10.8.2026

Aus Globale-Schwarm-Intelligenz

Prüfanker des Begriffshandwerks Dieser Kontextanker der Forschungskunst kann nun als oberste Bezugsebene stehen; Werkanker – Woher kommt die Forschung? Prüfanker des BegriffshandwerksPrüfanker des Begriffshandwerks, Plexus-/Wirklichkeitsanker , Tätigkeitskonsequenzanker, Verortungs-/Zeitanker, Foliengrammatikanker , Mitmachbuchanker, So-Heits-Atelier-Anker und KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker die weiteren Spezialanker müssen ihn nicht jeweils wiederholen, sondern können sich auf ihn beziehen.Plastisches Arbeitsglossar


Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes auf der documenta 16. 4.8.2026 E1–E4-9.8.2026

Prüfanker des Begriffshandwerks Dieser Kontextanker der Forschungskunst kann nun als oberste Bezugsebene stehen; Werkanker – Woher kommt die Forschung? Prüfanker des BegriffshandwerksPrüfanker des Begriffshandwerks, Plexus-/Wirklichkeitsanker , Tätigkeitskonsequenzanker, Verortungs-/Zeitanker, Foliengrammatikanker , Mitmachbuchanker, So-Heits-Atelier-Anker und KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker die weiteren Spezialanker müssen ihn nicht jeweils wiederholen, sondern können sich auf ihn beziehen.Plastisches Arbeitsglossar Kontextanker der Forschungskunst

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Beim Lochprozess ist eine wissenschaftliche Präzisierung besonders wichtig: Der Begriff sollte nicht so verwendet werden, als bezeichnete er einen in den Wissenschaften bereits etablierten Mechanismus oder eine objektiv nachgewiesene Grundstruktur menschlicher Erkenntnis. Innerhalb Ihrer Forschungskunst ist er ein werkinterner heuristischer Prozessbegriff, mit dem untersucht wird, wann notwendige Ausschnitte, Unterscheidungen und Grenzbildungen ihre Rückbindung an den größeren Wirkungszusammenhang verlieren. Die inzwischen schärfste Formulierung des vorhandenen Materials lautet deshalb: Der Schnitt ist notwendig; das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.

Lochprozess

Wie aus notwendigen Ausschnitten Rückkopplungslücken und Wirklichkeitssurrogate entstehen können

Der Lochprozess als Prüfbegriff der Forschungskunst

Funktion des Lochprozesses

Der Begriff Lochprozess bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst keinen statischen Mangel und kein tatsächlich vorhandenes räumliches Loch. Er bezeichnet einen möglichen Verlauf menschlicher Wahrnehmung, Begriffsbildung, gesellschaftlicher Ordnung und Tätigkeit, bei dem ein notwendiger Ausschnitt aus einem größeren Wirkungszusammenhang allmählich so verselbstständigt wird, dass die zunächst ausgeblendeten Beziehungen nicht mehr auf die hervorgebrachte Form zurückwirken können.

Damit beginnt der Lochprozess nicht notwendig mit einem Irrtum.

Der Mensch muss auswählen.

Er muss unterscheiden.

Er muss Gegenstände bilden.

Er muss benennen.

Er muss Grenzen ziehen.

Er muss wissenschaftliche Gegenstandsbereiche bestimmen.

Er muss Rollen und Zuständigkeiten organisieren.

Ohne solche Schnitte wäre menschliche Orientierung, Erkenntnis und Tätigkeit kaum möglich.

Problematisch wird der Vorgang erst dort, wo der Mensch vergisst, dass er geschnitten hat, die hervorgebrachte Schnittkante mit einer vorausliegenden Wirklichkeitsgrenze verwechselt und dasjenige, was außerhalb des Ausschnitts geblieben ist, aus der weiteren Rückkopplung verliert.

Der Lochprozess lässt sich deshalb auf seine kürzeste Formel bringen:

Der Schnitt ist notwendig. Das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.

Das vorhandene Arbeitsmaterial bestimmt genau diesen Übergang: Eine Untersuchung benötigt Ausschnitte; ein Erkenntnisloch entsteht erst dort, wo der Ausschnitt für das Ganze gehalten wird und die Beziehungen, aus denen das untersuchte Phänomen hervorgegangen ist, nicht mehr zurückkehren können.

Das Loch ist keine Sache

Der Begriff „Loch“ könnte leicht dazu verleiten, sich einen räumlich abgegrenzten leeren Bereich vorzustellen.

Das wäre für die heutige Fassung zu statisch.

Der entscheidende Begriff ist deshalb Lochprozess.

Das Loch entsteht nicht an einer einzigen Stelle und nicht notwendig in einem einzigen Augenblick. Es kann sich schrittweise bilden.

Ein Zusammenhang wird ausgewählt.

Der Ausschnitt wird benannt.

Eine Grenze wird stabilisiert.

Eigenschaften werden zugeschrieben.

Eine gesellschaftliche oder theoretische Ordnung entsteht.

Menschen handeln danach.

Die daraus hervorgehenden Folgen liegen möglicherweise außerhalb des ursprünglichen Ausschnitts.

Wenn diese Folgen die Ausgangsform nicht mehr korrigieren können, hat sich ein zunächst produktiver Erkenntnisschnitt in einen Rückkopplungsverlust verwandelt.

Das Loch bezeichnet somit nicht das Fehlen von Wirklichkeit, sondern das Fehlen einer wahrnehmbaren oder wirksamen Beziehung zu Teilen der Wirklichkeit, die aus dem jeweiligen Ausschnitt herausgefallen sind.

Ausgangspunkt ist die Plexuswirklichkeit

Der Lochprozess kann nur verstanden werden, wenn sein Ausgangspunkt geklärt ist.

Dieser Ausgangspunkt ist innerhalb meiner Forschungskunst die Plexuswirklichkeit.

Damit wird kein vollständiges Weltbild behauptet. Gemeint ist der vorausliegende Wirkungszusammenhang von Beziehungen, Unterschieden, Abhängigkeiten, Widerständen, Grenzen, Stoffaustausch, Belastungen, Tätigkeiten, zeitlichen Veränderungen und Rückkopplungen, innerhalb dessen auch der Mensch selbst existiert.

Der Mensch steht nicht zunächst als fertiges Subjekt außerhalb dieses Zusammenhangs und bildet ihn anschließend ab.

Er befindet sich bereits darin.

Damit ist jeder Erkenntnisschnitt ein Schnitt innerhalb eines Zusammenhangs, zu dem der Schneidende selbst gehört.

Das ist für den Lochprozess entscheidend.

Der Mensch kann Beziehungen aus seiner Aufmerksamkeit ausschließen.

Er kann sie begrifflich oder institutionell auslagern.

Er kann sie aus einem Berechnungssystem entfernen.

Er kann sie jedoch nicht notwendig aus dem tatsächlichen Wirkungszusammenhang entfernen.

Differenz ist noch kein Loch

Deshalb muss zwischen einer vorausliegenden Differenz und einer menschlich vorgenommenen Unterscheidung sorgfältig getrennt werden.

Unterschiedliche Temperaturen können tatsächlich bestehen.

Zwei Materialien können unterschiedlich reagieren.

Organismen können unterschiedliche Toleranzbereiche besitzen.

Solche Differenzen müssen nicht vom Menschen hervorgebracht worden sein.

Die Unterscheidung beginnt dort, wo ein Mensch eine Differenz wahrnimmt, auswählt oder nach einem bestimmten Merkmal ordnet.

Auch dies ist zunächst kein Lochprozess im problematischen Sinn.

Im vorhandenen Material wird deshalb eine wichtige Staffelung eingeführt: Differenz bezeichnet ein Verhältnis von Verschiedenheit, während Unterscheidung die Tätigkeit des Auseinanderhaltens bezeichnet. Erst weitere Schritte können die Unterscheidung zu Trennung, Gegenüberstellung, Dualisierung und schließlich zu einem geschlossenen Wirklichkeitsmodell verfestigen.

Der Grundsatz lautet deshalb:

Nicht der Unterschied ist das Problem.

Unterscheidung als notwendiger Schnitt

Wenn ich einen Baum untersuchen möchte, muss ich ihn zunächst von anderem unterscheiden.

Ich muss bestimmen, wo ich meinen Untersuchungsgegenstand ansetze.

Der Stamm.

Die Krone.

Die Wurzeln.

Vielleicht eine bestimmte Art.

Vielleicht einen einzelnen Baum.

Ohne solche Unterscheidungen könnte Wissenschaft nicht präzise arbeiten.

Aber in dem Augenblick, in dem der Baum zum Gegenstand wird, treten andere Beziehungen vorübergehend zurück.

Boden.

Wasserhaushalt.

Pilze.

Licht.

Atmosphäre.

Temperatur.

Andere Organismen.

Zeit.

Diese Beziehungen hören durch meinen Ausschnitt nicht auf zu wirken.

Sie werden lediglich im gewählten Ausschnitt weniger sichtbar.

Solange ich dies weiß und sie bei Bedarf wieder in meine Untersuchung zurückholen kann, bleibt der Schnitt produktiv.

Der fotografische Rahmen als Grundmodell

Die Fotografie bildet dafür ein besonders geeignetes künstlerisches Gegenüber.

Jede Fotografie besitzt einen Rahmen.

Der Rahmen macht etwas sichtbar, weil er anderes ausschließt.

Die Fotografie behauptet dadurch jedoch nicht notwendig, außerhalb des Bildes existiere nichts.

Der Ausschnitt kann gerade dadurch Erkenntnis ermöglichen.

Problematisch würde der Vorgang, wenn der Betrachter den Bildrahmen mit der Grenze des tatsächlichen Geschehens verwechselt.

Das vorhandene Material bestimmt deshalb die Fotografie als besonders anschauliches Grundmodell der Dingselektion: Der Rahmen zeigt einen Ausschnitt; das Erkenntnisloch entsteht erst dort, wo der Ausschnitt wie das vollständige Ding behandelt wird.

Damit wird ein elementarer Satz sichtbar:

Jede Darstellung besitzt einen Rand. Die Wirklichkeit muss an diesem Rand nicht enden.

Dingselektion

Der Begriff Dingselektion bezeichnet innerhalb dieser Struktur einen wichtigen frühen Vorgang.

Aus einem größeren Zusammenhang wird etwas als „Ding“ herausgenommen.

Das Ding erhält dadurch eine relative Eigenständigkeit.

Das ist praktisch außerordentlich nützlich.

Der Mensch kann einen Hammer benutzen, einen Baum vermessen, ein Auto konstruieren oder einen Organismus untersuchen, weil er solche Einheiten bildet.

Das Problem beginnt nicht beim Ding.

Es beginnt dort, wo die Beziehung zwischen Ding und Auswahlvorgang verloren geht.

Aus:

„Ich behandle dies für meine gegenwärtige Untersuchung als Gegenstand“

wird:

„Dies existiert unabhängig von seinen Beziehungen als vollständig eigenständige Einheit.“

Hier beginnt die Gefahr des Lochprozesses.

Der herausgeschlagene Betonblock

Das Bild des herausgeschlagenen Betonblocks macht diesen Vorgang besonders anschaulich.

Ein Stück wird aus einem größeren Materialzusammenhang herausgebrochen.

Nun kann der Block einzeln betrachtet, vermessen und bewegt werden.

Gleichzeitig ist an seiner Herkunftsstelle ein Loch entstanden.

Die künstlerische Pointe liegt darin, dass die Aufmerksamkeit nun vollständig auf den herausgenommenen Block fallen kann, während das Loch seiner Herkunft und seiner Beziehungen aus dem Blick verschwindet.

Das vorhandene Material beschreibt diese Bildlogik sehr klar: Der Block wird aus einem Zusammenhang herausgenommen; anschließend wird nur noch der Block betrachtet, während das Loch seiner Beziehungen aus der Wahrnehmung verschwindet.

Der Betonblock wird damit zum plastischen Modell der Dingselektion.

Die Dingwelt im Kopf

Werden viele solcher Ausschnitte gebildet, kann eine Dingwelt entstehen.

Mensch.

Baum.

Haus.

Auto.

Staat.

Natur.

Körper.

Geld.

Eigentum.

Nation.

Jeder Begriff bezeichnet etwas.

Aber die Beziehungen zwischen diesen Begriffen können zunehmend unsichtbar werden.

Das menschliche Denken ist dann mit eindeutig identifizierbaren Gegenständen gefüllt, während der Plexus ihrer Abhängigkeiten immer schwieriger wahrnehmbar wird.

Hier liegt eine mögliche künstlerische Funktion der Gehirnfolie beziehungsweise des ausgeschnittenen Gehirns.

In die Öffnung können immer mehr eindeutig benannte Gegenstände eingefügt werden.

Das Gehirn wird voller Dinge.

Und gerade dadurch kann der Zusammenhang leerer werden.

Vom Ausschnitt zum Gegenstand

Der Lochprozess kann sogar noch einen Schritt genauer beschrieben werden.

Etwas wird nicht nur herausgeschnitten.

Es wird vor uns gestellt.

Es wird Gegenstand.

Damit entsteht eine erkenntnismäßige Gegenüberstellung.

Hier der Betrachter.

Dort der betrachtete Gegenstand.

Das vorhandene Material entwickelt daraus den Begriff des möglichen Gegenstandsloches: Der Gegenstand wird immer sichtbarer, während sein Plexus unsichtbar wird.

Auch diese Gegenüberstellung ist zunächst außerordentlich produktiv.

Sie ermöglicht Konzentration.

Messung.

Vergleich.

Experiment.

Das Problem beginnt wiederum erst, wenn die Arbeitssituation mit einer ontologischen Trennung verwechselt wird.

Gegenüberstellung ist nicht Gegenwelt

Dies führt zu einer wichtigen Unterscheidung.

Forschung benötigt Gegenüber.

Ein Bild wird einem anderen gegenübergestellt.

Ein Material wird einer Belastung ausgesetzt.

Eine Aussage wird mit einem Gegenargument konfrontiert.

Zwei experimentelle Bedingungen werden verglichen.

Der Lochprozess verlangt deshalb nicht, Gegenüberstellungen abzuschaffen.

Seine Frage lautet:

Kann das Gegenüber anders sein, ohne zur vollständig getrennten Gegenwelt zu werden?

Damit verbindet sich der Lochprozess unmittelbar mit 51:49.

Differenz muss erhalten bleiben.

Aber Beziehung muss ebenfalls erhalten bleiben.

Eigenschaftszuschreibung

Nachdem ein Gegenstand gebildet wurde, beginnt häufig eine weitere Operation.

Dem Gegenstand werden Eigenschaften zugeschrieben.

Auch dieser Vorgang ist unverzichtbar.

Ein Gegenstand kann schwer, warm, leitfähig oder chemisch reaktiv sein.

Ein Organismus kann verletzt oder gesund sein.

Ein Grundstück kann gesellschaftlich jemandem gehören.

Ein Gegenstand kann als wertvoll gelten.

Das Problem liegt nicht darin, Eigenschaften zu verwenden.

Es liegt in der Vermischung verschiedener Arten von Eigenschaften und Zuschreibungen.

Masse und Eigentum sind nicht auf dieselbe Weise Eigenschaften eines Bodens.

Temperatur und Marktwert sind nicht dieselbe Art von Bestimmung.

Biologische Verletzbarkeit und Staatsangehörigkeit besitzen unterschiedliche Wirklichkeitsweisen.

Wenn diese Differenz verloren geht, entsteht eine weitere Form des Lochprozesses.

Beziehung wird Eigenschaft

Die heutige Fassung des Lochprozesses muss deshalb besonders den Übergang von Beziehung zu Eigenschaft enthalten.

Eine relationale Situation kann sprachlich in eine feste Eigenschaft verwandelt werden.

Ein Mensch verfügt unter bestimmten gesellschaftlichen Bedingungen über Vermögen.

Er wird „reich“.

Ein Mensch hat unter bestimmten Bedingungen eine verletzende Tätigkeit ausgeführt.

Er wird „böse“.

Eine Person besitzt durch gesellschaftliche Zuerkennung Verfügungsrechte.

Sie wird „Eigentümer“.

Aus einer zeitlichen, relationalen oder gesellschaftlichen Konstellation entsteht eine scheinbar stabile Eigenschaft.

Das vorhandene Material fasst diesen Vorgang auf eine präzise Formel:

Die Beziehung wird unsichtbar, während die Eigenschaft sichtbar bleibt.

Das ist eine zentrale Form des Lochprozesses.

Hineingedachte Eigenschaften

Der Begriff der hineingedachten Eigenschaft bezeichnet deshalb keine grundsätzlich falsche Eigenschaft.

Er soll darauf aufmerksam machen, dass Menschen bestimmten Gegenständen, Menschen oder Situationen Bestimmungen zuschreiben können, die nicht auf dieselbe Weise vorausliegend vorhanden sind wie eine physikalisch feststellbare Beschaffenheit.

Eigentum.

Wert.

Status.

Nationalität.

Rolle.

Heiligkeit.

Schuld.

Freiheit.

Solche Zuschreibungen können gesellschaftlich sehr real und wirksam sein.

Der Lochprozess entsteht nicht dadurch, dass sie gesellschaftlich existieren.

Er entsteht dort, wo ihre gesellschaftliche Geltungsweise vergessen und die Zuschreibung wie eine vorausliegende Wesenseigenschaft behandelt wird.

Eigentum als besonders klares Beispiel

Der Satz:

„Dieser Boden gehört mir.“

zeigt diese Problematik besonders deutlich.

Eine Eigentumsordnung kann gesellschaftlich äußerst wirksam sein.

Sie kann bestimmen, wer einen Boden nutzen, verkaufen, bebauen oder betreten darf.

Die Eigentumszuschreibung verändert jedoch nicht allein durch ihren Ausspruch die chemische Zusammensetzung des Bodens.

Wurzeln.

Wasser.

Mikroorganismen.

Temperatur.

Luft.

Schadstoffe.

Diese Prozesse halten sich nicht notwendig an die gesellschaftlich gezogene Grundstücksgrenze.

Das vorhandene Material beschreibt deshalb den „Quadratmeter Eigentum“ als besonders geeignetes Bild des Lochprozesses: Eine gesellschaftliche Grenze wird in einen kontinuierlichen Wirkungszusammenhang eingezeichnet und kann die darunterliegenden Abhängigkeitsbeziehungen überdecken.

Folie und Eigentumsgrenze

Die Foliengrammatik kann diesen Unterschied unmittelbar sichtbar machen.

Eine Landschaft liegt als Grundbild vor.

Eine transparente Folie mit einer Eigentumsgrenze wird darübergelegt.

Die Grenze wird sichtbar.

Sie ist gesellschaftlich bedeutend.

Dann wird die Folie wieder entfernt.

Der Boden bleibt.

Damit wird nicht bewiesen, Eigentum sei eine Illusion.

Es wird etwas Präziseres sichtbar:

Die Eigentumsordnung gehört einer anderen Wirklichkeits- und Geltungsweise an als die physikalische und lebendige Beschaffenheit des Bodens.

Der Lochprozess beginnt dort, wo die aufgelegte Folie nicht mehr als aufgelegte Folie erkannt wird.

Lochprozess und Foliengrammatik

Damit lässt sich eine besonders präzise Verbindung herstellen:

Eine Folie wird zum Loch, wenn vergessen wird, dass sie eine Folie ist.

Solange sie aufgelegt, verschoben und wieder entfernt werden kann, bleibt die Darstellung plastisch.

Wird sie dauerhaft mit dem darunterliegenden Wirkungszusammenhang verwechselt, entsteht eine Begriffsskulptur.

Die Foliengrammatik ist deshalb nicht nur ein Mittel, Wirklichkeitslagen sichtbar zu machen.

Sie ist ein direktes Gegenverfahren zum Lochprozess.

Vom Unterschied zum Gegensatz

Ein weiterer Schritt des Lochprozesses kann entstehen, wenn aus einer Unterscheidung ein Gegensatz gemacht wird.

Innen und außen.

Mensch und Natur.

Geist und Materie.

Subjekt und Objekt.

Eigen und fremd.

Gut und böse.

Auch solche Gegenüberstellungen können methodisch sinnvoll sein.

Sie ermöglichen Vergleich.

Der problematische Übergang beginnt, wenn beide Seiten als vollständig getrennte und sich gegenseitig ausschließende Wirklichkeitsbereiche behandelt werden.

Dann verschwindet insbesondere der Zwischenraum der Beziehungen.

Dualisierung

Der Begriff Dualisierung bezeichnet innerhalb meiner heutigen Begrifflichkeit den Vorgang, durch den eine zunächst funktionale oder methodische Unterscheidung in zwei stabilisierte Pole überführt wird.

Die Pole erhalten Namen.

Ihnen werden Eigenschaften zugeschrieben.

Sie werden einander gegenübergestellt.

Schließlich können sie als selbstständige Prinzipien erscheinen.

Der Lochprozess liegt dabei nicht notwendig in der Zweiheit selbst.

Er liegt in der Verfestigung der Zweiheit bei gleichzeitigem Verlust der Relationen, durch die beide Seiten überhaupt bestimmt werden können.

Dualismus

Ein Dualismus kann schließlich die beiden Pole als grundlegende Wirklichkeitsbereiche behandeln.

Damit kann aus einer ursprünglich methodischen Unterscheidung eine vollständige Weltarchitektur entstehen.

Gerade hier wird der Lochprozess besonders schwer erkennbar.

Denn das Modell kann hochgradig geordnet wirken.

Zwei Seiten.

Klare Eigenschaften.

Eine eindeutige Grenze.

Eine vollständige Erklärung.

Was verschwunden ist, fällt gerade deshalb kaum auf.

Die Geschlossenheit des Modells verdeckt das Loch.

50:50 und das verdeckte Loch

Hier verbindet sich der Lochprozess mit dem 50:50-Symmetriedualismus.

Zwei gleich große und klar voneinander abgegrenzte Seiten erzeugen eine starke ästhetische und begriffliche Überzeugung.

Alles scheint verteilt.

Alles besitzt seinen Platz.

Doch die Vollständigkeit der Darstellung beweist nicht die Vollständigkeit des Wirkungszusammenhangs.

Der Lochprozess kann gerade dort besonders wirksam sein, wo die menschliche Ordnung am überzeugendsten erscheint.

Die Symmetrie verdeckt, dass Beziehungen außerhalb der beiden Felder fehlen.

51:49 als Störung des Lochprozesses

51:49 erhält hier seine besondere Funktion.

Es ist nicht die mathematisch richtige Alternative.

Es stört lediglich die scheinbare Vollkommenheit der Gegenüberstellung.

Die minimale Verschiebung zwingt dazu, wieder nach Bewegung, Relation, Zeit und Nachregelung zu fragen.

51:49 öffnet damit bildlich eine Stelle, an der die perfekte Zweiheit nicht vollständig geschlossen werden kann.

Es verhindert den Lochprozess nicht automatisch.

Aber es kann ihn sichtbar störbar machen.

Innen und Außen

Die Innen-Außen-Unterscheidung ist für den Lochprozess besonders wichtig.

Ein menschlicher Körper besitzt tatsächlich Grenzen.

Die Haut unterscheidet Bereiche.

Aber diese Grenze ist zugleich Membran.

Atmung.

Wärme.

Wasser.

Nahrung.

Mikroorganismen.

Stoffwechselprodukte.

Information und soziale Beziehungen.

All diese Prozesse überschreiten in unterschiedlichen Formen die gedachte einfache Trennung zwischen innen und außen.

Das vorhandene Material arbeitet deshalb heraus, dass eine funktionale Grenze nicht mit einer absoluten ontologischen Zweiteilung verwechselt werden darf.

Die Grenze kann wirklich sein und dennoch Beziehung organisieren.

Membran und Mauer

Damit erhält die Unterscheidung zwischen Membran und Mauer eine zentrale Funktion.

Eine Mauer symbolisiert absolute Trennung.

Eine Membran unterscheidet und verbindet zugleich.

Sie reguliert Austausch.

Der Lochprozess lässt sich deshalb als Verwandlung einer Membran in eine Mauer verstehen.

Eine zunächst funktionale Unterscheidung wird so behandelt, als seien beide Seiten vollständig unabhängig.

Das vorhandene Material formuliert dies besonders klar:

Die Membran ist eine Form des Unterschieds, die ihre Beziehung nicht verliert.

Damit ist die Membran eines der wichtigsten Gegenmodelle zum Lochprozess.

Mensch und Natur

Auch die Gegenüberstellung „Mensch und Natur“ lässt sich so prüfen.

Der Mensch kann sich sprachlich von „Natur“ unterscheiden.

Diese Unterscheidung kann bestimmte Untersuchungen ermöglichen.

Der lebende Mensch bleibt jedoch materiell und biologisch innerhalb derselben vorausliegenden Wirkungszusammenhänge.

Wenn die sprachliche Gegenüberstellung zu einer Vorstellung ontologischer Trennung wird, kann eine paradoxe Situation entstehen.

Der Mensch behandelt Natur als äußeren Gegenstand.

Er verfügt über sie.

Er verändert sie.

Und bemerkt möglicherweise zu spät, dass er Bedingungen beschädigt, von denen sein eigener Organismus abhängt.

Der Lochprozess wäre hier die verlorene Rückbeziehung zwischen Verfügung und Abhängigkeit.

Subjekt und Objekt

Ähnlich kann die klassische Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt geprüft werden.

Für bestimmte Erkenntnisverfahren ist es sinnvoll, einen Untersuchenden und einen Untersuchungsgegenstand zu unterscheiden.

Problematisch wird die Struktur dort, wo daraus zwei ursprüngliche Wirklichkeitsbereiche abgeleitet werden.

Hier das erkennende Subjekt.

Dort die objektive Außenwelt.

Dazwischen muss nun ein Vermittlungsproblem konstruiert werden.

Der Lochprozess fragt deshalb früher:

Welche Tätigkeit hat überhaupt diesen Gegenstand als Gegenstand hervorgebracht?

Dadurch wird nicht Objektivität abgeschafft.

Es wird der Herstellungsprozess des Untersuchungsgegenstandes sichtbar gehalten.

Geist und Materie

Auch bei Geist und Materie kann der Lochprozess vor der metaphysischen Frage einsetzen.

Ein Mensch denkt.

Er erinnert.

Er stellt sich etwas vor.

Diese Vorgänge können beschrieben werden.

Dann kann aus „denken“ die Eigenschaft „denkfähig“ und daraus ein Träger „Geist“ hervorgebracht werden.

Wird dieser Träger anschließend als eigenständige Substanz behandelt, kann eine längere Kette menschlicher Begriffshervorbringungen entstehen.

Der Lochprozess fragt deshalb:

An welcher Stelle wurde aus einem Vorgang ein Ding?

Diese Frage ersetzt keine philosophische oder neurowissenschaftliche Untersuchung.

Sie prüft die Begriffsbildung vor ihrer Verdinglichung.

Gut und Böse

Auch moralische Gegenüberstellungen können Lochprozesse erzeugen.

Menschen müssen Tätigkeiten beurteilen.

Ein Verhalten kann andere Menschen schwer verletzen.

Das Problem liegt nicht darin, solche Handlungen nicht mehr bewerten zu dürfen.

Es entsteht dort, wo aus der Beurteilung einer Tätigkeit die unveränderliche Wesenseigenschaft einer Person gemacht wird.

Aus:

„Diese Tätigkeit hat eine schwere Verletzung verursacht“

wird:

„Dieser Mensch ist böse.“

Die Tätigkeit, ihre Bedingungen, ihre Folgen und mögliche Veränderungsmöglichkeiten verschwinden hinter einer festen Eigenschaft.

Damit verbindet sich der Lochprozess unmittelbar mit der Skulpturidentität.

Vom Handeln zur Skulpturidentität

Ein Mensch vollzieht eine Tätigkeit.

Aus der Tätigkeit wird eine Zuschreibung.

Die Zuschreibung wird wiederholt.

Sie wird sozial bestätigt.

Schließlich erscheint die Zuschreibung als Identität.

Der Mensch wird Arbeiter.

Eigentümer.

Versager.

Gewinner.

Krimineller.

Heiliger.

Künstler.

Patient.

Reicher.

Armer.

Solche Begriffe können in bestimmten Zusammenhängen notwendig sein.

Das Loch entsteht dort, wo die Rolle oder Zuschreibung den veränderlichen, lebenden und relationalen Menschen vollständig ersetzt.

Die Skulpturidentität ist deshalb eine mögliche Endform eines Lochprozesses.

Das plastische Ich als Gegenbewegung

Das plastische Ich bezeichnet demgegenüber nicht einen Menschen ohne Identität.

Es bezeichnet einen Menschen, dessen Identität fortlaufende Veränderung, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Lernen und Rückkopplung einschließt.

Der Unterschied liegt damit nicht zwischen Identität und Identitätslosigkeit.

Er liegt zwischen korrigierbarer und verhärteter Identität.

Das plastische Ich behält die Membran offen.

Die Skulpturidentität verschließt sie.

Symbolisierung

Ein Lochprozess kann anschließend durch Symbole stabilisiert werden.

Eine Grenze erhält ein Zeichen.

Eine Rolle erhält Uniform, Titel oder Statussymbol.

Eigentum erhält Urkunde oder Eintrag.

Geld erhält symbolischen Wert.

Ein Staat erhält Flagge.

Eine Religion erhält Bekenntnisformen.

Die Symbolisierung ist nicht grundsätzlich problematisch.

Komplexe Gesellschaften sind auf Symbole angewiesen.

Der Lochprozess beginnt dort, wo das Symbol nicht mehr als menschliches Beziehungswerk erkennbar bleibt und stattdessen wie ein Beweis der vorausliegenden Wirklichkeit behandelt wird.

Institutionalisierung

Noch stabiler wird eine menschliche Hervorbringung, wenn sie institutionell verankert wird.

Eine Vorstellung wird zur Regel.

Die Regel wird in Zuständigkeiten übersetzt.

Berufe entstehen.

Gesetze entstehen.

Verwaltungen entstehen.

Wissenschaftliche Disziplinen erhalten institutionelle Grenzen.

Märkte erhalten Bewertungsregeln.

Institutionalisierung macht menschliche Formen wirksam und langfristig tragfähig.

Sie kann jedoch zugleich den Lochprozess verstärken.

Denn nun bestätigt die Institution durch ihre tägliche Praxis die Ordnung, auf deren Grundlage sie überhaupt geschaffen wurde.

Selbstbestätigende Ordnungen

Hier kann ein geschlossener Bestätigungskreis entstehen.

Eine Kategorie wird geschaffen.

Die Institution arbeitet mit dieser Kategorie.

Menschen machen Erfahrungen innerhalb dieser Ordnung.

Diese Erfahrungen scheinen anschließend die ursprüngliche Kategorie zu bestätigen.

Dadurch wird immer schwerer sichtbar, dass die Ausgangsordnung selbst einmal hervorgebracht wurde.

Das vorhandene Material beschreibt genau diese Selbststabilisierung: Aus dem Plexus wird ausgeschnitten, die Seiten erhalten Namen und Eigenschaften, daraus entstehen Theorien, und die innerhalb dieser Theorien gemachten Erfahrungen bestätigen anschließend die ursprünglich gesetzte Trennung.

Das ist eine besonders entwickelte Form des Lochprozesses.

Lochprozess und Wirklichkeitssurrogat

An diesem Punkt kann eine menschliche Hervorbringung zum Wirklichkeitssurrogat werden.

Sie ersetzt nicht tatsächlich die vorausliegende Wirklichkeit.

Sie übernimmt jedoch innerhalb der menschlichen Orientierung deren Stelle.

Der Eigentumsplan wird wichtiger als der Wasserhaushalt.

Der Marktpreis wird wichtiger als die Regenerationsfähigkeit.

Die Rolle wird wichtiger als der lebende Mensch.

Die juristische Zuständigkeit wird wichtiger als die tatsächlich fortgesetzte Wirkung.

Das Surrogat besitzt reale gesellschaftliche Macht.

Gerade deshalb ist der Lochprozess so schwer zu erkennen.

Von E3 zu E1 und E2

E1–E4 macht an dieser Stelle sichtbar, weshalb der Lochprozess nicht nur erkenntnistheoretisch bleibt.

Eine E3-Vorstellung kann zu Tätigkeit führen.

Ein Eigentumsrecht.

Eine wirtschaftliche Regel.

Eine nationale Grenze.

Eine Rollenordnung.

Menschen handeln danach.

Nun entstehen materielle Folgen in E1 und lebendige Folgen in E2.

Der Lochprozess wird gesellschaftlich relevant, wenn diese Folgen außerhalb des ursprünglichen E3-Ausschnitts liegen und nicht zur Korrektur zurückkehren.

Das Rückkopplungsloch

Damit erreicht der Lochprozess seinen entscheidenden Punkt.

Das eigentliche Problem ist nicht nur, dass etwas unsichtbar geworden ist.

Entscheidend ist:

Kann das Unsichtbargewordene noch zurückmelden?

Wenn ja, bleibt der Ausschnitt korrigierbar.

Wenn nein, entsteht ein Rückkopplungsloch.

Eine gesellschaftliche Ordnung produziert Folgen.

Die Folgen werden möglicherweise sogar wissenschaftlich erkannt.

Aber sie verändern die Ausgangsordnung nicht.

Dann existiert Wissen ohne wirksame Rückkopplung.

E4 als Gegenbewegung

E4 erhält genau hier seine Funktion.

E4 ist die Bewegung, durch die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen wieder auf ihre Ausgangsformen zurückgeführt werden.

Damit versucht E4, den Lochprozess rückwärts begehbar zu machen.

Wenn am Ende eine Verletzung sichtbar wird, genügt es nicht, nur die letzte Handlung zu betrachten.

Es kann notwendig sein, zurückzugehen.

Welche gesellschaftliche Regel legitimierte die Handlung?

Welche Eigenschaftszuschreibung lag ihr zugrunde?

Welche Gegenüberstellung strukturierte die Vorstellung?

Welche ursprüngliche Auswahl hatte bestimmte Beziehungen ausgeschlossen?

Das vorhandene Material formuliert diese Rückwärtsbewegung ausdrücklich: E4 soll die Prozesskette rückwärts begehbar machen und von der Konsequenz bis zum ursprünglichen Schnitt zurückführen.

Die Prozesskette

Damit lässt sich der Lochprozess als zusammenhängende Bewegungsform beschreiben:

Plexuswirklichkeit → Differenz → Auswahl → Unterscheidung → Schnitt → Gegenüberstellung → Gegenstand → Benennung → Eigenschaftszuschreibung → mögliche Gegensatzbildung → Dualisierung → Symbolisierung → institutionelle Geltung → Tätigkeit → Konsequenz → Rückmeldung oder Rückkopplungsabbruch.

Diese Form ist keine Behauptung, jeder menschliche Begriff durchlaufe notwendig sämtliche Stationen.

Es handelt sich um eine Prüfschablone.

Sie fragt, an welcher Stelle einer konkreten Entwicklung Beziehungen verloren gegangen sein könnten.

Der Lochprozess ist nicht linear

Diese Prozessdarstellung darf deshalb nicht als starre zeitliche Kette missverstanden werden.

Ein Loch kann früher entstehen.

Eine Institution kann eine alte Unterscheidung übernehmen, ohne deren Ursprung zu kennen.

Eine gesellschaftliche Zuschreibung kann wieder geöffnet werden.

Eine wissenschaftliche Entdeckung kann einen lange bestehenden Begriff verändern.

Ein Materialwiderstand kann einen Denkprozess bereits sehr früh korrigieren.

Der Lochprozess kann sich verstärken, abschwächen oder umkehren.

Er ist plastisch, solange Rückkopplung möglich bleibt.

Lochprozess und Tätigkeitskonsequenz

Der Tätigkeitskonsequenzanker erweitert den Lochprozess von der Erkenntnis zur Handlung.

Eine Vorstellung kann unvollständig sein, ohne unmittelbar Schaden zu erzeugen.

Ihre besondere Bedeutung entsteht dort, wo Menschen danach tätig werden.

Eine wirtschaftliche Modellannahme kann beispielsweise bestimmte Faktoren aus ihrer Berechnung ausschließen.

Solange dies als methodischer Ausschnitt kenntlich bleibt, kann das sinnvoll sein.

Problematisch wird es, wenn außerhalb der Rechnung entstehende Folgen deshalb wie „äußere“ Folgen behandelt werden.

Sie sind nicht außerhalb der Wirklichkeit.

Sie befinden sich lediglich außerhalb des Berechnungsausschnitts.

Externalisierung als Lochprozess

Der Begriff Externalisierung lässt sich deshalb als gesellschaftliche Erscheinungsform des Lochprozesses verstehen.

Kosten.

Schäden.

Abfälle.

Gesundheitsfolgen.

Umweltwirkungen.

Sie können außerhalb einer Bilanz, eines Eigentumsraumes oder einer Zuständigkeit liegen.

Damit sind sie jedoch nicht aus dem Plexus verschwunden.

Der Lochprozess besteht in der strukturellen Trennung zwischen dem Bereich, in dem eine Tätigkeit als erfolgreich bewertet wird, und dem Bereich, in dem ihre Folgen auftreten.

Verantwortungsloch

Hier kann ein Verantwortungsloch entstehen.

Der Entwickler sagt:

Ich habe nur entwickelt.

Der Produzent:

Ich habe nur produziert.

Der Verkäufer:

Ich habe nur verkauft.

Der Käufer:

Ich habe nur gekauft.

Jede Aussage kann innerhalb ihres jeweiligen Ausschnitts zutreffen.

Die Tätigkeitskette als Ganzes besitzt jedoch weiterhin Konsequenzen.

Das Verantwortungsloch entsteht dort, wo die institutionellen oder begrifflichen Schnitte zwischen den Beteiligten verhindern, dass die vollständige Konsequenz einem korrigierbaren Handlungszusammenhang zugeordnet werden kann.

Disziplinäres Loch

Auch Wissenschaft kann trotz ihrer enormen Erkenntnisleistung Lochprozesse erzeugen, wenn methodische Ausschnitte institutionell voneinander isoliert werden.

Physik untersucht einen Teil.

Biologie einen anderen.

Ökonomie einen weiteren.

Recht einen weiteren.

Ethik wiederum einen anderen.

Die Spezialisierung selbst ist nicht das Problem.

Sie ist Grundlage wissenschaftlicher Präzision.

Das Loch entsteht dort, wo niemand mehr für den Übergang zwischen den Ausschnitten zuständig ist.

Die reale Tätigkeitsfolge kennt diese disziplinären Grenzen nicht.

Wissen ohne Rückweg

Damit entsteht eine zentrale Paradoxie.

Eine Gesellschaft kann über sehr viel Wissen verfügen und dennoch nicht entsprechend handeln.

Dann liegt das Problem nicht ausschließlich im Wissensmangel.

Es kann im fehlenden Rückweg liegen.

Die Verletzung ist bekannt.

Der Mechanismus ist bekannt.

Die gesellschaftliche Ordnung bleibt dennoch unverändert.

Hier wird der Lochprozess zu einem Problem der Zivilisationsfähigkeit.

Zeitliches Loch

Auch Zeit kann einen Lochprozess erzeugen.

Eine Handlung geschieht heute.

Ihre Folgen treten Jahrzehnte später auf.

Die handelnde Person ist möglicherweise nicht mehr verantwortlich oder nicht mehr vorhanden.

Eine Institution hat ihr Personal gewechselt.

Ein Unternehmen wurde verkauft.

Eine politische Amtsperiode ist beendet.

Die Zeitspanne zwischen Tätigkeit und Folge kann dadurch die Rückkopplung unterbrechen.

Der Verortungs-/Zeitanker macht sichtbar:

Der Entscheidungszeitraum und der Folgenzeitraum können auseinanderfallen.

Wenn keine Institution den Rückweg über diese Zeitspanne sichert, entsteht ein zeitliches Rückkopplungsloch.

Räumliches Loch

Dasselbe kann räumlich geschehen.

Eine Tätigkeit wird an einem Ort entschieden.

Die Folge tritt an einem anderen Ort ein.

Produktion.

Rohstoffgewinnung.

Transport.

Entsorgung.

Klimatische oder ökologische Auswirkungen.

Politische Zuständigkeit und tatsächlicher Wirkungsraum können auseinanderfallen.

Auch hier gilt:

Die Wirkung kennt die menschliche Zuständigkeitsgrenze nicht notwendig.

Der Lochprozess entsteht, wenn die gesellschaftliche Grenzziehung verhindert, dass die Folge zurückwirken kann.

Der Millisekunden-Mensch

Die 24-Stunden-Uhr erweitert den Lochprozess um einen planetarischen Maßstab.

Der Mensch lebt innerhalb sehr alter geologischer, biologischer und atmosphärischer Bedingungen.

Seine heutigen Eigentums-, Markt-, Rechts- und Institutionsordnungen sind im Vergleich dazu außerordentlich jung.

Ein zeitliches Loch kann entstehen, wenn diese sehr jungen menschlichen Hervorbringungen behandelt werden, als besäßen sie einen höheren Wirklichkeitsrang als die wesentlich älteren Bedingungen, von denen ihre Träger weiterhin abhängig sind.

Der Millisekunden-Mensch verwechselt dann möglicherweise die Neuheit seiner Ordnung mit der Vorrangigkeit ihrer Geltung.

Das Archiv gegen das Geschichtsloch

Das Archiv besitzt deshalb eine wichtige Gegenfunktion.

Wenn eine gegenwärtige Theorie so erscheint, als sei sie plötzlich und vollständig entstanden, verschwindet ihre Herstellungsgeschichte.

Tagebücher.

Fotografien.

Bewerbungen.

Skizzen.

Ablehnungen.

Frühere Begriffe.

Veränderte Fassungen.

Sie können zeigen, dass eine heutige Vorstellung eine Geschichte besitzt.

Das Archiv arbeitet damit gegen ein Geschichtsloch.

Es ermöglicht, zu rekonstruieren, wann ein Begriff entstand, wie er sich veränderte und welche Erfahrungen tatsächlich zu Korrekturen führten.

Erinnerung und Lochprozess

Auch persönliche Erinnerung muss dabei geprüft werden.

Der Mensch kann seine Vergangenheit aus der Gegenwart neu ordnen.

Ein Lebenswerk kann im Rückblick wesentlich geradliniger erscheinen, als es tatsächlich war.

Dadurch kann ein biografisches Loch entstehen.

Widersprüche.

Irrwege.

Scheitern.

Verworfene Entwürfe.

Sie verschwinden zugunsten einer geschlossenen Künstlergeschichte.

Gerade deshalb muss der Lochprozess auch auf die eigene Biografie angewandt werden.

Kein Lochprozess ohne Auswahl

Damit wird ein scheinbares Paradox sichtbar.

Der Mensch kann den Lochprozess nicht dadurch verhindern, dass er auf jede Auswahl verzichtet.

Das wäre unmöglich.

Er muss schneiden.

Die zentrale Fähigkeit besteht deshalb nicht im Nicht-Schneiden.

Sie besteht im Erinnern an den Schnitt.

Man könnte sagen:

Zivilisationsfähigkeit beginnt nicht mit einer schnittlosen Erkenntnis, sondern mit einer rückkopplungsfähigen Schnittpraxis.

Zweifel als Erinnerung an den Schnitt

Hier erhält der Zweifel seine genaueste Funktion.

Zweifel bedeutet nicht, dass nichts gewusst werden könne.

Er bedeutet auch nicht, jede Aussage gleich unsicher zu behandeln.

Der Zweifel setzt an der eigenen Form an.

Warum habe ich gerade hier unterschieden?

Was habe ich ausgeschlossen?

Welche Eigenschaft habe ich zugeschrieben?

Welche Beziehung fehlt?

Welche Beobachtung würde meine gegenwärtige Form verändern?

Das vorhandene Material setzt den Zweifel deshalb bereits an der Unterscheidung an und nicht erst beim fertigen Weltbild.

Der Zweifel erinnert:

Diese Form wurde hergestellt.

Zweifel als Membran

Damit ist Zweifel die erkenntniskünstlerische Membran des Lochprozesses.

Er verhindert nicht die Formbildung.

Er hält die Form durchlässig.

Eine Vorstellung darf stabil genug sein, um nach ihr zu handeln.

Sie muss aber offen genug bleiben, um von eintretenden Folgen verändert zu werden.

In diesem Sinn ist Zweifel kein Gegensatz zur Handlungsfähigkeit.

Er ist eine Bedingung korrigierbarer Handlungsfähigkeit.

Die Frage selbst kann ein Loch erzeugen

Eine besonders wichtige Weiterentwicklung liegt darin, den Lochprozess bereits auf die Fragestellung anzuwenden.

Wenn gefragt wird:

„Was ist der Unterschied zwischen Mensch und Natur?“

ist eine Gegenüberstellung möglicherweise bereits in die Grammatik der Frage eingebaut.

Das bedeutet nicht, dass die Frage verboten wäre.

Aber sie muss selbst prüfbar werden.

Welche Wirklichkeitsarchitektur setzt die Frage voraus?

Welche Seiten wurden bereits hergestellt?

Welche anderen Fragestellungen wären möglich?

Das vorhandene Material bringt diese Einsicht auf den starken Satz:

Der Mensch verliert die Wirklichkeit nicht erst durch falsche Antworten. Er kann sie schon durch die Form seiner Fragestellung zerschneiden.

Begriffshandwerk als Lochprüfung

Der Prüfanker des Begriffshandwerks erhält deshalb eine unmittelbare Funktion gegenüber dem Lochprozess.

Er fragt:

Was habe ich herausgenommen?

Was habe ich unterschieden?

Was habe ich gegenübergestellt?

Wie habe ich es benannt?

Welche Eigenschaften habe ich zugeschrieben?

Was ist dadurch unsichtbar geworden?

Was geschieht, wenn ich nach dieser Vorstellung handle?

Kann die Folge meine Ausgangsvorstellung verändern?

Diese Prüfbewegung macht den Lochprozess bearbeitbar, ohne dass zunächst eine umfangreiche Theorie über Erkenntnis gelernt werden muss.

E1–E4 als Lochdiagnostik

E1–E4 kann anschließend helfen, genauer zu bestimmen, welcher Art die verlorene Beziehung ist.

E1 fragt nach materiell feststellbaren Differenzen und Wirkungen.

E2 nach lebendigen Abhängigkeiten und Verletzungsfolgen.

E3 nach den menschlich erzeugten Kategorien, Rollen, Zuschreibungen und Geltungsordnungen.

E4 fragt, ob die Folgen auf die ursprüngliche E3-Form zurückwirken können.

Der Lochprozess entsteht deshalb besonders deutlich dort, wo eine E3-Form ihre Tätigkeitsfolgen in E1 und E2 nicht mehr als mögliche Korrektur zulässt.

Lochprozess ist nicht E3 selbst

Dabei darf E3 nicht mit Lochprozess gleichgesetzt werden.

Sprache.

Eigentum.

Recht.

Geld.

Rollen.

Institutionen.

All dies ist nicht automatisch ein Loch.

E3 ist unverzichtbar für menschliche Gesellschaft.

Das Loch beginnt dort, wo eine E3-Hervorbringung ihre Rückbindung an die Wirkungs- und Tragbedingungen verliert.

Die Kritik richtet sich deshalb nicht gegen gesellschaftliche Konstruktion.

Sie richtet sich gegen rückkopplungsunfähige Konstruktion.

51:49 als Lochmembran

51:49 kann in diesem Zusammenhang als kleines Störmodell dienen.

Die perfekt geschlossene 50:50-Gegenüberstellung wird minimal verschoben.

Dadurch bleibt die Frage nach Beziehung offen.

Das Gegenüber ist nicht identisch.

Aber es ist auch nicht absolut getrennt.

51:49 ist damit kein Heilmittel gegen Lochprozesse, sondern eine künstlerische Erinnerung:

Lass eine Differenz bestehen, aber schließe ihre Beziehung nicht.

Der rote Punkt

Auch der rote Punkt kann innerhalb des Lochprozesses neu bestimmt werden.

Er muss nicht heißen:

Hier ist die richtige Antwort.

Er kann heißen:

Hier ist eine offene Stelle.

Hier fehlt eine Beziehung.

Hier ist ein Widerspruch.

Hier muss weitergeprüft werden.

Der Punkt markiert dann nicht Gewissheit, sondern ein bewusst erhaltenes Nichtwissen.

Das ist das Gegenteil eines unbemerkten Loches.

Nichtwissen und Loch sind nicht dasselbe

Diese Unterscheidung ist besonders wichtig.

Nichtwissen ist nicht automatisch ein Lochprozess.

Ein Mensch kann ausdrücklich sagen:

„Das weiß ich nicht.“

Damit bleibt die Stelle offen und sichtbar.

Der Lochprozess entsteht eher dort, wo Nichtwissen durch eine scheinbar vollständige Konstruktion verdeckt wird.

Eine erfundene Gewissheit kann daher gefährlicher sein als ein ausdrücklich benanntes Nichtwissen.

Das Nichtwissen besitzt eine Membran.

Die falsche Gewissheit kann sie schließen.

Fantasie als vorläufige Brücke

Auch Fantasie gehört deshalb nicht auf die Seite des Problems.

Menschen müssen Lücken überbrücken können.

Kunst kann Möglichkeiten vorstellen.

Wissenschaft arbeitet mit Hypothesen und Modellen.

Problematisch wird Fantasie erst dort, wo eine vorläufige Brücke mit dem Boden verwechselt wird, den sie überquert.

Die entscheidende Frage lautet:

Kann die vorgestellte Form wieder an einem Gegenüber geprüft werden?

Wenn ja, bleibt sie plastisch.

Der Lochprozess im Mitmachbuch

Das Mitmachbuch kann den Lochprozess praktisch erfahrbar machen.

Ein Benutzer schneidet ein Bild aus.

Sofort entsteht ein Ausschnitt.

Nun kann gefragt werden:

Was liegt außerhalb?

Eine Folie wird aufgelegt.

Welche Zuschreibung kommt hinzu?

Ein Begriff wird geschrieben.

Welche Beziehung wird dadurch unsichtbar?

Eine Tätigkeit wird ergänzt.

Welche Folge entsteht?

Damit wird der Lochprozess nicht abstrakt erklärt.

Er wird vollzogen und wieder geöffnet.

Die leere Folie als Lochprüfung

Besonders wichtig kann die leere Folie sein.

Der Benutzer trägt seine eigene Grenze ein.

Seinen Wert.

Seine Rolle.

Seine Zuordnung.

Dadurch wird sichtbar:

Ich habe diese Linie hinzugefügt.

Allein dieser körperliche Vorgang kann eine starke erkenntniskünstlerische Wirkung besitzen.

Die Grenze wird nicht einfach als Wirklichkeit vorgefunden.

Ihre Hervorbringung wird sichtbar.

Das So-Heits-Atelier als Werkstatt der Lochreparatur

Das So-Heits-Atelier erhält damit eine besonders präzise Aufgabe.

Es zeigt nicht einfach Löcher.

Es baut auch nicht eine perfekte „lochfreie“ Wirklichkeit.

Es schafft Situationen, in denen verlorene Beziehungen wieder wahrnehmbar gemacht werden können.

Der Spaten führt Vorstellung zum Boden zurück.

Das Wellenbecken zeigt, dass Wirkungen Grenzen überschreiten.

Der Deich zeigt Tragbedingungen.

Der Astronaut zeigt verdeckte Abhängigkeiten.

Die Eigentumsfolie zeigt gesellschaftliche Zuschreibung.

Die Schultafel ermöglicht Korrektur.

Das Theater öffnet die Rollenidentität.

Das Mitmachbuch trägt die Prüfung weiter.

Das Atelier wird dadurch zur Werkstatt der Rückbeziehung.

Der Astronaut als Lochbild

Der Astronaut eignet sich besonders gut, weil er scheinbare Autonomie und tatsächliche Abhängigkeit gleichzeitig zeigt.

Im Anzug erscheint der Mensch abgeschlossen.

Tatsächlich muss die gesamte lebensnotwendige Beziehung zur Umwelt technisch organisiert werden.

Wird der Anzug als Bild vollständiger Unabhängigkeit verstanden, entsteht ein Loch zwischen Rollenbild und Abhängigkeitswirklichkeit.

Der Astronaut macht dieses Loch sichtbar.

Der Feuerkäfig

Im Feuerkäfig wird diese Struktur weiter zugespitzt.

Die Tür ist offen.

Der Mensch könnte hinausgehen.

Trotzdem bleibt er im Käfig.

Sein Schutz- oder Freiheitsbild kann dazu beitragen, die tatsächliche Bedrohung auszuhalten oder nicht wahrzunehmen.

Der Feuerkäfig ist deshalb kein Beweis einer universellen Menschheitspsychologie.

Er ist ein Diagnosebild für einen möglichen Lochprozess zwischen Freiheitsvorstellung, Rollenidentität und tatsächlicher Tätigkeits- oder Verletzungswirklichkeit.

KI und Lochprozess

Künstliche Intelligenz kann den Lochprozess unterstützen oder verstärken.

Sie kann helfen, ausgeblendete Beziehungen zu erkennen.

Sie kann fragen, welche Voraussetzungen in einem Satz verborgen sind.

Sie kann alternative Gegenüberstellungen erzeugen.

Sie kann verschiedene Wirklichkeitsweisen auseinanderhalten.

Aber KI kann selbst Löcher erzeugen.

Eine sprachlich überzeugende Antwort kann Nichtwissen verdecken.

Ein Algorithmus kann bestimmte Inhalte auswählen und andere unsichtbar machen.

Eine statistische Korrelation kann als vollständige Erklärung erscheinen.

Deshalb muss die KI selbst dem Lochprozess-Prüfoperator unterliegen.

Algorithmischer Ausschnitt

Jedes Such- und Empfehlungssystem schneidet aus einem größeren Datenbestand etwas heraus.

Es entscheidet, was sichtbar wird.

Diese Auswahl ist funktional notwendig.

Aber auch hier gilt:

Der Schnitt ist notwendig. Das Vergessen des Schnitts erzeugt das Loch.

Wenn ein algorithmisch ausgewählter Ausschnitt mit der gesamten verfügbaren Wirklichkeit verwechselt wird, entsteht ein digitales Gegenstandsloch.

Schwarm und Lochprozess

Auch die Globale Schwarm-Intelligenz kann Lochprozesse nicht allein durch die Zahl ihrer Beteiligten verhindern.

Viele Menschen können denselben Ausschnitt teilen.

Eine Mehrheit kann dieselbe ausgeblendete Beziehung übersehen.

Deshalb muss die Schwarmstruktur nicht nur Meinungen sammeln.

Sie muss insbesondere Differenzen, Widersprüche und fehlende Rückwege sichtbar halten.

Eine abweichende Beobachtung kann gerade deshalb wertvoll sein, weil sie ein Loch im Mehrheitsbild sichtbar macht.

Rückkopplung statt Konsens

Der Maßstab des Schwarms lautet deshalb nicht Konsens.

Er lautet Rückkopplungsfähigkeit.

Kann ein abweichender Befund sichtbar bleiben?

Kann eine Folge aus einem anderen Ort zurückkehren?

Kann eine spätere Erfahrung eine frühere Auffassung verändern?

Kann eine Minderheitsbeobachtung geprüft werden?

Damit wird der Schwarm zu einer möglichen Membran gegen kollektive Lochprozesse.

Reparatur des Lochprozesses

Der Lochprozess ist kein irreversibler Zustand.

Beziehungen können zurückgeholt werden.

Ein Begriff kann geöffnet werden.

Eine institutionelle Zuständigkeit kann verändert werden.

Eine wissenschaftliche Disziplin kann mit einer anderen verbunden werden.

Eine Eigentumsordnung kann Folgewirkungen stärker berücksichtigen.

Ein Mensch kann seine Rollenidentität korrigieren.

Ein historisches Archiv kann eine vergessene Entwicklung sichtbar machen.

Man könnte deshalb von Lochreparatur sprechen.

Diese Reparatur bedeutet jedoch nicht, den ursprünglichen Ausschnitt vollständig aufzulösen.

Sie stellt die verlorene Membran wieder her.

Rückholung statt Ganzheitsphantasie

Dabei ist ein wesentlicher Fehler zu vermeiden.

Der Gegenbegriff zum Lochprozess darf keine Vorstellung vollständiger Ganzheit sein.

Kein Mensch kann sämtliche Beziehungen gleichzeitig erfassen.

Keine Wissenschaft kann den gesamten Plexus vollständig darstellen.

Keine Plattform kann alle Folgen kennen.

Keine Folie kann alles zeigen.

Die Reparatur des Loches besteht daher nicht darin, endlich „alles“ zu sehen.

Sie besteht darin, den Rückweg zu relevanten ausgeblendeten Beziehungen offenzuhalten.

Das ist wissenschaftlich wesentlich bescheidener und methodisch tragfähiger.

Relevanz der ausgeschlossenen Beziehung

Damit entsteht eine notwendige nächste Frage.

Nicht jede ausgeschlossene Beziehung ist für jede Untersuchung relevant.

Wenn ein Physiker die Fallgeschwindigkeit eines Körpers untersucht, muss er nicht gleichzeitig die Eigentumsverhältnisse des Versuchslabors analysieren.

Der Lochprozess darf deshalb nicht zu der Forderung führen, immer alles mit allem zu verbinden.

Entscheidend ist:

Welche ausgeschlossene Beziehung kann für die konkrete Fragestellung, Tätigkeit oder Folge wesentlich werden?

Diese Relevanz muss geprüft werden.

Lochprozess ist keine „Alles-hängt-mit-allem-zusammen“-Lehre

Gerade deshalb unterscheidet sich der Lochprozess von einer unspezifischen Ganzheitslehre.

Die Aussage lautet nicht:

Alles hängt mit allem zusammen, deshalb ist jeder Schnitt falsch.

Sie lautet:

Jeder Schnitt erzeugt einen Ausschnitt; prüfe, welche für deinen Gegenstand wesentlichen Beziehungen dadurch unsichtbar geworden sind und ob ihre Rückmeldung erhalten bleibt.

Damit bleibt wissenschaftliche Spezialisierung möglich.

Wissenschaftliche Anschlussfähigkeit

Der Begriff Lochprozess ist selbst kein etablierter wissenschaftlicher Fachbegriff in dieser von mir verwendeten Bedeutung.

Seine wissenschaftliche Anschlussfähigkeit hängt deshalb davon ab, ob er operationalisierbar bleibt.

In einer konkreten Untersuchung muss angegeben werden können, welcher Ausschnitt gebildet wurde, welche Beziehung ausgeschlossen blieb, welche Tätigkeit daraus hervorging, welche Folge außerhalb des Ausschnitts eintrat und wodurch die Rückkopplung blockiert oder wiederhergestellt wurde.

Nur so kann aus einer künstlerischen Metapher ein methodisch diskutierbares Prüfmodell werden.

Keine Universaldiagnose

Damit muss zugleich verhindert werden, dass der Lochprozess zu einer universalen Erklärung für jedes gesellschaftliche Problem wird.

Nicht jedes Scheitern entsteht durch einen Lochprozess.

Nicht jede Ungerechtigkeit ist allein auf eine falsche Grenzziehung zurückzuführen.

Nicht jede wissenschaftliche Spezialisierung erzeugt schädliche Blindheit.

Nicht jede symbolische Ordnung ist rückkopplungsunfähig.

Der Begriff besitzt nur dort analytische Schärfe, wo tatsächlich gezeigt werden kann, welche relevante Beziehung durch eine Form der Selektion, Zuschreibung oder Institutionalisierung aus dem Rückkopplungszusammenhang gefallen ist.

Lochprozess und Macht

Eine weitere wichtige Erweiterung betrifft Macht.

Beziehungen können nicht nur versehentlich unsichtbar werden.

Menschen und Institutionen können ein Interesse daran besitzen, bestimmte Folgen außerhalb ihres Verantwortungsbereiches zu halten.

Ein Lochprozess kann deshalb durch Macht stabilisiert werden.

Eine gesellschaftliche Ordnung bestimmt dann nicht nur, was sichtbar ist, sondern auch, welche Folgen als relevant gelten, wer sprechen darf und welche Rückmeldungen Konsequenzen besitzen.

Damit verbindet sich der Lochprozess mit 1:99.

Eine extreme Machtasymmetrie kann dazu führen, dass diejenigen, die Folgen tragen, wenig Möglichkeit besitzen, die verursachende Ordnung zu korrigieren.

1:99 als Rückkopplungsasymmetrie

1:99 bezeichnet deshalb nicht nur Konzentration von Eigentum oder Verfügung.

Es kann auch eine Asymmetrie der Rückkopplungsmacht anzeigen.

Viele Menschen tragen Folgen.

Wenige besitzen Veränderungsmacht.

Oder umgekehrt:

Wenige treffen Entscheidungen.

Viele tragen Konsequenzen.

Der Lochprozess besteht dann in der institutionellen Trennung zwischen Folgenwahrnehmung und Korrekturmöglichkeit.

Zivilisationsloch

In seiner weitesten Form kann der Lochprozess zum Zivilisationsloch werden.

Eine Gesellschaft besitzt Wissen.

Sie besitzt Technik.

Sie besitzt Institutionen.

Sie kann Folgen messen.

Und dennoch gelingt es nicht, die hervorgebrachten Ordnungen an die erkannten Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen zurückzubinden.

Das Zivilisationsloch ist deshalb nicht Unwissenheit allein.

Es ist eine Störung der Rückkopplungsarchitektur des Menschenkunstwerks.

Zivilisationsfähigkeit als Gegenbewegung

Zivilisationsfähigkeit bezeichnet entsprechend nicht eine endgültig richtige Gesellschaft.

Sie bezeichnet die Fähigkeit einer Gesellschaft, solche Löcher zu erkennen und Rückwege herzustellen.

Kann ein Gesetz aufgrund seiner tatsächlichen Folgen geändert werden?

Kann eine Institution ihr Erfolgsmaß verändern?

Kann wirtschaftlicher Gewinn gegen zerstörte Tragbedingungen rückgekoppelt werden?

Kann wissenschaftliches Wissen gesellschaftliche Entscheidungen erreichen?

Kann die Stimme der Betroffenen die verursachende Ordnung verändern?

Darin liegt die gesellschaftliche Bedeutung des Lochprozesses.

Der Lochprozess innerhalb des Menschenkunstwerks

Der Begriff des Menschenkunstwerks gibt dem Lochprozess seinen umfassenden Rahmen.

Der Mensch bringt nicht nur einzelne Kunstobjekte hervor.

Er formt Sprache.

Eigentum.

Geld.

Institutionen.

Staaten.

Wissenschaften.

Rollen.

Digitale Systeme.

Diese Hervorbringungen sind notwendig und real wirksam.

Gerade deshalb können sie sich verselbstständigen.

Der Lochprozess untersucht, wann der Mensch sein eigenes Kunstwerk mit der vorausliegenden Wirklichkeit verwechselt und dadurch dessen Korrigierbarkeit verliert.

Künstlerische Herkunft des Begriffs

Gerade hier wird deutlich, warum der Lochprozess innerhalb einer Forschungskunst entstanden ist.

Die Bildhauerei kennt den Schnitt unmittelbar.

Material wird entfernt.

Ein Teil wird herausgenommen.

Eine Form entsteht.

Fotografie erzeugt Ausschnitt.

Collage trennt und fügt neu zusammen.

Theater trennt Person und Rolle.

Die Schultafel macht eine Aussage sichtbar und wieder löschbar.

Der Spaten setzt eine Vorstellung materiell in den Boden.

Damit ist der Lochprozess keine nachträglich hinzugefügte abstrakte Theorie.

Er verdichtet Arbeitsbewegungen, die bereits lange zuvor im Werk vorhanden waren.

Vom Loch zur Membran

Die eigentliche Gegenbewegung lässt sich deshalb nicht mit „Loch schließen“ ausreichend beschreiben.

Ein vollkommen geschlossenes Loch könnte wiederum eine Mauer erzeugen.

Die bessere Formulierung lautet:

Aus der Trennung wieder eine Membran machen.

Die Grenze darf bestehen.

Der Gegenstand darf bestehen.

Der Begriff darf bestehen.

Die Institution darf bestehen.

Aber die Beziehung muss wieder antworten dürfen.

Die zentrale Prüfungsfrage

Damit lässt sich der gesamte Lochprozess auf eine besonders einfache Frage konzentrieren:

Kann das Ausgeschlossene zurückmelden?

Diese Frage kann auf einen Begriff, ein wissenschaftliches Modell, eine Eigentumsordnung, eine Institution, eine Rolle, eine KI-Antwort oder das eigene Lebenswerk angewandt werden.

Wenn die Antwort lautet:

Ja, und die Form kann dadurch verändert werden,

bleibt der Ausschnitt plastisch.

Wenn die Antwort lautet:

Nein, die Form erklärt jede widersprechende Rückmeldung so um, dass sie selbst unverändert bleibt,

ist ein Lochprozess weit fortgeschritten.

Verhältnis zu den Ankern

Der Lochprozess bleibt innerhalb der festgelegten Architektur bewusst kein eigener Anker.

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker bezeichnet den Zusammenhang, aus dem ausgeschnitten wird.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks untersucht die Schnitt- und Zuschreibungsoperationen.

Der Tätigkeitskonsequenzanker zeigt, was geschieht, wenn aufgrund des Ausschnitts gehandelt wird.

Der Verortungs-/Zeitanker zeigt, wo und wann Rückkopplungen verloren gehen können.

Der Foliengrammatikanker macht Ausschnitte und Zuschreibungen sichtbar und abnehmbar.

Der Mitmachbuchanker macht den Lochprozess für den anderen praktisch prüfbar.

Der So-Heits-Atelier-Anker organisiert räumliche Gegenüber und Rückbeziehungen.

Der KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker versucht, Rückwege über Person, Ort und Zeitpunkt hinaus offenzuhalten.

E1–E4 hilft zu bestimmen, welcher Wirklichkeitsweise eine verlorene Beziehung angehört und ob E4 den Rückweg wiederherstellen kann.

51:49 hält als Störoperator die Differenz offen, ohne daraus eine endgültige Trennung zu machen.

Damit arbeitet der Lochprozess quer durch die gesamte Ankerstruktur.

Selbstprüfung des Begriffs Lochprozess

Gerade dieser Begriff muss jedoch besonders konsequent seiner eigenen Methode unterworfen werden.

Auch „Lochprozess“ ist eine menschliche Hervorbringung.

Auch dieser Begriff schneidet etwas heraus.

Auch er kann zum Wirklichkeitssurrogat werden.

Wenn künftig jedes gesellschaftliche Problem als „Lochprozess“ bezeichnet würde, hätte der Begriff seine Prüfschärfe verloren.

Deshalb muss immer gefragt werden:

Welcher konkrete Schnitt wird behauptet?

Welche relevante Beziehung ist dadurch unsichtbar geworden?

Welche Tätigkeit folgt daraus?

Welche Konsequenz tritt außerhalb des Ausschnitts auf?

Wodurch wird deren Rückkehr verhindert?

Und welche Beobachtung würde zeigen, dass hier gar kein Lochprozess vorliegt?

Gerade die letzte Frage ist unverzichtbar.

Ein Prüfbegriff muss auch widerlegbar beziehungsweise korrigierbar bleiben.

Verdichtung des Lochprozesses

Der Lochprozess lässt sich schließlich in einer zusammenhängenden Grundform formulieren:

Der Mensch lebt innerhalb eines vorausliegenden Wirkungszusammenhangs, kann diesen jedoch nur über Ausschnitte, Unterscheidungen, Gegenüberstellungen, Begriffe und andere hervorgebrachte Formen bearbeiten. Diese Schnitte sind notwendig und bilden die Grundlage von Erkenntnis, Sprache, Wissenschaft, Kunst und gesellschaftlicher Organisation. Ein Lochprozess beginnt dort, wo der Herstellungscharakter eines solchen Ausschnitts vergessen wird, die Schnittkante als vorausliegende Wirklichkeitsgrenze erscheint und die ausgeblendeten Beziehungen nicht mehr in die Untersuchung oder auf die aus ihr hervorgehenden Tätigkeiten zurückwirken können. Aus dem produktiven Ausschnitt wird dann ein Wirklichkeitssurrogat. Eigenschaften, Rollen, Symbole und Institutionen können die entstandene Form weiter stabilisieren. Menschen handeln nach ihr, während ihre Tätigkeitsfolgen möglicherweise außerhalb des ursprünglichen Ausschnitts auftreten. Der Lochprozess erreicht seine gesellschaftlich entscheidende Form dort, wo diese Folgen zwar wirklich eintreten, aber diejenige Vorstellung, Regel oder Institution nicht mehr verändern können, aus der die Tätigkeit hervorgegangen ist.

Die kürzeste Formel lautet deshalb:

Der Schnitt erzeugt noch kein Loch. Das Loch entsteht, wenn der Rückweg verloren geht.

Noch präziser:

Der Lochprozess ist der Übergang vom notwendigen Ausschnitt zur vergessenen Beziehung.

Sein Gegenprinzip lautet:

Membran statt Mauer.

Seine methodische Hauptfrage lautet:

Kann das Ausgeschlossene zurückmelden?

Seine E4-Frage lautet:

Kann die eintretende Konsequenz die ursprüngliche Unterscheidung, Zuschreibung oder Ordnung wieder verändern?

Seine gesellschaftliche Frage lautet:

Wo funktionieren unsere menschlichen Hervorbringungen innerhalb ihrer eigenen Ausschnitte, während ihre Folgen außerhalb dieser Ausschnitte bereits die Bedingungen beschädigen, von denen wir selbst abhängig bleiben?

Und seine forschungskünstlerische Grundbewegung lautet:

Herausschneiden – den Schnitt sichtbar halten – ein Gegenüber herstellen – tätig werden – die Folge verfolgen – ausgeblendete Beziehungen zurückholen – Zweifel zulassen – die Grenze zur Membran öffnen – korrigieren und gegebenenfalls reparieren.

Damit bezeichnet der Lochprozess keine Theorie darüber, dass menschliche Erkenntnis notwendig falsch sei.

Er bezeichnet vielmehr die Gegenfrage, die jede menschliche Erkenntnisform begleiten kann:

Was musste ich ausblenden, um dies so klar sehen zu können – und kann das Ausgeblendete meine Klarheit noch verändern?

Genau dort liegt die eigentliche Bedeutung des Lochprozesses innerhalb meiner Forschungskunst.

Die entscheidende Schärfung gegenüber älteren Fassungen liegt damit darin, dass das Loch nicht bereits beim Schnitt liegt. Selbst die Formulierung, eine Unterscheidung erzeuge „den ersten Lochprozess“, wäre heute zu ungenau. Der Schnitt erzeugt zunächst einen notwendigen Ausschnitt und damit ein potenzielles Risiko. Der eigentliche Lochprozess setzt dort ein, wo die Rückholbarkeit der ausgeblendeten Beziehungen verloren geht. Das entspricht auch der klarsten Formulierung des bisherigen Materials: Der Lochprozess entsteht dort, „wo das, was durch die Operation ausgeschlossen oder unsichtbar geworden ist, nicht mehr zurückkommen kann“.

......

Die Membran erhält in der jetzt erreichten Fassung eine noch zentralere Funktion als zuvor. Sie ist nicht einfach das Gegenteil des Lochs und auch kein allgemeines Harmonieprinzip. Sie bezeichnet eine Grenzform, die Unterschied ermöglicht, ohne die Beziehung abzubrechen. Das vorhandene Material hat dafür inzwischen eine sehr präzise Definition hervorgebracht: Die Mauer behandelt zwei Seiten als voneinander selbstständig; die Membran erhält die Differenz, indem sie gerade an der Grenze die fortdauernde Beziehung reguliert.

Membran

Unterschied erhalten, Beziehung offenhalten

Die Membran als Grenz-, Rückkopplungs- und Korrekturmodell der Forschungskunst

Funktion des Membranbegriffs

Der Begriff Membran bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst eine Form der Grenze, die gleichzeitig unterscheiden und Beziehung ermöglichen kann. Damit steht die Membran zwischen zwei problematischen Extremen: vollständiger Abschließung auf der einen und unterschiedsloser Auflösung auf der anderen Seite.

Eine Membran sagt nicht:

Hier gibt es keinen Unterschied.

Sie sagt ebenso wenig:

Hier endet das eine vollständig und dort beginnt eine davon unabhängige andere Wirklichkeit.

Ihre Grundform lautet vielmehr:

Hier besteht eine Differenz, aber diese Differenz bleibt innerhalb eines fortdauernden Beziehungs- und Wirkungszusammenhangs.

Damit wird die Membran zu einem zentralen Prüfmodell für Plexuswirklichkeit, Lochprozess, plastisches Ich, 51:49, E1–E4, Begriffshandwerk, Tätigkeitskonsequenz und Zivilisationsfähigkeit.

Sie ist jedoch selbst weder Naturgesetz noch allgemeine Erklärung der Wirklichkeit. Die biologische Membran, die technische Membran, die begriffliche Membran oder die gesellschaftliche Membran sind nicht identisch. Der Begriff wird innerhalb der Forschungskunst vergleichend und heuristisch verwendet. Seine Tragfähigkeit muss deshalb in jedem konkreten Zusammenhang neu geprüft werden.

Die Membran ist kein eigener Anker

Innerhalb der festgelegten Architektur meiner Forschungskunst bleibt die Membran bewusst kein zusätzlicher Anker.

Sie ist vielmehr ein grundlegendes Arbeitsmodell, das mehrere Anker miteinander verbindet.

Im Plexus-/Wirklichkeitsanker zeigt sie, wie relative Eigenständigkeit innerhalb fortgesetzter Beziehungen möglich ist. Im Prüfanker beschreibt sie eine Unterscheidung, die korrigierbar bleibt. Im Lochprozess bildet sie die Gegenform zur verhärteten Trennung. Im Tätigkeitskonsequenzanker ermöglicht sie Rückmeldung. In E4 wird sie zur Rückkopplungsgrenze. Im Foliengrammatikanker wird sie bildnerisch beweglich. Im Mitmachbuch ermöglicht sie die korrigierbare eigene Aussage. Das So-Heits-Atelier selbst kann als künstlich eingerichtete Prüfmembran verstanden werden. KI und Schwarm benötigen schließlich Membranstrukturen, damit Information, Widerspruch und Korrektur zirkulieren können, ohne sämtliche Unterschiede und Verantwortlichkeiten aufzulösen.

Die Membran arbeitet damit quer durch die gesamte Ankerstruktur.

Von der Grenze zur Membran

Der Ausgangspunkt ist die Grenze.

Grenzen sind notwendig.

Ein Organismus besitzt Grenzen.

Ein Gegenstand kann gegenüber einem anderen unterschieden werden.

Eine wissenschaftliche Untersuchung bestimmt ihren Gegenstandsbereich.

Eine Gesellschaft benötigt Regeln und Zuständigkeiten.

Eine Person benötigt Schutzräume.

Ein Staat besitzt institutionelle Grenzen.

Ein Begriff benötigt eine gewisse Bestimmtheit, sonst könnte er überhaupt nichts bezeichnen.

Das Problem meiner Forschungskunst richtet sich deshalb nicht gegen Grenzbildung.

Die entscheidende Frage lautet:

Welche Art von Grenze ist entstanden?

Ist sie vollkommen undurchlässig?

Was darf sie passieren?

Was muss sie zurückhalten?

Kann sie auf veränderte Bedingungen reagieren?

Kann eine Wirkung von der anderen Seite zurückmelden?

Kann sich die Grenze selbst verändern?

Erst durch solche Fragen wird aus der bloßen Grenze ein Membranproblem.

Membran und Plexuswirklichkeit

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker geht davon aus, dass relative Eigenständigkeit innerhalb von Beziehungen entsteht.

Ein lebender Organismus ist beispielsweise nicht mit seiner Umgebung identisch.

Er besitzt eine unterscheidbare Form.

Aber er kann gerade deshalb weiterbestehen, weil bestimmte Beziehungen zwischen ihm und seiner Umgebung offenbleiben.

Atmung.

Wasseraufnahme.

Nahrung.

Wärmeaustausch.

Ausscheidung.

Wahrnehmung.

Diese Vorgänge machen sichtbar, dass Eigenständigkeit nicht notwendig durch vollständige Isolation entsteht.

Die Membran ist deshalb eine besonders geeignete Figur für die Aussage:

Eigenständigkeit kann durch regulierte Beziehung entstehen.

Das ist etwas grundsätzlich anderes als die Vorstellung:

Eigenständigkeit entsteht durch Beziehungslosigkeit.

Die biologische Membran als Ausgangsgegenüber

Die biologische Zellmembran stellt hierfür ein besonders anschauliches reales Gegenüber bereit.

Sie ist keine vollständig geschlossene Wand.

Sie grenzt einen Zellraum ab und ist zugleich an selektiven Transport-, Austausch- und Regulationsvorgängen beteiligt.

Für meine Forschungskunst ist daran nicht entscheidend, eine biologische Membrantheorie auf Gesellschaft oder Erkenntnis zu übertragen. Eine solche Gleichsetzung wäre wissenschaftlich unzulässig.

Entscheidend ist ein struktureller Vergleich:

Eine tragfähige lebendige Grenze muss nicht vollkommen geschlossen sein.

Sie kann unterscheiden, schützen, bestimmte Stoffe oder Signale passieren lassen, andere zurückhalten und auf veränderte Bedingungen reagieren.

Das vorhandene Arbeitsmaterial fasst diese Grundstruktur entsprechend als Zusammenspiel von Abgrenzung, Durchlässigkeit, Zurückhaltung, Reaktion und Veränderung.

Damit erhält die biologische Membran innerhalb meiner Forschungskunst den Status eines materiellen Gegenübers, nicht eines universalen Beweises.

Schutz und Austausch

Diese Doppelbewegung ist für den Membranbegriff grundlegend.

Eine Grenze muss nicht möglichst offen sein.

Vollständige Offenheit kann eine Form ebenso zerstören wie vollständige Abschließung.

Ein Organismus benötigt Austausch und zugleich Schutz.

Ein soziales System benötigt Zugänglichkeit und zugleich bestimmte Regeln.

Eine Person benötigt Beziehungen und zugleich die Möglichkeit, nicht jede Einwirkung zulassen zu müssen.

Eine wissenschaftliche Disziplin benötigt einen bestimmten Gegenstandsbereich und zugleich Übergänge zu anderen Erkenntnisbereichen.

Damit lautet die Frage nicht:

Offen oder geschlossen?

Sondern:

Was muss unter welchen Bedingungen durchlässig, begrenzt, zurückgehalten oder verändert werden, damit der Zusammenhang trägt?

Die Membran ist deshalb kein Symbol unbegrenzter Offenheit.

Sie ist ein Modell regulierter Durchlässigkeit.

Membran und Mauer

Daraus ergibt sich die wichtige Gegenüberstellung zwischen Membran und Mauer.

Auch eine Mauer kann notwendig sein. Ein Gebäude benötigt Wände. Eine Schutzvorrichtung kann gerade von ihrer Undurchlässigkeit abhängen. Deshalb darf „Mauer“ innerhalb der Forschungskunst nicht automatisch moralisch negativ verstanden werden.

Als erkenntniskünstlerisches Vergleichsmodell bezeichnet die Mauer jedoch eine Grenze, an der Rückbeziehung endet.

Die Mauer sagt:

Was auf der anderen Seite geschieht, darf meine Form nicht verändern.

Die Membran sagt:

Es gibt eine Grenze, aber bestimmte Rückmeldungen können sie passieren und gegebenenfalls ihre Regulation verändern.

Genau hier liegt die zentrale Unterscheidung.

Das bisherige Arbeitsmaterial bringt sie auf die präzise Formulierung, dass das Problem beginnt, wenn die Membran zur Mauer wird. Eine tragfähige Unterscheidung hält Beziehungen sichtbar und bleibt durch Rückmeldung korrigierbar.

Nicht jede Mauer ist falsch und nicht jede Öffnung richtig

Für einen wissenschaftlichen Gebrauch des Begriffs muss jedoch eine einfache moralische Polarisierung vermieden werden.

Es gilt nicht:

Membran gut – Mauer böse.

Auch eine funktionierende Membran muss bestimmte Dinge abweisen.

Eine Haut, die keinerlei Schutzwirkung besäße, wäre keine tragfähige Haut.

Ein Rechtssystem, das jede Entscheidung jederzeit völlig auflöste, könnte seine Funktion verlieren.

Eine Person muss nicht jede Forderung anderer Menschen in ihre eigene Entscheidung aufnehmen.

Eine demokratische Institution benötigt Verfahren, Fristen und Zuständigkeiten.

Die entscheidende Frage ist deshalb nicht maximale Durchlässigkeit.

Sie lautet:

Ist die Art der Grenzregulation der jeweiligen Funktion angemessen und bleibt sie für relevante Rückmeldungen erreichbar?

Damit wird die Membran zur Tragfähigkeitsfrage.

Membran bedeutet selektive Beziehung

Die Membran unterscheidet deshalb nicht nur zwischen offen und geschlossen.

Sie führt eine dritte Qualität ein:

Selektivität.

Bestimmte Beziehungen bleiben offen.

Andere werden begrenzt.

Manche Informationen sind relevant.

Andere nicht.

Bestimmte Stoffe können passieren.

Andere werden zurückgehalten.

Eine institutionelle Regel kann bestimmte Einsprüche zulassen und andere Anforderungen ausschließen.

Diese Selektivität ist notwendig.

Sie enthält jedoch zugleich eine Gefahr.

Denn jedes Auswahlverfahren kann selbst einen Lochprozess erzeugen.

Die Membran muss deshalb nicht nur selektieren.

Sie muss auch ihre eigene Selektivität prüfbar halten.

Wer bestimmt die Durchlässigkeit?

Damit entsteht eine wichtige gesellschaftliche Erweiterung.

Bei einer biologischen Membran werden Regulationsvorgänge durch biologische Strukturen bestimmt.

Bei gesellschaftlichen Membranen lautet die zusätzliche Frage:

Wer entscheidet, was passieren darf?

Wer besitzt Zugang?

Wer darf widersprechen?

Welche Information gilt als relevant?

Welche Beschwerde wird behandelt?

Welche wissenschaftliche Erkenntnis erreicht eine politische Entscheidung?

Welche Person kann einen institutionellen Prozess verändern?

Damit wird die Membran auch zu einer Frage von Macht.

Eine Grenze kann formal durchlässig erscheinen und praktisch nur bestimmten Personen Zugang gewähren.

Deshalb muss gesellschaftliche Membranprüfung immer auch fragen:

Für wen ist diese Grenze durchlässig?

Asymmetrische Membranen

Eine Membran muss nicht in beide Richtungen gleich funktionieren.

Auch dies ist für die Forschungskunst wichtig.

Eine gesellschaftliche Institution kann sehr leicht Anforderungen nach außen geben und gleichzeitig Rückmeldungen von außen kaum aufnehmen.

Ein Unternehmen kann Produkte, Werbung und Auswirkungen in einen gesellschaftlichen Raum hineintragen, während Betroffene nur geringe Möglichkeiten besitzen, die Produktionsentscheidung zurückzuverändern.

Eine Regierung kann Regeln erlassen, während die Rückmeldung der Betroffenen nur schwach in das Entscheidungssystem zurückkehrt.

Damit entsteht eine asymmetrische Membran.

Die Frage lautet deshalb nicht nur:

Ist etwas durchlässig?

Sondern:

In welche Richtung?

Membran und Rückkopplung

Hier liegt die engste Verbindung zwischen Membran und Rückkopplung.

Eine Beziehung wird erst dann zu einer wirklichen Rückkopplung, wenn eine Folge auf ihre Ausgangsbedingung zurückwirken kann.

Ein System sendet also nicht nur Wirkung nach außen.

Es kann auch Antworten aufnehmen.

Damit lautet die zentrale Membranfrage:

Kann eine Wirkung zurückkehren?

Das vorhandene Arbeitsmaterial konkretisiert diese Frage bereits handwerklich: Kann eine Erfahrung einen Begriff verändern? Kann Material widersprechen? Kann ein Betroffener widersprechen? Kann eine Konsequenz eine Regel verändern? Kann neue Information eine Überzeugung korrigieren? Wenn solche Rückmeldungen passieren können, bleibt eine Grenze membranartig; wenn nicht, kann sie zur Mauer und damit zum Rückkopplungsloch werden.

Diese Fragen bilden den methodischen Kern des Membranbegriffs.

Membran und Lochprozess

Der Lochprozess und die Membran gehören deshalb unmittelbar zusammen.

Der Lochprozess beginnt dort, wo ein notwendiger Ausschnitt seine Rückbeziehungen verliert.

Die Membran bezeichnet die Gegenbewegung:

Der Ausschnitt bleibt unterscheidbar, aber relevante Beziehungen können zurückkehren.

Die Membran beseitigt den Schnitt nicht.

Sie hält den Schnitt sichtbar und durchlässig.

Damit lässt sich die Beziehung zwischen beiden Begriffen präzise formulieren:

Der Lochprozess beschreibt den Verlust des Rückweges. Die Membran organisiert den Rückweg.

Das ist möglicherweise die stärkste funktionale Definition der Membran innerhalb meiner Forschungskunst.

Der Schnitt als Membran

Eine Unterscheidung kann deshalb selbst membranartig organisiert werden.

Ich schneide einen Baum aus einem größeren Zusammenhang heraus, um ihn zu untersuchen.

Solange ich weiß, dass Boden, Wasser, Pilze, Licht, Atmosphäre und Zeit weiterhin relevant werden können, bleibt mein Ausschnitt membranartig.

Ich habe eine Grenze gezogen.

Aber diese Grenze verhindert nicht, dass andere Beziehungen wieder in die Untersuchung eintreten.

Wird dagegen behauptet:

Der Baum ist vollständig durch die innerhalb meines Ausschnittes erfassten Eigenschaften erklärt,

kann die Membran zur Mauer werden.

Der methodische Schnitt wird zur vermeintlichen Wirklichkeitsgrenze.

Der fotografische Rahmen als Membran

Auch die Fotografie kann auf diese Weise neu gelesen werden.

Der Bildrahmen unterscheidet einen Ausschnitt.

Er sagt:

Hier konzentriere ich meinen Blick.

Ein reflektierter fotografischer Umgang lässt zugleich sichtbar, dass außerhalb des Bildes weiteres Geschehen vorhanden ist.

Der Rahmen ist dann eine Membran zwischen Bild und nicht abgebildetem Zusammenhang.

Problematisch wird der Rahmen erst, wenn das Bild so verwendet wird, als dokumentiere sein Ausschnitt bereits das vollständige Geschehen.

Die Fotografie ist deshalb innerhalb meiner Forschungskunst nicht nur ein Modell des Schnittes.

Sie kann auch ein Modell der bewussten Schnittkante sein.

Folie als materielle Membran des Denkens

Die transparente Folie setzt diese Struktur noch deutlicher fort.

Sie legt eine zusätzliche Darstellung über einen bereits vorhandenen Bildträger.

Die Grenze, die Rolle, das Eigentum, der Wert oder ein Begriff wird sichtbar.

Und trotzdem bleibt etwas darunter erkennbar.

Gerade die Transparenz besitzt Membranfunktion.

Sie verhindert die vollständige Ersetzung der darunterliegenden Darstellung.

Noch wichtiger ist, dass die Folie wieder abgenommen werden kann.

Die Folie sagt dadurch:

Diese Darstellung wurde hinzugefügt.

Damit materialisiert sie eine begriffliche Membran.

Eine Zuschreibung kann wirksam werden, ohne mit dem darunterliegenden Wirkungszusammenhang identisch zu werden.

Membran und Eigentum

Eigentum eignet sich erneut als besonders klares Beispiel.

Eine Grundstücksgrenze stellt eine gesellschaftlich hochwirksame Grenze dar.

Sie reguliert Zugang, Nutzung und Verfügung.

Damit besitzt sie durchaus membranartige Funktionen.

Sie lässt bestimmte Personen hinein.

Andere nicht.

Sie ermöglicht bestimmte Tätigkeiten.

Andere werden ausgeschlossen.

Die entscheidende Prüfung beginnt jedoch dort, wo physikalische oder biologische Wirkungen die Eigentumsgrenze überschreiten.

Wasser.

Luft.

Wurzeln.

Schadstoffe.

Lärm.

Wärme.

Tiere.

Die gesellschaftliche Grenze ist deshalb keine vollständige Wirkungsgrenze.

Eine tragfähige Eigentumsmembran müsste die Möglichkeit enthalten, solche grenzüberschreitenden Konsequenzen wieder in ihre eigene Regelung aufzunehmen.

Grenze und Eigentum dürfen nicht verwechselt werden

Damit wird nicht behauptet, Eigentumsgrenzen seien grundsätzlich falsch.

Die Frage ist genauer.

Welche Funktion erfüllt die Grenze?

Welche Tätigkeiten erlaubt sie?

Welche Folgen überschreiten sie?

Wer trägt diese Folgen?

Kann die Eigentumsordnung aufgrund dieser Rückmeldung verändert oder begrenzt werden?

Damit wird aus einer ideologischen Eigentumsfrage eine Membranprüfung gesellschaftlicher Verfügungsgrenzen.

Membran und E1–E4

Das Vier-Ebenen-Modell kann diese Prüfung weiter differenzieren.

Auf E1 kann eine materielle Grenze vorhanden sein.

Eine Wand.

Eine Haut.

Ein Damm.

Eine Druckkabine.

Auf E2 können Membran- und Regulationsprozesse für lebende Organismen entscheidend sein.

Auf E3 entstehen menschlich hervorgebrachte Grenzen: Eigentum, Recht, Rolle, Zuständigkeit, Staat, Institution, wissenschaftliche Disziplin.

E4 fragt:

Können die tatsächlichen Folgen solcher E3-Grenzen wieder auf ihre Gestaltung zurückwirken?

Damit erhält E4 eine ausgesprochen membranartige Funktion.

E4 als Rückkopplungsmembran

E4 sollte deshalb nicht als oberste vierte Ebene dargestellt werden.

Es lässt sich wesentlich genauer als Rückkopplungsmembran verstehen.

Eine E3-Ordnung führt zu Tätigkeit.

Tätigkeit erzeugt Wirkungen in E1 und E2.

Diese Wirkungen werden beobachtet.

Nun entscheidet sich, ob sie die Grenze der gesellschaftlichen Ordnung wieder passieren dürfen.

Wenn sie zurückkehren und Veränderung bewirken können, bleibt E3 plastisch.

Wenn die gesellschaftliche Ordnung ihre eigenen Folgen abwehrt, wird sie skulptural.

E4 fragt deshalb:

Ist die menschliche Ordnung membranartig oder mauerartig gegenüber den Konsequenzen ihrer eigenen Anwendung?

Die methodische Membran von E4

Für E4 lässt sich noch eine zweite Membranfunktion bestimmen.

Sie muss verhindern, dass unterschiedliche Wirklichkeitsweisen unbemerkt ineinander übergehen.

Das vorhandene Material enthält hierfür bereits eine besonders scharfe Formulierung:

Aus Geltung darf nicht Sein, aus Zuschreibung nicht Beschaffenheit, aus Beziehung nicht Substanz und aus Wirksamkeit nicht Wirklichkeitsbeweis werden.

Die Membran hält also nicht nur Rückkopplung offen.

Sie hält zugleich Unterschiede der Wirklichkeitsweise sichtbar.

Membran und plastisches Ich

Für das plastische Ich ist der Membranbegriff besonders wichtig.

Der lebende Mensch besitzt eine relative Eigenständigkeit.

Aber diese Eigenständigkeit ist nicht Beziehungslosigkeit.

Der Körper bleibt nur durch fortgesetzte Austausch- und Regulationsprozesse bestehen.

Damit wird die Vorstellung eines vollständig abgeschlossenen autonomen Individuums problematisch.

Das plastische Ich kann deshalb als membranvermittelte Identität verstanden werden.

Es besitzt Grenzen.

Aber seine Grenzen leben.

Sie verändern sich.

Sie schützen.

Sie öffnen.

Sie reagieren.

Sie ermöglichen Lernen.

Skulpturidentität als verhärtete Membran

Die Skulpturidentität entsteht demgegenüber dort, wo eine vorübergehende Selbstbeschreibung zur festen Wesensgrenze wird.

„Ich bin Eigentümer.“

„Ich bin Künstler.“

„Ich bin Gewinner.“

„Ich bin Deutscher.“

„Ich bin frei.“

Solche Aussagen können gesellschaftliche oder biografische Bedeutung besitzen.

Problematisch werden sie dort, wo keine relevante Rückmeldung sie mehr verändern darf.

Dann wird aus einer Identitätsmembran eine Identitätsmauer.

Die Person filtert ihre Erfahrungen so, dass die Selbstbeschreibung unangetastet bleibt.

Lernen benötigt Membran

Damit wird die Membran zugleich zu einem Lernmodell.

Lernen benötigt Stabilität.

Ein Mensch muss vorhandene Vorstellungen besitzen, sonst könnte er neue Erfahrungen kaum einordnen.

Lernen benötigt aber ebenso Differenz.

Eine neue Erfahrung muss die vorhandene Form irritieren können.

Daraus folgt:

Eine lernfähige Vorstellung benötigt eine Grenze, durch die Widerspruch eintreten kann.

Diese Grenze ist eine erkenntniskünstlerische Membran.

Der Zweifel als Membran

Hier erhält der Zweifel seine vielleicht präziseste Funktion.

Der Zweifel ist innerhalb meiner Forschungskunst keine allgemeine Skepsis.

Er bedeutet nicht:

Ich glaube nichts.

Er bedeutet:

Ich lasse eine bestimmte Rückmeldung zu, die meine gegenwärtige Form verändern könnte.

Das bisherige Arbeitsmaterial verdichtet dies auf den Satz:

Der Zweifel ist die Membran des Kunstwerks.

Dieser Satz betrifft nicht nur das einzelne Kunstobjekt.

Er gilt auch für meine Begriffe.

Plexuswirklichkeit.

51:49.

E1–E4.

Lochprozess.

Menschenkunstwerk.

So-Heits-Atelier.

Wenn diese Begriffe keine Beobachtung mehr zuließen, die sie korrigieren könnte, wären sie keine plastischen Forschungsbegriffe mehr.

Sie würden selbst zu Begriffsskulpturen.

Zweifel hält die Schnittkante offen

Der Zweifel setzt deshalb schon beim Ausschnitt ein.

Warum habe ich gerade hier unterschieden?

Ist diese Grenze tatsächlich vorhanden oder methodisch gesetzt?

Welche Beziehung habe ich ausgeblendet?

Welche Eigenschaft habe ich zugeschrieben?

Was würde dieser Vorstellung widersprechen?

Was geschieht, wenn ich danach handle?

Das vorhandene Material beschreibt genau diese Funktion: Der Zweifel hält die Grenze offen und macht aus ihr eine Membran; wenn keine Rückmeldung mehr hindurchgelangen kann, entsteht ein Rückkopplungsloch.

Damit ist Zweifel praktisch.

Er ist ein Grenzwerkzeug.

Der plastische Begriff als Begriffsmembran

Auch ein Begriff kann membranartig sein.

Ein Begriff muss etwas bestimmen.

Sonst wäre er unbrauchbar.

Aber er muss zugleich veränderbar bleiben, wenn seine Bestimmung dem untersuchten Gegenstand nicht mehr gerecht wird.

Der plastische Begriff besitzt deshalb eine relative Festigkeit.

Er ist kein beliebiges Wort.

Aber er ist nicht unangreifbar.

Eine Begriffsmembran sagt:

Bis hierhin hilft mir diese Bestimmung. Hier beginnt dasjenige, was meine gegenwärtige Bestimmung möglicherweise nicht erfasst.

Damit wird Begriffshandwerk zur Arbeit an Membranen.

Begriffsskulptur als Mauer

Eine Begriffsskulptur funktioniert anders.

Sie besitzt bereits eine abgeschlossene Definition.

Neue Erfahrungen werden danach sortiert.

Was passt, bestätigt den Begriff.

Was nicht passt, wird als Ausnahme, Fehler oder Irrelevanz ausgeschlossen.

Damit besitzt die Begriffsskulptur möglicherweise hohe innere Stabilität.

Aber sie verliert ihre Korrekturfähigkeit.

Die Membran ist zur Mauer geworden.

Membran und 51:49

51:49 besitzt zu dieser Struktur eine besonders enge Beziehung.

Das Modell der minimalen Asymmetrie erinnert daran, dass eine tragfähige Beziehung nicht durch vollkommene Gleichheit und nicht durch vollständige Auflösung entstehen muss.

Eine Membran unterscheidet.

Sie erzeugt ein Innen und Außen beziehungsweise unterschiedliche Seiten.

Aber diese Seiten bleiben nicht unabhängig.

51:49 kann deshalb als künstlerische Störung einer vollkommenen 50:50-Abschließung gelesen werden.

Der entscheidende Zusammenhang lautet:

Differenz bleibt bestehen, Beziehung bleibt beweglich.

Das vorhandene Material verbindet 51:49 ausdrücklich mit der Idee einer beweglichen Differenz, durch die Eigenständigkeit und Austausch gleichzeitig möglich bleiben.

51:49 ist kein biologisches Membrangesetz

Dabei ist erneut eine wissenschaftliche Grenze wichtig.

Biologische Membranen funktionieren nicht nach einem allgemeinen numerischen 51:49-Verhältnis.

51:49 beweist nichts über Zellbiologie.

Die Verbindung ist ausschließlich künstlerisch-strukturell.

51:49 stellt die Frage nach minimaler Asymmetrie und Plastizität.

Die Membran stellt die Frage nach regulierter Differenz und Austausch.

Beide treffen sich in der Frage:

Wie kann eine Form eigenständig bleiben, ohne ihre Rückbeziehungen zu verlieren?

Membran und symmetria

Auch die spätere Verbindung mit symmetria wird dadurch verständlich.

Ein tragfähiges Verhältnis verlangt nicht notwendig identische Teile.

Entscheidend ist ihre Passung innerhalb gemeinsamer Bedingungen.

Die Membran vermittelt genau eine solche Passung.

Sie gleicht nicht alles an.

Sie reguliert Unterschiede.

Damit könnte man von einer plastischen symmetria der Grenze sprechen.

Das gemeinsame Maß besteht nicht in mathematischer Gleichheit, sondern in der fortlaufenden Frage, ob das Verhältnis trägt und nachgeregelt werden kann.

Membran und dreifaches Optimum

Auch das dreifache Optimum lässt sich damit verbinden.

Ein Organismus existiert innerhalb bestimmter Bedingungen eines Mediums.

Er besitzt eigene Regulationsmöglichkeiten.

Zwischen Medium und Organismus entsteht ein Bereich tragfähiger Beziehung.

Die Membran ist dabei weder Ursache noch vollständige Erklärung dieses Verhältnisses.

Sie kann jedoch sichtbar machen, wo Organismus und Medium sich tatsächlich begegnen und regulieren.

Damit wird die Membran zu einer möglichen Kontaktfläche zwischen Tragwirklichkeit und Tragwesen.

Tragfähigkeit statt maximale Offenheit

Aus diesem Zusammenhang ergibt sich ein grundlegender Maßstab:

Eine Membran ist dann tragfähig, wenn ihre Regulation den Fortbestand desjenigen Zusammenhangs ermöglicht, dessen Teil sie ist.

Das bedeutet nicht, dass jedes System möglichst lange erhalten werden müsste.

Auch Veränderung, Auflösung oder Tod gehören zu Wirklichkeit.

Die Aussage ist bescheidener.

Eine Membran kann danach geprüft werden, ob ihre jeweilige Funktion unter ihren konkreten Bedingungen trägt.

Damit verbindet sich der Begriff mit dem handwerklichen Prüfmaßstab.

Der Deich als künstliche Membran

Der Deich bietet dafür ein besonders anschauliches Werkmodell.

Er trennt Land und Wasser nicht absolut.

Er befindet sich innerhalb eines beweglichen Systems von Wasserstand, Druck, Boden, Durchfeuchtung, Material, Strömung und Zeit.

Seine Tragfähigkeit hängt davon ab, wie diese Bedingungen zusammenwirken.

Das vorhandene Material beschreibt den Deich deshalb als künstliche Membran innerhalb eines dynamischen Belastungszusammenhangs und stellt ihm den eskalierenden Tragbruch gegenüber.

Damit wird sichtbar:

Eine Grenze muss selbst innerhalb der Kräfte bestehen können, die sie begrenzt.

Der Deich und frühe Rückmeldung

Noch wichtiger ist die zeitliche Dimension.

Ein kleiner Riss.

Durchfeuchtung.

Materialabtrag.

Eine zunehmende Schwachstelle.

Schließlich vielleicht ein Durchbruch.

Die Grenze versagt nicht notwendig in einem einzigen Augenblick.

Sie kann ihre Tragfähigkeit allmählich verlieren.

Eine funktionierende Rückkopplung muss deshalb frühe Veränderungen erkennen können.

Hier trifft Membran auf E4.

Eine Membran ist nicht nur dann gut, wenn sie noch nicht gebrochen ist. Entscheidend ist auch, ob sie Veränderungen rechtzeitig zurückmeldet.

Schiff, Flugzeug und Raumanzug

Ähnlich funktionieren Schiff, Flugzeug oder Raumanzug als künstliche Grenzsysteme.

Das Schiff hält Wasser aus einem Innenraum fern und muss zugleich auf Druck, Bewegung und mögliche Leckagen reagieren.

Eine Druckkabine stellt innerhalb einer für den menschlichen Organismus ungeeigneten Außenbedingung einen künstlich regulierten Innenraum her.

Der Raumanzug treibt diese Situation auf die Spitze.

Hier wird sichtbar, dass scheinbare menschliche Autonomie gerade durch hochkomplexe künstliche Membranen ermöglicht wird.

Das vorhandene Werkmaterial verbindet diese technischen Beispiele ausdrücklich mit der Abhängigkeit des Menschen von hergestellten Grenzbedingungen.

Der Astronaut und die Illusion der Unabhängigkeit

Der Astronaut eignet sich deshalb als besonders starkes Membranbild.

Er wirkt abgeschlossen.

Er kann eine Umgebung betreten, in der der ungeschützte menschliche Organismus nicht bestehen könnte.

Gerade diese scheinbare Unabhängigkeit beruht jedoch auf einer extremen Organisation von Abhängigkeit.

Sauerstoff.

Druck.

Temperatur.

Energie.

Kommunikation.

Materialintegrität.

Die Membran des Anzuges hebt Abhängigkeit nicht auf.

Sie organisiert Abhängigkeit technisch.

Damit wird der Astronaut zu einem Gegenbild der Vorstellung, Freiheit oder Autonomie bedeuteten Beziehungslosigkeit.

Thermosflasche und Isolationsgrad

Auch die Thermosflasche kann in diesem Zusammenhang eine präzise Vergleichsfunktion erhalten.

Ihre Konstruktion versucht, bestimmte Austauschprozesse gezielt zu reduzieren.

Damit wird sichtbar, dass Isolation nicht einfach vorhanden sein muss.

Sie kann technisch hergestellt werden.

Das führt zu einer wichtigen Frage:

Welche Beziehung soll verhindert werden und welche muss erhalten bleiben?

Bei der Thermosflasche ist starke thermische Isolation gerade funktional erwünscht.

Überträgt man dieses Bild auf gesellschaftliche oder erkenntnistheoretische Zusammenhänge, darf die Analogie jedoch nicht wörtlich genommen werden.

Ein wissenschaftlicher Gegenstandsbereich kann bestimmte Einflüsse methodisch ausschließen.

Die entscheidende Frage ist, ob er später wieder an den größeren Zusammenhang angeschlossen werden kann.

Die Tanglandschaft als plastische Membranidentität

Die Tanglandschaft bildet dazu ein anderes Gegenbild.

Tang besitzt Struktur.

Er ist nicht mit dem Wasser identisch.

Gleichzeitig bewegt er sich im Medium, reagiert auf Strömung und verändert sich über Zeit.

Das vorhandene Material beschreibt die Tanglandschaft deshalb als mögliches Modell einer plastischen Membranidentität: Eigenständigkeit entsteht nicht trotz Veränderung, sondern innerhalb fortgesetzter Veränderung und Beziehung.

Damit verbindet sich der Membranbegriff unmittelbar mit dem plastischen Ich.

Soziale Membran

Eine gesellschaftliche Ordnung benötigt ebenfalls Grenzen.

Mitgliedschaft.

Zuständigkeit.

Rechte.

Pflichten.

Institutionelle Rollen.

Verfahren.

Entscheidungsbereiche.

All dies organisiert Unterschiede.

Die entscheidende Frage lautet auch hier nicht, ob Grenzen vollständig verschwinden sollten.

Sie lautet:

Wie werden diese Grenzen so gestaltet, dass relevante Folgen, Betroffene und neue Informationen noch zurückwirken können?

Damit lässt sich der Begriff einer sozialen Membran verwenden.

Er bezeichnet keine biologische Gleichsetzung.

Er beschreibt eine institutionelle Struktur der geregelten Durchlässigkeit.

Demokratie als Membranproblem

Auch Demokratie lässt sich unter diesem Gesichtspunkt prüfen.

Eine demokratische Ordnung benötigt Entscheidungsverfahren.

Irgendwann muss entschieden werden.

Eine Entscheidung kann nicht dauerhaft offenbleiben.

Gleichzeitig muss es Möglichkeiten geben, politische Entscheidungen später zu überprüfen, zu kritisieren, rechtlich anzufechten oder durch neue Mehrheiten zu verändern.

Eine vollständig unveränderliche demokratische Entscheidung wäre keine besonders starke Demokratie.

Sie wäre eine erstarrte Form.

Demokratische Plastizität liegt deshalb auch in institutionalisierten Membranen der Rückmeldung und Revision.

Minderheit als Rückkopplungsquelle

Hier verbindet sich Membran mit 51:49.

Eine Mehrheit entscheidet möglicherweise.

Aber die Minderheit verschwindet dadurch nicht aus der Wirklichkeit.

Ihre Erfahrung kann später eine entscheidende Rückmeldung enthalten.

Eine tragfähige demokratische Membran muss deshalb ermöglichen, dass Minderheitspositionen sichtbar und prüfbar bleiben.

Damit wird Differenz nicht zum Feind gesellschaftlicher Ordnung.

Sie wird mögliche Lerninformation.

1:99 und blockierte Membran

Bei extrem asymmetrischen Machtverhältnissen kann die Membran dagegen einseitig werden.

Wenige Menschen besitzen große Verfügungsmacht.

Viele tragen bestimmte Folgen.

Wenn diejenigen, die die Folgen erfahren, kaum Möglichkeit besitzen, auf die verursachende Ordnung zurückzuwirken, entsteht eine Rückkopplungsasymmetrie.

1:99 kann deshalb auch als Bild einer beschädigten gesellschaftlichen Membran verstanden werden.

Die Wirkung geht hinaus.

Die Rückmeldung kommt nicht gleichwertig zurück.

Verantwortung als Membranbeziehung

Auch Verantwortung lässt sich dadurch relational bestimmen.

Verantwortung besteht nicht nur darin, einer Person nachträglich Schuld zuzuschreiben.

Sie betrifft die Frage, welche Beziehung ein Handelnder zu den Folgen seiner Tätigkeit besitzt.

Kann eine Folge den Handelnden erreichen?

Besitzt er die Möglichkeit, seine Tätigkeit zu verändern?

Welche institutionelle Membran verbindet Entscheidung und Konsequenz?

Wenn Entscheidung und Folge vollständig auseinanderfallen, entsteht ein Verantwortungsloch.

Eine tragfähige Verantwortungsstruktur müsste deshalb Rückwege organisieren.

Wissenschaftliche Disziplinen als methodische Membranen

Auch wissenschaftliche Disziplinen können als Membranen verstanden werden.

Eine Disziplin benötigt einen Gegenstandsbereich, Methoden, Begriffe und Qualitätsmaßstäbe.

Diese Grenzen ermöglichen Präzision.

Damit sind sie zunächst produktiv.

Problematisch wird die Disziplin erst dort, wo ihre methodische Grenze zur Wirklichkeitsmauer wird.

Physikalische, biologische, medizinische, ökonomische, rechtliche und gesellschaftliche Untersuchungen können denselben realen Vorgang unterschiedlich schneiden.

Die Membranfrage lautet:

Wie können diese Ausschnitte miteinander kommunizieren, wenn eine konkrete Tätigkeit mehrere Bereiche gleichzeitig betrifft?

Interdisziplinarität als Membranarbeit

Interdisziplinarität bedeutet damit nicht einfach, möglichst viele Disziplinen nebeneinanderzustellen.

Sie verlangt Übergangsarbeit an den Grenzen.

Welche Begriffe sind übersetzbar?

Welche nicht?

Welche Ergebnisse müssen von einer Disziplin zur anderen gelangen?

Wo entstehen Widersprüche?

Wer übernimmt Verantwortung für den vollständigen Tätigkeitszusammenhang?

Forschungskunst kann hier eine besondere Funktion besitzen, weil sie nicht eine weitere Fachdisziplin bildet, sondern Übergänge bildnerisch, materiell und sozial sichtbar machen kann.

Forschungskunst als Membranarbeit

Damit lässt sich Forschungskunst selbst neu bestimmen.

Sie arbeitet nicht nur an Dingen.

Sie arbeitet an Grenzen zwischen Wirklichkeitsweisen, Wissensformen, Tätigkeiten und Folgen.

Sie untersucht, wo eine Grenze notwendig ist.

Wo sie zu starr geworden ist.

Wo sie zu durchlässig ist.

Wo Rückmeldung verloren geht.

Wo eine neue Verbindung hergestellt werden muss.

In diesem Sinn ist Forschungskunst auch Membranarbeit am Menschenkunstwerk.

Das So-Heits-Atelier als künstliche Membran

Der So-Heits-Atelier-Anker erhält dadurch eine besonders klare Definition.

Das Atelier ist nicht der So-Heits-Raum selbst.

Es befindet sich innerhalb der vorausliegenden Plexuswirklichkeit.

Seine Wände markieren einen künstlichen Ausschnitt.

Menschen treten ein.

Materialien werden hineingebracht.

Fragen werden bearbeitet.

Beiträge entstehen.

Mitmachbücher verlassen den Raum.

Digitale Rückmeldungen können wieder hineinkommen.

Das So-Heits-Atelier ist deshalb eine künstlich eingerichtete Prüfmembran innerhalb des So-Heits-Raumes.

Man kann das Atelier verlassen, nicht den So-Heits-Raum

Gerade dadurch wird die bereits entwickelte Formel verständlicher:

Man kann das So-Heits-Atelier verlassen, den So-Heits-Raum aber nicht.

Der architektonische Raum besitzt eine Grenze.

Der Wirkungszusammenhang setzt sich jedoch fort.

Der Ausgang des Ateliers wird damit selbst zur Membran.

Der Besucher geht hinaus.

Aber seine Tätigkeit geht weiter.

Die Prüfung kann weitergehen.

Eingang und Ausgang als Membranen

Damit könnten Eingang und Ausgang des Ateliers sogar unterschiedliche künstlerische Funktionen erhalten.

Am Eingang bringt der Besucher Vorstellungen, Rollen und Erwartungen mit.

Im Atelier werden sie bestimmten Gegenübern ausgesetzt.

Am Ausgang nimmt er veränderte oder geöffnete Fragen wieder mit.

Der Ausgang ist damit nicht lediglich eine Tür.

Er ist eine Transfermembran zwischen künstlicher Versuchsanordnung und Alltag.

Das Mitmachbuch als tragbare Membran

Das Mitmachbuch besitzt dieselbe Funktion in kleinerer Form.

Es verbindet das Atelier mit dem Leben außerhalb des Ateliers.

Eine Frage beginnt innerhalb der Ausstellung.

Das Buch wird mitgenommen.

Später kann der Benutzer eine neue Erfahrung eintragen.

Er kann zurückblättern.

Er kann eine frühere Aussage verändern.

Das Buch hält damit die Grenze zwischen Ausstellung und Alltag durchlässig.

Es wird zu einer tragbaren Rückkopplungsmembran.

Die Schultafel als Membran der Aussage

Auch die Schultafel ist ein elementares Membranobjekt.

Eine Aussage wird fest genug, um sichtbar zu werden.

Aber sie bleibt löschbar.

Damit steht die Tafel zwischen flüchtiger Rede und dauerhaftem Monument.

Sie besitzt genau jene Zwischenstellung, die der plastische Begriff benötigt.

Eine Aussage darf Form bekommen, ohne endgültig zu werden.

Die Schultafel materialisiert deshalb die Membran des Begriffes.

Theater als Identitätsmembran

Im Theater wird eine weitere Membranfunktion sichtbar.

Der Darsteller ist nicht identisch mit seiner Rolle.

Er kann sie annehmen.

Er kann sie spielen.

Er kann sie wieder verlassen.

Zwischen Person und Rolle besteht damit eine Grenze, die zugleich Verbindung ermöglicht.

Das Theater kann deshalb zeigen, was gesellschaftlich häufig verloren geht:

Ich kann eine Rolle haben, ohne vollständig diese Rolle zu sein.

Diese Rollenmembran schützt das plastische Ich vor der vollständigen Skulpturalisierung.

Membran und Foliengrammatik

Die Foliengrammatik macht diese Struktur besonders deutlich.

Eine Folie besitzt eine sichtbare Begrenzung.

Sie fügt etwas hinzu.

Sie kann transparent sein.

Sie kann entfernt werden.

Sie kann verschoben werden.

Eine solche Folie ist selbst eine Membran zwischen Darstellung und darunterliegendem Bild.

Gerade deshalb darf sie nicht festgeklebt werden.

Eine festgeklebte Folie wird zur Skulptur.

Eine bewegliche Folie bleibt Membran.

Transparenz ist nicht vollständige Wahrheit

Dabei muss auch die Transparenz selbst geprüft werden.

Eine transparente Folie lässt etwas darunter sehen.

Sie zeigt aber trotzdem nicht alles.

Auch Transparenz kann selektiv sein.

Deshalb bedeutet „transparent“ innerhalb der Forschungskunst nicht:

vollständig durchschaubar und objektiv wahr.

Es bedeutet nur:

Die zusätzliche Darstellung verdeckt den vorausliegenden Träger nicht vollständig.

Auch die transparente Folie besitzt einen Ausschnitt.

Membran und Zeit

Der Membranbegriff besitzt außerdem eine zeitliche Dimension.

Eine Grenze ist nicht nur räumlich.

Auch zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft bestehen unterschiedliche Wirklichkeitsweisen.

Vergangenheit ist eingetreten.

Zukunft ist noch nicht eingetreten.

Im gegenwärtigen Tätigkeitsmoment wird aus Möglichkeit eine neue Konsequenz.

Der Augenblick kann deshalb künstlerisch als zeitliche Übergangsmembran gedacht werden.

Das vorhandene Material entwickelt genau diese Verbindung zwischen Augenblick, Tätigkeit und der Schwelle von Vergangenheit zur möglichen Zukunft.

Der Augenblick ist keine biologische Membran

Auch hier gilt jedoch die notwendige wissenschaftliche Vorsicht.

Der Augenblick ist selbstverständlich keine Membran im biologischen Sinn.

Es handelt sich um eine künstlerische Analogie.

Sie macht sichtbar, dass ein Zeitpunkt zugleich trennt und verbindet.

Das bereits Geschehene kann nicht mehr ungeschehen gemacht werden.

Das Zukünftige ist noch offen.

Im gegenwärtigen Tätigkeitsmoment wird die Grenze überschritten.

Damit verbindet sich Membran mit dem Ereignishorizont.

Ereignishorizont als Tätigkeitsmembran

Der Tätigkeitskonsequenzanker bezeichnet den Übergang von Vorstellung zu tatsächlicher Tätigkeit als Ereignishorizont.

Auch dieser Übergang kann membranartig gedacht werden.

Vor der Tätigkeit bestehen Möglichkeiten.

Nach der Tätigkeit ist etwas tatsächlich geschehen.

Die Schwelle dazwischen besitzt deshalb besondere Bedeutung.

Welche Informationen müssen vorhanden sein, bevor die Schwelle überschritten wird?

Wie reversibel ist die Tätigkeit?

Kann sie gestoppt werden?

Was geschieht, wenn eine unerwartete Rückmeldung eintritt?

Damit wird die Membran zur Entscheidungsschwelle zwischen Möglichkeit und Geschichte.

Irreversibilität und Membran

Je irreversibler eine Tätigkeit ist, desto wichtiger wird die Qualität der Membran vor ihrem Vollzug.

Wenn eine Entscheidung später leicht korrigiert werden kann, darf mehr ausprobiert werden.

Wenn eine Tätigkeit irreversible Schäden verursachen kann, müssen Rückmeldung, Vorsicht und Vorprüfung früher einsetzen.

Damit verbindet sich der Membranbegriff mit Verantwortung.

Eine tragfähige Membran wartet nicht notwendig auf die Katastrophe.

Sie reagiert auf Warnzeichen.

Frühwarnung als Membranfunktion

Dies zeigt wiederum der Deich.

Ein System, das erst beim vollständigen Bruch reagiert, besitzt schlechte Rückkopplung.

Ein System, das Durchfeuchtung, Druckveränderung oder Materialschwäche früh erkennt, besitzt bessere Möglichkeiten zur Korrektur.

Übertragen auf gesellschaftliche Ordnungen bedeutet dies:

Zivilisationsfähigkeit benötigt Membranen, die nicht erst auf Katastrophen reagieren.

Sie müssen schwächere Rückmeldungen registrieren können.

Verletzung als Rückmeldung

Die Verletzungswirklichkeit erhält hier ihre besondere Funktion.

Ein verletzter Organismus meldet eine Veränderung.

Ein beschädigtes Material zeigt überschrittene Belastungsbedingungen.

Ein geschädigtes Ökosystem kann Veränderungen anzeigen.

Die gesellschaftliche Membran entscheidet jedoch mit darüber, ob solche Rückmeldungen institutionell relevant werden.

Eine Messung allein garantiert keine Korrektur.

Die Verletzung muss durch die E3-Grenze hindurch zurückwirken können.

Nicht jede Rückmeldung ist automatisch richtig

Dabei ist auch das Gegenstück wichtig.

Eine Membran darf nicht jede Rückmeldung ungeprüft in eine Regeländerung übersetzen.

Menschen können sich irren.

Messungen können fehlerhaft sein.

Interessen können als Tatsachen dargestellt werden.

Desinformation kann zirkulieren.

Deshalb benötigt die Membran Prüfung und Selektivität.

Die richtige Frage lautet nicht:

Ist die Grenze offen?

Sondern:

Wie prüft sie dasjenige, was zurückkommt?

Damit trifft Membran unmittelbar auf Urteilskraft.

Membran und Urteilskraft

Urteilskraft kann unter diesem Gesichtspunkt als Fähigkeit verstanden werden, eine allgemeine Form gegenüber einer konkreten Situation offen zu halten.

Eine Regel existiert.

Eine konkrete Wirklichkeit antwortet.

Nun muss beurteilt werden, ob die Regel trägt, modifiziert oder ausnahmsweise anders angewandt werden muss.

Die Membran liegt zwischen Regel und Fall.

Sie verhindert sowohl die völlige Regellosigkeit als auch die mechanische Anwendung einer Regel gegen jede Wirklichkeitsrückmeldung.

KI als Membranwerkzeug

Auch Künstliche Intelligenz kann innerhalb meiner Forschungskunst eine membranartige Funktion übernehmen.

Sie kann eine Aussage aufnehmen.

Sie kann Gegenfragen stellen.

Sie kann fehlende Beziehungen vorschlagen.

Sie kann einen Begriff öffnen.

Sie kann unterschiedliche Fassungen vergleichen.

Damit kann sie die Durchlässigkeit einer Vorstellung erhöhen.

Aber sie kann ebenso das Gegenteil bewirken.

Eine überzeugend formulierte KI-Antwort kann eine Frage scheinbar endgültig schließen.

Deshalb darf KI nicht selbst zur Mauer werden.

Die entscheidende KI-Membranfrage

Für KI lautet die zentrale Frage deshalb:

Kann die Antwort durch Material, Quelle, Erfahrung, Gegenargument oder spätere Information korrigiert werden?

Wenn ja, bleibt sie Werkzeug.

Wenn nein, entsteht eine neue Begriffsskulptur.

Das gilt besonders deshalb, weil sprachliche Geschlossenheit leicht mit Erkenntnissicherheit verwechselt werden kann.

Algorithmus als Selektionsmembran

Auch ein Algorithmus fungiert als Membran.

Er lässt bestimmte Informationen sichtbar werden und andere nicht.

Suchmaschinen.

Empfehlungssysteme.

Sortierungen.

KI-Auswahl.

Diese Systeme erzeugen notwendige Ausschnitte.

Aber gerade deshalb muss gefragt werden:

Nach welchen Kriterien ist diese Membran durchlässig?

Welche Informationen werden bevorzugt?

Welche werden zurückgehalten?

Wer bestimmt diese Kriterien?

Kann die Auswahl korrigiert werden?

Damit wird digitale Infrastruktur selbst Gegenstand des Membranbegriffs.

Globale Schwarm-Intelligenz als Rückkopplungsmembran

Die Globale Schwarm-Intelligenz soll schließlich nicht sämtliche Menschen in einer einheitlichen Meinung auflösen.

Sie benötigt gerade Unterschiede.

Unterschiedliche Orte.

Unterschiedliche Erfahrungen.

Unterschiedliche Prüfwege.

Die Plattform muss deshalb membranartig organisiert sein.

Beiträge müssen eintreten können.

Widersprüche müssen erhalten bleiben.

Missbrauch muss begrenzt werden.

Privatsphäre muss geschützt werden.

Prüfwege müssen vergleichbar werden.

Rückmeldungen müssen auf frühere Aussagen zurückwirken können.

Damit ist die Globale Schwarm-Intelligenz im besten Fall eine überörtliche Rückkopplungsmembran.

Privatsphäre als Membran

Gerade die digitale Ebene zeigt, dass Offenheit allein kein Wert sein kann.

Eine vollständig offene Plattform, auf der sämtliche persönlichen Daten ohne Schutz zugänglich wären, wäre keine gute Membran.

Privatsphäre benötigt Begrenzung.

Die Frage lautet daher:

Welche Information muss für die Prüfung sichtbar sein, und welche Information muss zum Schutz des Menschen begrenzt bleiben?

Auch hier geht es um Passung.

Nicht maximale Offenheit.

Nicht maximale Abschottung.

Sondern funktional begründete Durchlässigkeit.

Autorenschaft als Membran

Auch zwischen eigenem Werk und fremdem Beitrag muss eine Grenze bestehen.

Wenn ein anderer Mensch eine Beobachtung oder künstlerische Form hervorbringt, darf sie nicht einfach in mein Werk aufgenommen werden, als stamme sie von mir.

Gleichzeitig kann sie Teil eines gemeinsamen Forschungsprozesses werden.

Autorenschaft wird damit selbst membranartig.

Sie unterscheidet Herkunft und ermöglicht Beziehung.

Documenta als institutionelle Membran

Auch die documenta kann in diesem Zusammenhang als institutionelle Membran untersucht werden.

Eine Kunstausstellung muss auswählen.

Nicht jedes Werk kann gezeigt werden.

Kuratorische Selektion ist deshalb notwendig.

Die Frage lautet nicht:

Warum gibt es Auswahl?

Sondern:

Wie funktioniert die Auswahlmembran?

Welche Formen von Kunst können eintreten?

Welche Kategorien und Erwartungen bestimmen den Zugang?

Welche Rückmeldung können nicht ausgewählte Arbeiten auf die Institution ausüben?

Kann die Institution ihre Auswahlkriterien historisch verändern?

Damit wird die documenta selbst zu einem möglichen Gegenüber des Membranbegriffs.

Verortungskunst als Membran zwischen Werk und Situation

Auch Verortung lässt sich membranartig verstehen.

Ein Werk trifft auf einen bestimmten Ort und Zeitpunkt.

Die Situation antwortet.

Vielleicht trägt das Werk.

Vielleicht nicht.

Vielleicht verändert die Reaktion des Ortes das Werk.

Verortungskunst verlangt deshalb keine ewige identische Werkform.

Sie organisiert eine Membran zwischen Werkvorstellung und konkreter Situation.

Der Ort darf widersprechen.

Die Zeit darf widersprechen.

Archiv als Zeitmembran

Das Archiv verbindet unterschiedliche Zeitstände.

Ein früher Text wird nicht einfach von einem späteren ersetzt.

Beide können nebeneinander bestehen.

Der spätere Stand kann auf den früheren zurückblicken.

Damit bildet das Archiv eine Zeitmembran zwischen Vergangenheit und Gegenwart.

Es verhindert sowohl das Vergessen als auch die Vorstellung, Vergangenheit müsse unverändert gegenwärtig bleiben.

Memento mori und Membran

Der Memento-mori-Gedanke erhält hier eine besondere Tiefe.

Der Tod markiert eine irreversible Grenze der persönlichen Tätigkeit.

Das Lebenswerk kann danach nicht mehr von seinem ursprünglichen Künstler in derselben Weise verändert werden.

Dennoch können Materialien, Fragen und Methoden weitergegeben werden.

Damit entsteht eine Membran zwischen abgeschlossener Biografie und fortsetzbarem Werkprozess.

Das historische Atelier kann erstarren.

Die Forschung kann weitergehen.

Das Lebenswerk als Membran statt Monument

Die entscheidende Frage lautet deshalb:

Wird das Lebenswerk zum Monument oder zur Membran?

Als Monument bestätigt es die abgeschlossene Künstleridentität.

Als Membran ermöglicht es späteren Menschen Zugang, Widerspruch, Neuinterpretation und Weiterprüfung.

Damit wird auch das Archiv plastisch.

Tod und Rückkopplung

Die radikalste Form dieser Offenheit besteht darin, dass spätere Menschen meine eigenen Begriffe korrigieren dürfen.

Auch Plexus.

51:49.

E1–E4.

Lochprozess.

Membran.

Wenn diese Begriffe nur deshalb unverändert bleiben müssten, weil sie Teil meines Lebenswerks geworden sind, wären sie bereits Skulpturen.

Die Membran des Werkes muss deshalb sogar über die Lebenszeit seines Urhebers hinaus offenbleiben.

Membran und Menschenkunstwerk

Damit erreicht der Begriff seine gesellschaftlich umfassendste Bedeutung.

Das Menschenkunstwerk besteht aus zahllosen menschlichen Hervorbringungen.

Sprache.

Eigentum.

Recht.

Geld.

Institutionen.

Wissenschaft.

Technik.

Staaten.

Rollen.

Digitale Systeme.

Alle diese Formen benötigen Grenzen.

Die zentrale zivilisatorische Frage lautet daher nicht, ob der Mensch grenzenlos werden kann.

Sie lautet:

Welche Grenzen seines Menschenkunstwerks sind noch membranartig und welche sind zu Mauern geworden?

Zivilisationsfähigkeit als Membranfähigkeit

Von hier aus lässt sich Zivilisationsfähigkeit weiter präzisieren.

Eine zivilisationsfähige Gesellschaft müsste institutionelle Formen besitzen, die stabil genug sind, um Handeln zu ermöglichen, und offen genug, um aufgrund ihrer Folgen korrigiert werden zu können.

Damit könnte man sagen:

Zivilisationsfähigkeit ist auch Membranfähigkeit.

Sie bezeichnet die Fähigkeit, Unterschiede, Regeln und Institutionen zu erhalten, ohne sie gegen relevante Wirklichkeitsrückmeldungen zu immunisieren.

Rückkopplungsimmunität als Gegenbegriff

Das eigentliche Gegenproblem zur Membran ist deshalb möglicherweise nicht nur Geschlossenheit, sondern Rückkopplungsimmunität.

Eine Ordnung kann äußerlich offen wirken.

Sie kann Kritik zulassen.

Sie kann Debatten veranstalten.

Sie kann wissenschaftliche Berichte veröffentlichen.

Wenn jedoch keine dieser Rückmeldungen die eigentliche Entscheidung verändern kann, besteht funktional trotzdem eine Mauer.

Die Membran muss deshalb an ihrer Korrekturwirksamkeit geprüft werden.

Pseudo-Membran

Daraus lässt sich der Begriff einer Pseudo-Membran ableiten.

Eine Institution scheint offen.

Sie sammelt Feedback.

Sie führt Beteiligungsverfahren durch.

Menschen dürfen sprechen.

Aber die Ergebnisse besitzen keine Möglichkeit, die Ausgangsordnung zu verändern.

Dann existiert Kommunikation ohne Rückkopplung.

Die Grenze ist formal durchlässig, funktional jedoch geschlossen.

Das ist für die Zivilisationsprüfung ein wichtiger Unterschied.

Mitmachen genügt nicht

Damit verbindet sich der Membranbegriff unmittelbar mit dem Mitmachbuchanker.

Partizipation allein beweist noch keine Durchlässigkeit.

Ein Besucher kann an einer Veranstaltung teilnehmen, ohne irgendeinen Einfluss auf die Form zu besitzen.

Eine wirklich partizipative Membran muss zumindest die Möglichkeit enthalten, dass ein begründeter Beitrag den weiteren Prozess verändert.

Genau deshalb wurde der Beteiligte in meiner Forschungskunst zum Mitprüfenden weiterentwickelt.

Mitprüfen bedeutet Membranwirkung

Der Mitprüfende liefert nicht einfach einen Beitrag.

Er bringt eine Differenz ein.

Diese Differenz muss geprüft werden.

Ist sie begründet, kann sie die Ausgangsform verändern.

Damit wird der andere zu einem Teil der Membranfunktion des Werkes.

Der andere darf widersprechen.

Dies ist keine Nebensache der Partizipation.

Es ist ihr forschungskünstlerischer Kern.

Membran und der andere Mensch

Der andere Mensch ist deshalb vielleicht die wichtigste Membranprobe überhaupt.

Wie gehe ich mit einer Beobachtung um, die meiner eigenen widerspricht?

Versuche ich, sie sofort einzuordnen?

Erkläre ich sie für irrelevant?

Oder untersuche ich, ob meine eigene Form unzureichend ist?

Die Beziehung zum anderen wird damit zu einer realen Prüfung meiner Begriffsgrenzen.

Membran und Freiheit

Auch Freiheit lässt sich unter diesem Gesichtspunkt neu betrachten.

Absolute Freiheit als vollständige Unabhängigkeit wäre mit der Plexuswirklichkeit schwer vereinbar.

Menschen existieren innerhalb von Abhängigkeiten.

Eine tragfähigere Freiheitsvorstellung könnte deshalb membranartig sein.

Sie bezeichnet einen Handlungsspielraum innerhalb von Beziehungen.

Die Frage lautet dann nicht:

Bin ich frei oder abhängig?

Sondern:

Welche Beziehungen begrenzen mich, welche tragen mich, welche kann ich verändern und welche Folgen meiner Freiheit müssen andere tragen?

Damit wird aus dem Freiheitsdualismus eine relationale Prüfung.

Membran und Verantwortung für andere

Die Membran schützt nicht nur das Eigene.

Sie reguliert auch, was vom eigenen Handeln nach außen gelangt.

Damit besitzt sie eine zweite Verantwortungsrichtung.

Nicht nur:

Was lasse ich hinein?

Sondern:

Was lasse ich hinaus?

Abfall.

Emissionen.

Lärm.

Information.

Gewalt.

Wirtschaftliche Folgen.

Technische Risiken.

Eine gesellschaftliche Membran muss deshalb Auswirkung und Rückmeldung gleichzeitig berücksichtigen.

Das Feuerkäfig-Bild

Auch das Feuerkäfig-Bild kann aus dieser Perspektive neu gelesen werden.

Die offene Tür suggeriert Durchlässigkeit.

Der Mensch kann den Käfig verlassen.

Und dennoch bleibt er.

Damit zeigt das Bild, dass eine physisch offene Grenze nicht automatisch eine psychisch, sozial oder symbolisch offene Membran bedeutet.

Rollenidentität, Belohnung, Status oder Überzeugung können eine unsichtbare Mauer erzeugen.

Das Bild stellt deshalb die Frage:

Wo ist die Tür offen, während die innere Begriffsgrenze geschlossen bleibt?

Membran und Wirklichkeitstäuschung

Die Membran hilft damit auch, Wirklichkeitstäuschung genauer zu bestimmen.

Wirklichkeitstäuschung entsteht nicht nur durch falsche Tatsachenbehauptungen.

Sie kann entstehen, wenn eine menschliche Grenze ihren Herstellungscharakter verliert.

Die Grenze wird dann nicht mehr als Membran betrachtet, sondern als Eigenschaft der Wirklichkeit selbst.

Die Eigentumsgrenze scheint im Boden zu liegen.

Die Rollenidentität scheint im Wesen eines Menschen zu liegen.

Die Subjekt-Objekt-Grenze scheint die Welt selbst zu teilen.

Die Membranprüfung fragt dagegen:

Welche Grenze liegt tatsächlich vor – und welche wurde hergestellt?

Kein grenzenloser Plexus

Der Plexusbegriff darf deshalb ebenfalls nicht als grenzenlose Einheit verstanden werden.

Plexuswirklichkeit enthält Unterschiede.

Körper.

Materialien.

Organismen.

Membranen.

Widerstände.

Relative Eigenständigkeiten.

Gerade deshalb ist die Membran für Plexus so wichtig.

Sie verhindert, dass „alles ist verbunden“ in eine unterschiedslose Ganzheitsbehauptung umschlägt.

Die präzisere Aussage lautet:

Beziehung hebt Differenz nicht auf. Differenz hebt Beziehung nicht notwendig auf.

Membran gegen Monismus und Dualismus

Damit besitzt der Membranbegriff eine besondere Stellung zwischen zwei klassischen Vereinfachungen.

Er ersetzt Dualismus nicht durch Monismus.

Er behauptet weder zwei vollständig unabhängige Wirklichkeitsbereiche noch eine unterschiedslose Einheit.

Er ermöglicht eine dritte Arbeitsform:

unterscheidbare, miteinander in Beziehung stehende Prozesse.

Die Membran ist damit kein metaphysisches drittes Prinzip.

Sie ist eine methodische und künstlerische Figur für relationale Differenz.

Membran und 50:50

Auch 50:50 lässt sich dadurch genauer prüfen.

Zwei exakt symmetrische Seiten können den Eindruck erzeugen, eine Grenze teile eine Wirklichkeit vollständig und gleichmäßig.

Die Membran erinnert daran, dass die entscheidende Frage nicht die geometrische Gleichheit der beiden Seiten ist.

Entscheidend ist die Beziehung durch die Grenze.

Was passiert hindurch?

Was nicht?

Was verändert die Grenze?

Welche Belastung trägt sie?

Damit verschiebt sich die Aufmerksamkeit von der Form der Trennung auf die Funktion des Übergangs.

Membran und 1:99

1:99 stellt dagegen die Frage, was geschieht, wenn diese Übergangsfunktion extrem asymmetrisch wird.

Eine Seite kann beinahe alles bestimmen.

Die andere trägt Folgen.

Wenn Rückmeldung von 99 zu 1 nicht wirksam zurückkehren kann, ist die gesellschaftliche Membran beschädigt.

Damit wird 1:99 zu einer möglichen Diagnose von Einbahnstraßen der Wirkung.

Membran und Reparatur

Eine beschädigte Membran kann repariert werden.

Diese einfache materielle Erfahrung besitzt eine wichtige gesellschaftliche Analogie.

Eine institutionelle Rückkopplung kann verbessert werden.

Eine Beschwerdemöglichkeit kann geschaffen werden.

Ein wissenschaftlicher Austausch kann institutionalisiert werden.

Eine Eigentumsregel kann angepasst werden.

Eine Rolle kann neu definiert werden.

Eine Plattform kann ihre Auswahlkriterien verändern.

Damit wird Reparatur nicht zur Rückkehr in einen ursprünglichen perfekten Zustand.

Sie bedeutet die Wiederherstellung einer tragfähigeren Beziehung.

Lochreparatur heißt Membran herstellen

Der Lochprozess lässt sich deshalb in seiner Gegenbewegung folgendermaßen formulieren:

Das verlorene Verhältnis wird nicht durch Auflösung aller Grenzen repariert.

Die Grenze wird vielmehr erneut membranartig gemacht.

Der Ausschnitt bleibt.

Aber der Rückweg wird wieder geöffnet.

Damit lautet eine zentrale Formel:

Lochreparatur bedeutet nicht Grenzenlosigkeit. Lochreparatur bedeutet die Wiederherstellung korrigierbarer Beziehungen über notwendige Grenzen hinweg.

Membran und Nichtwissen

Auch Nichtwissen benötigt eine Membran.

Ein Mensch kann sagen:

„Das weiß ich nicht.“

Damit markiert er eine Grenze seines gegenwärtigen Wissens.

Diese Grenze muss nicht geschlossen sein.

Sie kann zur Forschungsfrage werden.

Das Nichtwissen ist dann eine offene Membran zwischen gegenwärtigem Wissen und möglicher zukünftiger Erkenntnis.

Problematisch wird es, wenn die Wissensgrenze durch eine scheinbare Gewissheit verdeckt wird.

Frage als Membran

Eine gute Forschungsfrage kann deshalb selbst membranartig sein.

Sie bestimmt ein Problem.

Aber sie legt die Antwort nicht vollständig fest.

Sie öffnet einen Raum zwischen Wissen und Nichtwissen.

Eine schlechte Frage kann dagegen bereits eine Wirklichkeitsarchitektur festschreiben.

„Warum ist der Mensch von der Natur getrennt?“ setzt die Trennung möglicherweise bereits voraus.

Die membranartige Frage wäre:

In welcher Weise unterscheidet der Mensch sich innerhalb des Wirkungszusammenhangs, den er als Natur bezeichnet, und welche Beziehungen bestehen fort?

Damit wird die Frage selbst korrigierbarer.

Sprache als Membransystem

Sprache ist deshalb insgesamt nicht nur ein System von Bezeichnungen.

Sie stellt Grenzen her.

Wörter bündeln Unterschiede.

Sätze stellen Beziehungen her.

Kategorien schließen ein und aus.

Eine plastische Sprache müsste ihre Begriffe als Membranen statt Behälter behandeln.

Ein Begriff umfasst etwas, ohne behaupten zu müssen, sämtliche Beziehungen seines Gegenstandes erschöpfend zu enthalten.

Symbol als Membran

Auch das Symbol lässt sich so bestimmen.

Ein Symbol verbindet eine menschlich hervorgebrachte Form mit einem größeren Bedeutungszusammenhang.

Problematisch wird es, wenn die Symbolform ihre Beziehung vergisst und als selbstständige Wahrheit behandelt wird.

Ein tragfähiges Symbol müsste deshalb membranartig bleiben.

Es repräsentiert.

Aber es ersetzt das Repräsentierte nicht vollständig.

Menschenkunstwerk als Membrangefüge

Von hier aus lässt sich das Menschenkunstwerk noch genauer bestimmen.

Es besteht nicht nur aus Dingen, Institutionen und Symbolen.

Es besteht aus Grenzen und Übergängen zwischen ihnen.

Eigentumsgrenzen.

Rechtsgrenzen.

Rollen.

Fachgebiete.

Institutionelle Zuständigkeiten.

Staatsgrenzen.

Digitale Zugänge.

Sprachliche Kategorien.

Die Qualität des Menschenkunstwerks hängt deshalb nicht nur von den Formen selbst ab.

Sie hängt davon ab, wie seine Membranen funktionieren.

Die zentrale zivilisatorische Frage

Damit kann die Ausgangsfrage meiner Forschungskunst neu zugespitzt werden.

Warum zerstört der Mensch trotz seines Wissens und seiner Korrekturfähigkeit Bedingungen, von denen er selbst abhängig bleibt?

Eine mögliche Teilantwort lautet:

Weil zwischen Wissen, Tätigkeit, Folge und Korrektur Membranen versagen, einseitig werden oder zu Mauern erstarren können.

Das Wissen existiert.

Aber es erreicht die Entscheidung nicht.

Die Folge existiert.

Aber sie erreicht die Regel nicht.

Der Betroffene existiert.

Aber seine Rückmeldung erreicht den Entscheidungsträger nicht.

Die Wissenschaft erkennt etwas.

Aber ihre Erkenntnis verändert die institutionelle Belohnungsstruktur nicht.

Dann entsteht keine vollständige Rückkopplung.

Zivilisationsfähigkeit als institutionalisierte Membranarbeit

Daraus folgt eine weitreichende Definition:

Zivilisationsfähigkeit bezeichnet die Fähigkeit des Menschenkunstwerks, seine Grenzen so zu organisieren, dass notwendige Differenzen und Funktionsbereiche erhalten bleiben, während relevante Tätigkeits-, Abhängigkeits- und Verletzungsfolgen die menschlichen Hervorbringungen weiterhin erreichen und verändern können.

Das ist keine Forderung nach einer grenzenlosen Gesellschaft.

Es ist eine Forderung nach korrigierbaren Grenzen.

Selbstprüfung des Membranbegriffs

Gerade weil der Membranbegriff so viele Bereiche miteinander verbinden kann, besitzt er eine besondere Gefahr.

Er könnte selbst zur Universalmetapher werden.

Dann wäre plötzlich alles eine Membran:

der Körper, die Sprache, die Gesellschaft, die Kunst, die Zeit, das Internet, das Bewusstsein, die Demokratie.

Eine solche grenzenlose Verwendung würde die analytische Schärfe des Begriffs zerstören.

Deshalb muss bei jeder Anwendung gefragt werden:

Was genau wird hier unterschieden?

Welche Grenze wird behauptet?

Was kann sie passieren?

Was hält sie zurück?

Welche Rückmeldung reguliert sie?

Wodurch kann sie sich verändern?

Und an welcher Stelle trägt die Membrananalogie nicht mehr?

Diese letzte Frage ist unverzichtbar.

Physische Membran und metaphorische Membran müssen unterscheidbar bleiben

Eine Zellmembran ist eine biologische Struktur.

Eine Grundstücksgrenze ist eine gesellschaftlich erzeugte Rechts- und Geltungsform.

Zweifel ist eine erkenntniskünstlerische Arbeitsweise.

Das So-Heits-Atelier ist eine künstlerische Versuchsanordnung.

Sie sind nicht dasselbe.

Der gemeinsame Begriff „Membran“ darf deshalb nur verwendet werden, wenn ausdrücklich erkennbar bleibt, auf welcher Wirklichkeitsebene und in welchem Vergleichssinn er jeweils eingesetzt wird.

Gerade E1–E4 kann helfen, diese Ebenen nicht miteinander zu vermischen.

Stellung innerhalb der Forschungskunst

Damit wird die Membran zu einem der zentralen Operatorbegriffe meiner Forschungskunst.

Sie steht zwischen Unterschied und Beziehung.

Zwischen Schnitt und Rückkopplung.

Zwischen Eigenständigkeit und Abhängigkeit.

Zwischen Stabilität und Veränderung.

Zwischen Begriff und Gegenüber.

Zwischen Tätigkeit und Folge.

Zwischen Individuum und Gesellschaft.

Zwischen lokaler Werkstatt und globaler Rückkopplung.

Dabei darf keines dieser Gegensatzpaare erneut als starre Zweiheit behandelt werden.

Die Membran untersucht gerade ihre Beziehung.

Verdichtung des Membranbegriffs

Der Membranbegriff lässt sich schließlich in folgender Grundform zusammenfassen:

Eine Membran bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst eine Grenze, die Unterschied ermöglicht, ohne die Beziehung abzubrechen. Sie grenzt ab, ohne notwendig absolut zu isolieren; sie lässt bestimmte Wirkungen passieren, hält andere zurück und kann auf veränderte Bedingungen reagieren. Ihre Funktion besteht nicht in maximaler Offenheit, sondern in regulierter Durchlässigkeit. Auf der biologischen Ebene besitzt die Membran reale materielle Formen. Auf der erkenntniskünstlerischen, gesellschaftlichen und institutionellen Ebene dient sie als vergleichendes Prüfmodell dafür, ob notwendige Grenzen weiterhin für relevante Rückmeldungen erreichbar und veränderbar bleiben.

Damit lautet ihre kürzeste Formel:

Die Membran ist eine Form des Unterschieds, die ihre Beziehung nicht verliert.

Im Verhältnis zum Lochprozess lautet die Formel:

Der Lochprozess beginnt, wenn der Rückweg verloren geht. Die Membran hält oder eröffnet den Rückweg.

Im Verhältnis zum Zweifel:

Der Zweifel ist die Membran des Begriffes und des Kunstwerks, weil er die Möglichkeit offenhält, dass ein Gegenüber die gegenwärtige Form verändert.

Im Verhältnis zu E4:

E4 ist die organisierte Rückkopplungsmembran, durch die Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen auf menschliche Hervorbringungen zurückwirken können.

Im Verhältnis zu 51:49:

51:49 erinnert an die minimale Differenz, die Bewegung offenhält; die Membran organisiert diese Differenz als tragfähige Beziehung.

Im Verhältnis zum plastischen Ich:

Das plastische Ich ist nicht grenzenlos. Es erhält seine relative Eigenständigkeit durch Grenzen, die Austausch, Anpassung und Veränderung ermöglichen.

Im Verhältnis zum So-Heits-Atelier:

Das Atelier ist eine künstlich eingerichtete Membran innerhalb des So-Heits-Raumes, in der menschliche Vorstellungen vorübergehend so einem Gegenüber ausgesetzt werden, dass ihre Grenzen sichtbar und korrigierbar werden.

Und im Verhältnis zum Menschenkunstwerk:

Zivilisationsfähigkeit entscheidet sich nicht daran, ob der Mensch keine Grenzen mehr erzeugt. Sie entscheidet sich daran, ob seine notwendigen Grenzen zu Mauern erstarren oder als Membranen für die Folgen seiner eigenen Tätigkeit offenbleiben.

Die entscheidende Prüfungsfrage des Membranbegriffs lautet deshalb:

Was darf diese Grenze noch passieren – und kann das, was auf der anderen Seite geschieht, ihre gegenwärtige Form noch verändern?

Eine zweite, ebenso wichtige Frage muss unmittelbar hinzutreten:

Was muss diese Grenze zurückhalten, damit diejenige Form, die sie schützt, überhaupt bestehen und antworten kann?

Erst beide Fragen zusammen verhindern, dass Membran mit grenzenloser Offenheit verwechselt wird.

Damit entsteht die präziseste Fassung:

Eine tragfähige Membran erhält Differenz, reguliert Austausch, schützt relative Eigenständigkeit und bleibt zugleich für diejenigen Rückmeldungen durchlässig, von denen ihre eigene Tragfähigkeit abhängt.

In dieser Bedeutung ist die Membran innerhalb meiner Forschungskunst nicht einfach ein weiteres Bild.

Sie bezeichnet die Arbeitsform korrigierbarer Grenzen.

Wo diese Arbeitsform erhalten bleibt, kann Unterschied zum Gegenüber werden, Gegenüber zur Erfahrung, Erfahrung zum Zweifel und Zweifel zur Korrektur.

Wo sie verlorengeht, kann aus dem Unterschied eine Trennung, aus der Trennung eine Mauer, aus der Mauer ein Rückkopplungsloch und aus dem Loch schließlich eine nicht mehr korrigierbare Skulptur des Menschenkunstwerks entstehen.

Die wichtigste Schärfung liegt damit gegenüber früheren Fassungen darin, Membran nicht einfach mit Offenheit gleichzusetzen. Eine Membran muss auch selektieren, schützen und zurückhalten können. Erst die Verbindung von Abgrenzung, regulierter Durchlässigkeit, Rückmeldung und Veränderbarkeit macht sie zu einem tragfähigen Modell. Gerade dadurch unterscheidet sie sich sowohl von der Mauer als auch von einer unterschiedslosen Auflösung aller Grenzen.

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Die Skulpturidentität sollte jetzt vor allem als Verfestigungsform menschlicher Selbst- und Weltbeschreibung gefasst werden. Sie ist kein psychologischer oder psychiatrischer Fachbegriff und bezeichnet keine feste Eigenschaft bestimmter Menschen. Innerhalb der Forschungskunst beschreibt sie einen Prozess, in dem aus Rollen, Zuschreibungen, gesellschaftlichen Geltungen und vorläufigen Selbstbeschreibungen scheinbar wesentliche und unveränderliche Eigenschaften werden. Das vorhandene Material bringt diesen Vorgang bereits präzise auf die Formel: Eine veränderbare Relation wird in eine Eigenschaft hineingezogen und schließlich Bestandteil einer Skulpturidentität.

Skulpturidentität

Wenn aus veränderbaren Beziehungen festgestellte Wesensformen werden

Die Skulpturidentität als Prüfbegriff der Forschungskunst

Funktion des Begriffs Skulpturidentität

Der Begriff Skulpturidentität bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst eine menschlich hervorgebrachte Form der Selbst- und Weltbeschreibung, bei der ein lebendiger, zeitlicher, relationaler und veränderbarer Prozess in eine scheinbar feststehende Identität überführt wird.

Der Begriff behauptet nicht, Menschen besäßen in Wirklichkeit überhaupt keine Identität. Ebenso wenig wird behauptet, Namen, Berufe, Rollen, Eigentum, Staatsangehörigkeit, gesellschaftliche Positionen oder andere Zugehörigkeiten seien bedeutungslos oder unwirklich.

Die zentrale Frage lautet vielmehr:

Wann wird aus einer notwendigen und möglicherweise sinnvollen Beschreibung eine Feststellung darüber, was ein Mensch seinem Wesen nach angeblich ist?

Skulpturidentität beginnt dort, wo eine vorläufige Beschreibung ihren Herstellungscharakter verliert, wo eine Rolle zur Person, eine gesellschaftliche Zuschreibung zur Wesenseigenschaft, eine vergangene Tätigkeit zum unveränderlichen Charakter oder ein momentaner Zustand zur endgültigen Selbstbeschreibung wird.

Die Skulpturidentität sagt:

„So bin ich.“

Das plastische Ich fragt dagegen:

„Wie bin ich unter diesen Bedingungen geworden, wodurch bestehe ich gegenwärtig, und was kann mich verändern?“

Kein psychologischer Fachbegriff

Für den wissenschaftlichen Standard ist diese Abgrenzung unverzichtbar.

Skulpturidentität ist ein werkinterner Begriff meiner Forschungskunst.

Er ist keine klinische Diagnose, keine psychologische Persönlichkeitskategorie und keine empirisch etablierte Theorie menschlicher Identitätsentwicklung.

Der Begriff besitzt eine künstlerisch-methodische Funktion.

Er verwendet die Erfahrung der Bildhauerei als Vergleichsmodell: Aus einem Materialzusammenhang wird eine Form herausgearbeitet. Was nicht zur beabsichtigten Gestalt gehören soll, wird entfernt. Am Ende erscheint eine möglichst eindeutig bestimmte Figur.

Diese plastisch-bildnerische Operation wird auf menschliche Begriffs- und Identitätsbildung übertragen.

Das vorhandene Arbeitsmaterial formuliert diesen bildnerischen Ursprung sehr deutlich:

Das Bewegliche wird ausgeschnitten, begrenzt, benannt und festgestellt.

Der Begriff darf deshalb nicht so verwendet werden, als sei der Mensch buchstäblich eine Skulptur.

Die Skulptur ist das künstlerische Vergleichsmodell der Verfestigung.

Warum „Skulptur“?

Der Begriff Skulptur besitzt innerhalb meines Werkes eine spezifische Bedeutung.

Beim klassischen bildhauerischen Herausarbeiten wird Material entfernt, bis eine bestimmte Form deutlicher hervortritt.

Damit geschieht eine Auswahl.

Etwas soll dazugehören.

Anderes wird ausgeschlossen.

Die entstandene Figur erhält eine erkennbare Kontur.

Sie wird als dieses bestimmte Werk identifizierbar.

Übertragen auf menschliche Selbstbeschreibung entsteht daraus eine entscheidende Frage:

Was musste ausgeblendet werden, damit ich mich so eindeutig als dieses oder jenes bestimmen konnte?

Ein Mensch kann beispielsweise sagen:

„Ich bin Künstler.“

„Ich bin Eigentümer.“

„Ich bin Professor.“

„Ich bin Arbeiter.“

„Ich bin Gewinner.“

„Ich bin Deutscher.“

„Ich bin frei.“

Jede dieser Aussagen kann einen realen Zusammenhang bezeichnen.

Problematisch wird sie dort, wo aus:

„Ich befinde mich in dieser gesellschaftlichen, beruflichen oder biografischen Beziehung“

die wesentlich stärkere Aussage wird:

„Das ist das, was ich bin.“

Damit wird die Rolle skulpturalisiert.

Feststellen

Der Begriff feststellen erhält in diesem Zusammenhang eine besondere Bedeutung.

Er bedeutet sprachlich zunächst, etwas zu bestimmen oder zu konstatieren.

Innerhalb meiner Forschungskunst kann das Wort zugleich bildnerisch gelesen werden:

Etwas wird fest gestellt.

Eine bewegliche Form wird an einem bestimmten Ort fixiert.

Eine relationale Beschreibung wird zur festen Eigenschaft.

Eine veränderbare Situation wird zu einer Identität.

Damit ist „feststellen“ nicht grundsätzlich problematisch.

Forschung muss Dinge feststellen können.

Problematisch wird der Vorgang, wenn die Feststellung ihre Vorläufigkeit verliert.

Die Frage lautet deshalb:

Was habe ich festgestellt – und was habe ich dadurch möglicherweise fest gestellt?

Vom Prozess zum Ding

Die Skulpturidentität gehört damit in denselben Zusammenhang wie Dingselektion und Lochprozess.

Der Ausgangspunkt ist nicht notwendig eine fertige Einheit.

Der Mensch lebt innerhalb einer Plexuswirklichkeit aus Beziehungen, Stoffwechsel, Zeit, anderen Menschen, gesellschaftlichen Ordnungen und Tätigkeitsfolgen.

Um sich orientieren zu können, bildet er Ausschnitte.

Auch sich selbst muss er beschreiben.

Er gibt sich einen Namen.

Er erkennt seinen Körper.

Er übernimmt Rollen.

Er erinnert seine Biografie.

Er bildet ein Selbstbild.

Diese Vorgänge sind notwendig.

Der Lochprozess beginnt erst dort, wo die Beziehungen, aus denen diese Selbstbeschreibung hervorgegangen ist, nicht mehr zurückkehren können.

Skulpturidentität ist deshalb eine mögliche identitäre Verfestigungsform eines Lochprozesses.

Von der Beziehung zur Eigenschaft

Besonders entscheidend ist der Übergang von Beziehung zu Eigenschaft.

Ein Mensch steht in einer gesellschaftlichen Beziehung zu Vermögen.

Er wird „reich“.

Ein Mensch hat eine bestimmte berufliche Funktion.

Er wird „Professor“.

Ein Mensch besitzt gesellschaftlich zuerkannte Verfügungsrechte.

Er wird „Eigentümer“.

Ein Mensch hat eine schädigende Handlung ausgeführt.

Er wird „böse“.

Ein Mensch gewinnt einen Wettbewerb.

Er wird „Gewinner“.

Ein Mensch verliert seine Beschäftigung.

Er wird „Arbeitsloser“.

In jedem Fall wird aus einer Beziehung, Tätigkeit oder Situation eine Eigenschaft gebildet.

Das vorhandene Material beschreibt genau diese Bewegung:

Eine veränderbare Relation wird in eine Eigenschaft hineingezogen und schließlich Bestandteil einer Skulpturidentität.

Das ist eine der zentralen Definitionen des Begriffs.

Eigenschaften sind nicht alle von derselben Art

Die Skulpturidentität hängt deshalb unmittelbar mit der Untersuchung hineingedachter Eigenschaften zusammen.

Ein Mensch besitzt Masse.

Er besitzt eine Körpertemperatur.

Er besitzt eine bestimmte physiologische Verletzbarkeit.

Er besitzt aber nicht auf dieselbe Weise einen Beruf, eine Nationalität, einen gesellschaftlichen Status oder Eigentum.

Diese gesellschaftlichen Bestimmungen können äußerst wirksam sein.

Sie organisieren Zugang, Rechte, Macht, Verhalten und Erwartungen.

Sie sind jedoch anders wirklich als Stoffwechsel, Gravitation oder Verletzbarkeit.

Das vorhandene Arbeitsmaterial macht diese Unterscheidung ausdrücklich: Eigentum, Geld, Status, Staatsangehörigkeit und Rollenidentität können erhebliche Tätigkeitskonsequenzen besitzen, sind aber nicht auf dieselbe Weise Eigenschaften eines Körpers oder Bodens wie Masse, Temperatur oder chemische Zusammensetzung.

Die Skulpturidentität entsteht besonders dort, wo diese unterschiedlichen Eigenschaftsformen miteinander verschmelzen.

E3 und Skulpturidentität

Innerhalb von E1–E4 gehört die Skulpturidentität vor allem in den Bereich von E3.

E3 bezeichnet menschlich hervorgebrachte Begriffe, Rollen, Statusordnungen, Eigentumsverhältnisse, Werte und gesellschaftliche Geltungen.

Die Skulpturidentität ist eine mögliche Form, in der solche E3-Hervorbringungen auf den Menschen zurückgelegt werden.

Die Gesellschaft erzeugt eine Rolle.

Der Mensch übernimmt sie.

Andere behandeln ihn entsprechend.

Institutionen bestätigen sie.

Er macht innerhalb dieser Rolle reale Erfahrungen.

Diese Erfahrungen können wiederum den Eindruck erzeugen:

Die Rolle beschreibt mein eigentliches Wesen.

Damit beginnt ein selbstverstärkender Kreis.

E3 ist nicht das Problem

Dabei muss erneut eine wichtige Abgrenzung vorgenommen werden.

E3 ist nicht grundsätzlich problematisch.

Menschen benötigen Rollen.

Sie benötigen Berufe.

Sie benötigen institutionelle Zuständigkeiten.

Sie benötigen Namen, Rechte, Verträge und gesellschaftliche Kategorien.

Ein Arzt muss beispielsweise eine berufliche Rolle besitzen, damit Verantwortlichkeiten geklärt werden können.

Ein Eigentümer kann bestimmte gesellschaftlich definierte Rechte besitzen.

Das Problem beginnt nicht beim Vorhandensein der Rolle.

Es beginnt dort, wo die Rolle ihre Begrenztheit vergisst.

Rolle und Person

Hier liegt die zentrale Unterscheidung:

Ein Mensch kann eine Rolle haben, ohne mit dieser Rolle vollständig identisch zu sein.

Die Rolle besitzt reale soziale Wirksamkeit.

Aber sie erschöpft den Menschen nicht.

Der Mensch atmet unabhängig davon, ob er Eigentümer oder Mieter ist.

Er altert unabhängig von seinem akademischen Titel.

Er kann verletzt werden, obwohl er gesellschaftlich mächtig ist.

Er kann lernen, obwohl eine frühere Zuschreibung ihn als unfähig bezeichnet.

Er kann seine gesellschaftliche Position verlieren und bleibt dennoch lebender Mensch.

Die Skulpturidentität entsteht dort, wo dieser Unterschied verschwindet.

Theater als fundamentales Gegenmodell

Gerade deshalb besitzt das Theater für diesen Begriff eine besondere Bedeutung.

Auf der Bühne ist sichtbar, dass jemand eine Rolle übernimmt.

Der Darsteller kann König, Arbeiter, Eigentümer, Professor, Held oder Verlierer spielen.

Der Zuschauer weiß:

Darsteller und Rolle sind nicht identisch.

Die künstlerisch entscheidende Frage entsteht beim Übergang von der Bühne in das gesellschaftliche Leben:

Wann hört der Mensch auf zu wissen, dass er eine Rolle spielt?

Das vorhandene Material formuliert die Skulpturidentität deshalb nicht nur als festes Standbild, sondern zugleich als Rollenfigur, die so lange gespielt wird, bis der Darsteller sie mit sich selbst verwechselt.

Damit treffen bildnerische und darstellende Kunst unmittelbar zusammen.

Das Theater des Als-ob

Der Begriff kann deshalb durch ein Theater des Als-ob weiter präzisiert werden.

Menschen handeln gesellschaftlich ständig in Rollen.

Sie tun so, als seien bestimmte Regeln selbstverständlich.

Sie verwenden Geld, als besitze es seinen gesellschaftlichen Wert aus sich selbst.

Sie behandeln Grundstücksgrenzen, als seien sie eindeutig wirkende Grenzen.

Sie tragen Titel.

Sie sprechen in institutionellen Rollen.

Dieses Als-ob ist nicht bloß Täuschung.

Es macht gesellschaftliches Zusammenleben überhaupt möglich.

Problematisch wird es dort, wo das Als-ob seinen Als-ob-Charakter verliert.

Dann wird aus gesellschaftlicher Rolle vermeintliche Wirklichkeit.

Skulpturidentität ist kein bewusstes Schauspiel

Dabei wäre es zu einfach, zu behaupten, Menschen „spielten nur Theater“.

Gesellschaftliche Rollen werden tatsächlich wirksam.

Ein Richter kann Entscheidungen treffen.

Ein Arzt besitzt bestimmte Kompetenzen und Pflichten.

Ein Eigentümer kann über gesellschaftlich anerkannte Rechte verfügen.

Ein Polizist besitzt institutionelle Befugnisse.

Die Rolle ist daher nicht bloß gespielt im Sinne von unwirklich.

Die Theateranalogie zeigt nur:

Die Rolle ist eine hervorgebrachte und übernehmbare Form, nicht notwendig die vollständige Wirklichkeit des Menschen.

Das plastische Ich

Der wichtigste Gegenbegriff zur Skulpturidentität ist das plastische Ich.

Auch dieser Gegensatz darf jedoch nicht zu einem neuen Dualismus erstarren.

Es gibt nicht hier den „guten plastischen Menschen“ und dort den „schlechten skulpturalen Menschen“.

Beide Begriffe bezeichnen unterschiedliche Betrachtungs- und Organisationsweisen menschlicher Identität.

Das plastische Ich richtet die Aufmerksamkeit auf den lebendigen Organismus und seine fortgesetzte Veränderung.

Der Mensch atmet.

Er nimmt Stoffe auf.

Er gibt Stoffe ab.

Er altert.

Er lernt.

Er erinnert.

Er vergisst.

Er wird verletzt.

Er regeneriert sich.

Er verändert seine Beziehungen.

Seine Identität besteht damit nicht außerhalb der Veränderung.

Sie besteht durch fortgesetzte Veränderung.

Das vorhandene Arbeitsmaterial entwickelt genau diese Gegenüberstellung: Die Skulpturidentität stellt den Menschen als bereits festgestellt dar; das plastische Ich kann dagegen nur existieren, indem es sich permanent verändert.

Das plastische Ich ist nicht formlos

Auch dies muss präzisiert werden.

Plastizität bedeutet nicht, dass der Mensch keinerlei Kontinuität besitzt.

Ein Mensch kann sich über Jahrzehnte als derselbe Mensch erleben.

Er besitzt Erinnerungen.

Biografische Kontinuitäten.

Körperliche Wiedererkennbarkeit.

Beziehungen.

Gewohnheiten.

Werte.

Das plastische Ich ist deshalb keine Forderung nach dauernder Selbstauflösung.

Es bezeichnet relative Stabilität innerhalb fortgesetzter Veränderung.

Genau hier verbindet es sich mit der Membran.

Membranidentität

Man könnte das plastische Ich deshalb auch als membranvermittelte Identität verstehen.

Der Mensch besitzt Grenzen.

Aber diese Grenzen sind nicht absolut.

Der Organismus erhält sich durch Austausch.

Die Person erhält sich auch sozial durch Beziehungen.

Neue Erfahrungen können eintreten.

Andere Menschen können widersprechen.

Rollen können verändert werden.

Die Membran hält eine relative Identität aufrecht, ohne sie gegen jede Rückmeldung abzuschließen.

Skulpturidentität entsteht dagegen, wenn diese Membran zur Mauer wird.

„So bin ich“

Die sprachliche Grundform der Skulpturidentität ist der Satz:

„So bin ich.“

Dieser Satz ist nicht automatisch falsch.

Er kann eine gegenwärtige Selbsterfahrung ausdrücken.

Die entscheidende Prüfung lautet:

Welche Veränderung darf diesen Satz noch verändern?

Wenn der Mensch sagen kann:

„So sehe ich mich gegenwärtig, unter diesen Erfahrungen und Bedingungen“,

bleibt die Aussage plastisch.

Wenn dagegen jede widersprechende Erfahrung so umgedeutet wird, dass „So bin ich“ unangetastet bleibt, ist die Selbstbeschreibung skulptural geworden.

„Das ist es“

Die Skulpturidentität betrifft nicht nur Menschen.

Sie bezeichnet allgemeiner eine Fixierungsbewegung.

Das vorhandene Material bringt sie deshalb auf die Formel:

„Das ist es.“

Dem steht die Tätigkeitsfrage gegenüber:

„Was bewirkt es?“

und weiter:

„Was bewirke ich dadurch, dass ich es hier, jetzt und auf diese Weise tue?“

Damit lässt sich die Skulpturidentität vom Menschen auf gesellschaftliche Systeme und Begriffe erweitern.

Ein System sagt:

„So funktioniert Wirtschaft.“

„Das ist Freiheit.“

„Das ist Eigentum.“

„Das ist Erfolg.“

„Das ist Kunst.“

Forschungskunst fragt dagegen:

Was geschieht, wenn nach dieser Feststellung gehandelt wird?

Skulpturidentität des Begriffes

Auch Begriffe können eine Skulpturidentität entwickeln.

Ein Begriff wird definiert.

Die Definition wird wiederholt.

Institutionen verwenden sie.

Lehrbücher geben sie weiter.

Neue Erfahrungen werden nach der Definition sortiert.

Was nicht passt, wird als Ausnahme behandelt.

Dann besitzt der Begriff zwar eine enorme Stabilität, aber möglicherweise immer weniger Fähigkeit, sich durch seinen Gegenstand verändern zu lassen.

Hier berührt sich Skulpturidentität mit der Begriffsskulptur.

Ein plastischer Begriff bleibt Werkzeug.

Eine Begriffsskulptur wird zum feststehenden Wirklichkeitssurrogat.

Skulpturidentität und Lochprozess

Der Lochprozess beschreibt, wie notwendige Ausschnitte ihre Rückbeziehungen verlieren können.

Skulpturidentität kann als eine mögliche Endform dieses Vorgangs verstanden werden.

Zunächst wird ausgewählt.

Dann unterschieden.

Dann benannt.

Eigenschaften werden zugeschrieben.

Diese Eigenschaften werden stabilisiert.

Sie werden gesellschaftlich bestätigt.

Schließlich scheint eine Identität vorzuliegen, die ihre eigene Herstellungsgeschichte vergessen hat.

Die Beziehung verschwindet.

Die Eigenschaft bleibt sichtbar.

Die Rolle wird zum Wesen.

Das Loch wird zur Identitätsskulptur.

Die Herstellungsgeschichte verschwindet

Ein besonders wichtiger Aspekt der Skulpturidentität liegt deshalb im Verlust der Geschichte.

Eine Person hat sich entwickelt.

Sie hat bestimmte Erfahrungen gemacht.

Sie ist in gesellschaftliche Bedingungen hineingeboren worden.

Sie hat Entscheidungen getroffen.

Andere Menschen haben sie bezeichnet.

Institutionen haben ihr Rollen zugewiesen.

Aus diesem langen Prozess entsteht eine gegenwärtige Identität.

Die Skulpturidentität löscht diesen Herstellungsprozess tendenziell aus.

Am Ende steht nur noch:

„Er ist so.“

oder:

„Ich bin so.“

Damit verschwindet das Werden hinter dem Sein.

Verortungs-/Zeitproblem

Hier verbindet sich die Skulpturidentität mit dem Verortungs-/Zeitanker.

Ein Mensch von 1975 ist nicht vollständig derselbe Erfahrungszustand wie derselbe Mensch 2026.

Eine frühere Aussage kann sich verändert haben.

Eine Rolle kann beendet sein.

Eine gesellschaftliche Situation kann sich vollständig gewandelt haben.

Wenn ein früherer Zustand dennoch als ewiges Wesen behandelt wird, entsteht eine zeitliche Skulpturidentität.

Die entscheidende Gegenfrage lautet:

Wann galt diese Selbstbeschreibung, unter welchen Bedingungen entstand sie und trägt sie heute noch?

Biografie als Gefahr der Skulpturidentität

Gerade ein umfangreiches künstlerisches Lebenswerk enthält diese Gefahr.

Im Rückblick kann eine scheinbar geschlossene Künstlerfigur entstehen.

Alle früheren Arbeiten erscheinen dann wie notwendige Vorstufen der heutigen Theorie.

Irrwege.

Widersprüche.

Nichtrealisierungen.

Veränderungen.

Zweifel.

Sie verschwinden.

Am Ende entsteht der Künstler als fertige Skulptur.

Genau deshalb muss der Werkanker die tatsächliche Entwicklung sichtbar halten.

Das Lebenswerk als Skulptur oder plastisches Material

Hier verbindet sich die Skulpturidentität unmittelbar mit dem Memento-mori-Gedanken.

Das abgeschlossene Lebenswerk kann nach dem Tod des Künstlers zur festen Identität werden.

Ein Name.

Ein Werkverzeichnis.

Eine Stilbeschreibung.

Eine kunsthistorische Kategorie.

Eine museale Ordnung.

All dies kann notwendig sein.

Aber es kann zugleich die Prozessgeschichte stillstellen.

Deshalb gilt:

Das Lebenswerk als fertige Künstleridentität wäre eine Skulptur. Das Lebenswerk als Material weiterer Untersuchung bleibt plastisch.

Institutionelle Skulpturidentität

Nicht nur Personen, sondern auch Institutionen können skulpturale Identitäten entwickeln.

Eine Universität kann ein festes Bild davon besitzen, was Wissenschaft ist.

Ein Museum kann bestimmen, was Kunst ist.

Eine Behörde kann ein festes Bild ihrer Zuständigkeit entwickeln.

Ein Unternehmen kann sich über eine bestimmte Erfolgsdefinition stabilisieren.

Ein Staat kann eine nationale Identität verfestigen.

Auch hier ist Identität nicht grundsätzlich problematisch.

Institutionen benötigen Kontinuität.

Die Skulpturidentität beginnt dort, wo die Institution ihr Selbstbild gegen die Folgen ihrer eigenen Tätigkeit immunisiert.

„Wir sind so“

Die institutionelle Form von „So bin ich“ lautet:

„So sind wir.“

„So arbeiten wir.“

„Dafür sind wir nicht zuständig.“

„Das ist unsere Tradition.“

„Das ist unser Auftrag.“

Solche Sätze können organisatorisch notwendig sein.

Der E4-Test lautet:

Welche Rückmeldung dürfte diese Selbstbeschreibung verändern?

Wenn keine Antwort möglich ist, hat sich die institutionelle Identität verhärtet.

Skulpturidentität und E4

Damit liegt die Gegenbewegung zur Skulpturidentität besonders in E4.

E4 verlangt, dass eine menschlich hervorgebrachte Form von ihren tatsächlichen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen korrigiert werden kann.

Übertragen auf Identität lautet die Frage:

Kann das, was ich aufgrund meiner Selbstbeschreibung tue und erfahre, meine Selbstbeschreibung wieder verändern?

Wenn ja, bleibt die Identität plastisch.

Wenn nein, wird sie zunehmend skulptural.

Freiheit als Skulpturidentität

Der Satz:

„Ich bin frei.“

ist deshalb ein besonders geeignetes Prüfbeispiel.

Freiheit kann eine gesellschaftliche, rechtliche oder persönliche Bedeutung besitzen.

Die Skulpturidentität entsteht dort, wo daraus die Vorstellung vollständiger Unabhängigkeit wird.

Das darunterliegende Plexusbild zeigt jedoch einen Menschen, der Sauerstoff, Wasser, Wärme, Nahrung, Mikroorganismen, Sprache, andere Menschen, technische Systeme und eine lebensfähige Umwelt benötigt.

Das vorhandene Foliensystem stellt genau diese beiden Bilder übereinander, ohne die Freiheitsbehauptung einfach zu widerlegen.

Die Frage lautet:

Welche Form von Freiheit ist innerhalb realer Abhängigkeiten tragfähig?

„Ich besitze mich selbst“

Noch radikaler ist der Satz:

„Ich besitze mich selbst.“

Er verbindet Identität mit Eigentumsgrammatik.

Das Ich wird zugleich Eigentümer und Eigentum.

Damit wird eine gesellschaftliche Verfügungsform auf das eigene lebendige Dasein übertragen.

Der Körper erscheint als Besitz eines autonomen Subjekts.

Das plastische Ich fragt dagegen:

Wer oder was ist dieses „Ich“, das den lebenden Organismus besitzen soll?

Die Frage soll keine rechtlichen Selbstbestimmungsrechte infrage stellen.

Sie untersucht vielmehr die Begriffsarchitektur des Besitzens, wenn sie auf die eigene Existenz übertragen wird.

Eigentümeridentität

Ähnlich kann Eigentum eine Skulpturidentität erzeugen.

Ein Mensch besitzt gesellschaftlich anerkannte Verfügungsrechte über einen Gegenstand oder Boden.

Aus dieser Beziehung wird:

„Ich bin Eigentümer.“

Diese Aussage kann gesellschaftlich korrekt sein.

Die Skulpturalisierung beginnt dort, wo Eigentum zu einer wesentlichen Bestimmung der Person und daraus möglicherweise zu einem besonderen Wirklichkeits- oder Wertanspruch wird.

Der Mensch besitzt etwas.

Dann scheint der Besitz ihn selbst zu bestimmen.

Statusidentität

Dasselbe gilt für gesellschaftlichen Status.

Titel.

Vermögen.

Bekanntheit.

Position.

Auszeichnungen.

Sie können reale gesellschaftliche Wirkungen besitzen.

Menschen reagieren darauf.

Institutionen öffnen oder schließen Türen.

Die Skulpturidentität entsteht dort, wo Status vom veränderbaren gesellschaftlichen Verhältnis zur Vorstellung eines höheren persönlichen Wesensranges wird.

Aus:

„Diese Person besitzt gegenwärtig eine gesellschaftlich anerkannte Position“

wird:

„Diese Person ist bedeutender.“

Damit wird Geltung mit Sein verwechselt.

Erfolgsidentität

Auch Erfolg eignet sich als Beispiel.

Ein Mensch erreicht ein bestimmtes Ziel.

Aus der erfolgreichen Tätigkeit entsteht die Eigenschaft:

„Ich bin erfolgreich.“

Diese Identität kann anschließend neue Handlungen strukturieren.

Der Erfolg muss verteidigt werden.

Misserfolg wird bedrohlich, weil er nicht mehr nur ein Ergebnis betrifft, sondern die eigene Identität.

Damit kann die Skulpturidentität sogar die Fähigkeit behindern, aus Scheitern zu lernen.

Scheitern als Bedrohung der Skulptur

Für ein plastisches Ich kann Scheitern eine Rückmeldung sein.

Für eine Skulpturidentität kann Scheitern existenziell bedrohlich erscheinen.

Wenn ich mich als „erfolgreichen Menschen“ definiert habe, darf der Misserfolg nicht einfach Information sein.

Er greift meine Identität an.

Dann entsteht die Versuchung, den Fehler nach außen zu verlagern, die Messmethode anzugreifen oder die Situation umzudeuten.

Die Identität verteidigt sich gegen die Wirklichkeit.

Hier wird Skulpturidentität zum Rückkopplungsproblem.

Gut und Böse als Identitätsskulpturen

Auch moralische Begriffe können Menschen skulpturalisieren.

Eine Handlung wird bewertet.

Dann wird die Bewertung auf die Person übertragen.

Aus:

„Er hat etwas Verletzendes getan“

wird:

„Er ist böse.“

Damit wird aus einer Tätigkeit eine Wesenseigenschaft.

Das kann gesellschaftlich weitreichende Folgen besitzen.

Es kann verhindern, nach Bedingungen, Verantwortlichkeiten, Veränderungsmöglichkeiten und Reparatur zu fragen.

Das bedeutet nicht, schwere Handlungen zu relativieren.

Im Gegenteil.

Die Tätigkeitskonsequenz muss präzise untersucht werden.

Die Frage lautet nur:

Hilft die Wesensskulptur dabei, die Handlung und ihre Wiederholungsbedingungen zu verstehen und zu verändern?

Opfer- und Täteridentität

Dasselbe Problem kann bei dauerhaft festgeschriebenen Opfer- oder Täteridentitäten auftreten.

Eine Person kann tatsächlich verletzt worden sein.

Eine andere kann tatsächlich Verantwortung für eine Verletzung tragen.

Diese Tatsachen dürfen nicht verwischt werden.

Aber eine lebenslange Reduktion der gesamten Person auf diese eine Beziehung kann wiederum eine Skulpturidentität erzeugen.

Die Forschungskunst unterscheidet deshalb Verantwortungszuordnung von Wesensfixierung.

Nationalität und Skulpturidentität

Staatsangehörigkeit besitzt rechtliche und gesellschaftliche Bedeutung.

Sie kann Rechte, Pflichten und Zugehörigkeiten bestimmen.

Die Skulpturalisierung beginnt dort, wo aus der gesellschaftlich-rechtlichen Zugehörigkeit ein unveränderliches Wesen des Menschen abgeleitet wird.

Dann kann aus:

„Diese Person besitzt diese Staatsangehörigkeit“

werden:

„Diese Person ist ihrem Wesen nach so.“

Hier verbindet sich Skulpturidentität mit Dualisierung, Eigen-Fremd-Gegenüberstellung und 50:50-Symmetriedualismus.

Skulpturidentität und Dualismus

Dualismen benötigen stabile Pole.

Damit diese Pole stabil bleiben, werden ihnen Eigenschaften zugeschrieben.

Gut und böse.

Eigen und fremd.

Geist und Körper.

Mensch und Natur.

Gewinner und Verlierer.

Die Skulpturidentität macht aus diesen Polen identifizierbare Figuren.

Ein Mensch wird einer Seite zugeordnet.

Die andere Seite wird sein Gegenpol.

Damit stabilisiert Identität den Dualismus und der Dualismus stabilisiert Identität.

Das vorhandene Material stellt genau diesen Zusammenhang her: Der Dualismus benötigt feste Seiten, die mit Eigenschaften ausgestattet werden; was ursprünglich Tätigkeit und Relation war, wird als Wesen verstanden.

50:50 als Identitätsordnung

Im 50:50-Symmetriedualismus können zwei Identitätsformen scheinbar vollständig gegeneinander gestellt werden.

Mann und Frau.

Eigen und fremd.

Gut und böse.

Natur und Mensch.

Subjekt und Objekt.

Die Welt scheint vollständig aufgeteilt.

Skulpturidentität besetzt dann jeweils einen Pol.

Das Problem liegt nicht darin, reale Unterschiede zu leugnen.

Es liegt darin, dass der Zwischenraum von Beziehungen, Übergängen, Mischformen, Veränderungen und Kontexten verschwindet.

51:49 als Störung der Identitätsskulptur

51:49 kann deshalb auch hier als Störoperator wirken.

Es sagt nicht:

Die richtige Identität besteht aus 51 Prozent diesem und 49 Prozent jenem.

Es stört lediglich die Vorstellung perfekter Feststellung.

Es erinnert daran, dass eine minimale Differenz eine Bewegung eröffnen kann.

Was heute in einer bestimmten Rolle dominiert, muss morgen nicht identisch bleiben.

Die Identität wird dadurch nicht aufgelöst.

Sie wird beweglicher.

Skulpturidentität und 1:99

1:99 kann eine andere Form der Skulpturalisierung anzeigen.

Eine gesellschaftlich privilegierte Identität kann mit extremer Verfügungsmacht verbunden werden.

Der Eigentümer.

Der Führer.

Der Star.

Der Experte.

Der Milliardär.

Die gesellschaftliche Zuschreibung wird immer stärker mit realer Handlungsmacht ausgestattet.

Die daraus entstehende Erfahrung bestätigt wiederum die Identität.

Macht wird zum scheinbaren Beweis persönlicher Besonderheit.

Damit kann sich eine E3-Skulptur durch reale institutionelle Folgen selbst stabilisieren.

Macht erzeugt Identitätswirklichkeit

Hier liegt eine besondere Schwierigkeit.

Eine zugeschriebene Identität kann reale Bedingungen herstellen, die sie anschließend scheinbar bestätigen.

Wer als wichtig gilt, erhält Zugang.

Wer Zugang erhält, kann mehr bewirken.

Wer mehr bewirkt, erscheint wichtiger.

Der Kreis schließt sich.

Damit wird Skulpturidentität nicht bloß individuelle Selbsttäuschung.

Sie kann institutionell erzeugte Wirklichkeit werden.

Status-Belohnungs-Schleife

Belohnungssysteme besitzen deshalb eine zentrale Funktion.

Wenn gesellschaftlicher Status, Geld, Aufmerksamkeit oder Macht bestimmte Rollen belohnen, kann die Identifikation mit diesen Rollen immer stärker werden.

Der Mensch verteidigt dann nicht nur eine Tätigkeit.

Er verteidigt die Identität, von der seine gesellschaftliche Belohnung abhängt.

Damit kann eine Rückmeldung, die die Rolle infrage stellt, zugleich den Status bedrohen.

Die Skulpturidentität wird institutionell gepanzert.

Der Astronaut als Skulpturidentität der Autonomie

Der Astronaut ist eines der stärksten Bilder hierfür.

Er erscheint als vollständig geschütztes, autonomes Wesen.

Der Anzug bildet eine klare Silhouette.

Er erinnert damit selbst an eine Skulptur.

Gleichzeitig besteht der lebende Mensch im Inneren nur durch hochkomplexe technische Membranen und Versorgungssysteme.

Das vorhandene Material betont genau diese Paradoxie: Der Astronaut erscheint autonom, während seine Existenz durch Schläuche, Energieversorgung, Temperaturregulation und andere technische Membranen erhalten wird.

Damit trifft die Autonomieskulptur auf die Abhängigkeitswirklichkeit.

Der Astronaut ohne Schläuche

Besonders deutlich wird das Bild, wenn die Versorgungsschläuche fehlen.

Der Anzug bleibt als Symbol der Autonomie sichtbar.

Aber die tatsächlichen Tragbedingungen sind unterbrochen.

Damit wird die Differenz zwischen Rollenbild und Existenzbedingung radikal sichtbar.

Der Mensch kann sich noch immer als autonom darstellen.

Die Wirklichkeit widerspricht jedoch unmittelbar.

Feuerkäfig und Skulpturidentität

Das Feuerkäfig-Bild führt diese Diagnose in die gesellschaftliche Ebene.

Die Tür steht offen.

Der Mensch könnte den Käfig verlassen.

Dennoch bleibt er.

Die physische Möglichkeit allein reicht nicht aus.

Eine Rollenidentität, ein Belohnungssystem oder eine Wirklichkeitsvorstellung kann den Aufenthalt stabilisieren.

Das vorhandene Werkmaterial formuliert deshalb zu Recht, dass die offene Tür allein noch keine Freiheit erzeugt und gefragt werden muss, welche Rolle oder Wirklichkeitsvorstellung den Menschen daran hindert, die Öffnung tatsächlich zu benutzen.

Die Skulpturidentität kann damit stärker sein als eine physisch offene Tür.

Gefängnis der Rollenidentität

Hier lässt sich das Bild des Rollenidentitätsgefängnisses präzisieren.

Ein Mensch befindet sich nicht notwendig deshalb im Gefängnis, weil eine äußere Mauer ihn festhält.

Auch gesellschaftliche Erwartungen, Selbstbilder, Status, Besitz, Angst vor Bedeutungsverlust oder Belohnungsordnungen können die Veränderbarkeit einer Rolle begrenzen.

Der Begriff darf dabei nicht psychologisierend auf einzelne Menschen reduziert werden.

Es geht um die Wechselwirkung von Selbstbild und gesellschaftlicher Stabilisierung.

Freiheit als Verlassenkönnen einer Rolle

Damit erhält Freiheit eine neue Dimension.

Freiheit besteht nicht nur darin, zwischen äußerlich vorhandenen Optionen wählen zu können.

Sie betrifft auch die Fähigkeit, eine eigene Rolle beziehungsweise Selbstbeschreibung prüfen und gegebenenfalls verlassen oder verändern zu können.

Eine Person kann formal zahlreiche Wahlmöglichkeiten besitzen und dennoch an einer Identität festhalten, die jede wirkliche Veränderung blockiert.

Rolle und Verantwortung

Skulpturidentität kann außerdem Verantwortung begrenzen.

Ein Mensch sagt:

„Ich bin nur Angestellter.“

„Ich bin nur Entwickler.“

„Ich bin nur Käufer.“

„Ich bin nur Auftragnehmer.“

Die Rolle definiert einen engen Zuständigkeitsbereich.

Diese Grenze kann organisatorisch sinnvoll sein.

Zum Verantwortungsloch wird sie dort, wo der Mensch die Tätigkeitsfolgen außerhalb seiner Rolle grundsätzlich nicht mehr als mögliche Rückmeldung zulässt.

Damit wird Rollenidentität zur Mauer.

„Ich mache nur meine Arbeit“

Der Satz:

„Ich mache nur meine Arbeit“

kann deshalb eine typische skulpturale Selbstbegrenzung enthalten.

Er bedeutet:

Meine Rolle definiert vollständig, wofür ich verantwortlich bin.

Die Tätigkeitskonsequenzprüfung fragt dagegen:

Welche Wirkung geht tatsächlich von meiner Tätigkeit aus, unabhängig davon, wie eng meine Rolle institutionell definiert wurde?

Damit wird die Rolle nicht abgeschafft.

Sie wird in einen größeren Wirkungszusammenhang zurückgestellt.

Skulpturidentität und Verantwortungsteilung

Komplexe Gesellschaften benötigen Arbeitsteilung.

Niemand kann für sämtliche Folgen aller Tätigkeiten persönlich verantwortlich sein.

Skulpturidentität wird deshalb nicht dadurch vermieden, dass jede Person für alles verantwortlich gemacht wird.

Die entscheidende Frage lautet vielmehr:

Gibt es zwischen den Rollen Rückkopplungsmembranen, durch die Folgen wieder den Gesamtprozess erreichen können?

Damit verschiebt sich die Untersuchung von persönlicher Totalverantwortung zu institutioneller Rückkopplungsfähigkeit.

Skulpturidentität des Fachmenschen

Auch wissenschaftliche oder professionelle Identität kann skulptural werden.

„Ich bin Physiker.“

„Ich bin Ökonom.“

„Ich bin Jurist.“

„Ich bin Künstler.“

Solche Identitäten können hohe Kompetenz ausdrücken.

Problematisch wird es dort, wo die disziplinäre Rolle bestimmt, welche Wirklichkeitsfolgen überhaupt noch als relevant anerkannt werden.

Dann wird aus Fachkompetenz ein Isolationsraum.

Die Forschungskunst fragt:

Wo endet mein Fach – und wo beginnt trotzdem meine Beteiligung an demselben Wirkungszusammenhang?

Künstleridentität

Gerade die eigene Künstleridentität muss deshalb ebenfalls geprüft werden.

„Ich bin Künstler“ kann eine biografisch und gesellschaftlich sinnvolle Beschreibung sein.

Aber sie darf nicht dazu führen, dass alle Tätigkeiten nachträglich als Kunst bestätigt werden oder Kritik automatisch als Unverständnis gegenüber dem Künstler abgewiesen wird.

Auch der Künstler muss ein Gegenüber behalten.

Material.

Andere Menschen.

Geschichte.

Institutionen.

Tätigkeitsfolgen.

Die eigene Kunstauffassung.

Die Künstleridentität bleibt plastisch, wenn diese Gegenüber sie verändern können.

Forschungskünstler als Gegenposition zur Künstler-Skulptur

Der Begriff Forschungskünstler darf deshalb ebenfalls nicht zu einer neuen Skulpturidentität werden.

Er bezeichnet keine höhere menschliche Art.

Er bezeichnet eine Arbeitsweise.

Jemand wird nicht dadurch zum Forschungskünstler, dass er sich so nennt.

Entscheidend ist, ob seine Hervorbringungen tatsächlich prüfbar, rückkopplungsfähig und korrigierbar bleiben.

Seele als mögliche Skulpturidentität

Innerhalb meiner bisherigen Forschung wurde auch der Begriff „Seele“ unter diesem Gesichtspunkt untersucht.

Dabei muss wissenschaftlich vorsichtig formuliert werden.

Die Forschungskunst kann weder die Existenz noch Nichtexistenz einer Seele metaphysisch beweisen.

Sie kann jedoch prüfen, welche Rolle der Begriff innerhalb einer bestimmten menschlichen Wirklichkeitskonstruktion spielt.

Problematisch wird es dort, wo eine vorgestellte, unveränderliche innere Identität als eigentlicher Besitzer oder Träger des lebenden Körpers gedacht wird und dadurch der konkrete Organismus zu einem bloßen Behälter herabgestuft wird.

Das vorhandene Material beschreibt diese Umkehrung als mögliche E3-Konstruktion, bei der eine menschliche Hervorbringung scheinbar Vorrang vor dem lebenden Organismus erhält.

Diese Interpretation bleibt eine werkinterne Prüfthese, keine naturwissenschaftliche Feststellung.

Descartes und das denkende Ich

Ähnlich kann das „denkende Ich“ geprüft werden.

Die Forschungskunst bestreitet nicht, dass Menschen denken.

Sie fragt vielmehr:

Wann wird aus dem Vorgang des Denkens ein festgestellter Träger, der anschließend als eigenständige Wesenseinheit behandelt wird?

Auch hier liegt die Skulpturidentität nicht im Denken selbst.

Sie liegt in der Verdinglichung einer Beschreibung.

Skulpturidentität ist nicht Identität überhaupt

Damit muss eine zentrale Missdeutung endgültig ausgeschlossen werden.

Meine Forschungskunst fordert nicht:

Der Mensch soll keine Identität haben.

Eine solche Forderung wäre weder realistisch noch sinnvoll.

Der Mensch benötigt Kontinuität.

Er benötigt Namen.

Er benötigt soziale Orientierung.

Er benötigt Rollen.

Er benötigt Erinnerung.

Er benötigt eine gewisse Form seiner selbst.

Die eigentliche Frage lautet:

Ist diese Form plastisch oder skulptural?

Plastische Identität

Man könnte deshalb neben dem plastischen Ich auch von plastischer Identität sprechen, sofern deutlich bleibt, dass dies kein neuer eigenständiger Theoriebegriff werden muss.

Eine plastische Identität besitzt Kontinuität, lässt aber neue Erfahrungen eintreten.

Sie kann sagen:

„Das war ich.“

„So sehe ich mich heute.“

„Hier habe ich mich verändert.“

„Diese Rolle habe ich.“

„Diese Rolle bin ich nicht vollständig.“

Damit bleibt Identität zeitlich.

Skulpturidentität löscht den Augenblick

Skulpturidentität tendiert dagegen dazu, Zeit stillzustellen.

Sie verwandelt ein Werden in ein Sein.

Damit geht eine wichtige Beziehung zum Augenblick verloren.

Der lebende Mensch vollzieht sich immer gegenwärtig.

Er kann sich erinnern.

Er kann Zukunft planen.

Aber seine körperliche und tätige Existenz geschieht in wechselnden Gegenwarten.

Eine festgestellte Identität versucht dagegen, diese Veränderungen unter einem unveränderlichen Begriff zusammenzuhalten.

Erinnerung als Identitätsmaterial

Auch Erinnerung kann skulpturalisiert werden.

Der Mensch erinnert bestimmte Ereignisse.

Er verbindet sie zu einer Geschichte.

Diese Geschichte wird Teil seines Selbstbildes.

Später können neue Erinnerungen, Dokumente oder andere Perspektiven auftauchen.

Eine plastische Identität kann die eigene Geschichte verändern.

Eine Skulpturidentität behandelt die Biografie als bereits endgültig erzählte Form.

Archiv als Gegenmittel

Das Archiv erhält deshalb eine wichtige Funktion.

Es kann gegen die nachträgliche Selbstskulptur arbeiten.

Ein Tagebucheintrag von 1980 kann einer heutigen Erinnerung widersprechen.

Eine frühere Bewerbung kann zeigen, dass ein heutiger Begriff damals noch anders verwendet wurde.

Eine Ablehnung kann dokumentieren, wie ein Projekt tatsächlich aufgenommen wurde.

Damit kann das Archiv die feste Künstlererzählung wieder plastisch machen.

Skulpturidentität und Wirklichkeitssurrogat

Eine Skulpturidentität kann schließlich zum Wirklichkeitssurrogat werden.

Der Mensch handelt dann nicht mehr primär aufgrund einer fortgesetzten Prüfung seiner gegenwärtigen Beziehungen, sondern aufgrund der Frage:

Was muss jemand wie ich tun?

Was macht ein erfolgreicher Mensch?

Was macht ein Eigentümer?

Was macht ein Künstler?

Was macht ein Mann?

Was macht ein Deutscher?

Was macht ein freier Mensch?

Die Identität erzeugt Handlungsregeln.

Diese Handlungen erzeugen neue Erfahrungen.

Die Erfahrungen stabilisieren wiederum die Identität.

Damit schließt sich ein Rückkopplungskreis.

Selbstbestätigende Skulpturidentität

Besonders stabil wird die Skulpturidentität, wenn die Umwelt entsprechend reagiert.

Wer als mächtig gilt, wird anders behandelt.

Wer anders behandelt wird, erhält mehr Macht.

Wer als unfähig gilt, erhält weniger Möglichkeiten.

Die geringeren Möglichkeiten können anschließend als Beleg seiner Unfähigkeit erscheinen.

Damit kann eine gesellschaftliche Zuschreibung ihre eigenen Bestätigungsbedingungen herstellen.

Skulpturidentität wird hier zu einem sozialen Produktionsprozess.

E4 muss den Kreis öffnen

E4 besitzt deshalb eine zentrale Aufgabe.

Es muss die Tätigkeitsfolgen aus diesem selbstbestätigenden Kreis herauslösen und fragen:

Welche Konsequenzen erzeugt diese Identität für den Menschen selbst, für andere und für die Bedingungen, von denen alle Beteiligten abhängig bleiben?

Wenn diese Konsequenzen die Identität verändern dürfen, wird der Kreis geöffnet.

Wenn nicht, stabilisiert sich die Skulptur.

Der Zweifel als Identitätsmembran

Hier erhält auch der Zweifel seine Funktion.

Zweifel bedeutet nicht, die eigene Person permanent infrage zu stellen.

Er bedeutet, eine kleine Öffnung zu erhalten:

Was müsste geschehen, damit ich bereit wäre, diese Selbstbeschreibung zu verändern?

Diese Frage macht aus der Identitätsgrenze eine Membran.

Sie schützt Kontinuität und lässt Korrektur zu.

Skulpturidentität und Membran

Damit kann die Beziehung auf eine knappe Formel gebracht werden:

Das plastische Ich besitzt eine Identitätsmembran. Die Skulpturidentität baut aus dieser Membran eine Mauer.

Auch dies ist eine künstlerische Vergleichsform, keine biologische Gleichsetzung.

Gemeint ist:

Die plastische Identität bleibt für relevante Rückmeldungen durchlässig.

Die Skulpturidentität behandelt Widerspruch zunehmend als Angriff.

Kritik als Angriff auf die Skulptur

Das erklärt auch, weshalb Kritik unter Bedingungen starker Identifikation so schwer angenommen werden kann.

Wenn eine Aussage nur eine Auffassung betrifft, kann sie verändert werden.

Wenn dieselbe Auffassung Bestandteil meiner Identität geworden ist, erscheint der Widerspruch als Angriff auf meine Person.

Damit steigt der Widerstand gegen Korrektur.

Aus einer Erkenntnisfrage wird eine Identitätsverteidigung.

Forschungskunst trennt Person und prüfbare Form

Das So-Heits-Atelier benötigt deshalb eine Arbeitsform, in der Person und hervorgebrachte Aussage wieder etwas auseinandergezogen werden.

Der Benutzer schreibt einen Satz auf eine Schultafel.

Nun steht der Satz vor ihm.

Er kann betrachtet werden.

Andere können widersprechen.

Er kann gelöscht werden.

Damit muss eine Korrektur nicht bedeuten:

„Ich als Mensch bin falsch.“

Sie kann bedeuten:

„Diese von mir hervorgebrachte Form trägt nicht mehr.“

Das ist eine entscheidende Entlastung des Prüfprozesses.

Die Schultafel als Gegenform der Skulptur

Die Schultafel besitzt deshalb eine fast ideale Gegenfunktion.

Eine Skulptur erscheint dauerhaft.

Die Tafel hält eine Aussage sichtbar und zugleich löschbar.

Sie sagt:

Nimm deine Aussage ernst, aber vergolde sie nicht.

Damit materialisiert sie die plastische Identität einer Überzeugung.

Gold und Skulpturidentität

Die Vergoldung kann demgegenüber zeigen, wie eine vorhandene Form durch gesellschaftliche Wertzuschreibung zusätzlich stabilisiert wird.

Ein Titel.

Eine Auszeichnung.

Vermögen.

Status.

Prominenz.

Sie können wie eine Goldschicht über einer vorhandenen Rolle liegen.

Der Mensch wird nicht nur zu einer Skulptur.

Die Skulptur wird vergoldet.

Dadurch wird ihre Korrektur noch schwieriger.

Midas als Identitätsproblem

Im Midas-Motiv wird dieser Vorgang zugespitzt.

Alles, was berührt wird, erhält denselben Wertmodus.

Damit kann der gesellschaftliche Wertmaßstab die Gebrauchsfähigkeit und Lebendigkeit des Gegenstandes überdecken.

Übertragen auf Identität entsteht die Frage:

Wann wird die Aufwertung einer Rolle wichtiger als die Tragfähigkeit des lebenden Menschen?

Status und Verletzbarkeit

E2 stellt der Statusidentität ein radikales Gegenüber entgegen.

Der hochrangige Mensch benötigt Sauerstoff wie der ranglose.

Der berühmte Mensch altert.

Der Reiche kann erkranken.

Der Mächtige ist verletzbar.

Das bedeutet nicht, gesellschaftliche Machtunterschiede zu leugnen.

Im Gegenteil.

Es zeigt lediglich:

Die gesellschaftliche Skulptur hebt die existenzielle Abhängigkeit des plastischen Ichs nicht auf.

Der Tod als radikale Entskulpturalisierung

Der Tod stellt schließlich die radikalste Grenze aller persönlichen Rollen dar.

Titel.

Eigentum.

Status.

Beruf.

Rolle.

Sie können als gesellschaftliche Konstruktionen weiterbestehen.

Der lebende Organismus tut es nicht.

Damit zeigt Memento mori besonders deutlich die Differenz zwischen lebendigem Träger und gesellschaftlicher Identität.

Der Nachruhm als neue Skulpturidentität

Nach dem Tod kann jedoch eine neue Skulptur entstehen.

Der historische Künstler.

Der berühmte Denker.

Der Revolutionär.

Der Versager.

Der Heilige.

Die Nachwelt verdichtet eine komplexe Biografie zu einer erkennbaren Figur.

Auch diese historische Skulptur kann notwendig sein, um über eine Person sprechen zu können.

Sie muss aber als Ausschnitt kenntlich bleiben.

Foliengrammatik der Skulpturidentität

Die Foliengrammatik eignet sich besonders gut, diesen Prozess sichtbar zu machen.

Auf einem Grundbild erscheint der lebende Körper innerhalb seines Abhängigkeitsnetzes.

Darüber wird eine Rolle gelegt:

„Eigentümer“.

Eine weitere Folie:

„Erfolgreich“.

Eine weitere:

„Frei“.

Eine weitere:

„Künstler“.

Je mehr Folien hinzukommen, desto stärker kann die gesellschaftliche Identität sichtbar werden.

Der lebendige Plexus darunter verschwindet zunehmend.

Nimmt der Benutzer die Folien wieder ab, bleibt der Organismus sichtbar.

Damit lautet die Frage nicht:

Welche Folie ist falsch?

Sondern:

Welche Folie habe ich mit dem gesamten Menschen verwechselt?

Die leere Identitätsfolie

Besonders stark könnte deshalb eine leere Folie sein.

Der Benutzer schreibt darauf:

„Ich bin …“

und ergänzt selbst.

Dann wird gefragt:

Was bezeichnet dieser Satz?

Eine biologische Eigenschaft?

Eine gesellschaftliche Rolle?

Eine Erinnerung?

Eine Wertung?

Eine Zugehörigkeit?

Eine Tätigkeit?

Eine Hoffnung?

Eine Fremdzuschreibung?

Dadurch wird Identität zum bearbeitbaren Werkstück.

Mitmachbuch und Skulpturidentität

Das Mitmachbuch kann diese Prüfung über längere Zeit fortsetzen.

Der Benutzer kann eine Selbstbeschreibung eintragen.

Später kehrt er zurück.

Gilt sie noch?

Was hat sie verändert?

Welche Erfahrung widersprach ihr?

Damit dokumentiert das Buch keine feste Persönlichkeit.

Es dokumentiert Identitätsplastizität.

Der andere als Identitätskorrektiv

Auch der andere Mensch besitzt eine wichtige Funktion.

Selbstbilder entstehen nicht allein im Inneren.

Andere Menschen reagieren auf uns.

Sie bestätigen oder widersprechen.

Eine plastische Identität kann solche Rückmeldungen aufnehmen, ohne sich vollständig von ihnen bestimmen zu lassen.

Auch hier ist Membran entscheidend.

Vollständige Abhängigkeit von fremder Anerkennung wäre ebenso problematisch wie vollständige Immunität gegenüber jeder Fremdwahrnehmung.

Fremdzuschreibung als Skulpturierung

Skulpturidentität kann deshalb sowohl selbst erzeugt als auch fremd erzeugt werden.

Eine Institution klassifiziert einen Menschen.

Eine Gesellschaft weist ihm eine Rolle zu.

Andere Menschen behandeln ihn entsprechend.

Er kann diese Zuschreibung schließlich selbst übernehmen.

Damit wird aus Fremdskulptur eine Selbstskulptur.

Herrschaft durch Identitätszuweisung

Dies besitzt eine politische Dimension.

Wer die Kategorien bestimmen kann, in denen andere Menschen wahrgenommen werden, besitzt Macht.

Normal.

Abweichend.

Wertvoll.

Nutzlos.

Bürger.

Fremder.

Leistungsträger.

Problemfall.

Solche Kategorien können reale institutionelle Folgen erzeugen.

Die Skulpturidentität wird dadurch zu einer möglichen Herrschaftsform der Zuschreibung.

Die Forschungskunst darf selbst nicht etikettieren

Gerade deshalb darf meine Forschungskunst Menschen nicht einfach als „Skulpturidentitäten“ klassifizieren.

Der Begriff ist kein Etikett für andere.

Zu sagen:

„Dieser Mensch ist eine Skulpturidentität“

würde den eigenen Begriff bereits falsch anwenden.

Denn damit würde wiederum eine Person auf eine feste Eigenschaft reduziert.

Richtig ist eher:

„In dieser Aussage, Rolle oder institutionellen Situation lässt sich eine skulpturalisierende Identitätsbewegung prüfen.“

Das ist eine entscheidende wissenschaftliche und methodische Begrenzung.

Skulpturidentität ist ein Prozessbegriff

Streng genommen wäre deshalb auch hier ein Prozessverständnis präziser als eine statische Kategorie.

Menschen können in manchen Zusammenhängen sehr plastisch und in anderen sehr festgelegt reagieren.

Eine berufliche Identität kann starr sein, während das persönliche Selbstbild offen bleibt.

Eine politische Überzeugung kann skulpturalisiert sein, während andere Bereiche korrigierbar bleiben.

Der Begriff bezeichnet deshalb weniger einen Menschentyp als einen Vorgang der Identitätsverfestigung.

Skulpturalisierung

Man könnte für diesen Vorgang ergänzend von Skulpturalisierung sprechen.

Skulpturidentität wäre dann der jeweils stabilisierte Zustand, Skulpturalisierung der Prozess, durch den er entsteht.

Der Vorgang lautet:

Eine Beziehung wird ausgewählt.

Eine Rolle wird benannt.

Eigenschaften werden zugeschrieben.

Diese werden wiederholt und institutionell bestätigt.

Die Identität stabilisiert sich.

Rückmeldungen werden zunehmend danach sortiert, ob sie zur Identität passen.

Die Membran schließt sich.

Entskulpturalisierung

Die Gegenbewegung bestünde nicht in Identitätszerstörung.

Sie wäre eine Entskulpturalisierung im Sinne erneuter Plastizität.

Die Rolle wird wieder als Rolle erkennbar.

Die Zuschreibung wird historisch und gesellschaftlich verortet.

Die Tätigkeit wird von der Wesensbehauptung getrennt.

Neue Erfahrungen dürfen eintreten.

Die Person kann ihre Selbstbeschreibung verändern.

Damit wird die Skulptur nicht zerschlagen.

Sie wird wieder zu bearbeitbarem Material.

Skulptur und Plastik als Werkunterscheidung

Hier erhält die Unterscheidung zwischen Skulptur und Plastik ihre grundlegende werkinterne Funktion.

Die Skulptur steht im Modell für Feststellung.

Die Plastik für Bearbeitbarkeit.

Die reale Kunstgeschichte verwendet diese Begriffe selbstverständlich vielfältiger und nicht in genau dieser normativen Gegenüberstellung.

Innerhalb meiner Forschungskunst handelt es sich deshalb um eine eigene metaphorisch-methodische Verwendung.

Das muss ausdrücklich kenntlich bleiben.

Nicht jede Skulptur ist Skulpturidentität

Auch das ist wichtig.

Der Begriff bedeutet nicht, dass tatsächliche Skulpturen künstlerisch problematisch wären.

Eine materielle Skulptur kann sogar hochgradig offene Wirkungen besitzen.

„Skulpturidentität“ bezeichnet nicht eine Bewertung der Kunstgattung Skulptur.

Der Begriff nutzt lediglich bestimmte Aspekte des Herausarbeitens, Feststellens und der dauerhaften Form als Erkenntnismetapher.

Künstlerisches Dreieck

Das künstlerische Dreieck bietet eine gute Möglichkeit, Skulpturidentität zu prüfen.

Was hatte ich im Kopf?

Was habe ich tatsächlich hervorgebracht?

Was ist daraus geworden?

Übertragen auf Selbstidentität:

Welche Vorstellung habe ich von mir?

Wie handle ich aufgrund dieser Vorstellung?

Welche Folgen entstehen?

Stimmt das Ergebnis noch mit meiner Selbstbeschreibung überein?

Damit wird Identität nicht abstrakt psychologisiert.

Sie wird an Tätigkeit und Folge zurückgebunden.

Tätigkeitskonsequenz statt Wesensurteil

Hier liegt vielleicht die wichtigste Verschiebung.

Die Skulpturidentität fragt:

Was bin ich?

Die Forschungskunst ergänzt:

Was geschieht, wenn ich aufgrund dieser Selbstbeschreibung handle?

Damit wird das Wesen nicht vollständig geleugnet.

Die Aufmerksamkeit wird jedoch von der Feststellung auf die Konsequenz verschoben.

Das vorhandene Material verdichtet diese Bewegung bereits als Gegenüberstellung von:

„Das ist es“

und

„Was bewirkt es?“

Verantwortung wird dadurch konkreter

Diese Verschiebung besitzt einen weiteren Vorteil.

Eine Wesensdiskussion kann endlos werden.

Ist der Mensch gut?

Ist der Mensch egoistisch?

Ist der Mensch frei?

Ist der Mensch vernünftig?

Die Tätigkeitsprüfung kann konkreter werden.

Was tut ein bestimmter Mensch unter bestimmten Bedingungen?

Welche Folgen entstehen?

Welche Rückmeldung erhält er?

Verändert er daraufhin seine Tätigkeit?

Damit wird Identität nicht zur letzten Erklärung menschlichen Handelns.

Skulpturidentität und Zivilisationsfähigkeit

Auf gesellschaftlicher Ebene wird dieser Zusammenhang besonders wichtig.

Eine Zivilisation erzeugt Selbstbilder.

Modern.

Frei.

Demokratisch.

Fortschrittlich.

Wohlhabend.

Nachhaltig.

Wissenschaftlich.

Solche Selbstbeschreibungen können reale Leistungen benennen.

Sie können aber auch zu gesellschaftlichen Skulpturidentitäten werden.

Der entscheidende Test lautet:

Was geschieht, wenn die Tätigkeitsfolgen der Gesellschaft ihrer eigenen Selbstbeschreibung widersprechen?

Gesellschaftliche Skulpturidentität

Eine Gesellschaft kann sich beispielsweise als frei verstehen und gleichzeitig Strukturen erzeugen, die große Gruppen faktisch abhängig halten.

Sie kann sich als nachhaltig bezeichnen und zugleich ihre Tragbedingungen beschädigen.

Sie kann sich als wissensbasiert verstehen und bekannte Schädigungsmechanismen fortsetzen.

Das Problem ist nicht zuerst die Selbstbeschreibung.

Das Problem entsteht, wenn die Selbstbeschreibung stärker wird als die Rückmeldung ihrer Folgen.

Zivilisationsfähigkeit als Entskulpturalisierung

Zivilisationsfähigkeit bedeutet unter diesem Gesichtspunkt auch, gesellschaftliche Selbstbilder plastisch zu halten.

Eine zivilisationsfähige Ordnung müsste sagen können:

Unsere bisherige Selbstbeschreibung trägt an dieser Stelle nicht mehr.

Damit wird Korrektur nicht zum Verlust gesellschaftlicher Identität.

Sie wird zum Beweis ihrer Plastizität.

KI und Skulpturidentität

Auch Künstliche Intelligenz kann Skulpturidentitäten verstärken.

Sie kann Menschen kategorisieren.

Sie kann frühere Verhaltensdaten verwenden, um zukünftiges Verhalten vorherzusagen.

Damit besteht die Gefahr, dass Vergangenheit zur festen Identität wird.

Ein Mensch hat etwas getan.

Das System schließt:

So ist dieser Mensch.

Die Forschungskunst muss deshalb auch gegenüber algorithmischer Klassifikation fragen:

Wird hier ein veränderlicher Mensch aufgrund vergangener Daten festgestellt?

Personalisierung als digitale Skulptur

Digitale Profile können sich wie Skulpturen verhalten.

Interessen.

Kaufverhalten.

Politische Präferenzen.

Kreditwürdigkeit.

Risikoklassen.

Empfehlungssysteme.

Sie bilden Ausschnitte.

Diese Ausschnitte können später bestimmen, welche Möglichkeiten einer Person angeboten oder vorenthalten werden.

Damit kann eine statistische Zuschreibung reale Bedingungen erzeugen, die sie selbst wieder bestätigen.

Die digitale Skulptur wird handlungswirksam.

KI als Gegenwerkzeug

Gleichzeitig kann KI helfen, Skulpturidentität zu öffnen.

Sie kann unterschiedliche frühere Aussagen nebeneinanderstellen.

Sie kann zeigen, wie sich eine Position verändert hat.

Sie kann nach Ausnahmen fragen.

Sie kann Bedingungen sichtbar machen.

Sie kann den Satz „Ich bin …“ in Beziehungen zurückübersetzen.

Damit entscheidet wiederum nicht die Technik selbst.

Entscheidend ist, ob sie zur Feststellung oder zur Rückkopplung eingesetzt wird.

Globale Schwarm-Intelligenz und Identität

Auch eine Schwarmplattform muss verhindern, dass Menschen auf feste Profile reduziert werden.

Ein Prüfweg sollte deshalb nicht nur die aktuelle Position eines Menschen speichern.

Er sollte Veränderung sichtbar machen.

Was dachte jemand früher?

Welche Gegenbeobachtung trat auf?

Was änderte sich?

Damit wird der Mensch nicht durch seine letzte Antwort repräsentiert, sondern durch eine Geschichte korrigierbarer Prüfbewegungen.

Skulpturidentität und Tod des Zweifels

Die vollständig ausgeprägte Skulpturidentität wäre schließlich eine Form, in der Zweifel kaum noch möglich ist.

Nicht weil der Mensch objektiv alles weiß.

Sondern weil jede Gegeninformation bereits innerhalb der Identität verarbeitet wird.

Der Zweifel stirbt.

Damit stirbt die Membran.

Und mit der Membran verschwindet ein entscheidender Rückweg der Wirklichkeit.

Die zentrale Prüfungsfrage

Die wichtigste Frage der Skulpturidentität lautet deshalb:

Welche Beobachtung, Erfahrung oder Tätigkeitsfolge dürfte diese Selbst- oder Fremdbeschreibung noch verändern?

Wenn eine konkrete Antwort möglich ist, bleibt die Identität zumindest prinzipiell plastisch.

Wenn die Antwort lautet:

Nichts, weil diese Eigenschaft mein eigentliches Wesen bezeichnet,

muss besonders genau geprüft werden, wie diese Wesensbehauptung hergestellt wurde.

Verhältnis zum Lochprozess

Der Zusammenhang lässt sich nun präzise formulieren:

Der Lochprozess trennt Beziehungen ab. Die Skulpturidentität stabilisiert das entstandene Ausschnittswerk als Wesen.

Oder noch genauer:

Der Lochprozess macht Beziehungen unsichtbar; die Skulpturidentität macht die übriggebliebenen Eigenschaften identitätsbestimmend.

Verhältnis zur Membran

Die Membran bezeichnet die Gegenbewegung.

Sie erhält Identitätsgrenzen, lässt aber relevante Rückmeldungen hindurch.

Damit lautet die Formel:

Skulpturidentität ist Identität mit verhärteter Membran. Plastisches Ich ist Identität mit rückkopplungsfähiger Membran.

Verhältnis zu E1–E4

E1 erinnert daran, dass der menschliche Körper materielle Bedingungen besitzt.

E2 zeigt den lebendigen, verletzlichen, regulierenden und veränderlichen Organismus.

E3 erzeugt Namen, Rollen, gesellschaftliche Zuschreibungen und Identitätsformen.

E4 fragt, ob diese E3-Identitäten durch ihre tatsächlichen Folgen und durch die E1-/E2-Wirklichkeit korrigiert werden können.

Damit ist Skulpturidentität vor allem ein E3-Verfestigungsproblem bei gestörter E4-Rückkopplung.

Verhältnis zu 51:49

51:49 erinnert daran, dass eine minimale Differenz offenbleiben muss.

Auf Identität übertragen bedeutet dies nicht prozentuale Aufteilung.

Es bedeutet:

Eine Selbstbeschreibung darf Kontinuität besitzen, ohne vollständig geschlossen zu sein.

Eine kleine Öffnung für Widerspruch kann ausreichen, Veränderung wieder möglich zu machen.

Verhältnis zum Mitmachbuch

Das Mitmachbuch kann die Skulpturidentität zu einem praktischen Forschungsgegenstand machen.

Der Benutzer beginnt mit:

„Ich bin …“

Dann wird die Aussage untersucht.

Was davon ist körperlich feststellbar?

Was biografisch?

Was gesellschaftlich zuerkannt?

Was von anderen zugeschrieben?

Was selbst gewählt?

Welche Tätigkeiten folgen daraus?

Welche Erfahrung würde die Aussage verändern?

Damit wird die eigene Identität nicht zerstört.

Sie wird bearbeitbar gemacht.

Verhältnis zum So-Heits-Atelier

Im So-Heits-Atelier kann diese Bearbeitbarkeit räumlich sichtbar werden.

Die Skulptur.

Das Theater.

Der Astronaut.

Die Folien.

Die Schultafel.

Der Sandtrichter.

Sie bilden unterschiedliche Gegenüber.

Die Skulptur sagt:

„So ist es.“

Das Theater sagt:

„So wird es gespielt.“

Der Organismus sagt:

„So verändert es sich.“

Die Tätigkeit fragt:

„Was bewirkt es?“

Die Schultafel sagt:

„Es kann wieder verändert werden.“

Damit entsteht aus verschiedenen Kunstformen eine gemeinsame Identitätsprüfung.

Selbstprüfung des Begriffs Skulpturidentität

Auch der Begriff Skulpturidentität muss schließlich sich selbst prüfen.

Er darf nicht zu einem Etikett werden, mit dem andere Menschen klassifiziert werden.

Er darf nicht zur Behauptung führen:

„Ich bin plastisch, die anderen sind skulptural.“

Das wäre seine unmittelbarste Selbstwiderlegung.

Der Begriff ist nur dann tragfähig, wenn er zuerst auf eigene Begriffe, eigene Rollen und eigene Selbstbilder angewandt werden kann.

Auch meine Identität als Künstler, Forschungskünstler oder Begründer bestimmter Begriffe muss darunter fallen.

Kein neuer Dualismus zwischen Plastik und Skulptur

Besonders wichtig ist deshalb die letzte Abgrenzung.

Es gibt nicht eine Welt der guten Plastik und eine Welt der schlechten Skulptur.

Menschen benötigen stabile Formen und Veränderbarkeit zugleich.

Eine Identität, die sich sekündlich vollständig auflöste, wäre ebenso wenig tragfähig wie eine Identität, die keinerlei Veränderung zulässt.

Der eigentliche Maßstab lautet:

Wie viel Kontinuität benötigt eine Form, und wie viel Rückkopplung muss sie zulassen, damit sie unter veränderten Bedingungen tragfähig bleibt?

Damit führt Skulpturidentität wieder zur plastischen symmetria und zur Membran zurück.

Stellung innerhalb der Ankerstruktur

Skulpturidentität bleibt deshalb bewusst kein eigener Anker.

Sie ist ein zentraler Prüfbegriff innerhalb der bestehenden Architektur.

Der Werkanker zeigt, wie die Unterscheidung aus der bildhauerischen, darstellerischen und partizipatorischen Arbeit hervorgegangen ist.

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker stellt ihr den relationalen und zeitlichen Menschen gegenüber.

Der Prüfanker untersucht die Entstehung der Zuschreibungen.

Der Tätigkeitskonsequenzanker fragt nach den Wirkungen der Identität.

Der Verortungs-/Zeitanker macht ihre historische Veränderbarkeit sichtbar.

Der Foliengrammatikanker legt Rollen und Selbstbilder sichtbar über den lebendigen Träger.

Der Mitmachbuchanker macht die eigene Identitätsprüfung möglich.

Der So-Heits-Atelier-Anker organisiert die verschiedenen Gegenüber räumlich.

Der KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker kann Identitätsveränderungen über Zeit dokumentieren, darf sie aber nicht in feste digitale Profile zurückverwandeln.

Verdichtung der Skulpturidentität

Die Skulpturidentität lässt sich schließlich folgendermaßen zusammenfassen:

Der Mensch lebt nicht als vollständig festgestelltes Wesen, sondern als materieller, lebendiger, zeitlicher und relationaler Prozess innerhalb einer vorausliegenden Plexuswirklichkeit. Um sich selbst und andere orientieren zu können, erzeugt er jedoch Namen, Rollen, Kategorien, Eigenschaften, Zugehörigkeiten und biografische Selbstbilder. Diese Hervorbringungen sind notwendig und gesellschaftlich wirksam. Eine Skulpturidentität entsteht dort, wo eine solche vorläufige oder relationale Bestimmung ihren Herstellungscharakter verliert, als unveränderliche Wesenseigenschaft behandelt und gegenüber widersprechenden Erfahrungen zunehmend immunisiert wird. Aus einer Rolle wird die Person, aus einer Tätigkeit ein Charakter, aus einer gesellschaftlichen Geltung ein Wesen und aus einer gegenwärtigen Selbstbeschreibung eine scheinbar zeitlose Identität.

Die kürzeste Formel lautet:

Skulpturidentität ist die Verwandlung einer veränderbaren Beziehung in ein festgestelltes Wesen.

Im Verhältnis zum plastischen Ich:

Die Skulpturidentität sagt: „So bin ich.“ Das plastische Ich fragt: „Wodurch bin ich so geworden, wodurch bestehe ich, und was kann mich verändern?“

Im Verhältnis zur Rolle:

Skulpturidentität beginnt dort, wo der Darsteller vergisst, dass die Rolle eine Rolle ist.

Im Verhältnis zum Lochprozess:

Die Beziehung wird unsichtbar, während die Eigenschaft sichtbar bleibt; die Eigenschaft wird schließlich zur Identität.

Im Verhältnis zur Membran:

Skulpturidentität entsteht, wenn die Identitätsmembran für relevante Rückmeldungen zur Mauer wird.

Im Verhältnis zu E4:

Die entscheidende Prüfung lautet, ob Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen die Selbst- oder Fremdbeschreibung wieder verändern dürfen.

Im Verhältnis zur Freiheit:

Freiheit besteht nicht nur darin, eine Rolle wählen zu können, sondern auch darin, eine eigene Rolle und Selbstbeschreibung aufgrund ihrer wirklichen Folgen wieder verändern oder verlassen zu können.

Im Verhältnis zur Gesellschaft:

Auch Institutionen, Nationen, Wissenschaften und Zivilisationen können Skulpturidentitäten hervorbringen, wenn ihre Selbstbeschreibungen stärker werden als die Rückmeldungen ihrer tatsächlichen Tätigkeitsfolgen.

Und im Verhältnis zur Forschungskunst:

Forschungskunst versucht nicht, Identität abzuschaffen. Sie versucht, Identität wieder vom Monument zum Werkstück zu machen.

Damit lautet die zentrale Prüfungsfrage der Skulpturidentität:

Welche Beziehung, Erfahrung oder Konsequenz darf dasjenige, was ich über mich, einen anderen Menschen oder eine gesellschaftliche Ordnung als „so seiend“ festgestellt habe, noch verändern?

Wenn eine solche Rückmeldung eintreten darf, bleibt die Form plastisch.

Wenn keine Rückmeldung mehr etwas verändern kann, ist aus einer notwendigen Selbst- oder Weltbeschreibung eine Skulptur geworden.

Die Aufgabe der Forschungskunst besteht deshalb nicht darin, diese Skulptur einfach zu zerstören.

Sie besteht darin, ihre Herstellung sichtbar zu machen, ihre ausgeschlossenen Beziehungen zurückzuholen und sie wieder in einen bearbeitbaren Zustand zu versetzen.

Die entscheidende Schärfung ist damit: Skulpturidentität darf niemals zu einer Bezeichnung für einen Menschentyp werden. Sonst würde der Begriff selbst genau das tun, was er kritisiert. Er bezeichnet eine Fixierungsbewegung, die bei Personen, Rollen, Institutionen, Begriffen und auch im eigenen künstlerischen Selbstbild auftreten kann. Gerade das Theater liefert dafür Ihr präzisestes Gegenbild: Eine Rolle ist real wirksam, aber der Darsteller muss nicht mit ihr identisch sein.

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Das plastische Ich sollte jetzt noch deutlicher als positiver Gegenbegriff ausgearbeitet werden, ohne daraus ein neues Idealwesen zu machen. Es bezeichnet weder eine psychologische Persönlichkeitstheorie noch die Behauptung, der Mensch könne beliebig geformt werden. Gemeint ist der lebende, zeitliche, verletzbare, abhängige und zugleich handlungsfähige Mensch, dessen relative Identität sich gerade durch fortlaufenden Stoffwechsel, Regulation, Erfahrung und Veränderung erhält. Das vorhandene Material formuliert dafür bereits den entscheidenden Kern: Das plastische Ich ist kein fertiges Subjekt, das nachträglich Beziehungen eingeht; es entsteht innerhalb der Plexuswirklichkeit und besteht nicht trotz seiner Veränderungen, sondern durch seine fortgesetzte Veränderung und Rückkopplung.

Das plastische Ich

Identität durch Veränderung, Beziehung und Rückkopplung

Der lebende Mensch als zeitlicher, verletzbarer und mitwirkender Prozess innerhalb der Plexuswirklichkeit

Funktion des Begriffs „plastisches Ich“

Der Begriff plastisches Ich bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst den Menschen nicht als ein bereits abgeschlossenes, in sich selbst ruhendes Wesen, das erst nachträglich Beziehungen zu einer außerhalb seiner selbst gelegenen Welt aufnimmt. Das plastische Ich bezeichnet vielmehr einen lebenden, zeitlichen, materiellen und relationalen Zusammenhang, der innerhalb einer ihm vorausliegenden Wirklichkeit entsteht, sich in ihr erhält, durch sie verändert wird und sie zugleich durch seine eigenen Tätigkeiten verändert.

Damit richtet sich der Begriff gegen eine bestimmte Verfestigung des menschlichen Selbstbildes, nicht gegen Identität überhaupt.

Der Mensch besitzt Kontinuität.

Er kann sich erinnern.

Er kann sich selbst wiedererkennen.

Er besitzt eine Biografie.

Er übernimmt Rollen.

Er entwickelt Vorstellungen von sich selbst.

Er handelt mit einer gewissen Beständigkeit.

Aber diese Identität besteht nicht außerhalb des körperlichen, zeitlichen und relationalen Geschehens.

Sie wird in ihm fortlaufend hervorgebracht.

Die zentrale Aussage des plastischen Ichs lautet deshalb:

Der Mensch bleibt nicht derselbe, indem er unverändert bleibt. Er kann derselbe bleiben, indem er sich fortwährend verändert.

Damit wird Identität nicht abgeschafft.

Sie wird von der Vorstellung einer unveränderlichen Skulptur in die Vorstellung eines plastischen Fortbestands überführt.

Kein psychologischer oder biologischer Fachbegriff

Für eine wissenschaftlich verantwortliche Verwendung muss der Status des Begriffs eindeutig bleiben.

Das plastische Ich ist ein werkinterner Begriff meiner Forschungskunst.

Es handelt sich weder um eine anerkannte psychologische Persönlichkeitskategorie noch um eine biologische Fachbezeichnung. Ebenso wenig soll behauptet werden, eine bestimmte naturwissenschaftliche Theorie beweise das gesamte Konzept.

Der Begriff verbindet beobachtbare Merkmale lebender menschlicher Existenz – Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit, Alterung, Lernen und Abhängigkeit – mit einer künstlerisch-philosophischen Prüfbewegung.

Sein Zweck ist nicht, das „wahre Wesen des Menschen“ endgültig zu definieren.

Gerade eine solche endgültige Wesensdefinition würde Gefahr laufen, selbst wieder eine Skulpturidentität hervorzubringen.

Der Begriff soll vielmehr eine andere Frage eröffnen:

Was geschieht mit unserem Verständnis vom Ich, wenn wir nicht mit seiner behaupteten Unveränderlichkeit beginnen, sondern mit den Bedingungen, unter denen ein lebender Mensch tatsächlich fortbesteht?

Der Ausgangspunkt liegt vor dem Ich-Begriff

Das plastische Ich beginnt deshalb methodisch nicht beim Satz:

„Ich bin.“

Es beginnt früher.

Bevor ein Mensch „Ich“ sagen kann, findet bereits etwas statt.

Ein Organismus ist entstanden.

Er wurde getragen.

Er hat Stoffe aufgenommen.

Er war abhängig von Temperatur, Wasser, Sauerstoff und anderen Organismen.

Sein Nervensystem entwickelte sich.

Er trat in Beziehungen zu anderen Menschen ein.

Er lernte Sprache.

Er lernte seinen Namen.

Er lernte gesellschaftliche Kategorien.

Er lernte schließlich, sich selbst als „Ich“ zu bezeichnen.

Damit ist das Ich nicht der voraussetzungslose Ausgangspunkt des gesamten Wirklichkeitszusammenhangs.

Es entsteht innerhalb eines Geschehens, das ihm zeitlich, materiell und relational vorausliegt.

Das vorhandene Arbeitsmaterial bestimmt den Menschen deshalb ausdrücklich nicht als fertiges Subjekt, das einen Raum wie ein Bewohner ein Haus betritt, sondern als zeitweiligen, lokalen und plastischen Zusammenhang innerhalb einer ihn durchdringenden Plexuswirklichkeit.

Das plastische Ich innerhalb der Plexuswirklichkeit

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker bildet daher die notwendige Grundlage des plastischen Ichs.

Der Mensch befindet sich innerhalb von Atmosphäre, Gravitation, Wasser, Stoffen, Temperaturbedingungen, anderen Organismen, technischen Infrastrukturen und sozialen Beziehungen.

Er steht diesen Bedingungen nicht als vollständig unabhängige Einheit gegenüber.

Er ist in sie hineingeboren.

Sie wirken auf ihn.

Er wirkt auf sie zurück.

Damit ist das plastische Ich kein Punkt im Plexus.

Es ist selbst ein lokaler Beziehungsknoten innerhalb des Plexus.

Diese Formulierung darf allerdings nicht dazu führen, die Eigenständigkeit des Menschen aufzulösen.

Der Mensch besitzt eine relative Form.

Er besitzt einen Körper.

Er besitzt eine Geschichte.

Er kann Entscheidungen treffen.

Er kann Widerstand leisten.

Er kann etwas hervorbringen.

Plexus bedeutet nicht unterschiedslose Verschmelzung.

Das plastische Ich ist daher weder vollständig autonom noch vollständig aufgelöst.

Es ist relativ eigenständig innerhalb fortbestehender Abhängigkeiten.

Identität innerhalb von Abhängigkeit

Damit berührt der Begriff eine der zentralen Paradoxien menschlicher Selbstbeschreibung.

Der Mensch kann sich als autonom erleben.

Er kann selbst entscheiden.

Er kann planen.

Er kann etwas ablehnen.

Er kann einen Ort verlassen.

Er kann gesellschaftliche Regeln verändern.

Gleichzeitig kann er nicht entscheiden, grundsätzlich ohne Sauerstoff, Wasser, Temperaturregulation oder Stoffwechsel zu leben.

Diese Abhängigkeit hebt seine Handlungsmöglichkeiten nicht auf.

Aber sie setzt ihnen Bedingungen.

Das plastische Ich verbindet deshalb zwei Aussagen, die nicht gegeneinander ausgespielt werden dürfen:

Der Mensch ist handlungsfähig.

Und:

Der Mensch ist abhängig.

Freiheit und Abhängigkeit bilden damit nicht notwendig einen absoluten Gegensatz.

Die eigentliche Frage lautet:

Welche Handlungsmöglichkeiten besitzt ein Mensch innerhalb der Beziehungen, von denen sein eigenes Fortbestehen abhängt?

Stoffwechsel als elementare Plastizität

Der Stoffwechsel macht diese Struktur besonders deutlich.

Ein lebender Mensch kann nicht dadurch bestehen, dass er dieselbe materielle Zusammensetzung unverändert konserviert.

Er nimmt Stoffe auf.

Er verarbeitet sie.

Er gibt Stoffe ab.

Er atmet.

Er trinkt.

Er isst.

Er scheidet aus.

Er tauscht Wärme mit seiner Umgebung aus.

Das bedeutet:

Die materielle Grenze des lebenden Menschen ist keine absolute Besitzgrenze.

Was heute Teil des Körpers ist, stammt aus Beziehungen zu einer Umwelt.

Was der Körper abgibt, wird wieder Teil anderer Wirkungszusammenhänge.

Damit wird die Vorstellung eines vollständig abgeschlossenen, sich selbst besitzenden Ichs bereits auf E1 und E2 problematisch.

Der Mensch besitzt seinen Stoff nicht dauerhaft

Die Eigentumsgrammatik lässt sich deshalb nicht ohne weiteres auf den lebenden Organismus übertragen.

Der Satz:

„Mein Körper gehört mir“

besitzt eine wichtige rechtliche und gesellschaftliche Bedeutung, etwa im Zusammenhang mit Selbstbestimmung und Schutz vor fremder Verfügung.

Das plastische Ich stellt diese Rechte nicht infrage.

Es fragt jedoch zusätzlich:

Welche Wirklichkeitsweise bezeichnet das Wort „gehören“ hier?

Der lebende Körper besteht aus Stoffen, die aufgenommen, umgebaut und wieder abgegeben werden.

Er ist daher nicht im gleichen Sinn Eigentum wie ein Gegenstand innerhalb einer gesellschaftlichen Eigentumsordnung.

Die Forschungskunst muss diese beiden Ebenen auseinanderhalten.

E1 und das plastische Ich

E1 zeigt zunächst den materiellen Menschen.

Masse.

Kraft.

Temperatur.

Stoff.

Druck.

Bewegung.

Materialgrenzen.

Der menschliche Körper kann fallen.

Er kann sich verletzen.

Er benötigt bestimmte physikalische Bedingungen.

Diese E1-Beschreibung erfasst jedoch noch nicht das gesamte plastische Ich.

Ein lebender Mensch ist nicht einfach eine bestimmte Masse mit geometrischer Form.

Damit beginnt E2.

E2 als zentraler Wirkungsbereich des plastischen Ichs

E2 besitzt für den Begriff des plastischen Ichs eine besondere Bedeutung.

Hier treten Stoffwechsel, Regulation, Verletzbarkeit, Regeneration, Entwicklung, Alterung und Abhängigkeit in den Vordergrund.

Das vorhandene Material beschreibt den Organismus entsprechend als einen Zusammenhang, der Stoffe aufnimmt und abgibt, auf Temperatur reagiert, Sauerstoff benötigt, altert, lernt, verletzt wird und sich regeneriert. Seine Identität besteht nicht trotz dieser Veränderungen, sondern durch die fortgesetzte Fähigkeit, sich innerhalb wechselnder Bedingungen zu erhalten und anzupassen.

Damit wird E2 zur wichtigen Wirklichkeitsgrundlage des Begriffes.

Das plastische Ich ist jedoch nicht mit E2 identisch.

Denn der menschliche Organismus erzeugt zusätzlich Sprache, Selbstbilder, gesellschaftliche Rollen und kulturelle Ordnungen.

Damit tritt E3 hinzu.

Plastizität bedeutet nicht beliebige Formbarkeit

Der Begriff „plastisch“ darf dabei nicht so verstanden werden, als sei der Mensch beliebig formbar.

Ein Material besitzt Widerstand.

Ein Organismus besitzt Grenzen.

Bestimmte Verletzungen können irreversibel sein.

Alterung lässt sich nicht beliebig umkehren.

Bestimmte Umweltbedingungen sind mit menschlichem Leben nicht vereinbar.

Auch Lernen besitzt Grenzen.

Das plastische Ich ist deshalb keine grenzenlos formbare Masse.

Seine Plastizität besteht gerade innerhalb konkreter Trag- und Verletzungsbedingungen.

Das ist entscheidend.

Plastizität ohne Widerstand wäre keine wirkliche Plastik.

Widerstand gehört zur Plastizität

Die bildhauerische Herkunft des Begriffes macht dies besonders anschaulich.

Wer plastisch arbeitet, verfügt nicht einfach souverän über Material.

Das Material antwortet.

Ton verhält sich anders als Stein.

Metall anders als Holz.

Eine bestimmte Verbindung trägt oder versagt.

Damit besteht plastische Arbeit immer aus einem Verhältnis zwischen Vorstellung, Tätigkeit und Gegenüber.

Übertragen auf den Menschen bedeutet dies:

Das plastische Ich verändert sich nicht ausschließlich nach eigenem Willen.

Es verändert sich durch eigene Tätigkeit und durch dasjenige, was ihm widerfährt.

Verletzbarkeit

Verletzbarkeit gehört deshalb notwendig zum plastischen Ich.

Ein Wesen, das durch nichts verletzt werden könnte, müsste auf bestimmte Beziehungen nicht reagieren.

Der lebende Organismus dagegen besitzt Belastungsgrenzen.

Verletzung zeigt, dass eine Beziehung oder Einwirkung den bisherigen Regulationsbereich überschritten hat.

Damit wird Verletzbarkeit nicht zu einer bloßen Schwäche.

Sie ist zugleich eine Form der Wirklichkeitsbeziehung.

Weil der Mensch verletzbar ist, kann die Wirklichkeit ihm widersprechen.

Verletzung ist keine automatische Wahrheit

Auch hier ist jedoch wissenschaftliche Vorsicht notwendig.

Nicht jede Verletzung liefert automatisch eine vollständige Erklärung ihrer Ursache.

Nicht jedes unangenehme Erleben beweist, dass eine gesellschaftliche Regel falsch ist.

Verletzungsfolgen müssen untersucht, kausal eingeordnet und verortet werden.

Aber sie dürfen nicht deshalb aus dem Prüfprozess ausgeschlossen werden, weil eine gesellschaftliche Ordnung sie nicht vorgesehen hat.

Das plastische Ich bringt die Verletzbarkeit des Menschen als Einspruchsinstanz gegen ausschließlich symbolische Selbstbeschreibungen zurück.

Regeneration

Verletzbarkeit besitzt ein Gegenstück: Regeneration.

Ein lebender Organismus kann auf bestimmte Veränderungen antworten.

Wunden können heilen.

Regulationsprozesse können ein neues Gleichgewicht herstellen.

Lernprozesse können Verhalten verändern.

Damit zeigt Regeneration:

Identität kann durch Reparatur fortgesetzt werden.

Der Mensch muss nach einer Veränderung nicht zum exakt vorherigen Zustand zurückkehren, um weiterhin derselbe Mensch zu sein.

Gerade darin liegt eine tiefere Plastizität.

Identität nach der Veränderung

Ein plastisches Ich kehrt deshalb nach einer Verletzung oder Erfahrung nicht notwendig zu einem unveränderten Ausgangspunkt zurück.

Es kann verändert weiterbestehen.

Damit unterscheidet sich Rückkopplung von bloßer Wiederherstellung.

Das neue Verhältnis kann ein anderes sein als zuvor.

Die Forschungskunst kann dies mit der Plastik vergleichen:

Eine Korrektur führt nicht notwendig zur ursprünglichen Form.

Sie kann eine neue Form hervorbringen.

Zeitlichkeit

Das plastische Ich ist deshalb grundsätzlich zeitlich.

Es besitzt keine Identität außerhalb der Zeit.

Ein Mensch wird geboren.

Er wächst.

Er altert.

Er lernt.

Er sammelt Erfahrungen.

Er verliert Fähigkeiten.

Er entwickelt andere.

Er verändert Beziehungen.

Er wird verletzt.

Er heilt teilweise.

Er erinnert.

Er vergisst.

Damit ist das „Ich“ immer auch ein gewordenes Ich.

„Ich bin“ und „Ich werde“

Die Aussage:

„Ich bin“

muss deshalb nicht verworfen werden.

Aber sie wird durch eine zweite Aussage ergänzt:

„Ich werde.“

Und noch genauer:

„Ich werde innerhalb von Bedingungen und aufgrund von Beziehungen und Tätigkeiten.“

Das plastische Ich verbindet Sein und Werden, ohne sie zu einem neuen Gegensatz zu machen.

In jedem Augenblick besitzt der Mensch eine konkrete Form.

Aber diese Form trägt bereits eine Geschichte und zukünftige Veränderungsmöglichkeiten in sich.

Der Augenblick

Der Augenblick erhält dadurch eine besondere Bedeutung.

Vergangenes hat den gegenwärtigen Zustand mit hervorgebracht.

Zukunft ist noch nicht eingetreten.

Im gegenwärtigen Augenblick wird gehandelt.

Der Mensch trifft Entscheidungen.

Er begegnet Widerstand.

Neue Folgen entstehen.

Damit ist der Augenblick diejenige Zeitstelle, an der das plastische Ich seine weitere Form mit hervorbringt.

Es ist weder vollkommen frei von der Vergangenheit noch vollständig durch sie festgelegt.

Biografie

Aus dieser Sicht ist Biografie keine feste Identitätserzählung.

Sie ist die zeitliche Spur eines plastischen Prozesses.

Frühere Zustände gehören zum Menschen.

Sie müssen aber nicht sämtliche späteren Möglichkeiten bestimmen.

Ein Mensch kann eine frühere Überzeugung verändern.

Er kann einen Beruf wechseln.

Eine Rolle verlieren.

Eine Beziehung neu bestimmen.

Ein früherer Fehler kann Teil der Biografie bleiben, ohne zum ewigen Wesensmerkmal zu werden.

Damit widerspricht das plastische Ich der Vorstellung:

„Einmal so, immer so.“

Erinnerung

Erinnerung gehört dennoch zur Kontinuität des plastischen Ichs.

Ohne Erinnerung wäre biografische Selbstbeziehung stark eingeschränkt.

Aber Erinnerung ist kein unveränderliches Archiv.

Menschen ordnen Erinnerungen neu.

Neue Dokumente können frühere Selbstbilder korrigieren.

Andere Menschen erinnern dieselben Ereignisse anders.

Damit muss auch Erinnerung membranartig bleiben.

Das Archiv als Gegenüber des plastischen Ichs

Für meine eigene Forschungskunst erhält das Archiv deshalb eine besondere Funktion.

Es bewahrt nicht nur das vergangene Werk.

Es kann der heutigen Erinnerung widersprechen.

Ein früher Text zeigt vielleicht, dass ich eine Sache damals anders formulierte.

Eine Fotografie kann meine heutige Erinnerung präzisieren.

Eine Bewerbung kann zeigen, wann ein Begriff tatsächlich auftauchte.

Das Archiv wird dadurch zu einem Gegenüber der gegenwärtigen Selbstidentität.

Es schützt das plastische Ich vor der nachträglichen Skulpturalisierung der eigenen Biografie.

Das plastische Ich besitzt Geschichte, aber keine festgeschriebene Geschichte

Damit entsteht eine wichtige Differenz:

Geschichte ist nicht dasselbe wie Schicksal.

Das Gewordensein setzt Bedingungen.

Aber es muss nicht sämtliche zukünftigen Formen bestimmen.

Das plastische Ich besitzt eine Vergangenheit.

Es ist nicht vollständig an die Wiederholung dieser Vergangenheit gebunden.

Das plastische Ich und die Membran

Die Membran bildet eines der wichtigsten Modelle des plastischen Ichs.

Der menschliche Organismus besitzt Grenzen.

Aber diese Grenzen ermöglichen Austausch.

Sie schließen nicht vollständig ab.

Damit lässt sich Identität genauer beschreiben:

Das plastische Ich besitzt relative Eigenständigkeit durch membranartig organisierte Beziehungen.

Die Membran grenzt ab.

Sie schützt.

Sie lässt bestimmte Wirkungen eintreten.

Sie hält andere zurück.

Sie reagiert.

Sie verändert ihre Regulation.

Damit wird der Mensch weder zur isolierten Einheit noch zur unterschiedslosen Auflösung im Ganzen.

Die Haut ist nicht die Grenze aller Beziehungen

Die Körperhaut besitzt eine reale körperliche Grenzfunktion.

Aber nicht sämtliche Beziehungen des Menschen enden dort.

Der Mensch ist abhängig von Sprache.

Von anderen Menschen.

Von gesellschaftlichen Infrastrukturen.

Von Nahrungsketten.

Von Energie.

Von Wissen.

Von Werkzeugen.

Von medizinischen und technischen Systemen.

Damit reicht die relationale Existenz des Menschen über seine körperliche Oberfläche hinaus.

Das bedeutet nicht, der Mensch besitze einen metaphysisch grenzenlosen Körper.

Es bedeutet:

Die Grenze des Organismus ist nicht identisch mit der Grenze sämtlicher Bedingungen seiner Existenz.

Plastisches Ich und So-Heits-Raum

Hier verbindet sich das plastische Ich unmittelbar mit dem So-Heits-Raum.

Der Mensch befindet sich nicht wie ein unabhängiges Objekt in einem äußeren Behälter.

Er ist selbst ein lokaler Prozess innerhalb des Plexusraumes.

Das vorhandene Material formuliert dies besonders präzise: Der Mensch wohnt der Wirklichkeit nicht gegenüber und auch nicht lediglich innerhalb eines äußeren Behälters; er ist selbst ein zeitweiliger, lokaler und plastischer Zusammenhang innerhalb einer ihn durchdringenden Plexuswirklichkeit.

Damit wird das „Innenwohnen“ neu bestimmt.

Der Mensch wohnt nicht bloß in der Wirklichkeit.

Er vollzieht sich innerhalb ihrer Beziehungen.

Das plastische Ich ist kein abgeschlossenes Subjekt

Damit unterscheidet sich das Konzept von einem Modell, in dem zuerst ein vollständig bestehendes Subjekt angenommen wird, das anschließend eine Außenwelt wahrnimmt.

Die Forschungskunst beginnt anders.

Ein Organismus entsteht innerhalb von Beziehungen.

Er entwickelt Wahrnehmung.

Er entwickelt Begriffe.

Er bildet Selbstbilder.

Dann kann er sich selbst als Subjekt gegenüber einer Objektwelt auffassen.

Diese Subjekt-Objekt-Struktur kann für viele Tätigkeiten nützlich sein.

Sie darf jedoch nicht vergessen lassen, dass auch der wahrnehmende Mensch innerhalb des untersuchten Wirkungszusammenhangs bleibt.

Gegenüber statt Außenwelt

Das plastische Ich benötigt trotzdem ein Gegenüber.

Ohne Unterschied gäbe es kaum Lernen.

Das Material muss widersprechen können.

Der andere Mensch muss anders sein dürfen.

Eine Beobachtung muss eine Erwartung enttäuschen können.

Der Gegensatz lautet deshalb nicht:

Subjekt oder Beziehung.

Sondern:

Gegenüber innerhalb von Beziehung.

Damit fügt sich das plastische Ich in die 51:49-Struktur ein.

51:49 und das plastische Ich

51:49 ist kein biologisches Verhältnis des Menschen.

Es dient als künstlerisches Modell minimaler Asymmetrie.

Auf das plastische Ich übertragen bedeutet dies:

Identität benötigt Kontinuität und Differenz zugleich.

Wäre alles in jedem Augenblick vollkommen identisch, gäbe es keine Entwicklung.

Würde dagegen sämtliche Kontinuität verschwinden, könnte kaum noch von derselben Person gesprochen werden.

51:49 erinnert an eine bewegliche Identität zwischen Wiedererkennbarkeit und Veränderung.

49:51

Die mögliche Umkehrung zu 49:51 ist dabei besonders wichtig.

Das plastische Ich besitzt keine dauerhaft festgelegte Dominanz eines einzigen Merkmals.

Eine Eigenschaft, Rolle oder Fähigkeit kann zeitweise besonders bestimmend sein und später in den Hintergrund treten.

Ein Mensch kann lernen.

Er kann Prioritäten verändern.

Er kann unter anderen Bedingungen anders handeln.

Identität besitzt dadurch Richtungen, aber keine notwendige ewige Rangordnung ihrer Bestandteile.

Plastisches Ich und Skulpturidentität

Die Skulpturidentität bildet die wichtigste Gegenfolie.

Sie behandelt den Menschen, als besitze er feststehende Eigenschaften, aus denen sein Wesen hervorgehe.

Das plastische Ich fragt dagegen:

Wodurch besteht dieser Mensch tatsächlich?

Welche Beziehungen tragen ihn?

Welche Erfahrungen haben ihn verändert?

Welche Rolle ist gesellschaftlich zuerkannt?

Welche Eigenschaft wurde gemessen?

Welche wurde hineingedacht?

Welche Tätigkeit kann seine gegenwärtige Form verändern?

Das vorhandene Material hält diese Differenz ausdrücklich fest und grenzt gesellschaftliche Zuschreibungen wie Eigentum, Geld, Status, Staatsangehörigkeit oder Rolle von materiellen und lebendigen Eigenschaften ab.

Kein neuer Dualismus

Aber plastisches Ich und Skulpturidentität dürfen nicht zu einem neuen 50:50-Gegensatz werden.

Es gibt nicht zwei Arten von Menschen.

Hier die plastischen Menschen.

Dort die skulpturalen Menschen.

Jeder Mensch benötigt stabile Selbstbeschreibungen.

Jeder Mensch kann bestimmte Rollen stark verfestigen.

In manchen Bereichen kann eine Person hochgradig lernfähig sein und in anderen sehr wenig korrigierbar.

Die Begriffe beschreiben daher unterschiedliche Modi der Identitätsbildung, nicht zwei Menschengattungen.

Die Skulpturidentität ist eine Hervorbringung des plastischen Ichs

Noch wichtiger ist eine tiefere Beziehung:

Die Skulpturidentität wird gerade vom plastischen Ich hervorgebracht.

Der lebende Mensch lernt Sprache.

Er entwickelt Begriffe.

Er übernimmt Rollen.

Er erzeugt gesellschaftliche Ordnung.

Er stellt sich selbst vor.

Er fertigt ein Bild seiner selbst an.

Dann kann dieses Bild beginnen, denjenigen Menschen zu bestimmen, der es hervorgebracht hat.

Das plastische Ich schafft seine eigene Skulpturidentität.

Damit wird das Verhältnis zirkulär.

Der Mensch wird von seinem eigenen Werk geformt

Hier verbindet sich das plastische Ich mit dem Menschenkunstwerk.

Der Mensch gestaltet Sprache, Eigentum, Institutionen, technische Systeme, Rollen und Wertordnungen.

Danach lebt er innerhalb dieser Hervorbringungen.

Sie wirken auf ihn zurück.

Damit ist der Mensch nicht nur Gestalter des Menschenkunstwerks.

Er wird durch dieses Werk selbst gestaltet.

Das plastische Ich ist deshalb auch plastisch gegenüber seinen eigenen Hervorbringungen.

Plastizität kann manipuliert werden

Dieser Punkt ist wichtig, weil Plastizität nicht automatisch positiv ist.

Wenn ein Mensch veränderbar ist, kann er lernen.

Er kann aber auch konditioniert, manipuliert oder durch Belohnungssysteme geformt werden.

Werbung.

Statusordnungen.

Angst.

Propaganda.

Algorithmen.

Gruppendruck.

Institutionelle Routinen.

Sie können auf plastische Menschen einwirken.

Deshalb darf Plastizität nicht romantisiert werden.

Plastizität braucht Prüfvermögen

Das plastische Ich ist deshalb nicht einfach das leicht veränderbare Ich.

Seine entscheidende Qualität liegt in rückgekoppelter Veränderungsfähigkeit.

Es muss Unterschiede wahrnehmen.

Es muss Gegenüber zulassen.

Es muss Folgen prüfen.

Es muss eigene Veränderungen wiederum beurteilen können.

Sonst wäre Plastizität bloße Formbarkeit durch fremde Kräfte.

Die Forschungskunst verbindet Plastizität deshalb mit Urteil, Zweifel und E4.

Lernen

Lernen ist eine zentrale Form der Plastizität.

Eine Erfahrung tritt auf.

Sie stimmt nicht vollständig mit der bisherigen Erwartung überein.

Der Mensch reagiert.

Er verändert seine Vorstellung, sein Können oder seine Tätigkeit.

Damit ist Lernen ein Rückkopplungsprozess.

Das plastische Ich kann deshalb sagen:

Ich muss nicht verlieren, wenn ich meine Meinung ändere. Ich kann durch die Veränderung meiner Vorstellung tragfähiger werden.

Fehler

Damit verändert sich auch der Begriff des Fehlers.

Für eine Skulpturidentität kann ein Fehler eine Bedrohung sein.

Er widerspricht dem Bild:

„Ich bin kompetent.“

„Ich habe recht.“

„Ich bin erfolgreich.“

Für das plastische Ich kann der Fehler eine Rückmeldung sein.

Die entscheidende Frage lautet:

Was zeigt mir das Scheitern über meine gegenwärtige Form?

Damit kehrt die handwerkliche Erfahrung zurück.

Handwerkliche Herkunft

Der Maschinenschlosser arbeitet nicht erfolgreich, indem er behauptet, eine Verbindung müsse halten.

Die Verbindung antwortet.

Eine Bohrung passt oder passt nicht.

Ein Maß stimmt oder stimmt nicht.

Ein Werkstück verformt sich.

Das plastische Ich verallgemeinert diese Erfahrung auf die eigene Vorstellung:

Auch mein Selbstbild muss ein Gegenüber besitzen, das widersprechen darf.

Das künstlerische Dreieck

Das künstlerische Dreieck kann diesen Vorgang sichtbar machen.

Im Kopf entsteht eine Vorstellung.

Die Hände setzen sie in Tätigkeit um.

Ein Werk entsteht.

Das Werk antwortet.

Übertragen auf das plastische Ich:

Ich habe eine Vorstellung von mir.

Ich handle aufgrund dieser Vorstellung.

Eine Konsequenz entsteht.

Diese Konsequenz kann meine Vorstellung von mir verändern.

Damit wird Identität selbst Teil des künstlerischen Prüfprozesses.

Tätigkeit statt Wesensfixierung

Das plastische Ich verschiebt die zentrale Frage deshalb vom Wesen zur Tätigkeit.

Nicht nur:

„Wer bin ich?“

Sondern:

„Was tue ich aufgrund dessen, was ich glaube zu sein?“

und:

„Was geschieht dadurch?“

Damit wird Identität an Tätigkeitskonsequenzen angeschlossen.

Freiheit des plastischen Ichs

Freiheit erhält dadurch eine spezifische Bedeutung.

Das plastische Ich ist nicht frei, weil es von allen Bedingungen unabhängig wäre.

Eine solche Freiheit wäre mit seiner lebendigen Existenz kaum vereinbar.

Freiheit bedeutet vielmehr, innerhalb bestimmter Bedingungen Handlungsmöglichkeiten erkennen, auswählen und verändern zu können.

Dazu gehört auch die Fähigkeit, eine eigene frühere Entscheidung zu korrigieren.

Freiheit als Korrigierbarkeit

Eine besonders wichtige Form von Freiheit könnte deshalb darin liegen, nicht vollständig an die eigene frühere Selbstbeschreibung gebunden zu bleiben.

Ein Mensch kann sagen:

„So habe ich gedacht.“

„So habe ich gehandelt.“

„Das waren die Folgen.“

„Deshalb verändere ich meine Auffassung.“

Diese Bewegung ist kein Identitätsverlust.

Sie ist plastische Freiheit.

Freiheit und Verantwortung

Gleichzeitig ist Freiheit nicht von Konsequenzen lösbar.

Das plastische Ich greift handelnd in einen Zusammenhang ein.

Seine Tätigkeit verändert Bedingungen für sich und andere.

Damit entsteht Verantwortung.

Je größer der Handlungsspielraum, desto wichtiger wird die Frage, welche Folgen dadurch erzeugt werden.

Die Freiheit des plastischen Ichs ist deshalb keine folgenlose Freiheit.

Verantwortung ohne totale Kontrolle

Auch hier muss die Gegenposition vermieden werden.

Ein Mensch kontrolliert niemals sämtliche Konsequenzen seines Handelns.

Das plastische Ich ist selbst in komplexe Abhängigkeiten eingebunden.

Verantwortung kann deshalb nicht bedeuten, dass jeder Mensch für sämtliche Folgen des Menschenkunstwerks persönlich verantwortlich wäre.

Sie bedeutet zunächst:

Welche Folgen meiner Tätigkeit sind erkennbar, welche Handlungsmöglichkeiten besitze ich und welche Rückmeldung darf mein weiteres Handeln verändern?

Plastisches Ich und Eigentum

Eigentum bildet eine besonders interessante E3-Beziehung.

Ein Mensch kann Eigentümer sein.

Diese Rolle besitzt reale rechtliche Konsequenzen.

Das plastische Ich fragt jedoch:

Was geschieht, wenn diese Rolle zum Hauptbestandteil meiner Selbstidentität wird?

Besitz kann dann nicht nur eine Beziehung zu einem Gegenstand sein.

Er kann eine Identitätsstütze werden.

Verlust des Gegenstandes wird zum Verlust des Selbstbildes.

Damit wird Eigentum zur möglichen Skulpturierung des plastischen Ichs.

„Ich besitze mich selbst“

Der Satz „Ich besitze mich selbst“ erscheint aus dieser Perspektive besonders paradox.

Auf E3 kann er Selbstbestimmung und Schutz vor fremder Verfügung ausdrücken.

Als ontologische Aussage wirft er jedoch die Frage auf, wer hier Besitzer und was Besitz sein soll.

Das plastische Ich würde präziser fragen:

Welche Verfügungsmöglichkeiten habe ich über meine Tätigkeiten und meinen Körper, und welche Bedingungen meiner Existenz entziehen sich meiner Verfügung?

Damit wird Eigentumsgrammatik in eine Tätigkeits- und Beziehungsfrage zurückübersetzt.

Der Astronaut

Der Astronaut ist dafür eines der stärksten Bilder.

Er erscheint als abgeschlossener einzelner Mensch.

Der Raumanzug erzeugt eine erkennbare Grenze.

Unter extremen Bedingungen ermöglicht die technische Membran relative Handlungsautonomie.

Gerade diese Autonomie beruht jedoch auf vollständiger Abhängigkeit von Sauerstoffversorgung, Temperaturregelung, Druck, Energie und Technik.

Damit zeigt der Astronaut:

Autonomie kann eine hochgradig organisierte Form von Abhängigkeit sein.

Der Astronaut als plastisches Gegenbild

Der Astronaut muss deshalb nicht nur als Bild der Skulpturidentität gelesen werden.

Er kann zugleich zeigen, wie plastische Existenz technisch ermöglicht wird.

Der lebende Mensch kann seine natürliche Umgebung verlassen, weil er eine künstliche Umweltmembran herstellt.

Die Technik erweitert seinen Handlungsspielraum.

Aber sie beseitigt seine Tragbedingungen nicht.

Sie muss sie reproduzieren.

Das plastische Ich bleibt abhängig.

Der Feuerkäfig

Im Feuerkäfig wird eine weitere Frage sichtbar.

Die Tür steht offen.

Formal existiert eine Handlungsmöglichkeit.

Der Mensch bleibt dennoch.

Damit wird klar:

Das plastische Ich besitzt Veränderungsmöglichkeiten, nutzt sie aber nicht automatisch.

Rollenidentität, Status, Angst, Gewohnheit oder Belohnung können bestimmte Formen stabilisieren.

Plastizität ist Möglichkeit, keine Garantie.

Das plastische Ich kann erstarren

Das ist eine wichtige Präzisierung.

Das plastische Ich ist kein moralisch besserer Mensch.

Der lebende Mensch kann seine eigenen plastischen Möglichkeiten einschränken.

Er kann sich skulpturalisieren.

Er kann Institutionen hervorbringen, die seine eigene Veränderbarkeit begrenzen.

Er kann sich an Rollen binden.

Gerade deshalb ist der Begriff ein Prüfbegriff und keine Idealfigur.

E3 prägt das plastische Ich zurück

Sprache, Eigentum, Geld, Beruf, Religion, Staat, Familie, Kunst, Wissenschaft und digitale Systeme gehören zur E3-Welt menschlicher Hervorbringungen.

Das plastische Ich wächst innerhalb solcher Formen auf.

Es übernimmt Sprache, bevor es über Sprache nachdenken kann.

Es lernt Rollen.

Es übernimmt Wertmaßstäbe.

E3 ist deshalb nicht nur etwas, das der Mensch bewusst „oben drauf“ legt.

Es wirkt auf die Entwicklung des plastischen Ichs zurück.

Der Mensch ist biologisch und gesellschaftlich plastisch – aber auf unterschiedliche Weise

Dabei müssen E2- und E3-Plastizität unterschieden werden.

Biologische Veränderung folgt anderen Prozessen als gesellschaftliches Lernen.

Eine Rollenänderung ist keine Zellregeneration.

Eine Meinungsänderung ist kein Stoffwechselvorgang.

Der gemeinsame Begriff „plastisch“ bezeichnet hier eine strukturelle Vergleichbarkeit von Form und Veränderbarkeit, nicht die Identität der zugrunde liegenden Mechanismen.

Diese wissenschaftliche Differenz muss erhalten bleiben.

Sprache und das plastische Ich

Sprache gehört zu den stärksten E3-Formen, die auf das Ich zurückwirken.

Ein Mensch lernt, sich durch Wörter zu beschreiben.

„Ich bin klug.“

„Ich bin dumm.“

„Ich bin krank.“

„Ich bin Künstler.“

„Ich bin erfolglos.“

Diese Sätze können die eigene Tätigkeit beeinflussen.

Damit ist Sprache nicht nur Beschreibung.

Sie kann Handlungsmöglichkeit formen.

Das plastische Ich benötigt deshalb Begriffshandwerk auch für die Selbstbeschreibung.

Plastischer Begriff und plastisches Ich

Ein plastisches Ich benötigt plastische Begriffe.

Wenn sämtliche Selbstbeschreibungen als endgültige Aussagen behandelt werden, wird die eigene Veränderbarkeit unsichtbar.

Ein plastischer Begriff sagt nicht:

„Alles ist beliebig.“

Er sagt:

„Diese Beschreibung trägt gegenwärtig unter diesen Bedingungen und darf durch relevante Rückmeldung verändert werden.“

Damit entsprechen plastischer Begriff und plastisches Ich einander.

Zweifel als Selbstmembran

Der Zweifel besitzt hier eine besonders sensible Funktion.

Er darf nicht zu permanenter Selbstauflösung werden.

Das plastische Ich muss nicht ständig alles an sich infrage stellen.

Der Zweifel ist funktionaler.

Er fragt:

Welche meiner Selbstbeschreibungen muss korrigierbar bleiben?

Damit ist er eine Identitätsmembran.

Er lässt widersprechende Wirklichkeit hinein, ohne die gesamte Kontinuität aufzulösen.

Selbstzweifel ist nicht das Ziel

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Das Ziel der Forschungskunst ist nicht, einen Menschen unsicher über sich selbst zu machen.

Das Ziel ist Korrigierbarkeit.

Ein Mensch kann sehr klar handeln und zugleich wissen, unter welchen Bedingungen er seine Auffassung ändern würde.

Festigkeit und Offenheit schließen sich nicht notwendig aus.

Plastische Identität

Der Begriff plastische Identität kann als Beschreibung dieses Zustands dienen, ohne dafür einen zusätzlichen Hauptbegriff zu benötigen.

Eine plastische Identität besitzt Form.

Sie ist wiedererkennbar.

Sie besitzt Geschichte.

Aber sie bleibt bearbeitbar.

Sie kann neue Beziehungen aufnehmen.

Sie kann frühere Rollen ablegen.

Sie kann lernen.

Damit unterscheidet sie sich sowohl von völliger Formlosigkeit als auch von Skulpturidentität.

Person und Rolle

Das Theater macht diese Struktur besonders verständlich.

Der Mensch spielt eine Rolle.

Die Rolle ist sichtbar.

Sie kann reale Wirkungen besitzen.

Aber der Darsteller bleibt nicht vollständig mit ihr identisch.

Das plastische Ich kann sagen:

„Ich spiele diese Rolle.“

Die Skulpturidentität sagt:

„Ich bin diese Rolle.“

Das ist keine vollständige Definition menschlicher Identität, aber eine äußerst starke künstlerische Prüffigur.

Rollenwechsel

Dass ein Mensch eine Rolle verlassen kann, zeigt unmittelbar Plastizität.

Der Arbeitnehmer wird Rentner.

Der Student wird Lehrer.

Der Eigentümer verkauft.

Der Amtsträger verliert sein Amt.

Der Künstler übernimmt eine andere Funktion.

Die Person bleibt trotz Rollenwechsel bestehen.

Damit zeigt der Rollenwechsel, dass E3-Identität und E2-Träger nicht identisch sind.

Was bleibt, wenn die Rolle fällt?

Eine zentrale Mitmachfrage könnte deshalb lauten:

Was bleibt von mir, wenn eine bestimmte Rolle wegfällt?

Der Beruf?

Der Besitz?

Der Titel?

Der gesellschaftliche Status?

Die politische Position?

Damit wird die Rolle nicht entwertet.

Sie wird relativiert.

Das plastische Ich und der Tod

Der Tod bildet die äußerste Grenze des lebenden plastischen Ichs.

Der Organismus verliert seine Fähigkeit zur Regulation und zum fortgesetzten Stoffwechsel.

Damit endet eine entscheidende Grundlage dieser konkreten lebenden Plastizität.

Rollen, Texte, Kunstwerke, Eigentumsordnungen und Erinnerungen anderer können weiterbestehen.

Das macht die Differenz zwischen lebendem Träger und gesellschaftlicher Skulptur besonders deutlich.

Memento mori

Der Memento-mori-Gedanke erhält dadurch eine konkrete Funktion.

Er erinnert nicht nur abstrakt an Sterblichkeit.

Er setzt das lebende plastische Ich gegen die Vorstellung einer zeitlosen Künstleridentität.

Das persönliche Leben endet.

Das Werk kann weiterwirken.

Aber das Werk darf nicht so behandelt werden, als besitze es deshalb dieselbe Wirklichkeitsweise wie der lebende Mensch.

Seele und plastisches Ich

Auch die Seele kann innerhalb dieser Struktur geprüft werden.

Die Forschungskunst kann metaphysisch weder beweisen noch widerlegen, ob eine Seele existiert.

Sie kann aber untersuchen, was geschieht, wenn eine vorgestellte unveränderliche Identität einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als der lebende, verletzbare Organismus.

Das vorhandene Material formuliert diese Paradoxie zugespitzt: Die Skulpturidentität besitzt keinen eigenen Stoffwechsel, keine Verletzbarkeit und keine Regenerationsfähigkeit, während der lebendige Organismus gerade diese Merkmale aufweist.

Die wissenschaftlich tragfähige Frage lautet deshalb nicht:

„Es gibt keine Seele.“

Sondern:

Welche Eigenschaften schreiben wir einer Seele zu, und weshalb erhalten gerade Unveränderlichkeit und Unverletzbarkeit dabei möglicherweise einen höheren Wirklichkeitsrang als die Merkmale des tatsächlich beobachtbaren Lebens?

Platonische Unveränderlichkeit als Prüfgegenüber

Auch historische philosophische Modelle können unter dieser Perspektive als Gegenüber dienen.

Besonders interessant ist die Aufwertung des Unveränderlichen gegenüber dem Veränderlichen.

Für das plastische Ich kehrt sich die Frage um.

Was bedeutet es, wenn ausgerechnet Stoffwechsel, Veränderung, Verletzbarkeit und Abhängigkeit – also wesentliche Merkmale lebender Existenz – als Zeichen von Unvollkommenheit behandelt werden?

Das vorhandene Material formuliert diese Spannung bereits als Gegensatz zwischen einem unveränderlichen ontologischen Ideal und einem plastischen Ich, das sich gerade durch Abhängigkeit und Veränderung erhält.

Dabei handelt es sich um eine werkinterne philosophische Prüfung, nicht um eine vollständige Darstellung der platonischen Philosophie.

Das plastische Ich ist nicht „nur Körper“

Aus der Kritik an unveränderlichen Identitätsvorstellungen folgt jedoch kein einfacher Reduktionismus.

Das plastische Ich bedeutet nicht:

Der Mensch ist nur Körper.

Der Mensch spricht.

Er denkt.

Er erinnert.

Er imaginiert.

Er stellt Zukunft vor.

Er schafft Kunst.

Er erzeugt gesellschaftliche Ordnungen.

Diese Tätigkeiten gehören zu seiner Wirklichkeit.

Die Forschungskunst fragt nur, welcher lebende und materielle Zusammenhang diese Tätigkeiten trägt und welche zusätzlichen Substanzen oder Wesenheiten aus ihren begrifflichen Beschreibungen hervorgebracht werden.

Denken ist Tätigkeit des plastischen Ichs

Denken muss damit nicht außerhalb des plastischen Ichs lokalisiert werden.

Ein lebender Mensch denkt.

Seine Gedanken können sich verändern.

Er kann lernen.

Er kann Widersprüche erkennen.

Damit ist gerade Denken ein Beispiel menschlicher Plastizität.

Problematisch wird es erst, wenn aus „ich denke“ ein völlig unabhängiges, außerhalb aller Tragbedingungen stehendes Denkding konstruiert wird.

Das Gehirn und das Bildloch

Die Gehirnfolie erhält hier eine wichtige Funktion.

Sie sollte nicht behaupten, im Gehirn befände sich buchstäblich ein Loch, in das Weltbilder eingeschoben werden.

Sie ist ein künstlerischer Bildträger.

Unterschiedliche Vorstellungen können in dasselbe Gehirnbild eingesetzt werden.

Damit wird sichtbar:

Der lebende Mensch kann unterschiedliche Bilder seiner selbst und seiner Wirklichkeit hervorbringen.

Diese Bilder sind veränderbar.

Das ist eine der deutlichsten künstlerischen Formen des plastischen Ichs.

Das Gehirn besitzt nicht die Welt

Der Mensch trägt nicht die vollständige Wirklichkeit im Kopf.

Er erzeugt Wahrnehmungs-, Begriffs- und Vorstellungsformen.

Er handelt anschließend aufgrund dieser Formen.

Das plastische Ich muss deshalb zwischen sich und seinem Selbstbild unterscheiden können.

Ich habe eine Vorstellung von mir. Diese Vorstellung bin ich nicht vollständig.

Diese Unterscheidung ist zentral.

Foliengrammatik des plastischen Ichs

In der Foliengrammatik kann zunächst ein lebender menschlicher Körper innerhalb von Stoff-, Umwelt- und Abhängigkeitsbeziehungen erscheinen.

Darüber werden Folien gelegt.

Name.

Geschlecht.

Beruf.

Eigentum.

Nationalität.

Status.

Freiheit.

Religion.

Wert.

Keine dieser Folien muss unwirklich oder unwichtig sein.

Die entscheidende Frage lautet:

Welche davon verwechsle ich mit dem gesamten lebenden Menschen?

Folien abnehmen

Das Abnehmen einer Folie besitzt deshalb eine wichtige Bedeutung.

Wenn die Berufsfolie entfernt wird, verschwindet der Mensch nicht.

Wenn die Eigentumsfolie entfernt wird, verschwindet der Organismus nicht.

Wenn eine Statusfolie weggenommen wird, bleiben Stoffwechsel und Verletzbarkeit bestehen.

Damit wird sichtbar:

E3-Identitäten können sich verändern, während eine andere Form menschlicher Kontinuität fortbesteht.

Die Folien dürfen E1 und E2 nicht zum „wahren Menschen“ erklären

Aber auch hier muss ein neuer Fehler vermieden werden.

Die Grundfolie des Körpers darf nicht so verstanden werden, als zeige sie nun den vollständig „wahren Menschen“, während alle kulturellen und gesellschaftlichen Formen nur falsche Masken wären.

Der Mensch ist auch sprachliches, gesellschaftliches und kulturelles Wesen.

E3 gehört zu seiner realen Lebensform.

Die Foliengrammatik soll deshalb Wirklichkeitsweisen unterscheiden, nicht eine einzige davon zum vollständigen Menschen erklären.

Das Mitmachbuch und das plastische Ich

Das Mitmachbuch kann diese Identitätsprüfung besonders praktisch machen.

Ein Benutzer schreibt:

„Ich bin …“

Später ergänzt er:

„Ich bin geworden …“

und:

„Ich verändere mich, wenn …“

und:

„Ich bin abhängig von …“

und:

„Diese Rolle kann ich verändern, diese Bedingung nicht beliebig.“

Damit wird die Selbstbeschreibung von einer statischen Definition zu einem Prüfprozess.

Das Mitmachbuch dokumentiert Selbstveränderung

Besonders wichtig ist, frühere Aussagen nicht einfach zu löschen.

Der Benutzer kann später sehen:

So habe ich mich vor einem Jahr beschrieben.

Das ist geschehen.

Diesen Satz würde ich heute anders formulieren.

Damit wird die Veränderung der Identität selbst sichtbar.

Das Buch wird zur kleinen Chronik des plastischen Ichs.

Der andere Mensch

Das plastische Ich entsteht nicht isoliert.

Andere Menschen gehören zu seinen Entwicklungsbedingungen.

Sprache wird von anderen gelernt.

Selbstbilder entstehen teilweise in Beziehungen.

Anerkennung, Kritik, Nähe und Konflikt wirken auf Menschen ein.

Damit wird der andere Mensch zum Gegenüber.

Aber er darf nicht zum vollständigen Bestimmer meiner Identität werden.

Auch hier benötigt das plastische Ich Membran.

Zwischen Fremdbestimmung und Selbstskulptur

Die beiden problematischen Extreme wären deshalb:

Der andere bestimmt vollständig, wer ich bin.

Oder:

Nur ich allein bestimme vollständig, wer ich bin, unabhängig von jeder Rückmeldung.

Das plastische Ich liegt nicht einfach in der Mitte.

Es untersucht die Beziehung.

Welche Fremdzuschreibung muss ich zurückweisen?

Welche Kritik muss ich ernst nehmen?

Welche gesellschaftliche Rolle nehme ich freiwillig an?

Welche wurde mir auferlegt?

Welche Tätigkeitsfolge meiner Selbstbeschreibung betrifft andere?

Autonomie als relationale Fähigkeit

Autonomie kann aus dieser Perspektive neu gefasst werden.

Sie bedeutet nicht absolute Selbstursprünglichkeit.

Sie bezeichnet die Fähigkeit eines abhängigen und sozial eingebetteten Menschen, bestimmte eigene Entscheidungen hervorzubringen, Gründe zu prüfen und auf Rückmeldungen zu reagieren.

Damit wird Autonomie weder abgeschafft noch metaphysisch absolut gesetzt.

Selbstbestimmung und Tragbedingungen

Selbstbestimmung ist gesellschaftlich außerordentlich wichtig.

Das plastische Ich stellt sie nicht gegen Abhängigkeit.

Es fragt:

Welche Selbstbestimmung ist innerhalb welcher Tragbedingungen möglich?

Ein Mensch kann über viele Lebensentscheidungen verfügen.

Er kann aber nicht gesellschaftlich abstimmen, dass sein Organismus von nun an keine physikalischen und biologischen Bedingungen mehr benötigt.

Hier liegt die Grenze der E3-Verfügung.

Plastisches Ich und Tragbewusstsein

Daraus ergibt sich eine Verbindung zum Tragbewusstsein.

Ein plastisches Ich weiß nicht notwendig alles über seine Abhängigkeiten.

Aber es kann sich grundsätzlich als getragenes Wesen begreifen.

Es erkennt:

Ich existiere nicht ausschließlich aus mir selbst.

Meine Handlungsmöglichkeiten beruhen auf Bedingungen, die ich nicht allein geschaffen habe.

Dieses Bewusstsein soll keine Demutsideologie erzeugen.

Es ist eine Wirklichkeitsprüfung.

Vom „Ich besitze“ zum „Ich bin abhängig und wirke mit“

Eine zentrale begriffliche Verschiebung könnte deshalb lauten:

Nicht nur:

„Was besitze ich?“

sondern:

„Wovon bin ich abhängig und woran wirke ich mit?“

Das plastische Ich wird dadurch von der Eigentumsgrammatik zur Tätigkeits- und Beziehungsperspektive geöffnet.

Plastisches Ich und Tätigkeitskonsequenz

Der Mensch ist nicht nur abhängig.

Er ist tätig.

Er verändert seine Umwelt.

Er benutzt Werkzeuge.

Er erzeugt gesellschaftliche Formen.

Damit ist das plastische Ich zugleich Tätigkeitswesen.

Seine Tätigkeit verändert den Plexus.

Und diese Veränderung kann wiederum auf ihn zurückwirken.

Damit entsteht eine Rückkopplung:

Ich verändere die Bedingungen – die veränderten Bedingungen verändern mich.

Der Mensch als Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzenwesen

Diese Formel gehört deshalb unmittelbar zum plastischen Ich.

Der Mensch erzeugt Folgen.

Und er lebt innerhalb von Folgen, die andere und frühere Menschen erzeugt haben.

Er ist Täter im neutralen Sinn des Tätigseins und zugleich Betroffener von Tätigkeiten.

Diese doppelte Position verhindert ein einfaches Subjekt-Objekt-Modell.

Verantwortung für die eigene Plastizität

Daraus ergibt sich eine besondere Form von Verantwortung.

Der Mensch gestaltet nicht nur Dinge.

Er gestaltet auch Bedingungen, die zukünftige Menschen formen.

Schule.

Medien.

Städte.

Arbeitswelten.

Technische Systeme.

Digitale Plattformen.

Alle diese Hervorbringungen wirken auf plastische Menschen zurück.

Damit wird Gesellschaftsgestaltung auch Gestaltung von Plastizitätsbedingungen.

Das Menschenkunstwerk formt seine Künstler

Das Menschenkunstwerk besitzt deshalb eine doppelte Bewegung.

Der Mensch formt es.

Und das Werk formt den Menschen zurück.

Dies ist vielleicht eine der wichtigsten Konsequenzen des plastischen Ichs.

Der Mensch baut Städte.

Dann prägen Städte sein Verhalten.

Er erzeugt Geldsysteme.

Dann strukturieren diese Systeme seine Tätigkeiten.

Er erzeugt digitale Plattformen.

Dann verändern sie Wahrnehmung und Kommunikation.

Das plastische Ich ist daher zugleich Künstler und Material des Menschenkunstwerks.

Das ist kein Determinismus

Auch diese Formulierung darf nicht deterministisch verstanden werden.

Gesellschaftliche Bedingungen prägen Menschen.

Sie bestimmen sie nicht vollständig.

Menschen können Regeln verändern.

Sie können Systeme ablehnen.

Sie können neue Institutionen hervorbringen.

Gerade diese Rückwirkung ist Teil der Plastizität.

Plastisches Ich und Zivilisationsfähigkeit

Zivilisationsfähigkeit erhält dadurch eine personale Dimension.

Eine zivilisationsfähige Gesellschaft benötigt nicht einen vollständig angepassten Menschen.

Sie benötigt Menschen und Institutionen, die ihre eigenen Hervorbringungen an deren Folgen zurückbinden können.

Das plastische Ich ist dafür kein fertiger Idealbürger.

Es bezeichnet die elementare Möglichkeit, aufgrund einer Rückmeldung die eigene Tätigkeit oder Vorstellung zu verändern.

Anpassung ist nicht immer Plastizität im positiven Sinn

Ein Mensch kann sich auch an zerstörerische Bedingungen anpassen.

Er kann in einer schädlichen Ordnung funktionieren.

Deshalb darf Plastizität nicht mit Anpassungsfähigkeit gleichgesetzt werden.

Die zentrale Frage lautet:

Woran passe ich mich an, und welche Bedingungen verändere ich stattdessen?

Ein plastisches Ich muss nicht nur sich selbst verändern.

Es kann auch den Zusammenhang verändern, der es verletzt.

Anpassung oder Korrektur der Umwelt

Damit entsteht eine wichtige Unterscheidung.

Ein Organismus reagiert auf seine Umwelt.

Der Mensch kann zusätzlich seine Umwelt technisch und gesellschaftlich verändern.

Diese Fähigkeit erweitert seine Handlungsmacht enorm.

Sie erhöht aber zugleich seine Verantwortung.

Wenn jede Belastung ausschließlich durch Anpassung des Menschen beantwortet wird, kann eine zerstörerische Ordnung unangetastet bleiben.

Das plastische Ich darf deshalb nicht zum Anpassungswesen an nichttragfähige Systeme verkürzt werden.

Plastizität als Wechselwirkung

Die angemessenere Form lautet:

Der Mensch verändert sich und verändert seine Bedingungen. Beides muss an seinen Tätigkeits- und Abhängigkeitskonsequenzen geprüft werden.

Damit wird plastisches Ich zu einem relationalen Entwicklungsbegriff.

Gesundheit und Krankheit

Auch Gesundheit kann unter diesem Gesichtspunkt differenziert werden.

Das plastische Ich bedeutet nicht, dass jeder Organismus jede Verletzung durch Anpassung überwinden könne.

Krankheit, Behinderung und irreversible Schäden gehören zur realen Verletzbarkeit.

Plastizität darf deshalb nicht als Leistungsforderung missverstanden werden:

„Du musst dich nur anpassen.“

Das wäre eine problematische gesellschaftliche Verwendung des Begriffs.

Die Forschungskunst fragt vielmehr nach den realen Bedingungen, Grenzen und Unterstützungsmöglichkeiten einer konkreten Person.

Unterschiedliche Plastizität

Menschen besitzen unterschiedliche körperliche und soziale Voraussetzungen.

Auch ein einzelner Mensch besitzt zu verschiedenen Zeitpunkten unterschiedliche Möglichkeiten.

Kindheit.

Erwachsenenalter.

Alter.

Krankheit.

Verletzung.

Erholung.

Diese Unterschiede müssen anerkannt werden.

Das plastische Ich ist kein einheitliches Leistungsmaß.

Altern

Altern zeigt besonders deutlich, dass Identität und Veränderung nicht getrennt werden können.

Der Körper verändert sich.

Fähigkeiten verändern sich.

Erfahrungen nehmen zu.

Andere Möglichkeiten nehmen ab.

Eine Skulpturidentität kann versuchen, einen früheren Zustand als „eigentliches Ich“ festzuhalten.

Das plastische Ich integriert dagegen den gegenwärtigen Zustand in seine fortgesetzte Geschichte.

Körperbild und plastisches Ich

Auch das eigene Körperbild kann skulptural werden.

Ein Mensch besitzt eine Vorstellung davon, wie sein Körper aussehen oder funktionieren soll.

Der reale Körper verändert sich.

Wenn die Vorstellung unverändert bleibt, kann eine starke Differenz entstehen.

Das plastische Ich müsste auch das Selbstbild an reale Veränderung zurückbinden können.

Tod verhindert die absolute Plastizität

Der Begriff erreicht hier seine Grenze.

Das plastische Ich ist sterblich.

Es kann sich nicht unbegrenzt regenerieren.

Damit unterscheidet es sich fundamental von einer abstrakten Identität, die als zeitlos vorgestellt werden kann.

Der Tod ist deshalb keine Störung des Modells.

Er gehört zu seiner Wirklichkeitsbedingung.

Memento mori als Prüfoperator

Memento mori erinnert das plastische Ich daran, dass seine Zeit begrenzt ist.

Dadurch erhält Tätigkeit Gewicht.

Was wird innerhalb dieser Zeit hervorgebracht?

Welche Folgen überdauern die eigene Lebenszeit?

Welche Verantwortung reicht über das eigene Leben hinaus?

Damit verbindet sich das plastische Ich mit dem Verortungs-/Zeitanker und der Schwarm-Rückkopplung.

Das Werk nach dem Tod

Das plastische Ich endet als lebender Prozess.

Das Menschenkunstwerk, an dem es mitgewirkt hat, kann weiterbestehen.

Texte.

Objekte.

Institutionen.

Bilder.

Digitale Spuren.

Diese können spätere Menschen prägen.

Damit bleibt Verantwortung teilweise in Wirkungen erhalten, obwohl der ursprüngliche Handelnde nicht mehr antworten kann.

Die institutionelle Rückkopplung muss deshalb über einzelne Lebenszeiten hinausreichen können.

KI und das plastische Ich

Künstliche Intelligenz stellt für das plastische Ich eine besondere neue Bedingung dar.

Sie kann beim Lernen helfen.

Sie kann Gegenfragen erzeugen.

Sie kann frühere Aussagen vergleichbar machen.

Sie kann alternative Perspektiven anbieten.

Damit kann sie die Korrigierbarkeit eines Selbstbildes unterstützen.

Aber sie kann ebenso feste Profile erzeugen.

Digitale Skulpturierung des plastischen Menschen

Wenn ein System aus vergangenen Daten eine dauerhafte Identität berechnet, entsteht ein Konflikt.

Der lebende Mensch verändert sich.

Das Datenprofil kann ihn jedoch aufgrund früherer Tätigkeiten klassifizieren.

Vergangenheit wird zur Prognose.

Die Prognose beeinflusst Möglichkeiten.

Damit kann ein plastischer Mensch von einer digitalen Skulptur umgeben werden.

Die entscheidende Frage lautet:

Kann das Profil mitlernen, vergessen, korrigiert werden und Veränderung anerkennen?

Das Recht auf Veränderung

Daraus entsteht eine weitreichende gesellschaftliche Frage.

Wenn der Mensch plastisch ist, muss eine zivilisationsfähige Ordnung möglicherweise auch das Recht auf Veränderung schützen.

Ein früherer Fehler darf Verantwortung besitzen.

Aber er darf nicht notwendig die vollständige zukünftige Identität bestimmen.

Ein Mensch muss in bestimmten Zusammenhängen eine neue Form entwickeln können.

Das ist keine Forderung nach Folgenlosigkeit.

Es ist eine Forderung, Verantwortlichkeit und Wesensfixierung auseinanderzuhalten.

Globale Schwarm-Intelligenz und das plastische Ich

Auch die Globale Schwarm-Intelligenz sollte deshalb keine statischen Personenprofile sammeln.

Interessanter wäre die dokumentierte Prüfbewegung.

Eine Person dachte zunächst so.

Dann trat eine Gegenbeobachtung auf.

Sie änderte ihre Auffassung.

Dadurch wird nicht nur Meinung gespeichert.

Veränderungsfähigkeit wird sichtbar.

Das entspricht dem plastischen Ich wesentlich besser.

Das So-Heits-Atelier als plastischer Raum

Das So-Heits-Atelier kann den Begriff körperlich erfahrbar machen.

Der Besucher betritt den Raum mit bestimmten Vorstellungen.

Er arbeitet.

Er begegnet einem Gegenüber.

Er verändert eine Folie.

Er schreibt einen Satz.

Er löscht ihn.

Er übernimmt eine Rolle.

Er verlässt sie.

Er sieht eine Tätigkeitsfolge.

Vielleicht verändert sich dadurch seine Ausgangsvorstellung.

Der Besucher selbst wird damit zum beweglichen Bestandteil der räumlichen Plastik.

Der Besucher ist nicht Material des Künstlers

Diese Formulierung benötigt jedoch eine wichtige Grenze.

Der Besucher darf nicht als Material betrachtet werden, das der Künstler nach eigener Vorstellung formen soll.

Das wäre Manipulation und widerspräche dem Mitprüfenden-Prinzip.

Das Atelier stellt Gegenüber und Werkzeuge bereit.

Der andere Mensch behält seine Urteilskraft.

Er kann widersprechen.

Er kann meine Begriffe zurückweisen.

Damit wird Plastizität nicht zur Verfügung des Künstlers über den Besucher.

Plastizität benötigt Selbsttätigkeit

Das plastische Ich ist deshalb nicht nur formbar.

Es ist mitwirkend.

Es verändert sich durch Beziehungen und ist zugleich selbst tätig.

Diese Doppelbewegung unterscheidet Plastizität von passiver Formbarkeit.

Der Mensch ist nicht Ton in der Hand eines gesellschaftlichen Bildhauers.

Er besitzt selbst Hände.

Das Bild des Menschen mit dem Spaten

Der Mensch mit dem Spaten zeigt diese Doppelrolle besonders gut.

Er steht auf Boden.

Er ist von diesem Boden abhängig.

Er greift gleichzeitig in ihn ein.

Das Werkzeug erweitert seine Tätigkeit.

Der Boden antwortet mit Widerstand.

Der Eingriff verändert Bedingungen.

Damit wird der Mensch weder zum souveränen Herrscher über Materie noch zum passiven Teil der Natur.

Er ist mitwirkender, abhängiger Tätiger.

Das plastische Ich als Forschungskünstler seiner Tätigkeit

Daraus entsteht die Verbindung zum Mitmachbuch.

Wenn ein Mensch seine eigene Vorstellung als Werkstück betrachten kann, seine Tätigkeit verfolgt, Folgen beobachtet und seine ursprüngliche Form korrigiert, wird er zum Forschungskünstler seiner eigenen Tätigkeit.

Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch beruflich Künstler wird.

Es bezeichnet die Anwendung einer künstlerisch-handwerklichen Prüfbewegung auf die eigene Lebens- und Handlungspraxis.

Nicht Selbstoptimierung

Der Begriff darf dabei ausdrücklich nicht mit moderner Selbstoptimierung verwechselt werden.

Das plastische Ich soll nicht fortlaufend leistungsfähiger, effizienter, attraktiver oder marktfähiger werden.

Eine solche Optimierungsforderung könnte gerade eine E3-Skulptur hervorbringen.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Wie verbessere ich mich?

Sondern:

Welche meiner Formen tragen innerhalb meiner tatsächlichen Beziehungen und welche müssen aufgrund ihrer Folgen verändert werden?

Optimum ist relational

Auch das dreifache Optimum verhindert eine Individualisierung des Optimierungsbegriffs.

Ein Organismus kann nicht unabhängig von seinem Medium optimiert werden.

Die Frage richtet sich auf die Passung zwischen Organismus, Bedingungen und gemeinsamem Tragbereich.

Das plastische Ich ist deshalb kein optimiertes Einzelwesen.

Es ist ein relational tragfähiger Prozess.

Das plastische Ich und symmetria

Hier verbindet sich der Begriff mit der plastischen symmetria.

Nicht perfekte Gleichheit ist entscheidend, sondern ein tragfähiges Verhältnis unterschiedlicher Teile innerhalb gemeinsamer Bedingungen.

Das plastische Ich besitzt deshalb keine starre innere Balance.

Es reguliert sich.

Es verschiebt Prioritäten.

Es reagiert auf Veränderungen.

Es muss nicht in jedem Augenblick in vollkommenem Gleichgewicht sein.

Krise als plastischer Übergang

Auch Krise kann unter diesem Gesichtspunkt neu gelesen werden.

Eine bisherige Form trägt nicht mehr.

Eine alte Selbstbeschreibung verliert ihre Funktion.

Neue Bedingungen erzwingen Veränderung.

Eine Krise kann zerstörerisch sein.

Sie kann aber auch eine Übergangsphase darstellen, in der eine neue Form entsteht.

Das plastische Ich garantiert nicht, dass jede Krise gelingt.

Es hält nur die Möglichkeit der Veränderung offen.

Scheitern und Nichtgelingen

Damit gehören auch Scheitern und Nichtgelingen zum Begriff.

Ein plastisches Ich kann eine falsche Entscheidung treffen.

Es kann eine Situation nicht bewältigen.

Es kann beschädigt werden.

Plastizität bedeutet nicht Unverwundbarkeit.

Die entscheidende Frage ist, ob aus dem Scheitern Rückmeldung entstehen kann.

Das plastische Ich und das Nichtwissen

Das plastische Ich muss nicht alles wissen.

Es kann seine eigene Wissensgrenze anerkennen.

Gerade diese Fähigkeit schützt vor Skulpturidentität.

Der Satz:

„Das weiß ich noch nicht“

hält eine Membran offen.

Er macht zukünftige Veränderung möglich.

Die Lücke als Entwicklungsraum

Eine Lücke muss deshalb nicht sofort geschlossen werden.

Nichtwissen kann Forschungsraum sein.

Der Mensch kann eine vorläufige Hypothese bilden.

Er kann sie prüfen.

Damit wird die Lücke nicht durch eine Skulptur ersetzt.

Sie bleibt bearbeitbar.

Urteilskraft

Das plastische Ich benötigt schließlich Urteilskraft.

Es muss nicht jede Einwirkung aufnehmen.

Nicht jede Kritik ist richtig.

Nicht jede gesellschaftliche Erwartung verdient Anpassung.

Nicht jede neue Information ist verlässlich.

Plastizität verlangt deshalb nicht maximale Durchlässigkeit.

Sie verlangt selektive, begründbare Korrigierbarkeit.

Hier kehrt der Membranbegriff zurück.

Das plastische Ich als Membranwesen

In seiner konzentriertesten Form kann der Mensch deshalb als Membranwesen beschrieben werden.

Nicht, weil der ganze Mensch biologisch nur eine Membran wäre.

Sondern weil seine Existenz eine Vielzahl regulierter Grenzen voraussetzt.

Körperlich.

Wahrnehmungsmäßig.

Begrifflich.

Sozial.

Institutionell.

Die entscheidende Frage ist, welche dieser Grenzen tragfähig funktionieren und welche zu Mauern werden.

Selbstprüfung des Begriffs „plastisches Ich“

Gerade weil dieser Begriff innerhalb meiner Forschungskunst eine positive Bedeutung besitzt, muss er besonders konsequent selbst geprüft werden.

Auch „plastisches Ich“ ist eine E3-Hervorbringung.

Der Begriff wurde von einem Menschen geschaffen.

Er bildet einen Ausschnitt.

Er hebt bestimmte Merkmale hervor.

Andere treten zurück.

Deshalb muss gefragt werden:

Was macht der Begriff sichtbar?

Was verdeckt er?

Wo ist „plastisch“ eine tragfähige Analogie?

Wo wird sie zu weit gedehnt?

Welche Aspekte menschlicher Kontinuität werden möglicherweise unterschätzt?

Wo könnte der Begriff unfreiwillig die Vorstellung erzeugen, Menschen müssten beliebig anpassungsfähig sein?

Welche Beobachtung würde verlangen, den Begriff zu korrigieren?

Nur wenn diese Fragen offenbleiben, bleibt auch das plastische Ich selbst ein plastischer Begriff.

Kein Menschenbild als letzte Wahrheit

Damit ist das plastische Ich ausdrücklich kein endgültiges Menschenbild.

Forschungskunst darf nicht die alte Skulptur des autonomen Subjekts zerstören, nur um eine neue Skulptur des „plastischen Menschen“ an ihre Stelle zu setzen.

Das wäre ein methodischer Selbstwiderspruch.

Der Begriff muss daher als Prüfmodell kenntlich bleiben.

Er hebt diejenigen Bedingungen hervor, die in stark statischen Identitätsmodellen leicht verloren gehen: Veränderung, Zeitlichkeit, Stoffwechsel, Abhängigkeit, Verletzbarkeit, Lernen und Rückkopplung.

Stellung innerhalb der festgelegten Ankerstruktur

Das plastische Ich bleibt deshalb bewusst kein eigener Anker.

Es ist ein zentraler Prüfbegriff innerhalb der bestehenden Architektur.

Der Werkanker zeigt seine Herkunft aus bildhauerischer, handwerklicher und lebensgeschichtlicher Erfahrung.

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker bestimmt den relationalen Zusammenhang, innerhalb dessen das plastische Ich entsteht.

Der Prüfanker untersucht, wie dieses Ich Vorstellungen und Selbstbeschreibungen hervorbringt.

Der Tätigkeitskonsequenzanker zeigt, dass das plastische Ich nicht nur geprägt wird, sondern selbst tätig in Wirklichkeit eingreift.

Der Verortungs-/Zeitanker macht sein Gewordensein und seine fortlaufende Veränderung sichtbar.

Der Foliengrammatikanker unterscheidet den lebendigen Träger von aufgelegten Rollen und Zuschreibungen.

Der Mitmachbuchanker ermöglicht die praktische Selbstprüfung.

Der So-Heits-Atelier-Anker organisiert Gegenüber, in denen Veränderung tatsächlich stattfinden kann.

Der KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker kann Veränderungswege dokumentieren und vergleichen, muss aber verhindern, dass aus einem lebenden plastischen Menschen ein unveränderliches Datenprofil wird.

Verhältnis zu den zentralen Prüfbegriffen

Das plastische Ich steht in einem besonderen Verhältnis zu mehreren der bereits ausgearbeiteten Begriffe.

Der Lochprozess beschreibt, wie Beziehungen aus der Wahrnehmung und Rückkopplung verschwinden können. Das plastische Ich benötigt dagegen die Rückkehr relevanter Beziehungen.

Die Membran beschreibt die Grenze, durch die relative Eigenständigkeit und Austausch gleichzeitig möglich bleiben.

Die Skulpturidentität bezeichnet die mögliche Verfestigung einer gegenwärtigen Selbst- oder Fremdbeschreibung.

51:49 hält als künstlerischer Operator minimale Differenz und Bewegung offen.

E1–E4 unterscheidet die materiellen, lebendigen und gesellschaftlichen Wirklichkeitsweisen und fragt mit E4, ob gesellschaftliche Selbstbilder aufgrund ihrer Folgen korrigiert werden können.

Damit ist das plastische Ich kein isolierter Begriff.

Es liegt im Schnittpunkt dieser Prüfbewegungen.

Das zentrale Paradox des plastischen Ichs

Seine vielleicht wichtigste Aussage lässt sich schließlich als Paradox formulieren:

Der Mensch besitzt Identität gerade deshalb, weil er nicht vollkommen identisch bleibt.

Er muss Stoff austauschen, um körperlich fortzubestehen.

Er muss auf Veränderungen reagieren, um leben zu können.

Er kann lernen, indem eine frühere Vorstellung nicht unverändert bleibt.

Er kann soziale Beziehungen erhalten, indem er auf andere reagiert.

Er kann gesellschaftliche Formen weiterentwickeln, indem er sie korrigiert.

Damit wird Veränderung nicht zum Gegenbegriff der Identität.

Sie wird zu einer ihrer Bedingungen.

Verdichtung des plastischen Ichs

Das plastische Ich lässt sich schließlich in folgender Grundform zusammenfassen:

Das plastische Ich bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst den lebenden Menschen als materiellen, zeitlichen, verletzbaren, abhängigen, lernenden und tätigen Prozess innerhalb einer vorausliegenden Plexuswirklichkeit. Seine relative Identität besteht nicht außerhalb seiner Veränderungen, sondern wird durch fortlaufenden Stoffwechsel, Regulation, Erfahrung, Erinnerung, Beziehung und Tätigkeit erhalten und verändert. Der Mensch bildet zugleich sprachliche, gesellschaftliche und biografische Selbstbeschreibungen, die für sein Handeln real wirksam werden können. Diese E3-Identitäten sind notwendig, dürfen jedoch nicht mit dem gesamten lebenden Menschen verwechselt werden. Plastisch bleibt das Ich dort, wo seine Selbstbeschreibung eine Membran für relevante Wirklichkeitsrückmeldungen behält und aufgrund von Erfahrung, Tätigkeitsfolgen und veränderten Bedingungen korrigiert werden kann.

Die kürzeste Formel lautet:

Das plastische Ich bleibt es selbst, indem es sich verändert.

Im Verhältnis zur Plexuswirklichkeit:

Das plastische Ich tritt nicht nachträglich in Beziehungen ein. Es entsteht und besteht innerhalb von Beziehungen.

Im Verhältnis zur Membran:

Das plastische Ich besitzt relative Eigenständigkeit nicht durch vollständige Abschottung, sondern durch regulierte Grenzen, die Austausch, Schutz und Rückkopplung ermöglichen.

Im Verhältnis zur Skulpturidentität:

Die Skulpturidentität sagt: „So bin ich.“ Das plastische Ich sagt: „So bin ich gegenwärtig geworden – und das, was geschieht, kann mich weiter verändern.“

Im Verhältnis zu E1–E4:

E1 zeigt seine materielle Bedingtheit, E2 seine lebendige Regulation und Verletzbarkeit, E3 seine hervorgebrachten Selbst- und Rollenbilder, und E4 prüft, ob diese Bilder durch ihre wirklichen Folgen wieder korrigiert werden können.

Im Verhältnis zur Freiheit:

Das plastische Ich ist nicht frei von Abhängigkeit. Seine Freiheit besteht in realen Handlungsmöglichkeiten innerhalb von Abhängigkeiten und in der Fähigkeit, eigene Entscheidungen und Rollen aufgrund ihrer Folgen wieder verändern zu können.

Im Verhältnis zur Tätigkeit:

Das plastische Ich wird nicht nur von Wirklichkeit geformt. Es formt Wirklichkeit mit und wird durch die Folgen dieser Formung erneut verändert.

Im Verhältnis zum Menschenkunstwerk:

Der Mensch ist zugleich Künstler und Material seiner eigenen gesellschaftlichen Hervorbringungen. Er baut die Welt, in der spätere Formen seines eigenen Ichs entstehen.

Im Verhältnis zur Zivilisationsfähigkeit:

Eine zivilisationsfähige Ordnung müsste nicht den perfekt angepassten Menschen hervorbringen, sondern Bedingungen schaffen, unter denen Menschen und Institutionen ihre eigenen Formen aufgrund realer Tätigkeits- und Verletzungsfolgen korrigieren können.

Und daraus ergibt sich die zentrale Prüfungsfrage:

Welche Beziehungen tragen mein gegenwärtiges Ich, welche Vorstellungen und Rollen habe ich daraus hervorgebracht, wie handle ich aufgrund dieser Selbstbeschreibung, und was darf mich noch so erreichen, dass ich mich aufgrund der wirklichen Folgen wieder verändern kann?

Damit ist das plastische Ich keine Gegenlehre zur Identität.

Es ist eine andere Art, Identität zu denken:

nicht als fertiges Ding, sondern als tragfähige Kontinuität in Veränderung; nicht als Besitz seiner selbst, sondern als relative Eigenständigkeit innerhalb von Abhängigkeiten; nicht als unverletzliche Skulptur, sondern als lebenden, mitwirkenden und korrigierbaren Prozess.

Die vielleicht stärkste Verdichtung lautet deshalb:

Das plastische Ich ist kein Mensch ohne Form. Es ist ein Mensch, dessen Form leben kann, weil sie nicht endgültig festgestellt ist.

Die entscheidende Schärfung gegenüber der Skulpturidentität liegt damit nicht einfach in „fest gegen beweglich“. Das wäre wieder zu dualistisch. Präziser ist: Das plastische Ich benötigt durchaus Kontinuität, Grenzen und stabile Formen. Der Unterschied liegt darin, dass diese Formen innerhalb von Zeit, Abhängigkeit und Rückkopplung veränderbar bleiben. Genau deshalb kann das vorhandene Material sagen, seine Identität bestehe nicht trotz, sondern durch fortgesetzte Veränderung.

.........

Der Millisekunden-Mensch sollte in der neuen Fassung noch präziser von der 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde her entwickelt werden. Besonders wichtig ist dabei die Unterscheidung: Homo sapiens erscheint in diesem Modell in den letzten ungefähr sechs Sekunden; Millisekunden betreffen dagegen vor allem die Lebensspanne des einzelnen Menschen und die extrem jungen technisch-industriellen Ordnungssysteme. Dadurch wird der Begriff wesentlich belastbarer. Das vorhandene Material beschreibt seinen Kern bereits als Maßstabsloch zwischen menschlicher Erlebniszeit und Erdzeit.

Der Millisekunden-Mensch

Planetarische Zeitkalibrierung, beschleunigte Eingriffsmacht und das Maßstabsproblem menschlicher Wirklichkeitsordnungen

Funktion des Begriffs „Millisekunden-Mensch“

Der Begriff Millisekunden-Mensch bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst keinen neuen Menschentyp und keine biologische Entwicklungsstufe. Er ist ein künstlerisches Zeit-, Maßstabs- und Prüfmodell. Mit ihm soll sichtbar werden, in welchem Verhältnis die sehr kurze Lebens-, Kultur- und Technikgeschichte des Menschen zu den wesentlich älteren planetarischen, materiellen und lebendigen Bedingungen steht, innerhalb derer menschliches Leben überhaupt erst möglich geworden ist.

Der Begriff richtet sich damit gegen eine besondere Form menschlicher Selbstüberschätzung: gegen die Tendenz, extrem junge gesellschaftliche Hervorbringungen so zu behandeln, als besäßen sie denselben Wirklichkeitsrang, dieselbe zeitliche Tiefe oder sogar einen Vorrang gegenüber den Bedingungen, von denen ihre menschlichen Träger weiterhin abhängig sind.

Eigentum.

Geld.

Märkte.

Staaten.

Gesetze.

Religionen.

Wissenschaftliche Disziplinen.

Berufsrollen.

Technische Infrastrukturen.

Digitale Systeme.

Diese Formen können gesellschaftlich außerordentlich wirksam sein. Aber sie sind Hervorbringungen eines Wesens, das selbst sehr spät innerhalb einer wesentlich längeren Wirklichkeitsgeschichte erscheint.

Das vorhandene Arbeitsmaterial bestimmt diesen Zusammenhang bereits präzise: Der Millisekunden-Mensch erscheint außerordentlich spät innerhalb eines Geschehens, dessen Bedingungen er nicht hervorgebracht hat, entwickelt jedoch innerhalb kürzester Zeit Eigentumsordnungen, Märkte, Staaten, Religionen, Wissenschaften, Rollen und Freiheitsvorstellungen, die teilweise so behandelt werden, als könnten ihre Regeln Vorrang vor den Bedingungen besitzen, durch die der Mensch überhaupt existieren kann.

Die zentrale Frage lautet deshalb:

Wie verändert sich unser Verständnis menschlicher Ordnung, wenn wir sie nicht nur innerhalb der menschlichen Geschichtsschreibung, sondern im Verhältnis zur Zeitgeschichte ihrer eigenen Tragbedingungen betrachten?

Die 24-Stunden-Uhr als künstlerisches Kalibrierungsinstrument

Die Grundlage des Millisekunden-Menschen bildet die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde.

Die ungefähr 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte werden dabei proportional auf einen einzigen Tag von 24 Stunden übertragen.

Diese Verkleinerung behauptet nicht, Erdgeschichte sei tatsächlich ein Tag. Es handelt sich um ein Maßstabsmodell.

Seine künstlerische Funktion besteht darin, Größenverhältnisse sichtbar zu machen, die für die alltägliche menschliche Vorstellung kaum anschaulich sind.

Milliarden Jahre können ausgesprochen werden.

Sie bleiben aber schwer erfahrbar.

Die Uhr übersetzt diese abstrakte Zahl in ein vertrautes menschliches Zeitmaß.

Mitternacht bezeichnet dabei nicht einen Weltuntergang. Sie bildet lediglich das gegenwärtige Ende der gewählten Zeitachse.

Homo sapiens ist nicht erst Millisekunden alt

Für die wissenschaftliche Genauigkeit muss dabei eine wichtige Unterscheidung vorgenommen werden.

Wenn man für Homo sapiens mit einer Größenordnung von etwa 300.000 Jahren rechnet, entsprechen diese in der 24-Stunden-Uhr ungefähr 5,7 Sekunden.

Der Begriff Millisekunden-Mensch darf deshalb nicht wörtlich so erklärt werden, als existiere die biologische Art Homo sapiens erst seit wenigen Millisekunden.

Das wäre falsch.

Die Millisekunden werden auf einer anderen Zeitskala besonders aussagekräftig.

Eine menschliche Lebensspanne von beispielsweise 80 Jahren entspricht innerhalb derselben 24-Stunden-Kalibrierung nur ungefähr 1,5 Millisekunden.

Damit erhält der Begriff seine präziseste Bedeutung:

Der einzelne Mensch ist innerhalb der planetarischen Uhr tatsächlich ein Millisekunden-Lebewesen.

Und gerade dieses Millisekunden-Lebewesen bildet Vorstellungen darüber, was dauerhaft, richtig, selbstverständlich, wertvoll oder unveränderlich sein soll.

Die doppelte Bedeutung des Millisekunden-Menschen

Der Begriff besitzt deshalb mindestens zwei miteinander verbundene Zeitdimensionen.

Zum einen bezeichnet er die verschwindend kurze Lebenszeit des einzelnen Menschen gegenüber der Erdgeschichte.

Zum anderen bezeichnet er die extreme zeitliche Jugend vieler Ordnungen, innerhalb derer dieser einzelne Mensch lebt.

Wenn ungefähr 11.700 Jahre des Holozäns auf die 24-Stunden-Uhr übertragen werden, entsprechen sie nur rund 0,22 Sekunden.

Eine Größenordnung von etwa 250 Jahren Industrialisierung entspricht ungefähr 0,0048 Sekunden, also knapp fünf Millisekunden.

Eine Größenordnung von etwa 75 Jahren, wie sie für die sogenannte Große Beschleunigung seit der Mitte des 20. Jahrhunderts angesetzt werden kann, entspricht ungefähr 0,0014 Sekunden, also etwa 1,4 Millisekunden.

Die genauen Werte verändern sich selbstverständlich mit den zugrunde gelegten Datierungen. Entscheidend ist nicht die letzte Nachkommastelle.

Entscheidend ist die Größenordnung.

Der Mensch lebt in Sekunden und handelt in Millisekunden

Damit entsteht eine besonders starke Verdichtung.

Die Gattungsgeschichte des heutigen Menschen erscheint auf der planetarischen Uhr in Sekunden.

Die jüngsten technisch-industriellen Umformungen erscheinen in Millisekunden.

Und der einzelne Mensch durchlebt seine gesamte Biografie ebenfalls nur innerhalb weniger Millisekunden dieser Uhr.

Der Begriff kann deshalb zugespitzt werden:

Der Mensch lebt planetarisch in Sekunden, organisiert seine moderne Welt in Millisekunden und erlebt sein eigenes Leben ebenfalls nur als Millisekundenereignis.

Gerade aus dieser extrem kurzen Erfahrungsposition heraus entwickelt er jedoch Vorstellungen von Dauerhaftigkeit.

Das Maßstabsloch

Hier verbindet sich der Millisekunden-Mensch unmittelbar mit dem Lochprozess.

Der einzelne Mensch erlebt vielleicht einige Jahrzehnte.

Seine Eltern und Großeltern erweitern diesen Erfahrungshorizont.

Geschichtsschreibung erweitert ihn weiter.

Wissenschaftliche Rekonstruktion kann Millionen und Milliarden Jahre erfassen.

Trotzdem bleibt die unmittelbar erlebte menschliche Zeit außerordentlich kurz.

Daraus kann ein Maßstabsloch entstehen.

Das vorhandene Material beschreibt dieses Loch ausdrücklich als Abstand zwischen menschlicher Erlebniszeit und Erdzeit. Der Millisekunden-Mensch kann seine Eigentumsordnungen, Institutionen und Begriffe dadurch so behandeln, als besäßen sie dieselbe Dauer und Wirklichkeitsqualität wie geologische, biologische oder kosmische Prozesse.

Die 24-Stunden-Uhr macht dieses Größenverhältnis sichtbar.

Erlebniszeit und Wirklichkeitszeit

Der Mensch nimmt seine eigene Lebensspanne verständlicherweise als lang wahr.

Ein Jahr kann sehr lang erscheinen.

Zehn Jahre verändern eine Biografie erheblich.

Achtzig Jahre können ein vollständiges menschliches Leben umfassen.

Innerhalb der Erdgeschichte bilden dieselben achtzig Jahre jedoch einen kaum sichtbaren Augenblick.

Beide Betrachtungen sind richtig.

Der Fehler entsteht erst, wenn die menschliche Erlebniszeit zum alleinigen Maßstab der Wirklichkeit gemacht wird.

Der Millisekunden-Mensch erweitert deshalb die Zeitperspektive.

Der Begriff ist keine Herabsetzung des Menschen

Dabei darf „Millisekunden-Mensch“ nicht als Abwertung verstanden werden.

Die Kürze der menschlichen Existenz bedeutet nicht, dass der Mensch unbedeutend wäre.

Im Gegenteil.

Gerade die Kombination aus extremer zeitlicher Kürze und außerordentlicher Eingriffsmacht bildet das eigentliche Forschungsproblem.

Ein sehr spät auftretendes Wesen kann innerhalb außerordentlich kurzer Zeit Wirkungen erzeugen, deren räumliche und zeitliche Reichweite seine eigene Lebensspanne weit überschreitet.

Das ist die eigentliche Paradoxie.

Zeitliche Kürze und Wirkungsmacht stehen in keinem einfachen Verhältnis zueinander.

Von der kleinen Hand zur planetarischen Eingriffskapazität

Der Millisekunden-Mensch hat nicht grundsätzlich eine völlig neue elementare Handlung erfunden.

Der Mensch konnte bereits mit der Hand Stoff verändern.

Er verwendete einen Stock.

Einen Spaten.

Einen Pflug.

Später Maschinen.

Bagger.

Bohranlagen.

Bergbau.

Tagebau.

Globale Transport- und Produktionssysteme.

Die elementare Operation kann ähnlich bleiben:

Ein Mensch greift in einen vorausliegenden Wirkungszusammenhang ein.

Aber die Reichweite verändert sich.

Das vorhandene Material beschreibt diesen Vorgang sehr präzise: Die Grundoperation bleibt ähnlich, während die Größenordnung der Tätigkeitskonsequenz enorm wächst; die menschliche Hand erhält immer größere Eingriffsmöglichkeiten, während die unmittelbare Wahrnehmung der Folgen nicht im gleichen Maß mitwächst.

Damit wird Technik zu einem wesentlichen Bestandteil des Millisekunden-Menschen.

Nicht der Mensch allein, sondern der technisch verstärkte Mensch

Der Begriff sollte deshalb nicht so formuliert werden, als besitze jeder Mensch aufgrund seiner biologischen Existenz bereits planetarische Wirkungsmacht.

Die Wirkungsmacht entsteht durch technische, wirtschaftliche, politische und institutionelle Organisation.

Ein einzelner Mensch mit einem Spaten kann nur einen begrenzten Bodenbereich verändern.

Ein technisch organisierter Produktionszusammenhang kann in kurzer Zeit Landschaften umformen.

Der Millisekunden-Mensch ist deshalb immer auch der technisch und institutionell verstärkte Mensch.

Technē und Beschleunigung

Hier verbindet sich der Begriff mit der Technē-Welt.

Der Mensch stellt Werkzeuge her.

Werkzeuge erweitern seine körperlichen Möglichkeiten.

Maschinen erweitern sie weiter.

Automatisierung und digitale Steuerung steigern die Geschwindigkeit und Reichweite erneut.

Damit geschieht eine bemerkenswerte Verschiebung:

Der biologisch relativ begrenzte Organismus entwickelt Systeme, durch die seine Tätigkeitskonsequenzen seine körperlichen Grenzen weit überschreiten.

Der Arm reicht einige Dezimeter.

Die Wirkung seiner technischen Hervorbringungen kann global werden.

Der Körper bleibt langsam, die Technik wird schnell

Der lebende menschliche Organismus verändert sich dadurch nicht im selben Tempo wie seine technischen Systeme.

Er benötigt weiterhin Sauerstoff.

Er benötigt Wasser.

Sein Stoffwechsel bleibt an bestimmte Temperatur- und Umweltbedingungen gebunden.

Sein Körper bleibt verletzbar.

Er altert.

Er stirbt.

Währenddessen können Informations-, Handels-, Finanz- und Produktionssysteme in Sekunden oder Millisekunden reagieren.

Damit entsteht ein neuer zeitlicher Gegensatz:

Der plastische Organismus lebt in biologischen Regulationszeiten; seine Hervorbringungen können in technisch beschleunigten Zeiträumen operieren.

Der Millisekunden-Mensch und das plastische Ich

Hier wird die Verbindung zum plastischen Ich entscheidend.

Das plastische Ich ist ein lebender, zeitlicher und verletzbarer Prozess.

Es kann seine technischen Hervorbringungen nicht vollständig von seinen eigenen Tragbedingungen ablösen.

Der Millisekunden-Mensch dagegen kann sich aufgrund seiner E3- und Techniksysteme so verhalten, als könne die Beschleunigung seiner Hervorbringungen die langsameren Tragprozesse ersetzen.

Das plastische Ich erinnert:

Die Beschleunigung der Handlung hebt die Bedingungen des Handelnden nicht auf.

Wachstumsgeschwindigkeit und Regenerationsgeschwindigkeit

Damit muss zwischen verschiedenen Geschwindigkeiten unterschieden werden.

Eine Maschine kann Rohstoff schneller abbauen, als bestimmte natürliche Prozesse diesen Rohstoff oder die zugrunde liegenden Bedingungen wiederherstellen können.

Ein wirtschaftlicher Prozess kann kurzfristig Gewinne erzeugen.

Bestimmte Schäden treten erst später auf.

Ein Organismus benötigt Regenerationszeit.

Ein Boden benötigt Entwicklungszeit.

Eine gesellschaftliche Entscheidung kann dagegen in wenigen Minuten getroffen werden.

Der Millisekunden-Mensch macht deshalb nicht nur absolute Zeit sichtbar.

Er untersucht nicht zusammenpassende Geschwindigkeiten.

Beschleunigung als Passungsproblem

Die eigentliche Frage lautet dadurch nicht:

Ist Geschwindigkeit schlecht?

Schnelligkeit kann lebensrettend, produktiv oder notwendig sein.

Das Problem liegt in der Passung.

Wie schnell wird eingegriffen?

Wie schnell kann das betroffene System reagieren?

Wie schnell wird eine Folge erkannt?

Wie schnell kann korrigiert werden?

Wie reversibel ist der Eingriff?

Damit wird Beschleunigung zur Tragfähigkeitsfrage.

Das dreifache Optimum und Zeit

Auch das dreifache Optimum erhält dadurch eine Zeitdimension.

Ein Medium besitzt Veränderungsraten.

Ein Organismus besitzt Regulationsgeschwindigkeiten.

Ein gemeinsamer Tragbereich kann davon abhängen, wie schnell Veränderungen eintreten.

Eine Veränderung, die langsam kompensiert werden kann, kann bei drastisch höherer Geschwindigkeit zur Überlastung führen.

Der Millisekunden-Mensch bringt deshalb nicht nur eine große Eingriffskraft hervor.

Er kann Veränderungsgeschwindigkeiten erzeugen, die vorhandene Regulationsmöglichkeiten überschreiten.

Deich und Millisekunden-Mensch

Der Deich eignet sich hierfür erneut als handwerkliches Modell.

Eine kleine Durchfeuchtung kann zunächst kompensierbar sein.

Material wird abgetragen.

Die Öffnung vergrößert sich.

Ab einem bestimmten Punkt beschleunigt sich der Vorgang.

Schließlich kommt es zum Durchbruch.

Die entscheidende Frage lautet nicht nur, ob Belastung vorhanden ist.

Sie lautet:

Ist die Geschwindigkeit der Veränderung noch innerhalb der Rückkopplungs- und Reparaturfähigkeit des Systems?

Damit wird der Deich zu einem Zeitmodell des Millisekunden-Menschen.

Der Millisekunden-Mensch und der Lochprozess

Das vorhandene Material verbindet beide Begriffe bereits unmittelbar: Innerhalb eines extrem kurzen Abschnitts der Erdgeschichte hat der Mensch seine Eingriffskraft so stark gesteigert, dass aus kleinen lokalen Lochprozessen planetar wirksame Veränderungen werden können. Die 24-Stunden-Uhr zeigt daher nicht nur die Kürze menschlicher Existenz, sondern die Geschwindigkeit des Wachstums seiner Eingriffskapazität.

Damit wird der Lochprozess zeitlich skaliert.

Der kleine Schnitt kann technisch vervielfacht werden.

Vom Spaten zum planetarischen Lochprozess

Ein Spaten öffnet einen kleinen Bereich Boden.

Der Eingriff bleibt unmittelbar wahrnehmbar.

Ein Bagger vervielfacht die Kraft.

Ein Tagebau verändert ganze Landschaftsräume.

Bohrungen greifen tief in geologische Strukturen ein.

Grundwasser kann abgesenkt werden.

Rohstoffströme verbinden Kontinente.

Der Millisekunden-Mensch hat damit nicht nur seine Reichweite vergrößert.

Er hat den Abstand zwischen Tätigkeit und eigener Wahrnehmung ihrer Folgen vergrößert.

Das vorhandene Material führt genau diese Bewegung vom Spaten über Maschine und Bagger bis zum planetaren Lochprozess.

Die Hand sieht ihre Folge – das System möglicherweise nicht

Beim Spaten steht der Mensch unmittelbar am Boden.

Er spürt Widerstand.

Er sieht die Veränderung.

Zwischen Handlung und Folge besteht eine relativ kurze Rückkopplungsstrecke.

Bei globalisierten technischen Systemen kann diese Strecke gewaltig werden.

Der Käufer sieht das Produkt.

Nicht notwendig die Rohstoffgewinnung.

Der Investor sieht eine Rendite.

Nicht notwendig die konkrete Landschaftsveränderung.

Der Nutzer sieht eine digitale Dienstleistung.

Nicht notwendig die dafür erforderliche materielle Infrastruktur.

Damit entstehen räumliche, zeitliche und institutionelle Rückkopplungsdistanzen.

Millisekunden-Technik und langsame Folgen

Eine Entscheidung kann heute sehr schnell umgesetzt werden.

Ihre Folgen können Jahrzehnte oder länger bestehen.

Damit entsteht eine weitere Asymmetrie:

Die Entscheidungszeit kann Millisekunden betragen, während die Folgenzeit Generationen umfassen kann.

Der Millisekunden-Mensch bezeichnet damit nicht nur kurze Vergangenheit.

Er bezeichnet auch das Problem, dass kurzfristige Entscheidungsräume langfristige Wirkungsräume erzeugen.

Zeitliches Verantwortungsloch

Hier verbindet sich der Begriff mit dem Verantwortungsloch.

Ein Mensch entscheidet.

Später ist er nicht mehr im Amt.

Ein Unternehmen verändert seine Eigentümerstruktur.

Eine Generation stirbt.

Die Folge bleibt.

Damit können Verursachungszeit und Verantwortungszeit auseinanderfallen.

Die Frage lautet:

Welche Membran hält Rückkopplung über Zeit aufrecht?

Verortungs-/Zeitanker

Der Millisekunden-Mensch gehört deshalb besonders eng zum Verortungs-/Zeitanker.

Eine Aussage besitzt nicht nur einen Inhalt.

Sie besitzt einen Zeitpunkt.

Eine Tätigkeit besitzt einen Zeitpunkt.

Ihre Konsequenz kann einen anderen Zeitpunkt besitzen.

Eine Regel kann zu einer Zeit sinnvoll erscheinen und unter veränderten Bedingungen untragfähig werden.

Damit wird Zeit zu einem eigenständigen Prüfgegenüber.

Die 24-Stunden-Uhr ist keine Fortschrittskritik schlechthin

Für den wissenschaftlichen Gebrauch muss außerdem eine weitere Fehlinterpretation ausgeschlossen werden.

Die 24-Stunden-Uhr beweist nicht:

Alt ist gut und neu ist schlecht.

Das Alter einer Ordnung ist kein moralisches Qualitätskriterium.

Eine jahrtausendealte gesellschaftliche Praxis kann zerstörerisch oder ungerecht sein.

Eine sehr junge medizinische oder technische Entwicklung kann Leben schützen.

Der Millisekunden-Mensch richtet sich deshalb nicht gegen Neuheit.

Er richtet sich gegen fehlende Maßstabsprüfung.

Zeitliches Alter ist kein Wahrheitsbeweis

Ebenso wenig beweist die lange Existenz eines natürlichen Prozesses, dass er moralisch richtig sei.

Natur kennt Verletzung, Krankheit, Konkurrenz und Tod.

Die Forschungskunst darf deshalb aus der planetarischen Vorgeschichte keine moralische Naturordnung ableiten.

Die Argumentation ist eine andere:

Bestimmte planetarische und biologische Bedingungen besitzen für den Menschen zeitlich vorausliegende und existenziell tragende Bedeutung, unabhängig davon, ob wir sie moralisch bewerten.

Sauerstoff ist nicht moralisch gut.

Der Mensch ist dennoch von ihm abhängig.

Zeitlicher Vorrang ist nicht moralischer Vorrang

Diese Unterscheidung muss für den Millisekunden-Menschen verbindlich werden.

Der vorausliegende Wirkungszusammenhang besitzt einen existentiellen und kausalen Vorrang, aber nicht automatisch einen moralischen Vorrang.

Die Erde muss nicht deshalb geschützt werden, weil alles Alte heilig wäre.

Die Frage lautet:

Welche Bedingungen benötigt das Leben, das wir erhalten wollen, tatsächlich?

Damit wird die 24-Stunden-Uhr von einer Naturromantik getrennt.

Der Millisekunden-Mensch und E1–E4

E1–E4 kann die Zeitproblematik weiter differenzieren.

E1 bezeichnet materielle Wirkungsbedingungen.

E2 lebendige Regulation und Verletzbarkeit.

E3 die menschlich hervorgebrachten Ordnungen.

Der Millisekunden-Mensch erzeugt innerhalb kürzester Zeit eine enorme Dichte von E3-Formen.

Eigentumsordnungen.

Gesetze.

Märkte.

Techniken.

Institutionen.

Digitale Systeme.

Diese Formen können Tätigkeiten steuern, die E1 und E2 verändern.

E4 fragt schließlich:

Ist die Geschwindigkeit unserer Rückkopplung groß genug, um mit der Geschwindigkeit unserer Eingriffe Schritt zu halten?

E4 als Geschwindigkeitsproblem

Damit erhält E4 eine neue Dimension.

Es genügt nicht, dass eine Rückmeldung irgendwann möglich ist.

Sie muss gegebenenfalls rechtzeitig eintreten.

Wenn ein Schaden irreversibel geworden ist, kann eine spätere Einsicht zwar historisch wichtig sein, praktisch aber zu spät kommen.

Das handwerkliche Gegenbild ist wieder deutlich.

Ein Werkstück wird falsch belastet.

Wenn der Fehler früh erkannt wird, kann korrigiert werden.

Nach dem Bruch ist nur noch Reparatur oder Ersatz möglich.

Katastrophe als verspätete Rückkopplung

Der Millisekunden-Mensch kann deshalb mit einer bereits entwickelten Grundform verbunden werden:

Katastrophe kann verspätete Korrektur sein.

Nicht jede Katastrophe ist vermeidbar.

Aber dort, wo Warnungen vorhanden waren und keine ausreichende Rückwirkung erzeugten, wird Zeit selbst zum Bestandteil des Rückkopplungsversagens.

Wissenschaft beschleunigt Erkenntnis

Wissenschaft besitzt in diesem Zusammenhang eine doppelte Bedeutung.

Sie hat die menschliche Eingriffsfähigkeit durch technische Anwendung stark erweitert.

Sie erweitert gleichzeitig die Fähigkeit, Folgen zu messen, zu modellieren und frühzeitig zu erkennen.

Das Problem ist deshalb nicht „Wissenschaft“.

Die entscheidende Frage lautet:

Wie sind Erkenntnis, Technik, Entscheidung und Rückkopplung institutionell miteinander verbunden?

Wissen kann schneller werden als gesellschaftliche Korrektur

Es kann eine Situation entstehen, in der wissenschaftliches Wissen sehr schnell wächst, während politische, wirtschaftliche oder gesellschaftliche Institutionen wesentlich langsamer reagieren.

Dann liegt das Problem nicht mehr im fehlenden Wissen.

Es liegt in der Zeitdifferenz zwischen Erkenntnis und Korrektur.

Der Millisekunden-Mensch macht auch diese Asynchronität sichtbar.

Institutionen besitzen eigene Zeiten

Gesellschaftliche Systeme arbeiten in unterschiedlichen Takten.

Märkte können sehr schnell reagieren.

Gesetzgebung kann Jahre benötigen.

Wissenschaftliche Langzeitbeobachtung benötigt Zeit.

Ökosysteme besitzen andere Regenerationszeiten.

Menschliche Biografien wiederum andere.

Damit existiert nicht eine einzige gesellschaftliche Zeit.

Es existiert ein Plexus unterschiedlicher Zeitlichkeiten.

Zeitplexus

Der Plexusbegriff muss deshalb auch zeitlich verstanden werden.

Beziehungen besitzen nicht nur räumliche, stoffliche oder gesellschaftliche Strukturen.

Sie besitzen Geschwindigkeiten.

Verzögerungen.

Rhythmen.

Regenerationszeiten.

Lebensspannen.

Gedächtnis.

Irreversibilität.

Der Millisekunden-Mensch lebt innerhalb dieses Zeitplexus, behandelt jedoch leicht seine eigene kurzfristige Entscheidungszeit als zentralen Maßstab.

Gegenwart ist nicht die ganze Wirklichkeit

Die Gegenwart besitzt für menschliche Tätigkeit eine besondere Bedeutung.

Nur in der gegenwärtigen Situation kann unmittelbar gehandelt werden.

Aber die gegenwärtige Wahrnehmung enthält nicht automatisch sämtliche zeitlichen Bedingungen einer Tätigkeit.

Boden besitzt Geschichte.

Ein Organismus besitzt Entwicklung.

Eine Institution besitzt Vorgeschichte.

Eine Umweltveränderung kann zeitverzögerte Folgen erzeugen.

Der Millisekunden-Mensch muss deshalb lernen, im Augenblick zu handeln, ohne den Augenblick für die gesamte Zeit zu halten.

Erinnerung, Prognose und Wirklichkeit

Damit müssen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sorgfältig unterschieden werden.

Vergangenheit wird über Dokumente und Erinnerung rekonstruiert.

Gegenwart wird gegenwärtig erfahren und gemessen.

Zukunft wird prognostiziert, erwartet oder vorgestellt.

Der Millisekunden-Mensch benötigt Prognosen, weil viele seiner Tätigkeitsfolgen erst später eintreten.

Er darf Prognosen jedoch nicht mit bereits eingetretener Wirklichkeit verwechseln.

Auch hier bleibt der Prüfanker notwendig.

Archiv als Zeitgegenüber

Das Archiv besitzt deshalb eine besondere Funktion gegenüber dem Millisekunden-Menschen.

Der einzelne Mensch vergisst.

Institutionen vergessen.

Gesellschaftliche Aufmerksamkeit verändert sich.

Dokumente können frühere Aussagen erhalten.

Eine Warnung von vor Jahrzehnten kann mit später eingetretener Wirklichkeit verglichen werden.

Damit verlängert das Archiv die menschliche Rückkopplungsfähigkeit über das unmittelbare Erinnerungsfenster hinaus.

Die eigene Biografie als Millisekundenarchiv

Auch das persönliche Lebenswerk erscheint auf der planetarischen Uhr nur als Millisekundenereignis.

Innerhalb der menschlichen Biografie können fünfzig Jahre jedoch einen außerordentlich umfangreichen Forschungsprozess darstellen.

Beide Maßstäbe müssen gleichzeitig erhalten bleiben.

Das eine relativiert nicht das andere.

Die planetarische Uhr macht die zeitliche Kürze sichtbar.

Das Archiv macht sichtbar, wie viel innerhalb dieser Kürze tatsächlich geschehen kann.

Die documenta im Millisekundenmaßstab

Auch eine documenta dauert nur einen winzigen Moment.

Hundert Tage sind innerhalb der 24-Stunden-Erdzeituhr praktisch kaum darstellbar.

Und trotzdem kann eine solche institutionelle Situation kulturell bedeutsame Wirkungen entfalten.

Damit wird deutlich:

Zeitliche Kürze bedeutet nicht Wirkungslosigkeit.

Gerade deshalb kann eine Ausstellung zum Kristallisationspunkt eines wesentlich längeren Forschungsprozesses werden.

Die documenta 16 als Zeitknoten

Das So-Heits-Atelier müsste deshalb nicht so tun, als beginne die Forschung mit der Eröffnung und ende mit dem Ausstellungsschluss.

Frühere Werkphasen.

Frühere documenta-Bewerbungen.

Die gegenwärtige Bewerbung.

Die Vorbereitung.

Die Ausstellung.

Spätere Rückmeldungen.

Sie bilden einen längeren Zeitstrang.

Die documenta wäre ein verdichteter Zeitknoten innerhalb eines viel längeren Forschungsprozesses.

„Die documenta hat bereits begonnen“

Damit erhält auch die Aussage, dass die documenta für die Verortungskunst bereits mit Bewerbung und Auseinandersetzung begonnen habe, eine methodische Bedeutung.

Nicht die offizielle Ausstellungsdauer allein bestimmt den künstlerischen Prozess.

Die Begegnung zwischen Werk, Institution, Zeitpunkt und Reaktion hat bereits begonnen.

Der Millisekunden-Mensch wird dadurch zugleich auf institutionelle Zeit angewandt.

Der Millisekunden-Mensch und die Skulpturidentität

Skulpturidentität versucht, veränderbare Formen zu verfestigen.

Der Millisekunden-Mensch besitzt dafür eine besonders starke Versuchung.

Weil seine eigene Lebenszeit kurz ist, können gesellschaftliche Ordnungen, die bereits vor seiner Geburt bestanden, ihm sehr alt und selbstverständlich erscheinen.

Eine Institution von 200 Jahren erscheint innerhalb eines 80-jährigen Lebens nahezu dauerhaft.

Auf der Erdzeituhr sind diese 200 Jahre jedoch nur wenige Millisekunden.

Damit kann die 24-Stunden-Uhr gesellschaftliche Skulpturidentitäten zeitlich relativieren.

„Das war schon immer so“

Der Satz:

„Das war schon immer so“

wird dadurch zu einer besonders interessanten Prüfungsformel.

Was bedeutet „immer“?

Seit meiner Kindheit?

Seit der Zeit meiner Eltern?

Seit der Industrialisierung?

Seit der Sesshaftwerdung?

Seit Homo sapiens?

Seit dem Entstehen des Lebens?

Der Millisekunden-Mensch zwingt dazu, das Wort „immer“ zu verorten.

Eigentum im Millisekundenmaßstab

Dasselbe gilt für Eigentum.

Eine Eigentumsordnung kann innerhalb einer Gesellschaft äußerst stabil erscheinen.

Auf der planetarischen Zeitskala bleibt sie eine sehr junge menschliche Hervorbringung.

Das bedeutet nicht, Eigentum sei deshalb falsch.

Es bedeutet:

Seine zeitliche Jugend muss verhindern, dass es mit einer vorausliegenden materiellen Eigenschaft des Bodens verwechselt wird.

Die Eigentumsfolie liegt zeitlich extrem spät auf einem Boden, dessen Entstehungsgeschichte wesentlich älter ist.

Geld

Geld zeigt dieselbe Struktur.

Gesellschaften können ohne bestimmte Geldformen kaum vorstellbar erscheinen, wenn Menschen ihr gesamtes Leben innerhalb dieser Systeme verbracht haben.

Die 24-Stunden-Uhr macht jedoch sichtbar, dass auch diese Ordnungen extrem junge Hervorbringungen des Menschenkunstwerks sind.

Ihre Wirksamkeit ist real.

Ihre Jugend bleibt ebenso real.

Nation und Staat

Dasselbe gilt für Staaten und nationale Identitäten.

Sie besitzen Rechtssysteme, Grenzen, Institutionen und historische Kontinuitäten.

Aber auch sie sind innerhalb planetarischer Zeit sehr junge E3-Strukturen.

Der Millisekunden-Mensch fragt deshalb:

Wann wird eine historisch entstandene menschliche Ordnung so behandelt, als wäre sie eine natürliche und zeitlose Eigenschaft der Wirklichkeit?

Damit verbindet sich der Begriff unmittelbar mit Skulpturidentität und Lochprozess.

Religionen und Weltbilder

Auch religiöse und philosophische Systeme können auf diese Weise zeitlich verortet werden.

Die Frage lautet nicht, ob ihr Alter ihre Wahrheit bestätigt oder widerlegt.

Die 24-Stunden-Uhr kann keine metaphysische Wahrheitsfrage entscheiden.

Sie kann jedoch zeigen, wann innerhalb der planetarischen Geschichte bestimmte menschliche Wirklichkeitsvorstellungen entstehen.

Damit wird ihre historische Hervorbringung sichtbar.

Der Millisekunden-Mensch und die Natur-Kultur-Grenze

Der Begriff hilft auch, die Gegenüberstellung von Mensch und Natur zu prüfen.

Der Mensch erscheint sehr spät innerhalb derselben Wirklichkeitsgeschichte, die später von ihm als „Natur“ bezeichnet wird.

Er entwickelt anschließend kulturelle und technische Formen und kann beginnen, diese als Gegenwelt zur Natur zu behandeln.

Die planetarische Uhr stellt dagegen die zeitliche Beziehung wieder her.

Kultur entsteht innerhalb einer wesentlich älteren Wirklichkeit und nicht außerhalb von ihr.

Keine Rückkehr zu einer vormenschlichen Welt

Daraus folgt jedoch nicht, der Mensch solle zu einem angeblich ursprünglichen Naturzustand zurückkehren.

Eine solche Forderung wäre selbst eine romantische Skulptur.

Der Millisekunden-Mensch kann seine Geschichte nicht rückgängig machen.

Technik, Sprache und Gesellschaft gehören inzwischen zu seiner Wirklichkeit.

Die Frage lautet deshalb nicht:

Wie kehren wir zurück?

Sondern:

Wie werden unsere sehr jungen Hervorbringungen rückkopplungsfähig gegenüber den älteren Tragbedingungen, innerhalb derer sie funktionieren müssen?

Technē-Welt

Damit lässt sich die Technē-Welt genauer bestimmen.

Der Mensch lebt zunehmend innerhalb von selbst hergestellten Umgebungen.

Gebäude.

Straßen.

Versorgungssysteme.

Kommunikationsnetze.

Rechtsordnungen.

Geldsysteme.

Digitale Plattformen.

Diese Technē-Welt kann so umfassend werden, dass sie dem Menschen als seine eigentliche Wirklichkeit erscheint.

Der Millisekunden-Mensch erinnert daran:

Die Technē-Welt ist eine extrem junge Schicht menschlicher Hervorbringungen innerhalb eines wesentlich älteren Wirkungszusammenhangs.

Das bedeutet nicht, dass Technik unwirklich ist

Technische Systeme sind materiell real.

Sie besitzen E1-Eigenschaften.

Sie beeinflussen E2.

Sie werden auf E3 geplant, bewertet und reguliert.

Das Problem besteht deshalb nicht darin, sie „künstlich“ und damit unwirklich zu nennen.

Entscheidend ist ihre Abhängigkeit von vorausliegenden Bedingungen.

Auch das künstlichste System benötigt Material, Energie und tragfähige Umgebungen.

Der Astronaut als Millisekunden-Mensch

Der Astronaut verdichtet diese Beziehung nahezu ideal.

Er ist ein hochentwickeltes Ergebnis extrem junger menschlicher Technikgeschichte.

Er scheint sich von irdischen Bedingungen lösen zu können.

Tatsächlich muss er die für sein plastisches Ich notwendigen Bedingungen technisch mitführen.

Sauerstoff.

Temperatur.

Druck.

Wasser.

Energie.

Die technische E3-/E1-Hervorbringung ersetzt die Tragwirklichkeit nicht.

Sie rekonstruiert einen kleinen tragfähigen Bereich innerhalb einer lebensfeindlichen Umgebung.

Damit wird der Astronaut zum Schlüsselbild des Millisekunden-Menschen.

Die scheinbare Herrschaft über die Tragbedingungen

Der technisch verstärkte Mensch kann durch seine Systeme den Eindruck gewinnen, seine Tragbedingungen kontrollieren zu können.

In begrenzten Zusammenhängen gelingt dies tatsächlich.

Heizung.

Klimatisierung.

Medizin.

Landwirtschaft.

Raumanzug.

Wasserversorgung.

Gerade diese Erfolge können jedoch die weitergehende Vorstellung fördern, Abhängigkeit könne grundsätzlich überwunden werden.

Der Millisekunden-Mensch prüft diese Schlussfolgerung.

Beherrschung ist nicht Unabhängigkeit

Ein Mensch kann Bedingungen technisch regulieren und bleibt dennoch von der Funktionsfähigkeit dieser Regulierung abhängig.

Je stärker eine künstliche Umwelt wird, desto größer kann sogar die Abhängigkeit von ihren technischen Systemen werden.

Der Astronaut zeigt genau dies.

Technische Beherrschung einer Bedingung kann neue Abhängigkeiten erzeugen.

Millisekunden-Mensch und Membran

Damit verbindet sich der Begriff unmittelbar mit der Membran.

Technik stellt zahlreiche künstliche Membranen her.

Gebäude.

Deiche.

Schiffe.

Flugzeuge.

Raumanzüge.

Medizinische Systeme.

Institutionen.

Sie ermöglichen dem Menschen, seinen Handlungsspielraum zu erweitern.

Aber ihre Funktionsfähigkeit hängt von Rückkopplung ab.

Der Millisekunden-Mensch benötigt deshalb nicht weniger Membranen, sondern immer leistungsfähigere Rückkopplungsmembranen.

Der entscheidende Geschwindigkeitsunterschied

Hier liegt vielleicht das wichtigste Problem der heutigen Fassung:

Die menschliche Fähigkeit zur Hervorbringung hat sich schneller entwickelt als seine Fähigkeit, sämtliche Konsequenzen dieser Hervorbringungen wahrzunehmen und institutionell zurückzukoppeln.

Das vorhandene Material beschreibt genau diese Differenz am Beispiel technischer Eingriffssteigerung: Die menschliche Hand erhält zunehmend größere Eingriffsmöglichkeiten, während die unmittelbare Wahrnehmung ihrer Tätigkeitskonsequenzen nicht im gleichen Maß mitwächst.

Damit ist der Millisekunden-Mensch vor allem ein Rückkopplungsproblem der Beschleunigung.

Der Millisekunden-Mensch und 51:49

51:49 kann hier als Störoperator dienen.

Eine minimale Veränderung kann in einem dynamischen System neue Entwicklungen auslösen.

Der Millisekunden-Mensch besitzt inzwischen die technische Fähigkeit, kleine menschliche Entscheidungen sehr stark zu verstärken.

51:49 darf dabei nicht als mathematische Erklärung historischer Prozesse verwendet werden.

Es erinnert lediglich daran, dass Systeme nicht notwendig statisch sind und dass Veränderung unter bestimmten Bedingungen verstärkt werden kann.

Der Millisekunden-Mensch und 1:99

1:99 fügt die Machtfrage hinzu.

Die technische Eingriffsfähigkeit der Menschheit ist nicht gleichmäßig verteilt.

Nicht jeder einzelne Mensch besitzt dieselbe Möglichkeit, Landschaften zu verändern, Ressourcenströme zu organisieren, digitale Systeme zu kontrollieren oder politische Entscheidungen zu beeinflussen.

„Der Mensch“ darf deshalb nicht zu einer abstrakten Gesamtperson gemacht werden.

Die Frage muss lauten:

Wer innerhalb des Menschenkunstwerks besitzt welche Eingriffsmacht – und wer trägt welche Folgen?

Damit wird der Millisekunden-Mensch sozial differenziert.

„Die Menschheit“ darf nicht Verantwortung verwischen

Die Aussage:

„Der Mensch zerstört seine Existenzbedingungen“

ist als Leitfrage sinnvoll.

Sie darf aber nicht verdecken, dass konkrete Tätigkeiten von bestimmten Akteuren, Institutionen und Systemen ausgehen.

Menschen besitzen unterschiedliche Handlungsmacht.

Der Millisekunden-Mensch ist deshalb eine Gattungs- und Zivilisationsfigur, aber keine Entschuldigung für fehlende Verantwortungsdifferenzierung.

Individuum und System

Der einzelne Mensch lebt in Millisekunden.

Er wird in bestehende E3-Systeme hineingeboren.

Diese Systeme prägen seine Handlungsmöglichkeiten.

Er beteiligt sich an ihnen.

Gleichzeitig kann ein einzelner Mensch sie nicht vollständig kontrollieren.

Damit muss die Forschung zwischen individuellem Verhalten und institutioneller Struktur unterscheiden.

Der Millisekunden-Mensch als Künstler des Menschenkunstwerks

Hier verbindet sich der Begriff mit dem Menschenkunstwerk.

Innerhalb extrem kurzer Zeit hat der Mensch seine Wirklichkeit mit eigenen Hervorbringungen überzogen.

Städte.

Grenzen.

Eigentum.

Märkte.

Straßen.

Maschinen.

Staaten.

Medien.

Digitale Systeme.

Der Millisekunden-Mensch ist damit ein außerordentlich schneller Künstler seiner eigenen Lebenswelt.

Die entscheidende Frage lautet jedoch:

Kann er dieses Werk ebenso schnell prüfen und korrigieren, wie er es hervorbringt?

Hervorbringungsgeschwindigkeit und Korrekturgeschwindigkeit

Diese Differenz könnte zu einer zentralen neuen Bestimmung werden.

Ein zivilisationsfähiger Prozess benötigt nicht nur Innovationsfähigkeit.

Er benötigt Korrekturgeschwindigkeit.

Wenn neue Technik in kurzer Zeit global verbreitet werden kann, während unerwünschte Folgen erst Jahrzehnte später institutionell berücksichtigt werden, entsteht ein Zeitloch.

Der Millisekunden-Mensch ist deshalb nicht einfach zu schnell.

Seine Hervorbringungs- und Korrekturgeschwindigkeiten können auseinanderfallen.

Innovation ohne Rückkopplung

Damit erhält der Begriff Innovation eine neue Prüfung.

Neuheit ist kein ausreichendes Kriterium für Fortschritt.

Auch Funktionsfähigkeit allein genügt nicht.

Eine Innovation muss in den größeren Tragzusammenhang gestellt werden.

Was ermöglicht sie?

Was verbraucht sie?

Welche Abhängigkeiten erzeugt sie?

Welche Folgen treten zeitversetzt auf?

Wie korrigierbar ist sie?

Damit wird aus Innovationsfähigkeit Zivilisationsfähigkeit.

Der Millisekunden-Mensch und KI

Mit Künstlicher Intelligenz verschärft sich die Zeitfrage weiter.

Menschen können Texte, Bilder, Programme, Entscheidungen und symbolische Hervorbringungen in einer Geschwindigkeit erzeugen, die frühere Produktionsformen weit übersteigt.

Damit wird insbesondere E3 beschleunigt.

Das vorhandene Material weist darauf hin, dass KI eine zunehmend leistungsfähige zweite Darstellungswelt erzeugen kann und E3 stark beschleunigt, ohne automatisch die entsprechende Rückkopplung an E1 und E2 herzustellen.

Der Millisekunden-Mensch wird dadurch zunehmend zum Millisekunden-Produzenten von Wirklichkeitsdarstellungen.

Millisekunden-KI

Man könnte deshalb von einer zusätzlichen Zuspitzung sprechen:

Der Millisekunden-Mensch erzeugt eine Millisekunden-KI.

Dabei ist nicht gemeint, dass sämtliche technischen Prozesse buchstäblich genau Millisekunden dauern.

Der Ausdruck markiert die extreme Beschleunigung symbolischer Hervorbringung.

Die entscheidende Frage lautet:

Wächst die Geschwindigkeit der Prüfung im gleichen Verhältnis wie die Geschwindigkeit der Produktion?

Repräsentationsgeschwindigkeit und Wirklichkeitsgeschwindigkeit

Eine KI kann innerhalb von Sekunden eine Darstellung erzeugen.

Die Überprüfung, ob ein dargestellter Sachverhalt tatsächlich zutrifft, kann wesentlich länger dauern.

Damit entsteht ein neues Zeitgefälle.

Darstellung kann schneller entstehen als Wirklichkeitsprüfung.

Dieses Gefälle gehört unmittelbar zum Millisekunden-Menschen.

KI als mögliche Rückkopplungsbeschleunigung

Gleichzeitig kann KI helfen, den Rückkopplungsprozess zu beschleunigen.

Sie kann große Textbestände vergleichen.

Sie kann frühere Aussagen wieder auffinden.

Sie kann Widersprüche markieren.

Sie kann unterschiedliche Prüfpfade verbinden.

Damit besitzt KI zwei mögliche Richtungen:

Sie kann Hervorbringung beschleunigen.

Und sie kann Prüfung beschleunigen.

Die zivilisatorische Frage lautet:

Welche der beiden Geschwindigkeiten wächst stärker?

Globale Schwarm-Intelligenz und Langzeitgedächtnis

Die Globale Schwarm-Intelligenz erhält deshalb eine besondere Funktion gegenüber dem Millisekunden-Menschen.

Ein einzelnes menschliches Leben ist kurz.

Eine vernetzte und archivierte Prüfstruktur kann länger bestehen.

Frühere Aussagen können erhalten werden.

Spätere Folgen können zurückgeführt werden.

Andere Generationen können weiterprüfen.

Damit wird die Plattform zu einem möglichen Zeitgedächtnis der Rückkopplung.

Vom individuellen Gedächtnis zum Zivilisationsgedächtnis

Zivilisationsfähigkeit benötigt möglicherweise Formen, durch die eine Gesellschaft länger erinnern kann als ein einzelner Mensch.

Nicht bloß Daten.

Sondern die vollständige Kette:

Welche Entscheidung wurde getroffen?

Welche Erwartung lag ihr zugrunde?

Welche Folge trat ein?

Welche Warnungen waren bekannt?

Welche Korrektur wurde vorgenommen?

Dadurch kann aus Archivierung ein Zivilisationsgedächtnis werden.

Memento mori und der Millisekunden-Mensch

Memento mori erhält innerhalb dieses Begriffs eine besonders starke Bedeutung.

Der einzelne Mensch erlebt seine Biografie als sein gesamtes Leben.

Auf der planetarischen Uhr dauert sie Millisekunden.

Diese Erkenntnis kann leicht in Bedeutungslosigkeit umschlagen.

Genau das wäre jedoch die falsche Konsequenz.

Denn Tätigkeitsfolgen können die eigene Lebenszeit überdauern.

Der Millisekunden-Mensch ist kurzlebig und kann dennoch langfristige Spuren hinterlassen.

Die Verantwortung reicht weiter als die Lebenszeit

Damit entsteht eine grundlegende Asymmetrie:

Der Handelnde kann verschwinden, während die Folge bestehen bleibt.

Das verbindet Millisekunden-Mensch, Memento mori und Verantwortungsbegriff.

Verantwortung kann deshalb nicht ausschließlich an die physische Anwesenheit des ursprünglichen Handelnden gebunden werden.

Institutionen müssen Langzeitfolgen mittragen können.

Der Millisekunden-Mensch ist nicht bedeutungslos, sondern folgenmächtig

Die eigentliche Aussage des Begriffs lautet deshalb nicht:

„Der Mensch ist nur ein winziger Augenblick und deshalb unwichtig.“

Sie lautet:

„Der Mensch ist ein extrem kurzer Vorgang mit einer inzwischen außerordentlich großen Fähigkeit, länger bestehende Bedingungen zu verändern.“

Gerade diese Kombination erzeugt Verantwortung.

Anthropozentrismus als Zeitproblem

Der Begriff kann deshalb auch Anthropozentrismus auf eine besondere Weise prüfen.

Der Mensch erlebt seine eigene Gegenwart verständlicherweise als Zentrum seines Lebens.

Dann kann er beginnen, auch die Weltgeschichte von seiner Gegenwart her zu ordnen.

Alles davor wird Vorgeschichte.

Alles danach Zukunft.

Die 24-Stunden-Uhr verschiebt den Mittelpunkt.

Der Mensch erscheint nicht mehr als zeitlicher Ausgangspunkt.

Er erscheint als sehr spätes Ereignis innerhalb eines vorausliegenden Geschehens.

Das bedeutet keine Menschenfeindlichkeit

Die Dezentrierung des Menschen ist keine Abwertung des Menschen.

Sie ist eine Verortung.

Gerade weil der Mensch innerhalb dieses Zusammenhangs besondere Handlungsmöglichkeiten entwickelt hat, muss er seine Position genauer verstehen.

Die Forschungskunst stellt ihn nicht außerhalb der Welt.

Sie verortet ihn innerhalb ihrer Zeit.

Der Beginn des Menschenkunstwerks

Die planetarische Uhr zeigt dadurch auch, dass das Menschenkunstwerk sehr spät entsteht.

Sprache, Kunst, Werkzeuge und gesellschaftliche Formen entwickeln sich innerhalb eines bereits lange bestehenden Wirkungszusammenhangs.

Der Mensch beginnt dann, eigene Ordnungen über diesen Zusammenhang zu legen.

Die Foliengrammatik erhält damit eine zeitliche Dimension.

Die Folien kommen spät

Ein Boden besteht.

Wasser fließt.

Organismen leben.

Dann erscheint die Eigentumsfolie.

Die Staatsgrenze.

Der Marktwert.

Die Berufsrolle.

Die wissenschaftliche Kategorie.

Die religiöse Deutung.

Die 24-Stunden-Uhr zeigt:

Die Folien kommen sehr spät.

Sie können enorm wirksam werden.

Aber ihr spätes Erscheinen bleibt Teil ihrer Verortung.

Spät bedeutet nicht unwirklich

Auch hier muss wieder die wissenschaftliche Grenze eingehalten werden.

Dass eine gesellschaftliche Ordnung spät entstanden ist, macht sie nicht unwirklich.

Eigentum ist real wirksam.

Staaten sind real wirksam.

Geld ist real wirksam.

Der Millisekunden-Mensch unterscheidet deshalb nicht wirklich und unwirklich nach Alter.

Er unterscheidet Wirklichkeitsweisen und Abhängigkeitsrichtungen.

Tragwirklichkeit und zeitliche Priorität

Bestimmte Bedingungen liegen menschlichen Ordnungen nicht nur zeitlich voraus.

Sie tragen ihre Träger.

Der Mensch kann Eigentumsrechte verändern.

Er kann Geldsysteme verändern.

Er kann Staatsgrenzen verändern.

Er kann aber nicht durch einen E3-Beschluss die grundsätzliche Abhängigkeit seines Organismus von bestimmten E1- und E2-Bedingungen abschaffen.

Damit erhält die zeitliche Kalibrierung eine existentielle Dimension.

Das zentrale Paradox

Der Millisekunden-Mensch lässt sich deshalb auf ein grundlegendes Paradox verdichten:

Je kürzer der Mensch im planetarischen Maßstab erscheint, desto größer ist innerhalb seiner jüngsten Geschichte seine Fähigkeit geworden, Bedingungen zu verändern, die wesentlich älter sind als er selbst und von denen er weiterhin abhängt.

Das ist keine Schuldbehauptung.

Es ist eine Verhältnisbestimmung.

Vom Wissen zur Zivilisationsfähigkeit

Der Mensch kann inzwischen selbst erkennen, wie kurz seine Geschichte ist.

Er kann Erdgeschichte rekonstruieren.

Er kann Klimaveränderungen messen.

Er kann biologische Abhängigkeiten untersuchen.

Er kann langfristige Folgen modellieren.

Damit entsteht die entscheidende Frage:

Warum führt dieses Wissen nicht automatisch zu einer entsprechend rückgekoppelten Ordnung?

Hier trifft der Millisekunden-Mensch die zentrale Leitfrage meiner Forschungskunst.

Wissen reicht nicht

Die 24-Stunden-Uhr soll deshalb nicht nur Wissen vermitteln.

Die Information:

„Homo sapiens erscheint erst in den letzten Sekunden“

ist für sich genommen noch keine Forschungskunst.

Entscheidend wird, was anschließend geschieht.

Welche Ordnung wird dadurch fragwürdig?

Welche Tätigkeit wird überprüft?

Welche gesellschaftliche Selbstverständlichkeit wird zeitlich relativiert?

Welche Konsequenz folgt daraus?

Erst dann wird aus Information ein Prüfoperator.

Der Millisekunden-Mensch und der Prüfanker

Der Prüfanker fragt deshalb:

Was habe ich als dauerhaft bezeichnet?

Seit wann existiert es tatsächlich?

Welche vorausliegenden Bedingungen benötigt es?

Welche Tätigkeit folgt daraus?

Welche Folgen besitzen eine wesentlich längere Zeitspanne als meine Entscheidung?

Welche Rückmeldung könnte meine kurzfristige Perspektive korrigieren?

Damit wird die planetarische Uhr zum Bestandteil des Begriffshandwerks.

Eine neue Frage: Wie alt ist meine Selbstverständlichkeit?

Eine besonders einfache Mitmachfrage könnte deshalb lauten:

Wie alt ist das, was für mich selbstverständlich erscheint?

Mein Beruf.

Meine Geldform.

Meine Eigentumsvorstellung.

Meine nationale Ordnung.

Mein technisches Gerät.

Meine Vorstellung von Arbeit.

Mein Freiheitsbegriff.

Die Frage zielt nicht darauf, das Alte dem Neuen vorzuziehen.

Sie stellt Selbstverständlichkeit in Zeit.

Das Mitmachbuch als Zeitwerkstatt

Im Mitmachbuch kann der Benutzer eine eigene alltägliche Selbstverständlichkeit auswählen.

Dann wird sie auf der planetarischen Uhr verortet.

Wie alt ist der Gegenstand?

Wie alt ist die technische Form?

Wie alt die gesellschaftliche Regel?

Welche älteren Bedingungen benötigt sie?

Welche Folgen besitzt sie?

Damit wird Zeit vom Hintergrund zur Arbeitsfläche.

Foliengrammatik des Millisekunden-Menschen

Auch bildnerisch sollte der Millisekunden-Mensch nicht nur über eine lange Zeitlinie erklärt werden.

Die Foliengrammatik kann zeigen, wie spät bestimmte menschliche Ordnungen auf einen wesentlich älteren Zusammenhang aufgelegt werden.

Die unterste Folie zeigt Erd- beziehungsweise Plexusgeschichte.

Später erscheint der Mensch.

Noch später Landwirtschaft und dauerhaftere gesellschaftliche Ordnungen.

Ganz am Ende erscheinen industrielle, technische und digitale Systeme.

Die visuelle Verdichtung muss dabei deutlich machen:

Je näher wir der Gegenwart kommen, desto dichter werden die menschlichen Folien – und desto kürzer wird die dafür verfügbare Zeit.

Die Gefahr einer linearen Fortschrittsgeschichte

Eine solche Darstellung darf jedoch nicht automatisch den Eindruck erzeugen, Geschichte verlaufe linear vom Einfachen zum Besseren.

Der Zeitpfeil zeigt zeitliche Abfolge.

Er beweist keine moralische Verbesserung.

Technischer Fortschritt ist reale Fähigkeitssteigerung.

Zivilisatorischer Fortschritt muss zusätzlich an Trag- und Verletzungsfolgen geprüft werden.

Technikfortschritt und Zivilisationsfortschritt

Damit kann eine wichtige Unterscheidung vorgenommen werden.

Technischer Fortschritt kann die Eingriffskapazität erhöhen.

Zivilisationsfortschritt müsste zugleich die Fähigkeit erhöhen, die Folgen dieser Eingriffe zu erkennen, zurückzukoppeln und gegebenenfalls zu korrigieren.

Wenn nur die erste Fähigkeit wächst, entsteht ein Ungleichgewicht.

Der Millisekunden-Mensch macht dieses Verhältnis sichtbar.

Die mögliche Formel der Beschleunigungsasymmetrie

Eine zentrale neue Verdichtung könnte deshalb lauten:

Die Eingriffskapazität des Menschen ist schneller gewachsen als seine institutionalisierte Rückkopplungskapazität.

Dies ist als Forschungsthese zu behandeln, nicht als unbesehenes universelles Gesetz.

Sie muss an konkreten Fällen geprüft werden.

Aber sie beschreibt präzise die Fragestellung des Millisekunden-Menschen.

Der Millisekunden-Mensch im So-Heits-Atelier

Im So-Heits-Atelier sollte der Begriff deshalb nicht als bloße große Zeittafel an der Wand erscheinen.

Er muss mit Tätigkeiten verbunden werden.

Der Besucher sieht die planetarische Uhr.

Dann begegnet er dem Spaten.

Dem Baggerbild.

Dem Eigentumsquadratmeter.

Dem Astronauten.

Dem Gold.

Dem digitalen System.

Dadurch stellt sich jeweils dieselbe Frage:

Wann entstand diese menschliche Hervorbringung – und in welchen wesentlich älteren Wirkungszusammenhang greift sie ein?

Zeitmaß und Handmaß

Eine besonders starke künstlerische Verbindung entsteht zwischen Uhr und Hand.

Die Hand ist unmittelbar.

Die Uhr zeigt Milliarden Jahre.

Der Mensch besitzt einen Körper mit begrenzter Reichweite und zugleich Werkzeuge mit wachsender Eingriffskraft.

Das So-Heits-Atelier könnte dadurch zwei Maßstäbe miteinander konfrontieren:

Handmaß und Erdzeitmaß.

Das ist eine präzise bildnerische Form des Millisekunden-Menschen.

Der Astronaut, die Uhr und der Feuerkäfig

Auch Astronaut, Feuerkäfig und 24-Stunden-Uhr lassen sich verbinden.

Der Astronaut zeigt technisch erzeugte scheinbare Unabhängigkeit.

Der Feuerkäfig zeigt das mögliche Festhalten an einer selbst hervorgebrachten Ordnung trotz vorhandener Auswege.

Die Uhr zeigt die extreme Jugend dieser Ordnungen.

Gemeinsam entsteht die Frage:

Warum behandelt ein extrem spätes, hochgradig abhängiges Lebewesen seine jüngsten Hervorbringungen mitunter als unveränderliche Wirklichkeit?

Kein Schuldkäfig

Dabei darf das Atelier den Besucher nicht moralisch in einen Schuldraum setzen.

Der Einzelne hat die gesamte technische Zivilisation nicht geschaffen.

Er wird in bestehende Systeme hineingeboren.

Das Mitprüfen beginnt deshalb nicht mit Schuldzuweisung.

Es beginnt mit Verortung:

Wo befinde ich mich?

Woran wirke ich mit?

Welche Möglichkeiten besitze ich?

Welche Entscheidungen liegen außerhalb meiner Macht?

Wo müsste institutionelle Rückkopplung verändert werden?

Der Millisekunden-Mensch als Selbstverortung

Damit wird der Begriff von einer Anklage zu einem Verortungsinstrument.

Der Besucher sieht sich selbst auf mehreren Zeitskalen gleichzeitig.

Als lebender Organismus.

Als biografischer Mensch.

Als Mitglied einer Gesellschaft.

Als Teil von Homo sapiens.

Als äußerst spätes Ereignis der Erdgeschichte.

Alle diese Perspektiven gehören gleichzeitig zu seiner Wirklichkeit.

Zivilisationsfähigkeit im Zeitmaßstab

Zivilisationsfähigkeit erhält dadurch eine neue Definition.

Sie bedeutet nicht nur, Tätigkeitsfolgen überhaupt wahrnehmen zu können.

Sie bedeutet auch, Zeithorizonte miteinander vermitteln zu können.

Kurzfristige Bedürfnisse.

Biografische Zeit.

Politische Wahlperioden.

Wirtschaftliche Investitionszeiträume.

Regenerationszeiten von Organismen und Ökosystemen.

Generationenfolgen.

Planetarische Zeit.

Eine zivilisationsfähige Ordnung müsste verhindern, dass der jeweils kürzeste Entscheidungszeitraum sämtliche längeren Wirkungszeiträume beherrscht.

Der Millisekunden-Mensch und die So-Heits-Gesellschaft

Damit verändert sich auch die Vorstellung einer So-Heits-Gesellschaft.

Sie kann keine zeitlose richtige Gesellschaft sein.

Auch sie wäre eine junge E3-Hervorbringung.

Ihre besondere Qualität müsste gerade darin bestehen, ihre eigene Vorläufigkeit und Zeitlichkeit institutionell anzuerkennen.

Sie wäre keine Endgesellschaft.

Sie wäre eine Gesellschaft mit Rückkopplungsgedächtnis.

Kein endgültiges Zukunftsmodell

Der Millisekunden-Mensch widerspricht deshalb jeder Vorstellung, heute eine für alle Zukunft endgültige Ordnung herstellen zu können.

Die Welt verändert sich.

Wissen verändert sich.

Menschen verändern sich.

Technische Möglichkeiten verändern sich.

Eine zivilisationsfähige Ordnung benötigt deshalb langfristige Kontinuität und zugleich institutionalisierte Korrigierbarkeit.

Millisekunden-Mensch und Memento mori

Memento mori bringt diese Frage auf die persönliche Ebene zurück.

Meine Zeit ist kurz.

Das kann zu zwei gegensätzlichen Reaktionen führen.

Man könnte daraus schließen:

„Dann muss ich möglichst schnell möglichst viel für mich selbst erreichen.“

Oder:

„Gerade weil meine Zeit kurz ist, muss ich fragen, welche Spuren meiner Tätigkeiten über meine eigene Zeit hinaus weiterwirken.“

Der Millisekunden-Mensch eröffnet die zweite Frage, ohne die erste moralisch zu verbieten.

Das Lebenswerk in Millisekunden

Auch ein fünfzigjähriges künstlerisches Lebenswerk erscheint innerhalb planetarischer Zeit nur als nahezu unsichtbarer Augenblick.

Innerhalb der menschlichen Kultur kann es dennoch umfangreich sein.

Damit wird der Wert des Lebenswerks nicht durch seine Dauer bestimmt.

Entscheidend ist, welche Beziehungen, Fragen und Rückkopplungen es ermöglicht.

Nach dem Millisekunden-Menschen

Die Schwarm-Rückkopplung erhält deshalb eine existenzielle Funktion.

Der einzelne Millisekunden-Mensch verschwindet.

Andere kommen.

Wenn die Prüfverfahren ausschließlich an seine Person gebunden waren, enden sie.

Wenn sie dokumentiert, kritisierbar und fortsetzbar bleiben, kann die Forschung über die persönliche Lebenszeit hinaus fortgeführt werden.

Damit verbindet sich der Millisekunden-Mensch unmittelbar mit Memento mori und Globaler Schwarm-Intelligenz.

Der Begriff darf nicht zur Weltuntergangsfigur werden

Eine weitere wichtige Begrenzung ist notwendig.

Der Millisekunden-Mensch darf nicht automatisch als apokalyptische Figur behandelt werden.

Die 24-Stunden-Uhr beweist keinen bevorstehenden Untergang.

Sie ist keine Prognose.

Sie zeigt Größenverhältnisse.

Welche zukünftigen Entwicklungen tatsächlich eintreten, muss empirisch untersucht werden.

Der Begriff darf deshalb nicht von der Kalibrierung zur Prophezeiung springen.

Warnung und Prognose unterscheiden

Forschungskunst kann Risiken sichtbar machen.

Sie kann historische Entwicklungen vergleichen.

Sie kann Szenarien entwerfen.

Aber sie muss unterscheiden zwischen:

einer bereits eingetretenen Folge,

einem empirisch begründeten Risiko,

einer Prognose,

einer künstlerischen Analogie

und einer offenen Zukunftsmöglichkeit.

Gerade der Verortungs-/Zeitanker verlangt diese Differenz.

Der Begriff darf nicht zur Anthropozän-Ersatztheorie werden

Der Millisekunden-Mensch ist auch keine eigenständige geologische Theorie und soll etablierte wissenschaftliche Debatten über Anthropozän, Erdgeschichte oder Menschheitsentwicklung nicht ersetzen.

Er ist ein künstlerischer Kalibrierungsbegriff.

Seine Stärke liegt darin, sehr unterschiedliche Zeitskalen anschaulich gegeneinanderzustellen und daraus Prüfungsfragen für menschliche Hervorbringungen abzuleiten.

Wissenschaftliche Stärke durch Begrenzung

Gerade diese Selbstbegrenzung erhöht seine wissenschaftliche Brauchbarkeit.

Der Begriff muss nicht beweisen, dass alle gesellschaftlichen Probleme aus Zeitblindheit entstehen.

Er muss nur zeigen können, wo eine zeitliche Maßstabsverwechslung tatsächlich vorliegt.

Wann wird eine junge Ordnung als naturgegeben behandelt?

Wann überschreitet Eingriffsgeschwindigkeit Regenerationsgeschwindigkeit?

Wann ist der Folgenzeitraum länger als der Verantwortungszeitraum?

Wann reagiert eine Institution langsamer als der von ihr erzeugte Veränderungsprozess?

Dann besitzt der Begriff analytische Schärfe.

Der Millisekunden-Mensch ist ein Prozessbegriff

Auch hier ist es deshalb besser, nicht zu sagen:

„Der Mensch ist der Millisekunden-Mensch.“

Präziser lautet die Aussage:

„Der Begriff Millisekunden-Mensch macht eine bestimmte zeitliche Lage und eine bestimmte Form menschlicher Selbst- und Tätigkeitsverortung sichtbar.“

Menschen sind nicht auf diesen Begriff reduzierbar.

Er markiert eine Relation.

Die zentrale Zeitrelation

Diese Relation lässt sich folgendermaßen bestimmen:

extrem kurze individuelle und zivilisatorische Zeit – extrem alte Tragbedingungen – stark beschleunigte technische Eingriffskapazität – teilweise sehr langfristige Tätigkeitsfolgen.

Der Millisekunden-Mensch entsteht als Prüfbegriff genau aus dieser Spannung.

Selbstprüfung des Begriffs

Auch der Millisekunden-Mensch muss selbstverständlich seinem eigenen Prüfverfahren unterliegen.

Warum wurde gerade die Erdgeschichte auf 24 Stunden skaliert?

Welche anderen Zeitmaßstäbe wären möglich?

Welche Wirkung erzeugt die dramatische Zahl der Millisekunden?

Wo hilft sie?

Wo übertreibt sie?

Welche gesellschaftlichen Unterschiede verdeckt der Gattungsbegriff „Mensch“?

Welche historischen Datierungen wurden zugrunde gelegt?

Welche Veränderung dieser Datierungen verändert die Bildaussage?

Diese Fragen gehören zum Begriff.

Die 24-Stunden-Uhr ist selbst eine Folie

Damit wird deutlich:

Auch die planetarische Uhr ist eine Folie.

Sie ist nicht die Erdgeschichte selbst.

Sie ist eine proportionale Darstellung.

Sie macht bestimmte Beziehungen außerordentlich gut sichtbar.

Andere macht sie unsichtbar.

Sie zeigt Dauerverhältnisse.

Sie zeigt nicht automatisch Komplexität, Bedeutung oder Kausalität.

Gerade deshalb muss sie als Folie kenntlich bleiben.

Die Uhr darf nicht zur Skulptur werden

Wenn die 24-Stunden-Uhr als endgültige Erklärung der Menschheitsgeschichte behandelt würde, hätte sie ihren eigenen Sinn verloren.

Sie muss beweglich bleiben.

Andere Zeitmaßstäbe dürfen danebenstehen.

Geologische Perioden.

Biologische Entwicklung.

Kulturgeschichte.

Individuelle Biografie.

Die Stärke der Uhr entsteht aus der Gegenüberstellung, nicht aus ihrem Alleinvertretungsanspruch.

Stellung innerhalb der festgelegten Ankerstruktur

Der Millisekunden-Mensch bleibt deshalb bewusst kein eigener Anker.

Er ist ein zentrales Zeit- und Kalibrierungsmodell innerhalb der bestehenden Anker.

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker zeigt den wesentlich älteren vorausliegenden Wirkungszusammenhang.

Der Tätigkeitskonsequenzanker zeigt, wie der späte Mensch in diesen Zusammenhang eingreift.

Der Verortungs-/Zeitanker bildet seine eigentliche methodische Heimat.

Der Prüfanker fragt, welche jungen Hervorbringungen fälschlich zeitlos gemacht werden.

Der Lochprozess zeigt das entstehende Maßstabsloch.

Die Membran fragt, wie Rückkopplung über unterschiedliche Zeiträume erhalten werden kann.

E1–E4 unterscheidet die älteren materiellen und lebendigen Tragbedingungen von den sehr jungen E3-Ordnungen und fragt mit E4 nach rechtzeitiger Korrektur.

Die Skulpturidentität zeigt, wie junge Rollen und Ordnungen als unveränderliche Wesensformen erscheinen können.

Das plastische Ich zeigt dagegen den zeitlichen und veränderlichen Menschen.

Die Foliengrammatik macht die zeitlichen Überlagerungen sichtbar.

Das Mitmachbuch macht sie individuell prüfbar.

Das So-Heits-Atelier bringt die verschiedenen Zeitmaßstäbe räumlich zusammen.

KI und Globale Schwarm-Intelligenz können schließlich helfen, Rückkopplung über die Millisekunden einer individuellen Biografie hinaus fortzusetzen.

Verdichtung des Millisekunden-Menschen

Der Millisekunden-Mensch lässt sich schließlich in folgender Grundform zusammenfassen:

Der Millisekunden-Mensch ist innerhalb meiner Forschungskunst ein künstlerisches Zeit- und Kalibrierungsmodell für die extreme Kürze menschlicher Lebens-, Kultur- und Technikgeschichte gegenüber den wesentlich älteren materiellen, biologischen und planetarischen Bedingungen, innerhalb derer der Mensch entstanden ist und von denen er weiterhin abhängt. Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde macht diese Relation anschaulich. Während Homo sapiens in diesem Modell ungefähr in den letzten sechs Sekunden erscheint, entspricht die Lebenszeit eines einzelnen Menschen nur wenigen Millisekunden. Auch Industrialisierung und jüngste technische Beschleunigung fallen in einen Millisekundenbereich. Gerade innerhalb dieses extrem kurzen Zeitraums hat der Mensch jedoch seine technische und institutionelle Eingriffskapazität außerordentlich gesteigert und Hervorbringungen geschaffen, deren Folgen seine eigene Lebenszeit und seine unmittelbare Wahrnehmungsreichweite weit überschreiten können.

Die kürzeste Formel lautet:

Der Millisekunden-Mensch ist zeitlich extrem spät und wirkungsmächtig extrem schnell.

Im Verhältnis zur 24-Stunden-Uhr:

Die Uhr verkleinert nicht den Menschen; sie vergrößert den Zeitmaßstab, in dem seine Selbstverständlichkeiten geprüft werden können.

Im Verhältnis zum Maßstabsloch:

Der Millisekunden-Mensch verwechselt seine kurze Erlebniszeit leicht mit dem Zeitmaß derjenigen Wirklichkeit, von der er abhängt.

Im Verhältnis zur Technik:

Die menschliche Hand blieb körperlich begrenzt, ihre technisch organisierte Eingriffskapazität wurde jedoch in kürzester Zeit massiv erweitert.

Im Verhältnis zum plastischen Ich:

Der technische Mensch beschleunigt seine Hervorbringungen, während sein lebender Organismus weiterhin an Stoffwechsel, Verletzbarkeit, Regulation und begrenzte Lebenszeit gebunden bleibt.

Im Verhältnis zu E1–E4:

Sehr junge E3-Ordnungen können innerhalb von Millisekunden der planetarischen Uhr Tätigkeiten organisieren, die wesentlich ältere E1- und E2-Tragbedingungen verändern; E4 fragt, ob ihre Rückkopplung rechtzeitig genug ist.

Im Verhältnis zum Lochprozess:

Das Zeitloch entsteht dort, wo kurzfristige menschliche Ausschnitte ihre langfristigen Voraussetzungen und Folgen aus dem Rückkopplungsraum verlieren.

Im Verhältnis zur Skulpturidentität:

Was einem Menschen während seiner gesamten Lebenszeit als selbstverständlich und unveränderlich erscheint, kann auf der planetarischen Uhr eine wenige Millisekunden alte gesellschaftliche Hervorbringung sein.

Im Verhältnis zur Zivilisationsfähigkeit:

Zivilisationsfähigkeit verlangt, dass die Geschwindigkeit menschlicher Hervorbringung nicht dauerhaft größer wird als die Fähigkeit, deren Folgen wahrzunehmen, zurückzukoppeln und rechtzeitig zu korrigieren.

Und im Verhältnis zum Menschenkunstwerk:

Der Millisekunden-Mensch hat innerhalb eines nahezu unsichtbaren Augenblicks der Erdgeschichte ein gewaltiges Menschenkunstwerk hervorgebracht. Die entscheidende Frage lautet nicht mehr nur, was er noch alles herstellen kann, sondern ob er schnell genug lernen kann, sein eigenes Werk an den Bedingungen zu prüfen und zu korrigieren, von denen seine Künstler und Bewohner weiterhin abhängig bleiben.

Daraus ergibt sich die zentrale Prüfungsfrage des Begriffs:

Welchen Wirklichkeitsrang gebe ich einer menschlichen Ordnung, die innerhalb der planetarischen Zeit erst seit Millisekunden existiert, wenn meine eigene lebendige Existenz zugleich von Bedingungen abhängt, die ihr um Milliarden Jahre vorausliegen?

Unmittelbar daran schließt sich die Tätigkeitsfrage an:

Wie groß ist die Zeitspanne zwischen meiner Entscheidung und ihrer Wirkung, wie lange bleibt die Wirkung bestehen, und besitzt das Menschenkunstwerk eine Rückkopplungsmembran, die schnell genug reagieren kann, bevor aus einer korrigierbaren Veränderung eine irreversible Folge wird?

Die präziseste Verdichtung lautet deshalb:

Der Millisekunden-Mensch bezeichnet nicht die Bedeutungslosigkeit des Menschen, sondern das Missverhältnis zwischen seiner extrem kurzen planetarischen Anwesenheit, seiner extrem schnell gewachsenen Eingriffsmacht und der vergleichsweise langsamen Wirklichkeit vieler Trag-, Regenerations- und Rückkopplungsprozesse.

Gerade deshalb wird die Zeit selbst zum Prüfoperator der Forschungskunst.

Eine wichtige Präzisierung sollte künftig verbindlich bleiben: „Homo sapiens = etwa sechs Sekunden“ und „Millisekunden-Mensch“ sind kein Widerspruch. Die ungefähr sechs Sekunden beziehen sich auf die bisherige Existenz von Homo sapiens im 24-Stunden-Modell; die Millisekunden werden besonders anschaulich für eine individuelle Lebensspanne sowie Industrialisierung und jüngste technische Beschleunigung. Damit erhält der Begriff eine wesentlich genauere wissenschaftliche Grundlage und zugleich eine stärkere künstlerische Aussage.

.................

Die Vergoldungswelt sollte jetzt wesentlich weiter gefasst werden als nur die tatsächliche Vergoldung eines Gegenstandes. Der materielle Vorgang des Vergoldens ist vielmehr das Urbild einer größeren gesellschaftlichen Operation: Ein vorhandener Träger bleibt bestehen, aber über ihn wird eine zusätzliche Wert-, Bedeutungs- oder Rangordnung gelegt. Das vorhandene Material beschreibt genau diese Doppelbewegung: Physikalisch verändert die Vergoldung zunächst vor allem die Oberfläche; gesellschaftlich können sich Wert, Prestige, Besonderheit und Bedeutung des Gegenstandes dagegen erheblich verändern.

Vergoldungswelt

Wenn menschlich erzeugte Wert-, Rang- und Bedeutungsordnungen die Tragwirklichkeit überlagern

Die Vergoldung als materielles, bildnerisches und gesellschaftliches Prüfmodell der Forschungskunst

Funktion des Begriffs „Vergoldungswelt“

Der Begriff Vergoldungswelt bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst keine Welt, in der buchstäblich alles mit Gold überzogen wäre. Er bezeichnet einen Vorgang menschlicher Wirklichkeitsherstellung, bei dem ein bereits vorhandener materieller, lebendiger oder gesellschaftlicher Zusammenhang mit einer zusätzlichen Wert-, Bedeutungs-, Rang- oder Geltungsform überzogen wird und diese aufgetragene Form schließlich so wirksam werden kann, dass sie die Wahrnehmung des darunterliegenden Trägers bestimmt.

Die Vergoldung ist dafür ein besonders präzises künstlerisches Modell.

Ein Gegenstand bleibt materiell zunächst weitgehend derselbe Gegenstand.

Eine dünne Goldschicht wird hinzugefügt.

Seine Masse verändert sich möglicherweise nur geringfügig.

Seine Gebrauchsfunktion kann nahezu gleich bleiben.

Gesellschaftlich kann jedoch etwas Erhebliches geschehen.

Der Gegenstand erscheint wertvoller.

Er wird besonders behandelt.

Er erhält Prestige.

Er kann geschützt, gesammelt, versichert, ausgestellt oder zum Statusobjekt werden.

Damit wird unmittelbar sichtbar, dass materielle Veränderung und gesellschaftliche Bedeutungsveränderung nicht dasselbe sind.

Das vorhandene Arbeitsmaterial bringt diese Differenz bereits auf den entscheidenden Punkt: Ein gewöhnlicher Gegenstand kann teilweise vergoldet werden; physikalisch bleibt sein Träger bestehen, während sich sein gesellschaftlicher Wert radikal verändern kann. Der entscheidende Wertzuwachs entsteht damit nicht notwendig aus der geringen hinzugefügten Materialmenge, sondern innerhalb von E3.

Die Vergoldungswelt ist deshalb in ihrer präzisesten Form eine Prüffigur für die Macht menschlicher Zuschreibung.

Keine Kritik am Gold selbst

Eine wissenschaftlich tragfähige Fassung muss zunächst ein Missverständnis ausschließen.

Gold ist nicht das Problem.

Gold besitzt physikalische und chemische Eigenschaften.

Es ist ein materieller Stoff.

Menschen können ihn technisch verarbeiten.

Er kann für unterschiedliche Zwecke verwendet werden.

Die Forschungskunst behauptet deshalb nicht, Gold sei an sich schlecht, künstlich oder gesellschaftlich verderblich.

Entscheidend ist vielmehr, was Menschen mit Gold verbinden.

Gold kann zum Zeichen für Wert, Reinheit, Besonderheit, Macht, Dauerhaftigkeit, Heiligkeit, Reichtum oder Unvergänglichkeit werden. Das vorhandene Material weist genau auf diese Doppelstruktur hin: Gold lebt nicht und regeneriert sich nicht, besitzt aber bestimmte materielle Eigenschaften und ist zugleich gesellschaftlich stark mit Vorstellungen von Wert, Reinheit, Macht und Dauerhaftigkeit verbunden.

Die Forschungskunst untersucht also nicht das Gold als Schuldigen.

Sie untersucht die Vergoldungsoperation.

Die Vergoldungsoperation

Die elementare Bewegung lautet:

Ein Träger ist vorhanden.

Eine zusätzliche Oberfläche wird aufgebracht.

Diese Oberfläche verändert die Wahrnehmung des Trägers.

Der Träger bleibt darunter bestehen.

Die hinzugefügte Oberfläche erhält jedoch möglicherweise einen höheren gesellschaftlichen Rang als dasjenige, was sie bedeckt.

Aus diesem einfachen materiellen Vorgang lässt sich eine allgemeine Prüfoperation entwickeln.

Ein Mensch besitzt einen Körper.

Darüber wird ein gesellschaftlicher Status gelegt.

Ein Boden besitzt materielle und biologische Eigenschaften.

Darüber wird ein Eigentumswert gelegt.

Ein Gegenstand besitzt eine Gebrauchsfunktion.

Darüber wird ein Marktpreis gelegt.

Ein Mensch übernimmt eine Rolle.

Darüber wird Prestige gelegt.

Ein Kunstwerk besteht aus Material, Arbeit und Geschichte.

Darüber wird eine institutionelle Wertordnung gelegt.

Eine religiöse Vorstellung erhält Heiligkeit.

Eine gesellschaftliche Position erhält Würde.

Ein Besitz erhält symbolischen Rang.

Die Vergoldungswelt beginnt dort, wo solche aufgelegten Wertformen die Wahrnehmung des darunterliegenden Wirkungszusammenhangs dominieren.

Vergoldung ist nicht bloße Illusion

Dabei muss ein weiterer Fehler vermieden werden.

Die Vergoldungswelt ist nicht einfach eine Welt des Scheins, hinter der irgendwo eine allein „wahre Wirklichkeit“ verborgen läge.

Eine gesellschaftliche Wertzuschreibung kann außerordentlich real wirksam sein.

Ein vergoldeter Gegenstand kann tatsächlich einen höheren Marktwert besitzen.

Ein gesellschaftlicher Titel kann tatsächlich Türen öffnen.

Eigentum kann reale Verfügungsrechte erzeugen.

Geld kann tatsächliche Tätigkeiten ermöglichen.

Religiöse Symbole können Verhalten organisieren.

Prestige kann Zugang zu Institutionen beeinflussen.

Die Vergoldung ist deshalb nicht unwirklich.

Sie ist anders wirklich.

Genau hier liegt ihre Verbindung zu E1–E4.

Vergoldungswelt und E1

Auf E1 geschieht bei einer tatsächlichen Vergoldung zunächst ein materieller Vorgang.

Ein Trägermaterial ist vorhanden.

Darauf wird Gold oder ein goldhaltiges beziehungsweise goldähnliches Material aufgebracht.

Die Oberfläche verändert sich.

Masse, Reflexion, Leitfähigkeit oder andere materielle Eigenschaften können sich entsprechend der konkreten Ausführung verändern.

Diese E1-Veränderung muss vom gesellschaftlichen Bedeutungszuwachs unterschieden werden.

Denn aus der hinzugefügten Materialmenge allein folgt nicht notwendig der gesamte gesellschaftliche Wertzuwachs.

Vergoldungswelt und E2

Auf E2 wird die Unterscheidung noch deutlicher.

Gold besitzt selbst keinen Stoffwechsel.

Es wächst nicht.

Es heilt nicht.

Es empfindet keine Verletzung.

Ein lebender Organismus dagegen ist auf Stoffwechsel, Regulation, Umweltbedingungen und Regeneration angewiesen.

Gerade deshalb kann die Vergoldung eines lebenden oder symbolisch dargestellten Körpers eine besondere Spannung erzeugen.

Die Oberfläche suggeriert Dauerhaftigkeit.

Der darunterliegende Organismus bleibt vergänglich.

Die Oberfläche kann Unverletzlichkeit oder Erhabenheit symbolisieren.

Der Körper bleibt verletzbar.

Damit entsteht eine grundlegende Paradoxie der Vergoldungswelt:

Die Oberfläche kann Dauer behaupten, während der Träger zeitlich bleibt.

Vergoldungswelt und E3

Ihre eigentliche gesellschaftliche Kraft entfaltet die Vergoldungswelt auf E3.

Hier entstehen Wert.

Prestige.

Status.

Eigentum.

Heiligkeit.

Rang.

Marktpreis.

gesellschaftliche Besonderheit.

institutionelle Anerkennung.

Diese Zuschreibungen können die Wahrnehmung eines Gegenstandes oder Menschen tiefgreifend verändern.

Das vorhandene Material formuliert deshalb die Vergoldung ausdrücklich als Material der dritten Ebene: Der Gegenstand bleibt materiell vorhanden, während gesellschaftlich Wert, Besonderheit und Bedeutung hinzukommen.

Die zentrale E3-Frage lautet:

Was wurde dem vorhandenen Träger hinzugegeben, das nicht einfach mit seiner materiellen Veränderung identisch ist?

E4 als Vergoldungsprüfung

E4 stellt anschließend die entscheidende Rückfrage.

Welche Tätigkeiten entstehen aufgrund der Wertzuschreibung?

Was wird geschützt?

Was wird ausgebeutet?

Was wird gekauft?

Was wird geopfert?

Was wird vernachlässigt?

Welche Ressourcen werden verwendet?

Welche Menschen erhalten Handlungsmacht?

Welche verlieren sie?

Welche materiellen und lebendigen Folgen entstehen?

Und können diese Folgen wiederum den zugeschriebenen Wert verändern?

Damit wird aus der Vergoldungswelt kein allgemeines kulturkritisches Urteil.

Sie wird prüfbar.

Der zentrale Unterschied zwischen Träger und Auflage

Die Foliengrammatik hilft, diese Struktur besonders einfach zu verstehen.

Unten liegt ein Träger.

Darüber liegt eine Folie.

Die Folie kann wieder entfernt werden.

Die Vergoldung funktioniert zunächst ähnlich.

Sie legt eine zusätzliche Schicht über einen vorhandenen Zusammenhang.

Aber die Vergoldung besitzt gegenüber der transparenten Folie eine besondere Eigenschaft:

Sie kann den Träger verdecken.

Damit erhält Gold innerhalb meiner Forschungskunst eine stärkere diagnostische Funktion als eine gewöhnliche transparente Folie.

Die Folie sagt:

„Hier wurde etwas hinzugefügt.“

Die Vergoldung kann dagegen den Eindruck erzeugen:

„Das, was du jetzt siehst, ist das eigentliche Wesen.“

Genau darin liegt ihre Gefahr und ihre künstlerische Stärke.

Die Oberfläche wird zum Wesen

Eine der zentralen Bewegungen der Vergoldungswelt lautet deshalb:

Die Oberfläche erklärt sich zum eigentlichen Wesen.

Der Träger bleibt vorhanden.

Aber seine Bedingungen verschwinden hinter der Aufwertung.

Ein Mensch besitzt einen lebenden Körper.

Der gesellschaftliche Status wird wichtiger als seine Verletzbarkeit.

Ein Boden besitzt ökologische und materielle Bedingungen.

Sein Marktwert wird wichtiger als seine Regenerationsfähigkeit.

Ein Gegenstand besitzt eine Gebrauchsfunktion.

Sein Sammlerwert übertrifft seine Benutzbarkeit.

Eine Tätigkeit besitzt Folgen.

Ihr wirtschaftlicher Erfolg überdeckt ihre Verletzungswirkungen.

Damit entsteht ein Vorrang der Zuschreibung über den Träger.

Der Begriff „Vergoldungswelt“

Der Begriff Welt bezeichnet dabei nicht eine zweite ontologisch selbstständige Welt.

Das wäre gerade der Fehler, den meine Forschungskunst untersucht.

Die Vergoldungswelt ist eine vom Menschen hervorgebrachte Wirklichkeitsordnung innerhalb der Plexuswirklichkeit.

Sie besteht aus Symbolen, Bewertungen, Rangordnungen, Eigentumsformen, Geld, Prestige, Rollen, Institutionen, Bildern und anderen E3-Strukturen.

Sie ist real wirksam.

Sie ist aber nicht die gesamte Wirklichkeit.

Der Begriff „Welt“ bezeichnet deshalb die Dichte und Geschlossenheit dieser menschlichen Hervorbringungen.

Sie können so umfassend werden, dass der Mensch zunehmend innerhalb ihrer Regeln handelt und ihre Maßstäbe für selbstverständlich hält.

Die zweite Welt über der ersten

Das vorhandene Arbeitsmaterial beschreibt diese Bewegung besonders anschaulich anhand der Schöpfungsgeschichte und des Foliensystems: Über einen Körper oder eine Landschaft können nacheinander Schöpfungsordnung, Eigentumsgrenze, religiöse Zuschreibung, Nationalität, ökonomischer Wert, Seele oder gesellschaftliche Rolle gelegt werden. Werden die Folien entfernt, bleiben darunter die Verletzungs- und Abhängigkeitszusammenhänge bestehen.

Diese Vorstellung einer „zweiten Welt“ darf allerdings nicht als Zwei-Welten-Ontologie missverstanden werden.

Die zweite Welt existiert nicht unabhängig neben der ersten.

Sie wird innerhalb derselben Wirklichkeit von Menschen hervorgebracht und anschließend handlungswirksam.

Die Vergoldungswelt als Technē-Welt

Damit verbindet sich die Vergoldungswelt unmittelbar mit der Technē-Welt.

Der Mensch stellt nicht nur Werkzeuge und Gebäude her.

Er stellt zugleich Bedeutungsordnungen her.

Etwas wird hergestellt.

Dann wird es bewertet.

Dann wird die Bewertung institutionell stabilisiert.

Dann handeln Menschen entsprechend.

Die Technē-Welt besteht deshalb nicht nur aus technischen Gegenständen.

Sie besteht auch aus menschlich hergestellten Wert- und Geltungsoberflächen.

Die Vergoldungswelt ist eine besonders zugespitzte Form dieser Technē-Welt.

Von der Gebrauchsfunktion zum Wert

Ein zentraler Prüfbereich liegt im Verhältnis zwischen Gebrauch und zugeschriebenem Wert.

Ein Gegenstand kann etwas leisten.

Ein Hammer schlägt.

Ein Spaten gräbt.

Ein Gefäß hält Flüssigkeit.

Eine Kartoffel kann Nahrung sein.

Ein Haus bietet Schutz.

Diese Gebrauchsfunktionen können unabhängig von einem Marktpreis untersucht werden.

Dann kommt die Wertordnung hinzu.

Was kostet der Gegenstand?

Wie selten ist er?

Wer besitzt ihn?

Welche Marke trägt er?

Welche Geschichte wird ihm zugeschrieben?

Welchen Status vermittelt er?

Damit kann sich der gesellschaftliche Wert zunehmend von der unmittelbaren Gebrauchsfunktion lösen.

Der Wert ist nicht automatisch falsch

Auch hier darf die Forschungskunst nicht vereinfachen.

Gebrauchswert ist nicht „wirklich“ und Marktwert „falsch“.

Marktwert kann reale Informationen bündeln.

Seltenheit kann relevant sein.

Herstellungsaufwand kann relevant sein.

Kulturelle Bedeutung kann real sein.

Künstlerische Einzigartigkeit kann bewertet werden.

Die entscheidende Frage lautet nicht:

Ist Wert eine Illusion?

Sondern:

Welche Wertform liegt vor, wodurch wurde sie erzeugt, welche Tätigkeiten löst sie aus und welche anderen Wirklichkeitsweisen werden dadurch sichtbar oder unsichtbar?

Das Midas-Loch

Hier erhält der Midas-Mythos eine besondere Bedeutung.

Die Fähigkeit, alles in Gold zu verwandeln, erscheint zunächst als maximale Wertsteigerung.

Gerade diese Wertsteigerung zerstört jedoch im Mythos die Gebrauchsfähigkeit lebensnotwendiger Beziehungen.

Nahrung kann nicht mehr gegessen werden.

Berührung verliert ihre ursprüngliche Beziehung.

Damit entsteht eine besonders starke Prüffigur.

Das vorhandene Material fasst sie bereits als Midas-Loch: Das Loch entsteht dort, wo die Wertsteigerung der dritten Ebene die Gebrauchsfähigkeit oder Lebensfähigkeit der ersten beiden Ebenen verdrängt.

Diese Formel sollte Bestandteil der Vergoldungswelt werden.

Das Midas-Loch ist kein Argument gegen Wert

Der Midas-Mythos darf dabei nicht als einfache Behauptung gelesen werden:

Wert zerstört Leben.

Das wäre zu grob.

Die präzisere Aussage lautet:

Eine Wertordnung kann problematisch werden, wenn die Steigerung des zugeschriebenen Wertes wichtiger wird als die Erhaltung der Bedingungen, die dem bewerteten Gegenstand oder seinen Trägern überhaupt Gebrauch und Leben ermöglichen.

Damit wird Midas zum Prüfmodell einer möglichen Verkehrung.

Aufwertung kann Entwertung erzeugen

Hier liegt eine der stärksten Paradoxien der Vergoldungswelt.

Etwas wird aufgewertet.

Gerade diese Aufwertung kann eine andere Form von Wert zerstören.

Ein lebendiger Zusammenhang wird ökonomisch wertvoll und deshalb intensiver ausgebeutet.

Ein historischer Gegenstand wird so wertvoll, dass niemand ihn mehr berühren oder gebrauchen darf.

Ein gesellschaftlicher Titel wertet eine Person auf und trennt sie zugleich stärker von anderen.

Ein Boden erhält einen hohen Grundstückswert und verliert möglicherweise seine vorherige Funktion.

Damit entsteht:

Aufwertung als mögliche Entwertung.

Nicht jede Aufwertung bewirkt dies.

Aber genau dieser Übergang ist prüfenswert.

Die Vergoldung des Spatengriffs

Der vergoldete Spatengriff gehört deshalb zu den stärksten materiellen Objekten der Vergoldungswelt.

Der Spaten ist zunächst Werkzeug.

Eine Hand greift ihn.

Der Griff überträgt menschliche Kraft.

Die Schneide wirkt auf den Boden.

Wird nun der Griff vergoldet, verändert sich der Vorgang.

Die Hand greift nicht mehr nur ein Werkzeug.

Sie greift symbolisch nach Wert, Prestige, Besonderheit und Verfügung.

Das vorhandene Material beschreibt diese Veränderung präzise: Physikalisch verändert sich zunächst vor allem die Oberfläche; gesellschaftlich wird der Griff aufgewertet, abgehoben und symbolisch überhöht. Dadurch tritt die dritte Ebene unmittelbar in die Tätigkeitskonsequenz ein.

Der vergoldete Zugriff

Damit lässt sich der vergoldete Griff noch weiter zuspitzen.

Er bezeichnet nicht nur einen wertvollen Gegenstand.

Er kann den Zugriff selbst vergolden.

Die Hand greift.

Aber der Zugriff erhält zusätzlich eine gesellschaftliche Legitimation.

„Das gehört mir.“

„Ich darf darüber verfügen.“

„Ich kann es verwerten.“

„Es ist wertvoll, weil ich es besitze.“

Damit kann aus der einfachen Werkzeughandlung eine Herrschafts- oder Eigentumshandlung werden.

Der vergoldete Griff fragt:

Wann wird nicht nur das Ding, sondern auch mein Recht auf den Zugriff vergoldet?

Die Vergoldung der Schneide

Noch stärker wird die Aussage, wenn die Schnittfläche oder Schneide des Spatens vergoldet ist.

Denn nun liegt Gold genau dort, wo der materielle Eingriff stattfindet.

Der Boden wird weiterhin geschnitten.

Er wird bewegt.

Ein vorhandener Zusammenhang wird verändert.

Die Schneide erscheint gleichzeitig veredelt.

Das vorhandene Material beschreibt diese paradoxe Bewegung ausdrücklich: Der reale Eingriff bleibt bestehen, wird aber symbolisch aufgewertet; die Goldschicht liegt gerade auf der Verletzungs- beziehungsweise Eingriffszone.

Damit entsteht eine entscheidende Frage:

Wann vergolden wir eine Tätigkeit, deren Folgen wir gleichzeitig ausblenden?

Vergoldete Tätigkeit

Diese Frage reicht weit über den Spaten hinaus.

Eine Tätigkeit kann gesellschaftlich hoch bewertet sein.

Wachstum.

Erfolg.

Produktivität.

Expansion.

Innovation.

Prestige.

Leistung.

Gewinn.

Auch solche Begriffe können wie Goldschichten über Tätigkeiten liegen.

Die Forschungskunst fragt nicht, ob sie grundsätzlich schlecht sind.

Sie fragt:

Was geschieht tatsächlich unter der Vergoldung?

Welche Stoffe werden verändert?

Welche Organismen werden betroffen?

Welche Menschen tragen Folgen?

Welche Abhängigkeiten entstehen?

Welche langfristigen Wirkungen bleiben?

Damit wird aus Wertung eine Tätigkeitsprüfung.

Erfolg als Goldschicht

Der Begriff Erfolg eignet sich besonders gut.

Eine Tätigkeit erreicht das vorgesehene Ziel.

Sie wird als erfolgreich bewertet.

Aber dieser Erfolg kann auf einem sehr engen Ausschnitt beruhen.

Ein Unternehmen erzielt Gewinn.

Ein Projekt wird termingerecht abgeschlossen.

Eine technische Anlage erreicht ihre Leistung.

Eine politische Maßnahme erfüllt ihr unmittelbares Ziel.

Die E4-Prüfung fragt zusätzlich:

Welche Folgen liegen außerhalb des Erfolgsmaßstabes?

Damit kann Erfolg selbst zur Vergoldung werden, wenn sein Maßstab die darunterliegenden Tätigkeitskonsequenzen verdeckt.

Der Preis als Goldfolie

Auch der Preis besitzt diese Funktion.

Ein Preis verdichtet komplexe gesellschaftliche Beziehungen in eine Zahl.

Das kann praktisch außerordentlich nützlich sein.

Aber die Zahl muss nicht sämtliche Bedingungen enthalten, die für die Herstellung des Gegenstandes relevant waren.

Arbeitsbedingungen.

Rohstoffe.

Energie.

Regenerationszeiten.

Abfälle.

Langzeitfolgen.

Der Preis ist deshalb keine Lüge.

Er ist ein Ausschnitt.

Zum Vergoldungsproblem wird er dort, wo die Preiszahl als vollständige Aussage über Wert behandelt wird.

Geld als universelle Vergoldungsfolie

Geld besitzt innerhalb der Vergoldungswelt deshalb eine besondere Stellung.

Es ermöglicht, sehr unterschiedliche Dinge über eine gemeinsame Wertdimension vergleichbar zu machen.

Diese Fähigkeit ist gesellschaftlich außerordentlich leistungsfähig.

Gerade darin liegt jedoch auch ihre erkenntniskünstlerische Gefahr.

Boden.

Arbeitszeit.

Kunst.

Nahrung.

Wohnraum.

Rohstoff.

Pflege.

Technik.

Sie können alle als Geldwerte dargestellt werden.

Die gemeinsame Maßeinheit kann dadurch den Eindruck erzeugen, ihre Unterschiede seien vollständig in Geld übersetzbar.

Die Vergoldungswelt fragt:

Was geht verloren, wenn die Geldfolie zur wichtigsten gemeinsamen Wirklichkeitsfolie wird?

Geld ist nicht das Gold

Dabei sollte „Vergoldungswelt“ nicht historisch verkürzt mit einer bestimmten Goldwährung oder einem Goldstandard verbunden werden.

Gold ist hier zunächst ein bildnerisches Material und eine Wertmetapher.

Moderne Geldformen benötigen kein physisches Gold, um gesellschaftlich wirksam zu sein.

Gerade deshalb ist der Begriff Vergoldungswelt stärker als eine Kritik des tatsächlichen Goldbesitzes.

Er bezeichnet die Operation der Wertüberlagerung.

Eigentum als Vergoldung

Eigentum besitzt eine ähnliche Struktur.

Ein Boden ist vorhanden.

Dann wird ihm eine gesellschaftliche Beziehung hinzugefügt:

„Dieser Boden gehört mir.“

Dadurch verändert sich sein rechtlicher und gesellschaftlicher Status.

Der Eigentümer erhält Verfügungsmöglichkeiten.

Die materielle und biologische Beschaffenheit des Bodens verändert sich allein durch diese Zuschreibung nicht.

Die Eigentumsordnung kann deshalb wie eine Vergoldungsfolie über dem Boden liegen.

Sie macht ihn nicht unwirklich.

Sie macht ihn anders bedeutsam.

„Mein“ als Wertauftragung

Das kleine Wort „mein“ besitzt deshalb innerhalb der Vergoldungswelt eine enorme Bedeutung.

Mein Haus.

Mein Grundstück.

Mein Unternehmen.

Mein Kunstwerk.

Mein Körper.

Mein Land.

Mein Geld.

Die Besitzrelation kann den Gegenstand nicht nur rechtlich zuordnen.

Sie kann seine subjektive und gesellschaftliche Bedeutung verändern.

Der Gegenstand wird durch „mein“ aufgewertet.

Damit entsteht die Frage:

Welche Wirklichkeitsbeziehung verändert sich durch das „mein“ – und welche nicht?

Status als Vergoldung des Menschen

Besonders problematisch kann die Vergoldungsoperation werden, wenn sie auf Menschen angewandt wird.

Ein Mensch erhält einen Titel.

Eine hohe Position.

Eine Auszeichnung.

Vermögen.

Prominenz.

gesellschaftliche Anerkennung.

Diese Zuschreibungen können reale Folgen besitzen.

Andere Menschen reagieren anders.

Institutionen gewähren Zugang.

Entscheidungsmacht wächst.

Damit entsteht eine gesellschaftliche Goldschicht.

Der lebende Mensch darunter bleibt jedoch verletzbar, zeitlich und abhängig.

Der vergoldete Mensch

Die Vergoldungswelt kann deshalb eine vergoldete Skulpturidentität hervorbringen.

Aus einer Rolle wird eine Identität.

Diese Identität erhält zusätzlich gesellschaftlichen Wert.

Der Mensch ist nicht nur:

„Eigentümer.“

Er ist:

„bedeutender Eigentümer.“

Nicht nur:

„Künstler.“

Sondern:

„berühmter Künstler.“

Nicht nur:

„Amtsträger.“

Sondern:

„mächtiger Amtsträger.“

Die Rolle wird dadurch doppelt stabilisiert.

Zunächst wird sie zur Identität.

Dann wird die Identität vergoldet.

Skulpturidentität und Vergoldungswelt

Skulpturidentität und Vergoldungswelt gehören deshalb eng zusammen.

Die Skulpturidentität stellt fest:

„Das bin ich.“

Die Vergoldungswelt fügt hinzu:

„Und deshalb bin ich wertvoller, bedeutender, höher oder besonders.“

Damit kann die gesellschaftliche Oberfläche immer stärker mit dem vermeintlichen Wesen verschmelzen.

Eine Kritik der Rolle wird nun zugleich zu einer Bedrohung des Status.

Eine Korrektur des Selbstbildes kann als Entwertung erlebt werden.

Gold als Panzer der Skulpturidentität

Die Vergoldung besitzt deshalb eine mögliche Panzerfunktion.

Eine einfache Rolle kann verändert werden.

Eine vergoldete Rolle ist schwerer aufzugeben, weil an ihr Anerkennung, Einkommen, Prestige oder Macht hängen.

Die Goldschicht hält die Skulptur zusammen.

Damit wird der Rückkopplungsprozess schwieriger.

Der Mensch verteidigt nicht nur eine Vorstellung.

Er verteidigt die Belohnungsstruktur, die mit ihr verbunden ist.

Das plastische Ich unter der Goldschicht

Das plastische Ich bleibt darunter bestehen.

Es atmet.

Es altert.

Es wird verletzt.

Es verändert sich.

Es ist von anderen Menschen und materiellen Bedingungen abhängig.

Damit entsteht eine besonders starke bildnerische Gegenüberstellung:

Außen die vergoldete Skulpturidentität. Innen beziehungsweise darunter das plastische Ich.

Auch dieses Bild darf nicht buchstäblich verstanden werden.

Es zeigt unterschiedliche Wirklichkeitsweisen.

Die Goldschicht beseitigt Verletzbarkeit nicht

Dies ist eine der zentralen Aussagen der Vergoldungswelt.

Ein Mensch kann reich sein.

Er bleibt sterblich.

Ein Mensch kann mächtig sein.

Er benötigt Sauerstoff.

Ein Mensch kann gesellschaftlich hoch angesehen sein.

Sein Organismus bleibt verletzbar.

Gold kann auf Dauerhaftigkeit verweisen.

Es macht den Träger nicht unsterblich.

Das vorhandene Material formuliert deshalb besonders prägnant:

Die Vergoldung legt eine symbolische Unverletzlichkeit über einen materiellen Träger. Sie beseitigt dessen Verletzbarkeit nicht, sondern kann sie verdecken.

Memento mori gegen die Vergoldungswelt

Hier erhält Memento mori eine unmittelbare Funktion.

Es entfernt symbolisch die Goldschicht.

Nicht um gesellschaftlichen Wert lächerlich zu machen.

Sondern um daran zu erinnern, dass alle gesellschaftlichen Rollen an zeitliche Träger gebunden bleiben.

Der Titel endet.

Das Amt endet.

Der Besitz wechselt.

Der lebende Organismus stirbt.

Damit wird die Vergoldungswelt an ihre zeitliche Grenze geführt.

Vergoldung und Unsterblichkeit

Gerade in religiösen und historischen Bildwelten kann Gold Vorstellungen von Transzendenz, Heiligkeit oder Unvergänglichkeit begleiten.

Für meine Forschungskunst ist daran nicht entscheidend, eine Religion oder ihre Kunst pauschal zu widerlegen.

Die Frage lautet vielmehr:

Warum verbindet der Mensch gerade das Unverletzliche, Dauerhafte und Glänzende mit einem höheren Wirklichkeitsrang als den verletzbaren lebenden Organismus?

Diese Frage führt unmittelbar zur Skulpturidentität.

Von der verletzbaren Welt zur unverletzlichen Idee

Der lebende Mensch erfährt Veränderung.

Alterung.

Verlust.

Verletzung.

Tod.

Er kann darauf mit Vorstellungen reagieren, in denen das eigentliche Wesen gerade nicht mehr diesen Bedingungen unterliegen soll.

Die Idee.

Die Seele.

Der ewige Wert.

Die unsterbliche Identität.

Das absolute Gute.

Die reine Form.

Innerhalb meiner Forschungskunst kann Gold das Material werden, das diese Aufwertung des Unverletzlichen sichtbar macht.

Platonische und religiöse Folien

Historische philosophische und religiöse Modelle können deshalb innerhalb der Vergoldungswelt als Folien eingesetzt werden.

Dabei darf nicht behauptet werden, Platon, das Christentum oder andere Traditionen ließen sich vollständig durch „Vergoldung“ erklären.

Die Folien sind bewusst partielle künstlerische Prüfmodelle.

Sie untersuchen eine bestimmte Bewegung:

Wann erhält das Unveränderliche einen höheren Wirklichkeitsrang als das Veränderliche?

Die vertikale Vergoldungswelt

Besonders anschaulich kann dabei eine vertikale Bildordnung werden.

Unten:

Körper.

Erde.

Vergänglichkeit.

Verletzbarkeit.

Oben:

Reinheit.

Licht.

Heiligkeit.

ewige Idee.

Die Goldfarbe markiert den höheren Rang.

Das vorhandene Material entwickelt genau diese Bildlogik im Übergang von antiken beziehungsweise platonisch beeinflussten Vorstellungen zu christlichen Bildwelten und beschreibt die Vergoldung des vermeintlich Unverletzlichen als Gegenfolie zum vergänglichen Körper.

Für die Forschungskunst ist entscheidend, diese historische Folie nicht zur vollständigen Religionsgeschichte zu erklären.

Sie ist eine Prüfdarstellung von Wertvertikalität.

Oben ist nicht automatisch wirklicher

Die Vergoldungswelt kann damit eine tief verankerte räumliche Wertgrammatik sichtbar machen.

Oben.

Unten.

Hoch.

Niedrig.

Erhaben.

Gemein.

Geistig.

Materiell.

Die Sprache selbst enthält zahlreiche vertikale Wertungen.

Die Forschungskunst fragt:

Wann wird aus einer metaphorischen Höherstellung eine Behauptung höheren Wirklichkeitsranges?

Gold kann diese Höherstellung sichtbar materialisieren.

Vergoldung der Idee

Die bereits entwickelte Arbeit mit der weißen beziehungsweise vergoldeten Idee erhält dadurch eine viel größere Bedeutung.

Die Idee wird nicht nur sichtbar gemacht.

Sie wird wertlich ausgezeichnet.

Damit kann geprüft werden, ob die vergoldete Vorstellung gegenüber dem konkreten Gegenstand eine höhere Autorität erhält.

Der Mensch hat eine Idee.

Der Gegenstand widerspricht.

Wer gewinnt?

Wenn die vergoldete Idee gegen den materiellen Widerstand verteidigt wird, kann aus der Vorstellung eine Begriffsskulptur entstehen.

Die Idee als Modellblock

Hier verbindet sich die Vergoldungswelt mit dem künstlerischen Dreieck.

Im Kopf entsteht eine Vorstellung.

Die Hände arbeiten.

Das Material antwortet.

Das Ergebnis weicht möglicherweise vom Modell ab.

Die Frage lautet:

Kann das Ergebnis die vergoldete Idee korrigieren?

Wenn nein, wird die Vorstellung wichtiger als ihr Gegenüber.

Vergoldung und Begriffsskulptur

Ein Begriff kann deshalb ebenfalls vergoldet werden.

Nicht materiell.

Aber institutionell.

Ein Begriff erhält hohe Autorität.

Er wird mit Tradition verbunden.

Er wird von angesehenen Personen verwendet.

Er erhält akademischen Status.

Er wird in Gesetzen festgeschrieben.

Schließlich erscheint er kaum noch angreifbar.

Damit wird aus einer Begriffsskulptur eine vergoldete Begriffsskulptur.

Wahrheit darf nicht mit Status vergoldet werden

Hier besitzt die Vergoldungswelt eine besondere wissenschaftliche Bedeutung.

Der soziale Status einer Aussage und ihre empirische Tragfähigkeit sind nicht dasselbe.

Eine Aussage kann von einer berühmten Person stammen und falsch sein.

Eine unbekannte Person kann eine relevante Beobachtung machen.

Eine lange institutionelle Tradition kann tragfähig sein.

Sie kann aber auch korrigiert werden müssen.

Der Prüfmaßstab lautet deshalb nicht:

Wer hat es gesagt?

Sondern:

Woran kann es geprüft werden?

Wissenschaftlicher Status als mögliche Vergoldung

Dies ist ausdrücklich keine Wissenschaftskritik im Sinne einer Gleichsetzung von Fachkompetenz und bloßem Prestige.

Wissenschaftliche Qualifikation, Fachkenntnis und methodische Kontrolle besitzen reale Bedeutung.

Aber auch hier muss zwischen begründeter epistemischer Autorität und bloßer sozialer Vergoldung unterschieden werden.

Der Titel allein beweist keine einzelne Aussage.

Er bezeichnet zunächst eine gesellschaftlich und institutionell erworbene Position.

Die konkrete Behauptung bleibt prüfbar.

Kunstwelt als Vergoldungswelt

Der Begriff besitzt selbstverständlich auch eine direkte kunstbezogene Dimension.

Ein Gegenstand kann durch institutionelle Aufnahme, Künstlername, Markt, Ausstellungsgeschichte oder kunsthistorische Einordnung einen sehr hohen kulturellen oder wirtschaftlichen Wert erhalten.

Auch dies ist nicht automatisch problematisch.

Kunst lebt von kulturellen Bedeutungszusammenhängen.

Die Forschungskunst kann jedoch fragen:

Wann wird die Vergoldung des Künstlernamens wichtiger als die Prüfung des Werkes?

Künstlername als Goldschicht

Ein bekannter Künstlername kann die Wahrnehmung eines Gegenstandes verändern.

Dasselbe Objekt würde möglicherweise anders beurteilt, wenn ein anderer Name darunterstünde.

Diese Differenz ist selbst ein Forschungsgegenstand.

Nicht, weil institutioneller Kontext unwichtig wäre.

Sondern weil sichtbar wird, dass Wert nicht allein im Materialkörper des Werkes liegt.

Die eigene Künstleridentität muss mitgeprüft werden

Gerade deshalb muss die Vergoldungswelt auf mein eigenes Lebenswerk zurückwirken.

Auch der Name Wolfgang Fenner darf nicht zur Goldfolie werden, die jedes Werk gegen Kritik schützt.

Auch ein umfangreiches Lebenswerk darf nicht aufgrund seiner Dauer oder seines Umfangs automatisch als bedeutend gelten.

Die Arbeiten müssen als Gegenüber erhalten bleiben.

Ihre Fragen.

Ihre Wirkungen.

Ihre historische Verortung.

Ihre tatsächliche Entwicklung.

Das ist Teil der Selbstprüfung.

Memento mori als Entgoldung des Künstlernamens

Das unbetretbare historische Atelier kann deshalb auch als eine Art vergoldete Künstler-Skulptur gelesen werden.

Alles ist gesammelt.

Alles gehört zu einem Namen.

Das Lebenswerk erscheint abgeschlossen.

Daneben steht das lebendige So-Heits-Atelier.

Dort werden Materialien wieder benutzt.

Kopiert.

Ausgeschnitten.

Verändert.

Geprüft.

Damit wird die Vergoldung des abgeschlossenen Lebenswerks wieder geöffnet.

Vergoldungswelt und Menschenkunstwerk

Auf der gesellschaftlichen Ebene gehört die Vergoldungswelt unmittelbar zum Menschenkunstwerk.

Der Mensch bringt nicht nur Dinge hervor.

Er bringt Wertordnungen hervor.

Er entscheidet, was kostbar ist.

Was bedeutend ist.

Was heilig ist.

Was Eigentum ist.

Was Erfolg ist.

Was Prestige besitzt.

Was geschützt wird.

Was geopfert werden darf.

Diese Wertordnungen steuern Tätigkeit.

Damit ist die Vergoldungswelt kein dekorativer Zusatz zum Menschenkunstwerk.

Sie gehört zu seiner Steuerungsarchitektur.

Wert lenkt Tätigkeit

Was wertvoll erscheint, erhält Aufmerksamkeit.

Kapital.

Schutz.

Arbeitszeit.

politische Priorität.

Pflege.

Was als wertlos gilt, kann vernachlässigt werden.

Damit besitzt Wertzuschreibung Tätigkeitskonsequenzen.

Die Vergoldungswelt fragt deshalb nicht nur:

Was halten wir für wertvoll?

Sondern:

Was tun wir, weil wir es für wertvoll halten?

Die eigentliche Macht der Vergoldung

Darin liegt die eigentliche Macht der Vergoldung.

Nicht im Glanz.

Nicht im Material allein.

Sondern in der Fähigkeit, Tätigkeit umzulenken.

Menschen bewegen sich auf das Vergoldete zu.

Sie schützen es.

Sie streben danach.

Sie konkurrieren darum.

Sie ordnen andere Tätigkeiten unter.

Damit wird aus einer Symbolschicht ein realer Wirkfaktor.

Wert als Tätigkeitsoperator

Wert kann deshalb als Tätigkeitsoperator verstanden werden.

Eine Zuschreibung verändert, was Menschen tun.

Damit kehrt die Vergoldungswelt aus E3 über Tätigkeit in E1 und E2 zurück.

Eine gedachte Wertordnung erzeugt materielle Folgen.

Genau dies ist die vollständige E1–E4-Bewegung.

Vergoldungswelt und 1:99

Hier verbindet sich die Vergoldungswelt mit 1:99.

Wert, Eigentum, Status und Verfügung können sich konzentrieren.

Wer bereits gesellschaftlich vergoldet ist, erhält möglicherweise leichter weiteren Zugang zu Ressourcen, Aufmerksamkeit und Entscheidungsmacht.

Damit kann Vergoldung kumulativ werden.

Die Goldschicht erzeugt Bedingungen, durch die weitere Vergoldung möglich wird.

Die Selbstverstärkung des Wertes

Ein Gegenstand gilt als wertvoll.

Weil er als wertvoll gilt, wird er begehrt.

Weil er begehrt wird, steigt möglicherweise sein Preis.

Der höhere Preis bestätigt seine Besonderheit.

Ähnlich kann gesellschaftlicher Status funktionieren.

Anerkennung erzeugt Sichtbarkeit.

Sichtbarkeit erzeugt weitere Anerkennung.

Damit kann E3 eine Selbstverstärkungsschleife erzeugen.

Vergoldung und Herrschaft

Wo Wert mit Verfügungsmacht verbunden wird, entsteht eine politische Dimension.

Wer besitzt?

Wer darf entscheiden?

Wer darf zugreifen?

Wer kann andere ausschließen?

Welche Tätigkeit wird gesellschaftlich belohnt?

Welche bleibt unsichtbar?

Die Vergoldungswelt untersucht deshalb nicht nur Ästhetik.

Sie untersucht die Macht der Wertzuschreibung.

50:50 und die Vergoldungswelt

Auch 50:50 kann sich mit Vergoldung verbinden.

Zwei Pole werden gegenübergestellt.

Einer erhält positiven Wert.

Der andere negativen.

Rein und unrein.

hoch und niedrig.

wertvoll und wertlos.

Gewinner und Verlierer.

Gut und böse.

Damit wird der Dualismus nicht nur hergestellt.

Er wird wertlich vergoldet.

Eine Seite erhält den höheren Rang.

51:49 als Störung der Wertskulptur

51:49 kann hier wiederum als Störmodell dienen.

Nicht um Wert mathematisch aufzuteilen.

Sondern um die perfekte Rangordnung zu irritieren.

Was geschieht, wenn die vermeintlich minderwertige Seite Eigenschaften besitzt, von denen die andere abhängig ist?

Was geschieht, wenn sich die Positionen umkehren?

Was geschieht, wenn der Wert vom Kontext abhängt?

Damit wird die Wertskulptur beweglicher.

Das Wertvolle und das Tragende sind nicht identisch

Dies ist vielleicht eine der wichtigsten Aussagen der Vergoldungswelt.

Was gesellschaftlich hoch bewertet wird, muss nicht identisch sein mit demjenigen, was das Leben trägt.

Ein alltäglicher Stoff kann existenziell unverzichtbar und wirtschaftlich billig sein.

Ein extrem teurer Gegenstand kann für das unmittelbare Überleben völlig entbehrlich sein.

Damit entsteht eine fundamentale Differenz zwischen:

zugeschriebenem Wert

und

Tragfunktion.

Die Vergoldungswelt untersucht genau diesen Abstand.

Wasser und Gold

Das klassische Gegenbild ist unmittelbar verständlich.

Gold kann extrem wertvoll sein.

Wasser ist für den menschlichen Organismus existenziell notwendig.

Die Forschungskunst muss daraus keine ökonomische Theorie ableiten.

Das Gegenbild reicht aus, um eine Frage zu stellen:

Nach welchem Wertmaßstab ordnen wir Dinge?

Tragwert

Daraus könnte innerhalb der Forschungskunst vorsichtig ein Begriff des Tragwertes entwickelt werden.

Er wäre jedoch kein weiterer monetärer Wert.

Er bezeichnet die Bedeutung, die ein Zusammenhang für die Fortexistenz anderer Zusammenhänge besitzt.

Sauerstoff besitzt für den menschlichen Organismus einen hohen Tragwert, unabhängig davon, ob ein Mensch für jeden Atemzug bezahlt.

Bodenfruchtbarkeit besitzt Tragwert für bestimmte Formen von Nahrungserzeugung.

Vertrauen kann gesellschaftlichen Tragwert besitzen.

Der Begriff müsste allerdings selbst sorgfältig geprüft werden, damit aus „Tragwert“ nicht einfach eine neue Vergoldung entsteht.

Die Gefahr der Gegenvergoldung

Das ist eine zentrale methodische Warnung.

Forschungskunst darf nicht einfach sagen:

Geldwert ist falsch, Naturwert ist wahr.

Dann würde nur eine Goldfolie gegen eine andere ausgetauscht.

Natur könnte erneut geheiligt und vergoldet werden.

Das Lebendige könnte zum moralisch unangreifbaren Ideal gemacht werden.

Damit wäre ein neuer Dualismus entstanden.

Die Aufgabe ist nicht Umvergoldung, sondern Prüfung.

Entgoldung bedeutet nicht Entwertung

Der Gegenprozess zur Vergoldungswelt sollte deshalb nicht „Entwertung“ heißen.

Etwas von seiner Goldschicht zu befreien bedeutet nicht, es wertlos zu machen.

Es bedeutet zunächst:

Träger und Zuschreibung wieder unterscheidbar zu machen.

Eine Person verliert nicht ihre Würde, wenn ihr gesellschaftlicher Titel als Rolle erkannt wird.

Ein Kunstwerk wird nicht bedeutungslos, wenn sein Marktwert vom Material unterschieden wird.

Eigentum wird nicht automatisch abgeschafft, wenn seine gesellschaftliche Geltungsweise sichtbar gemacht wird.

Entgoldung ist eine Differenzierungsoperation.

Entgoldung als Folienabnahme

Hier trifft Vergoldungswelt unmittelbar auf Foliengrammatik.

Eine transparente Wertfolie wird aufgelegt.

Dann wird sie entfernt.

Was bleibt?

Der Boden.

Der Körper.

Der Gegenstand.

Die Tätigkeit.

Dann kann die Folie wieder aufgelegt werden.

Was verändert sich nun?

Damit wird nicht behauptet, die Folie sei bedeutungslos.

Der Benutzer erkennt nur:

Sie wurde hinzugefügt.

Vergoldung als festgeklebte Folie

Aus dieser Sicht lässt sich die Vergoldung besonders präzise definieren:

Vergoldung ist eine Folie, die ihren Foliencharakter zu verlieren droht.

Sie haftet.

Sie bedeckt.

Sie glänzt.

Der Träger wird zunehmend durch sie wahrgenommen.

Damit kann aus der beweglichen Folie eine Skulptur werden.

Vergoldungswelt und Lochprozess

Hier wird die Beziehung zum Lochprozess deutlich.

Die Vergoldung kann ein Loch erzeugen, wenn sie die Beziehung zum Träger und zu dessen Wirkungsbedingungen aus der Wahrnehmung drängt.

Das vorhandene Material beschreibt diesen Vorgang ausdrücklich: Der materielle Gegenstand bleibt bestehen, aber seine Bedeutungsordnung verändert sich; dadurch kann ein Loch zwischen Gebrauchswert und zugeschriebenem Wert entstehen.

Der Lochprozess lautet dann:

Der Träger bleibt da.

Die Zuschreibung wird sichtbar.

Die Beziehung zwischen beiden verschwindet.

Das vergoldete Loch

Damit entsteht eine besonders starke paradoxe Form:

Das Loch wird vergoldet.

Eine fehlende Beziehung wird nicht als fehlend erlebt.

Sie wird durch eine wertvolle Oberfläche verdeckt.

Das System erscheint erfolgreich.

Der gesellschaftliche Status steigt.

Der Marktwert wächst.

Die Anerkennung nimmt zu.

Unter der Oberfläche können jedoch Tragbeziehungen beschädigt werden.

Die Vergoldung macht das Loch schwerer sichtbar, weil sie den Eindruck des Gelingens erzeugt.

Erfolg kann ein Loch vergolden

Diese Formel sollte für die Vergoldungswelt zentral werden:

Erfolg kann ein Loch vergolden.

Eine Tätigkeit kann innerhalb ihres eigenen Bewertungssystems erfolgreich sein und gleichzeitig außerhalb dieses Ausschnitts Schäden erzeugen.

Genau deshalb genügt Erfolg nicht als Tragfähigkeitsbeweis.

Vergoldungswelt und Membran

Die Membran bildet eine Gegenbewegung.

Eine Wertordnung darf bestehen.

Aber sie muss für Rückmeldungen durchlässig bleiben.

Der Preis darf existieren.

Aber andere Folgen müssen ihn gegebenenfalls korrigieren können.

Eigentum darf gesellschaftlich geregelt sein.

Aber grenzüberschreitende Auswirkungen müssen auf seine Ausübung zurückwirken können.

Status darf existieren.

Aber er darf Kritik nicht blockieren.

Damit wird aus einer starren Goldschicht eine prüfbare Wertmembran.

Kann Gold durchsichtig werden?

Dies könnte sogar zu einer bildnerischen Leitfrage werden.

Kann die Vergoldung durchsichtig gemacht werden?

Nicht buchstäblich.

Künstlerisch könnte Gold mit transparenten Folien kombiniert werden.

Ein Teil ist vergoldet.

Ein Teil bleibt sichtbar.

Der Besucher sieht gleichzeitig Träger und Wertauflage.

Damit wird die Vergoldungswelt nicht nur kritisiert, sondern analytisch geöffnet.

Vergoldungswelt und plastisches Ich

Für das plastische Ich lautet die entscheidende Frage:

Welche gesellschaftlichen Goldschichten trage ich?

Beruf.

Status.

Eigentum.

Anerkennung.

Nationalität.

Rolle.

Erfolg.

Künstleridentität.

Diese Schichten können Teil des realen Lebens sein.

Sie dürfen aber nicht mit der gesamten lebenden Person verwechselt werden.

Das plastische Ich bleibt mehr als seine Vergoldung.

Würde und Vergoldung

Der Begriff Würde verlangt dabei besondere Vorsicht.

Menschenwürde darf nicht einfach als bloße willkürliche Vergoldung abgetan werden.

Als rechtlicher und ethischer Begriff besitzt sie eine eigene normative Funktion.

Die Forschungskunst kann jedoch fragen, wie Würde begründet wird und ob sie an Status, Leistung oder Besitz gekoppelt wird.

Die entscheidende gesellschaftliche Gefahr wäre gerade eine Ordnung, in der nur die Vergoldeten Würde erhalten.

Gleichwertigkeit ohne Gleichvergoldung

Damit lässt sich eine wichtige Differenz formulieren.

Menschen müssen nicht denselben Status, Beruf, Besitz oder dieselbe gesellschaftliche Rolle besitzen, um in fundamentalen normativen Hinsichten als gleichwertig behandelt zu werden.

Die Vergoldungswelt kann jedoch dazu verleiten, gesellschaftliche Wertunterschiede in unterschiedliche menschliche Wesenswerte zu verwandeln.

Hier trifft sie unmittelbar auf Skulpturidentität.

Vergoldungswelt und der Millisekunden-Mensch

Der Millisekunden-Mensch verschärft die Vergoldungsproblematik zeitlich.

Sehr junge E3-Wertsysteme können innerhalb kürzester Zeit enorme Macht gewinnen.

Marktpreise.

Marken.

digitale Bewertungen.

finanzielle Systeme.

Statusmetriken.

Sie erscheinen den in sie hineingeborenen Menschen selbstverständlich.

Auf der 24-Stunden-Uhr sind sie extrem junge Hervorbringungen.

Damit lautet die Zeitfrage:

Warum sollte eine wenige Millisekunden alte Wertordnung einen höheren Wirklichkeitsrang besitzen als die wesentlich älteren Tragbedingungen, von denen ihre menschlichen Träger abhängen?

Die Beschleunigung der Vergoldung

Digitale Systeme beschleunigen diesen Prozess zusätzlich.

Bewertungen können in Sekunden entstehen.

Aufmerksamkeit kann gemessen werden.

Reichweite.

Ranglisten.

Bewertungspunkte.

Followerzahlen.

Marktwerte.

Damit kann gesellschaftliche Vergoldung immer schneller hergestellt und verteilt werden.

Der Millisekunden-Mensch wird zum Millisekunden-Vergolder.

Messbarkeit als neue Goldschicht

Auch Zahlen können dabei Goldfunktion erhalten.

Was messbar ist, erscheint objektiv.

Eine Rangzahl kann den Eindruck präziser Wirklichkeit erzeugen.

Aber auch eine Kennzahl beruht auf einer Auswahl.

Was wurde gemessen?

Was nicht?

Welche Bedeutung wurde der Zahl gegeben?

Welche Tätigkeiten folgen daraus?

Damit kann die Zahl selbst zur Vergoldungsfolie werden.

KI und Vergoldungswelt

Künstliche Intelligenz kann die Vergoldungswelt sowohl verstärken als auch sichtbar machen.

Sie kann Texte, Bilder und Personen bewerten.

Sie kann Rankings erzeugen.

Sie kann Aufmerksamkeit verstärken.

Sie kann bestehende Wertordnungen reproduzieren.

Damit kann sie gesellschaftliche Vergoldung automatisieren.

Gleichzeitig kann sie helfen, unterschiedliche Wertmaßstäbe auseinanderzulegen.

Algorithmische Vergoldung

Ein System empfiehlt etwas.

Dadurch erhält es Sichtbarkeit.

Sichtbarkeit erzeugt weitere Aufmerksamkeit.

Die weitere Aufmerksamkeit bestätigt seine Relevanz.

Damit entsteht ein digitaler Kreislauf, der der gesellschaftlichen Vergoldung strukturell ähnelt.

Was bereits sichtbar ist, wird sichtbarer.

Was bereits hoch bewertet wird, erhält weitere Bewertung.

Damit kann eine algorithmische Goldschicht der Aufmerksamkeit entstehen.

KI darf nicht zum Vergolder der Wahrheit werden

Eine besondere Gefahr liegt darin, dass eine sprachlich perfekte KI-Antwort wie eine Vergoldung wirken kann.

Die Form ist glatt.

Die Aussage klingt vollständig.

Sie besitzt Autorität.

Der Benutzer kann dadurch vergessen, nach Quellen, Unsicherheiten, Voraussetzungen oder Gegenargumenten zu fragen.

Die glänzende Oberfläche ersetzt die Prüfung.

Die zentrale KI-Frage lautet deshalb:

Ist die Antwort tragfähig – oder nur gut vergoldet?

Globale Schwarm-Intelligenz gegen die reine Rangordnung

Auch die Globale Schwarm-Intelligenz darf deshalb nicht hauptsächlich durch Ranglisten organisiert werden.

Wenn Beiträge nur nach Zustimmung, Klickzahl oder Popularität sortiert werden, kann sich die Vergoldungswelt reproduzieren.

Die Mehrheitsposition erhält mehr Sichtbarkeit.

Mehr Sichtbarkeit erzeugt weitere Zustimmung.

Das Ergebnis ist nicht notwendig Schwarmintelligenz.

Es kann Schwarmvergoldung sein.

Widerspruch als Entgoldungsfunktion

Eine wirkliche Schwarm-Rückkopplung benötigt deshalb die Möglichkeit, auch kleine, widersprechende Beobachtungen sichtbar zu halten.

Eine einzige begründete Gegenbeobachtung kann wichtiger sein als tausend Zustimmungen.

Damit kehrt 51:49 zurück.

Nicht Mehrheit allein entscheidet.

Entscheidend ist, ob die Goldschicht eine relevante Differenz noch durchlassen kann.

Kunst als mögliche Entgoldung

Kunst besitzt hier eine besondere Fähigkeit.

Sie kann Dinge aus ihren gewohnten Wertzusammenhängen herausnehmen.

Sie kann einen billigen Gegenstand vergolden.

Sie kann einen wertvollen Gegenstand mit einem alltäglichen Material konfrontieren.

Sie kann den Spatengriff vergolden und damit gerade die Wertzuschreibung sichtbar machen.

Die Vergoldung wird dadurch selbstreflexiv.

Sie vergoldet nicht nur.

Sie zeigt, dass vergoldet wurde.

Der vergoldete Spaten als Schlüsselwerk

Der vergoldete Spaten könnte deshalb innerhalb des So-Heits-Ateliers eine sehr zentrale Stellung erhalten.

Er verbindet Handwerk.

Tätigkeit.

Boden.

Eigentum.

Wert.

Herrschaft.

Midas.

E1–E4.

Lochprozess.

Verletzungswirklichkeit.

Millisekunden-Mensch.

Alles trifft in einem einfachen Gegenstand zusammen.

Der Spaten ist zunächst Werkzeug.

Die Vergoldung verwandelt ihn in eine Frage.

Die zentrale Frage des vergoldeten Spatens

Diese Frage lautet:

Was geschieht, wenn der menschliche Zugriff auf seine Tragbedingungen selbst zum Wertträger wird?

Noch genauer:

Wann wird das Recht, eingreifen zu können, wertvoller als die Prüfung dessen, worin eingegriffen wird?

Damit erhält der vergoldete Spaten eine gesellschaftliche Dimension, ohne zu einer bloßen Illustration einer Theorie zu werden.

Die Vergoldung der Verletzungsfläche

Noch radikaler ist die vergoldete Schneide.

Sie kann zeigen:

Der Eingriff wird veredelt, während die Verletzung verschwindet.

Damit wird Gold zur paradoxen Materialisierung einer gesellschaftlichen Wahrnehmungsstörung.

Nicht der Schaden wird buchstäblich mit Gold entschuldigt.

Die Kunst stellt die Frage:

Welche gesellschaftlichen Begriffe lassen einen Eingriff wertvoll erscheinen, obwohl seine Folgen ungeprüft bleiben?

Vergoldungswelt und Verletzungswirklichkeit

Damit entsteht die zentrale Gegenüberstellung.

Nicht:

Gold gegen Natur.

Sondern:

Wertzuschreibung gegen Tätigkeitsfolge.

Eine Tätigkeit kann hoch bewertet werden.

Die Verletzung kann trotzdem eintreten.

Der Wert beseitigt die Folge nicht.

Damit erhält die Verletzungswirklichkeit erneut Einspruchsrecht.

Verletzung entgoldet die Vorstellung

Wenn eine vergoldete Tätigkeit einen realen Schaden hervorbringt, stellt die Wirklichkeit eine Rückfrage.

Die entscheidende zivilisatorische Frage lautet:

Kann die Verletzung die Vergoldung wieder verändern?

Wenn ja, bleibt die Wertordnung plastisch.

Wenn nein, schützt die Vergoldung den Tätigkeitsmodus gegen seine eigenen Folgen.

E4 als Entgoldungsmembran

E4 kann deshalb innerhalb dieses Modells als Entgoldungsmembran verstanden werden.

Nicht weil E4 jeden Wert beseitigen soll.

Sondern weil es die Goldschicht vorübergehend durchsichtig macht.

Was geschieht darunter?

Welche Wirkungen sind entstanden?

Welche Wertannahme hat die Tätigkeit organisiert?

Muss diese Wertannahme verändert werden?

E4 prüft damit die Relation zwischen Wert und Tragfähigkeit.

Vergoldungswelt und So-Heits-Atelier

Im So-Heits-Atelier sollte die Vergoldungswelt deshalb nicht in einem theoretischen Kapitel abgeschlossen werden.

Sie muss materiell auftreten.

Ein Gegenstand kann vergoldet sein.

Ein anderer nicht.

Eine Eigentumsfolie kann über Boden liegen.

Ein Mensch kann eine vergoldete Rolle tragen.

Eine Schultafel kann den Marktwert und daneben eine Tragbedingung anzeigen.

Ein Spaten kann einen vergoldeten Griff besitzen.

Eine Schneide kann vergoldet sein.

Die Goldschicht muss berührbar, sichtbar und abnehmbar beziehungsweise vergleichbar werden.

Gold als Prüfmaterial

Damit wird Gold zu einem tatsächlichen Material des So-Heits-Ateliers.

Nicht als Luxus.

Nicht als dekorative Aufwertung.

Nicht als kunstmarktgerechte Veredelung.

Sondern als Prüfmaterial menschlicher Wertzuschreibung.

Das vorhandene Arbeitsmaterial hält genau diese Funktion fest: Gold sollte nicht verwendet werden, um etwas lediglich kostbar aussehen zu lassen, sondern als Material der dritten Ebene.

Vergoldungswelt im Mitmachbuch

Auch das Mitmachbuch kann diese Operation aufnehmen.

Der Benutzer beginnt mit einem Gegenstand oder Begriff.

Dann erhält er die Frage:

Was daran ist für mich wertvoll?

Danach:

Woher kommt dieser Wert?

Dann:

Welche Tätigkeit folgt daraus?

Und schließlich:

Was würde geschehen, wenn die Wertfolie entfernt oder durch eine andere ersetzt würde?

Damit wird Wert nicht geleugnet.

Er wird bearbeitbar.

Die eigene Goldfolie

Besonders wichtig wäre eine leere Goldfolie.

Der Benutzer entscheidet selbst, was er vergolden würde.

Geld.

Haus.

Familie.

Freiheit.

Nation.

Kunst.

Natur.

Wissen.

Glaube.

Technik.

Dann lautet die entscheidende Frage nicht:

Warum ist das falsch?

Sondern:

Was geschieht mit meiner Wahrnehmung und Tätigkeit, sobald ich diesem Bereich einen höheren Wert gebe?

Der Benutzer als Vergolder

Damit wird sichtbar:

Der Mensch ist nicht nur Bewohner einer Vergoldungswelt. Er ist selbst Vergolder.

Er gibt Dingen Wert.

Er erhebt Menschen.

Er bewundert.

Er kauft.

Er sammelt.

Er schützt.

Er verwirft.

Er erklärt etwas für heilig, wertvoll, billig oder wertlos.

Die Vergoldungswelt entsteht aus zahllosen solchen Tätigkeiten.

Wert entsteht nicht nur individuell

Dabei wäre es falsch, die Verantwortung ausschließlich beim einzelnen Menschen zu suchen.

Wertordnungen sind institutionell stabilisiert.

Märkte.

Recht.

Werbung.

Religionen.

Bildung.

Medien.

Kunstinstitutionen.

Familien.

Unternehmen.

Staaten.

Sie alle können Wertformen vermitteln.

Der einzelne Mensch betritt eine bereits vorhandene Vergoldungswelt.

Er wirkt an ihr mit und wird von ihr geprägt.

Die Vergoldungswelt formt das plastische Ich

Damit entsteht eine Verbindung zum Menschenkunstwerk.

Der Mensch erzeugt Wertordnungen.

Die Wertordnungen formen anschließend den Menschen.

Ein Kind lernt, was als erfolgreich gilt.

Was Besitz bedeutet.

Welche Berufe Status besitzen.

Welche Waren begehrt werden.

Welche Körper idealisiert werden.

Welche Menschen wichtig erscheinen.

Damit wird die Vergoldungswelt selbst zu einer Formkraft am plastischen Ich.

Vergoldungswelt und Belohnung

Belohnung ist deshalb ein zentraler Mechanismus.

Was belohnt wird, wird wiederholt.

Geld.

Status.

Aufmerksamkeit.

Anerkennung.

Macht.

Sie können Tätigkeiten stabilisieren.

Das bedeutet nicht, dass Belohnung an sich falsch wäre.

Die Prüfungsfrage lautet:

Welche Tätigkeit wird vergoldet – und welche Folgen entstehen dadurch?

Die gesellschaftliche Goldspur

Man könnte deshalb im Atelier eine Tätigkeit nicht nur nach ihrem materiellen Weg verfolgen, sondern nach ihrer Goldspur.

Wo entsteht Wert?

Wer erhält ihn?

Wer verliert etwas?

Wer trägt Folgen?

Welche Tätigkeit wird gesellschaftlich sichtbar belohnt?

Welche notwendige Tätigkeit bleibt unsichtbar?

Damit wird Vergoldung zum Werkzeug sozialer Verortung.

Vergoldungswelt und Arbeit

Auch Arbeit kann dadurch geprüft werden.

Manche Tätigkeiten besitzen hohen gesellschaftlichen Status und hohe Bezahlung.

Andere Tätigkeiten können für den alltäglichen Fortbestand einer Gesellschaft unverzichtbar sein und zugleich gering bewertet werden.

Daraus folgt nicht automatisch eine bestimmte politische Verteilungsform.

Aber es entsteht eine relevante Forschungsfrage:

Wie verhält sich gesellschaftliche Vergoldung zur tatsächlichen Tragfunktion einer Tätigkeit?

Die Vergoldungswelt und 1:99-Herrschaft

Wo sich Goldschichten, Eigentum, institutionelle Macht und Status kumulieren, kann aus gesellschaftlicher Wertdifferenz eine Herrschaftsordnung entstehen.

Dann geht es nicht mehr nur darum, wer als wertvoll gilt.

Es geht darum, wer aufgrund dieser Wertordnung über die Tätigkeiten anderer und über gemeinsame Tragbedingungen verfügen kann.

1:99 wird dadurch zu einer möglichen Extremform der Vergoldungsasymmetrie.

Vergoldungswelt und Zivilisationsfähigkeit

Damit erreicht der Begriff seine zivilisatorische Dimension.

Eine Gesellschaft braucht Wertungen.

Sie muss Entscheidungen treffen.

Sie muss Prioritäten setzen.

Sie muss bestimmte Tätigkeiten fördern und andere begrenzen.

Das Problem besteht deshalb nicht darin, sämtliche Wertordnungen abzuschaffen.

Zivilisationsfähigkeit zeigt sich vielmehr daran, ob eine gesellschaftliche Wertordnung von den Folgen der durch sie ausgelösten Tätigkeiten korrigiert werden kann.

Eine tragfähige Wertordnung

Eine tragfähige Wertordnung müsste deshalb mehr können, als Wert zuzuschreiben.

Sie müsste ihre eigenen Wertmaßstäbe prüfen können.

Was gestern hoch bewertet wurde, kann heute als schädlich erkannt werden.

Was lange unsichtbar blieb, kann sich als tragend erweisen.

Was als wertlos galt, kann eine entscheidende Funktion besitzen.

Damit wird Wert plastisch.

Von der Vergoldungswelt zur plastischen Wertordnung

Die Gegenform zur Vergoldungswelt wäre daher nicht eine wertlose Welt.

Sie wäre eine plastische Wertordnung.

Werte besitzen Geltung.

Aber sie werden nicht mit unveränderlichen Eigenschaften der Dinge verwechselt.

Sie können aufgrund ihrer Folgen überprüft werden.

Sie können miteinander konkurrieren.

Sie können historisch verändert werden.

Sie bleiben auf Tragbedingungen rückbezogen.

Entgoldung und Neubewertung

Entgoldung bedeutet deshalb nicht Zerstörung von Wert.

Sie bedeutet:

Die Wertzuschreibung wird wieder als Hervorbringung sichtbar und kann neu bewertet werden.

Danach kann etwas erneut hoch bewertet werden.

Aber nun aufgrund einer bewussteren Prüfung.

Das ist wesentlich.

Forschungskunst möchte nicht die Welt farblos machen.

Sie möchte ihre Vergoldungen sichtbar und korrigierbar machen.

Das goldene Gefängnis

Hier verbindet sich die Vergoldungswelt schließlich mit dem Feuerkäfig.

Ein Gefängnis muss nicht nur aus äußeren Gitterstäben bestehen.

Es kann vergoldet sein.

Status.

Besitz.

Prestige.

Rollenidentität.

Belohnung.

Sie können einen Zustand attraktiv genug machen, dass der Mensch ihn nicht verlässt, obwohl seine Tragbedingungen beschädigt werden.

Damit entsteht das Bild der goldenen Freiheit.

Der Mensch sagt:

„Ich bin frei.“

Die Tür steht vielleicht tatsächlich offen.

Doch seine vergoldete Skulpturidentität hält ihn innerhalb des Systems.

Freiheit unter der Goldschicht

Der Freiheitsbegriff muss deshalb ebenfalls entgoldet werden.

Nicht abgeschafft.

Sondern geprüft.

Welche Freiheit ist gemeint?

Freiheit zu kaufen?

Zu besitzen?

Zu verfügen?

Eine Rolle zu wählen?

Eine Rolle zu verlassen?

Eine Tätigkeit zu verweigern?

Welche Abhängigkeiten ermöglichen diese Freiheit?

Wer trägt ihre Folgen?

Damit wird aus dem vergoldeten Freiheitsbegriff eine Tätigkeitsfrage.

Goldene Freiheit und reale Abhängigkeit

Der Astronaut verstärkt dieses Bild.

Der Mensch erscheint in einer hochentwickelten, glänzenden technischen Form.

Er kann scheinbar Orte erreichen, die dem ungeschützten Organismus verschlossen sind.

Doch seine Autonomie hängt vollständig von technischen Versorgungssystemen ab.

Die Vergoldungswelt kann diese technische Leistung in ein Bild absoluter Unabhängigkeit verwandeln.

Das plastische Ich widerspricht:

Die Erweiterung meiner Freiheit beseitigt meine Abhängigkeit nicht. Sie organisiert sie neu.

Der Tod als radikale Entgoldung

Der Tod besitzt innerhalb der Vergoldungswelt schließlich eine unüberbietbare Prüfkraft.

Status endet als lebendige Erfahrung.

Eigentum muss übertragen werden.

Titel bleiben vielleicht in Archiven.

Gold bleibt materiell vorhanden.

Der Organismus stirbt.

Damit zeigt Memento mori:

Die gesellschaftliche Goldschicht kann den zeitlichen Träger überdauern, aber sie kann dessen lebendige Existenz nicht ersetzen.

Was bleibt nach der Vergoldung?

Diese Frage könnte im Atelier wörtlich gestellt werden.

Ein Gegenstand wird vergoldet.

Dann wird die Goldschicht gedanklich oder tatsächlich wieder entfernt.

Was bleibt?

Der Träger.

Seine Gebrauchsgeschichte.

Seine Materialität.

Vielleicht seine Verletzung.

Vielleicht seine Veränderung.

Und zusätzlich bleibt die Erinnerung daran, dass er einmal vergoldet worden war.

Damit wird selbst die Vergoldung Teil seiner Geschichte, aber nicht sein vollständiges Wesen.

Die Vergoldungswelt ist selbst plastisch

Auch gesellschaftliche Wertordnungen verändern sich.

Dinge, die einmal kostbar waren, können Wert verlieren.

Dinge, die kaum beachtet wurden, können später hoch bewertet werden.

Künstler können zu Lebzeiten unbeachtet und später berühmt sein.

Berufe können gesellschaftlichen Status gewinnen oder verlieren.

Techniken können vom Fortschrittssymbol zum Problemfall werden.

Damit zeigt sich:

Die Vergoldungswelt ist selbst nicht stabil.

Sie tut häufig nur so.

Der Verortungs-/Zeitanker der Vergoldung

Jeder Wert besitzt deshalb einen Ort und einen Zeitpunkt.

Was galt wann als wertvoll?

Wer schrieb ihm diesen Wert zu?

Welche Institution stabilisierte ihn?

Welche Folgen entstanden?

Wie veränderte sich die Bewertung?

Damit wird der Verortungs-/Zeitanker zu einem wichtigen Instrument der Vergoldungsprüfung.

Archiv und wechselnde Vergoldungen

Das eigene Archiv kann solche Veränderungen sichtbar machen.

Welche Arbeiten wurden damals beachtet?

Welche nicht?

Welche Begriffe galten als wichtig?

Was wurde abgelehnt?

Was erscheint Jahrzehnte später anders?

Damit wird das Archiv zu einer Geschichte wechselnder Goldschichten.

Nicht nur das Werk verändert sich.

Auch seine gesellschaftliche Bewertung verändert sich.

Keine nachträgliche Selbstvergoldung

Gerade dabei muss jedoch verhindert werden, dass spätere Entwicklungen frühere Ablehnungen automatisch in Beweise eigener Weitsicht verwandeln.

Das wäre eine nachträgliche Vergoldung der eigenen Biografie.

Die richtige Forschungsfrage lautet:

Was wurde damals tatsächlich behauptet, was ist seitdem tatsächlich geschehen, was trägt heute noch und was muss korrigiert werden?

Damit wird auch die eigene Künstlergeschichte entgoldet und überprüfbar.

Vergoldungswelt und Forschungskunst

Die Forschungskunst nimmt deshalb eine besondere Position ein.

Sie vergoldet nicht eine neue Wahrheit.

Sie untersucht den Vorgang des Vergoldens selbst.

Sie fragt:

Wie entsteht Wert?

Wie wird er aufgetragen?

Wie wird er stabilisiert?

Welche Tätigkeit folgt daraus?

Was bleibt darunter sichtbar?

Welche Folgen werden verdeckt?

Welche Rückmeldung könnte die Wertordnung verändern?

Damit wird Vergoldung zum Arbeitsprozess statt zur bloßen Anklage.

Kein eigener Anker

Die Vergoldungswelt sollte innerhalb der festgelegten Architektur bewusst kein eigener Anker werden.

Sie ist ein wichtiger Prüf- und Bildbegriff, der quer durch mehrere Anker arbeitet.

Der Plexus-/Wirklichkeitsanker zeigt den Zusammenhang, auf den Wertfolien gelegt werden.

Der Prüfanker des Begriffshandwerks untersucht die Wertzuschreibung.

Der Tätigkeitskonsequenzanker verfolgt, was aufgrund des zugeschriebenen Wertes tatsächlich getan wird.

Der Verortungs-/Zeitanker untersucht die historische Veränderlichkeit des Wertes.

Der Foliengrammatikanker macht die Wertauflage sichtbar und abnehmbar.

Der Mitmachbuchanker erlaubt dem anderen, eigene Vergoldungen zu untersuchen.

Der So-Heits-Atelier-Anker macht Gold zum tatsächlichen künstlerischen Prüfmaterial.

Der KI-/Schwarm-Rückkopplungsanker untersucht neue digitale Formen von Rang, Sichtbarkeit und Bewertungsverstärkung.

E1–E4 unterscheidet Material, lebendigen Träger, gesellschaftliche Wertzuschreibung und korrigierende Rückkopplung.

Der Lochprozess untersucht, wo die Vergoldung die Beziehung zum Träger verdeckt.

Die Membran stellt die Frage, ob die Wertordnung noch für Folgen durchlässig bleibt.

Die Skulpturidentität zeigt, wie gesellschaftliche Rollen vergoldet und zu Wesenseigenschaften gemacht werden können.

Das plastische Ich stellt der goldenen Oberfläche den lebenden, zeitlichen und verletzbaren Menschen gegenüber.

Der Millisekunden-Mensch verortet schließlich die extreme Jugend dieser Wertordnungen innerhalb einer wesentlich älteren Tragwirklichkeit.

Selbstprüfung des Begriffs „Vergoldungswelt“

Auch dieser Begriff besitzt die Gefahr, zu weit ausgedehnt zu werden.

Wenn künftig jede Form menschlicher Bewertung einfach „Vergoldung“ genannt würde, verlöre der Begriff seine Schärfe.

Deshalb muss bei jeder Anwendung konkret gefragt werden:

Welcher Träger ist vorhanden?

Welche zusätzliche Wert- oder Bedeutungsform wurde aufgetragen?

Auf welcher Wirklichkeitsweise beruht sie?

Welche Tätigkeiten werden durch sie verändert?

Welche Bedingungen werden dadurch sichtbarer oder unsichtbarer?

Welche Folge könnte die Zuschreibung korrigieren?

Und ebenso wichtig:

Wo trägt die Vergoldungsanalogie nicht?

Eine Wertzuschreibung ist nicht automatisch eine problematische Vergoldung.

Der Begriff ist besonders dort sinnvoll, wo die zusätzliche Wertschicht einen so hohen Rang erhält, dass die Bedingungen ihres Trägers aus dem Wahrnehmungs- oder Rückkopplungsraum verschwinden.

Vergoldungswelt als Prozessbegriff

Auch „Vergoldungswelt“ bezeichnet deshalb keinen fertigen gesellschaftlichen Zustand.

Präziser ist ein Prozess:

Ein Zusammenhang besteht.

Etwas wird ausgewählt.

Ein Wert wird zugeschrieben.

Der Wert wird symbolisiert.

Er wird institutionell bestätigt.

Menschen handeln danach.

Der Wert kann sich selbst verstärken.

Andere Wirklichkeitsbedingungen treten zurück.

Tätigkeitsfolgen entstehen.

Dann entscheidet sich, ob diese Folgen den Wertmaßstab wieder verändern können.

Damit wird Vergoldung zur Bewegung.

Die Gegenbewegung

Die Gegenbewegung lautet nicht:

Wert zerstören.

Sie lautet:

Wert auf seinen Träger zurückbeziehen.

Nicht:

Gold entfernen, weil Gold falsch ist.

Sondern:

Die Goldschicht als Goldschicht erkennen.

Nicht:

Status abschaffen.

Sondern:

Status nicht mit menschlichem Wesen verwechseln.

Nicht:

Eigentum für unwirklich erklären.

Sondern:

Eigentum als gesellschaftliche Geltungsform von materieller Beschaffenheit und lebendiger Abhängigkeit unterscheiden.

Nicht:

Geldwert ablehnen.

Sondern:

prüfen, welche relevanten Tätigkeitsfolgen außerhalb seiner Berechnung liegen.

Damit bleibt die Forschungskunst plastisch.

Verdichtung der Vergoldungswelt

Die Vergoldungswelt lässt sich schließlich in folgender Grundform zusammenfassen:

Vergoldungswelt bezeichnet innerhalb meiner Forschungskunst den Prozess, in dem Menschen über bereits vorhandene materielle, lebendige und gesellschaftliche Zusammenhänge zusätzliche Wert-, Rang-, Eigentums-, Status-, Heiligkeits- oder Bedeutungsordnungen legen. Wie eine reale Goldschicht können solche E3-Hervorbringungen die Wahrnehmung ihres Trägers stark verändern, ohne mit dessen materiellen und lebendigen Bedingungen identisch zu sein. Sie sind nicht deshalb unwirklich; im Gegenteil, gerade ihre gesellschaftliche Wirksamkeit macht sie zu wichtigen Tätigkeitsoperatoren. Problematisch wird die Vergoldung dort, wo der zugeschriebene Wert einen höheren Wirklichkeitsrang erhält als der Träger, die Oberfläche zum vermeintlichen Wesen wird und die aus der Wertordnung hervorgehenden Tätigkeits- und Verletzungsfolgen die ursprüngliche Zuschreibung nicht mehr korrigieren können.

Ihre kürzeste Formel lautet:

Die Vergoldungswelt entsteht, wenn die Aufwertung der Oberfläche den Träger aus dem Blick geraten lässt.

Im Verhältnis zu E1–E4 lautet die Formel:

E1 zeigt den materiellen Träger, E2 seine lebendige Trag- und Verletzungswirklichkeit, E3 legt Wert und Bedeutung darüber, und E4 fragt, ob die Folgen dieser Wertordnung die Vergoldung wieder verändern dürfen.

Im Verhältnis zum Lochprozess:

Vergoldung kann ein Loch verdecken, weil eine gesellschaftlich erfolgreiche Wertzuschreibung die verlorene Beziehung zum Träger unsichtbar macht.

Im Verhältnis zur Membran:

Eine tragfähige Wertordnung bleibt für die Folgen der durch sie ausgelösten Tätigkeiten durchlässig; eine verhärtete Vergoldung wird zur Mauer.

Im Verhältnis zur Skulpturidentität:

Die Skulpturidentität stellt eine Rolle fest; die Vergoldungswelt verleiht dieser festgestellten Rolle zusätzlichen Rang, Wert und Unverletzlichkeit.

Im Verhältnis zum plastischen Ich:

Unter jeder gesellschaftlichen Vergoldung bleibt der zeitliche, stoffwechselnde, abhängige und verletzbare Mensch bestehen.

Im Verhältnis zum Millisekunden-Menschen:

Der Millisekunden-Mensch kann extrem junge Wertordnungen so stark vergolden, dass sie ihm dauerhafter und wirklicher erscheinen als die wesentlich älteren Tragbedingungen, von denen er weiterhin abhängt.

Im Verhältnis zu Midas:

Das Midas-Loch entsteht dort, wo die Steigerung des zugeschriebenen Wertes die Gebrauchsfähigkeit, Beziehung oder Lebensfähigkeit des Trägers verdrängt.

Im Verhältnis zum Menschenkunstwerk:

Der Mensch vergoldet nicht nur Gegenstände. Er vergoldet Rollen, Besitz, Tätigkeiten, Institutionen, Ideen und schließlich sein eigenes Selbstbild. Diese Vergoldungen werden zu Bestandteilen des Menschenkunstwerks und steuern wiederum die Tätigkeiten der Menschen, die sie hervorgebracht haben.

Und im Verhältnis zur Zivilisationsfähigkeit:

Eine zivilisationsfähige Gesellschaft müsste ihre Wertordnungen nicht abschaffen, sondern so plastisch halten, dass der Wert dessen, was sie hervorbringt und belohnt, durch die tatsächlichen Trag-, Tätigkeits- und Verletzungsfolgen immer wieder neu geprüft werden kann.

Die zentrale Prüfungsfrage lautet deshalb:

Was ist hier tatsächlich vorhanden – und was wurde vergoldet?

Darauf folgt:

Was tue ich anders, weil ich diese Goldschicht für Wert halte?

Und schließlich die entscheidende E4-Frage:

Welche wirkliche Folge müsste eintreten, damit ich bereit wäre, die Vergoldung wieder abzunehmen, durchsichtig zu machen oder ihren Wert neu zu bestimmen?

Damit wird die Vergoldungswelt nicht zur Kritik des Wertes.

Sie wird zur Forschung an der Herstellung von Wert.

Nicht das Gold muss verschwinden.

Sichtbar werden muss die Tätigkeit des Vergoldens.

Denn erst wenn er erkennt, dass er vergoldet, kann der Mensch unterscheiden zwischen dem Träger und seinem Wertbild, zwischen dem, was trägt, und dem, was gilt, zwischen Lebensfähigkeit und Preis, zwischen Rolle und Rang, zwischen Bedeutung und Beschaffenheit.

Die präziseste Formel lautet daher:

Vergoldungswelt ist die vom Menschen hervorgebrachte Wertoberfläche seines Menschenkunstwerks. Forschungskunst beginnt dort, wo diese Oberfläche durchsichtig genug wird, dass der Träger, seine Abhängigkeiten und die Folgen des Vergoldens wieder zurückmelden können.

Die entscheidende Schärfung liegt damit in einer Dreifachbewegung: Vergoldung bedeutet erstens reale materielle Auflage, zweitens gesellschaftliche Wertzuschreibung und drittens daraus hervorgehende Tätigkeit. Erst die dritte Bewegung macht den Begriff für Ihre Forschungskunst besonders stark. Der vergoldete Spaten zeigt das unmittelbar: Nicht nur das Werkzeug wird aufgewertet; der Zugriff selbst kann vergoldet werden, während die Schnitt- und Verletzungsfolge weiterbesteht.

Ebenso wichtig ist, Vergoldungswelt nicht als bloße Scheinwelt zu bezeichnen. Das würde E3 wieder entwirklichen. Eigentum, Geld, Status, Marktwert oder religiöse Bedeutung sind gesellschaftlich real wirksam. Die eigentliche Prüfung lautet vielmehr, ob ihre Wirksamkeit die darunterliegenden Tragbedingungen verdeckt und ob diese Bedingungen noch auf die Wertordnung zurückwirken können.

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