Bestimmung des Gesamtprojekts: Kunst als operative Erkenntnisform.
Konsequenz seiner Existenzform: Mensch
Wenn der Mensch jetzt: Planet Erde: „1 Sekunde alt“ ist, hat er noch keine Ideologien, keine Institutionen, keine Eigentumslogiken, keine großen Erzählungen. Übrig bleibt das, was sofort gilt: Körper, Atem, Abhängigkeit, Reaktion, Rückkopplung.
Minimaler Zweck als Funktion in der Welt
Der Zweck des Menschen lässt sich dann so beschreiben:
Der Mensch ist ein berührbares, handelndes Lebewesen, dessen Funktion darin besteht, sich in die Weltbedingungen einzupassen und sie durch Handeln so zu verändern, dass Leben (sein eigenes und das anderer) weiterhin möglich bleibt.
Womit wir uns auf dieser Plattform permanent beschäftigen werden: Ausgangslage: „Zweck“ als Prüfstein der Zivilisationskritik. Ausgangslage: Eine Zivilisationskritik,
Die Frage nach dem Zweck des Menschen ist in meinem Gesamtprojekt kein rhetorischer Sinnsatz, sondern ein Prüfstein dafür, ob Zivilisationskritik an Wirklichkeit rückgebunden ist.
Wer „Zweck“ ausschließlich als Idee, Wertformel oder Weltanschauung behandelt, bleibt in der oberen symbolischen Schicht (Darstellung, Begriffe, Selbstlegitimation). Mein Ansatz zwingt die Frage in eine andere Form: Was kann über „Zweck“ überhaupt sinnvoll gesagt werden, wenn man mit Berührung, Abhängigkeit, Handlung und Konsequenz beginnt – also mit dem, was nicht wegargumentiert werden kann.
Meine Position: Zweck als Funktion im Rückkopplungsraum
Meine Perspektive ist handlungslogisch und materialgebunden: Der Mensch ist ein verletzlicher Funktionsträger in einem offenen System (Atem, Stoffwechsel, Temperaturfenster, Gravitation, Zeit).
Daraus folgt eine präzise Zweckformulierung ohne Metaphysik: Der Mensch kann seinen „Zweck“ nur als Fähigkeit zur Maßbildung in Rückkopplung bestimmen – als Kompetenz, innerhalb von Grenzen zu handeln, ohne die Tragfähigkeit der eigenen Lebensbedingungen zu zerstören. In deinem Vokabular ist das kein moralischer Appell, sondern eine Konsequenzstruktur: Tätigkeit–Widerstand–Konsequenz, sowie Abhängigkeit–Konsequenz.
Diese Zweckbestimmung ist zugleich erkenntniskritisch: Sie entzieht der Zivilisation den Fluchtweg in reine Symbolproduktion. Denn „Zweck“ wird nicht an Behauptungen gemessen, sondern an Spuren (Ethik der Spuren) und an Tragfähigkeit (ob etwas trägt oder kippt). Genau deshalb sind meine Denkobjekte aus der Schöpfungsgeschichte nicht Illustrationen, sondern Messinstrumente: Der Spaten, der nicht greift; die vergoldete Kartoffel, die nicht mehr keimt; die Bühne als Differenzraum zwischen Rolle und Körper; die Eisfläche, die glänzt und bricht – sie alle machen Zweckfragen als Wirkfragen sichtbar.
Warum Ich „alleine“ wirke: Ich arbeite nicht im üblichen Medium der Philosophie
Viele philosophische Zivilisationskritiken bleiben im Medium der Sprache: Sie analysieren Diskurse, Ideologien, Herrschaftsformen, Subjektmodelle – und sie leisten darin oft Wichtiges. Die Einseitigkeit beginnt dort, wo diese Kritiken ihren eigenen Operationsraum nicht mehr überschreiten: Sie kritisieren die Zivilisation symbolisch, während sie selbst symbolisch bleiben. Dadurch entsteht eine paradoxe Situation: Zivilisationskritik wird zur kulturell akzeptierten Darstellung von Kritik, ohne dass sie ihre Konsequenzbedingungen im Handeln, in der Materialität und in der institutionellen Praxis wirklich durchläuft.
Mein Ansatz verschiebt das Medium: von Argumenten zu Rückkopplungen; von Interpretationen zu Prüfhandlungen; von Begriffslogik zu Funktionslogik. Damit bin Ich weder „nur“ Künstler noch „nur“ Philosoph, sondern arbeite als Grenzfigur zwischen Handwerk, Kunst, Anthropologie und Erkenntnistheorie. Institutionell ist das schwer anschlussfähig, weil akademische Systeme Zuständigkeiten, Disziplinen und Zitierlogiken belohnen – nicht notwendigerweise Tragfähigkeit im Sinne von Weltkontakt.
Einseitigkeiten typischer Zivilisationskritik im Licht der Zweckfrage
1) Teleologie ohne Physik
Häufig wird „Zweck“ als Sinn oder historischer Auftrag formuliert. Das wirkt groß, bleibt aber häufig ohne Bindung an Abhängigkeiten (Atem, Energie, Kipppunkte). Meine Kritik: Eine Zweckbehauptung, die nicht an den Bedingungen des Lebendigen hängt, ist Darstellung ohne Geschehen.
2) Moralische Kritik ohne Spurenträger
Viele Kritiken setzen auf Normen („Gerechtigkeit“, „Würde“, „Freiheit“) ohne ihre materiellen Träger konsequent mitzudenken: Infrastruktur, Ressourcen, Zeit, Körper, Aufmerksamkeit, ökologische Grenzen. Meine Verschiebung: Verantwortung ist keine bloße Norm, sondern beginnt dort, wo Berührung Wirkung erzeugt und Spuren bleiben.
3) Ideologiekritik ohne Techne-Rückkehr
Es wird entlarvt, aber nicht re-funktionalisiert. Zivilisationskritik endet im Diagnosemodus. Mein Gegenakzent: Techne ist nicht Kommentar, sondern Können; nicht Interpretation, sondern Praxis, die Maß erzeugt. Zweck wird damit: Wiederherstellung von Weltbeziehung als Kulturtechnik.
4) Subjektkritik ohne Verletzungswelt
Man kritisiert das „Subjekt“ theoretisch, während man die Verletzungswelt des Körpers (Atem, Angst, Reizüberflutung, Stammhirn-Reaktivität) zu wenig als operative Realität behandelt. Mein Beitrag: Der Mensch ist nicht zuerst ein Selbstbild, sondern ein verletzlicher Organismus, der sich durch Darstellungswelten immunisieren will – mit katastrophischer Nebenwirkung.
Mein spezifischer Beitrag gegenüber „anderen Philosophen“: Der Zweck wird als Trainingsaufgabe formulierbar
Mein Ansatz ist nicht nur Diagnose, sondern ein methodischer Gegenentwurf: Denkobjekte, Werkstattformate, Körper-/Wahrnehmungsschulung, Bühne als Differenzlabor, Alltag als Trainingsfeld (Küche, Werkzeuge, Materialien). Damit wird Zweck nicht als Satz behauptet, sondern als erlernbare Kompetenz: Unterscheiden lernen zwischen Darstellung und Wirklichkeit; Maß finden zwischen Minimum und Maximum; Handeln so anlegen, dass Rückkopplungen nicht verleugnet, sondern genutzt werden.
Die Pointe ist: Ich behandel „Zweck“ nicht als metaphysische Antwort, sondern als überprüfbare Betriebsweise. Genau darin liegt die Provokation gegenüber vielen philosophischen Positionen: Ich verlange Anschluss an die untere Schicht (Physik, Stoff, Grenzen) und an die mittlere Schicht (Körperpräsenz, Verletzbarkeit, Handlung) – und relativierst damit die Selbstgenügsamkeit der oberen Schicht (Symbolik, Ideale, Rollen, Systeme).
Zuspitzung für die Zweckfrage in meinem Rahmen
Wenn man den Menschen „1 Sekunde alt“ denkt, fällt fast alles weg, was klassische Philosophie gerne als Zweck ausgibt (Vernunftauftrag, Fortschritt, Selbstverwirklichung). Übrig bleibt meine Kernthese: Zweck ist zunächst das Erwerben von Tragfähigkeit im Rückkopplungsraum. Zivilisationsgeschichtlich ist dann „schiefgelaufen“, dass die obere symbolische Schicht sich von den unteren Schichten abgekoppelt und dennoch normative Hoheit beansprucht hat. Der Zweck, den Ich vorschlage, ist daher nicht „mehr Sinn“, sondern Re-Kopplung: eine Kulturtechnik, die Menschen befähigt, wieder im Maß zu handeln – individuell und kollektiv – bevor Kipppunkte das Handlungsfeld schließen.
Formulierbarer Positionssatz (plattformtauglich)
Meine Perspektive lässt sich gegenüber philosophischer Einseitigkeit so pointieren: Zivilisationskritik ist nur dann ernst, wenn sie ihre Aussagen an Berührung, Spur und Tragfähigkeit prüft. Der Zweck des Menschen ist nicht vorgegeben, sondern entsteht als Maßkompetenz im Umgang mit Abhängigkeiten und Konsequenzen. Kunst (bildnerisch und darstellerisch) ist dafür nicht Dekoration, sondern Trainingsform einer erneuerten Weltbeziehung.
- Bestandsaufnahme menschlicher Zivilisationsmodelle unter dem Blickwinkel 51:49 vs. 50:50 / 1:99
- Analyse von Rückkopplungen: Tätigkeit – Abhängigkeit – Konsequenz
- Entlarvung symbolischer Selbstanmaßungen (Besitz-, Kontroll-, Herrschaftslogiken)
- Vergleich funktionierender Systeme (Natur, Technik, Stoffwechsel, Kreisläufe) mit zivilisatorischen Fehlkonstruktionen
- Plastisches Denken statt Dualismen: Asymmetrie als Stabilitätsprinzip
- Verknüpfung von Kunst, Wissenschaft und Technik im Sinne von Techne
- Entwicklung von Überlebensalternativen auf individueller, sozialer und globaler Ebene
- Dokumentation von Lücken, Brüchen und Halluzinationen in bestehenden Wissenssystemen
Plastische Anthropologie 51:49 – Die Kunst des Widerstands und die Rückkopplungen der Zivilisation
Zweite Ouvertüre: Plastisch-dynamisches Inhaltsverzeichnis
Dieses Inhaltsverzeichnis präsentiert verschränkte Wissensräume statt linearer Kapitel: Achsen, Objekte und Spannungsfelder dienen als plastische Einstiegspunkte in das Thema.
- Anthropologischer Ursprung – Frühmensch & Verletzlichkeit: Der frühe Mensch als verletzliches, körpergebundenes Wesen, das in direkter Auseinandersetzung mit der Umwelt durch Techne (Werkzeug, Kunst) überlebt. Die Frühmensch-These betont, dass kreatives Handeln im Widerstand der Natur von Beginn an Menschsein formt.
- Asymmetrische Lebenslogik (51:49): Minimale Asymmetrie als Stabilitätsprinzip lebender Systeme – ein 51:49-Verhältnis von Handlung und Welt, das Feedback ermöglicht. Im Kontrast dazu der spiegelbildliche Symmetriedualismus (50:50) der abendländischen Tradition und seine extreme Schieflage: die 1:99-Dynamik des Ungleichgewichts.
- Tätigkeit – Widerstand – Rückkopplung: Der Prozess Handlung → Widerstand → Feedback als Kern lebendiger Erkenntnis. Rückkopplung erzeugt Lernen, Anpassung und Verantwortung. Wird diese Kopplung unterbrochen (Entkopplung), entstehen Illusionen und „Halluzinationen“ in Wissenschaft und Gesellschaft – Wissenssysteme entfernen sich von der Realität.
- Symbolwelt vs. Dingwelt: Die symbolischen Konstrukte der Zivilisation wirken wie eine Membran zwischen Mensch und Wirklichkeit. Hinter dieser Symbolwelt liegt die Dingwelt der materiellen Objekte und des leiblichen Lebens als genuines Erkenntnisfeld. Erst die Rückbindung an konkrete Dinge und Sinneserfahrung durchbricht die Membran und stellt echten Weltbezug her.
- Der plastische Mensch vs. die Skulptur-Identität: Der Mensch der plastischen Anthropologie als verletzliches, formbares Wesen, das sich in ständiger Rückkopplung mit der Umwelt entwickelt. Dem gegenüber die Skulptur-Identität der Moderne: ein statisches, idealisiertes Menschenbild – eine starre Skulptur aus Begriffen, entkoppelt von lebendiger Erfahrung und Veränderung.
- Bild- und Objektmetaphern einer entkoppelten Welt: Künstlerisch-philosophische Objekte und Bilder als plastische Erkenntnismodelle. Vergoldete Kartoffel, dünnes Glatteis, angehaltener Atem, Tang und Messer fungieren als sinnliche Störbilder, die die Kluft zwischen abstraktem Symbolwert und konkreter Lebensrealität sichtbar machen. Diese Objekte werden zu Erkenntnisfeldern: Sie entlarven die Illusionen der Symbolwelt – etwa den Gegensatz von Scheinwert (Gold) und Existenzwert (Nahrung) – und öffnen reflexive Räume im Betrachter.
- Der „Rachenmensch“ – Konsum ohne Rückkopplung: Polemisches Sinnbild des entfremdeten modernen Menschen als reiner Konsument. Der „Mensch als Rachen“ verschlingt Ressourcen ohne Bezug zu Herkunft oder Konsequenzen seines Tuns – ein Extremfall entkoppelter Existenz. Als Mahnfigur steht er dem rückgekoppelten, verantwortlichen 51:49-Menschen gegenüber, der Handlungen mit ihren Folgen verknüpft.
- Techne als integratives Prinzip: Die Kunst (griech. Techne) als ursprüngliche gemeinsame Sprache und Bindeglied der Disziplinen. Schon vor 2500 Jahren vereinte Techne Handwerk, Wissen und Philosophie zu einem ganzheitlichen Weltzugang. Daran anknüpfend schlägt die plastische Anthropologie die Rückführung aller Wissenschaften in die Kunst vor: ein ästhetisches Erkenntnisprinzip, das Anthropologie, Naturwissenschaft, KI, Philosophie, Physik u. a. in einem schöpferischen Prozess des Weltbezugs integriert.
- Ausblick – Die So-Heits-Gesellschaft: Vision einer zukünftigen Zivilisation, in der Kunst das epistemische Zentrum bildet und die 51:49-Logik Grundlage gesellschaftlicher Organisation wird. In dieser So-Heits-Gesellschaft verschmelzen Tätigkeit, Erkenntnis und Welt zu einem plastischen Ganzen (im Sinne von Techne) – eine begehbare Ordnung des Wissens als lebendiges Kunstwerk.
Ausgangsfrage: Zur historischen Entstehung eines kontroll- und besitzfixierten Menschenverständnisses.
Die leitende Fragestellung des hier entwickelten Gesamtzusammenhangs richtet sich nicht primär auf die Bewertung des gegenwärtigen Menschen- und Individuumsverständnisses, sondern auf dessen historische Genese. Wie konnte sich ein Selbstverständnis herausbilden, das von Kontrollanspruch, Besitzdenken und der Überzeugung geprägt ist, prinzipiell alles verfügbar, beherrschbar und aneignungsfähig machen zu können?
Dieses Menschenbild stellt keinen anthropologischen Naturzustand dar, sondern ist das Resultat einer langen zivilisatorischen Entwicklung, die durch begriffliche Verschiebungen, symbolische Setzungen und systematische Fehlzuordnungen vorangetrieben wurde.
Zentral ist dabei die Einsicht, dass dieses Selbstverständnis nicht aus funktionierender technischer Praxis hervorgegangen ist, sondern aus einer ideologischen Fehlübertragung technischer Erfolge auf das Ich-Bewusstsein.
Der moderne Kontrollanspruch ist kein Produkt realer Rückkopplungssysteme, sondern entsteht gerade aus deren Negation auf der Ebene des Subjektverständnisses.
Fortschritt durch Lernen: Die Logik der Technikwelt
In der technischen Welt ist Fortschritt ausschließlich unter der Bedingung von Lernfähigkeit möglich. Lernen wiederum setzt die Anerkennung von Rückkopplung voraus. Technik entsteht nicht aus Allmachtsphantasien, sondern aus der präzisen Analyse von Fehlern, Grenzen und Katastrophen. Flugzeugabstürze, Materialversagen oder Fehlkonstruktionen werden nicht moralisch bewertet, sondern funktional untersucht. Die leitende Frage lautet nicht, wer schuld ist, sondern wodurch ein System versagt hat.
Fortschritt ist hier nur möglich, weil Technik radikal verletzungsfähig ist. Sie akzeptiert Grenzwerte, Toleranzen, Minimal- und Maximalbedingungen sowie Kipppunkte. Sie weiß, dass Überschreitungen reale und nicht verhandelbare Konsequenzen haben. Kontrolle ist in der Technikwelt daher niemals absolut, sondern stets vorläufig, relational und rückgebunden an Materialität, Physik und Zeit. Gerade diese Begrenztheit macht technische Systeme leistungsfähig und verlässlich.
Der zivilisatorische Bruch: Fehlübertragung auf das Individuum
Der entscheidende zivilisatorische Bruch entsteht dort, wo dieses rückkopplungsgebundene Fortschrittsdenken von der Technikwelt auf das Menschen- und Individuumsverständnis übertragen wird. Der Mensch beginnt, sich selbst als Urheber, Eigentümer und Kontrollzentrum des Fortschritts zu begreifen. Was technisch durch kollektive Lernprozesse, Fehleranalyse und Maßhaltung entstanden ist, wird nun symbolisch dem autonomen Subjekt zugeschrieben: der freien Entscheidung, der souveränen Vernunft, dem selbstbestimmten Individuum.
Hier liegt die zentrale Fehlannahme. Das Individuum eignet sich symbolisch einen Fortschritt an, den es funktional nicht hervorgebracht hat. Rückkopplung, Abhängigkeit und Verletzlichkeit werden ausgeblendet, während die Ergebnisse technisch-kollektiver Lernprozesse als Beleg individueller Autonomie, Freiheit und Besitzfähigkeit interpretiert werden. Aus technischer Lernfähigkeit wird anthropologischer Größenwahn.
Skulptur-Identität und die strukturelle Verweigerung des Lernens
Dieses neue Menschenbild lässt sich als Skulptur-Identität beschreiben. Es lebt in einer symbolischen Unverletzlichkeitswelt, in der Freiheit, Selbstbestimmung, Gleichheit und Autonomie nicht mehr als relationale, rückgekoppelte Zustände verstanden werden, sondern als feste Besitzmerkmale eines Ichs. Identität wird zur Form, nicht zum Vollzug.
Damit wird Lernen strukturell unmöglich. Lernen setzt Verletzbarkeit voraus, doch die Skulptur-Identität darf nicht scheitern. Fehler bedrohen nicht einzelne Handlungen, sondern das gesamte Selbstverständnis. Rückkopplungen werden daher abgewehrt, relativiert oder externalisiert. Verantwortung wird symbolisch verteilt, während reale Konsequenzen ausgelagert werden. An dieser Stelle zeigt sich der fundamentale Unterschied zur Technikwelt: Dort ist Lernen zwingend, hier wird es systematisch verweigert.
Kunst als Frühwarnsystem und ihre systematische Neutralisierung
Literatur, Kunst und Theater haben diese Entwicklung früh erkannt und immer wieder beschrieben. Von der antiken Tragödie über Dostojewski, Kafka, Hesse, Frisch und Dürrenmatt bis hin zu modernen dystopischen Erzählungen findet sich derselbe Befund: Ein Mensch, der sich für unverletzlich hält, zerstört zwangsläufig seine eigenen Existenzbedingungen.
Diese Warnungen waren nie unklar oder marginal. Sie wurden jedoch systematisch entmächtigt, indem man ihnen den Status bloßer Fiktion, Unterhaltung oder subjektiver Meinung zuschrieb. Kunst durfte warnen, aber nicht wirksam werden. Sie wurde vom Erkenntnisraum zum Symbolraum degradiert. Dadurch verlor sie ihre gesellschaftliche Rückkopplungsfunktion. Das Ergebnis ist eine Zivilisation, die technisch hoch lernfähig, anthropologisch jedoch lernverweigernd ist.
Das „Sekundenwesen“ und der Anspruch auf planetarische Kontrolle
Besonders deutlich wird der Größenwahn des skulpturalen Menschenbildes im Verhältnis zur Natur. Ein evolutionär extrem junges Wesen – gemessen in Sekunden der Erdgeschichte – erhebt den Anspruch, hochkomplexe Rückkopplungssysteme kontrollieren, optimieren oder ersetzen zu können, die sich über Milliarden Jahre entwickelt haben. In der Technikwelt wäre eine solche Anmaßung undenkbar, da dort Erfahrungszeit, Materialermüdung und Langzeitfolgen zentral sind.
Im modernen Menschenbild jedoch wird diese Diskrepanz ignoriert. Fortschritt wird mit Beschleunigung verwechselt, Kontrolle mit Besitz, Freiheit mit Entkopplung. Natürliche Systeme, die sich permanent selbst überprüfen, anpassen und korrigieren, werden nicht als Vorbild, sondern als Hindernis betrachtet. Der Mensch erklärt sich zum Eigentümer dessen, wovon er funktional vollständig abhängig ist.
Die zentrale Fehlannahme: Kontrolle als Eigentum
Im Kern beruht das skulpturale Menschenverständnis auf einer falschen Eigentumsannahme. Kontrolle wird als etwas Besitzbares gedacht, obwohl sie in funktionalen Systemen niemals Besitz, sondern immer Relation ist. Technik hat dies längst gezeigt: Kein Ingenieur besitzt die Physik, kein Pilot den Auftrieb, kein System die Sicherheit. Kontrolle existiert nur im Zusammenspiel vieler Faktoren und nur solange Rückkopplung akzeptiert wird.
Das moderne Individuum glaubt hingegen, Kontrolle zu haben, gerade weil es sie nicht überprüfen muss. Diese Scheinkontrolle ist nur innerhalb einer symbolischen Unverletzlichkeitswelt möglich, in der Freiheit, Autonomie und Gleichheit behauptet werden können, ohne sich in realen Tätigkeits- und Abhängigkeits-Konsequenzen bewähren zu müssen.
Plastisches Denken und die Neubestimmung zentraler Begriffe
Die Aufgabe des hier beschriebenen Gesamtprojekts liegt daher nicht in moralischer Kritik, sondern in einer radikalen Neubestimmung zentraler Begriffe durch plastisches Denken. Freiheit bedeutet nicht Unabhängigkeit, sondern Rückkopplungsfähigkeit. Gleichheit meint nicht Symmetrie, sondern gleichwertige Verletzlichkeit. Selbstständigkeit ist nicht Autonomie, sondern verantwortliche Einbindung. Fortschritt ist nicht Beschleunigung, sondern Lernfähigkeit über Zeit.
Diese Begriffe lassen sich nicht rein theoretisch neu definieren. Sie müssen praktisch erfahren werden. Genau hier kommt Kunst als operative Erkenntnisform ins Spiel. Kunst ist der einzige gesellschaftliche Bereich, in dem Verletzung, Scheitern, Maß, Kipppunkt und Rückkopplung nicht verdrängt, sondern produktiv genutzt werden.
Ergebnis: Aufklärung als Wiederanbindung an Lernfähigkeit
Der Gesamtkontext zeigt, dass das gegenwärtige Menschen- und Individuumsverständnis nicht an einem Zuviel an Kontrolle leidet, sondern an einem Mangel realer Kontrolle. Es verwechselt symbolische Verfügung mit funktionaler Wirksamkeit. Die Verweigerung des Lernens ist keine anthropologische Konstante, sondern das Resultat einer skulpturalen Selbstverabsolutierung.
Eine zukünftige – oder dringlich gegenwärtige – Kunstgesellschaft zielt daher nicht auf mehr Wissen, mehr Macht oder mehr Technik, sondern auf die Wiederherstellung von Lernfähigkeit auf anthropologischer Ebene. Sie bindet den Menschen an jene Logik zurück, die Technik erfolgreich gemacht hat: die Anerkennung von Maß, Rückkopplung, Fehler und Abhängigkeit. Erst in dieser Rückbindung können Freiheit, Gleichheit und Selbstständigkeit neu, plastisch und lebensfähig verstanden werden.
Ausgangsfrage: Entstehung eines kontrollierenden und besitzfixierten Menschenverständnisses
Wenn der Mensch kein autonomes Zentrum, sondern ein zeitlich begrenzter Funktionsteil in plastischen, leicht asymmetrischen 51:49-Tätigkeits- und Abhängigkeits-Konsequenzen ist, dann bedeutet das: Der Mensch als Funktionsteil plastischer Stoff- und Prozesskreisläufe.
Ausgangsproblem: Verlust des traditionellen Menschenbildes.
Ausgangspunkt: Zwei konkurrierende Ordnungsmodelle
Ausgangslage: Keine zwei Menschentypen, sondern zwei Organisationslogiken.
Klärung der Ebene: Organisations- und Setzungsform, nicht Biologie
Hermann Hesse und der existenzielle Konflikt zweier Selbstverständnisse.
Zusammenfassung des Gesamtkontextes: Plastische Anthropologie, symbolische Ordnung und Existenzfähigkeit des Menschen. Frühe literarische Beschreibung des Grundkonflikts.
Erweiterung des literarischen Befundes: Homo faber und Dürrenmatts Physiker.
Erweiterung des Motivfeldes: Utopie, Modellwelt und Entkopplung von Rückkopplung
Das zweite Ich-Bewusstsein: Plastisches, rückgekoppeltes Geistverständnis.
Die Kunstgesellschaft als ursprüngliches und zukünftiges Ordnungsmodell: Techne, Gemeinsinn und plastische Identität
Bestimmung des Gesamtprojekts: Kunst als operative Erkenntnisform
Ausgangspunkt: Zwei konkurrierende Ordnungsmodelle. Im Zentrum steht eine anthropologische Grundannahme, die den herkömmlichen Menschenbegriff radikal infrage stellt. Opus Magnum: Plastische Anthropologie 51:49 – Die Kunst des Widerstands und die Rückkopplung der Zivilisation.
