VORSCHLAG FÜR DIE DOCUMENTA 16 Juli 2026.
acht Auseinandersetzungen mit der documenta. Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Die vorausliegende Welt und das menschliche Interpretationswerk
Die Zellmembran als elementares Referenz- und Verhältnissystem 51:49 und 49:51 als zwei gerichtete Asymmetrien und der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus
Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch
Der Abendmahltisch aus der Schöpfungsgeschichte
Das Mitmachbuch als tragbares So-Heits-Atelier Memento mori – Das unbetretbare Atelier und die Fortsetzung der Verantwortung.
Die documenta 16 als Prüf- und Resonanzraum der Forschungskunst
Das So-Heits-Atelier als plastisches Gegenmodell zur Rollen- und Warengesellschaft.
Was aus dem Werk-Anker noch in das So-Heits-Atelier gehört.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes als aktivierter Werkorganismus.
Die documenta-Bewerbungen ab 1993 waren Arbeitsgrundlagen der Künstlergruppe Kollektive Kreativität. Das Mitmachbuch als tragbares So-Heits-Atelier
Ergebnis der historischen Einordnung: Dein für die documenta 16 vorgeschlagenes So-Heits-Atelier steht nicht außerhalb der documenta-Geschichte. Das begehbare Collagen- und Referenzatelier. Meine Collagen
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes: Das Lebenswerk als benutzbarer Werk- und Prüfzusammenhang.
Die Zellmembran als elementares Referenz- und Verhältnissystem.
Der Abendmahltisch aus der Schöpfungsgeschichte und Fotos Presse Bericht
Das Mitmachbuch als tragbares So-Heits-Atelier Memento mori – Das unbetretbare Atelier und die Fortsetzung der Verantwortung.
Die documenta 16 als Prüf- und Resonanzraum der Forschungskunst
Das So-Heits-Atelier als plastisches Gegenmodell zur Rollen- und Warengesellschaft. Was aus dem Werk-Anker noch in das So-Heits-Atelier gehört. Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes als aktivierter Werkorganismus.
Die Zellmembran als elementares Referenz- und Verhältnissystem.
Einführung: Vom Menschen als plastisch werdendem Kunstwerk zur öffentlichen Prüfarchitektur.
Die vorausliegende Welt und das menschliche Interpretationswerk
Die Zellmembran als elementares Referenz- und Verhältnissystem 51:49 und 49:51 als zwei gerichtete Asymmetrien und der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus
Die 24-Stunden-Uhr und der Millisekunden-Mensch
Einführung:
Vom Menschen als plastisch werdendem Kunstwerk zur öffentlichen Prüfarchitektur.
Einführung:
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes als öffentliche Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturarchitektur.
Ergänzende Grundlagen zu Werkentwicklung, Forschungskunst und Arbeitsweise
Einführung:
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes als öffentliche Prüf-, Rückkopplungs- und Reparaturarchitektur-51:49 und 49:51 als zwei gerichtete Asymmetrien-und der spiegelbildliche 50:50-Symmetriedualismus. Biografie
Hier ist die verdichtete Einreichungsfassung:
Anlagen zum Vorschlag für die documenta 16
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk-, Konsequenz-, Rückkopplungs- und Reparaturprüfung
Anlage 1 Arbeitsgrundlage, Kontextanker, Werkanker und Fehlerprüfung der Bewerbung
Anlage 2 Künstlerische Selbstverortung, Biografie und Lebenswerk als Forschungskunst
Anlage 4 Zellmembran, Geburt, Nachstabilisierung und die zwei gerichteten Asymmetrien
Anlage 5 Der Mensch als Künstler und die Menschenwelt als unabgeschlossenes Kunstwerk
Anlage 6 Joseph Beuys, die Begegnung von 1980 und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
Anlage 7 Technē, plastische Symmetria, Symbolon, künstlerisches Können, Zweifel und Gemeinsinn
Anlage 9 Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 als Ursprung der Forschungskunst
Anlage 10 Die Leitfrage, die zweite wilde Natur und der Symmetriedualismus der Zivilisation
Anlage 11 Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Anlage 12 Plastische Anthropologie 51:49, 49:51, plastisches Ich-Bewusstsein und Skulpturidentität
Anlage 13 Das Vier-Ebenen-Modell als Rückverfolgungs-, Verhältnis- und Gegenkopplungsarchitektur
Anlage 14 Sprache, Als-ob, hineingedachte Eigenschaften, Gleichheit, Eigentum und Rollenidentität
Anlage 15 Forschungskunst als zweifelnde Überzeugungs-, Modell-, Werk- und Konsequenzprüfung
Anlage 16 Handwerk, Wasserlabor, Passung, Toleranzraum und die Prüfung von 50:50 und 51:49
Anlage 18 Darstellerische Künste, Rollenidentität, Projektion und der Wechsel von 51:49 zu 49:51
Anlage 19 Erwachsenen-Malbücher, Krickel-Krakel, Fußgängermalbuch, Roter Punkt und Verhältnisbildung
Anlage 20 Demokratiewerkstätten, Kunsthallen auf Zeit, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest
Anlage 22 Grenzphänomenologie, Briefspur, Anträge, Ablehnungen und projektive Rückkopplung
Anlage 24 Das Archiv als lebendiger Werkorganismus, Gedächtnis- und Verhältnisstruktur
Anlage 25 Das So-Heits-Atelier als räumlicher Arbeitsbereich von 50:50, 51:49, 49:51 und E1 bis E4
Anlage 27 Kuratorische Auswahl, Raum, Personal, Barrierefreiheit, Kosten und Weiterführung
21.7.2026 Beckwith-Anschreiben Anlagen 21.7.2026 21.7.2026a 21.7.2026b 21.7.2026c
Anlagen zum Vorschlag für die documenta 16
Anlage 1 – Künstlerische Selbstverortung, Biografie und Lebenswerk als Forschungskunst
Anlage 2 – Die vorausliegende Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist
Anlage 4 – Der Mensch als Künstler und Gestalter der Menschenwelt
Anlage 5 – Joseph Beuys, meine Begegnung von 1980 und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
Anlage 6 – Technē, Maß, Übung und Gemeinsinn als Grundlage einer zukünftigen Kunstgesellschaft
Anlage 7 – Die So-Heits-Gesellschaft als zukünftige Kunst-, Prüf-, Übungs- und Reparaturgesellschaft
Anlage 8 – Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 als Ursprung der Forschungskunst
Anlage 9 – Die Leitfrage, die zweite wilde Natur und die Zivilisationsparadoxie
Anlage 10 – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk- und Konsequenzprüfung
Anlage 11 – Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Anlage 13 – Das Vier-Ebenen-Modell, Begriffe und hineingedachte Eigenschaften
Anlage 14 – Handwerk, Wasserlabor, Toleranzraum und Schlüsselwerke als Beweisführungen
Anlage 15 – Malbücher, Roter Punkt, Rollentheater und die Entwicklung zum Forschungskünstler
Anlage 16 – Kollektive Kreativität, Globales Dorffest und gesellschaftliche Versuchsanordnungen
Anlage 17 – Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und archetypische Hochzeit
Anlage 18 – Die acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 und die documenta als Verortungskunst
Anlagenüberschriften
Anlage 1
Arbeitsgrundlage, Kontextanker, Werkanker und Fehlerprüfung der Bewerbung
Anlage 2
Künstlerische Selbstverortung, Biografie und Lebenswerk als Forschungskunst
Anlage 3
Die vorausliegende Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist, und ihre menschliche Interpretation
Anlage 4
Zellmembran, Geburt, Nachstabilisierung und der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 5
Der Mensch als Künstler und die Menschenwelt als unabgeschlossenes Kunstwerk
Anlage 6
Joseph Beuys, die Begegnung von 1980 und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
Anlage 7
Technē, künstlerische Disziplinen, handwerkliches Können, Zweifel, Maß und Gemeinsinn
Anlage 8
Die So-Heits-Gesellschaft als zukünftige Kunst-, Prüf-, Übungs-, Membran- und Reparaturgesellschaft
Anlage 9
Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 als Ursprung der Forschungskunst
Anlage 10
Die Leitfrage, die zweite wilde Natur und die Zivilisationsparadoxie
Anlage 11
Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Anlage 12
Plastische Anthropologie 51:49, plastisches Ich-Bewusstsein und Skulpturidentität
Anlage 13
Das Vier-Ebenen-Modell als Rückverfolgungs- und Membranarchitektur
Anlage 14
Sprache, Als-ob, hineingedachte Eigenschaften, Person, Sache, Eigentum und Rollenidentität
Anlage 15
Forschungskunst als zweifelnde Überzeugungs-, Werk-, Konsequenz- und Reparaturprüfung
Anlage 16
Handwerk, Wasserlabor, Passung, Toleranzraum und physikalisches Funktionieren
Anlage 17
Bildnerische Künste, Fotografie, Materialeigenschaften, Wertzuschreibung und richtiges Loslassen
Anlage 18
Darstellerische Künste, schauspielerisches Handwerkszeug und die Membran zwischen Darsteller und Rolle
Anlage 19
Erwachsenen-Malbücher, Krickel-Krakel, Fußgängermalbuch und Roter Punkt
Anlage 20
Demokratiewerkstätten, Kunsthallen auf Zeit, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest
Anlage 21
Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater, archetypische Hochzeit und Metabolisches Büro
Anlage 22
Grenzphänomenologie, Briefspur, Anträge, Ablehnungen und institutionelle Membranen
Anlage 23
Die acht documenta-Bewerbungen und die documenta als Verortungs- und Membrankunst
Anlage 24
Das Archiv als lebendiger Werkorganismus, Gedächtnis- und Membranstruktur
Anlage 25
Das So-Heits-Atelier als räumliche E4- und Membranarchitektur
Anlage 26
Globale Schwarm-Intelligenz, OPUS MAGNUM und künstliche Intelligenz als digitale öffentliche Membran
Anlage 27
Kuratorische Auswahl, Raum, Personal, Barrierefreiheit, Kosten und Weiterführung
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
Sehr geehrte Mitglieder der künstlerischen Leitung der documenta 16,
Ich sehe mich veranlasst, mich Ihnen zunächst persönlich vorzustellen, weil Sie meine Arbeit im etablierten Kunstbetrieb und in den üblichen kunsthistorischen Zusammenhängen kaum finden werden.
Die Zielsetzung der documenta 16, künstlerische Praktiken als Werkzeuge einer gemeinsamen Untersuchung möglicher Zukünfte öffentlich erfahrbar zu machen, berührt unmittelbar den Kern meiner seit 1975 entwickelten Forschungskunst, aus der eine umfassende Überprüfungsarchitektur hervorgegangen ist.
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Der zentrale Ausgangspunkt meines Kunstverständnisses ist die Doppelstellung des Menschen: Er ist selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Zugleich ist er Künstler, weil er Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Ordnungen hervorbringt. Die Menschenwelt kann deshalb als ein gemeinsames, unabgeschlossenes Kunstwerk verstanden werden.
Ein zentraler Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ und seine habitable Zone. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens etwa 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst auf dieser Zeitskala nur ungefähr 1,5 Millisekunden. Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig, als könne er die ihm vorausliegenden planetarischen Existenzbedingungen durch seine eigene Menschenwelt ersetzen.
Dieses Menschenkunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen und Korrekturen zulassen oder ob sie ihre eigenen Voraussetzungen verletzen und zerstören. Der Mensch gestaltet seine Welt und wird durch diese Gestaltungen selbst wieder geformt. Daraus entsteht eine Verantwortung, die nicht bei der Absicht, dem Auftrag oder der persönlichen Zuständigkeit endet. Ein Künstler ist über die Vollendung seines Lebenswerkes hinaus für sein Kunstwerk, dessen Wirkung und die daraus entstehenden Folgen verantwortlich.
Dieser Gedanke führt meine Begegnung mit Joseph Beuys im Jahr 1980 weiter. Als Beuys zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch ein Künstler und an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, dann müssen auch die tatsächlichen Tätigkeiten, Institutionen und Folgen dieser Sozialen Plastik untersucht werden. Sie darf nicht nur eine kunsttheoretische oder gesellschaftspolitische Behauptung bleiben.
Dabei ist eine entscheidende Grenze notwendig: Nicht alles ist Kunst. Erde, Leben, Atmosphäre, Gewässer, Stoffkreisläufe und kosmische Bedingungen waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder bearbeitete. Sie sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie bilden die vorausliegende Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann.
Der Mensch kann diese Welt verändern. Er kann ihre Voraussetzungen jedoch nicht durch Preise, Eigentumsordnungen, Rollen, technische Systeme oder gesellschaftliche Geltungsansprüche ersetzen. Genau an dieser Verwechslung setzt meine Forschungskunst an.
Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ vor. Das Vorhaben verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit seiner gegenwärtigen öffentlichen Anwendung und Weiterentwicklung.
Die beigefügten Anlagen entfalten den vollständigen Werk- und Begründungszusammenhang: von der vorausliegenden Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist, über den Menschen als Künstler und Kunstwerk, meine Begegnung mit Joseph Beuys und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik bis zur Experimentellen Umweltgestaltung, den Werkbeweisen, den documenta-Bewerbungen, dem So-Heits-Atelier und seiner räumlichen und digitalen Realisierung.
Diesen Text habe ich mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erarbeitet, einschließlich der Eigenmächtigkeiten. Für mich ist es noch immer ein Wunder, dass ich auf diese Weise schriftliche Anforderungen bewältigen kann, zu denen ich aufgrund meiner Schwierigkeiten allein kaum in der Lage wäre. Dennoch muss ich immer wieder selbst in den Text eingreifen, ihn korrigieren und an meine Gedanken anpassen. Ich hoffe deshalb, dass die Struktur trotz dieser notwendigen Überarbeitungen lesbar und nachvollziehbar geblieben ist.
Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Die documenta könnte mein Lebenswerk damit nicht nur erstmals angemessen verorten. Sie könnte seine künstlerischen Werkzeuge öffentlich anwendbar machen und den Besucher erfahren lassen, dass er selbst ein plastisch werdendes Kunstwerk mit Ich-Bewusstsein innerhalb eines Referenzsystems ist und keine Skulpturidentität, als die er sich gegenwärtig als Individuum versteht. Als Künstler der Menschenwelt ist er zugleich mitverantwortlich für die Folgen dieser Gestaltung. Siehe Vier-Ebenen-Modell und Glossar.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Die documenta könnte meine künstlerischen Werkzeuge öffentlich anwendbar machen und den Besucher nicht nur als Betrachter, sondern als Mitwirkenden in einen Erkenntnisprozess einbeziehen. Er könnte erfahren, dass er selbst kein abgeschlossenes, unveränderliches Individuum ist, sondern ein plastisch werdendes Kunstwerk innerhalb eines Referenzsystems.
Sein Ich-Bewusstsein entsteht nicht unabhängig von seinen Lebensbedingungen, sondern in fortwährender Wechselwirkung mit seinem Organismus, seinen Mitmenschen und den physikalischen Bedingungen, von denen seine Existenz abhängt.
Um diesen Unterschied verständlich zu machen, muss zwischen Skulptur und Plastik unterschieden werden. Diese begriffliche Differenzierung ist besonders im Deutschen möglich. Die Skulptur entsteht durch Wegnehmen. Aus einem vorhandenen Material wird eine Form herausgehauen, die sich gegenüber ihrer Umgebung abgrenzt und als fertige Einheit erscheint. In diesem Sinne entspricht die Skulptur-Identität dem heutigen Selbstverständnis des Individuums: Der Mensch betrachtet sich als eigenständiges, in sich abgeschlossenes Ich, das sich selbst bestimmt und seine Welt nach eigenen Vorstellungen gestaltet.
Die Plastik dagegen entsteht durch Aufbauen, Anfügen, Modellieren und fortwährende Veränderung. Sie bleibt formbar und entwickelt ihre Gestalt in der Auseinandersetzung mit Kräften, Widerständen, Abhängigkeiten und Rückmeldungen. Als plastisch werdendes Kunstwerk wäre der Mensch daher nicht als abgeschlossene Identität zu verstehen, sondern als ein lebendiger, verletzlicher und veränderbarer Teil eines umfassenden Referenzsystems.
In diesem Verständnis ist jeder Mensch ein Künstler der Menschenwelt. Durch seine Tätigkeiten, Entscheidungen, Begriffe und Erfindungen gestaltet er fortwährend gesellschaftliche Wirklichkeit. Damit ist er zugleich Mitverantwortlicher für die Folgen dieser Gestaltung. Die Aussage, jeder Mensch sei ein Künstler, kann deshalb nicht allein als Ausdruck persönlicher Freiheit oder individueller Selbstverwirklichung verstanden werden. Sie enthält ebenso die Verpflichtung, die eigenen Tätigkeitskonsequenzen und deren Auswirkungen auf die gemeinsamen Existenzbedingungen zu prüfen.
Der Mensch ist somit nicht nur der Künstler seines individuellen Lebensentwurfs. Er ist selbst ein plastisch werdendes Kunstwerk und zugleich Mitgestalter einer Welt, deren Folgen weit über ihn hinausreichen. Erst durch die Unterscheidung zwischen Skulptur-Identität und plastischer Identität wird sichtbar, dass Freiheit, Gestaltung und Verantwortung nicht voneinander getrennt werden können.
Das So-Heits-Atelier ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat.
Es ist aus dem von mir während meines Kunststudiums begründeten Bereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“, aus Malbüchern, Wasser- und Strömungsversuchen, handwerklichen Passungs- und Toleranzmodellen, gesellschaftlichen Arbeitstischen, Kunsthallen auf Zeit, Rollentheater, Frage-und-Antwort-Arbeiten, dem Globalen Dorffest und meinen acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 hervorgegangen.
Ausgewählte Schlüsselwerke werden darin nicht nur ausgestellt, sondern als anwendbare Versuchsanordnungen aktiviert. Wasserbecken, Strömungsmodelle, Deichprofile und der Biberdamm untersuchen physikalisches Funktionieren und Nichtfunktionieren. Malbücher, der Rote Punkt und öffentliche Arbeitstische machen den Rezipienten zum Tätigen. Schultafeln, Rollentheater und Begriffsarbeiten prüfen gesellschaftliche Rollen, Zuschreibungen und hineingedachte Eigenschaften. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum Gegenüber und der Besucher zum Mitprüfenden.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk- und Konsequenzprüfung. Sie will keine neue Glaubenslehre hervorbringen und niemanden überreden. Sie stellt menschliche Vorstellungen, Begriffe und Tätigkeiten ihren materiellen, organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Voraussetzungen sowie ihren Folgen gegenüber.
Das So-Heits-Atelier geht auf die Vorstellung einer zukünftigen So-Heits-Kunstgesellschaft zurück. Diese wiederum knüpft an den griechischen Technē an, der vor etwa 2.500 Jahren ein gemeinschaftliches Selbstverständnis des Menschen bezeichnete, in dem Kunst, Wissenschaft und handwerkliches Können noch nicht voneinander getrennt waren.
Die Besucher treten deshalb nicht nur als Betrachter auf. Sie werden zu Forschungskünstlern ihrer eigenen Tätigkeits-Abhängigkeitskonsequenzen. Sie können Wahrnehmungen, Rollen, Materialien und Behauptungen vergegenständlichen, einem Gegenüber aussetzen, vergleichen, korrigieren und mit den Erfahrungen anderer Menschen verbinden.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Arbeits- und Gegenwartsform dieses Werkzusammenhangs auf der documenta 16. Sie verbindet Werkarchiv, interaktives Buch, digitales Atelier, verlinktes Begriffssystem und öffentlichen Prüfraum. Künstliche Intelligenz wird darin nicht als Wahrheitsinstanz, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument eingesetzt.
Anlage 1 – Künstlerische Selbstverortung, Biografie und Lebenswerk als Forschungskunst
Anlage 2 – Die vorausliegende Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist
Anlage 3 – Der Mensch als lebendiges, verletzliches und plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 4 – Der Mensch als Künstler und Gestalter der Menschenwelt
Anlage 5 – Joseph Beuys, meine Begegnung von 1980 und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik
Anlage 6 – Die Menschenwelt als gemeinsames, unabgeschlossenes und gefährdetes Kunstwerk
Anlage 7 – Künstlerische Verantwortung und die vollständigen Tätigkeitskonsequenzen
Anlage 8 – Experimentelle Umweltgestaltung seit 1975 als Ursprung der Forschungskunst
Anlage 9 – Die Leitfrage, die zweite wilde Natur und die Zivilisationsparadoxie
Anlage 10 – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk- und Konsequenzprüfung
Anlage 11 – Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Anlage 12 – Plastische Anthropologie 51:49 und das Verhältnis von Kopplungs-Ich und Geltungs-Ich
Anlage 13 – Das Vier-Ebenen-Modell, Begriffe und hineingedachte Eigenschaften
Anlage 14 – Handwerk, Wasserlabor, Toleranzraum und Schlüsselwerke als Beweisführungen
Anlage 15 – Malbücher, Roter Punkt, Rollentheater und die Entwicklung zum Forschungskünstler
Anlage 16 – Kollektive Kreativität, Globales Dorffest und gesellschaftliche Versuchsanordnungen
Anlage 17 – Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und archetypische Hochzeit
Anlage 18 – Die acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 und die documenta als Verortungskunst
Anlage 19 – Das So-Heits-Atelier, die Globale Schwarm-Intelligenz und die konkrete Realisierung
Die Neufassung stellt den Menschen als Künstler, Kunstwerk und Mitgestalter der Menschenwelt an den Anfang. Der Beuys-Bezug, die Soziale Plastik und die Grenze zur vorausliegenden Welt bilden nun den durchgehenden Begründungszusammenhang.
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
Sehr geehrte Mitglieder der künstlerischen Leitung der documenta 16,
seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Ich sehe mich veranlasst, mich Ihnen zunächst persönlich vorzustellen, weil Sie meine Arbeit im etablierten Kunstbetrieb und in den üblichen kunsthistorischen Zusammenhängen kaum finden werden. Diese fehlende öffentliche Verortung begleitet mein gesamtes künstlerisches Leben. Sie bedeutet jedoch nicht, dass keine kontinuierliche Arbeit vorhanden wäre. Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich ein umfangreiches interdisziplinäres Lebenswerk zwischen Kunst, Handwerk, Naturbeobachtung, gesellschaftlicher Forschung, Theater und praktischer Gestaltung.
Der zentrale Ausgangspunkt meines Kunstverständnisses ist die Doppelstellung des Menschen: Der Mensch ist selbst ein lebendiges, verletzliches und fortwährend plastisch werdendes Kunstwerk. Zugleich ist er Künstler, weil er Gegenstände, Bilder, Begriffe, Rollen, Institutionen, Technologien und gesellschaftliche Ordnungen hervorbringt. Die von Menschen gestaltete Menschenwelt kann deshalb als ein gemeinsames, unabgeschlossenes Kunstwerk verstanden werden.
Dieses Menschenkunstwerk ist jedoch nicht automatisch gelungen. Es muss daran geprüft werden, ob seine Formen tragen, Leben ermöglichen und Korrekturen zulassen oder ob sie ihre eigenen Voraussetzungen verletzen und zerstören. Der Mensch gestaltet und wird durch seine Gestaltungen selbst wieder geformt. Daraus entsteht eine Verantwortung, die nicht bei der künstlerischen Absicht, dem gesellschaftlichen Auftrag oder der persönlichen Zuständigkeit endet.
Dieser Gedanke führt meine Begegnung mit Joseph Beuys im Jahr 1980 weiter. Als Beuys zu mir sagte, ich nähme die Soziale Plastik zu ernst, berührte er damit den Kern meiner weiteren Arbeit. Wenn jeder Mensch ein Künstler und an der Formung gesellschaftlicher Wirklichkeit beteiligt ist, dann müssen auch die wirklichen Tätigkeiten, Institutionen und Folgen dieser Sozialen Plastik geprüft werden. Sie darf nicht nur eine kunsttheoretische oder gesellschaftspolitische Behauptung bleiben.
Dabei ist eine entscheidende Grenze notwendig: Nicht alles ist Kunst. Die Erde, das Leben, die Atmosphäre, die Gewässer, die Stoffkreisläufe und die kosmischen Bedingungen waren bereits vorhanden, bevor der Mensch sie wahrnahm, benannte oder bearbeitete. Sie sind keine menschlichen Kunstwerke. Sie bilden die vorausliegende Tragwirklichkeit, innerhalb derer der Mensch überhaupt leben, handeln und Kunst hervorbringen kann.
Der Mensch kann diese Welt darstellen und verändern. Er kann ihre Voraussetzungen jedoch nicht durch Preise, Eigentumsordnungen, Rollen, technische Systeme oder gesellschaftliche Geltungsansprüche ersetzen. Genau an dieser Verwechslung setzt meine Forschungskunst an.
Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ vor. Das Vorhaben verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit seiner gegenwärtigen öffentlichen Anwendung und Weiterentwicklung.
Das So-Heits-Atelier ist kein nachträglich für die documenta entwickeltes Beteiligungsformat. Es ist aus dem von mir während meines Kunststudiums begründeten Bereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“, aus Malbüchern, Wasser- und Strömungsversuchen, handwerklichen Passungs- und Toleranzmodellen, gesellschaftlichen Arbeitstischen, Kunsthallen auf Zeit, Rollentheater, Frage-und-Antwort-Arbeiten, dem Globalen Dorffest und meinen acht documenta-Bewerbungen zwischen 1977 und 2017 hervorgegangen.
Ausgewählte Schlüsselwerke meines Lebenswerkes werden darin nicht nur ausgestellt, sondern als anwendbare Versuchsanordnungen aktiviert. Wasserbecken, Strömungsmodelle, Deichprofile und der Biberdamm untersuchen physikalisches Funktionieren und Nichtfunktionieren. Malbücher, der Rote Punkt und Arbeitstische machen den Rezipienten zum Tätigen. Schultafeln, Rollentheater und Begriffsarbeiten prüfen gesellschaftliche Rollen und hineingedachte Eigenschaften. Material, Körper, Tätigkeit und Konsequenz werden zu Zeugen.
Ein zentraler Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens etwa 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst auf dieser Zeitskala nur ungefähr 1,5 Millisekunden. Dennoch verhält sich dieser Millisekunden-Mensch häufig, als könne er die ihm vorausliegenden planetarischen Existenzbedingungen durch seine eigene Menschenwelt ersetzen.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungs-, Werk- und Konsequenzprüfung. Sie will keine neue Glaubenslehre hervorbringen und niemanden überreden. Sie stellt menschliche Vorstellungen, Begriffe und Tätigkeiten ihren materiellen, organismischen, gesellschaftlichen und planetarischen Voraussetzungen sowie ihren Folgen gegenüber.
Die Besucher treten deshalb nicht nur als Betrachter auf. Sie werden zu Mitwirkenden und Forschungskünstlern ihrer eigenen Tätigkeit. Sie können Wahrnehmungen, Rollen, Materialien und Behauptungen vergegenständlichen, einem Gegenüber aussetzen, vergleichen, korrigieren und mit den Erfahrungen anderer Menschen verbinden.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Arbeits- und Gegenwartsform dieses Werkzusammenhangs. Sie verbindet Werkarchiv, interaktives Buch, digitales Atelier, verlinktes Begriffssystem und öffentlichen Prüfraum. Künstliche Intelligenz wird darin nicht als Wahrheitsinstanz, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument eingesetzt.
Die beigefügten Anlagen entfalten den vollständigen Begründungs- und Werkzusammenhang: von der vorausliegenden Welt, die kein menschliches Kunstwerk ist, über den Menschen als Künstler und Kunstwerk, meine Begegnung mit Joseph Beuys und das Ernstnehmen der Sozialen Plastik bis zur Experimentellen Umweltgestaltung, den Werkbeweisen, den documenta-Bewerbungen, dem So-Heits-Atelier und seiner räumlichen und digitalen Realisierung.
Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Die documenta könnte mein Lebenswerk damit nicht nur erstmals angemessen verorten. Sie könnte seine künstlerischen Werkzeuge öffentlich anwendbar machen und den Besucher erfahren lassen, dass er selbst ein plastisch werdendes Kunstwerk, ein Künstler der Menschenwelt und ein Mitverantwortlicher für die Folgen dieser Gestaltung ist.
Für eine persönliche Vorstellung des Werkzusammenhangs, der historischen documenta-Konzeptionen und der konkreten räumlichen Umsetzung stehe ich Ihnen zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Der Text kann noch stärker auf eine ein- bis zweiseitige Einreichungsfassung verdichtet werden.
Der Mensch als Künstler, Kunstwerk und Gestalter der Menschenwelt
Anschreiben an die künstlerische Leitung der documenta 16
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Frau Beckwith,
Sehr geehrte Mitglieder der künstlerischen Leitung der documenta 16,
seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Gestaltungskraft und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Ich sehe mich veranlasst, mich Ihnen zunächst persönlich vorzustellen, weil Sie meine Arbeit im etablierten Kunstbetrieb und in den üblichen kunsthistorischen Zusammenhängen kaum finden werden. Diese fehlende öffentliche Verortung bedeutet jedoch nicht, dass keine kontinuierliche Arbeit vorhanden wäre. Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich ein umfangreiches interdisziplinäres Lebenswerk zwischen Kunst, Handwerk, Naturbeobachtung, gesellschaftlicher Forschung, Theater und praktischer Gestaltung.
Ausgangspunkt ist der von mir während meines Kunststudiums begründete Studienbereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“. Aus ihm entwickelte sich eine Forschungskunst, die menschliche Vorstellungen, Begriffe, Rollen und Tätigkeiten nicht nur darstellt, sondern ihren materiellen, körperlichen, organismischen und planetaren Voraussetzungen und Konsequenzen gegenüberstellt.
Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ vor. Das Vorhaben verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit seiner gegenwärtigen öffentlichen Anwendung. Ausgewählte Werke, Modelle, Kunsttagebücher, Aktionen und meine acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 machen die Entstehung dieser Forschungskunst nachvollziehbar. Im begehbaren Atelier werden ihre Verfahren durch die Besucher weitergeführt.
Das So-Heits-Atelier ist keine nachträglich entwickelte Beteiligungsform. Es ist aus meinen Malbüchern, Wasser- und Strömungsversuchen, handwerklichen Passungs- und Toleranzmodellen, gesellschaftlichen Arbeitstischen, Kunsthallen auf Zeit, Rollentheater, Frage-und-Antwort-Arbeiten und digitalen Werkformen hervorgegangen. Die Besucher treten deshalb nicht nur als Betrachter auf. Sie können Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Materialien, Tätigkeiten und deren Folgen selbst vergegenständlichen, vergleichen, prüfen und korrigieren.
Ein zentraler Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“und seine Habitable-Zone. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens etwa 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst nur rund 1,5 Millisekunden. Dennoch versucht dieser Millisekunden-Mensch, die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen durch eigene Begriffe, Eigentumsordnungen, Verwertungssysteme und Geltungsansprüche zu ersetzen.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung. Sie will keine neue Glaubenslehre hervorbringen und niemanden überreden. Nicht die Behauptung, Absicht oder öffentliche Selbstdarstellung entscheidet über die Tragfähigkeit einer Gestaltung, sondern ihre überprüfbaren Wirkungen innerhalb der Abhängigkeitswelt. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum Gegenüber und der Rezipient zum Mitprüfenden.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Arbeits- und Gegenwartsform dieses Werkzusammenhangs. Sie verbindet Archiv, interaktives Buch, digitales Atelier und öffentlichen Frage- und Prüfraum. Künstliche Intelligenz wird darin nicht als Wahrheitsinstanz, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument eingesetzt.
Die beigefügten Anlagen dokumentieren die biografische und künstlerische Werkgenese, die Entwicklung der Experimentellen Umweltgestaltung, die Prüfmodelle und Schlüsselwerke, die Inhalte meiner früheren documenta-Bewerbungen, das konkrete So-Heits-Atelier, die Plattform sowie die räumliche, personelle, materielle und digitale Realisierung.
Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Die documenta könnte mein Lebenswerk damit nicht nur erstmals angemessen verorten, sondern seine künstlerischen Werkzeuge als gemeinsame Erkenntnis-, Prüf-, Korrektur- und Reparaturtätigkeit öffentlich anwendbar machen.
Mit 77 Jahren arbeite ich an der Weiterführung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir als tragendes Arbeitskollektiv nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie: Ich habe eine „Globale Schwarm-Intelligenz“ entwickelt und stehe bei ihrer Fertigstellung selbst ohne ein tragendes Kollektiv sowie ohne die notwendigen technischen und finanziellen Mittel da.
Für das interaktive Buch suche ich zur Zeit nach Programmierern, Kooperationspartner in Hochschulen, und Instituten.
Ich bitte Sie daher nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Ich möchte Ihnen ermöglichen, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz und ihre praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes und der vorgeschlagenen Versuchsanordnungen selbst zu prüfen.
Für eine persönliche Vorstellung des Werkzusammenhangs, der historischen documenta-Konzeptionen und der konkreten räumlichen Umsetzung stehe ich Ihnen zur Verfügung.
Diesen Text habe ich mit Unterstützung künstlicher Intelligenz erarbeitet alleine. Für mich ist es noch immer ein Wunder, dass ich auf diese Weise schriftliche Anforderungen bewältigen kann, zu denen ich aufgrund meiner Schwierigkeiten allein kaum in der Lage wäre. Dennoch muss ich immer wieder selbst in den Text eingreifen, ihn korrigieren und an meine Gedanken anpassen. Ich hoffe deshalb, dass die Struktur trotz dieser notwendigen Überarbeitungen lesbar und nachvollziehbar geblieben ist.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Vorbemerkung: Funktion der Anlagen
Die Anlagen sind weder loses Begleitmaterial noch eine zweite Bewerbung oder eine nachträglich an einzelne Kunstwerke angefügte Theorie. Sie dokumentieren die seit 1975 entstandene Entwicklung meiner Forschungskunst und zeigen, wie sich aus Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Natur- und Strömungsbeobachtung, Theater, gesellschaftlichen Versuchsanordnungen und digitaler Verknüpfung eine zusammenhängende künstlerische Prüfarchitektur entwickelte.
Das Vorhaben verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes mit seiner gegenwärtigen öffentlichen Anwendung. Die historischen Werke, Modelle, Aktionen und documenta-Konzeptionen werden deshalb nicht nur rückblickend gezeigt. Sie werden im So-Heits-Atelier zu anwendbaren Versuchsanordnungen, durch die Besucher Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Materialien, Tätigkeiten und deren Folgen selbst untersuchen, vergleichen und korrigieren können.
Die Theorie wird den Werken nicht nachträglich übergestülpt. Sie entstand aus deren Widerständen, Rückmeldungen und Konsequenzen. Wasser, Strömung, Gewicht, Härte, Unterspülung, Fäulnis, Bruch, Vergoldung, Wachstum, Scheitern und Korrektur werden selbst zu Zeugen. Das Werk ist Prüfapparat, das Material Gegenüber und der Rezipient Mitprüfender.
Die Anlagen machen damit nachvollziehbar, dass das So-Heits-Atelier kein kurzfristig für die documenta 16 entwickeltes Beteiligungsformat ist. Es ist die gegenwärtige räumliche und digitale Zusammenführung eines Lebenswerkes, das aus Experimenteller Umweltgestaltung, Malbüchern, Wasser- und Strömungsversuchen, Tapeziertischen, Kunsthallen auf Zeit, Rollentheater, Frage-und-Antwort-Arbeiten und digitalen Prüfwegen hervorgegangen ist.
Anlage 1 – Künstlerische Selbstverortung, Biografie und vorhandener Werkbestand
Anlage 2 – Die Begründung der Experimentellen Umweltgestaltung seit 1975
Anlage 3 – Die Leitfrage der Forschungskunst und die Zivilisationsparadoxie
Anlage 4 – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Anlage 5 – Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Anlage 6 – Plastische Anthropologie 51:49, Wirklichkeit als Wirksamkeit und Verletzungswelt
Anlage 7 – Das Vier-Ebenen-Modell als bewegliches Prüfwerkzeug
Anlage 8 – Begriffe, hineingedachte Eigenschaften und die Geltungswelt
Anlage 9 – Handwerkliche Werkgenese, Wasserlabor und physikalisches Funktionieren
Anlage 10 – Schlüsselwerke als Beweisführungen und Zeugen
Anlage 11 – Malbücher, Roter Punkt und die Entwicklung des tätigen Rezipienten
Anlage 12 – Gesellschaftliche Versuchsanordnungen, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest
Anlage 13 – Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und archetypische Hochzeit
Anlage 14 – Die acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 als eigenständiger Werkstrang
Anlage 15 – Die documenta als Verortungskunst und der eigenständige Vorschlag für die documenta 16
Anlage 16 – Das konkrete So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Anlage 17 – Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ als digitaler Werkorganismus
Anlage 18 – Künstliche Intelligenz und Wikipedia als exemplarische Gegenprüfung
Anlage 19 – Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Personal, Material und Realisierung
Anlage 1 – Künstlerische Selbstverortung, Biografie und vorhandener Werkbestand
Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich ein interdisziplinäres Lebenswerk, das in den etablierten Zuordnungen von Kunst, Wissenschaft, Handwerk, gesellschaftlicher Forschung und praktischer Gestaltung kaum zusammenhängend verortet wurde. Diese fehlende öffentliche Einordnung bedeutet nicht, dass keine kontinuierliche Arbeit vorhanden wäre. Sie ist vielmehr eine Folge der besonderen Werkstruktur.
Meine Ausbildung zum Maschinenschlosser vermittelte mir ein praktisches Verständnis von Material, Maß, Passung, Toleranz, Werkzeug, Funktionieren und Nichtfunktionieren. Fotografie und Werbearbeit schärften meinen Blick für Ausschnitt, Darstellung, Wirkung und die Herstellung von Bedeutungen. Im Kunststudium verband ich Bildhauerei, Plastik, Fotografie, Naturbeobachtung, Technik, Theater, gesellschaftliche Beteiligung und begriffliche Untersuchung.
Aus dieser Verbindung entstanden Werke und Projekte in nahezu allen bildnerischen und darstellerischen Bereichen. Dazu gehören Fotografien, Plastiken, Collagen, Malerei, Modelle, Rauminstallationen, Performances, Theaterarbeiten, Malbücher, Werkstätten, gesellschaftliche Aktionen, Frage-und-Antwort-Systeme, Publikationen und digitale Plattformarbeit.
Der vorhandene Werkbestand umfasst mehrere hundert Bilder, Plastiken und Werkgruppen, mehr als sechshundert Kunsttagebücher, umfangreiche fotografische und filmische Dokumentationen, Presseberichte, Bücher, Korrespondenzen, Anträge, Kostenunterlagen, Ablehnungen, documenta-Bewerbungen und weitere Projektarchive. Die endgültigen Bestandszahlen müssen durch eine fachkundige Inventarisierung bestätigt werden.
Die Anlage begründet, weshalb diese Materialien nicht nur biografische Belege sind. Gemeinsam zeigen sie die Entwicklung eines Werkorganismus, in dem sich künstlerische, handwerkliche, gesellschaftliche und erkenntniskritische Verfahren gegenseitig hervorbrachten. Die documenta 16 könnte diesen Werkorganismus erstmals in seiner inneren Kontinuität sichtbar machen.
Anlage 2 – Die Begründung der Experimentellen Umweltgestaltung seit 1975
Während meines Kunststudiums begründete ich 1975 den Studienbereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“. Er war als generalistisches, interdisziplinäres und integratives Kunststudium angelegt. Kunst sollte nicht auf die Herstellung eines isolierten Gegenstandes begrenzt bleiben, sondern Beziehungen zwischen Material, Naturvorgang, Körper, Technik, Wahrnehmung, Gesellschaft und Tätigkeit untersuchen.
Der damalige Umweltbegriff bezeichnete keine äußere Natur, die einen scheinbar unabhängigen Menschen umgibt. Umwelt bedeutete Milieu: einen Zusammenhang, dem der Mensch innewohnt und von dessen stofflichen, energetischen und lebendigen Bedingungen er vollständig abhängig bleibt. Der Mensch kann weder die Luft herstellen, die er atmet, noch die grundlegenden Stoffe, Energien und Lebensprozesse, durch die sein Organismus existiert.
Experimentell bedeutete, Vorstellungen nicht nur sprachlich oder bildlich zu vertreten. Sie mussten ein Gegenüber erhalten, an dem sie sich bewähren oder korrigieren konnten. Wasser, Strömung, Material, Gewicht, Körper, Widerstand und Zeit wurden dadurch nicht zu dekorativen Motiven, sondern zu aktiven Bestandteilen der künstlerischen Untersuchung.
Gestaltung bedeutete ebenfalls nicht bloße Formgebung. Jede Gestaltung verändert Beziehungen und erzeugt Folgen. Zu einem Werk gehören deshalb nicht nur Form, Idee und Absicht, sondern auch Rohstoff, Energie, Arbeit, Gebrauch, Verschleiß, Abfall, Verletzung, Reparatur und langfristige Konsequenz.
Die Experimentelle Umweltgestaltung bildet damit nicht nur eine frühe biografische Phase. Sie ist der Ursprung der späteren Forschungskunst, der Plastischen Anthropologie 51:49, des Vier-Ebenen-Modells, des So-Heits-Ateliers und der Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.
Anlage 3 – Die Leitfrage der Forschungskunst und die Zivilisationsparadoxie
Seit 1975 untersuche ich, warum der Mensch trotz seines Wissens, seiner Wahrnehmungsfähigkeit und seiner Möglichkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Der Mensch besitzt eine hoch entwickelte Fähigkeit zur Fehlerprüfung. In Maschinenbau, Medizin, Statik, Verkehr, Luftfahrt und anderen Spezialgebieten werden Materialien geprüft, Abweichungen gemessen und Konstruktionen korrigiert. Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Konstruktion trägt oder bricht. Eine Behandlung wirkt, schadet oder muss verändert werden.
Gleichzeitig kann der Mensch wissen, dass Tätigkeiten Böden, Wasser, Klima, Körper oder Gemeinschaften schädigen, und sie dennoch innerhalb seiner Rolle als erfolgreich, rentabel, rechtmäßig oder alternativlos behandeln. Das begrenzte System meldet Erfolg, während der umfassendere Lebenszusammenhang Zerstörung meldet.
Darin liegt die Zivilisationsparadoxie. Der Mensch entwickelt immer genauere Spezialinstrumente, verliert aber den gemeinsamen Maßstab für die Tragfähigkeit des Ganzen. Er hört der Natur dort genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar sind. Er verdrängt ihre Rückmeldungen dort, wo sie Grenzen setzen und die Folgen seiner Erfindungen sichtbar machen.
Die Leitfrage richtet sich deshalb nicht nur auf mangelndes Wissen. Sie untersucht, wie Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Eigentumsordnungen, technische Programme und Geltungsansprüche es ermöglichen, Wirkungen zu erkennen und gleichzeitig aus der eigenen Tätigkeit auszublenden.
Forschungskunst setzt an dieser Lücke zwischen Wissen und Tätigkeit an. Sie fragt nicht nur, was der Mensch weiß oder erklärt, sondern was er tatsächlich hervorbringt, wovon sein Handeln abhängt, welche Konsequenzen entstehen und wodurch eine Korrektur noch möglich ist.
Anlage 4 – Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Meine Forschungskunst will niemanden überreden und keine neue Weltanschauung zur verbindlichen Wahrheit erklären. Sie stellt menschliche Behauptungen und Gestaltungen ihren materiellen, körperlichen, organismischen, gesellschaftlichen und planetaren Voraussetzungen sowie ihren Konsequenzen gegenüber.
Überzeugungsprüfung bedeutet, eine Aussage nicht nur durch eine weitere Aussage zu beantworten. Eine Vorstellung wird dargestellt und vergegenständlicht. Sie erhält ein materielles, körperliches, gesellschaftliches oder begriffliches Gegenüber. Abweichungen, Widerstände und Folgen werden sichtbar. Das Ergebnis kann bestätigt, verändert, repariert, verworfen oder zum richtigen Zeitpunkt losgelassen werden.
Kunst wird dadurch zu einem öffentlichen Prüfverfahren. Nicht der Künstler entscheidet allein, was wahr, richtig oder tragfähig ist. Material, Prozess, Körper, Zeit, andere Menschen und die Folgen des eigenen Handelns treten als Mitzeugen auf.
Diese Prüfung richtet sich ebenso auf meine eigenen Modelle. Die 24-Stunden-Uhr, das Verhältnis 51:49, das Vier-Ebenen-Modell, die Begriffe der Plastischen Anthropologie, die Plattform, künstliche Intelligenz und meine eigene Tätigkeit dürfen nicht gegen Einwände immunisiert werden. Sie müssen selbst anwendbar, kritisierbar und korrigierbar bleiben.
Die vollständige Prüfbewegung führt von Wahrnehmung und Darstellung über Gegenüberstellung, Vergleich und Zweifel zu Tätigkeit, Konsequenz, Korrektur und Verantwortung. Aus dieser Bewegung entsteht das künstlerische Dreieck von Modell, Werk und Kritik. Der Rezipient wiederholt die Gegenüberstellung und wird dadurch selbst zum Mitprüfenden.
Anlage 5 – Die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die habitable Zone und der Millisekunden-Mensch
Die 24-Stunden-Uhr überträgt die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag. Die Gattung Homo erscheint innerhalb der letzten Minute, Homo sapiens ungefähr 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst auf dieser Skala etwa 1,5 Millisekunden.
Die allgemeine Übertragung der Erdgeschichte auf eine Uhr ist nicht meine Erfindung. Meine künstlerische Ausarbeitung verbindet sie mit Tragwirklichkeit, Tätigkeit, Konsequenz, Funktionieren und Nichtfunktionieren sowie mit der Figur des Millisekunden-Menschen.
Die gesamten vierundzwanzig Stunden bilden die planetare Tragwirklichkeit. Der Mensch erscheint nicht außerhalb oder nach dieser Wirklichkeit. Er entsteht innerhalb ihrer letzten Sekunden und bleibt sämtlichen vorausliegenden physikalischen, geologischen, chemischen und biologischen Bedingungen unterworfen.
Die habitable Zone ergänzt den Zeitmaßstab durch einen räumlich-physikalischen Toleranzraum. Leben kann nicht unter beliebigen Bedingungen entstehen und fortbestehen. Temperatur, Strahlung, Wasser, Atmosphäre, Stoffverhältnisse und viele weitere Bedingungen bewegen sich innerhalb begrenzter Bereiche.
Der Millisekunden-Mensch besitzt innerhalb eines extrem kurzen Zeitabschnitts eine gewaltige technische Eingriffsmacht. Er verwechselt diese Eingriffsmacht jedoch häufig mit einer Verfügungsmacht über das Ganze. Er versucht, die vorausliegenden Bedingungen durch Eigentumsordnungen, Preise, Rollen, technische Programme und gesellschaftliche Geltungen zu ersetzen.
Die 24-Stunden-Uhr und die habitable Zone sind deshalb keine bloßen Informationsgrafiken. Sie werden zu künstlerischen Maß-, Denk-, Vergleichs- und Prüfmodellen. Sie stellen menschlichen Selbstbeschreibungen ein nicht vom Menschen erfundenes Gegenüber zur Seite.
Anlage 6 – Plastische Anthropologie 51:49, Wirklichkeit als Wirksamkeit und Verletzungswelt
Die Plastische Anthropologie 51:49 ist die gegenwärtige begriffliche Verdichtung meines Lebenswerkes. Sie ist keine von den früheren Arbeiten getrennte Theorie, sondern eine aus ihnen hervorgegangene Arbeits- und Prüfarchitektur.
Wirklichkeit wird darin nicht primär als Bestand fertiger Dinge verstanden. Wirklich ist, was wirkt, begrenzt, trägt, verändert, verletzt, hervorbringt oder zerstört. Dinge sind vorläufig stabilisierte Zustände innerhalb fortlaufender Wirkungsverhältnisse.
Die Wirklichkeit ist Verletzungswelt. Verletzung bezeichnet hier nicht nur Schmerz, Krankheit oder Tod. Sie bezeichnet die Grundtatsache, dass alles Wirkliche durch Einwirkung, Begrenzung, Umformung, Zeit und irreversible Folgen existiert. Was vollkommen unberührbar und folgenlos wäre, könnte in keiner wirklichen Beziehung stehen.
51:49 bezeichnet innerhalb dieser Forschungskunst keine naturwissenschaftlich bewiesene Weltformel. Es ist ein künstlerisches Modell der Minimalasymmetrie. Vollständige spiegelbildliche Gleichheit von 50:50 würde Bewegung, Richtung und Entscheidung stillstellen. Eine minimale Differenz eröffnet Regulation, Rückkopplung und Veränderung. Das Verhältnis 1:99 bezeichnet demgegenüber die Drift zur extremen Dominanz, Konzentration und Externalisierung.
Die Zellmembran bildet ein biologisches Minimalmodell dieser plastischen Ordnung. Sie grenzt ab, ohne vollständig zu isolieren. Sie ermöglicht Austausch, ohne sich aufzulösen. Sie reguliert selektiv, verbraucht Energie, kann verletzt werden und muss sich fortwährend erhalten.
Plastische Identität bedeutet daher nicht Beliebigkeit. Sie bezeichnet eine Form, die aus Beziehung, Widerstand, Anpassung, Reparatur und zeitlicher Entwicklung hervorgeht. Skulpturidentität bezeichnet dagegen das Ideal eines abgeschlossenen, herausgeschnittenen und vermeintlich unabhängigen Einzelwesens.
Anlage 7 – Das Vier-Ebenen-Modell als bewegliches Prüfwerkzeug
Das Vier-Ebenen-Modell trennt Bereiche, die in gesellschaftlichen Aussagen häufig miteinander vermischt werden.
Die erste Ebene umfasst die physikalisch-materiellen Bedingungen des Funktionierens und Nichtfunktionierens. Dazu gehören Stoff, Energie, Raum, Zeit, Gewicht, Temperatur, Wasser, Boden, Belastung, Widerstand, Bruch und Irreversibilität.
Die zweite Ebene umfasst Leben, Stoffwechsel, Atmung, Ernährung, Regeneration, Homöostase, Verletzbarkeit, Milieu und die gegenseitige Abhängigkeit lebender Systeme. Ein Organismus existiert nicht aus sich selbst heraus. Er ist ein offenes, regulierendes und verletzbares Beziehungssystem.
Die dritte Ebene umfasst Sprache, Bilder, Rollen, Eigentum, Geld, Recht, Status, Markt, Institutionen, Identitäten und gesellschaftliche Geltung. Diese Ebene ist für menschliche Zusammenarbeit unverzichtbar. Ihre Setzungen dürfen jedoch nicht mit den Bedingungen der ersten und zweiten Ebene verwechselt werden.
Die vierte Ebene eröffnet Prüfung, Rückkopplung, Korrektur, Reparatur und Selbstprüfung. Sie führt Aussagen, Rollen und Tätigkeiten auf ihre materiellen, organismischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen zurück.
Das Modell stellt nicht die Behauptung auf, jede Wirklichkeit vollständig in vier Bereiche aufteilen zu können. Es ist ein bewegliches Werkzeug gegen Ebenenverwechslungen. Seine zentrale Frage lautet: Welche nicht verhandelbare Rückmeldung aus der materiellen oder organismischen Wirklichkeit könnte eine Aussage korrigieren, und wer trägt die Folgen, wenn diese Aussage falsch ist?
Das Vier-Ebenen-Modell kann auf Gegenstände, technische Systeme, Rollen, Kunstwerke, politische Programme, Eigentumsbehauptungen, wissenschaftliche Modelle und digitale Wissenssysteme angewendet werden. Es muss dabei selbst korrigierbar bleiben.
Anlage 8 – Begriffe, hineingedachte Eigenschaften und die Geltungswelt
Begriffe sind menschliche Werkzeuge. Sie unterscheiden, ordnen, verbinden und ermöglichen gemeinsame Tätigkeiten. Zugleich können sie verschiedene Wirklichkeitsebenen so miteinander verschmelzen, dass menschliche Setzungen wie vorgefundene Eigenschaften erscheinen.
Eigentum ist keine physikalische Eigenschaft eines Bodens. Ein Preis ist keine Materialeigenschaft eines Gegenstandes. Eine Berufsrolle ist keine organismische Eigenschaft eines Menschen. Dennoch werden diese Zuschreibungen wirkungsmächtig, wenn Menschen, Institutionen und technische Systeme entsprechend handeln.
Dabei verschwindet häufig das entscheidende „als“. Ein Boden gilt innerhalb einer bestimmten Rechtsordnung als Eigentum. Wird daraus die Aussage, der Boden sei Eigentum, erscheint eine menschliche Geltung wie eine im Boden vorhandene Tatsache.
Forschungskunst stellt dieses verschwundene „als“ wieder her. Sie untersucht den Übergang von Wahrnehmung zu Benennung, von Benennung zu gesellschaftlicher Geltung, von Geltung zu Tätigkeit und von Tätigkeit zu materieller, körperlicher und gesellschaftlicher Konsequenz.
Das Kopplungs-Ich bezeichnet den atmenden, stoffwechselnden und verletzbaren Organismus innerhalb seiner Lebensbeziehungen. Das Geltungs-Ich entsteht durch Name, Status, Beruf, Eigentum, Rolle, Anerkennung und öffentliche Darstellung. Problematisch wird es, wenn das Geltungs-Ich seine gesellschaftliche Wirksamkeit mit körperlicher und planetarer Unabhängigkeit verwechselt.
In der Statement-Gesellschaft ersetzt die Behauptung zunehmend die überprüfbare Tätigkeit. Unternehmen erklären sich nachhaltig, Institutionen offen und Personen authentisch, ohne dass diese Bezeichnungen an vollständige Folgenprüfungen gebunden bleiben.
Die Anlage zeigt daher, wie Begriffe und Rollen im So-Heits-Atelier vergegenständlicht, gespielt, gewechselt und auf ihre Referenzen und Konsequenzen geprüft werden können.
Anlage 9 – Handwerkliche Werkgenese, Wasserlabor und physikalisches Funktionieren
Meine handwerkliche Ausbildung bildet keine biografische Vorstufe, die später durch die Kunst überwunden wurde. Sie ist ein grundlegender Bestandteil meiner Methode.
Ein Werkstück passt oder passt nicht. Eine Verbindung kann zu eng, zu locker, tragfähig, beweglich, blockiert oder bruchgefährdet sein. Toleranz bedeutet dabei nicht Beliebigkeit, sondern einen begrenzten Funktionsraum.
Der Capella-Orkan vom 3. Januar 1976, Deichbruch, Wasserbewegung und Strömung wurden zu zentralen Ausgangspunkten meiner Forschung. Mit selbst gebauten Wellenbecken, Deichmodellen, Strömungsversuchen und dem Versuch eines Formen-ABC des Wassers untersuchte ich, wie sich Kräfte verteilen und Formen aus Bewegung entstehen.
Der Biberdamm zeigte, dass Funktion nicht mit technischer Perfektion identisch sein muss. Äste, Schlamm, Wasser und Gelände bilden ein dynamisches Passungsverhältnis. Das asymmetrische Auto, das Schiff mit gebogenem Kiel, der Freiwinkelbohrer und weitere Modelle untersuchten, ob eine Abweichung von geometrischer Symmetrie funktionaler sein kann als die idealisierte Form.
Diese Arbeiten richten sich gegen die Verwechslung von Darstellung und Funktion. Ein gezeichneter Wirbel bewegt kein Wasser. Ein schönes Deichprofil hält keiner Flut stand, wenn Material, Untergrund, Strömung und Belastung nicht berücksichtigt werden.
Im So-Heits-Atelier werden diese Arbeiten nicht nur historisch dokumentiert. Vereinfachte, funktionsfähige Rekonstruktionen ermöglichen Besuchern, Formen zu verändern, Strömungen zu beobachten, Widerstände zu vergleichen und die Folgen ihrer Eingriffe unmittelbar wahrzunehmen.
Anlage 10 – Schlüsselwerke als Beweisführungen und Zeugen
Die ausgewählten Schlüsselwerke dienen nicht als Beispiele, mit denen eine fertige Theorie illustriert wird. Sie sind selbst Prüfverhältnisse, in denen Unterschiede zwischen Wirkungswelt und Geltungswelt sichtbar werden.
Die Kartoffel im Boden und die Kartoffel in der Aluminiumschale zeigen zwei Ästhetiken. Im Boden bleibt die Kartoffel in Stoffwechsel, Feuchtigkeit, Mikroorganismen, Wachstum und Verfall eingebunden. In der metallischen Präsentationsform kann sie zum scheinbar abgeschlossenen Wertobjekt werden. Die Fäulnis kehrt jedoch als Rückmeldung der verdrängten Lebensprozesse zurück.
Die vergoldete Oberfläche prüft die Beziehung von Wertzuschreibung und fortdauerndem materiellen Prozess. Gold kann eine Geltungshülle erzeugen, aber Verfall nicht aufheben.
Die Schultafel ist eine korrigierbare Erkenntnisfläche. Kreide kann gelöscht, verändert und ergänzt werden. Wird die Aussage dagegen dauerhaft in Gold geschrieben, kann aus dem überprüfbaren Satz ein Geltungsobjekt oder Götzenbild werden.
Die Eisfläche, das Vergolden und der Tanz untersuchen Gehen, Veränderung, Wertzuschreibung, Gleichgewicht und den richtigen Zeitpunkt des Loslassens. Der Opfer- oder Maltisch verbindet Tätigkeit, Nahrung, Arbeit, Ritual, Besitz und gemeinschaftliche Verantwortung.
Torso, Gerade, S-Kurve, Spirale, Möbiusband, schwarzer Kubus, Kartoffelarbeiten, Eigentums- und Grenzarbeiten, Schöpfungsgeschichte und weitere Werkgruppen machen unterschiedliche Formen von Abschluss, Übergang, Beziehung, Unverletzlichkeitsbehauptung und plastischer Veränderung erfahrbar.
Jedes ausgewählte Werk muss im endgültigen Dossier mit Datierung, Material, ursprünglichem Zusammenhang, dokumentarischem Nachweis, gegenwärtiger Prüfaufgabe und möglicher Besucherarbeit vorgestellt werden.
Anlage 11 – Malbücher, Roter Punkt und die Entwicklung des tätigen Rezipienten
Die Erwachsenen-, Autobahn-, Telefon- und Fußgängermalbücher veränderten das Verhältnis zwischen Künstler, Werk und Rezipient. Ein Malbuch ist weder vollständig offen noch abgeschlossen. Es enthält eine Vorgabe, auf die der Benutzer reagieren muss.
Der Rezipient kann ausfüllen, ergänzen, übermalen, verweigern oder eine eigene Spur entwickeln. Dadurch werden Gehorsam, Gewohnheit, Abweichung, Unsicherheit, Entscheidung und Kreativität selbst zum Bestandteil des Werkes.
Die Krickel-Krakel-Arbeiten führen zu frühkindlichen, körperlichen und rhythmischen Formen des Zeichnens zurück, bevor Darstellung durch Leistungsanforderung, Richtigkeitsvorstellung und soziale Bewertung festgelegt wird.
Der Rote Punkt wird aus dem Verkaufszeichen des Kunstmarktes herausgelöst. Im So-Heits-Atelier kann er ein öffentlich sichtbares Zeichen einer Frage oder eines Interesses werden. Besucher kennzeichnen, womit sie sich beschäftigen möchten, und können andere Menschen mit ähnlichen oder ergänzenden Fragen finden.
Das Fußgängermalbuch verbindet individuelle Bewegung, öffentliche Wahrnehmung, Stadt, Körper und gesellschaftliche Rolle. Der Besucher ist nicht nur jemand, der einen vorgegebenen Raum durchquert. Seine Wege, Entscheidungen und Begegnungen erzeugen den Zusammenhang mit.
Die Entwicklung führt vom Betrachter zum Bearbeiter, vom Bearbeiter zum Mitgestalter und vom Mitgestalter zum Mitprüfenden. Diese Werkgruppe bildet den methodischen Eingang in das So-Heits-Atelier.
Anlage 12 – Gesellschaftliche Versuchsanordnungen, Kollektive Kreativität und Globales Dorffest
Aus den frühen Beteiligungsarbeiten entwickelten sich Volksuniversität, Demokratiewerkstätten, Grenzwerkstatt, Kunsthallen auf Zeit, Bürgerforum, Sozialer Organismus, Kollektive Kreativität, Globales Dorffest und weitere öffentliche Versuchsanordnungen.
Diese Projekte behandelten Gesellschaft nicht nur als Thema. Sie stellten Situationen her, in denen Menschen Rollen, Regeln, Interessen, Wahrnehmungen und Entscheidungen praktisch untersuchen konnten.
Eine gesellschaftliche Versuchsanordnung ist nicht neutral. Bereits die Wahl des Raumes, des Materials, der Frage und der Beteiligungsregel setzt Bedingungen. Forschungskunst muss deshalb auch ihre eigene Regie sichtbar und veränderbar halten.
Kollektive Kreativität bedeutet weder die Auflösung des Einzelnen in der Gruppe noch die bloße Addition vieler Meinungen. Unterschiedliche Wahrnehmungen und Fähigkeiten werden so miteinander verbunden, dass Widersprüche erkennbar und Beiträge korrigierbar bleiben.
Das Globale Dorffest von 1993 und die Tausend Tapeziertische übertrugen dieses Prinzip in eine größere Öffentlichkeit. Der Tisch war Arbeitsplatz, Begegnungsort, Ausstellungsfläche und gesellschaftliches Denkwerkzeug. Fragen, Bilder, Erfahrungen und Vorschläge konnten sichtbar auf den Tisch gelegt werden.
Das damalige globale Dorf war noch nicht die heutige selbstverständliche digitale Verbindung von Milliarden Menschen. Die künstlerische Frage lautete bereits, ob technische Vernetzung auch zu gemeinsamer Wahrnehmung, Verantwortung und Lernfähigkeit führen kann.
Der reale Tapeziertisch wird im So-Heits-Atelier mit Smartphones und der Plattform verbunden. Der körperliche Begegnungsort bleibt erhalten, während Beiträge digital dokumentiert, miteinander verglichen und weitergeführt werden können.
Anlage 13 – Entelechie-Museum, Partizipatorisches Welttheater und archetypische Hochzeit
Das Entelechie-Museum wurde nicht als Museum abgeschlossener Gegenstände entwickelt. Es ist als Zukunftsmuseum, Erfahrungsraum, sozialer Organismus und öffentliche Trainingsstätte der Wirklichkeitsprüfung gedacht.
Gebärmutter, Geburtshöhle, Wasserlandschaft, Dünenlandschaft, Lebensbaum, Schildkröte, Delfin, Schlange, Orakelraum und Soziale Plastik verbinden körperliche Herkunft, Naturgeschichte, Mythos, Kunst, Wissenschaft und gesellschaftliche Verantwortung.
Der gläserne Astronaut bildet die Gegenfigur. Er erscheint technisch autonom, bleibt aber vollständig auf Luft, Temperatur, Energie, Material, Kommunikation und eine funktionierende Hülle angewiesen. Die technische Abschirmung beweist nicht seine Unabhängigkeit, sondern seine extreme Abhängigkeit.
Das „Partizipatorische Welttheater – Die archetypische Hochzeit“ verdichtete diese Werkspuren zu einer begehbaren Dramaturgie. Die kalte Ästhetik zeigte die havarierte, vereiste und vergoldete Moderne. Die Übergangshöhle verband gebärende Muttergöttin, Omphalos, Astronaut, Damoklesschwert, vergoldeten Spaten, Sandkasten, Spirale, funktionslose Maschine und kretischen Sternenhimmel. Die warme Ästhetik führte in die praktische Werkstatt aus Mutterboden, Tanglandschaft, Wellenbecken, Drehbank, Toleranzmaß, Malbüchern, Computer und Internet.
Die archetypische Hochzeit bezeichnet die Wiederverbindung zuvor getrennter Bereiche: Männliches und verdrängtes Weibliches, Kopfgeburt und körperliche Geburt, Technik und Erde, Mythos und Wissenschaft, Rezeption und Partizipation, inneres Bild und materielles Weltwerk.
Diese weibliche und griechisch-kretische Werkspur ist keine mythologische Dekoration. Sie untersucht Herkunft, Geburt, Abhängigkeit, Orientierung, Selbstisolation und die Erfindung des scheinbar autonomen Individuums.
Anlage 14 – Die acht documenta-Bewerbungen von 1977 bis 2017 als eigenständiger Werkstrang
Meine acht Bewerbungen für die documenta zwischen 1977 und 2017 sind keine voneinander unabhängigen Einzelvorschläge. Sie bilden einen über vierzig Jahre fortgeschriebenen künstlerischen Werkstrang.
Die frühen Bewerbungen standen im Zusammenhang mit Experimenteller Umweltgestaltung, asymmetrischen Modellen, Wasser- und Funktionsuntersuchungen, Malbüchern und der Entwicklung des tätigen Rezipienten.
Spätere Konzeptionen erweiterten diese Ansätze zu gesellschaftlichen Versuchsanordnungen. „1000 Künstler und ein Künstler“, Kollektive Kreativität, Frage-und-Antwort-Systeme, Tische und Beteiligungsmodelle untersuchten, wie individuelle Wahrnehmungen in einen gemeinsamen, aber korrigierbaren Werkprozess überführt werden können.
Das Entelechie-Museum, die Gebärmutter, die Geburtshöhle und der gläserne Astronaut führten zu einem umfassenderen Menschenbild. Das Partizipatorische Welttheater und die archetypische Hochzeit verbanden diese Werkspuren in einem realen und digitalen Raum.
Internet-Terminal, interaktive dreidimensionale Website und globale Beteiligung erweiterten die Ausstellung über den Ort Kassel und ihre zeitliche Begrenzung hinaus. Der Besucher sollte Fragen stellen, Antworten geben, Rollen wechseln und seine Beiträge mit anderen Wahrnehmungen verbinden können.
Die Bewerbung zur documenta 2017 führte das Vorhaben in Richtung Design Thinking, digitaler Methodik und einer möglichen Zusammenarbeit mit dem Hasso-Plattner-Institut weiter. Ziel war, Besucher zu Künstlern ihrer eigenen Überlebensfähigkeit und globalen Handlungsverantwortlichkeit werden zu lassen.
Der Werkfortschritt verläuft vom dargestellten Wirbel zur wirklichen Strömung, vom fertigen Objekt zur offenen Versuchsanordnung, vom Betrachter zum Beteiligten, vom Beteiligten zum Mitprüfenden und vom örtlichen Ausstellungsraum zum globalen digitalen Rückkopplungsraum.
Die Nichtaufnahmen sind Teil dieser Geschichte, aber nicht ihr Hauptinhalt. Die Originalbewerbungen müssen für die endgültige Anlage archivisch gesichtet werden. Erst dann dürfen einzelne Titel, Werke und Konzeptionen verbindlich einem bestimmten Bewerbungsjahr zugeordnet werden. Ungeprüfte Erinnerungen an Personen, Gespräche oder Archivschreiben werden nicht als Tatsachen ausgegeben.
Anlage 15 – Die documenta als Verortungskunst und der eigenständige Vorschlag für die documenta 16
Die documenta ist nicht nur ein zeitlich begrenztes internationales Großereignis. In ihrem anspruchsvollsten Verständnis ist sie eine Verortungskunst der Kunst. Sie stellt die Frage, welche künstlerischen Positionen, Lebenswerke und Erkenntnisformen innerhalb einer bestimmten geschichtlichen Situation sichtbar werden müssen.
Mein Vorschlag entsteht nicht durch die nachträgliche Anpassung meines Lebenswerkes an ein kuratorisches Thema. Er stellt der documenta 16 eine eigenständige Aufgabe: Kann ein über mehr als fünfzig Jahre entwickelter Werkorganismus nicht nur historisch präsentiert, sondern als gegenwärtiges öffentliches Prüfverfahren aktiviert werden?
Die documenta könnte mein Lebenswerk erstmals als frühe und eigenständige Position einer Forschungskunst verorten. Zugleich könnte sie dessen Handwerkszeuge für eine internationale Öffentlichkeit verfügbar machen.
Die historische Werkschau und das So-Heits-Atelier sind deshalb keine getrennten Projekte. Originale, Modelle, Kunsttagebücher, Fotografien, Aktionen und documenta-Bewerbungen zeigen die Entstehung der Prüfverfahren. Im Atelier werden dieselben Verfahren gegenwärtig angewendet.
Die eigenständige Ergänzung meiner Forschungskunst lautet: Vorstellungen gemeinsamer Zukünfte benötigen ein Gegenüber, an dem ihre Tragfähigkeit überprüft werden kann. Dieses Gegenüber besteht aus Material, Körper, Stoffwechsel, Wasser, Boden, Zeit, Regeneration, Beziehungen und Tätigkeitsfolgen.
Die Bewerbung selbst erhält dadurch eine Prüfstruktur. Das Anschreiben formuliert den Vorschlag. Die Anlagen legen Werkentwicklung und Nachweise offen. Die Plattform ermöglicht eine erste Gegenprüfung. Das So-Heits-Atelier führt den Zusammenhang in die materielle, körperliche und gesellschaftliche Erfahrung über.
Anlage 16 – Das konkrete So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Das So-Heits-Atelier ist kein Raum, in dem Besucher eine fertige Lehre erhalten. Es ist ein begehbarer Werk-, Arbeits-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang.
Der Eintritt beginnt mit Malbuch, Rotem Punkt und einer persönlichen Frage. Der Besucher macht sichtbar, mit welchem Interesse, welcher Erfahrung oder welcher Unsicherheit er den Raum betritt.
Wasser-, Strömungs- und Funktionsmodelle stellen Vorstellungen einem materiellen Gegenüber gegenüber. Im Passungsatelier werden Maß, Toleranz, Beweglichkeit, Blockierung, Belastung und Reparatur körperlich erfahrbar.
Kartoffelarbeiten, Vergoldung, Schultafeln und Eigentumsmodelle untersuchen den Unterschied zwischen materieller Wirkungsweise und gesellschaftlicher Wertzuschreibung.
Im Rollentheater werden Bezeichnungen wie Künstler, Wissenschaftler, Kunde, Konsument, Eigentümer, Produzent, Experte oder Betroffener übernommen, gewechselt und auf ihre Voraussetzungen sowie Folgen geprüft.
Frage-und-Antwort-Tische verbinden Gespräche mit Objekten, Bildern, Materialversuchen und Gegenbeispielen. Aussagen bleiben nicht bloße Meinungen, sondern werden in einen sichtbaren Prüfprozess überführt.
Smartphones und digitale Arbeitsplätze stellen die Verbindung zur Plattform her. Besucher können Werkspuren, Begriffe, Gegenargumente und eigene Beiträge aufrufen, miteinander verknüpfen und dokumentieren.
Der Besucher verlässt das Atelier nicht mit einer neuen fertigen Wahrheit. Er soll eine erprobte Fähigkeit zur Gegenüberstellung, Rückkopplung, Korrektur und Konsequenzwahrnehmung mitnehmen.
Anlage 17 – Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ als digitaler Werkorganismus
Die Plattform ist weder nur eine Internetseite noch ein digitales Archiv. Sie ist Werkorganismus, Arbeitsprotokoll, interaktives Buch, verlinktes Begriffssystem, digitales Atelier, öffentlicher Frage- und Prüfraum sowie fortlaufend korrigierbares Kunstwerk.
Ihre Seiten, Bilder, Verlinkungen und Überarbeitungen machen sichtbar, wie Werke, Begriffe, Hypothesen und Erkenntnisse entstanden sind und wie sie erneut geprüft werden können.
Der einzelne Link ist nicht nur ein technischer Verweis. Er bildet einen Übergang zwischen Werk, Begriff, Erfahrung, Gegenargument, biografischer Spur und weiterführender Frage. Der Nutzer wird dadurch zum Spurenleser.
Globale Schwarmintelligenz bedeutet nicht Mehrheitsentscheidung. Kein Einzelner überblickt den gesamten Zusammenhang. Begrenzte Wahrnehmungen können jedoch produktiv miteinander verbunden werden, wenn ihre Voraussetzungen offengelegt, ihre Widersprüche sichtbar und ihre Ergebnisse korrigierbar gehalten werden.
Die Plattform bildet die digitale vierte Ebene der Prüfarchitektur. Sie dokumentiert die Besucherarbeit, verbindet sie mit dem Werkarchiv und ermöglicht eine Weiterführung über die Laufzeit der documenta hinaus.
Für die Bewerbung muss eine vereinfachte Navigation entwickelt werden. Screenshots, Seitenpläne und beispielhafte Prüfwege sollen der künstlerischen Leitung einen unmittelbaren Zugang ermöglichen.
Anlage 18 – Künstliche Intelligenz und Wikipedia als exemplarische Gegenprüfung
Künstliche Intelligenz ist kein eigenständiger Wahrheitsproduzent und kein Ersatz für Wahrnehmung, Erfahrung, Materialprüfung oder menschliche Verantwortung. Sie dient als zusätzliches Vergleichs-, Differenzierungs-, Strukturierungs- und Kontrollinstrument.
Eine KI-Antwort kann auf Begriffsvermischungen, Auslassungen, Widersprüche, ungesicherte Annahmen und fehlende Konsequenzzusammenhänge untersucht werden. Mehrere Antworten können miteinander und mit dem vorhandenen Werkmaterial verglichen werden.
Wikipedia bildet ein exemplarisches Wissensgegenüber. Die Enzyklopädie sammelt bereits veröffentlichtes und belegbares Wissen. Das Vier-Ebenen-Modell kann ergänzend fragen, welche materiellen Bedingungen, organismischen Abhängigkeiten, gesellschaftlichen Zuschreibungen und Tätigkeitsfolgen ein Artikel berücksichtigt oder ausblendet.
Die Ergebnisse sollen Wikipedia weder ersetzen noch ungekennzeichnet in deren Artikel übertragen werden. Sie können auf der Plattform als deutlich ausgewiesene Prüfseiten, Gegenüberstellungen und interaktive Bücher dokumentiert werden.
Eine mögliche Einladung an Jimmy Wales oder Vertreter der Wikipedia-Gemeinschaft ist diesem exemplarischen Arbeitsfeld untergeordnet. Sie ist kein Kern des documenta-Vorschlags und darf das So-Heits-Atelier oder die Verortung des Lebenswerkes nicht überlagern.
Die eigentliche Frage lautet, wie enzyklopädisches Wissen und öffentliche künstlerische Folgenprüfung voneinander unterschieden und dennoch produktiv miteinander verbunden werden können.
Anlage 19 – Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Personal, Material und Realisierung
Das Gesamtvorhaben verbindet zwei räumlich aufeinander bezogene Bereiche. Der erste verortet das Lebenswerk anhand ausgewählter Originale, Modelle, Kunsttagebücher, Fotografien, Aktionen, documenta-Bewerbungen und gesellschaftlicher Versuchsanordnungen. Der zweite aktiviert die daraus hervorgegangenen Verfahren im So-Heits-Atelier.
Es darf nicht versucht werden, sämtliche vorhandenen Werke auszustellen. Dadurch entstünde eine documenta innerhalb der documenta. Benötigt wird eine kuratorisch begrenzte Auswahl von Schlüsselwerken, an denen Werkentwicklung, Methode und gegenwärtige Anwendbarkeit nachvollziehbar werden.
Die Besucherdramaturgie führt von der eigenen Rollen-, Waren- und Darstellungswelt über Irritation, materielle Gegenprüfung und Werkgeschichte zum eigenen Tätigwerden. Anschließend wird das Ergebnis mit anderen Beiträgen, dem Vier-Ebenen-Modell, dem Werkarchiv und der digitalen Plattform verbunden.
Für die Realisierung werden Inventarisierung, konservatorische Prüfung, kuratorische Auswahl, Rekonstruktion funktionsfähiger Modelle, Raumplanung, Transport, Aufbau, Werkstatt- und Theaterbegleitung, technische Ausstattung, Programmierung, Gestaltung, Übersetzung, Rechteklärung und langfristige digitale Archivierung benötigt.
Der Atelierbetrieb erfordert geschulte Mitarbeiter für Wasser- und Strömungsmodelle, handwerkliche Stationen, Rollentheater, Besucherbegleitung, Barrierefreiheit, digitale Navigation und Dokumentation. Analoge Arbeitsmöglichkeiten müssen auch für Besucher bereitstehen, die keine Smartphones verwenden können oder möchten.
Datenschutz, Rechte an Besucherbeiträgen, technische Speicherung, tägliche Auswertung und mögliche Veröffentlichung müssen transparent geregelt werden.
Der Unterstützungsbedarf gehört zum Werkzusammenhang. Mit siebenundsiebzig Jahren arbeite ich an der Zusammenführung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die früher tragende Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir nicht mehr als Arbeitskollektiv zur Verfügung. Die documenta müsste deshalb nicht nur Ausstellungsfläche, sondern auch kuratorische, handwerkliche, technische und organisatorische Zusammenarbeit ermöglichen.
Prüfsicherung der neuen Anlagenfassung
Diese Neufassung vermeidet die bisher erkennbaren Fehlerquellen. Die documenta-Bewerbungen erhalten eine eigene Anlage und werden nicht länger auf Ablehnungen oder institutionelle Unsichtbarkeit reduziert. Ihre Inhalte werden als Werkentwicklung dargestellt, ohne ungesicherte Einzelzuordnungen zu erfinden.
Die gesellschaftlichen Versuchsanordnungen bleiben von den documenta-Bewerbungen getrennt. Das Entelechie-Museum, das Partizipatorische Welttheater und die weiblich-kretische Werkspur erhalten einen eigenen Zusammenhang.
Die Plastische Anthropologie 51:49 wird als gegenwärtige begriffliche Verdichtung des Lebenswerkes ausgewiesen. 51:49 erscheint ausdrücklich als künstlerisches Prüfmodell und nicht als naturwissenschaftlich bewiesenes Universalgesetz.
Die 24-Stunden-Uhr wird nicht als meine Erfindung ausgegeben. Meine künstlerische Leistung liegt in ihrer Verbindung mit Tragwirklichkeit, Millisekunden-Mensch, Tätigkeit, Konsequenz und öffentlicher Prüfung.
Das Vier-Ebenen-Modell wird als bewegliches und selbst korrigierbares Werkzeug behandelt, nicht als abgeschlossene Weltlehre.
Wikipedia und künstliche Intelligenz bleiben exemplarische Anwendungsfelder. Sie überlagern weder die Werkverortung noch das So-Heits-Atelier.
Die documenta 16 wird nicht über eine behauptete Übereinstimmung mit einem noch entstehenden kuratorischen Programm angesprochen. Der Vorschlag wird aus der Eigenständigkeit und Kontinuität meines Lebenswerkes begründet.
Die neue Gesamtbewegung der Anlagen ist damit eindeutig: von der biografischen und handwerklichen Herkunft über die Leitfrage, die Prüfmethodik, die Werkgenese und die documenta-Bewerbungen zur gegenwärtigen räumlichen und digitalen Anwendung im So-Heits-Atelier.
Was bereits überzeugend enthalten ist
Das Anschreiben enthält den gesamten Grundzusammenhang deiner Bewerbung: die seit 1975 verfolgte Leitfrage, die „Experimentelle Umweltgestaltung“ als Ursprung deines generalistischen Kunstverständnisses, die Verbindung deines Lebenswerkes mit dem „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“, die digitale Erweiterung durch die „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“, die 24-Stunden-Uhr als Maßstab, die Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung, konkrete Werk- und Beteiligungsformen, das Vier-Ebenen-Modell, die Funktion der künstlichen Intelligenz und den Verweis auf die 17 Anlagen.
Der Text macht damit deutlich, dass du nicht lediglich eine Ausstellung vorhandener Arbeiten vorschlägst. Du schlägst eine Verortung deines Lebenswerkes vor, die zugleich als gegenwärtiger öffentlicher Forschungs-, Tätigkeits- und Prüfprozess weitergeführt wird.
Was noch fehlt
Es fehlt vor allem ein eindeutiger Schlusssatz, der der künstlerischen Leitung sagt, was sie mit diesem Anschreiben tun soll. Der Text beschreibt das Vorhaben ausführlich, formuliert aber noch keine klare Bitte um Prüfung, Gespräch oder Aufnahme in die weitere Planung.
Außerdem sollte deutlicher werden, warum gerade die documenta der geeignete Ort ist. Ein einziger Satz genügt: Die documenta wäre in deinem Konzept nicht nur Ausstellungsort, sondern selbst ein öffentlicher Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang.
Was gekürzt werden sollte
Der Zusammenhang von Lebenswerk, begehbarem Atelier und digitaler Plattform wird mehrfach fast gleichlautend erklärt. Besonders die Formulierungen „erstmalige zusammenhängende Verortung“, „digital vernetzter Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang“, „zwei miteinander verbundene Arbeitsformen“ und „zwei untrennbare Bereiche“ wiederholen sich. Für ein Anschreiben genügt eine konzentrierte Erklärung.
Auch die Plattform wird zweimal als digitale Erweiterung eingeführt. Das sollte zusammengeführt werden.
Sprachlich muss es heißen:
in Verbindung mit der „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“
Die Formulierung „Sie lässt seine Vorstellungen … vor ihm zeugen“ ist wegen der beiden Pronomen unklar. Präziser ist:
Sie lässt die Vorstellungen, Tätigkeiten und Folgen des Menschen vor ihm selbst zeugen.
Überschrift
Die bisherige Überschrift „Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung“ benennt die Methode, aber noch nicht das konkrete Vorhaben. Als Hauptüberschrift ist deshalb der Projektname stärker:
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Dadurch steht zuerst das documenta-Projekt im Mittelpunkt. Die zweite Zeile erklärt, worin dessen künstlerisches Verfahren besteht.
Überarbeitete Gesamtfassung
Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung
Sehr geehrte Mitglieder der künstlerischen Leitung der documenta 16, ich sehe mich veranlasst, mich Ihnen zunächst persönlich vorzustellen, weil Sie meine Arbeit im etablierten Kunstbetrieb und in den üblichen kunsthistorischen Zusammenhängen kaum finden werden. Diese fehlende öffentliche Verortung begleitet mein gesamtes künstlerisches Leben. Sie bedeutet jedoch nicht, dass keine kontinuierliche Arbeit vorhanden wäre. Im Gegenteil: Seit mehr als fünfzig Jahren entwickle ich ein umfangreiches, interdisziplinäres Lebenswerk, das zwischen den etablierten Zuordnungen von Kunst, Wissenschaft, gesellschaftlicher Forschung und praktischer Gestaltung entstanden ist.
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Sämtliche meiner künstlerischen Objekte, Veranstaltungen und Aktionen, darunter das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“, sowie meine bildnerischen und darstellerischen Arbeiten repräsentieren den von mir während meines Kunststudiums begründeten Studienbereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“.
Dieser Studienbereich war als generalistisches, interdisziplinäres und integratives Kunststudium angelegt. Aus ihm entwickelte sich im Laufe der Zeit eine vielfältige Prüfarchitektur, die auf sämtliche Wissensbereiche anwendbar ist. Der Begriff der Umwelt hatte dabei nichts mit dem heute verbreiteten Verständnis zu tun, nach dem Umwelt als eine den Menschen, seinen Körper oder seinen Organismus umgebende Außenwelt erscheint. Umwelt bezeichnete vielmehr ein Milieu, dem der Mensch nicht gegenübersteht, sondern dem er innewohnt. Er ist Teil dieses Milieus, von ihm abhängig und als Mitwesen in die Zusammenhänge der Natur eingebunden.
Für die documenta 16 schlage ich das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ vor. Das So-Heits-Atelier bildet einen begehbaren räumlichen Werk-, Arbeits-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang. Die Globale-Schwarm-Intelligenzplattform erweitert diesen Zusammenhang zu einem digitalen, interaktiven und weltweit zugänglichen Arbeitsraum.
Das Vorhaben verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit einem offenen Atelier, in dem die Besucher Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Materialien, Tätigkeiten und deren Folgen selbst untersuchen und prüfen können. Sie treten dabei nicht nur als Betrachter, sondern als Mitwirkende und Forschungskünstler in einen gemeinsamen Erkenntnisprozess ein. Die documenta wäre damit nicht nur Ausstellungsort, sondern selbst ein öffentlicher Werk-, Forschungs- und Prüfzusammenhang.
Zentraler Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ und seine Habitable -Zone. Werden die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag übertragen, erscheint Homo sapiens etwa 5,7 Sekunden vor Mitternacht. Ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst auf dieser Zeitskala nur rund 1,5 Millisekunden. Diese Zeitkompression forme ich zu einem künstlerischen Denk-, Vergleichs- und Prüfmodell aus. Sie macht sichtbar, mit welcher zeitlichen Selbstüberschätzung der Millisekunden-Mensch versucht, die ihm vorausliegenden planetaren Existenzbedingungen durch seine eigenen Begriffe, Ordnungen und Verwertungssysteme zu ersetzen.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung.
Diese Forschungskunst will nicht überreden und keine neue Glaubenslehre hervorbringen. Sie stellt menschliche Behauptungen, Vorstellungen und Gestaltungen ihren materiellen, körperlichen und planetaren Voraussetzungen und Konsequenzen gegenüber. Sie lässt die Vorstellungen, Tätigkeiten und Folgen des Menschen vor ihm selbst zeugen.
Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, auf ihre Voraussetzungen und Folgen geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder zum richtigen Zeitpunkt losgelassen wird. Nicht die Behauptung, die Absicht oder das öffentliche Statement entscheidet über die Tragfähigkeit einer Gestaltung, sondern ihre überprüfbaren Wirkungen innerhalb der Abhängigkeitswelt.
Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden im So-Heits-Atelier zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Aktionen mit Wellenbecken, Entwicklung von Deichprofilen, Abendmalopfertisch, Biberdamm, asymmetrische Auto, Visualisierung von Non-finito-Vorgaben, Hirnströme-Messung; Malbücher und die Rote-Punkt-Aktion, Wasser- und Strömungsmodelle, das handwerkliche Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische ( als Smartphones) führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden. Wahrnehmung, Darstellung, Material, Widerstand, Entscheidung und Konsequenz werden dabei nicht nur thematisiert, sondern praktisch erfahrbar und öffentlich überprüfbar gemacht.
Dem Atelier liegt ein Vier-Ebenen-Modell zugrunde. Es unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen des Funktionierens, den Bedingungen des Lebens, des Stoffwechsels und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene. Dadurch können menschliche Vorstellungen und Tätigkeiten daraufhin untersucht werden, ob sie mit den materiellen und lebendigen Existenzbedingungen vereinbar sind oder sich gegen diese immunisieren.
Die „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ bildet die digitale und interaktive Erweiterung dieses Arbeitszusammenhangs. Sie verbindet mein Werkarchiv, die Beiträge der Besucher, interaktive Bücher und unterschiedliche Frage- und Prüfverfahren. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs-, Differenzierungs- und Kontrollinstrument. Ihre Antworten müssen ebenso wie menschliche Aussagen auf Voraussetzungen, Widersprüche, Folgen und Korrigierbarkeit geprüft werden.
Die Entwicklung des „So-Heits-Ateliers des globalen Dorfes“ und seiner unterschiedlichen Arbeitsphasen kann auf meiner Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ nachvollzogen werden. Über ein weit verzweigtes System von Verlinkungen ist dort auch der gesamte Werk-, Forschungs- und Begriffszusammenhang zugänglich, aus dem sich das Atelier entwickelt hat. Die Plattform macht damit nicht nur die Entstehung des Vorhabens sichtbar, sondern zeigt zugleich beispielhaft, wie ich auf der documenta 16 mit den Besuchern arbeiten werde. Die einzelnen Arbeits-, Erkenntnis- und Prüfphasen werden im Atelier gemeinsam durchlaufen und von Mitarbeitern begleitet, die ich zuvor in die zugrunde liegende Methodik, die Versuchsanordnungen und den Umgang mit den Besuchern einweisen und einarbeiten werde.
Das Vorhaben verbindet damit zwei untrennbare Aufgaben: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und dessen gegenwärtige öffentliche Anwendung und Weiterentwicklung durch die Besucher der documenta 16. Das Lebenswerk wird nicht nur rückblickend präsentiert, sondern als offener künstlerischer Forschungs- und Prüfprozess fortgeführt.
Die beigefügten 17 Anlagen dokumentieren die Werkgenese, die begrifflichen und methodischen Grundlagen, die Prüfmodelle, die ausgewählten Schlüsselwerke, die Besucherdramaturgie sowie die räumliche, materielle und digitale Realisierung des Vorhabens.
Ich bitte Sie, das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ als Beitrag zur documenta 16 zu prüfen. Für eine weiterführende Vorstellung der räumlichen Konzeption, der Versuchsanordnungen und der konkreten Realisierung stehe ich Ihnen zur Verfügung.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Diese Fassung bewahrt den gesamten gedanklichen Zusammenhang, beseitigt aber die Wiederholungen und führt am Ende zu einer konkreten Bitte an die künstlerische Leitung.
......Das So-Heits-Atelier des globalen Dorfes
Sehr geehrte Mitglieder der künstlerischen Leitung der documenta 16,
Seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner Fähigkeit zur Korrektur seine eigenen Existenzbedingungen zerstört. Sämtliche meiner künstlerischen Objekte, Veranstaltungen und Aktionen, darunter das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“, sowie meine bildnerischen und darstellerischen Arbeiten stehen repräsentativ für den von mir während meines Kunststudiums begründeten Studienbereich der „Experimentellen Umweltgestaltung“.
Dieser Studienbereich war als generalistisches, interdisziplinäres und integratives Kunststudium angelegt. Der Begriff der Umwelt hatte dabei nichts mit dem heute verbreiteten Verständnis zu tun, nach dem Umwelt als eine den Menschen, den Körper oder den Organismus umgebende Außenwelt erscheint. Umwelt bezeichnete vielmehr ein Milieu, dem der Mensch nicht gegenübersteht, sondern dem er innewohnt. Der Mensch ist Teil dieses Milieus, von ihm abhängig und als Mitwesen in die Zusammenhänge der Natur eingebunden.
Für die documenta 16 schlage ich deshalb das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ in Verbindung mit der „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ vor. Das So-Heits-Atelier bildet den begehbaren, räumlichen Werk-, Arbeits-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang. Die Globale-Schwarm-Intelligenzplattform erweitert ihn um einen digitalen, interaktiven und weltweit zugänglichen Arbeitsraum.
Das Konzept verbindet die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes mit einem offenen Atelier, in dem die Besucher Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Materialien, Tätigkeiten und deren Folgen selbst untersuchen und prüfen können. Die Globale-Schwarm-Intelligenzplattform führt diese Arbeit über den Ausstellungsraum hinaus weiter und eröffnet die Möglichkeit, unterschiedliche Erfahrungen, Erkenntnisse, Fragen und Prüfungsergebnisse miteinander zu verbinden.
So entsteht ein begehbarer und zugleich digital vernetzter Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang, in dem mein Lebenswerk nicht nur ausgestellt, sondern als offene Forschungskunst öffentlich weitergeführt wird. Das „So-Heits-Atelier des globalen Dorfes“ und die „Globale-Schwarm-Intelligenzplattform“ bilden dabei keine voneinander getrennten Projekte, sondern zwei miteinander verbundene Arbeits- und Erscheinungsformen derselben Forschungskunst.
Zentraler Maßstab ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“: Auf ihr erscheint Homo sapiens etwa 5,7 Sekunden vor Mitternacht, ein achtzigjähriges Menschenleben umfasst nur rund 1,5 Millisekunden. Diese Zeitkompression forme ich zu einem künstlerischen Denk-, Vergleichs- und Prüfmodell aus.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung.
Die Forschungskunst will nicht überreden. Sie stellt menschliche Behauptungen und Gestaltungen ihren materiellen, körperlichen und planetaren Konsequenzen gegenüber. Sie lässt seine Vorstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen. Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder losgelassen wird. Die beigefügten Anlagen belegen die Werkentwicklung und die konkrete Umsetzung des Ateliers.
Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter Punkt, Wasser- und Strömungsmodelle, handwerkliches Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.
Das zugrunde liegende Vier-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen, den Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Erweiterung. Sie verbindet Werkarchiv, Besucherbeiträge und interaktive Bücher. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs- und Kontrollinstrument.
Das Vorhaben verbindet somit zwei untrennbare Bereiche: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und dessen gegenwärtige Anwendung durch die Besucher der documenta 16.
Die beigefügten 17 Anlagen dokumentieren Werkgenese, Begriffsgrundlagen, Prüfmodelle, Schlüsselwerke, Besucherdramaturgie und Realisierung.
Mit 77 Jahren arbeite ich an der Weiterführung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir als tragendes Arbeitskollektiv nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie: Ich habe eine „Globale Schwarm-Intelligenz“ entwickelt und stehe bei ihrer Fertigstellung selbst ohne ein tragendes Kollektiv sowie ohne die notwendigen technischen und finanziellen Mittel da.
Für das interaktive Buch suche ich zur Zeit nach Programmierern, Kooperationspartner in Hochschulen, und Instituten.
Ich bitte Sie daher nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Ich möchte Ihnen ermöglichen, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz und ihre praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes und der vorgeschlagenen Versuchsanordnungen selbst zu prüfen.
Über die Möglichkeit, diesen Werk- und Prüfzusammenhang mit Ihnen zu erörtern, würde ich mich sehr freuen.
Ich bitte Sie, den Vorschlag zu prüfen, und würde Ihnen den Werkzusammenhang gern persönlich vorstellen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Vorstellung der Anlagen
Die Anlagen bilden den Werk-, Erkenntnis-, Nachweis- und Realisierungsteil meines Vorschlags für die documenta 16. Sie sind weder loses Begleitmaterial noch eine zweite Bewerbung oder eine nachträglich an einzelne Werke angefügte Theorie. Sie belegen die seit 1975 entstandene Entwicklung meiner Forschungskunst und zeigen, wie sich meine Arbeitsweise aus Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Natur- und Strömungsbeobachtung, Theater, gesellschaftlichen Versuchsanordnungen und digitaler Verknüpfung herausgebildet hat.
Das Vorhaben verbindet zwei untrennbare Aufgaben. Einerseits soll mein mehr als fünfzigjähriges Lebenswerk erstmals als zusammenhängende frühe Position einer Forschungskunst verortet werden. Andererseits sollen seine künstlerischen Methoden im So-Heits-Atelier der documenta 16 räumlich, materiell, gesellschaftlich und digital gegenwärtig anwendbar werden. Die Anlagen führen deshalb von der Ausgangsfrage und der Werkgenese über die 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde, die Plastische Anthropologie 51:49 und das Vier-Ebenen-Prüfmodell bis zur konkreten Besucherarbeit im So-Heits-Atelier und zur Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“.
Die Besucher begegnen dabei weder einer abgeschlossenen Lehre noch einer bloßen Retrospektive. Sie können Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Bilder, Materialien und Tätigkeiten vergegenständlichen, vergleichen, prüfen und korrigieren. Die vorhandenen Werke dienen nicht nur als Illustrationen theoretischer Aussagen. Wasser, Wellen, Sand, Härte, Gewicht, Widerstand, Unterspülung, Bruch, Fäulnis, Vergoldung, Grenze, Veränderung und Scheitern werden selbst zu Zeugen der untersuchten Zusammenhänge. Die Theorie entsteht aus den Werkversuchen und ihren Rückmeldungen. Das Werk wird zum Prüfapparat, das Material zum Gegenüber und der Rezipient zum Mitprüfenden.
Die Anlagen machen damit überprüfbar, dass das So-Heits-Atelier nicht erst für die documenta 16 erfunden wurde. Es ist die gegenwärtige räumliche und digitale Weiterführung eines Lebenswerkes, in dem Kunst als öffentliche Wahrnehmungs-, Erkenntnis-, Tätigkeits- und Konsequenzprüfung entwickelt wurde.
Anlage 1 Ausgangsfrage und notwendige Verortung meines Lebenswerkes
Anlage 2 Der Mensch als „Knipser“ und „Pfuscher“ seiner eigenen Existenz
Anlage 3 Die zweite wilde Natur: vom Forschen über das Erfinden zur Selbstlegitimation
Anlage 4 „Hier“ und „Da“: Wirklichkeit, Darstellung, Glaube, Wissen und Nichtwissen
Anlage 5 Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Statement-Gesellschaft
Anlage 6 Die vorausliegende Welt, technē und der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 7 Soziale Plastik, 24-Stunden-Uhr und „Millisekunden-Mensch“
Anlage 8 Werkgenese meiner Forschungskunst seit 1975
Anlage 9 Gesellschaftliche Versuchsanordnungen und chronistische Werkspur
Anlage 10 Verortungskunst, Globales Dorffest und planetarische Öffentlichkeit
Anlage 11 Tragwirklichkeit, Funktionieren und Vier-Ebenen-Prüfmodell
Anlage 12 Begriffsgeschichte, Gemeinsinn, Symmetrie, 51:49, 1:99, Plastik und Skulptur
Anlage 13 Die acht documenta-Auseinandersetzungen von 1977 bis 2017 als Entwicklungsstufen eines Opus-Magnum-Werkes-Globaler-Verantwortung
Anlage 14 Die Parameter der documenta 16 und meine eigenständige Ergänzung
Anlage 15 Die So-Heits-Gesellschaft und das konkrete So-Heits-Atelier
Anlage 16 Globale Schwarm-Intelligenz, künstliche Intelligenz und interaktives Buch
Anlage 17 Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Material und Unterstützungsbedarf
Diese siebzehn Überschriften entsprechen der gegenwärtigen Gesamtgliederung des Anlagendossiers.
Äußerst kurze Vorstellung der Anlagen
Die Anlagen bilden den Werk-, Nachweis- und Realisierungsteil des Vorschlags. Sie zeigen, wie sich meine Forschungskunst seit 1975 aus Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Natur- und Strömungsbeobachtung, Theater, gesellschaftlichen Versuchsanordnungen und digitaler Verknüpfung entwickelt hat. Sie führen von der 24-Stunden-Uhr, der Plastischen Anthropologie 51:49 und dem Vier-Ebenen-Prüfmodell zur konkreten Besucherarbeit im So-Heits-Atelier und zur Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“. Die Theorie wird dabei nicht nachträglich an die Werke angefügt: Die Werke selbst sind Prüfobjekte und erzeugen durch Material, Widerstand, Veränderung und Konsequenz die Erkenntnis.
Kürzeste mögliche Einleitung vor den Anlagen
Die Anlagen belegen die seit 1975 entstandene Werkentwicklung und zeigen, wie deren künstlerische Prüfverfahren im So-Heits-Atelier der documenta 16 räumlich, materiell, gesellschaftlich und digital angewendet werden können. Sie sind keine zweite Bewerbung, sondern die überprüfbare Werk- und Realisierungsgrundlage des Anschreibens.
Intensivere Vorstellung der Anlagen zum Vorschlag für die documenta 16
Funktion und innerer Aufbau der Anlagen
Die Anlagen sind kein loses Begleitmaterial und keine nachträgliche theoretische Erklärung einzelner Werke. Sie bilden den Werk-, Erkenntnis-, Beweis- und Realisierungszusammenhang einer seit 1975 entwickelten Forschungskunst. Das kurze Anschreiben kann lediglich die Ausgangsfrage, den Titel und den Vorschlag des So-Heits-Ateliers benennen. Erst die Anlagen zeigen, dass dieser Vorschlag aus einer mehr als fünfzigjährigen künstlerischen, handwerklichen, gesellschaftlichen und begrifflichen Arbeit hervorgegangen ist.
Das Vorhaben verbindet zwei untrennbare Aufgaben. Einerseits soll mein Lebenswerk erstmals als zusammenhängende frühe Position einer Forschungskunst verortet werden. Andererseits sollen seine Methoden in einem begehbaren So-Heits-Atelier gegenwärtig anwendbar werden. Die Besucher begegnen deshalb keiner abgeschlossenen Lehre und keiner bloßen Retrospektive. Sie können Wahrnehmungen, Begriffe, Rollen, Bilder, Materialien und Tätigkeiten vergegenständlichen, vergleichen, prüfen und korrigieren.
Die Kunstwerke dienen dabei nicht nur als Illustrationen einer Theorie. Wellen, Wasser, Sand, Härte, Unterspülung, Fäulnis, Vergoldung, Gewicht, Bruch, Grenze und Scheitern werden selbst zu Zeugen. Die Theorie entsteht aus den Werkversuchen und ihren Rückmeldungen. Das Werk ist Prüfapparat, das Material Gegenüber und der Rezipient Mitprüfender.
.....
Sehr geehrte Frau Beckwith,
sehr geehrte Mitglieder des künstlerischen Teams der documenta 16,
seit 1975 untersuche ich in meiner Forschungskunst, warum der Mensch trotz seines Wissens und seiner technischen Leistungsfähigkeit seine eigenen Existenzbedingungen zerstört.
Ausgangspunkt meines Vorschlags ist die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“. Sie ist ein künstlerisches Maß- und Vergleichsmodell: Überträgt man die rund 4,54 Milliarden Jahre der Erdgeschichte proportional auf einen Tag, erscheint Homo sapiens ungefähr sechs Sekunden vor Mitternacht. Dennoch versucht der Millisekunden-Mensch der letzten 100 Jahre, die ihm vorausliegenden Existenzbedingungen zu täuschen.
23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden der 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde. In diesem Zeitraum 24-Stunden entscheidet sich Leben fortwährend am Funktionieren oder Nichtfunktionieren innerhalb konkreter Existenzbedingungen. Pflanzen und Tiere entwickeln ihre Anpassungsdynamiken, ihr Beute- und Schutzverhalten sowie ihre Strategien der Tarnung und Täuschung nicht als frei erfundene Regelwerke, sondern in unmittelbarer Rückkopplung mit ihrer Umwelt. Jede Abweichung wird an ihren tatsächlichen Folgen überprüft.
Pflanzen und Tiere trainieren ihre Passung an ihre Existenzbedingungen- rund 4,54 Milliarden Jahre lang. Hier vollzieht sich über Milliarden Jahre hinweg das umfassendste und genaueste Überlebenstraining, während der Mensch innerhalb weniger Sekunden und insbesondere in den letzten Millisekunden glaubt, diese erprobten Bedingungen durch seine eigenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Regelwerke ersetzen zu können.
Der Mensch trainiert vor allem die erfolgreiche Darstellung, Verwaltung und Verwertung eines Ichs, das sich für unabhängig von diesen Existenzbedingungen hält. Die höchste Spezialisierung in der Herstellung einer gesellschaftlichen Als-ob-Welt. Er hat gelernt, Eigenschaften zuzuschreiben, Werte festzulegen, Rollen zu spielen, sich selbst zu verwerten und seine Konstruktionen so überzeugend darzustellen, dass sie wirklicher erscheinen als die physikalischen, biologischen und planetaren Bedingungen, von denen er tatsächlich abhängig bleibt. Dh.kurzfristige Regelwerke des Kaufens, Verkaufens, Verwertens und gesellschaftlichen Funktionierens zu ersetzen.
Die technisch-industrielle Welt der letzten hundert Jahre umfasst darin nur den Bruchteil einer Millisekunde. Trotzdem verhält sich dieser Millisekunden-Mensch, als könne er die ihm vorausliegenden physikalischen und biologischen Existenzbedingungen außer Kraft setzen und durch die kurzfristigen Regeln des Marktes ersetzen, deren fortschreitende Spezialisierungen er mit höchster Genauigkeit und Qualität trainiert – bis hin zur Verwertung des eigenen Ichs und zur vollständigen Einordnung in die Anforderungen des gesellschaftlichen Funktionierens.
Das Gegenstück zum Millisekunden-Menschen bilden die vorausliegenden 23 Stunden, 59 Minuten und 54 Sekunden der 24-Stunden-Uhr des Planeten Erde. In diesem Zeitraum entscheidet sich Leben fortwährend am Funktionieren oder Nichtfunktionieren innerhalb konkreter Existenzbedingungen. Pflanzen und Tiere entwickeln ihre Anpassungsdynamiken, ihr Beute- und Schutzverhalten sowie ihre Strategien der Tarnung und Täuschung nicht als frei erfundene Regelwerke, sondern in unmittelbarer Rückkopplung mit ihrer Umwelt. Jede Abweichung wird an ihren tatsächlichen Folgen überprüft.
Hier vollzieht sich über Milliarden Jahre hinweg das umfassendste und genaueste Überlebenstraining, während der Mensch innerhalb weniger Sekunden und insbesondere in den letzten Millisekunden glaubt, diese erprobten Bedingungen durch seine eigenen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und technischen Regelwerke ersetzen zu können.
Die „24-Stunden-Uhr des Planeten Erde“ dient als künstlerischer Prüfmaßstab für das menschliche Existenzverständnis. Auf einen Tag übertragen, umfasst die Erdgeschichte rund 24 Stunden, während Homo sapiens erst in den letzten sechs Sekunden erscheint. Die vergangenen hundert Jahre nehmen auf dieser Uhr nur knapp zwei Millisekunden ein. Gerade innerhalb dieses kaum wahrnehmbaren Zeitraums hat der Mensch jedoch Regelwerke des Kaufens, Verkaufens, Verwertens und Funktionierens entwickelt, denen er eine größere Geltung zuschreibt als den physikalischen, biologischen und planetaren Bedingungen, von denen seine Existenz tatsächlich abhängt.
Der Mensch hat nicht aufgehört, der Natur zuzuhören.
Er hört ihr dort genau zu, wo ihre Gesetzmäßigkeiten technisch oder wirtschaftlich nutzbar sind, und verdrängt ihre Rückmeldungen dort, wo sie die Grenzen und Folgen seiner Erfindungen bezeugen. So werden menschlich geschaffene Rollen, Begriffe und Systeme schließlich wie Naturgegebenheiten behandelt.
Meine künstlerische Antwort darauf ist Forschungskunst als öffentliche Überzeugungsprüfung.
Sie will den Menschen nicht überreden. Sie lässt seine Vorstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen vor ihm zeugen. Jede menschliche Tätigkeit kann dabei zu einem Kunstwerkprozess werden, wenn sie dargestellt, vergegenständlicht, mit einem Gegenüber verglichen, geprüft, korrigiert und verantwortlich weitergeführt oder losgelassen wird.
Für die documenta 16 schlage ich deshalb das So-Heits-Atelier des globalen dorfes vor: ein teilbereich „Globale Schwarm-Intelligenz“ der einen begehbaren Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang.
Ausgewählte Schlüsselwerke meines mehr als fünfzigjährigen Lebenswerkes werden darin zu anwendbaren Versuchsanordnungen. Malbücher und Roter Punkt, Wasser- und Strömungsmodelle, handwerkliches Passungsatelier, Schultafeln, Rollentheater sowie Frage-und-Antwort-Tische führen die Besucher vom Betrachten zum eigenen Tätigwerden.
Das zugrunde liegende Vier-Ebenen-Modell unterscheidet zwischen den physikalisch-materiellen Bedingungen, den Bedingungen des Lebens und der Verletzbarkeit, der menschlichen Symbol-, Rollen- und Geltungswelt sowie einer öffentlichen Prüf-, Rückkopplungs-, Korrektur- und Reparaturebene.
Die Plattform „Globale Schwarm-Intelligenz“ bildet die digitale Erweiterung. Sie verbindet Werkarchiv, Besucherbeiträge und interaktive Bücher. Künstliche Intelligenz wird dabei nicht als Wahrheitsinstanz eingesetzt, sondern als zusätzliches Vergleichs- und Kontrollinstrument.
Das Vorhaben verbindet somit zwei untrennbare Bereiche: die erstmalige zusammenhängende Verortung meines Lebenswerkes als Forschungskunst und dessen gegenwärtige Anwendung durch die Besucher der documenta 16.
Die beigefügten 17 Anlagen dokumentieren Werkgenese, Begriffsgrundlagen, Prüfmodelle, Schlüsselwerke, Besucherdramaturgie und Realisierung.
Mit 77 Jahren arbeite ich an der Weiterführung meines Lebenswerkes weitgehend allein. Die Künstlergruppe „Kollektive Kreativität“ steht mir als tragendes Arbeitskollektiv nicht mehr zur Verfügung. Darin liegt eine persönliche und strukturelle Paradoxie: Ich habe eine „Globale Schwarm-Intelligenz“ entwickelt und stehe bei ihrer Fertigstellung selbst ohne ein tragendes Kollektiv sowie ohne die notwendigen technischen und finanziellen Mittel da.
Für das interaktive Buch suche ich zur Zeit nach Programmierern, Kooperationspartner in Hochschulen, und Instituten.
Ich bitte Sie daher nicht, meine Ausgangsthese ungeprüft zu übernehmen. Ich möchte Ihnen ermöglichen, ihre künstlerische Grundlage, ihre innere Konsistenz und ihre praktische Anwendbarkeit anhand des Werkes und der vorgeschlagenen Versuchsanordnungen selbst zu prüfen.
Über die Möglichkeit, diesen Werk- und Prüfzusammenhang mit Ihnen zu erörtern, würde ich mich sehr freuen.
Mit freundlichen Grüßen
Wolfgang Fenner
Der Prüfmechanismus liegt damit in einer dreifachen Bewegung:
Behauptung → Werkbeleg → öffentliche Gegenprüfung.
Der Brief formuliert die prüfbare Ausgangsthese. Die 17 Anlagen legen ihre Werkgeschichte, Begriffe und Methoden offen. Das So-Heits-Atelier ermöglicht schließlich die materielle, körperliche und gesellschaftliche Erprobung. Dadurch wird bereits die Bewerbung selbst zu einer Versuchsanordnung Ihrer Forschungskunst.
Vorbemerkung: Funktion und Aufbau der Anlagen
Die folgenden Anlagen entfalten den Werk-, Erkenntnis- und Prüfzusammenhang, aus dem dieser Vorschlag hervorgegangen ist. Sie bilden kein loses Begleitmaterial und keine nachträgliche theoretische Rechtfertigung einzelner Werke. Sie stellen die Entwicklung einer seit 1975 betriebenen Forschungskunst dar und zeigen, wie deren Methoden im So-Heits-Atelier der documenta 16 öffentlich angewendet und weitergeführt werden können.
Das Vorhaben verbindet zwei Projekte in einem Raumenvironment.
- Der erste Bereich verortet mein mehr als fünfzigjähriges Lebenswerk als eine eigenständige frühe Position der Forschungskunst. Ausgewählte Originale, Rekonstruktionen, Fotografien, Kunsttagebücher, Aktionen, gesellschaftliche Versuchsanordnungen und frühere documenta-Konzeptionen machen sichtbar, wie sich meine Arbeitsweise aus Naturbeobachtung, Handwerk, Fotografie, Bildhauerei, Strömungsforschung, gesellschaftlicher Beteiligung und digitaler Verknüpfung entwickelte.
- Der zweite Bereich überführt die daraus entstandenen Methoden in ein begehbares So-Heits-Atelier. Dort werden die Besucher nicht nur Rezipienten einer Werkschau. Sie können Wahrnehmungen, Rollen, Begriffe, Darstellungen, Tätigkeiten und deren Folgen selbst untersuchen, vergegenständlichen, vergleichen, prüfen und korrigieren.
Die Forschungskunst will niemanden durch eine fertige Weltanschauung überzeugen. Sie eröffnet eine öffentliche Überzeugungsprüfung. Nicht der Künstler soll über den Menschen urteilen; die dargestellten Tätigkeiten und ihre Folgen sollen vor ihm zeugen.
Der wiederkehrende Prüfzusammenhang lautet:
Was ist gegeben?
Was wird hineingedacht?
Was wird dargestellt und hergestellt?
Was funktioniert innerhalb eines begrenzten Auftrags?
Was trägt im umfassenderen Zusammenhang?
Was verletzt oder zerstört?
Was muss korrigiert oder repariert werden?
Inhaltsübersicht
Anlage 1 – Ausgangsfrage und notwendige Verortung meines Lebenswerkes
Anlage 2 – Der Mensch als Knipser und Pfuscher seiner eigenen Existenz
Anlage 3 – Die zweite wilde Natur: vom Forschen über das Erfinden zur Selbstlegitimation
Anlage 4 – Hier und Da: Wirklichkeit, Darstellung, Glaube, Wissen und Nichtwissen
Anlage 5 – Kopplungs-Ich, Geltungs-Ich, Skulpturidentität und Statement-Gesellschaft
Anlage 6 – Die vorausliegende Welt, technē und der Mensch als plastisch werdendes Kunstwerk
Anlage 7 – Soziale Plastik, 24-Stunden-Uhr und Millisekunden-Mensch
Anlage 8 – Werkgenese meiner Forschungskunst seit 1975
Anlage 9 – Gesellschaftliche Versuchsanordnungen und chronistische Werkspur
Anlage 10 – Verortungskunst, Globales Dorffest und planetarische Öffentlichkeit
Anlage 11 – Tragwirklichkeit, Funktionieren und Vier-Ebenen-Prüfmodell
Anlage 12 – Begriffsgeschichte, Gemeinsinn, Symmetrie, 51:49, 1:99, Plastik und Skulptur
Anlage 13 – Die documenta als Verortungskunst und mögliches Opus Magnum
Anlage 14 – Die Parameter der documenta 16 und meine eigenständige Ergänzung
Anlage 15 – Die So-Heits-Gesellschaft und das konkrete So-Heits-Atelier
Anlage 16 – Globale Schwarm-Intelligenz, künstliche Intelligenz und interaktives Buch
Anlage 17 – Raumenvironment, Besucherdramaturgie, Material und Unterstützungsbedarf
