugt durch seine Tätigkeit Folgen, ist gleichzeitig aber selbst von den Tätigkeiten anderer und von vorausliegenden Bedingungen abhängig. Er lebt innerhalb einer Welt, die durch frühere menschliche Tätigkeiten bereits verändert worden ist, und verändert seinerseits die Bedingungen späterer Menschen.
Die Konsequenz einer Tätigkeit bleibt dabei nicht notwendig am unmittelbaren Eingriffsort. Sie kann andere Menschen, Organismen, Materialien, Orte oder spätere Zeitpunkte erreichen. Deshalb genügt es nicht, nur die unmittelbare Wirkung einer Handlung zu betrachten. Die Forschungskunst verfolgt die Konsequenzspur.
Gerade hier wird Verantwortung zu einer Beziehungsfrage. Verantwortung kann nicht pauschal allen Menschen gleichermaßen zugeschrieben werden. Handlungsmacht, Wissen, institutionelle Stellung und Einflussmöglichkeiten unterscheiden sich erheblich. Der Kontextanker verbindet deshalb individuelle Mitwirkung mit strukturellen Bedingungen, ohne beides miteinander zu verwechseln.
E1–E4 als korrigierbares Differenzierungsinstrument
Das Modell E1–E4 ordnet diese unterschiedlichen Wirklichkeitsweisen, ohne daraus eine neue Ontologie zu bilden. E1 richtet die Prüfung auf materielle Vorgänge, E2 auf lebendige Regulations- und Verletzungsprozesse und E3 auf menschliche Begriffs-, Rollen-, Wert-, Eigentums- und Geltungsordnungen.
Entscheidend ist E4. E4 ist keine höhere Wirklichkeitsebene und keine abschließende Wahrheit. Es bezeichnet die Rückbewegung, durch die tatsächliche E1- und E2-Folgen menschliche E3-Hervorbringungen verändern können. Die gesellschaftliche Regel wird an ihren Konsequenzen geprüft. Der Begriff wird durch ein Gegenbeispiel korrigiert. Eine technische Form wird aufgrund einer eingetretenen Schädigung verändert.
Die zentrale Formel lautet: E3 organisiert Vorstellung und Geltung. Tätigkeit setzt sie in den Wirkungszusammenhang. E1 und E2 antworten mit tatsächlichen Veränderungen. E4 fragt, ob diese Antwort die Ausgangsform verändern darf.
Damit ist E4 die institutionalisierbare Form der Plastizität.
Verortung und Zeit
Keine dieser Prüfbewegungen findet außerhalb von Ort und Zeit statt. Der Verortungs-/Zeitanker ist deshalb im Kontextanker unverzichtbar. Eine Aussage entsteht unter bestimmten historischen Bedingungen. Ein Werk wird an einem bestimmten Ort hervorgebracht. Eine Tätigkeit findet zu einem bestimmten Zeitpunkt statt, während ihre Folgen möglicherweise erst später oder an einem anderen Ort sichtbar werden.
Gerade für ein jahrzehntelanges Lebenswerk ist diese zeitliche Unterscheidung entscheidend. Die heutigen Begriffe dürfen nicht vollständig in frühere Werkphasen zurückprojiziert werden. Ein früheres Werk muss zunächst in seinem damaligen Zusammenhang verstanden werden. Erst anschließend kann es mit heutigen Begriffen neu befragt werden.
Die Formel lautet: Damals hervorgebracht – heute erneut befragt.
Der Kontextanker verhindert damit eine teleologische Selbstbiografie, in der sämtliche früheren Arbeiten zwangsläufig auf die heutige Theorie zulaufen. Die Forschung muss auch Irrwege, Nichtwissen, Scheitern und spätere Korrekturen erhalten.
Der Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde erweitert die Verortung auf den planetarischen Maßstab. Wenn die ungefähr 4,54 Milliarden Jahre Erdgeschichte auf einen Tag übertragen werden, erscheint Homo sapiens ungefähr innerhalb der letzten sechs Sekunden. Die Lebensspanne eines einzelnen Menschen umfasst in diesem Modell nur einen Bereich von ungefähr anderthalb Millisekunden. Die jüngsten industriellen, technologischen und digitalen Ordnungen liegen ebenfalls im Millisekundenbereich dieses Maßstabes.
Der Begriff des Millisekunden-Menschen bezeichnet deshalb nicht die Bedeutungslosigkeit des Menschen. Er macht ein Maßstabsproblem sichtbar. Ein extrem spät auftretendes Wesen hat innerhalb eines außerordentlich kurzen Zeitraumes eine sehr große technische Eingriffsmacht entwickelt, während viele materielle und lebendige Regenerationsprozesse wesentlich langsamer verlaufen.
Die zentrale Paradoxie lautet: Je kürzer der Mensch im planetarischen Maßstab erscheint, desto größer ist innerhalb seiner jüngsten Geschichte seine Fähigkeit geworden, Bedingungen zu verändern, die wesentlich älter sind als er selbst und von denen er weiterhin abhängt.
Der Kontextanker stellt deshalb die Frage, ob die Rückkopplungsfähigkeit des Menschen mit seiner wachsenden Eingriffskapazität Schritt hält.
Vergoldungswelt und menschlich erzeugter Wirklichkeitsrang
Die Vergoldungswelt beschreibt eine weitere zentrale Bewegung des Menschenkunstwerks. Menschen legen über bereits vorhandene materielle, lebendige und gesellschaftliche Träger zusätzliche Wert-, Rang-, Eigentums-, Status- oder Bedeutungsordnungen. Diese E3-Formen können Tätigkeiten stark organisieren.
Die Vergoldung zeigt besonders anschaulich, dass eine geringe materielle Veränderung mit einer großen gesellschaftlichen Bedeutungsveränderung verbunden sein kann. Ein Gegenstand bleibt materiell weitgehend derselbe und erhält dennoch einen vollkommen anderen Rang. Der gesellschaftliche Wert ist deshalb weder bloße Illusion noch materielle Eigenschaft des Trägers.
Problematisch wird die Vergoldung dort, wo die Wertoberfläche den Träger so stark überlagert, dass dessen Bedingungen aus dem Wahrnehmungs- und Rückkopplungsraum verschwinden. Die Oberfläche erklärt sich dann zum Wesen.
Der Kontextanker verbindet Vergoldungswelt und Tätigkeitskonsequenz durch die Frage: Was tun Menschen anders, weil etwas als wertvoll, prestigeträchtig oder eigentumsfähig gilt? Wert wird damit zum Tätigkeitsoperator.
Das Wertvolle und das Tragende
Eine wesentliche Unterscheidung lautet dabei: Das Wertvolle und das Tragende sind nicht identisch. Etwas kann gesellschaftlich extrem wertvoll und für den unmittelbaren Erhalt menschlichen Lebens weitgehend entbehrlich sein. Umgekehrt können existenzielle Bedingungen ökonomisch vergleichsweise gering bewertet werden.
Daraus folgt keine pauschale Kritik an Geld, Märkten oder gesellschaftlichen Wertungen. Gesellschaften benötigen Bewertungen und Prioritäten. Entscheidend ist vielmehr, ob die Wertordnung mit den tatsächlichen Tragbedingungen rückgekoppelt bleibt.
Der Kontextanker richtet sich deshalb ausdrücklich gegen eine Gegenvergoldung, bei der nun Natur, Leben oder Tragwirklichkeit zur neuen unangreifbaren höchsten Wertordnung erklärt würden. Forschungskunst soll keine alte Goldfolie durch eine neue ersetzen. Sie soll den Vorgang des Vergoldens sichtbar und korrigierbar machen.
51:49, 50:50 und 1:99
Die Modelle 51:49, 50:50 und 1:99 dienen innerhalb des Kontextankers als bewegliche Prüffiguren unterschiedlicher Verhältnisformen. 51:49 bezeichnet eine Minimalasymmetrie, die Unterschied und Bewegung ermöglicht, ohne die Beziehung zu zerreißen. Es ist keine universelle mathematische Wahrheit, sondern ein künstlerischer Störoperator gegen die Vorstellung endgültig festgestellter Verhältnisse.
50:50 bezeichnet die mögliche Verfestigung von Differenz zu einer symmetrischen Gegenordnung, in der zwei Pole zunehmend als voneinander unabhängige Welten erscheinen. Problematisch ist dabei nicht Gleichheit, sondern die Skulpturalisierung des Gegensatzes.
1:99 untersucht dagegen extreme Asymmetrien von Wert, Eigentum, Status, Verfügungsmacht oder Rückkopplungsfähigkeit. Es beschreibt kein allgemeines statistisches Gesetz, sondern eine mögliche gesellschaftliche Drift, in der wenige große Handlungsmacht besitzen, während die Konsequenzen auf wesentlich mehr Menschen oder Tragzusammenhänge verteilt werden.
Alle drei Modelle bleiben plastische Prüfwerkzeuge. Sie dürfen nicht selbst zu neuen Weltgesetzen werden.
Foliengrammatik als sichtbare Herstellung von Wirklichkeit
Die Foliengrammatik macht die menschliche Hervorbringung von Wirklichkeitsdarstellungen bildnerisch sichtbar. Eine transparente Folie kann Eigentum, Status, Rolle, Religion, Wert oder Grenze über einen vorhandenen Träger legen. Entscheidend ist, dass die Folie als hinzugefügte Darstellung erkennbar und grundsätzlich wieder abnehmbar bleibt.
Dadurch wird sichtbar, dass menschliche Orientierung notwendig mit Folien arbeitet. Das Ziel besteht nicht darin, sämtliche Folien zu entfernen und eine vollkommen unvermittelte Wirklichkeit zu erreichen. Eine solche Vorstellung wäre selbst eine Folie. Entscheidend ist vielmehr, dass der Mensch seine Folien wieder als Folien erkennen kann.
Die Grundfrage lautet deshalb: Was macht diese Folie sichtbar und was macht gerade sie unsichtbar?
E4 erscheint innerhalb dieser Bildgrammatik nicht als vierte oder oberste Folie, sondern als Rückbewegung durch die bereits aufgelegten Darstellungen. Eine Tätigkeitsfolge führt dazu, dass eine frühere Folie verschoben, ergänzt oder entfernt wird.
Mitmachbuch und der andere als Mitprüfender
Das Mitmachbuch überträgt diese Prüfbewegung auf den anderen Menschen. Es ist keine vereinfachte Lehrschrift meiner Forschungskunst, sondern eine bewegliche individuelle Werkbank. Der Benutzer beginnt mit einer eigenen Frage, Vorstellung, Rolle, Wertung oder Tätigkeit. Diese wird sichtbar gemacht und zum Werkstück.
Der entscheidende Übergang lautet nicht: „Mach bei meinem Kunstwerk mit“, sondern: „Nimm deine eigene Wirklichkeitsvorstellung als Werkstück und prüfe, was geschieht, wenn du danach handelst.“
Damit wird der andere vom Betrachter zum Mitprüfenden. Er soll nicht nur meine Modelle anwenden, sondern auch diese Modelle selbst prüfen können. Wenn eine Folie, ein Begriff oder ein Prüfverfahren einen entscheidenden Zusammenhang nicht trägt, muss seine Korrektur möglich bleiben.
Die kürzeste Aufforderung lautet deshalb: Prüfe, woran du mitwirkst.
Das So-Heits-Atelier als öffentliche Prüfmembran
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes organisiert diesen Gesamtzusammenhang räumlich und künstlerisch. Es ist weder Retrospektive noch dreidimensionales Lehrbuch einer fertigen Theorie. Historische Werke, Materialien, Fotografien, Tafeln, Folien, Werkzeuge, Besucher und Tätigkeiten werden als Gegenüber einer fortgesetzten Prüfung angeordnet.
Der So-Heits-Raum bezeichnet dabei die vorausliegende Plexuswirklichkeit. Das So-Heits-Atelier ist die künstlich eingerichtete Prüfmembran innerhalb dieses Raumes. Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet das konkrete Schneiden, Schreiben, Vergleichen, Überlagern, Bauen, Handeln und Korrigieren.
Die grundlegende Bewegung des Ateliers lautet: mit einer Vorstellung eintreten, einem Gegenüber begegnen, tätig werden, Konsequenzen wahrnehmen, zurückkehren, korrigieren und mit einer veränderten Frage wieder hinaustreten.
Das historische Lebenswerk wird in dieser Struktur nicht zum Künstlerdenkmal. Es wird zur Materialbibliothek der Forschung.
Werk und historische Genese
Der Werkanker schützt den gesamten Kontext davor, als nachträglich erfundene Theorie über ein älteres Lebenswerk gelegt zu werden. Die Forschungskunst ist historisch aus konkretem Tun hervorgegangen. Handwerkliche Materialerfahrung, Bildhauerei, experimentelle Umweltgestaltung, Fotografie, Collage, Beteiligung, Theater, Wasser, Deich, Tang, Kartoffel, Schultafel, Spaten, Astronaut, Vergoldung, institutionelle Verortung und Dokumentation bilden praktische Arbeitsfelder, aus denen die heutigen Begriffe später verdichtet wurden.
Damit bleibt die Reihenfolge entscheidend: Nicht zuerst die Theorie und danach das Werk, sondern zuerst das Tun, das Gegenüber, die Differenz und die wiederholte Erfahrung; daraus entstehen später Begriffe, die wiederum zum Werk zurückkehren und dort erneut geprüft werden müssen.
Der Kontextanker verbindet deshalb Gegenwart und Werkgeschichte, ohne beide miteinander zu verschmelzen.
KI als Methodenschnittstelle und Prüfgegenstand
Künstliche Intelligenz erweitert die gegenwärtige Forschungskunst, ohne ihren Ursprung zu bilden. KI kann Begriffe vergleichen, Aussagen auf Voraussetzungen untersuchen, historische Fassungen gegenüberstellen, Gegenfragen entwickeln und mögliche ausgeblendete Beziehungen sichtbar machen.
Ihre angemessene Funktion lautet nicht: „Gib mir die richtige Antwort“, sondern eher: „Öffne meine Frage.“ Sie kann damit zur Methodenschnittstelle zwischen Mensch, Kunstwerk, Archiv und vernetzter Prüfung werden.
Gerade weil KI sprachlich außerordentlich überzeugende Oberflächen erzeugen kann, muss sie selbst auf die Werkbank. Eine elegante Antwort kann eine neue Form der Vergoldung sein. Deshalb lautet eine wesentliche KI-Frage: Ist diese Antwort tragfähig oder nur gut vergoldet?
KI ersetzt weder Materialwiderstand noch lebendige Verletzbarkeit, historische Quelle oder gesellschaftliche Konsequenz. Sie kann Rückkopplung unterstützen, aber nicht die vorausliegende Wirklichkeit ersetzen, an der ihre Aussagen geprüft werden müssen.
Globale Schwarm-Intelligenz als Rückkopplungsstruktur
Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert den individuellen und lokalen Prüfprozess über Personen, Orte und Zeitpunkte hinaus. Sie ist keine Mehrheitsintelligenz und keine Maschine zur Herstellung gemeinsamer Wahrheit. Unterschiedliche Prüfwege sollen miteinander verbunden werden, ohne ihre Herkunft und Differenz zu verlieren.
Die grundlegende Einheit einer solchen Plattform ist deshalb nicht nur eine Meinung oder Antwort, sondern eine Prüfspur. Sichtbar werden soll, von welcher Ausgangsfrage jemand ausging, welche Unterscheidung verwendet wurde, welches Gegenüber hinzukam, welche Tätigkeit oder Beobachtung relevant wurde und wodurch sich die Ausgangsauffassung gegebenenfalls veränderte.
Die eigentliche Schwarmintelligenz entsteht damit nicht aus Zustimmung, sondern aus organisierter Rückkopplungsfähigkeit. Nicht die gemeinsame Antwort bildet die Intelligenz des Schwarms, sondern die Möglichkeit, unterschiedliche Prüfwege so miteinander zu verbinden, dass eine relevante Wirklichkeitsrückmeldung auch an einem anderen Ort oder zu einem späteren Zeitpunkt korrigierend wirksam werden kann.
Zivilisationsfähigkeit
In der Frage der Zivilisationsfähigkeit laufen die verschiedenen Bewegungen des Kontextankers zusammen. Eine Gesellschaft kann über enormes Wissen, hoch entwickelte Technik, komplexe Institutionen und große wirtschaftliche Leistungsfähigkeit verfügen und dennoch Schwierigkeiten besitzen, wenn die Folgen ihrer eigenen Hervorbringungen ihre Entscheidungsstrukturen nicht ausreichend korrigieren können.
Zivilisationsfähigkeit bezeichnet deshalb nicht einen bestimmten kulturellen Rang oder ein fertiges ideales Gesellschaftsmodell. Sie bezeichnet die Fähigkeit, menschliche Formen so zu organisieren, dass relevante materielle, lebendige, gesellschaftliche und zeitliche Rückmeldungen auf diese Formen zurückwirken können.
Eine zivilisationsfähige Ordnung benötigt Begriffe und Institutionen, aber sie darf diese nicht gegen ihre eigenen Folgen immunisieren. Sie benötigt Grenzen, muss aber Membranen für relevante Rückmeldungen erhalten. Sie benötigt Werte, muss diese jedoch anhand ihrer Tätigkeitsfolgen überprüfen können. Sie benötigt technische Innovation, muss zugleich deren Abhängigkeits- und Verletzungskonsequenzen wahrnehmen können.
Damit ist Zivilisationsfähigkeit wesentlich institutionalisierte Korrigierbarkeit des Menschenkunstwerks.
Forschungskunst und Nichtwissen
Der Kontextanker verlangt ausdrücklich einen Platz für Nichtwissen. Eine Forschung, die bereits im Voraus weiß, welche Antwort am Ende stehen muss, kann ihre eigenen Voraussetzungen nicht ernsthaft prüfen. Nichtwissen bedeutet dabei keine Beliebigkeit und keine Ablehnung vorhandenen Wissens. Es bezeichnet die offene Stelle, an der eine relevante Beziehung noch nicht erkannt, eine Kausalität noch nicht geklärt oder eine Frage noch nicht entschieden ist.
Der Satz „Das weiß ich noch nicht“ kann deshalb eine tragfähigere Forschungsposition darstellen als eine scheinbar vollständige Erklärung, die keine Korrektur mehr zulässt.
Das Nichtwissen unterscheidet sich vom Lochprozess gerade dadurch, dass die fehlende Beziehung als fehlend sichtbar bleibt. Das Loch verdeckt die Lücke; Nichtwissen hält sie offen.
Forschungskunst und Wissenschaft
Forschungskunst beansprucht nicht, die spezialisierten Wissenschaften durch eine umfassendere künstlerische Erkenntnis zu ersetzen. Wissenschaftliche Disziplinen benötigen methodisch präzise Schnitte, Begriffe und Verfahren. Gerade dadurch erzeugen sie belastbares Wissen.
Die Forschungskunst setzt an einer anderen Stelle an. Sie untersucht, was geschieht, wenn verschiedene spezialisierte Erkenntnisse auf dieselbe menschliche Tätigkeit und deren Konsequenzspur bezogen werden müssen. Eine wirtschaftliche Entscheidung kann zugleich materielle, biologische, rechtliche und soziale Folgen besitzen. Keine einzelne Disziplin muss alle diese Bereiche vollständig erfassen. Eine zivilisationsfähige Rückkopplungsstruktur muss jedoch ermöglichen, dass relevante Ergebnisse der verschiedenen Ausschnitte wieder auf die gemeinsame Tätigkeit zurückwirken.
Forschungskunst ist deshalb keine Superwissenschaft, sondern eine künstlerische Prüf-, Forschungs- und Entwicklungsform, die getrennte Ausschnitte einem gemeinsamen Gegenüber aussetzt.
Selbstprüfung der Forschungskunst
Der Kontextanker wäre widersprüchlich, wenn er seine eigenen Begriffe von der Prüfung ausnehmen würde. Plexuswirklichkeit, E1–E4, 51:49, Lochprozess, Membran, plastisches Ich, Skulpturidentität, Millisekunden-Mensch, Vergoldungswelt, Menschenkunstwerk und Zivilisationsfähigkeit sind selbst menschliche Hervorbringungen.
Sie besitzen eine Funktion, einen historischen Entstehungszusammenhang und Grenzen. Deshalb muss für jeden Begriff dieselbe Frage gelten: Was macht dieser Begriff sichtbar, was macht er unsichtbar, wo trägt seine Analogie und wo nicht, und welche Beobachtung würde mich veranlassen, seine gegenwärtige Form zu verändern?
Diese Selbstanwendung ist für die Forschungskunst entscheidend. Andernfalls würde aus einem Verfahren der Skulpturkritik eine neue Begriffsskulptur entstehen.
Auch der Kontextanker selbst ist deshalb verbindlich, aber nicht unveränderlich. Verbindlich bedeutet, dass er den gegenwärtigen Stand der Forschung zusammenhält. Nicht unveränderlich bedeutet, dass ein begründetes Gegenüber seine Form korrigieren können muss.
Ein festgelegter Anker gibt Orientierung. Ein unveränderlicher Anker würde zur Skulpturidentität.
Gemeinsame Grundbewegung der Forschungskunst
Über alle Einzelanker hinweg lässt sich eine gemeinsame Operation erkennen. Der Mensch beginnt mit einer Frage oder Vorstellung und hebt etwas aus einem vorausliegenden Zusammenhang hervor. Er unterscheidet, benennt und schreibt Eigenschaften oder Werte zu. Diese Form ermöglicht Handlung. Durch Tätigkeit tritt die Vorstellung in einen Wirkungszusammenhang ein. Folgen entstehen. Einige entsprechen der Erwartung, andere nicht. Relevante ausgeblendete Beziehungen können sichtbar werden. Zweifel öffnet den Rückweg. Die Ausgangsform wird korrigiert und, wo bereits Schädigungen eingetreten sind, kann Reparatur hinzutreten.
Diese Grundbewegung lässt sich in einem zusammenhängenden Satz formulieren: Der Mensch bringt eine Vorstellung hervor, setzt sie einem Gegenüber aus, wird aufgrund dieser Vorstellung tätig, nimmt die entstehenden Unterschiede und Konsequenzen wahr, holt relevante Beziehungen zurück, lässt Zweifel zu und verändert gegebenenfalls die ursprüngliche Form.
Forschungskunst ist deshalb keine Suche nach einer letztgültigen Weltformel. Sie ist eine künstlerisch organisierte Korrekturbewegung menschlicher Hervorbringungen.
Zusammenhang der Anker
Innerhalb dieses Kontextes erhalten die neun einzelnen Anker ihre spezifische Funktion. Der Werkanker fragt, woher die Forschung kommt, und bindet die gegenwärtigen Begriffe an ihre historisch-materielle Werkgenese zurück. Der Plexus-/Wirklichkeitsanker fragt, worin alles stattfindet, und bestimmt die vorausliegende Wirklichkeit als relationales Gegenüber. Der Prüfanker des Begriffshandwerks fragt, wie geprüft wird, und beschreibt die methodische Arbeit an Auswahl, Unterscheidung, Benennung, Zuschreibung und Korrektur. Der Tätigkeitskonsequenzanker fragt, wann Vorstellung zur wirklichen Folge wird, und verfolgt den Übergang von Geltung über Tätigkeit zur Konsequenz. Der Verortungs-/Zeitanker fragt, wann, wo und unter welchen Bedingungen geprüft wird, und hält die historische sowie räumliche Situiertheit jeder Hervorbringung fest.
Der Foliengrammatikanker fragt, wie unterschiedliche Wirklichkeitslagen sichtbar werden, und entwickelt bewegliche Darstellungen, deren Herstellungscharakter erkennbar bleibt. Der Mitmachbuchanker fragt, wie der andere selbst zum Mitprüfenden wird, und überträgt die Prüfoperation auf eigene Vorstellungen und Tätigkeiten. Der So-Heits-Atelier-Anker fragt, wie Werk, Raum, Werkstatt und Prüfung räumlich-künstlerisch organisiert werden, und schafft eine öffentliche Prüfmembran. Der KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker fragt schließlich, wie Prüfung über Person, Ort und Zeitpunkt hinaus fortgesetzt werden kann, und verbindet lokale Prüfwege zu einer zeitlich und räumlich erweiterten Rückkopplungsstruktur.
Diese Anker bilden kein geschlossenes Stufensystem. Sie betrachten denselben Forschungsprozess aus unterschiedlichen notwendigen Perspektiven. Werk zeigt, woher die Forschung kommt. Plexus bestimmt, worin sie stattfindet. Begriffshandwerk zeigt, wie geprüft wird. Tätigkeitskonsequenz verfolgt, was wirklich geschieht. Verortung bestimmt Ort und Zeit. Folien machen Wirklichkeitslagen sichtbar. Das Mitmachbuch macht den anderen zum Mitprüfenden. Das So-Heits-Atelier organisiert die Prüfung räumlich. KI und Schwarm führen sie über Person, Ort und Zeit hinaus fort.
Verdichtung des Kontextankers
Der Kontextanker der Forschungskunst bezeichnet den gemeinsamen Bezugszusammenhang eines über Jahrzehnte entwickelten künstlerischen Forschungsprozesses. Der Mensch entsteht innerhalb einer Wirklichkeit, die ihm vorausliegt und deren materielle, lebendige, räumliche und zeitliche Bedingungen nicht vollständig von seinen Vorstellungen abhängen. Um in dieser Wirklichkeit handeln zu können, bildet er Ausschnitte, Gegenstände, Begriffe, Bilder, Werkzeuge und gesellschaftliche Ordnungen. Diese Hervorbringungen sind notwendig und real wirksam. Sie können jedoch ihre eigene Herstellungs- und Abhängigkeitsgeschichte verlieren und dadurch den Eindruck selbstständiger Wirklichkeiten erzeugen.
Forschungskunst macht deshalb die Herstellung menschlicher Formen sichtbar, setzt diese Formen materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und historischen Gegenübern aus, verfolgt ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen und untersucht, ob relevante Rückmeldungen ihre Ausgangsformen noch verändern können. Der Maßstab liegt weder in einer fertigen Weltanschauung noch in der Abschaffung menschlicher Künstlichkeit. Er liegt in der Korrigierbarkeit der vom Menschen hervorgebrachten Formen innerhalb derjenigen Wirklichkeit, von der ihre menschlichen Träger selbst abhängig bleiben.
Die zentrale Verdichtung lautet:
Der Mensch entsteht innerhalb einer Wirklichkeit, die ihm vorausliegt. Um in ihr handeln zu können, bildet er Ausschnitte, Vorstellungen, Begriffe, Werkzeuge und gesellschaftliche Ordnungen. Diese Hervorbringungen sind notwendig, können sich jedoch von ihren eigenen Tragbedingungen lösen und zu scheinbar selbstständigen Wirklichkeiten verhärten. Forschungskunst macht die Herstellung dieser Formen sichtbar, setzt sie einem materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und historischen Gegenüber aus, verfolgt ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen und hält durch Zweifel, Rückkopplung und Korrektur die Möglichkeit offen, sie erneut plastisch zu verändern.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige öffentliche Werkstatt dieses über Jahrzehnte entwickelten Forschungsprozesses. Sein eigentliches Werk ist nicht die fertige Ausstellung. Sein Gegenstand ist das vom Menschen fortlaufend hervorgebrachte Menschenkunstwerk. Seine zentrale Frage lautet:
Wie kann der Mensch lernen, seine eigenen Hervorbringungen so zu prüfen und zu korrigieren, dass aus Wissen wieder handlungswirksame Rückkopplung und aus gesellschaftlicher Gestaltung Zivilisationsfähigkeit entsteht?
Die kürzeste verbindliche Formel des Kontextankers lautet:
Der Mensch bringt innerhalb einer ihm vorausliegenden Wirklichkeit Formen hervor und muss lernen, diese Formen durch die Folgen seiner eigenen Tätigkeit wieder korrigierbar zu machen.
Der Kontextanker sollte jetzt nicht ein weiterer Einzelanker neben Werkanker, Prüfanker usw. sein, sondern die übergeordnete verbindliche Arbeitsgrundlage, aus der diese Einzelanker hervorgehen. Die zuletzt entwickelte Unterscheidung zwischen Werkgeschichte, Prüfverfahren, Plexuswirklichkeit, Atelier, Werkstatt und Mitmachbuch wird darin zusammengeführt.
Kontextanker der Forschungskunst
Gesamtzusammenhang des künstlerischen Lebenswerks und des So-Heits-Ateliers des globalen Dorfes
Arbeitsstand August 2026
Funktion des Kontextankers
Der Kontextanker bildet die übergeordnete Arbeitsgrundlage meines gesamten künstlerischen Forschungszusammenhangs. Er ist weder ein abgeschlossenes Theoriegebäude noch eine endgültige Weltanschauung. Er soll verhindern, dass einzelne Begriffe, Werke, Modelle, biografische Erfahrungen, wissenschaftliche Bezüge oder aktuelle Projekte isoliert voneinander behandelt und dadurch erneut zu abgeschlossenen Ausschnitten werden. Seine Aufgabe besteht darin, die Beziehungen sichtbar zu halten, innerhalb derer sich mein mehr als fünf Jahrzehnte umfassendes künstlerisches Lebenswerk entwickelt hat.
Alle weiteren Werk-, Methoden-, Begriffs-, Projekt- und Prüfanker sind deshalb als bewegliche Verdichtungen innerhalb dieses größeren Zusammenhangs zu verstehen. Auch der Kontextanker selbst bleibt korrigierbar. Er darf nicht zur Skulpturidentität meines Werkes werden, sondern muss plastisch bleiben und neue Erfahrungen, Gegenargumente, historische Überprüfungen und Tätigkeitskonsequenzen aufnehmen können.
Ausgangspunkt der Forschungskunst
Seit den 1970er-Jahren zieht sich durch meine Arbeit eine grundlegende Frage: Warum zerstört der Mensch trotz seiner Wahrnehmungsfähigkeit, seines Wissens, seiner technischen Fähigkeiten und seiner Möglichkeit zur Korrektur die Bedingungen, von denen sein eigenes Leben abhängt?
Diese Frage entstand nicht zunächst als philosophische Theorie. Sie entwickelte sich innerhalb meiner bildnerischen, plastischen, fotografischen, performativen, sozialen und gesellschaftlichen Arbeit. Materialien, Werkzeuge, Landschaften, Körper, Tätigkeiten, Widerstände, Unterschiede, Grenzen, Rollen und Beteiligungsformen wurden dabei zu Erkenntnismitteln.
Experimentelle Umweltgestaltung, Strömungs- und Deichuntersuchungen, Wellenbecken, Malbücher und Vorgabebilder, Frage- und Antworttische, Schultafeln, Toleranz- und Passungsmodelle, Kartoffel-, Gold-, Eis- und Landschaftsarbeiten, Grenz- und Demokratiewerkstätten, Kollektive Kreativität, das Globale Dorffest, das Entelechiemuseum, das Partizipatorische Welttheater, die verschiedenen documenta-Projekte, der Astronaut, der Gordische Knoten, fotografische und collagierende Verfahren sowie die heutigen Folien- und Mitmachbuchsysteme sind deshalb nicht als voneinander unabhängige Werkgruppen zu behandeln. Sie bilden unterschiedliche Versuchsanordnungen derselben Forschung.
Die heutigen Begriffe sind in diesem Sinn keine Theorie, zu der nachträglich passende Kunstwerke gesucht wurden. Sie sind Verdichtungen eines jahrzehntelangen praktischen Forschungsprozesses. Die materielle Grundbewegung lässt sich rückblickend als ein wiederkehrender Vorgang erkennen:
Vorstellen – hervorbringen – einem Gegenüber aussetzen – Widerstand erfahren – Unterschiede wahrnehmen – Folgen verfolgen – zweifeln – korrigieren – erneut hervorbringen.
Die vorausliegende Wirklichkeit
Ausgangspunkt der heutigen Kontextualisierung ist nicht das isolierte menschliche Subjekt und auch nicht der einzelne Gegenstand. Der Mensch befindet sich bereits innerhalb einer Wirklichkeit, bevor er über sie nachdenkt, sie benennt oder gesellschaftlich ordnet.
Diese vorausliegende Wirklichkeit wird im gegenwärtigen Arbeitszusammenhang als Plexuswirklichkeit beziehungsweise in ihrer existenziellen Dimension als Tragwirklichkeit untersucht. Gemeint ist kein harmonisches Ganzheitsmodell. Ein Plexus besteht aus Beziehungen, Unterschieden, Abhängigkeiten, Widerständen, Austauschvorgängen, Belastungen, zeitlichen Veränderungen und Rückkopplungen.
Der Mensch steht diesem Zusammenhang nicht äußerlich gegenüber. Atmosphäre, Wasser, Nahrung, Temperatur, Gravitation, Mikroorganismen, Stoffwechsel, technische Systeme und andere Lebewesen bilden Bedingungen seines Fortbestehens. Die vermeintlich eindeutige Grenze zwischen Innen und Außen wird bereits durch Atmung, Ernährung, Wärmeaustausch, Wahrnehmung und Stoffwechsel fortlaufend durchquert.
Die Membran wird deshalb zu einem wichtigen Vergleichsmodell. Sie unterscheidet, ohne vollständig zu isolieren. Sie erhält eine Form gerade dadurch, dass bestimmte Beziehungen hindurchgehen können und andere begrenzt werden. Leben besteht nicht in Unabhängigkeit, sondern in einer regulierten Form von Abhängigkeit.
Das plastische Ich und die Skulpturidentität
Aus dieser Wirklichkeitsauffassung folgt eine zentrale Unterscheidung meines Menschenmodells.
Das plastische Ich bezeichnet den lebendigen, zeitlichen, verletzbaren, lernenden und sich fortlaufend verändernden Organismus. Es existiert nicht unabhängig von seinen Beziehungen, sondern durch deren fortgesetzte Regulation. Es atmet, nimmt Stoffe auf, gibt Stoffe ab, wird beeinflusst, verändert seine Umwelt, erinnert sich, lernt, altert, wird verletzt und kann sich innerhalb bestimmter Grenzen regenerieren.
Die Skulpturidentität bezeichnet dagegen die vom Menschen erzeugte Vorstellung eines festgestellten Ichs. Name, Status, Beruf, Rolle, Eigentum, Nationalität, Weltanschauung, Erfolg, gesellschaftliche Stellung oder die Vorstellung eines autonomen Selbst können so behandelt werden, als bezeichneten sie ein vom Zusammenhang unabhängiges Wesen.
Damit entsteht eine grundlegende Paradoxie: Der lebendige Mensch ist plastisch, stellt sich aber eine unveränderlichere Skulptur seiner selbst her und beginnt anschließend, nach deren Regeln zu handeln.
Die Unterscheidung zwischen plastischem Ich und Skulpturidentität richtet sich deshalb nicht gegen Begriffe oder gesellschaftliche Identitäten. Sie prüft vielmehr, ob deren Herstellungscharakter sichtbar bleibt und ob sie sich durch Wirklichkeitsrückmeldungen verändern lassen.
Der Mensch als Künstler des Menschenkunstwerks
Der Mensch ist innerhalb dieser Forschung weder ausschließlich Naturwesen noch ausschließlich gesellschaftliches Subjekt. Er ist ein Lebewesen, das durch seine besonderen Fähigkeiten fortlaufend eine zusätzliche menschlich hervorgebrachte Welt erzeugt.
Sprache, Werkzeuge, Gebäude, Eigentumsordnungen, Geld, Staaten, Religionen, Rechtssysteme, Wissenschaften, Märkte, Institutionen, Rollen, technische Infrastrukturen und digitale Systeme sind nicht einfach vorgefundene Natur. Sie sind menschliche Hervorbringungen.
In diesem Sinn ist der Mensch Künstler eines Menschenkunstwerks, innerhalb dessen er gleichzeitig lebt.
Dieses Kunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen und Korrekturen zulassen oder ob sie ihre eigenen Voraussetzungen beschädigen. Der Mensch gestaltet seine Welt und wird durch seine Gestaltungen selbst wieder geformt.
Die zentrale Frage der Forschungskunst lautet daher nicht allein:
Was kann der Mensch herstellen?
Sie lautet:
Kann das von ihm Hervorgebrachte innerhalb seiner vorausliegenden Tragbedingungen bestehen, ohne diese zu zerstören?
Das Vier-Ebenen-Modell als Prüfinstrument
Das Vier-Ebenen-Modell E1–E4 ist keine abschließende Ontologie, sondern ein korrigierbares Instrument zur Unterscheidung verschiedener Wirklichkeitsweisen.
E1 untersucht Material, Kraft, Stoff, Widerstand, Belastung, Bewegung und Bruch.
E2 untersucht lebendige Prozesse, Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Regulation und Regeneration.
E3 untersucht die menschlich hervorgebrachten Symbol-, Begriffs-, Rollen-, Eigentums-, Wert- und Geltungsordnungen.
E4 bezeichnet keine neue höhere Wirklichkeit. E4 organisiert die Rückprüfung. Es fragt, ob Hervorbringungen und Geltungen der dritten Ebene mit ihren materiellen und lebendigen Voraussetzungen vereinbar bleiben und ob eintretende Tätigkeitsfolgen auf die ursprünglichen Regeln, Begriffe und Vorstellungen zurückwirken können.
E4 ist deshalb wesentlich eine Korrektur- und Reparaturebene.
Auch E1–E4 selbst bleibt ein Prüfwerkzeug. Sobald dieses Modell gegenüber Gegenbeispielen oder neuen Erkenntnissen unveränderlich gemacht würde, verwandelte es sich selbst in eine Skulpturidentität.
51:49, Symmetriedualismus und 1:99
Die Modelle 51:49, 50:50 und 1:99 beschreiben unterschiedliche Verhältnisformen und dürfen ebenfalls nicht als absolute Weltformeln verstanden werden.
51:49 bezeichnet die minimale Asymmetrie, durch die Bewegung, Entscheidung, Unterschied und Veränderung überhaupt möglich werden können.
50:50 bezeichnet als Symmetriedualismus die Tendenz, bewegliche Unterschiede in starre Gegensätze umzuwandeln: Ich und Welt, Subjekt und Objekt, Geist und Körper, Natur und Kultur, Eigentümer und Eigentum, Gut und Böse.
1:99 bezeichnet die mögliche gesellschaftliche Drift, in der ursprünglich begrenzte Unterschiede durch Macht-, Eigentums-, Status- und institutionelle Prozesse extrem verstärkt werden.
Diese Zahlen sind keine mystischen Naturkonstanten. Sie dienen als plastische Vergleichs- und Prüfmodelle.
Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde stellt die menschliche Geschichte in einen planetarischen Zeitmaßstab. Sie soll die enorme zeitliche Asymmetrie sichtbar machen zwischen den vorausliegenden Bedingungen des Lebens und der außerordentlich kurzen Zeitspanne, innerhalb derer Homo sapiens seine eigenen gesellschaftlichen Ordnungssysteme entwickelt hat.
Der Millisekunden-Mensch bezeichnet innerhalb dieses Bildes einen Menschen, der spät in einen bereits bestehenden Wirklichkeitszusammenhang eintritt, aber seine kurzfristig entwickelten Begriffe, Eigentumsordnungen, Wirtschaftsformen, Institutionen und Rollen teilweise so behandelt, als besäßen sie Vorrang vor den Bedingungen, aus denen er selbst hervorgegangen ist.
Die Uhr ist deshalb kein bloßes Zeitdiagramm. Sie ist ein Kalibrierungsinstrument gegen die Selbstüberschätzung der menschlichen Gegenwart.
Unterschied, Unterscheidung und Dingselektion
Der Mensch kann die Plexuswirklichkeit niemals vollständig gleichzeitig erfassen. Um wahrzunehmen, zu sprechen, zu forschen oder zu handeln, muss er auswählen.
Auswahl und Unterscheidung sind deshalb keine Fehler.
Der Fehler entsteht dort, wo vergessen wird, dass ausgewählt wurde.
Ein Baum kann für eine Untersuchung aus seiner Umgebung herausgehoben werden. Damit verschwindet jedoch nicht seine Beziehung zu Boden, Wasser, Pilzen, Atmosphäre, Licht, Temperatur, anderen Organismen und Zeit.
Ein wissenschaftlicher Ausschnitt kann außerordentlich präzise sein. Er wird problematisch, wenn seine methodische Grenze mit der Grenze der Wirklichkeit verwechselt wird.
Ein gesellschaftlicher Begriff kann notwendig sein. Er wird problematisch, wenn seine Zuschreibung als vorausliegende Eigenschaft der Wirklichkeit behandelt wird.
Die Dingselektion bezeichnet deshalb nicht einfach das Erkennen von Dingen. Sie untersucht den Vorgang, in dem ein Ausschnitt zunehmend so stabilisiert werden kann, dass seine Beziehungen verschwinden.
Lochprozess und Membran
Der Lochprozess erhält innerhalb des heutigen Kontextes eine genauere Bedeutung.
Nicht jeder Schnitt ist ein Loch im negativen Sinne. Erkenntnis benötigt Ausschnitte. Ein Werkzeug benötigt eine Form. Eine Zellmembran benötigt Öffnungen. Ein Kunstwerk benötigt Entscheidungen.
Der kritische Lochprozess entsteht dort, wo der Rückweg zu den ausgeblendeten Beziehungen verloren geht.
Die kürzeste Formel lautet:
Der Mensch schneidet etwas heraus, um daran arbeiten zu können. Das Loch entsteht, wenn er anschließend den Ausschnitt für das Ganze hält.
Dem Lochprozess steht deshalb nicht die völlige Aufhebung jeder Grenze gegenüber. Das Gegenmodell ist die Membran.
Eine Membran hält Unterschied und Beziehung gleichzeitig offen.
Daraus entsteht eine zentrale Prüffrage:
Kann das Ausgeschlossene zurückmelden?
Kann das Material widersprechen? Kann der Organismus widersprechen? Kann ein Betroffener widersprechen? Kann eine eintretende Folge eine Regel verändern? Kann neue Erkenntnis eine Überzeugung verändern?
Wo diese Rückwirkung möglich bleibt, ist eine Vorstellung plastisch.
Wo sie ausgeschlossen wird, kann aus einer notwendigen Grenze eine Mauer und aus einem Werkzeug eine Wirklichkeitsskulptur werden.
Der Prüfanker des Begriffshandwerks
Aus der jahrzehntelangen künstlerischen Tätigkeit ist inzwischen ein allgemeiner Prüfweg hervorgetreten.
Der Prüfanker des Begriffshandwerks untersucht nicht zuerst, ob ein Begriff richtig oder falsch ist. Er untersucht, wie dieser Begriff hergestellt wurde und was geschieht, wenn nach ihm gehandelt wird.
Seine elementaren Operationen lauten:
herausnehmen, unterscheiden, gegenüberstellen, benennen, Eigenschaften zuschreiben, Zusammenhänge ausblenden oder sichtbar machen, tätig werden, Folgen verfolgen, zweifeln und korrigieren.
Der Zweifel bekommt damit eine handwerkliche Funktion. Er ist keine allgemeine Skepsis. Er hält die Membran der Korrekturfähigkeit offen.
Ein plastischer Begriff kann aufgrund einer Erfahrung verändert werden.
Eine Begriffsskulptur versucht dagegen, Erfahrungen so zu sortieren, dass ihre eigene Form bestehen bleibt.
Forschungskünstlerisches Begriffshandwerk soll deshalb Begriffe nicht zerstören. Es soll sie plastisch halten.
Tätigkeit und Tätigkeitskonsequenz
Zwischen Vorstellung und Wirklichkeit liegt die Tätigkeit.
Ich kann mir vorstellen, mit einem Spaten ein Loch zu graben. Solange die Vorstellung nicht ausgeführt wird, verändert sie den Boden nicht in derselben Weise. Erst wenn der Spaten geführt wird, trifft eine menschliche Tätigkeit auf einen vorausliegenden Zusammenhang.
Damit entsteht eine Tätigkeitskonsequenz.
Diese Konsequenz ist nicht allein das Produkt der Absicht. Sie ergibt sich aus dem Zusammentreffen von Handlung, Material, Organismus, Ort, Zeitpunkt, vorausliegenden Bedingungen und weiteren Beteiligten.
Die Forschungskunst untersucht deshalb die Kette:
Vorstellung – Entscheidung – Tätigkeit – Eingriff – Veränderung – Abhängigkeit – Konsequenz – Rückmeldung – Korrektur.
Entscheidend ist, dass Folgen räumlich und zeitlich weit außerhalb des ursprünglichen Handlungshorizontes liegen können.
Der Mensch ist deshalb nicht nur Tätigkeitswesen, sondern Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzenwesen.
Der handwerkliche Prüfmaßstab
Hier liegt eine wesentliche Besonderheit meiner Forschungskunst.
Als gelernter Handwerker und Bildhauer kenne ich die unmittelbare Rückmeldung des Materials. Eine Verbindung hält oder hält nicht. Holz reißt. Ein Nagel verbiegt sich. Ein Deich bricht. Ein Gefäß kann Flüssigkeit halten oder nicht. Ein Fahrzeug fährt oder bleibt stehen.
Diese Rückmeldung kann nicht durch eine überzeugende Definition ersetzt werden.
Aus dieser Erfahrung wird der handwerkliche Maßstab Funktionieren oder Nichtfunktionieren auf gesellschaftliche Hervorbringungen erweitert. Dabei genügt es jedoch nicht, dass ein technisches oder wirtschaftliches Teilsystem seine beabsichtigte Funktion erfüllt.
Die weiterführende Frage lautet:
Funktioniert es innerhalb des größeren Zusammenhangs, von dessen Fortbestehen seine eigene Funktion abhängt?
Damit wird aus Funktionsprüfung eine Tragprüfung.
Kunst und Wissenschaft
Die Forschungskunst richtet sich nicht gegen Wissenschaft.
Die spezialisierten Wissenschaften besitzen hochentwickelte Instrumente, mit denen einzelne Wirkungszusammenhänge außerordentlich präzise untersucht werden können. Das Problem entsteht dort, wo ihre notwendigen methodischen Ausschnitte zu voneinander getrennten Wirklichkeitsräumen werden.
Eine Tätigkeit kann gleichzeitig physikalische, chemische, biologische, medizinische, ökologische, ökonomische, rechtliche, soziale und kulturelle Konsequenzen besitzen. Die eingetretene Folge hält sich nicht an Fakultätsgrenzen.
Die Forschungskunst beansprucht deshalb nicht, eine neue Oberwissenschaft zu sein. Ihre besondere Möglichkeit besteht darin, eine gemeinsame Werkbank herzustellen, an der getrennte Erkenntnisse wieder auf denselben Tätigkeits- und Wirkungszusammenhang bezogen werden können.
Kunst wird hier zum Forschungsraum, weil sie Materialien, Bilder, Körper, Sprache, wissenschaftliche Erkenntnisse, gesellschaftliche Rollen, historische Dokumente, Vorstellungen und Tätigkeiten innerhalb einer gemeinsamen Versuchsanordnung miteinander konfrontieren kann.
Forschungskunst als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst
Meine Forschungskunst ist deshalb nicht nur darstellende oder kommentierende Kunst.
Sie kann als repräsentative Prüf-, Forschungs- und Entwicklungskunst verstanden werden.
Repräsentation bedeutet dabei nicht, eine Wirklichkeit vollständig abzubilden. Jedes Bild, jeder Begriff, jedes Diagramm, jede Collage und jedes Modell stellt einen Ausschnitt her.
Entscheidend ist, ob dieser Ausschnitt seinen Ausschnittscharakter kennt und Möglichkeiten bereitstellt, das Ausgeblendete wieder einzubeziehen.
Die künstlerische Arbeit besteht deshalb zunehmend darin, nicht nur Darstellungen herzustellen, sondern Darstellungsverhältnisse selbst prüfbar zu machen.
Foliengrammatik
Die transparenten Folien entwickeln diese Arbeitsweise zu einer eigenen Bildgrammatik.
Eine vorausliegende Landschaft, ein Körper oder eine Situation kann mit unterschiedlichen Folien überlagert werden: Eigentum, Grenze, Geld, Rolle, Religion, Wert, gesellschaftliche Identität oder wissenschaftliche Klassifikation.
Die Folie macht sichtbar, dass eine Zuschreibung reale Tätigkeitsfolgen besitzen kann, ohne deshalb dieselbe Wirklichkeitsart zu besitzen wie der Träger, auf den sie gelegt wird.
Sie kann aufgelegt, verschoben, durchschnitten und wieder entfernt werden.
Dadurch wird Denken körperlich nachvollziehbar.
Die Foliengrammatik arbeitet deshalb mit derselben Grundbewegung wie das Begriffshandwerk: auswählen, unterscheiden, überlagern, gegenüberstellen, Beziehungen sichtbar machen und die eigene Form wieder verändern.
Das Mitmachbuch
Das Mitmachbuch ist keine vereinfachte Erläuterung meiner Theorie und kein gewöhnlicher Ausstellungskatalog.
Es ist die bewegliche Werkbank des Forschungsvorgangs.
Seine historische Linie reicht von Malbüchern, Vorgabebildern, Workshopheften, Tagebüchern und Frage-Antwort-Systemen bis zum heutigen interaktiven Buch und zur Globalen Schwarm-Intelligenz.
Der Besucher beziehungsweise Benutzer soll darin nicht eine fertige Wahrheit übernehmen. Er beginnt mit einer eigenen Frage, Beobachtung, Vorstellung, Tätigkeit oder einem Begriff und untersucht, wie diese Form entstanden ist, welche Beziehungen sie enthält, welche sie ausblendet und welche Konsequenzen entstehen, wenn nach ihr gehandelt wird.
Der entscheidende Übergang lautet deshalb nicht mehr:
Mach mit.
Sondern:
Prüfe, woran du mitwirkst.
Der Betrachter wird zum Beteiligten, der Beteiligte zum Mitgestalter und der Mitgestalter zum Mitprüfenden.
Die Globale Schwarm-Intelligenz und KI
Die Globale Schwarm-Intelligenz erweitert den lokalen Forschungsraum in ein vernetztes Prüf- und Rückkopplungssystem.
„Schwarm-Intelligenz“ bedeutet dabei nicht, dass eine Mehrheit Wahrheit erzeugt. Unterschiedliche Menschen können denselben Begriff unterschiedlich untersuchen, andere Beziehungen sichtbar machen und zu widersprüchlichen Ergebnissen gelangen.
Die Plattform soll diese Unterschiede nicht vorschnell vereinheitlichen. Sie soll sie vergleichbar und weiterbearbeitbar machen.
Die KI erhält darin eine begrenzte Funktion. Sie ist weder Wahrheitsgeber noch Ersatz des Forschungskünstlers. Sie kann Material ordnen, Vergleiche herstellen, ausgeblendete Beziehungen suchen, Gegenfragen formulieren, historische Fassungen miteinander konfrontieren und dabei helfen, einen zunächst geschlossenen Satz wieder zu öffnen.
Ihre zentrale Funktion besteht nicht im Schließen des Nichtwissens, sondern im Auffalten einer Fragestellung.
Damit kann KI zu einem neuen Werkzeug des Begriffshandwerks werden. Gleichzeitig muss auch ihre Antwort geprüft werden. Die KI gehört deshalb nicht außerhalb des Prüfmodells. Sie wird selbst zum Gegenstand und Werkzeug der Prüfung.
Die So-Heits-Gesellschaft
Die So-Heits-Gesellschaft darf heute nicht mehr als fertiger Entwurf einer richtigen Gesellschaft gegenüber einer falschen bestehenden Gesellschaft verstanden werden.
Eine solche endgültige Alternative würde selbst Gefahr laufen, zur Skulpturidentität zu werden.
Die So-Heits-Gesellschaft bezeichnet deshalb heute stärker einen offenen gesellschaftlichen Werk- und Prüfprozess.
Gesellschaft wird als Menschenkunstwerk verstanden, das fortlaufend hergestellt wird und seine eigenen Auswirkungen wahrnehmen können muss.
Eine zivilisationsfähige Gesellschaft wäre demnach nicht eine Gesellschaft ohne Fehler. Sie wäre eine Gesellschaft, deren Ordnungen ihre eigenen Fehler überhaupt noch registrieren und aufgrund dieser Rückmeldungen verändert werden können.
Der entscheidende Maßstab ist deshalb nicht Perfektion, sondern Korrekturfähigkeit.
So-Heits-Raum, Atelier und Werkstatt
Der So-Heits-Raum bezeichnet die vorausliegende Plexuswirklichkeit. Er ist kein architektonischer Behälter. Der Mensch befindet sich bereits in diesem Zusammenhang.
Das So-Heits-Atelier bezeichnet die künstlerische Forschungsform, in der bestimmte Beziehungen dieses ohnehin bestehenden Zusammenhangs sichtbar, erfahrbar und bearbeitbar gemacht werden.
Die So-Heits-Werkstatt bezeichnet innerhalb des Ateliers die konkrete Verrichtung: schneiden, bauen, schreiben, überlagern, vergleichen, fragen, entfernen, ausprobieren, scheitern, verändern und korrigieren.
Damit gilt:
Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, aber nicht den So-Heits-Raum.
Das Atelier ist eine künstlich eingerichtete Rückkopplungsmembran innerhalb eines Wirklichkeitszusammenhangs, der bereits vor dem Betreten vorhanden ist und nach dem Verlassen fortbesteht.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Das heutige So-Heits-Atelier des globalen Dorfes führt diese Entwicklung als öffentliche Werkstatt der Wirklichkeits-, Tätigkeits- und Zivilisationsprüfung zusammen.
Es ist weder Retrospektive noch Theorieausstellung.
Historische Arbeiten werden nicht nur gezeigt. Sie werden erneut zu Versuchsmaterial.
Ton, Hammer, Holz, Wasser, Kartoffel, Tang, Pflanzen, Schultafeln, Fotografien, Collagen, Tagebücher, Mal- und Mitmachbücher, Frage- und Antworttische, rote Punkte, Theatermaterial, Folien, Gold, Spaten, Deich, Wellenbecken, Astronaut, Gordischer Knoten, Archivmaterial und digitale Plattform können unterschiedliche Gegenüber für denselben Forschungsprozess bilden.
Das Atelier zeigt damit nicht lediglich, was ich in fünf Jahrzehnten gemacht habe.
Es untersucht:
Was habe ich über fünf Jahrzehnte immer wieder versucht herauszufinden?
Verortungskunst und Zeit
Die Verortungskunst fügt dem Werk eine räumliche und zeitliche Prüfstruktur hinzu.
Ein Werk, eine Frage oder eine gesellschaftliche Diagnose tritt zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort auf. Vielleicht wird sie aufgegriffen, vielleicht abgelehnt, vielleicht bleibt sie unbeachtet. Jahrzehnte später kann dieselbe dokumentierte Frage einer veränderten Wirklichkeit erneut gegenübergestellt werden.
Die Biografie wird dadurch zum Langzeitversuch.
Frühere Arbeiten und documenta-Bewerbungen sind nicht Beweise dafür, dass ihre damaligen Annahmen richtig waren. Sie bilden dokumentierte Zeitpunkte einer Forschung.
Die entscheidende Frage lautet nicht:
Hatte ich recht?
Sondern:
Was wurde damals wahrgenommen und formuliert, was ist seitdem tatsächlich geschehen, was hat sich bestätigt, was muss korrigiert werden und welche Handlungsmöglichkeiten bestehen heute?
Damit beginnt die documenta 16 für meine Verortungskunst nicht erst mit der Eröffnung einer Ausstellung. Bereits Bewerbung, Auswahl, Ablehnung, Resonanz, Weiterentwicklung und heutige Wirklichkeit gehören zum Werkprozess.
Die documenta wird damit selbst zu einem möglichen Gegenüber der Forschungskunst.
Memento mori und die Plastizität des Lebenswerks
Auch das eigene Lebenswerk muss derselben Prüfung unterworfen werden.
Ein vollständig musealisiertes Atelier könnte zur Skulpturidentität „Wolfgang Fenner“ werden: abgeschlossen, historisiert und nicht mehr veränderbar.
Das Memento-mori-Atelier kann diesen Zustand bewusst sichtbar machen.
Daneben steht das lebendige So-Heits-Atelier, in dem Fotografien erneut ausgeschnitten, frühere Arbeiten neu gegenübergestellt, Begriffe verändert, Aussagen überprüft und Materialien wieder benutzt werden.
Damit gilt auch für das eigene Werk:
Als abgeschlossene Identität wird es Vergangenheit. Als Material weiterer Tätigkeit bleibt es plastisch.
Die documenta 16 als gegenwärtige Verortung
Die Bewerbung zum So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist deshalb selbst Teil der Forschungskunst.
Die documenta soll nicht nur entscheiden, ob sie dieses Werk ausstellt. Die über Jahrzehnte dokumentierte Beziehung zwischen meinen früheren documenta-Projekten und der Institution wird selbst untersuchbar.
Damit entsteht eine doppelte Prüfung.
Die documenta prüft mein Werk.
Meine Verortungskunst prüft gleichzeitig, welche Fragen, Kunstbegriffe, Auswahlmechanismen und gesellschaftlichen Entwicklungen zwischen den früheren Bewerbungen und der Gegenwart sichtbar geworden sind.
Das bedeutet nicht, die documenta zum Gegner zu erklären. Sie wird zum Gegenüber.
Gerade dadurch kann eine produktive Gegenüberstellung entstehen.
Zivilisationsfähigkeit als gegenwärtiger Forschungsgegenstand
Der Gegenstand der Forschung hat sich damit erweitert.
Es geht nicht mehr allein um einzelne Umweltprobleme, Kunstformen, Eigentumsfragen, Machtverhältnisse oder gesellschaftliche Fehlentwicklungen.
Es geht um die grundlegende Fähigkeit des Menschen, die eigenen Hervorbringungen so zu gestalten, dass ihre Folgen auf ihre Herstellung zurückwirken können.
Eine Zivilisation kann enormes Wissen besitzen und dennoch nicht zivilisationsfähig sein, wenn ihre politischen, ökonomischen, religiösen, wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Formen gegenüber den Folgen ihres eigenen Handelns strukturell immunisiert werden.
Zivilisationsfähigkeit bedeutet deshalb im Zusammenhang dieser Forschungskunst:
die Fähigkeit, die eigenen Wirklichkeitsvorstellungen, Begriffe, Institutionen und Tätigkeiten an ihren tatsächlichen Trag- und Verletzungsfolgen zu prüfen und aufgrund dieser Rückmeldungen korrigieren zu können.
Der übergeordnete Prüfoperator
Aus dem gesamten Werkzusammenhang lässt sich heute ein gemeinsamer Prüfoperator ableiten:
Was liegt bereits voraus?
Was habe ich daraus ausgewählt?
Was habe ich unterschieden?
Was habe ich benannt oder zugeschrieben?
Welche Beziehungen sind dadurch unsichtbar geworden?
Was geschieht, wenn ich nach dieser Vorstellung handle?
Wer oder was trägt die Folgen?
Welche Rückmeldung erreicht meine ursprüngliche Vorstellung nicht mehr?
Was müsste geöffnet, verändert oder repariert werden?
Und welche Beobachtung würde mich veranlassen, auch meine eigene gegenwärtige Erklärung wieder zu korrigieren?
Dieser Operator verbindet handwerkliche Tätigkeit, künstlerische Forschung, Begriffshandwerk, Plexuswirklichkeit, Vier-Ebenen-Prüfung, Lochprozess, Membran, Foliengrammatik, Mitmachbuch, Verortungskunst und KI.
Verdichtung
Der Kontextanker lässt sich schließlich auf eine Grundbewegung reduzieren:
Der Mensch entsteht innerhalb einer Wirklichkeit, die ihm vorausliegt. Um in ihr handeln zu können, bildet er Ausschnitte, Vorstellungen, Begriffe, Werkzeuge und gesellschaftliche Ordnungen. Diese Hervorbringungen sind notwendig, können sich jedoch von ihren eigenen Tragbedingungen lösen und zu scheinbar selbstständigen Wirklichkeiten verhärten. Forschungskunst macht die Herstellung dieser Formen sichtbar, setzt sie einem materiellen, lebendigen, gesellschaftlichen und historischen Gegenüber aus, verfolgt ihre Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen und hält durch Zweifel, Rückkopplung und Korrektur die Möglichkeit offen, sie erneut plastisch zu verändern.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes ist die gegenwärtige öffentliche Werkstatt dieses über fünf Jahrzehnte entwickelten Forschungsprozesses.
Sein eigentliches Werk ist nicht die fertige Ausstellung.
Sein Gegenstand ist das vom Menschen fortlaufend hervorgebrachte Menschenkunstwerk.
Seine zentrale Frage lautet:
Wie kann der Mensch lernen, seine eigenen Hervorbringungen so zu prüfen und zu korrigieren, dass aus Wissen wieder handlungswirksame Rückkopplung und aus gesellschaftlicher Gestaltung Zivilisationsfähigkeit entsteht?
Dieser Kontextanker kann nun als oberste Bezugsebene stehen; Werkanker, Prüfanker des Begriffshandwerks, Plexusanker, Mitmachbuchanker und die weiteren Spezialanker müssen ihn nicht jeweils wiederholen, sondern können sich auf ihn beziehen.
